Das Zahn­gold im Kre­ma­to­ri­um

Das Zahn­gold in der Asche Ver­stor­be­ner ist her­ren­los. Einer Aneig­nung des Betrei­bers des Kre­ma­to­ri­ums ste­hen Rech­te Drit­ter ent­ge­gen, § 958 Abs. 2 BGB. Neh­men Arbeit­neh­mer das Zahn­gold an sich, kann der Kre­ma­to­ri­ums­be­trei­ber als Geschäfts­herr Her­aus­ga­be nach den Auf­trags­re­geln ver­lan­gen. Bei ver­schul­de­ter Unmög­lich­keit der Her­aus­ga­be haf­tet der Beauf­trag­te – der Arbeit­neh­mer – auf Scha­dens­er­satz.

Das Zahn­gold im Kre­ma­to­ri­um

Der Betrei­ber des Kre­ma­to­ri­ums hat an dem ver­blie­be­nen Edel­me­tall in der Asche kein Eigen­tum erlangt. Die mit dem Leich­nam fest ver­bun­de­nen künst­li­chen Kör­per­tei­le, z.B. das Zahn­gold, die in Form und Funk­ti­on defek­te Kör­per­tei­le erset­zen, sog. Sub­sti­tu­tiv-Implan­ta­te 1, gehö­ren zum Leich­nam und tei­len wäh­rend der Ver­bin­dung des­sen Schick­sal. Sowohl der Leich­nam als auch die künst­li­chen Kör­per­tei­le ste­hen in nie­man­des Eigen­tum und gehö­ren des­halb auch nicht zum Nach­lass iSd. § 1922 BGB 2.

Die künst­li­chen Kör­per­tei­le wer­den aller­dings mit Tren­nung vom Leich­nam eigen­tums­fä­hig, sie wer­den nach der Ein­äsche­rung zur beweg­li­chen Sache, § 90 BGB. Da man­gels Uni­ver­sal­suk­zes­si­on die­se Tei­le als her­ren­lo­se Sachen anzu­se­hen sind, kann an ihnen nach § 958 Abs. 1 BGB durch Inbe­sitz­nah­me Eigen­tum erwor­ben wer­den. Aller­dings ver­hin­dert § 958 Abs. 2 BGB einen Eigen­tums­er­werb auf die­sem Wege, sofern durch die Besitz­ergrei­fung das Aneig­nungs­recht eines Ande­ren ver­letzt wird. Inha­ber die­ses Aneig­nungs­rechts ist der Erbe oder nach ande­rer Auf­fas­sung die Per­son, die im Ein­zel­fall zur Toten­für­sor­ge berech­tigt ist 3. Die­se Fra­ge kann hier offen­blei­ben, denn sicher­lich ist nicht der Kre­ma­to­ri­ums­be­trei­ber aneig­nungs­be­fugt und ein kon­klu­den­ter Ver­zicht der vor­ran­gig Aneig­nungs­be­rech­tig­ten kann nicht ange­nom­men wer­den, denn die gehen davon aus, dass alle Asche mit ihren Bestand­tei­len in der Urne lan­det, wis­sen nicht, dass die Edel­me­tal­le aus­ge­son­dert wer­den, wür­den ange­sichts des Wer­tes eher nicht zustim­men, dass sich der Betrei­ber des Kre­ma­to­ri­ums die­se Wer­te zueig­net 4. Wenn die Kre­ma­to­ri­ums­be­trei­be­rin also nicht Eigen­tü­mer wer­den konn­te, konn­te sie in ihrem Eigen­tums­recht nicht iS.d. § 823 Abs. 1 BGB ver­letzt wer­den, der arbeits­ver­trag­li­che Ver­stoß sei­tens des Arbeit­neh­mers führ­te nicht zu einem Scha­den, die in Fra­ge kom­men­den straf­recht­li­chen Vor­schrif­ten sind kei­ne Schutz­ge­set­ze zuguns­ten der Betrei­be­rin des Kre­ma­to­ri­ums iSd. § 823 Abs. 2 BGB.

Zwar ist auch der Besitz gleich einem abso­lu­ten Recht iSd. § 823 Abs. 1 BGB geschützt 5, es sind aller­dings nur die Schä­den zu erset­zen, die dem Besit­zer auf­grund ent­gan­ge­ner Ersatz­an­sprü­che, Weg­nah­me- und Ver­wen­dungs­rech­te ent­ste­hen, auch sog. Haf­tungs­schä­den, damit sind Ansprü­che gegen den Besit­zer gemeint, denen die­ser aus­ge­setzt ist, weil er für den Unter­gang der Sache auch bei Zufall ver­ant­wort­lich ist oder weil er fahr­läs­sig an der Scha­dens­ent­ste­hung mit­ge­wirkt hat 6. Allen­falls theo­re­tisch ist denk­bar, dass Erben oder Toten­sor­ge­be­rech­tig­te gegen­über der Betrei­be­rin des Kre­ma­to­ri­ums Ansprü­che gel­tend machen könn­ten. Dies ist nicht der Fall und es wäre auch kaum ermit­tel­bar, wie viel Gold etwa bei einem bestimm­ten Toten gefun­den wur­de.

