Zwei-Wochen-Frist bei der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses

Nach § 626 Abs. 2 BGB kann die außer­or­dent­li­che Kün­di­gung nur inner­halb von zwei Wochen erfol­gen. Die Frist beginnt in dem Zeit­punkt, in dem der Kün­di­gungs­be­rech­tig­te von den für die Kün­di­gung maß­ge­ben­den Tat­sa­chen Kennt­nis erlangt. Dies ist der Fall, sobald der Kün­di­gungs­be­rech­tig­te eine zuver­läs­si­ge und mög­lichst voll­stän­di­ge posi­ti­ve Kennt­nis der ein­schlä­gi­gen Tat­sa­chen hat, die ihm die Ent­schei­dung dar­über ermög­licht, ob er das Arbeits­ver­hält­nis fort­set­zen soll oder nicht. Auch grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis setzt die Frist nicht in Gang. Zu den maß­ge­ben­den Tat­sa­chen gehö­ren sowohl die für als auch die gegen die Kün­di­gung spre­chen­den Umstän­de [1].

Zwei-Wochen-Frist bei der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses

Geht es um ein straf­ba­res Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers, darf der Arbeit­ge­ber den Fort- und Aus­gang des Ermitt­lungs- und Straf­ver­fah­rens abwar­ten und abhän­gig davon in des­sen Ver­lauf zu einem nicht will­kür­lich gewähl­ten Zeit­punkt kün­di­gen. Für die Wahl des Zeit­punkts bedarf es eines sach­li­chen Grun­des. Wenn der Kün­di­gungs­be­rech­tig­te neue Tat­sa­chen erfah­ren oder neue Beweis­mit­tel erlangt hat und nun­mehr aus­rei­chend Erkennt­nis­se für eine Kün­di­gung zu haben glaubt, kann er dies zum Anlass für den Aus­spruch einer neu­er­li­chen Kün­di­gung neh­men [2].

Der Fort­gang des Ermitt­lungs- und Straf­ver­fah­rens – bei­spiels­wei­se die Erhe­bung der öffent­li­chen Kla­ge und die spä­te­re Ver­ur­tei­lung – kann einen gegen den Arbeit­neh­mer bestehen­den Ver­dacht, er habe sei­ne Ver­trags­pflich­ten ver­letzt, ver­stär­ken [3]. Auch wenn der­ar­ti­ge Umstän­de für sich genom­men – dh. ohne kon­kre­ten, den Kün­di­gungs­grund stüt­zen­den Tat­sa­chen­vor­trag – nicht aus­rei­chen, eine Ver­dachts- oder Tat­kün­di­gung zu begrün­den [4], stel­len sie doch einen Ein­schnitt dar, der in der Lage ist, den Ver­dacht oder die Über­zeu­gung des Arbeit­ge­bers zu ver­stär­ken, und der für den Beginn der Zwei-Wochen-Frist des § 626 Abs. 2 BGB von Bedeu­tung sein kann [5]. Das gilt auch, wenn der Arbeit­ge­ber das Arbeits­ver­hält­nis am Anfang der Ermitt­lun­gen schon ein­mal gekün­digt hat [6].

Für eine Kün­di­gung, die wegen des Ver­dachts einer straf­ba­ren Hand­lung aus­ge­spro­chen wird, gel­ten mit Blick auf § 626 Abs. 2 BGB grund­sätz­lich die­sel­ben Erwä­gun­gen wie für eine Kün­di­gung wegen einer als erwie­sen ange­se­he­nen Straf­tat [7]. Die Mög­lich­keit, die Kün­di­gung an neue Erkennt­nis­se im Straf­ver­fah­ren zu knüp­fen, trägt den mit der Auf­klä­rung straf­ba­rer Hand­lun­gen des Arbeit­neh­mers für den Arbeit­ge­ber ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten und des­sen ein­ge­schränk­ten Ermitt­lungs­mög­lich­kei­ten Rech­nung. Hat der Arbeit­ge­ber eine Kün­di­gung bereits aus­ge­spro­chen, weil er der Auf­fas­sung war, die bis­her ange­stell­ten Ermitt­lun­gen böten ihm eine hin­rei­chen­de Grund­la­ge für einen drin­gen­den Tat­ver­dacht oder den Nach­weis einer schwer­wie­gen­den Pflicht­ver­let­zung, schließt dies eine neu­er­li­che Kün­di­gung bei Hin­zu­tre­ten ver­än­der­ter, die Über­zeu­gung ver­stär­ken­der Umstän­de nicht aus. Zwar stel­len in der Regel weder der Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lun­gen noch eine began­ge­ne Straf­tat einen Dau­er­tat­be­stand dar [8]. Das hin­dert den Arbeit­ge­ber aber nicht dar­an, eine erneu­te Kün­di­gung auf eine ver­än­der­te, weil erwei­ter­te Tat­sa­chen­grund­la­ge zu stüt­zen. Durch eine ein­mal erklär­te Kün­di­gung ver­zich­tet er auf die­ses Recht nicht, mögen auch die Kün­di­gungs­art und die in Rede ste­hen­de Pflicht­ver­let­zung die näm­li­che sein [9].

In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall einer auf Untreue­hand­lun­gen gestütz­ten außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung ange­nom­men, die Frist des § 626 Abs. 2 Satz 2 BGB habe an dem Tag – neu – begon­nen, an wel­chem die Arbeit­ge­be­rin eine Abschrift des Pro­to­kolls der Haupt­ver­hand­lung und des Straf­ur­teils erhal­ten hat.

