Zeug­nis­er­tei­lung bei beruf­li­chen Umschu­lungs­ver­hält­nis­sen

Der Trä­ger einer beruf­li­chen Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­me ist ver­pflich­tet, dem Teil­neh­mer ein Zeug­nis über die Teil­nah­me an der Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­me zu ertei­len. Die­se Ver­pflich­tung folgt nicht aus § 16 Abs. 1 BBiG, son­dern aus § 630 BGB. Der Qua­li­fi­zie­rungs­ver­trag begrün­de­te ein Berufs­bil­dungs­ver­hält­nis in Gestalt eines beruf­li­chen Umschu­lungs­ver­hält­nis­ses im Sin­ne des § 1 Abs. 1 und Abs. 5, § 58 ff. BBiG. Auf ein Umschu­lungs­ver­hält­nis fin­det § 16 BBiG weder unmit­tel­bar noch nach § 26 BBiG Anwen­dung.

Zeug­nis­er­tei­lung bei beruf­li­chen Umschu­lungs­ver­hält­nis­sen

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts sind auf Umschu­lungs­ver­hält­nis­se die Vor­schrif­ten des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes über das Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis nicht anwend­bar 1. Das Berufs­bil­dungs­ge­setz erfasst zwar die beruf­li­che Bil­dung in § 1 umfas­send, ent­hält aber nur Rege­lun­gen über die inhalt­li­che Gestal­tung von Berufs­aus­bil­dungs­ver­trä­gen und ande­ren Ver­trags­ver­hält­nis­sen, auf­grund derer erst­mals einem Aus­zu­bil­den­den eine breit ange­leg­te beruf­li­che Grund­bil­dung und die für die Aus­übung einer qua­li­fi­zier­ten beruf­li­chen Tätig­keit not­wen­di­gen fach­li­chen Fer­tig­kei­ten und Kennt­nis­se bzw. erst­mals beruf­li­che Kennt­nis­se, Fer­tig­kei­ten oder Erfah­run­gen ver­mit­telt wer­den (§ 1 Abs. 3, § 26 BBiG). Die­se Vor­aus­set­zun­gen tref­fen auf die Umschu­lung iSv. § 1 Abs. 5, § 58 ff. BBiG nicht zu. Eine Umschu­lung soll den Über­gang in eine ande­re geeig­ne­te beruf­li­che Tätig­keit ermög­li­chen. Der Gesetz­ge­ber hat dar­auf ver­zich­tet, Umschu­lungs­ver­hält­nis­se eben­so ein­ge­hend und zwin­gend zu regeln wie Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis­se. Er hat sich dar­auf beschränkt, all­ge­mei­ne Grund­sät­ze auf­zu­stel­len (vgl. § 58 ff. BBiG). Dar­an hat die Neu­fas­sung des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes durch das Gesetz zur Reform der beruf­li­chen Bil­dung (Berufs­bil­dungs­re­form­ge­setz – Ber­Bi­RefG) vom 23.03.2005 2 nichts geän­dert. Auch bei der Neu­fas­sung des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes hat der Gesetz­ge­ber dar­auf ver­zich­tet, Umschu­lungs­ver­hält­nis­se so detail­liert wie Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis­se zu regeln 3. Die Neu­re­ge­lun­gen zu den Fort­bil­dungs- und Umschu­lungs­ver­hält­nis­sen soll­ten ledig­lich unter Anpas­sung der Begriff­lich­kei­ten trans­pa­ren­ter gestal­tet und weit­ge­hend ver­ein­heit­licht wer­den 4.

