Wech­sel­schicht­zu­la­ge im feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst

Nach § 47 Nr. 2 Abs. 1 Satz 2 TV‑L iVm. § 15 Abs. 1 Anglei­chungs-TV Ber­lin gel­ten für Beschäf­tig­te im feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst hin­sicht­lich der Arbeits­zeit und des Ent­gelts die Bestim­mun­gen für die ent­spre­chen­den Beam­ten. Nach § 20 Abs. 1 EZulV/​BEZulV erhal­ten Beam­te eine Wech­sel­schicht­zu­la­ge von 102, 26 Euro monat­lich, wenn sie stän­dig nach einem Schicht­plan (Dienst­plan) ein­ge­setzt sind, der einen regel­mä­ßi­gen Wech­sel der täg­li­chen Arbeits­zeit in Wech­sel­schich­ten (wech­seln­de Arbeits­schich­ten, in denen unun­ter­bro­chen bei Tag und Nacht, werk­tags, sonn­tags und fei­er­tags gear­bei­tet wird) vor­sieht, und sie dabei in je fünf Wochen durch­schnitt­lich min­des­tens 40 Dienst­stun­den ent­we­der dienst­plan­mä­ßi­ge oder betriebs­üb­li­che Nacht­schicht leis­ten. Nach § 20 Abs. 1 Satz 2 EZulV/​BEZulV gel­ten Zei­ten eines Bereit­schafts­diens­tes nicht als Arbeits­zeit im Sin­ne der Vor­schrift.

Wech­sel­schicht­zu­la­ge im feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst

Nach dem tarif­li­chen Ver­ständ­nis von Wech­sel­schicht­ar­beit (§ 7 Abs. 1 Satz 2 TV‑L) fehlt es an dem Merk­mal der unun­ter­bro­che­nen Arbeit von 24 Stun­den, wenn bei­spiels­wei­se an Sonn- und Fei­er­ta­gen kei­ne Schicht­ar­beit anfällt oder die täg­li­che Arbeit, sei es auch in gering­fü­gi­ger Form, unter­bro­chen wird. Eine Unter­bre­chung der Arbeit liegt dabei nicht nur bei völ­li­ger Arbeits­ru­he, son­dern auch dann vor, wenn Bereit­schafts­dienst für alle Beschäf­tig­ten des Arbeits­be­reichs, in dem der Arbeit­neh­mer tätig ist, ange­ord­net ist 1.

§ 20 Abs. 1 EZulV/​BEZulV folgt die­sem tarif­li­chen Ver­ständ­nis von Wech­sel­schicht­ar­beit; nach § 20 Abs. 1 Satz 2 EZulV/​BEZulV gel­ten Zei­ten eines Bereit­schafts­diens­tes nicht als Arbeits­zeit im Sin­ne der Vor­schrift. Die Ver­ord­nungs­ge­ber haben klar­ge­stellt, dass die Wech­sel­schicht­zu­la­ge Beam­ten, deren nach Dienst­plan zu leis­ten­de Dienst­zeit auch Bereit­schafts­diens­te und Ruhe­zei­ten ent­hält, nicht zusteht, da die Belas­tung gerin­ger ist als in den Fäl­len, in denen bei wech­seln­dem Beginn der Dienst­schich­ten unun­ter­bro­chen gear­bei­tet wer­den muss 2.

Die Geschäfts­an­wei­sung GS-Nr. 15/​2007 weist für alle Beschäf­tig­ten im Ein­satz­dienst der Berufs­feu­er­wehr ein­heit­lich von 08:30 Uhr bis 09:15 Uhr, von 12:00 Uhr bis 15:00 Uhr, von 20:00 Uhr bis 20:45 Uhr sowie von 22:00 Uhr bis 06:15 Uhr Bereit­schafts­dienst aus. Selbst wenn die als Bereit­schafts­dienst dekla­rier­ten arbeits­zeit­recht­lich vor­ge­schrie­be­nen Pau­sen gemäß § 4 Abs. 2 der Ber­li­ner Arbeits­zeit­ver­ord­nung (AZVO) idF vom 16.02.2005 3 das Vor­lie­gen von Wech­sel­schicht­ar­beit nicht aus­schlie­ßen, so bewirkt jeden­falls der Bereit­schafts­dienst von 22:00 Uhr bis 06:15 Uhr, dass nicht unun­ter­bro­chen Voll­ar­beit geleis­tet wird und des­halb kein Anspruch auf Zah­lung der Wech­sel­schicht­zu­la­ge besteht.

Die Anord­nung von Bereit­schafts­dienst im Streit­zeit­raum ist recht­mä­ßig erfolgt. Der für die anspruchs­be­grün­den­den Vor­aus­set­zun­gen dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­ge Klä­ger hat, wie die Vor­in­stan­zen zutref­fend erkannt haben, nicht dar­ge­legt, dass Bereit­schafts­dienst ange­ord­net wur­de, obwohl des­sen Vor­aus­set­zun­gen nicht vor­ge­le­gen haben.

