Beru­fungs­be­grün­dung per Tele­fax – an das fal­sche Gericht

Die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand setzt nach § 233 Satz 1 ZPO vor­aus, dass die Par­tei ohne ihr Ver­schul­den gehin­dert war, die ver­säum­te Frist ein­zu­hal­ten. Dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ist es jedoch bereits als eige­nes Kon­troll­ver­schul­den anzu­las­ten, dass er bei der ihm oblie­gen­den End­kon­trol­le der Beru­fungs­be­grün­dung die auf dem Schrift­satz ver­merk­te feh­ler­haf­te Tele­fax­num­mer nicht erkannt hat.

Beru­fungs­be­grün­dung per Tele­fax – an das fal­sche Gericht

Es ent­spricht zwar der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass sich ein Rechts­an­walt bei der Über­mitt­lung eines frist­ge­bun­de­nen Antrags als Tele­fax hin­sicht­lich der Rich­tig­keit der Tele­fax­num­mer des Gerichts auf sein zuver­läs­si­ges Per­so­nal ver­las­sen kann, weil sich die anwalt­li­che Prü­fungs­pflicht nur auf die Rich­tig­keit der Bezeich­nung des Gerichts im Sin­ne des § 519 Abs. 1 ZPO bezieht, nicht dage­gen auf die rich­ti­ge pos­ta­li­sche Anschrift oder die rich­ti­ge Wahl der Tele­fax­num­mer, bei der es sich um eine ein­fa­che büro­mä­ßi­ge Auf­ga­be ohne jeden recht­li­chen Bezug han­delt, deren Erle­di­gung der Rechts­an­walt sei­nem geschul­ten, zuver­läs­si­gen Per­so­nal über­las­sen darf 1. Ist jedoch für den Rechts­an­walt bei gehö­ri­ger Auf­merk­sam­keit und Sorg­falt erkenn­bar, dass sei­nem Büro­per­so­nal im Rah­men des ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben­krei­ses Feh­ler unter­lau­fen sind und es Anwei­sun­gen nicht beach­tet hat, muss er selbst tätig wer­den und für die ord­nungs­ge­mä­ße Erfül­lung der betref­fen­den Auf­ga­be Sor­ge tra­gen 2.

So liegt der Fall hier:

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten hät­te ohne Wei­te­res und recht­zei­tig erken­nen kön­nen, dass sei­ne Mit­ar­bei­te­rin nicht die rich­ti­ge Tele­fax-Num­mer des Beru­fungs­ge­richts her­aus­ge­sucht bzw. sich nicht an sei­ne Anwei­sun­gen bezüg­lich des Her­aus­su­chens der Num­mer gehal­ten hat. Unter­halb der Adress­zei­le der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift, die der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten bei der ihm oblie­gen­den End­kon­trol­le des Schrift­sat­zes auf die rich­ti­ge Bezeich­nung des Beru­fungs­ge­richts über­prü­fen muss­te 3, ist auf­grund der druck­tech­ni­schen Her­vor­he­bung ein­deu­tig und auf den ers­ten Blick erkenn­bar eine Tele­fax­num­mer ange­ge­ben, die nicht die­je­ni­ge des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz sein konn­te und die mit­hin ersicht­lich falsch war. Dass eine Tele­fax­num­mer, die mit der Vor­wahl 0221 beginnt, für ein Tele­fax, das nach Koblenz gesen­det wer­den soll, nicht zutref­fen kann, konn­te und muss­te dem in Bonn ansäs­si­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bei der ihm oblie­gen­den End­kon­trol­le des Schrift­sat­zes auch ohne Kennt­nis der rich­ti­gen Tele­fax­num­mer des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz ohne Wei­te­res auf­fal­len. Liegt ein der­ma­ßen offen­sicht­li­cher Feh­ler an solch pro­mi­nen­ter Stel­le wie unmit­tel­bar unter der Gerichts­be­zeich­nung, die der Rechts­an­walt ohne­hin kon­trol­lie­ren muss, vor, kann er sich nicht mehr dar­auf ver­las­sen, dass sei­ne Mit­ar­bei­te­rin den Schrift­satz gleich­wohl ord­nungs­ge­mäß an die rich­ti­ge Tele­fax­num­mer ver­sen­det 4.

