Zusatzurlaub für Bereitschaftsdienste in den Nachtstunden

Aufgrund der Anordnung in § 27 Abs. 3.4 Satz 2 TVöD-B, wonach „Absatz 3.1 Satz 2 … entsprechend“ gilt, bleiben Bereitschaftsdienste in den Nachtstunden, die in Zeiträumen geleistet werden, für die Zusatzurlaub für Wechselschicht- oder Schichtarbeit zusteht, unberücksichtigt. Die Auslegung des § 27 Abs. 3.1 Satz 2 TVöD-B ergibt, dass mit „Zeiträumen“ die in § 27 Abs. 1 TVöD-B genannten Monatszeiträume gemeint sind, für die dem Beschäftigten Zusatzurlaub für Wechselschicht- oder Schichtarbeit zusteht.

Zusatzurlaub für Bereitschaftsdienste in den Nachtstunden

Bereits der Wortlaut des § 27 Abs. 3.1 Satz 2 TVöD-B spricht für diese Auslegung. Unter „Zeiträumen“ werden im allgemeinen Sprachgebrauch mehr oder weniger ausgedehnte Zeitspannen verstanden, deren Beginn und Ende zeitlich festgelegt ist. Zeitspannen für die Berechnung des Zusatzurlaubs für Wechselschicht- und Schichtarbeit haben die Tarifvertragsparteien in § 27 Abs. 1 Buchst. a und Buchst. b TVöD-B definiert und in diesem Zusammenhang auf „je zwei“ und „je vier zusammenhängende Kalendermonate“ abgestellt. Indem die Tarifvertragsparteien in § 27 Abs. 3.1 Satz 2 TVöD-B angeordnet haben, dass die in „Zeiträumen“ geleisteten Stunden unberücksichtigt bleiben, „für die Zusatzurlaub für Wechselschicht- und Schichtarbeit zusteht“, haben sie inhaltlich auf die Regelung in Abs. 1 Bezug genommen und damit zum Ausdruck gebracht, dass auf die dort definierten, nach Kalendermonaten bemessenen Zeitspannen abzustellen ist.

Diese Auslegung wird durch die Tarifsystematik unterstützt.

§ 27 TVöD-B enthält ein geschlossenes Regelungskonzept zum Zusatzurlaub bei Schicht- und Nachtarbeit. Die einzelnen Regelungen bauen aufeinander auf und bestimmen das Verhältnis der Zusatzurlaubsansprüche zueinander1. Aus § 27 Abs. 3.1 Satz 2 TVöD-B ergibt sich ein Nachrangverhältnis des Zusatzurlaubsanspruchs für Nachtarbeitsstunden gegenüber dem Anspruch auf Zusatzurlaub für ständige Wechselschicht- oder Schichtarbeit nach Abs. 1, für dessen Berechnung die dort genannten Zwei- bzw. Viermonatszeiträume maßgeblich sind. Aufgrund der Anordnung der entsprechenden Geltung des Abs. 3.1 Satz 2 besteht dieses Nachrangverhältnis auch in Bezug auf den Zusatzurlaub für nächtliche Bereitschaftsdienststunden nach § 27 Abs. 3.4 TVöD-B. Es kann nur dann zum Tragen kommen, wenn für die Berechnung der Zusatzurlaubsansprüche für Nachtarbeits- und nächtliche Bereitschaftsdienststunden nach § 27 Abs.b 3.1, Abs. 3.4 TVöD-B auf dieselben Zeiträume abgestellt wird, die für den Zusatzurlaub für Wechselschicht- oder Schichtarbeit nach Abs. 1 relevant sind.