Die Anwend­bar­keit des § 16 BBiG auf Umschu­lungs­ver­hält­nis­se folgt nicht aus § 26 BBiG. Die­se Bestim­mung ord­net die Anwend­bar­keit der für das Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis gel­ten­den Vor­schrif­ten der §§ 10 bis 23 und 25 BBiG nur für Rechts­ver­hält­nis­se an, die nicht als Arbeits­ver­hält­nis­se aus­ge­stal­tet sind und die Per­so­nen betref­fen, "die ein­ge­stellt wer­den, um beruf­li­che Fer­tig­kei­ten, Kennt­nis­se, Fähig­kei­ten oder beruf­li­che Erfah­run­gen zu erwer­ben". § 26 BBiG erfasst damit – wie schon die Vor­gän­ger­re­ge­lung in § 19 BBiG aF – nur sol­che Rechts­ver­hält­nis­se, die im Gegen­satz zur Umschu­lung oder Fort­bil­dung auf die erst­ma­li­ge Ver­mitt­lung beruf­li­cher Kennt­nis­se, Fer­tig­kei­ten oder Erfah­run­gen gerich­tet sind, wie dies etwa bei Anlern­lin­gen, Volon­tä­ren oder Prak­ti­kan­ten der Fall ist 5. § 26 BBiG stellt dabei nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers eine blo­ße Über­nah­me des § 19 BBiG aF dar, bei der ledig­lich von einer Ver­wei­sung auf den im Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis gere­gel­ten Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­an­spruch (§ 24 BBiG) abge­se­hen wur­de und bei der die Begriff­lich­kei­ten an § 1 BBiG ange­passt wur­den 6. Hät­te der Gesetz­ge­ber eine Gel­tung der Regeln über das Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis auch im Umschu­lungs­ver­hält­nis gewollt, hät­te er im Zuge des Berufs­bil­dungs­re­form­ge­set­zes – vor dem Hin­ter­grund der gegen­tei­li­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts – eine ent­spre­chen­de Ände­rung bei der Neu­fas­sung des § 26 BBiG vor­ge­nom­men.

Der Unan­wend­bar­keit von § 16 BBiG auf Umschu­lungs­ver­hält­nis­se steht die her­vor­ge­ho­be­ne Bedeu­tung des Zeug­nis­an­spruchs für den Umschü­ler im Hin­blick auf sei­ne wei­te­ren Berufs­chan­cen nicht ent­ge­gen. Die feh­len­de Anwend­bar­keit von § 16 BBiG führt nicht dazu, dass der Umschü­ler kei­nen Zeug­nis­an­spruch hat. Die­ser ergibt sich viel­mehr aus § 630 BGB oder § 109 GewO.

Der Zeug­nis­an­spruch des Umschü­lers folgt aus § 630 BGB und nicht aus § 109 GewO, da die Qua­li­fi­zie­rung des Umschü­lers nicht im Rah­men eines Arbeits­ver­hält­nis­ses erfolg­te, son­dern auf der Grund­la­ge des Qua­li­fi­zie­rungs­ver­trags, bei dem der Aus­bil­dungs­zweck und nicht die Arbeits­leis­tung im Vor­der­grund stand 7. Sofern die Umschu­lung nicht im Rah­men eines Arbeits­ver­hält­nis­ses, son­dern auf Grund­la­ge eines (iso­lier­ten) Berufs­bil­dungs­ver­trags durch­ge­führt wur­de, ergibt sich der Zeug­nis­an­spruch aus § 630 BGB. Die­se Vor­schrift ist jeden­falls auf sol­che Dienst­neh­mer anwend­bar, die einem Arbeit­neh­mer ver­gleich­bar beschäf­tigt wer­den und des­we­gen auf eine Beur­tei­lung ihrer Tätig­keit ange­wie­sen sind 8. Dies ist bei einem Umschü­ler der Fall. Bei einem Umschu­lungs­ver­hält­nis han­delt es sich um ein Dienst­ver­hält­nis iSd. § 611 BGB 9. Auch der Umschü­ler unter­liegt den Wei­sun­gen sei­nes Dienst­herrn. Die Mög­lich­keit, ein Zeug­nis über das Umschu­lungs­ver­hält­nis, des­sen Dau­er und ggf. über das Ver­hal­ten und die Leis­tung des Umschü­lers im Umschu­lungs­ver­hält­nis vor­zu­le­gen, ist in einer Bewer­bungs­si­tua­ti­on von wesent­li­cher Bedeu­tung.