Nach § 6 Abs. 2 AZVO liegt Bereit­schafts­dienst vor, wenn sich der Beam­te in sei­ner Dienst­stel­le oder an einem ande­ren von sei­ner Dienst­be­hör­de oder sei­nem Dienst­vor­ge­set­zen bestimm­ten Ort außer­halb sei­ner Häus­lich­keit auf­zu­hal­ten hat, um bei Bedarf zur Dienst­leis­tung her­an­ge­zo­gen wer­den zu kön­nen, und die Zeit­dau­er sei­ner Inan­spruch­nah­me erfah­rungs­ge­mäß durch­schnitt­lich weni­ger als 50 vom Hun­dert der Bereit­schafts­dienst­zei­ten beträgt. Bereit­schafts­dienst darf des­halb nur ange­ord­net wer­den, wenn zu erwar­ten ist, dass zwar Arbeit anfällt, erfah­rungs­ge­mäß aber die Zeit ohne Arbeits­leis­tung über­wiegt 4. Dar­in unter­schei­det er sich sei­nem Wesen nach sowohl von vol­ler Arbeits­tä­tig­keit, die vom Arbeit­neh­mer stän­di­ge Auf­merk­sam­keit und Arbeits­leis­tung ver­langt, als auch von Bereit­schafts­zei­ten, die inner­halb der regel­mä­ßi­gen wöchent­li­chen Arbeits­zeit lie­gen 5. Erfor­der­lich ist eine Pro­gno­se, dass erfah­rungs­ge­mäß Zei­ten ohne Arbeits­leis­tung über­wie­gen.

Nach der Pro­gno­se des beklag­ten Lan­des haben die Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung von Bereit­schafts­dienst vor­ge­le­gen. Hin­rei­chen­den Sach­vor­trag dafür, dass dem­ge­gen­über von über­wie­gen­der Voll­ar­beit aus­zu­ge­hen war, hat der Klä­ger nicht gebracht. Aus der Belas­tungs­ana­ly­se, die im Erhe­bungs­zeit­raum inner­halb von 24 Stun­den Voll­ar­beit zwi­schen 67, 79 % und 70, 92 % aus­weist, ergibt sich nicht, dass von über­wie­gen­der Voll­ar­beit wäh­rend des täg­li­chen ins­ge­samt ca. 12-stün­di­gen Bereit­schafts­diens­tes aus­zu­ge­hen war. Da bereits die im Dienst­plan vor­ge­se­he­ne Voll­ar­beit zu einem Anteil von 50 % pro Arbeits­tag führt, hät­te allen­falls ein Arbeits­zeit­an­teil von ins­ge­samt mehr als 75 % die Behaup­tung des Klä­gers stüt­zen kön­nen, dass wäh­rend des Bereit­schafts­diens­tes Zei­ten der Arbeits­leis­tung über­wie­gen. Auch dann wäre aber eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung der ver­schie­de­nen Bereit­schafts­dienst­zei­ten not­wen­dig gewe­sen, dazu trägt der Klä­ger nichts vor. Macht der Arbeit­neh­mer gel­tend, es sei in Zei­ten ange­ord­ne­ten Bereit­schafts­diens­tes von über­wie­gen­der Voll­ar­beit aus­zu­ge­hen, so muss er bezo­gen auf die Zei­ten des Bereit­schafts­diens­tes ent­spre­chen­den Sach­vor­trag leis­ten; eine undif­fe­ren­zier­te Gesamt­be­trach­tung unter Ein­be­zug von Zei­ten ange­ord­ne­ter Voll­ar­beit ist regel­mä­ßig uner­gie­big. Erst nach ent­spre­chen­dem Sach­vor­trag des Arbeit­neh­mers ist der Arbeit­ge­ber ver­pflich­tet, sub­stan­zi­iert zu erwi­dern und dar­zu­le­gen, aus wel­chen Grün­den er den­noch von einem Über­wie­gen der Zeit ohne Arbeits­leis­tun­gen aus­ge­hen konn­te. Dass nach Vor­trag des Klä­gers an ein­zel­nen Tagen der Anteil von Voll­ar­beit deut­lich höher war, ist uner­heb­lich; maß­geb­lich ist, ob regel­mä­ßig zu min­des­tens 50 % Voll­ar­beit anfällt.

Es ver­stößt nicht gegen Art. 3 Abs. 1 GG, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en nach § 15 Abs. 1 Anglei­chungs-TV Ber­lin iVm. § 47 Nr. 2 TV‑L Ange­stell­te im feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst den Rege­lun­gen für ver­gleich­ba­re Beam­te unter­stellt haben.