Die Auffassung, wonach unter „Zeiträumen“ iSd. § 27 Abs. 3.1 Satz 2 TVöD-B die schichtplanmäßig geleisteten und bei der Berechnung des Zusatzurlaubsanspruchs wegen Wechselschicht- oder Schichtarbeit berücksichtigten Arbeitsstunden zu verstehen seien, ist mit dem tariflichen Rangverhältnis der Zusatzurlaubsansprüche für Schicht- und Nachtarbeit nicht vereinbar. Arbeitsstunden, die innerhalb des Schichtplans erbracht werden, und außerhalb des Schichtplans erbrachte Bereitschaftsdienststunden schließen sich wechselseitig aus. Der Bereitschaftsdienst unterbricht die tägliche Arbeit. Sieht ein Schichtplan neben einer regelmäßigen täglichen Arbeitszeit an bestimmten Tagen Bereitschaftsdienst vor, legt er die regelmäßige Arbeitszeit des Beschäftigten mit einem im Voraus feststehenden Unterbrechungszeitraum fest, der außerhalb der regelmäßigen Arbeitszeit liegt2. Die Nichtberücksichtigung der schichtplanmäßig geleisteten Arbeitsstunden bei der Berechnung des Zusatzurlaubs für nächtliche Bereitschaftsdienststunden würde daher in keiner denkbaren Konstellation dazu führen, dass nächtliche Bereitschaftsdienststunden gemäß § 27 Abs. 3.4 Satz 2 iVm. Abs. 3.1 Satz 2 TVöD-B „unberücksichtigt bleiben“. Dann aber stünde der Anspruch auf Zusatzurlaub für nächtliche Bereitschaftsdienste gleichrangig neben dem Anspruch auf Zusatzurlaub für ständige Wechselschicht- und Schichtarbeit, was dem tariflichen Regelungskonzept widerspräche.

Der Hinweis, es verbleibe nur unter Zugrundelegung seines Verständnisses bei Arbeitnehmern, die ständig Wechselschicht- oder Schichtarbeit und darüber hinaus nächtliche Bereitschaftsdienste leisten, Raum für die Kappung der Zusatzurlaubsansprüche nach § 27 Abs. 4 TVöD-B, steht dieser Auslegung nicht entgegen. Die Regelung in § 27 Abs. 4 TVöD-B, die bereits vor der Einfügung des Abs. 3.4 in die Norm bestand, hat nach wie vor Bedeutung. Dass die Kappungsgrenze nicht in allen nach Einführung der Zusatzurlaubsansprüche für nächtliche Bereitschaftsdienste zum 1.01.2011 denkbaren Konstellationen greift, hat deshalb keinen Einfluss auf die Auslegung des § 27 Abs.3.1 Satz 2 TVöD-B.

Dieses Normverständnis entspricht auch dem Sinn und Zweck des § 27 Abs. 3.4 TVöD-B. Die Tarifvertragsparteien haben diese Bestimmung gemeinsam mit § 8.1 Abs. 5 mit Wirkung zum 1.01.2011 in den TVöD-B eingefügt, der für nächtliche Bereitschaftsdienste einen Zeitzuschlag von 15 % pro Stunde vorsieht. Damit haben sie eine tarifvertragliche Ausgleichsregelung iSd. § 6 Abs. 5 ArbZG für nächtliche Bereitschaftsdienste geschaffen, die sich erkennbar an die bereits seit 1.08.2006 bestehende Ausgleichsregelung für Nachtarbeitsstunden in § 8 Abs. 1 Satz 2 Buchst. b, § 27 Abs. 3.1 TVöD-B anlehnt. Ebenso wie bei der Nachtarbeit haben die Tarifvertragsparteien bewusst vorrangig einen Zeitzuschlag als Ausgleich für die mit der Leistung von nächtlichen Bereitschaftsdiensten verbundene besondere Belastung vorgesehen. Mit einem – darüber hinausgehenden – Anspruch auf Zusatzurlaub sollten nur diejenigen Nachtarbeits- und nächtlichen Bereitschaftsdienststunden vergütet werden, die außerhalb der Zeiträume geleistet werden, für die bereits Zusatzurlaub für Wechselschicht- oder Schichtarbeit zusteht.