Nach § 630 BGB kann bei der Been­di­gung eines dau­ern­den Dienst­ver­hält­nis­ses der Dienst­ver­pflich­te­te von dem Dienst­ge­ber ein schrift­li­ches Zeug­nis über das Dienst­ver­hält­nis und des­sen Dau­er for­dern. Auf Ver­lan­gen ist das Zeug­nis auf die Leis­tung und Füh­rung im Dienst zu erstre­cken. Der Gläu­bi­ger hat daher ein Wahl­recht zwi­schen einem ein­fa­chen und einem qua­li­fi­zier­ten Zeug­nis. Bei dem Zeug­nis­an­spruch nach § 630 BGB han­delt es sich damit um einen sog. ver­hal­te­nen Anspruch, der zwar spä­tes­tens mit der Been­di­gung des Dienst­ver­hält­nis­ses ent­steht 10, der in sei­ner Erfüll­bar­keit aber davon abhän­gig ist, dass der Gläu­bi­ger sein Wahl­recht bereits aus­ge­übt hat 11. Der Dienst­ge­ber gerät mit sei­ner Pflicht zur Ertei­lung eines Zeug­nis­ses nach § 630 BGB erst in Ver­zug iSd. § 286 Abs. 1 BGB, wenn der Dienst­ver­pflich­te­te sein Wahl­recht aus­ge­übt und – bei Nicht­er­tei­lung des Zeug­nis­ses – des­sen Ertei­lung gegen­über dem Schuld­ner iSv. § 286 Abs. 1 Satz 2 BGB ange­mahnt hat, sofern eine Mah­nung nicht gemäß § 286 Abs. 2 BGB aus­nahms­wei­se ent­behr­lich ist 12.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urtei­le vom 12. Febru­ar 2013 – 3 AZR 120/​11 und 3 AZR 121/​11

  1. BAG 19.01.2006 – 6 AZR 638/​04, Rn. 21, BAGE 117, 20; 15.03.1991 – 2 AZR 516/​90, zu II 2 c aa der Grün­de, AP BBiG § 47 Nr. 2 = EzA BBiG § 47 Nr. 1; 20.02.1975 – 5 AZR 240/​74, zu I der Grün­de, AP BGB § 611 Aus­bil­dungs­bei­hil­fe Nr. 2 = EzA GG Art. 12 Nr. 12[]
  2. BGBl. I S. 931[]
  3. vgl. BAG 19.01.2006 – 6 AZR 638/​04, aaO[]
  4. vgl. BT-Drucks. 15/​3980 S. 39 und 42 f.[]
  5. vgl. BAG 19.01.2006 – 6 AZR 638/​04, Rn. 26, BAGE 117, 20; 20.02.1975 – 5 AZR 240/​74, zu I der Grün­de, AP BGB § 611 Aus­bil­dungs­bei­hil­fe Nr. 2 = EzA GG Art. 12 Nr. 12, jeweils zu § 19 BBiG aF; 21.08.2012 – 3 AZR 698/​10, Rn. 41, NZA 2012, 1428 zu § 26 BBiG nF[]
  6. BT-Drucks. 15/​3980 S. 47[]
  7. vgl. hier­zu BAG 19.01.2006 – 6 AZR 638/​04, Rn. 14 und 18, BAGE 117, 20[]
  8. Staudinger/​Preis [2012] § 630 Rn. 3; MüKoBGB/​Henssler 6. Aufl. § 630 Rn. 9[]
  9. vgl. BAG 15.03.1991 – 2 AZR 516/​90, zu II 2 d dd der Grün­de, AP BBiG § 47 Nr. 2 = EzA BBiG § 47 Nr. 1[]
  10. vgl. BAG 27.02.1987 – 5 AZR 710/​85, AP BGB § 630 Nr. 16 = EzA BGB § 630 Nr. 11; 23.02.1983 – 5 AZR 515/​80, zu I 3 b der Grün­de, BAGE 42, 41[]
  11. vgl. etwa ErfK/­Mül­ler-Glö­ge 13. Aufl. § 109 GewO Rn. 7; Staudinger/​Preis [2012] § 630 Rn. 11; MüArbR/​Wank 3. Aufl. § 105 Rn. 5[]
  12. vgl. etwa ErfK/­Mül­ler-Glö­ge § 109 GewO Rn. 63; Staudinger/​Preis [2012] § 630 Rn. 76[]