Tarif­ver­trags­par­tei­en steht es grund­sätz­lich frei, die Vor­aus­set­zun­gen für die Zah­lung von Zula­gen fest­zu­le­gen 6. Sie kön­nen ihre Rechts­set­zungs­be­fug­nis auch im Wege einer Ver­wei­sung auf Vor­schrif­ten des Beam­ten­rechts aus­üben 7, die­se Vor­schrif­ten gel­ten dann regel­mä­ßig als tarif­li­che Rechts­nor­men. Nach § 5 Abs. 1 Satz 2 Feu­er­wehrG Ber­lin vom 23.09.2003 8 gel­ten für Ange­hö­ri­ge der Berufs­feu­er­wehr die beam­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten; es ist des­halb beson­ders nahe­lie­gend, die in einem Ange­stell­ten­ver­hält­nis täti­gen Ange­hö­ri­gen der Berufs­feu­er­wehr in Bezug auf den arbeits­zeit­recht­li­chen Rah­men und damit zusam­men­hän­gen­de Zula­gen ihren beam­te­ten Kol­le­gen gleich­zu­stel­len.

Der Klä­ger ver­kennt zudem, dass er auch kei­nen tarif­li­chen Anspruch auf eine Wech­sel­schicht­zu­la­ge hät­te. Nach § 7 Abs. 1 Satz 2 TV‑L lie­gen Wech­sel­schich­ten nur vor, wenn unun­ter­bro­chen in Schich­ten gear­bei­tet wird, bei ange­ord­ne­tem Bereit­schafts­dienst besteht kein Anspruch 9. Soweit der Klä­ger die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 24.09.2008 10 her­an­zieht, ver­kennt er, dass dort Bereit­schafts­zei­ten anfie­len und nicht Bereit­schafts­dienst ange­ord­net war.

Uni­ons­recht­li­che Vor­ga­ben füh­ren eben­falls nicht zu einer Gewäh­rung der Wech­sel­schicht­zu­la­ge:

Die Arbeits­zeit­richt­li­nie 2003/​88/​EG 11 gebie­tet nicht, Bereit­schafts­dienst als zula­gen­be­grün­den­de Arbeits­zeit iSv. § 20 Abs. 1 EZulV bzw. § 8 Abs. 7, § 7 Abs. 1 TV‑L anzu­se­hen 12. Tarif­ver­trags­par­tei­en und Gesetz­ge­ber dür­fen Bereit­schafts­dienst und Voll­ar­beit unter­schied­li­chen Ver­gü­tungs­ord­nun­gen unter­wer­fen und eine unter­schied­li­che Ver­gü­tung vor­se­hen. Auch nach der jün­ge­ren Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 13 kann allen­falls im Fall der Über­schrei­tung der nach Art. 6 Buchst. b der Richt­li­nie 2003/​88/​EG zuläs­si­gen wöchent­li­chen Höchst­ar­beits­zeit ein uni­ons­recht­li­cher Ent­schä­di­gungs­an­spruch bestehen, sofern der Mit­glied­staat die Gren­zen, die sei­nem Umset­zungs­er­mes­sen gesetzt sind, offen­kun­dig und erheb­lich über­schrit­ten hat 14.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 11. Dezem­ber 2013 – 10 AZR 480/​13

  1. BAG 18.05.2011 – 10 AZR 255/​10, Rn. 13, 14 [zu § 7 Abs. 1 und § 8 Abs. 5 Satz 1 TVöD]; 20.01.2010 – 10 AZR 990/​08, Rn. 17 ff. [zu § 7 Abs. 1 TV Cha­rité][]
  2. vgl. Beschluss des Bun­des­ra­tes vom 08.05.1998, BR-Drs. 187/​98 S. 5[]
  3. GVBl. S. 114[]
  4. vgl. BAG 16.10.2013 – 10 AZR 9/​13, Rn. 22 [zu § 10 Abs. 1 Satz 2 TV-Ärz­te/​VKA][]
  5. vgl. BAG 20.01.2010 – 10 AZR 990/​08, Rn. 18[]
  6. BAG 20.01.2010 – 10 AZR 990/​08, Rn. 21[]
  7. BAG 24.02.2010 – 10 AZR 1038/​08, Rn. 22; 15.12 2005 – 6 AZR 227/​05, Rn. 16 ff., BAGE 116, 346[]
  8. GVBl. S. 457[]
  9. BAG 18.05.2011 – 10 AZR 255/​10; 20.01.2010 – 10 AZR 990/​08[]
  10. BAG 24.09.2008 – 10 AZR 669/​07, BAGE 128, 29[]
  11. Richt­li­nie 2003/​88/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 04.11.2003 über bestimm­te Aspek­te der Arbeits­zeit­ge­stal­tung, ABl.EU L 299 vom 18.11.2003 S. 9[]
  12. BAG 24.09.2008 – 10 AZR 770/​07, Rn. 34 ff., BAGE 128, 42; vgl. auch BAG 20.01.2010 – 10 AZR 990/​08, Rn. 22[]
  13. vgl. EuGH 25.11.2010 – C‑429/​09[]
  14. vgl. BVerwG 26.07.2012 – 2 C 29.11BVerw­GE 143, 381[]