Wer zahlt das Mathe­ma­tik­lehr­buch des Leh­rers?

Ein Bun­des­land als Arbeit­ge­ber und nicht die Gemein­de als Schul­trä­ge­rin ist ver­pflich­tet, einem Leh­rer den Kauf­preis für ein Schul­buch zu erstat­ten. Das Land kann sich die­ser Ver­pflich­tung nicht ent­zie­hen mit dem Hin­weis, die Auf­wen­dun­gen für den Kauf des Buchs könn­ten als Wer­bungs­kos­ten steu­er­min­dernd gel­tend gemacht wer­den. Eben­so­we­nig sind die Kos­ten für den Erwerb des Buchs durch die Ver­gü­tung des Leh­rers abge­gol­ten.

Wer zahlt das Mathe­ma­tik­lehr­buch des Leh­rers?

Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Revi­si­on des beklag­ten Lan­des abge­wie­sen, das vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen [1] dazu ver­ur­teilt wor­den war, einem Leh­rer den Kauf­preis für ein Buch zu erstat­ten. Der Klä­ger ist beim beklag­ten Land als Leh­rer ange­stellt. Er hat­te im Schul­jahr 2008/​2009 in der fünf­ten Klas­se einer Haupt­schu­le Mathe­ma­tik zu unter­rich­ten. Das beklag­te Land stell­te ihm das von der zustän­di­gen Stel­le für den Unter­richt bestimm­te Schul­buch zu Beginn des Schul­jah­res nicht zur Ver­fü­gung. Nach­dem der Klä­ger bereits im Vor­jahr das beklag­te Land erfolg­los auf­ge­for­dert hat­te, ihm ein für den Unter­richt erfor­der­li­ches Schul­buch zu über­las­sen, und der Lei­ter der Haupt­schu­le die Über­las­sung des für den Mathe­ma­tik­un­ter­richt benö­tig­ten Schul­buchs aus der Schul­bi­blio­thek abge­lehnt hat­te, kauf­te der Klä­ger das Buch selbst. Der Klä­ger, der bereit war, das Schul­buch dem beklag­ten Land zu über­eig­nen, ver­lang­te von die­sem ohne Erfolg die Erstat­tung des Kauf­prei­ses in Höhe von 14,36 Euro. Das beklag­te Land hat gemeint, die Kos­ten für Lehr­mit­tel und damit auch Schul­bü­cher habe die ört­li­che Gemein­de als Trä­ge­rin der Haupt­schu­le zu tra­gen. Der Klä­ger sol­le sich an die Gemein­de wen­den oder die Kos­ten für den Erwerb des Schul­buchs im Rah­men der Steu­er­erklä­rung gel­tend machen.

Das Arbeits­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt [1] hat auf die Beru­fung des Klä­gers das Urteil des Arbeits­ge­richts abge­än­dert und das beklag­te Land zur Erstat­tung des Kauf­prei­ses ver­ur­teilt. Das beklag­te Land hat sich dage­gen mit der Revi­si­on gewehrt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt aus­ge­führt, das beklag­te Land als Arbeit­ge­ber des Klä­gers und nicht die Gemein­de als Schul­trä­ge­rin sei ver­pflich­tet, dem Klä­ger den Kauf­preis für das Schul­buch zu erstat­ten. Mit dem Hin­weis, der Klä­ger kön­ne die Auf­wen­dun­gen für den Kauf des Buchs als Wer­bungs­kos­ten steu­er­min­dernd gel­tend machen, kön­ne das beklag­te Land sich die­ser Ver­pflich­tung nicht ent­zie­hen. Maß­ge­bend sei, dass der Klä­ger ohne das von den Schü­lern benutz­te Schul­buch nicht in der Lage war, ord­nungs­ge­mäß Mathe­ma­tik­un­ter­richt zu ertei­len. Die Kos­ten für den Erwerb des Buchs sei­en nicht durch die Ver­gü­tung des Klä­gers abge­gol­ten.

Gemäß § 670 BGB ist der Auf­trag­ge­ber zum Ersatz ver­pflich­tet, wenn der Beauf­trag­te zum Zwe­cke der Aus­füh­rung des Auf­trags Auf­wen­dun­gen macht, die er den Umstän­den nach für erfor­der­lich hal­ten darf. § 670 BGB kann auf Arbeits­ver­hält­nis­se ent­spre­chend ange­wen­det wer­den [2]. Macht der Arbeit­neh­mer im Inter­es­se des Arbeit­ge­bers Auf­wen­dun­gen, die nicht durch die Ver­gü­tung abge­gol­ten sind, ist der Arbeit­ge­ber des­halb zum Ersatz die­ser Auf­wen­dun­gen ver­pflich­tet [3].

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 670 BGB lie­gen vor. Der Kauf­preis für das Schul­buch ist eine Auf­wen­dung, die der Leh­rer zwecks Erbrin­gung der ver­trag­lich geschul­de­ten Arbeits­leis­tung und damit im Inter­es­se des beklag­ten Lan­des tätig­te. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des beklag­ten Lan­des ist es einem ange­stell­ten Leh­rer grund­sätz­lich nicht zumut­bar, die Kos­ten für die Beschaf­fung von Arbeits­mit­teln, die zur sach­ge­rech­ten Durch­füh­rung des Unter­richts zwin­gend erfor­der­lich sind, selbst zu tra­gen [4]. Dar­über, dass der Leh­rer ohne das Schul­buch nicht ord­nungs­ge­mäß Mathe­ma­tik­un­ter­richt hät­te ertei­len kön­nen, besteht kein Streit.

