Zwei Betriebs­über­gän­ge – und der Wider­spruch gegen den Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses auf den Erst­erwer­ber

Nach dem Wort­laut des § 613a Abs. 6 Satz 2 BGB ist der Wider­spruch gegen­über zwei Per­so­nen mög­lich: gegen­über dem "bis­he­ri­gen Arbeit­ge­ber" oder dem "neu­en Inha­ber". Ein Wider­spruchs­recht gegen­über einem ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­ber ist danach nicht gege­ben 1.

Zwei Betriebs­über­gän­ge – und der Wider­spruch gegen den Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses auf den Erst­erwer­ber

"Bis­he­ri­ger" Arbeit­ge­ber in der Situa­ti­on, in der sich der Arbeit­neh­mer nach zwei Betriebs­über­gän­gen befand, wäre im Sin­ne des Geset­zes die Zwi­schen­er­wer­be­rin gewe­sen. "Bisher/​ig" bedeu­tet: "bis jetzt" 2; "von einem unbe­stimm­ten Zeit­punkt an bis zum heu­ti­gen Tag" 3; "bislang/​bis jetzt/​bis heute/​bis dato/​bis zum heu­ti­gen Tage/​bis zur jet­zi­gen Stun­de" 4. Bezo­gen auf einen Betriebs­über­gang ist der "bis­he­ri­ge Arbeit­ge­ber" der­je­ni­ge, der vor dem aktu­el­len Arbeit­ge­ber den Betrieb inne­hat­te. Seit dem letz­ten Betriebs­über­gang ist "neue Inha­be­rin" iSd. § 613a Abs. 6 Satz 2 BGB die­je­ni­ge, die bei die­sem zwei­ten Betriebs­über­gang den Betrieb erwor­ben hat.

Zur ursprüng­li­chen Betriebs­in­ha­be­rin steht der Arbeit­neh­mer im Zeit­punkt der Erklä­rung sei­nes Wider­spruchs nach dem zwei­ten Betriebs­über­gang aber nicht mehr in einer, auch nicht in einer durch § 613a Abs. 6 BGB ver­mit­tel­ten arbeits­recht­li­chen oder sons­ti­gen ver­trags­recht­li­chen Bezie­hung. Die ursprüng­li­che Betriebs­in­ha­be­rin war bei Zugang des Wider­spruchs nicht "bis­he­ri­ge" Arbeit­ge­be­rin, son­dern hat­te die­se Eigen­schaft bereits durch den zwei­ten Betriebs­über­gang von der Zwi­schen­er­wer­be­rin auf die nun­meh­ri­ge Betriebs­in­ha­be­rin ver­lo­ren. Die Zwi­schen­er­wer­be­rin ver­lor durch die­sen zwei­ten Betriebs­über­gang ihren Sta­tus als "neue Inha­be­rin" und wur­de zur "bis­he­ri­gen Arbeit­ge­be­rin". Die danach erfolg­te Erklä­rung des Wider­spruchs gegen­über der ers­ten Betriebs­in­ha­be­rim als einer frü­he­ren Arbeit­ge­be­rin ging damit ins Lee­re.

Auch sys­te­ma­ti­sche Über­le­gun­gen füh­ren zu dem Ergeb­nis, dass der Wider­spruch nur gegen­über dem "bis­he­ri­gen" Arbeit­ge­ber oder "dem neu­en Inha­ber", den letz­ten Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses betref­fend, erklärt wer­den kann 5.

Dies ent­spricht der Geset­zes­be­grün­dung 6 für das Wider­spruchs­recht. Mit der Wür­de des Men­schen, dem Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit und dem Recht auf freie Arbeits­platz­wahl (Art. 1, 2 und 12 GG) wäre es unver­ein­bar, wenn ein Arbeit­neh­mer ver­pflich­tet wür­de, für einen Arbeit­ge­ber zu arbei­ten, den er nicht frei gewählt hat 7. Bezo­gen auf den Wider­spruch vom 04.10.2011 gegen den Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses am 1.09.2007 von der Beklag­ten zur V kann es inso­fern nur auf eine Arbeits­pflicht des Klä­gers für die V ankom­men. Eine sol­che bestand jedoch am 4.10.2011 nicht mehr, da das Arbeits­ver­hält­nis infol­ge des wei­te­ren Betriebs­über­gangs seit dem 1.12 2008 mit der T bestand.

