Beru­fungs­zu­las­sung in Notar­di­si­zi­pli­nar­sa­chen – und die Frist zur Antrags­be­grün­dung

Die Frist aus § 124a Abs. 4 Satz 4 VwGO (hier: iVm § 105 BNo­tO, § 64 Abs. 2 BDG) zur Begrün­dung des Antrags auf Zulas­sung der Beru­fung ist nicht ver­län­ger­bar.

Beru­fungs­zu­las­sung in Notar­di­si­zi­pli­nar­sa­chen – und die Frist zur Antrags­be­grün­dung

Die zwei­mo­na­ti­ge Frist des § 124a Abs. 4 Satz 4 VwGO, über die der Klä­ger durch die Rechts­mit­tel­be­leh­rung des ober­lan­des­ge­richt­li­chen Urteils unter­rich­tet wor­den war, begann mit der Zustel­lung des Urteils.

Bei der Frist zur Begrün­dung des Antrags auf Zulas­sung der Beru­fung han­delt es sich – wie sich aus § 124a Abs. 4 Satz 4 iVm § 57 Abs. 2 VwGO, § 224 Abs. 2 ZPO ergibt – um eine nicht ver­län­ger­ba­re gesetz­li­che Frist 1. Dem ent­spricht auch die stän­di­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hin­sicht­lich der iden­ti­schen Frist aus § 133 Abs. 3 Satz 1 VwGO zur Begrün­dung des Antrags auf Zulas­sung der Revi­si­on 2.

Auch eine Wie­der­ein­set­zung ver­sag­te der Bun­des­ge­richts­hof in der hier ent­schie­de­nen Notar-Dis­zi­pli­nar­sa­che: Der Klä­ger war ent­ge­gen § 60 Abs. 1 VwGO nicht ohne sein Ver­schul­den an der Ein­hal­tung der Frist gehin­dert.

Eine Frist­ver­säu­mung ist dann ver­schul­det, wenn der Betrof­fe­ne nicht die Sorg­falt wal­ten lässt, die für einen gewis­sen­haf­ten, sei­ne Rech­te und Pflich­ten sach­ge­recht wahr­neh­men­den Betei­lig­ten gebo­ten und ihm nach den gesam­ten Umstän­den zuzu­mu­ten ist 3.

Soweit der Klä­ger gel­tend macht, die Frist­ver­säu­mung sei dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass er die Frist des § 124a Abs. 4 Satz 4 VwGO für eine ver­län­ger­ba­re gesetz­li­che Frist gehal­ten hat, wofür sein Ersu­chen im Frist­ver­län­ge­rung spricht, schließt der dar­in lie­gen­de Rechts­irr­tum sein Ver­schul­den im Sin­ne von § 60 Abs. 1 VwGO gera­de nicht aus. Rechts­irr­tü­mer kom­men als Ent­schul­di­gungs­grund für eine Frist­ver­säum­nis grund­sätz­lich nicht in Betracht 4. Es gehört zu den Auf­ga­ben des als Rechts­an­walt zuge­las­se­nen Klä­gers, Form und Frist einer Rechts­mit­tel­schrift anhand des Geset­zes und gege­be­nen­falls dazu ergan­ge­ner Recht­spre­chung zu über­prü­fen 5. Die Rechts­la­ge ist vor­lie­gend ein­deu­tig. Wie bereits auf­ge­zeigt han­delt es sich nach ein­hel­li­ger Auf­fas­sung bei der Frist des § 124a Abs. 4 Satz 4 VwGO um eine nicht ver­län­ger­ba­re Frist. Eine Prü­fung der Rechts­la­ge durch den Klä­ger hät­te ihn ohne jeden Zwei­fel zu die­ser Erkennt­nis geführt.