Diese Auslegung des § 27 Abs. 3.4 TVöD-B führt auch nicht zu einer gleichheitswidrigen Schlechterstellung der Arbeitnehmer, denen wegen ständiger Wechselschicht- oder Schichtarbeit aufgrund der Regelungen in § 27 Abs. 3.1 Satz 2 und Abs. 3.4 Satz 2 TVöD-B nie mehr als sechs bzw. drei Zusatzurlaubstage im Kalenderjahr zustehen, im Verhältnis zu den Arbeitnehmern, die nicht ständig Wechselschicht- oder Schichtarbeit leisten und denen sowohl Zusatzurlaub nach Abs. 1 als auch nach Abs. 3.1 und Abs. 3.4 zustehen kann. Ein Verstoß gegen den Gleichheitssatz ist erst dann anzunehmen, wenn die Tarifvertragsparteien es versäumt haben, tatsächliche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede der zu ordnenden Lebensverhältnisse zu berücksichtigen, die so bedeutsam sind, dass sie bei einer am Gerechtigkeitsgedanken orientierten Betrachtungsweise hätten beachtet werden müssen3. Die Tarifvertragsparteien, denen insoweit eine Einschätzungsprärogative zukommt4, haben offensichtlich bei denjenigen Beschäftigten, denen bereits nach § 27 Abs. 1 TVöD-B für ständige Wechselschicht- oder Schichtarbeit sechs bzw. drei Zusatzurlaubstage im Jahr zustehen, einen über den Zeitzuschlag nach § 8 Abs. 1 Satz 2 Buchst. b, § 8.1 Abs. 5 TVöD-B hinausgehenden Ausgleich für geleistete Nachtarbeits- und nächtliche Bereitschaftsstunden für entbehrlich gehalten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Denn die Tarifvertragsparteien durften berücksichtigen, dass Arbeitnehmer, die nach einem Schichtplan tätig sind, sich auf diesen einstellen können5 und dass bei ständigem Einsatz in Schichtarbeit die darüber hinausgehende Heranziehung zu Nachtarbeit und Bereitschaftsdienst ohnehin nur begrenzt zulässig ist. Die Annahme, dass derjenige Arbeitnehmer, der keiner solchen Regelmäßigkeit unterliegt, durch die Heranziehung zur Nachtarbeit oder zum nächtlichen Bereitschaftsdienst höher belastet wird und ihm deshalb – bei Vorliegen der tariflichen Voraussetzungen – bis zu sechs Zusatzurlaubstage zustehen sollen, überschreitet den Spielraum der Tarifvertragsparteien nicht, zumal eine unregelmäßige und ungeplante Heranziehung in sehr viel höherem Maße in das Familienleben und Freizeitverhalten des Betroffenen eingreift6.

Die Regelungen zum Ausgleich für nächtliche Bereitschaftsdienste in § 8.1 Abs. 5, § 27 Abs. 3.4 TVöD-B genügen den Anforderungen an eine tarifvertragliche Ausgleichsregelung iSd. § 6 Abs. 5 ArbZG. Die Tarifvertragsparteien sind grundsätzlich frei darin, wie sie den Ausgleich regeln. Um den gesetzlichen Anspruch nach § 6 Abs. 5 ArbZG zu ersetzen, muss die tarifvertragliche Regelung eine Kompensation für die mit dem nächtlichen Bereitschaftsdienst verbundenen Belastungen vorsehen7. Diese Anforderungen erfüllt der 15%ige Zuschlag nach § 8.1 Abs. 5 TVöD-B.

Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 16. Juli 2014 – 10 AZR 752/13

  1. vgl. BAG 12.12 2012 – 10 AZR 192/11, Rn.20 [zu § 27 TVöD-K idF vom 01.08.2006][]
  2. vgl. BAG 20.01.2010 – 10 AZR 990/08, Rn. 18[]
  3. BAG 11.12 2013 – 10 AZR 736/12, Rn. 14[]
  4. BAG 11.12 2013 – 10 AZR 736/12 – aaO[]
  5. vgl. BAG 11.12 2013 – 10 AZR 736/12, Rn. 22[]
  6. vgl. BAG 11.12 2013 – 10 AZR 736/12, Rn. 23[]
  7. so zur Nachtarbeit: BAG 12.12 2012 – 10 AZR 192/11, Rn. 14[]
  8. zur Zulässigkeit einer sog. OT-Mitgliedschaft im sog. Stufenmodell…

    Schichtarbeit bei der Feuerwehr - und die Berechnung des UrlaubsanspruchsSchicht­ar­beit bei der Feu­er­wehr – und die Berech­nung des… Für Arbeitnehmer in Schichtarbeit sind die Urlaubstage in Tage mit Arbeitspflicht umzurechnen ((vgl. BAG 15.03.2011 - 9 AZR 799/09, Rn. 18 ff., BAGE 137, 221[]

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