Wider­ruf der pri­va­ten Nut­zung eines Dienst­wa­gens

Die Ver­ein­ba­rung des Wider­rufs­vor­be­halts weicht von Rechts­vor­schrif­ten ab, § 307 Abs. 3 BGB. Die Über­las­sung eines Fir­men­wa­gens auch zur pri­va­ten Nut­zung stellt einen geld­wer­ten Vor­teil und Sach­be­zug dar. Sie ist steu­er- und abga­ben­pflich­ti­ger Teil des geschul­de­ten Arbeits­ent­gelts und damit Teil der Arbeits­ver­gü­tung. Die Gebrauchs­über­las­sung ist regel­mä­ßig zusätz­li­che Gegen­leis­tung für die geschul­de­te Arbeits­leis­tung 1. Sie ist so lan­ge geschul­det, wie der Arbeit­ge­ber Arbeits­ent­gelt leis­ten muss 2. Die­se Rechts­la­ge wird durch das ver­trag­lich ver­ein­bar­te Wider­rufs­recht geän­dert, denn ohne den Wider­rufs­vor­be­halt ist der Arbeit­ge­ber nach § 611 Abs. 1 BGB ver­pflich­tet, dem Arbeit­neh­mer wäh­rend des Arbeits­ver­hält­nis­ses die ver­ein­bar­te Pri­vat­nut­zung eines Dienst­wa­gens zu ermög­li­chen. Ein­sei­ti­ge Leis­tungs­be­stim­mungs­rech­te, die dem Ver­wen­der das Recht ein­räu­men, die Haupt­leis­tungs­pflich­ten ein­zu­schrän­ken, zu ver­än­dern, aus­zu­ge­stal­ten oder zu modi­fi­zie­ren, unter­lie­gen einer Inhalts­kon­trol­le 3.

Wider­ruf der pri­va­ten Nut­zung eines Dienst­wa­gens

For­mel­le Anfor­de­run­gen an den Wider­rufs­vor­be­halt

Ein Wider­rufs­vor­be­halt muss den for­mel­len Anfor­de­run­gen von § 308 Nr. 4 BGB gerecht wer­den. Bei den Wider­rufs­grün­den muss zumin­dest die Rich­tung ange­ge­ben wer­den, aus der der Wider­ruf mög­lich sein soll, zB wirt­schaft­li­che Grün­de, Leis­tung oder Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers 4. Dabei ist zu beach­ten, dass der Ver­wen­der vor­gibt, was ihn zum Wider­ruf berech­ti­gen soll. Die­sem Trans­pa­renz­ge­bot wird die Wider­rufs­klau­sel gerecht; denn hier­nach ist aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass der Arbeit­neh­mer im Fal­le einer Frei­stel­lung mit dem Ent­zug der Pri­vat­nut­zung rech­nen muss.

Inhalts­kon­trol­le des Wider­rufs­vor­be­halts als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung

Die Wider­rufs­klau­sel ist mate­ri­ell wirk­sam. Nach § 308 Nr. 4 BGB ist die Ver­ein­ba­rung eines Wider­rufs­rechts zumut­bar, wenn der Wider­ruf nicht grund­los erfol­gen soll, son­dern wegen der unsi­che­ren Ent­wick­lung der Ver­hält­nis­se als Instru­ment der Anpas­sung not­wen­dig ist. Der Wider­ruf der pri­va­ten Nut­zung eines Dienst­wa­gens im Zusam­men­hang mit einer (wirk­sa­men) Frei­stel­lung des Arbeit­neh­mers ist zumut­bar. Der Arbeit­neh­mer muss bis zum Kün­di­gungs­ter­min kei­ne Arbeits­leis­tung erbrin­gen, ins­be­son­de­re ent­fal­len Dienst­fahr­ten mit dem Pkw. Die Wider­rufs­klau­sel ver­knüpft, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt zutref­fend erkannt hat, die dienst­li­che und pri­va­te Nut­zung sach­ge­recht 5.