Der Ein­wand des beklag­ten Lan­des, der Leh­rer habe das Buch zu Beginn des Schul­jah­res vor­schnell eigen­mäch­tig erwor­ben und ihm damit die Mög­lich­keit einer ander­wei­ti­gen Beschaf­fung genom­men, ver­hilft der Revi­si­on nicht zum Erfolg. Nach den von der Revi­si­on nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts hat das beklag­te Land weder vor noch kurz nach dem Beginn des Schul­jah­res Dis­po­si­tio­nen getrof­fen, die auf die Beschaf­fung oder Über­las­sung des für einen ord­nungs­ge­mä­ßen Mathe­ma­tik­un­ter­richt erfor­der­li­chen Schul­buchs gerich­tet waren. Viel­mehr hat es dem Leh­rer meh­re­re Mona­te nach Beginn des Schul­jah­res – wie bereits im Vor­jahr – in einem Schrei­ben vom 07.11.2008 mit­ge­teilt, Lehr­mit­tel wie Schul­bü­cher sei­en nicht von ihm, son­dern vom Schul­trä­ger zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Das beklag­te Land Nie­der­sach­sen rügt ver­geb­lich, der Leh­rer habe das Schul­buch für den Eigen­be­darf erwor­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist in den Ent­schei­dungs­grün­den davon aus­ge­gan­gen, der Leh­rer habe ledig­lich die Nut­zung des Buches erstrebt, nicht aber end­gül­ti­ges Eigen­tum an ihm begrün­den wol­len. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ist an die­se Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts gebun­den (§ 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Denn das beklag­te Land hat sie nicht in gehö­ri­ger Wei­se ange­grif­fen, ins­be­son­de­re hat es nicht die Berich­ti­gung des Tat­be­stands nach § 320 Abs. 1 ZPO bean­tragt. Zwar behan­delt § 320 ZPO nur die Berich­ti­gung des Tat­be­stands, nicht auch die der Ent­schei­dungs­grün­de. Zum Tat­be­stand im Sin­ne die­ser Norm gehört jedoch auch das in den Ent­schei­dungs­grün­den ent­hal­te­ne tat­säch­li­che Vor­brin­gen der Par­tei­en [5].

Soweit das beklag­te Land sei­ne Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on in Abre­de stellt, über­sieht es, dass § 670 BGB im Streit­fall allein es selbst, nicht aber die Stadt B ver­pflich­tet.

Gemäß § 112 Abs. 1 Halb­satz 1 NSchG (Nie­der­säch­si­sches Schul­ge­setz idF vom 03.03.1998, Nds. GVBl. S. 137, zuletzt geän­dert durch Art. 3 des Geset­zes vom 17.07.2012, Nds. GVBl. S. 244)), trägt das beklag­te Land die per­sön­li­chen Kos­ten für die Lehr­kräf­te an öffent­li­chen Schu­len. Zu den per­sön­li­chen Kos­ten zäh­len die Per­so­nal­aus­ga­ben im Sin­ne des Lan­des­haus­halts­rechts und die Rei­se­kos­ten (§ 112 Abs. 2 Satz 1 NSchG). Dem­ge­gen­über fal­len dem Schul­trä­ger die säch­li­chen Kos­ten der öffent­li­chen Schu­len zur Last (§ 113 Abs. 1 Satz 1 NSchG). Hier­zu gehö­ren auch die per­sön­li­chen Kos­ten, soweit die­se nicht das beklag­te Land trägt (§ 113 Abs. 1 Satz 2 NSchG).

Die genann­ten Vor­schrif­ten regeln die Kos­ten­tra­gungs­pflicht im Innen­ver­hält­nis zwi­schen Dienst­herr und Schul­trä­ger. Die Stel­lung des beklag­ten Lan­des als Schuld­ner des von dem Leh­rer erho­be­nen Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruchs wird durch etwai­ge Erstat­tungs­an­sprü­che des beklag­ten Lan­des gegen­über der Stadt B nicht berührt. Selbst wenn der Leh­rer einen Erstat­tungs­an­spruch gegen die Stadt B hät­te, ent­las­te­te dies das beklag­te Land nicht. In die­sem Fal­le stän­den dem Leh­rer zwei Schuld­ner gegen­über, deren Haf­tung sich nach den Regeln über die Gesamt­schuld (§ 421 BGB) rich­te­te.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 12. März 2013 – 9 AZR 455/​11

  1. LArbG Nie­der­sach­sen, Urteil vom 2. Mai 2011 – 8 Sa 1258/​10[][]
  2. st. Rspr., vgl. BAG 12.04.2011 – 9 AZR 14/​10, Rn. 25 mwN[]
  3. vgl. BAG 16.10.2007 – 9 AZR 170/​07, Rn. 23, BAGE 124, 210[]
  4. vgl. zu beam­te­ten Lehr­kräf­ten: OVG Rhein­land-Pfalz 26.02.2008 – 2 A 11288/​07, zu (1) der Grün­de[]
  5. vgl. BAG 23.02.2005 – 4 AZR 139/​04, zu II 4 b bb (1) der Grün­de, BAGE 114, 33[]