Der Anspruch der Kre­ma­to­ri­ums­be­trei­be­rin folgt aber aus § 667 BGB.

§ 667 BGB ist auf Arbeits­ver­hält­nis­se ent­spre­chend anzu­wen­den, obwohl Arbeit­neh­mer nicht im Sin­ne von § 662 BGB unent­gelt­lich tätig wer­den. Die auf­trags­recht­li­chen Bestim­mun­gen ent­hal­ten all­ge­mei­ne Grund­sät­ze, die auch für Arbeits­ver­hält­nis­se gel­ten. Wer im Inter­es­se eines ande­ren Auf­wen­dun­gen macht, kann Ersatz der Auf­wen­dun­gen von dem­je­ni­gen ver­lan­gen, für den er tätig gewor­den ist 7. Die­sel­ben Grund­sät­ze gel­ten für die Her­aus­ga­be­pflicht nach § 667 BGB. Die­se Vor­schrift bil­det das Gegen­stück zum Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch nach § 670 BGB. Der Beauf­trag­te soll durch die Geschäfts­be­sor­gung kei­nen Nach­teil erlei­den, aus ihr aber auch kei­nen Vor­teil zie­hen 8. Eben­so soll der Arbeit­neh­mer regel­mä­ßig neben der ver­ein­bar­ten Arbeits­ver­gü­tung kei­ne wei­te­ren mate­ri­el­len Vor­tei­le aus sei­ner Arbeits­leis­tung erlan­gen. Die für die Erbrin­gung der Arbeits­leis­tung not­wen­di­gen Betriebs­mit­tel hat der Arbeit­ge­ber zur Ver­fü­gung zu stel­len. Nur was zur selbst­ver­ständ­li­chen Ein­satz­pflicht des Arbeit­neh­mers bei der Arbeit gehört, wird durch die Ver­gü­tungs­zah­lung aus­ge­gli­chen 9.

Der Her­aus­ga­be­an­spruch nach § 667 1. Alt. BGB bezieht sich auf alles, was der Beauf­trag­te "zur Aus­füh­rung des Auf­trags" erhal­ten hat. Dies umfasst alles, was dem Beauf­trag­ten vom Auf­trag­ge­ber oder auf des­sen Ver­an­las­sung von Drit­ten zu dem Zweck zur Ver­fü­gung gestellt wor­den ist, den Beauf­trag­ten recht­lich oder tat­säch­lich in die Lage zu ver­set­zen, das Geschäft durch­zu­füh­ren. Ent­schei­dend ist die vom Auf­trag­ge­ber fest­ge­leg­te Zweck­be­stim­mung, gleich­gül­tig ist, ob die­se Mit­tel zur Rück­ga­be oder zum Ver­brauch bestimmt sind und gleich­gül­tig ist auch, dass die Zuwen­dung eines Drit­ten nach des­sen Wil­len nicht für den Auf­trag­ge­ber bestimmt war 10. Gegen­stand des Erhal­te­nen und damit des Her­aus­ga­be­an­spruchs aus der 1. Alter­na­ti­ve kann jede recht­li­che oder tat­säch­li­che Posi­ti­on sein: Eigen­tum, Besitz, Inha­ber­stel­lung. Hier­un­ter fal­len etwa Werk­zeu­ge, Schlüs­sel, Mate­ria­li­en 11. Anders gesagt: Im Rah­men sei­nes Arbeits­ver­hält­nis­ses – und nicht nur bei Gele­gen­heit – war es Auf­ga­be des Arbeit­neh­mers, Edel­me­tal­le zu sam­meln, zu ver­brin­gen, zu wie­gen usw. Ein eige­nes Recht zum Besitz, zur Weg­nah­me bestand nicht, der Arbeit­neh­mer ist des­halb ver­pflich­tet, die­se ihm zur Ver­fü­gung gestell­ten Mate­ria­li­en an die Arbeit­ge­be­rin, also an die Betrei­be­rin des Kre­ma­to­ri­ums, her­aus­zu­ge­ben.

Der Her­aus­ga­be­an­spruch nach § 667 2. Alt. BGB setzt vor­aus, dass der Beauf­trag­te etwas aus der Geschäfts­be­sor­gung erlangt hat. Das ist jeder Vor­teil, den der Beauf­trag­te auf Grund eines inne­ren Zusam­men­hangs mit dem geführ­ten Geschäft erhal­ten hat 12. Das sind die Bonus­mei­len 13 oder die erhal­te­nen Schmier­gel­der 14, also jeder Vor­teil, den der Beauf­trag­te auf­grund eines inne­ren Zusam­men­hangs mit dem geführ­ten Geschäft erhal­ten hat. Auch auf die­sem Wege – z.B. über Drit­te – erlang­te Mate­ria­li­en aus dem Geschäft des Kre­ma­to­ri­ums hat der Arbeit­neh­mer somit her­aus­zu­ge­ben.