Die Wider­rufs­klau­sel ist im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall auch nicht des­halb unwirk­sam, weil sie kei­ne Ankün­di­gungs- bzw. Aus­lauf­frist ent­hält. Für eine sol­che Frist gibt es kei­nen Ansatz im Gesetz. Viel­mehr ist die Ein­räu­mung einer Aus­lauf­frist bei der Aus­übungs­kon­trol­le in Betracht zu zie­hen 6.

Der Ent­zug der Pri­vat­nut­zung des Dienst­wa­gens bedarf kei­ner Ände­rungs­kün­di­gung, wenn durch den Weg­fall der pri­va­ten Nut­zungs­mög­lich­keit das Ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung im Arbeits­ver­hält­nis nicht grund­le­gend berührt ist. Das ist der Fall, wenn – wie hier – weni­ger als 25 % des regel­mä­ßi­gen Ver­diens­tes betrof­fen sind 7.

Ist das Her­aus­ga­be­ver­lan­gen des Arbeit­ge­bers zuläs­sig, ist kei­ne Ent­schä­di­gung für den Ent­zug der pri­va­ten Nut­zung zu zah­len. Die Rechts­la­ge des Wider­rufs einer Natu­ral­ver­gü­tung ent­spricht der Rechts­la­ge des Wider­rufs ande­rer Ent­gelt­be­stand­tei­le 8.

Aus­übungs­kon­trol­le gemäß § 315 BGB

Neben der Inhalts­kon­trol­le der in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ent­hal­te­nen Wider­rufs­klau­sel steht die Aus­übungs­kon­trol­le im Ein­zel­fall gemäß § 315 BGB, denn die Erklä­rung des Wider­rufs stellt eine Bestim­mung der Leis­tung durch den Arbeit­ge­ber nach § 315 Abs. 1 BGB dar. Der Wider­ruf muss im Ein­zel­fall bil­li­gem Ermes­sen ent­spre­chen 9.

Aus­ge­hend von den vom Lan­des­ar­beits­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen hat die Beklag­te ihr Wider­rufs­recht im Streit­fall unbil­lig aus­ge­übt. Zutref­fend hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt im Rah­men der Gesamt­be­wer­tung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen ein über­wie­gen­des Inter­es­se der Klä­ge­rin, das Fahr­zeug bis zum Ende des Monats Juni 2009 nut­zen zu dür­fen, bejaht. Über den Umstand hin­aus, dass die Beklag­te einen Dienst­wa­gen gene­rell nur ihren Außen­dienst­mit­ar­bei­tern vor­ran­gig zum Besuch bei Kun­den­un­ter­neh­men zur Ver­fü­gung stellt, hat die­se kei­ne Grün­de vor­ge­tra­gen, war­um sie unmit­tel­bar nach der Eigen­kün­di­gung der Klä­ge­rin das Fahr­zeug zurück­ge­for­dert hat. Die­ses war jedoch deren ein­zi­ger Pkw. Dar­über hin­aus hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zutref­fend die steu­er­recht­li­che Lage berück­sich­tigt. Hier­nach war die Klä­ge­rin gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 4 EStG ver­pflich­tet, die pri­va­te, mit 277,00 Euro bewer­te­te Nut­zung für den gesam­ten Monat Juni 2009 zu ver­steu­ern, obwohl sie über die­se Nut­zung für 22 Tage nicht mehr ver­fü­gen konn­te. Damit führ­te der Ent­zug des Pkw nicht nur zum Nut­zungs­aus­fall, son­dern dar­über hin­aus zu einer spür­ba­ren Min­de­rung ihres Net­to­ein­kom­mens. Im Ergeb­nis hat­te ihre Eigen­kün­di­gung die Kür­zung der lau­fen­den Bezü­ge zur Fol­ge. Das Inter­es­se der Klä­ge­rin, den von ihr ver­steu­er­ten Vor­teil auch real nut­zen zu kön­nen, über­wiegt das abs­trak­te Inter­es­se der Beklag­ten am sofor­ti­gen Ent­zug des Dienst­wa­gens.