Eben­so hat die Beklag­te vor­lie­gend nicht glaub­haft gemacht, dass ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter sei­ner Pflicht zur Orga­ni­sa­ti­on einer wirk­sa­men Aus­gangs­kon­trol­le frist­wah­ren­der Schrift­sät­ze genügt hat.

Ein Rechts­an­walt genügt sei­ner Pflicht zur Orga­ni­sa­ti­on einer wirk­sa­men Aus­gangs­kon­trol­le frist­wah­ren­der Schrift­sät­ze nur dann, wenn er sei­ne Ange­stell­ten anweist, nach einer Über­mitt­lung per Tele­fax anhand des Sen­de­pro­to­kolls zu über­prü­fen, ob der Schrift­satz voll­stän­dig und an das rich­ti­ge Gericht über­mit­telt wor­den ist. Dabei darf sich die Kon­trol­le des Sen­de­be­richts nicht dar­auf beschrän­ken, die auf die­sem aus­ge­druck­te Tele­fax­num­mer mit der zuvor auf­ge­schrie­be­nen, z.B. bereits in den Schrift­satz ein­ge­füg­ten Num­mer zu ver­glei­chen. Viel­mehr muss der Abgleich anhand einer zuver­läs­si­gen Quel­le, etwa anhand eines geeig­ne­ten Ver­zeich­nis­ses vor­ge­nom­men wer­den, um auch Feh­ler bei der Ermitt­lung auf­de­cken zu kön­nen 5. Erst nach der Kon­trol­le des Sen­de­be­richts darf die Frist im Kalen­der gelöscht wer­den 6.

Dem Erfor­der­nis, durch orga­ni­sa­to­ri­sche Anwei­sun­gen nicht nur Feh­ler bei der Ein­ga­be, son­dern auch bei der Ermitt­lung der Tele­fax­num­mer zu erfas­sen, kann aller­dings auch dann genügt wer­den, wenn die Anwei­sung besteht, die im Sen­de­be­richt aus­ge­druck­te Tele­fax­num­mer mit einer schrift­lich nie­der­ge­leg­ten zu ver­glei­chen, die ihrer­seits zuvor aus einer zuver­läs­si­gen Quel­le ermit­telt wor­den ist. Dies setzt jedoch vor­aus, dass dar­über hin­aus die gene­rel­le (oder Ein­zel) Anord­nung besteht, die so ermit­tel­te Num­mer vor der Ver­sen­dung zu über­prü­fen. Der Sen­de­be­richt muss dann nicht mehr zusätz­lich mit der zuver­läs­si­gen Aus­gangs­quel­le ver­gli­chen wer­den 7. Infol­ge des vor­an­ge­gan­ge­nen Abgleichs der auf den Schrift­satz über­tra­ge­nen Tele­fax­num­mer mit der zuver­läs­si­gen Aus­gangs­quel­le ist die Num­mer auf dem Schrift­satz nach die­sem Abgleich bei wer­ten­der Betrach­tung selbst als aus­rei­chen­de zuver­läs­si­ge Quel­le anzu­se­hen. Auch auf die­se Wei­se ist sicher­ge­stellt, dass durch die ange­ord­ne­ten Kon­troll­maß­nah­men sowohl Ermitt­lungs- als auch Ein­ga­be­feh­ler recht­zei­tig auf­ge­deckt wer­den kön­nen 8.

Zu der Ein­rich­tung einer sol­chen wirk­sa­men Aus­gangs­kon­trol­le bei ihrem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten haben die Beklag­ten nichts vor­ge­tra­gen.

Die Beklag­ten haben ledig­lich behaup­tet und glaub­haft gemacht, dass die Mit­ar­bei­te­rin ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ange­wie­sen wor­den sei, den Fax-Sen­de­be­richt aus­zu­dru­cken und auf das Ergeb­nis "OK" sowie auf die Voll­stän­dig­keit der ins­ge­samt 27 über­mit­tel­ten Sei­ten zu prü­fen. Zu gene­rel­len Anwei­sun­gen oder einer Ein­zel­an­wei­sung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten hin­sicht­lich der Kon­trol­le, ob der Schrift­satz an das rich­ti­ge Gericht über­sandt wor­den ist, fin­det sich in ihrem Vor­trag nichts.