Die straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lung des Arbeit­neh­mers konn­te die Arbeit­ge­be­rin in der Gewiss­heit bestä­ti­gen, dass die­ser die ihm zur Last geleg­ten Taten tat­säch­lich began­gen hat [10]. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat für den Bun­des­ar­beits­ge­richt bin­dend ange­nom­men, vor Erstat­tung der Straf­an­zei­ge sei­en nicht alle Vor­fäl­le hin­rei­chend auf­ge­klärt gewe­sen. Den Grün­den des Straf­ur­teils, auf die das Lan­des­ar­beits­ge­richt Bezug genom­men hat, ist zu ent­neh­men, dass sich der Arbeit­neh­mer weder zur Sache ein­ge­las­sen, noch Anga­ben zu sei­nen per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen und den Taten gemacht hat­te. Zumin­dest in einem sol­chen Fall bedeu­tet es einen rele­van­ten Erkennt­nis­fort­schritt, dass das mit den Mög­lich­kei­ten der Amts­er­mitt­lung aus­ge­stat­te­te Straf­ge­richt nach Beweis­auf­nah­me den Tat­nach­weis als geführt ansieht und zu einer Ver­ur­tei­lung des Arbeit­neh­mers gelangt [11]. Im Streit­fall kommt hin­zu, dass der Ver­tei­di­ger des Arbeit­neh­mers kei­nen Frei­spruch, son­dern die Ver­hän­gung einer Bewäh­rungs­stra­fe bean­tragt und der Arbeit­neh­mer von der ihm ein­ge­räum­ten Mög­lich­keit, etwas zu sei­ner Ver­tei­di­gung vor­zu­brin­gen, kei­nen Gebrauch gemacht hat. Auch dadurch hat sich die Tat­sa­chen­grund­la­ge erwei­tert, belegt das Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers doch zumin­dest, dass er den Vor­wür­fen nicht mehr aktiv ent­ge­gen tre­ten will.

Es hält sich im tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lungs­spiel­raum, wenn für den Beginn der Frist nicht auf das Datum der Urteils­ver­kün­dung abge­stellt wird, son­dern auf die Zulei­tung des Pro­to­kolls und der schrift­li­chen Urteils­grün­de. Erst durch die Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me von den schrift­li­chen Grün­den hat die Arbeit­ge­be­rin – ange­sichts der Kom­ple­xi­tät des Ver­fah­rens und der Viel­zahl der in Rede ste­hen­den Tat­hand­lun­gen – hin­rei­chen­de Gewiss­heit über den kon­kre­ten Gegen­stand und den Umfang der Ver­ur­tei­lung gewon­nen. Für die­se Sicht­wei­se spricht zudem das in § 406e der Straf­pro­zess­ord­nung ver­bürg­te Recht des Ver­letz­ten auf Akten­ein­sicht durch einen Rechts­an­walt, das die Prü­fung ermög­li­chen soll, ob und in wel­chem Umfang zivil­recht­li­che Ansprü­che mit Erfolgs­aus­sicht gel­tend gemacht wer­den kön­nen [12]. Die Teil­nah­me an der öffent­li­chen Ver­hand­lung ist hier­für kein aus­rei­chen­des Äqui­va­lent. Ob die Arbeit­ge­be­rin die Über­mitt­lung der Schrift­stü­cke auch wegen ihrer Unter­rich­tungs­pflich­ten aus § 102 Abs. 1 BetrVG abwar­ten durf­te, bedarf kei­ner Ent­schei­dung.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 22. Novem­ber 2012 – 2 AZR 732/​11

  1. BAG 27.01.2011 – 2 AZR 825/​09, Rn. 15, BAGE 137, 54; 5.06.2008 – 2 AZR 234/​07, Rn. 18, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 44 = EzA BGB 2002 § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 7[]
  2. BAG 27.01.2011 – 2 AZR 825/​09, Rn. 16 mwN, BAGE 137, 54; 5.06.2008 – 2 AZR 234/​07, Rn.20 mwN, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 44 = EzA BGB 2002 § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 7[]
  3. BAG 27.01.2011 – 2 AZR 825/​09, Rn. 17, 18 mwN, BAGE 137, 54[]
  4. vgl. BAG 25.10.2012 – 2 AZR 700/​11, Rn. 16, DB 2013, 641; 24.05.2012 – 2 AZR 206/​11, Rn. 26, EzA BGB 2002 § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 11[]
  5. BAG 25.10.2012 – 2 AZR 700/​11, Rn. 16, aaO; 27.01.2011 – 2 AZR 825/​09, Rn. 17 ff., aaO[]
  6. BAG 27.01.2011 – 2 AZR 825/​09, Rn.19, aaO[]
  7. BAG 29.07.1993 – 2 AZR 90/​93, zu II 1 c der Grün­de, AP BGB § 626 Aus­schluss­frist Nr. 31 = EzA BGB § 626 Aus­schluss­frist Nr. 4[]
  8. BAG 29.07.1993 – 2 AZR 90/​93, zu II 1 c dd der Grün­de, aaO[]
  9. vgl. BAG 27.01.2011 – 2 AZR 825/​09, Rn.19, BAGE 137, 54; aA Wal­ker Anm. zu AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 49, unter 2[]
  10. vgl. BAG 18.11.1999 – 2 AZR 852/​98, zu II 2 a der Grün­de, BAGE 93, 12[]
  11. vgl. BAG 14.02.1996 – 2 AZR 274/​95, zu II 3 der Grün­de, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 26 = EzA BGB § 626 nF Nr. 160[]
  12. vgl. OLG Ham­burg 21.03.2012 – 2 Ws 11/​12 ua., Rn. 22, wis­tra 2012, 397; zur Ein­sicht in straf­recht­li­che Ermitt­lungs­ak­ten vgl. BVerfG 5.12.2006 – 2 BvR 2388/​06, NJW 2007, 1052[]