Scha­dens­er­satz­pflicht und Nut­zungs­aus­fall­ent­schä­di­gung bei unbe­rech­tig­tem Wider­ruf

Kommt der Arbeit­ge­ber sei­ner Ver­trags­pflicht, dem Arbeit­neh­mer die Nut­zung des Dienst­wa­gens zu Pri­vatz­we­cken wei­ter zu ermög­li­chen, nicht nach, wird die Leis­tung wegen Zeit­ab­laufs unmög­lich, sodass der Arbeit­ge­ber nach § 275 Abs. 1 BGB von der Leis­tungs­pflicht befreit wird. Der Arbeit­neh­mer hat in die­sem Fall nach § 280 Abs. 1 Satz 1 iVm. § 283 Satz 1 BGB Anspruch auf Ersatz des hier­durch ent­stan­de­nen Scha­dens 10.

Nach § 249 Abs. 1 BGB hat der­je­ni­ge, der zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist, den Zustand her­zu­stel­len, der bestehen wür­de, wenn der zum Ersatz ver­pflich­ten­de Umstand nicht ein­ge­tre­ten wäre. Soweit die Her­stel­lung nicht mög­lich oder zur Ent­schä­di­gung des Gläu­bi­gers nicht genü­gend ist, hat der Ersatz­pflich­ti­ge den Gläu­bi­ger gemäß § 251 Abs. 1 BGB in Geld zu ent­schä­di­gen. Der Scha­dens­er­satz wegen Nicht­er­fül­lung rich­tet sich auf das posi­ti­ve Inter­es­se. Dem­ge­mäß ist die Klä­ge­rin so zu stel­len, wie sie ste­hen wür­de, wenn die Beklag­te den Ver­trag ord­nungs­ge­mäß erfüllt hät­te. Zur Berech­nung ist eine Nut­zungs­aus­fall­ent­schä­di­gung auf der Grund­la­ge der steu­er­li­chen Bewer­tung der pri­va­ten Nut­zungs­mög­lich­keit mit monat­lich 1 % des Lis­ten­prei­ses des Kraft­fahr­zeugs im Zeit­punkt der Erst­zu­las­sung aner­kannt 11. Die Klä­ge­rin hat damit Anspruch auf eine kalen­der­täg­li­che Nut­zungs­aus­fall­ent­schä­di­gung iHv. 9,23 Euro für 22 Tage, also 203,13 Euro. Die dar­über hin­aus­ge­hen­de For­de­rung ist unbe­grün­det.

Der Scha­dens­er­satz­an­spruch steht dem Arbeit­neh­mer nicht als Net­to­ver­gü­tung zusteht. Nach § 6 Abs. 1 Nr. 4 EStG ist die pri­va­te Nut­zung des Dienst­wa­gens zu ver­steu­ern. Der Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen der von der Beklag­ten zu ver­tre­ten­den Unmög­lich­keit die­ses Natu­ral­lohn­an­spruchs tritt an des­sen Stel­le und ist steu­er­lich in glei­cher Wei­se zu behan­deln 12.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 21. März 2012 – 5 AZR 651/​10