Bei ver­schul­de­ter Unmög­lich­keit der Her­aus­ga­be haf­tet der Beauf­trag­te gemäß § 280 BGB auf Scha­dens­er­satz 15. Der Arbeit­neh­mer hat vor­sätz­lich den Her­aus­ga­be­an­spruch der Betrei­be­rin des Kre­ma­to­ri­ums unmög­lich wer­den las­sen, indem das erlangte/​erhaltene Edel­me­tall einem Drit­ten zur wei­te­ren Ver­ar­bei­tung, näm­lich zum Ein­schmel­zen, über­ge­ben wur­de. Der Wie­der­be­schaf­fungs­wert und damit der Umfang des zu erset­zen­den Scha­dens iSd. § 249 BGB drückt sich im erhal­te­nen Ent­gelt aus, dürf­te ange­sichts des gestie­ge­nen Gold­prei­ses noch dar­über lie­gen.

Den Anspruch der Betrei­be­rin des Kre­ma­to­ri­ums sah das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg auch nicht als ver­jährt an: Gemäß § 199 BGB beginnt die regel­mä­ßi­ge Ver­jäh­rungs­frist mit dem Schluss des Jah­res, in dem 1. der Anspruch ent­stan­den ist und 2. der Gläu­bi­ger von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te. Gro­be Fahr­läs­sig­keit liegt vor, wenn die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt in unge­wöhn­lich gro­ßem Maße ver­letzt wor­den ist, ganz nahe lie­gen­de Über­le­gun­gen nicht ange­stellt oder bei­sei­te gescho­ben wur­den und das­je­ni­ge unbe­ach­tet geblie­ben ist, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen. Dem Gläu­bi­ger muss per­sön­lich ein schwe­rer Oblie­gen­heits­ver­stoß in sei­ner eige­nen Ange­le­gen­heit der Anspruchs­ver­fol­gung ("Ver­schul­den gegen sich selbst") vor­ge­wor­fen wer­den kön­nen, weil sich ihm die den Anspruch begrün­den­den Umstän­de förm­lich auf­ge­drängt haben, er davor aber letzt­lich die Augen ver­schlos­sen hat 16. Wenn die Betrei­be­rin des Kre­ma­to­ri­ums ihre Arbeit­neh­mer seit dem Jah­re 2003 schrift­lich dar­auf hin­weist, dass Wert­ge­gen­stän­de Ver­stor­be­ner nicht pri­vat ein­be­hal­ten dür­fen, wie­der­holt sie eine selbst­ver­ständ­li­che Ver­trags­pflicht. Es ist ihr recht­lich nicht vor­zu­wer­fen, dass sie dies für aus­rei­chend hält, auf die Ehr­lich­keit ihrer Mit­ar­bei­ter ver­traut und auf eine effek­ti­ve Über­wa­chung ver­zich­tet hat. Der Anspruch der Kre­ma­to­ri­ums­be­trei­be­rin, die erst im Jah­re 2009 die Mit­tei­lung der Fa. E. über die gerin­gen abge­lie­fer­ten Gold­men­gen erhielt, ist somit nicht ver­jährt.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 26. Juni 2013 – 5 Sa 110/​12

  1. OLG Ham­burg 19.12.2011 – 2 Ws 123/​11, NJW 2012, 1601[]
  2. Gott­wald, Rechts­pro­ble­me um die Feu­er­be­stat­tung NJW 2012, 2231, 2232 mwN.[]
  3. Engel­brecht, Zum Umgang mit Zahn­gold und Implan­ta­ten im Rah­men der Bestat­tung, Kom­mu­nal­Pra­xis BY 2007, 173; vgl. die Nach­wei­se bei Gott­wald aaO.[]
  4. OLG Ham­burg aaO.; Gott­wald aaO.[]
  5. Stau­din­ger BGB 13. Aufl.1999, Nr. B 167 zu § 823[]
  6. Stau­din­ger aaO[]
  7. BAG 11.04.2006 – 9 AZR 500/​05, AP Nr. 1 zu § 667 BGB; 14.10.2003 – 9 AZR 657/​02, AP BGB § 670 Nr. 32[]
  8. Erman BGB 13. Aufl.2011 § 667 Rn. 1[]
  9. BAG 14.12.2011 – 10 AZR 283/​10, AP Nr. 2 zu § 667 BGB; 14.10.2003 – 9 AZR 657/​02, aaO.[]
  10. Erman aaO. mwN.[]
  11. Erman aaO.[]
  12. BGH 17.10.1991 – III ZR 352/​89NJW-RR 1992, 560[]
  13. BAG 11.04.2006 aaO.[]
  14. BAG 26.02.1971 – 3 AZR 97/​70, AP Nr. 5 zu § 687 BGB[]
  15. Erman aaO. Nr 13 mwN.[]
  16. Lak­kis in: juris­PK-BGB, 6. Aufl.2012, § 199 BGB Nr. 59[]