Aus dem Hin­weis des Klä­gers auf die in § 64 Abs. 1 Satz 3 BDG vor­ge­se­he­ne Mög­lich­keit, die Frist zur Begrün­dung einer nach § 64 Abs. 1 BDG zuläs­si­gen Beru­fung vor Frist­ab­lauf zu ver­län­gern, resul­tiert eben­falls kein unver­meid­ba­rer, zum Aus­schluss einer schuld­haf­ten Frist­ver­säum­nis füh­ren­der Rechts­irr­tum. § 64 Abs. 1 Satz 4 BDG sieht die Frist­ver­län­ge­rung ledig­lich für die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist bei Urtei­len vor, die auf­grund einer Dis­zi­pli­nark­la­ge ergan­gen sind. Für die hier vor­lie­gen­de Anfech­tungs­kla­ge ist die Beru­fung gemäß § 64 Abs. 2 Satz 1 BDG, in Notar­sa­chen in Ver­bin­dung mit § 105 BNo­tO, erst mit Zulas­sung durch das zustän­di­ge Beru­fungs­ge­richt zuläs­sig. Das Gesetz ent­hält in § 64 Abs. 2 BDG für den Antrag auf Zulas­sung der Beru­fung die durch § 64 Abs. 1 Satz 3 BDG eröff­ne­te Ver­län­ge­rungs­mög­lich­keit gera­de nicht. Die Unter­schie­de im Wort­laut und der sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­hang zwi­schen den bei­den Absät­zen des § 64 BDG sind der­art ein­deu­tig, dass der vom Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­irr­tum ver­meid­bar und die Frist­ver­säu­mung damit ver­schul­det ist.

Die wei­te­ren, in dem Schrift­satz mit dem Ersu­chen um Frist­ver­län­ge­rung ange­führ­ten Umstän­de ver­mö­gen eine unver­schul­de­te Frist­ver­säum­nis eben­falls nicht zu begrün­den. Bei der urlaubs­be­ding­ten Abwe­sen­heit han­delt es sich erkenn­bar nicht um einen plötz­lich ein­tre­ten­den Umstand, auf den sich der Klä­ger nicht durch ent­spre­chen­de Zeit­pla­nung ange­sichts der bereits am 12.11.2014 begin­nen­den Begrün­dungs­frist hät­te ein­stel­len kön­nen. Gera­de im Hin­blick auf den rund 14tägigen Urlaub hät­te der Klä­ger Vor­keh­run­gen tref­fen müs­sen, um die Begrün­dungs­frist zu wah­ren.

Ent­spre­chen­des gilt auch für den ange­führ­ten Umstand einer – im Übri­gen nicht näher dar­ge­leg­ten – "über­mä­ßig hohen" Arbeits­be­las­tung vor Weih­nach­ten. Eine erheb­li­che Arbeits­über­las­tung des Rechts­an­walts kann eine Wie­der­ein­set­zung nur dann aus­nahms­wei­se recht­fer­ti­gen, wenn sie plötz­lich und unvor­her­seh­bar ein­ge­tre­ten ist und durch sie die Fähig­keit zu kon­zen­trier­ter Arbeit erheb­lich ein­ge­schränkt wird 6. Führt der als Rechts­an­walt und Notar zuge­las­se­ne Klä­ger den ihn betref­fen­den Rechts­streit in eige­ner Per­son, gel­ten kei­ne ande­ren Maß­stä­be als für von einem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten man­da­tier­te Rechts­an­wäl­te. Die aus­nahms­wei­se zur Ent­schul­di­gung auf­grund hoher Arbeits­be­las­tung füh­ren­den Vor­aus­set­zun­gen sind von dem Klä­ger weder vor­ge­tra­gen, geschwei­ge denn glaub­haft gemacht (§ 60 Abs. 2 Satz 2 VwGO) noch sonst ersicht­lich (vgl. § 60 Abs. 2 Satz 4 VwGO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Juli 2015 – NotSt(Brfg) 1/​15

  1. allgM; sie­he nur Dietz in Gär­ditz, VwGO, § 124a Rn. 34 mwN[]
  2. etwa BVerwG, Beschlüs­se vom 22.01.2002 – 5 B 105/​01 Rn. 1; vom 05.06.2009 – 5 B 28/​09 Rn. 2; vom 30.04.2010 – 8 PKH 5/​09 Rn. 7 jeweils mwN[]
  3. BayVGH, Beschluss vom 27.10.2014 – 8 ZB 14.1142 Rn. 7 mwN; OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 14.11.2008 – 3 L 68/​06 Rn. 6[]
  4. vgl. BVerwG, Beschluss vom 22.01.2002 – 5 B 105/​01, Rn. 3; OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 14.11.2008 – 3 L 68/​06 Rn. 9; Dietz aaO § 60 Rn. 34 mwN[]
  5. vgl. BVerwG, Beschluss vom 22.01.2002 – 5 B 105/​01; OVG Sach­sen-Anhalt aaO[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 01.02.2012 – XII ZB 298/​11, Fam­RZ 2012, 621 Rn. 16; vom 08.05.2013 – XII ZB 396/​12 Rn. 8; in der Sache eben­so Bay.VGH, Beschluss vom 29.09.1997 – 8 ZS 97.2401, NJW 1998, 1507 f.[]