Ent­ge­gen der Ansicht der Rechts­be­schwer­de reich­te es nicht aus, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten die Mit­ar­bei­te­rin direkt ange­wie­sen hat, die Tele­fax­num­mer des Beru­fungs­ge­richts aus dem eige­nen Schrei­ben des Beru­fungs­ge­richts vom 13.11.2014 zu ent­neh­men, weil nach Ansicht der Rechts­be­schwer­de die­ser Auf­trag ersicht­lich zugleich auch die Anwei­sung ent­hal­ten haben soll, bei der Aus­gangs­kon­trol­le auf den rich­ti­gen Adres­sa­ten zu ach­ten. Nichts ande­res ergibt sich aus der inso­weit von der Rechts­be­schwer­de zur Stüt­zung ihrer Ansicht zitier­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs 9. Eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung des Rechts­an­walts an sein Büro­per­so­nal, einen frist­wah­ren­den Schrift­satz per Tele­fax an das Beru­fungs­ge­richt zu über­sen­den, macht die wei­te­re Aus­gangs­kon­trol­le auch dann nicht ent­behr­lich, wenn die Anwei­sung erteilt wur­de, die Tele­fax­num­mer aus einem Schrift­satz des Beru­fungs­ge­richts zu über­neh­men 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Febru­ar 2016 – II ZB 8/​15

  1. st. Rspr., sie­he nur BGH, Beschluss vom 23.03.1995 – VII ZB 19/​94, NJW 1995, 2105, 2106; Beschluss vom 03.12 1996 – IX ZB 20/​96, NJW 1997, 948[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 26.11.2007 NotZ 99/​07, NJW 2008, 924 Rn. 12 mwN[]
  3. sie­he nur BGH, Beschluss vom 23.03.1995 – VII ZB 19/​94, NJW 1995, 2105, 2106; Beschluss vom 05.03.2009 – V ZB 153/​08, NJW 2009, 1750 Rn. 8; BVerfG, NJW 2002, 3692, 3693 mwN[]
  4. vgl. OLG Olden­burg, NJW 2007, 1698; OLG Köln, Beschluss vom 12.06.2012 19 U 189/​11 17; Musielak/​Grandel, ZPO, 12. Aufl., § 233 Rn. 50; sie­he hier­zu auch BGH, Beschluss vom 26.05.1994 – III ZB 35/​93, NJW 1994, 2300; Münch KommZPO/​Gehrlein, 4. Aufl., § 233 Rn. 69[]
  5. vgl. nur BGH, Beschluss vom 07.11.2012 – IV ZB 20/​12, NJW-RR 2013, 305 Rn. 9; Beschluss vom 27.03.2012 – VI ZB 49/​11, NJW-RR 2012, 744 Rn. 7; Beschluss vom 12.05.2010 – IV ZB 18/​08, NJW 2010, 2811 Rn. 11; Beschluss vom 04.11.2010 – I ZB 3/​09, VersR 2011, 1543 Rn. 14 jew. mwN[]
  6. BGH, Beschluss vom 07.08.2013 XII ZB 533/​10, NJW 2013, 3183 Rn. 7; Beschluss vom 12.06.2012 – VI ZB 54/​11, NJW-RR 2012, 1267 Rn. 7; Beschluss vom 22.09.2010 XII ZB 117/​10, NJW-RR 2011, 138 Rn. 11 jew. mwN[]
  7. BGH, Beschluss vom 12.05.2010 – IV ZB 18/​08, NJW 2010, 2811 Rn. 14[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 24.10.2013 – V ZB 154/​12, WM 2014, 427 Rn. 8; Beschluss vom 09.06.2015 – VIII ZB 100/​14 10[]
  9. BGH, Beschluss vom 15.06.2011 XII ZB 572/​10, NJW 2011, 2367[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 15.06.2011 XII ZB 572/​10, NJW 2011, 2367 Rn. 13; Beschluss vom 28.02.2013 – I ZB 75/​12, NJW-RR 2013, 1008 Rn. 8 f.[]