Das Wider­spruchs­recht gegen einen Über­gang des Arbeits­ver­hält­nis­ses bei Betriebs­über­gang ist in der Richt­li­nie 2001/​23/​EG des Rates vom 12.03.2001 zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über die Wah­rung von Ansprü­chen der Arbeit­neh­mer beim Über­gang von Unter­neh­men, Betrie­ben oder Unter­neh­mens- und Betriebs­tei­len 8 nicht gere­gelt. Es ist jedoch in der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on aner­kannt 9.

Der Inhalt die­ses Rechts ist uni­ons­recht­lich nicht aus­ge­stal­tet; die Rechts­fol­gen eines Wider­spruchs für das Arbeits­ver­hält­nis rich­ten sich nach natio­na­lem Recht 10. Für die Vor­aus­set­zun­gen des Wider­spruchs­rechts ergibt sich nichts ande­res.

Zudem ver­pflich­tet die Richt­li­nie die Mit­glied­staa­ten schon nicht, die Auf­recht­erhal­tung des Arbeits­ver­trags oder Arbeits­ver­hält­nis­ses mit dem Ver­äu­ße­rer für den Fall vor­zu­se­hen, dass der Arbeit­neh­mer sich frei dafür ent­schei­det, den Arbeits­ver­trag oder das Arbeits­ver­hält­nis nicht mit dem Erwer­ber fort­zu­set­zen 11.

Es ist Sache der Mit­glied­staa­ten zu bestim­men, was in einem sol­chen Fall mit dem Arbeits­ver­trag oder dem Arbeits­ver­hält­nis zwi­schen dem Ver­äu­ße­rer und dem Wider­spre­chen­den geschieht 12.

Geht es somit um die Fra­ge eines mög­li­chen Wider­spruchs gegen frü­he­re Betriebs­über­gän­ge oder um die Fra­ge, ob ein Wider­spruch nach Ablauf der Frist des § 613a Abs. 6 Satz 1 BGB noch erklärt wer­den kann oder ob die­se Frist über­haupt zu lau­fen begon­nen hat, so geht es nicht um die Fra­ge uni­ons­recht­lich gere­gel­ter Unter­rich­tun­gen.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 13. Novem­ber 2014 – 8 AZR 776/​13

  1. vgl. auch BAG 24.04.2014 – 8 AZR 369/​13[]
  2. Brock­haus-Wah­rig Deut­sches Wör­ter­buch S. 703 [1980][]
  3. Duden Das gro­ße Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che 3. Aufl. S. 607[]
  4. Knaurs Lexi­kon der sinn­ver­wand­ten Wör­ter S. 116[]
  5. näher BAG 24.04.2014 – 8 AZR 369/​13, Rn.19 ff.[]
  6. BT-Drs. 14/​7760 S.20[]
  7. BAG 22.04.1993 – 2 AZR 50/​92; eben­so zu der Richt­li­nie 2001/​23/​EG: EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 32, Slg. 1992, I‑6577; vgl. auch Art. 1 und Art. 15 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on[]
  8. ABl. EG L 82 vom 22.03.2001 S. 16[]
  9. EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 30 ff. mwN, Slg. 1992, I‑6577[]
  10. EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 37, aaO[]
  11. EuGH 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 35, aaO[]
  12. EuGH 7.03.1996 – C‑171/​94 und – C‑172/​94 – [Merckx, Neu­huys] Rn. 35, Slg. 1996, I‑1253; 16.12 1992 – C‑132/​91, – C‑138/​91 und – C‑139/​91 – [Kats­ikas ua.] Rn. 35, aaO[]