  1. BAG 21.08.2001 – 3 AZR 746/​00 – zu II 2 a der Grün­de, AP BetrVG 1972 § 77 Aus­le­gung Nr. 10 = EzA BetrAVG § 1 Nr. 78; 19.12.2006 – 9 AZR 294/​06, Rn. 24, AP BGB § 611 Sach­be­zü­ge Nr. 21 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 17; 24.03.2009 – 9 AZR 733/​07, Rn. 15, BAGE 130, 101; 14.12.2010 – 9 AZR 631/​09, Rn. 14, AP BGB § 611 Sach­be­zü­ge Nr. 23 = EzA Ent­gelt­fort­zG § 3 Nr. 17[]
  2. BAG 11.10.2000 – 5 AZR 240/​99 – zu A II 1 b der Grün­de, BAGE 96, 34[]
  3. BAG 11.10.2006 – 5 AZR 721/​05 – zu I 1 d der Grün­de, AP BGB § 308 Nr. 6 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 6; 20.04.2010 – 5 AZR 191/​10, Rn. 10, AP BGB § 308 Nr. 9 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 12[]
  4. BAG 12.01.2005 – 5 AZR 364/​04, BAGE 113, 140; 11.10.2006 – 5 AZR 721/​05, Rn. 28, 33 f., AP BGB § 308 Nr. 6 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 6; 20.04.2010 – 5 AZR 191/​10, Rn. 10, AP BGB § 308 Nr. 9 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 12; enger BAG 13.04.2010 – 9 AZR 113/​09, AP BGB § 308 Nr. 8 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 11[]
  5. BAG 19.12.2006 – 9 AZR 294/​06, Rn. 23, AP BGB § 611 Sach­be­zü­ge Nr. 21 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 17; vgl. auch BAG 17.09.1998 – 8 AZR 791/​96[]
  6. BAG 12.01.2005 – 5 AZR 364/​04 – zu B I 4 c cc der Grün­de, BAGE 113, 140; 11.10.2006 – 5 AZR 721/​05, Rn. 24, AP BGB § 308 Nr. 6 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 6; eben­so Bay­reu­ther ZIP 2007, 2009, 2011; Bauer/​Chwalisz ZfA 2007, 339, 345; Lemb­ke BB 2007, 1627, 1628; aA Däubler/​Bonin/​Deinert/​Bonin AGB­Kon­trol­le im Arbeits­recht 3. Aufl. § 308 BGB Rn. 46[]
  7. BAG 19.12.2006 – 9 AZR 294/​06, Rn. 24, AP BGB § 611 Sach­be­zü­ge Nr. 21 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 17; 11.10.2006 – 5 AZR 721/​05, Rn. 23, AP BGB § 308 Nr. 6 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 6; vgl. Hes­si­sches LAG 20.07.2004 – 13 Sa 1992/​03MDR 2005, 459[]
  8. BAG 19.12.2006 – 9 AZR 294/​06, Rn. 24, AP BGB § 611 Sach­be­zü­ge Nr. 21 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 17; eben­so AnwKArbR/​Brors 2. Aufl. § 611 BGB Rn. 658; Pau­ly AuA 1995, 381, 384; Fröh­lich ArbRB 2011, 253, 255; aA ErfK/​Preis 12. Aufl. § 611 BGB Rn. 522, 524; HWK/​Thüsing 4. Aufl. § 611 BGB Rn. 89; Küttner/​Griese Per­so­nal­buch 18. Aufl. „Dienst­wa­gen“ Rn. 10 unter unzu­tref­fen­der Beru­fung auf BGH 9.04.1990 – II ZR 1/​89DB 1990, 1126[]
  9. BAG 20.04.2011 – 5 AZR 191/​10, Rn.20, AP BGB § 308 Nr. 9 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 12[]
  10. BAG 17.09.1998 – 8 AZR 791/​96 ; 27.05.1999 – 8 AZR 415/​98 – zu I der Grün­de, BAGE 91, 379; 2.12.1999 – 8 AZR 849/​98 ; 25.01.2001 – 8 AZR 412/​00 ; 23.06.2004 – 7 AZR 514/​03, AP BetrVG 1972 § 37 Nr. 139 = EzA BetrVG 2001 § 37 Nr. 2; 19.12.2006 – 9 AZR 294/​06, Rn. 40, 41 mwN, AP BGB § 611 Sach­be­zü­ge Nr. 21 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 17; 13.04.2010 – 9 AZR 113/​09, Rn. 53 ff., AP BGB § 308 Nr. 8 = EzA BGB 2002 § 308 Nr. 11[]
  11. BAG 27.05.1999 – 8 AZR 415/​98, BAGE 91, 379; 19.12.2006 – 9 AZR 294/​06, Rn. 43 mwN, AP BGB § 611 Sach­be­zü­ge Nr. 21 = EzA BGB 2002 § 307 Nr. 17[]
  12. BAG 27.05.1999 – 8 AZR 415/​98, BAGE 91, 379[]