Beur­kun­dung ver­meint­li­cher Fir­men­be­stat­tun­gen

Der Notar muss sei­ne Mit­wir­kung bereits bei Hand­lun­gen ver­sa­gen, bei denen erkenn­bar der Ver­dacht besteht, dass uner­laub­te oder unred­li­che Zwe­cke ver­folgt wer­den (§ 14 Abs. 2 BNo­tO, § 4 BeurkG).

Beur­kun­dung ver­meint­li­cher Fir­men­be­stat­tun­gen

Der Bun­des­ge­richts­hof sieht ein Dienst­ver­ge­hen des Notars bereits dar­in, dass der Notar ent­ge­gen § 14 Abs. 2, Abs. 3 Satz 2 BNo­tO, § 4 BeurkG pflicht­wid­rig Beur­kun­dun­gen vor­ge­nom­men hat, mit denen erkenn­bar uner­laub­te oder unred­li­che Zwe­cke ver­folgt wer­den soll­ten.

Das gilt vor allem, wenn der Ver­dacht besteht, dass sei­ne Tätig­keit der Bege­hung von Straf­ta­ten die­nen könn­te 1. Die im Kern nicht bestrit­te­nen Gesche­hens­ab­läu­fe erfül­len auch unter Berück­sich­ti­gung der hier­zu abge­ge­be­nen Erklä­run­gen des Notars den Tat­be­stand eines grob fahr­läs­si­gen Ver­sto­ßes gegen die Pflich­ten aus § 14 Abs. 2, Abs. 3 Satz 2 BNo­tO, der ein Dienst­ver­ge­hen dar­stellt (§ 95 BNo­tO), das die Ver­hän­gung der getrof­fe­nen Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men recht­fer­tigt.

Im vor­lie­gen­den Fall muss­te schon die Anzahl der von der A. Wirt­schafts­diens­te GmbH ver­an­lass­ten Beur­kun­dun­gen dem Notar Anhalts­punk­te zur Prü­fung geben, ob er mög­li­cher­wei­se an ille­ga­len Fir­men­be­stat­tun­gen mit­wirk­te. Bei 180 Über­tra­gungs­be­ur­kun­dun­gen han­del­te es sich um eine auf­fäl­li­ge Anzahl, die die Cha­rak­te­ris­ti­ka ille­ga­ler Fir­men­be­stat­tun­gen auf­wies. Bereits der Umstand, dass regel­mä­ßig eine for­mu­lar­mä­ßi­ge Anbah­nung durch die A. Wirt­schafts­diens­te GmbH der Beur­kun­dung vor­aus­ging, hät­te den Notar zu Recher­chen ver­an­las­sen müs­sen, auch wenn die Beur­kun­dungs­ter­mi­ne mit dem Büro des Notars abge­stimmt wor­den und nicht von der A. Wirt­schafts­diens­te GmbH vor­ge­ge­ben wor­den sind. Dar­über hin­aus bestand hier die wei­te­re Auf­fäl­lig­keit, dass Gesell­schaf­ten, die den ver­schie­dens­ten Bran­chen ange­hör­ten, auf ledig­lich neun­zehn in Form einer Limi­ted Com­pa­ny mit Sitz in Groß­bri­tan­ni­en fir­mie­ren­de Gesell­schaf­ten über­tra­gen wor­den sind und als Ver­tre­ter der über­neh­men­den Gesell­schaf­ten ledig­lich sech­zehn Per­so­nen auf­tra­ten, die regel­mä­ßig zu den Geschäfts­füh­rern der über­nom­me­nen Gesell­schaf­ten bestellt wor­den und in Ber­lin ansäs­sig gewe­sen sind. Für den Notar hät­ten sich bei gebo­te­ner gewis­sen­haf­ter Über­prü­fung dar­aus erheb­li­che Zwei­fel erge­ben müs­sen, ob eine Fort­füh­rung der ope­ra­ti­ven Geschäf­te der über­nom­me­nen Gesell­schaf­ten mög­lich sein wür­de. Der äuße­re Anschein deu­te­te jeden­falls dar­auf hin, dass es sich in der gro­ßen Mas­se um rei­ne Man­tel­ver­käu­fe han­deln dürf­te. Dem ent­spricht, dass nur noch 78 der über­nom­me­nen Gesell­schaf­ten aktiv sind und der Rest auf­ge­löst oder gar gelöscht ist. Die Wür­di­gung des Kam­mer­ge­richts 2, dass es schlicht­weg nicht vor­stell­bar ist, dass ein in Gesell­schafts­an­teil­über­tra­gun­gen erfah­re­ner Notar ange­sichts der fest­ge­stell­ten Umstän­de geglaubt haben könn­te, bei den von ihm beur­kun­de­ten Ver­trä­gen gehe alles mit rech­ten Din­gen zu, ist nahe­lie­gend, jeden­falls nicht zulas­sungs­for­dernd feh­ler­haft. Spä­tes­tens bei der Beur­kun­dung der Über­tra­gung von Gesell­schafts­an­tei­len nach dem Hin­weis­schrei­ben der Notar­kam­mer im Jahr 2012 2012 muss­te es sich dem Notar auf­drän­gen, dass bei den von der A. Wirt­schafts­diens­te GmbH ver­mit­tel­ten Geschäfts­an­teils­über­tra­gun­gen unred­li­che, mög­li­cher­wei­se sogar straf­wür­di­ge Zwe­cke ver­folgt wür­den. Auf­grund der gege­be­nen Ver­dachts­mo­men­te in Form der Viel­zahl ledig­lich Abtre­tun­gen betref­fen­de Beur­kun­dungs­auf­trä­ge durch die A. Wirt­schafts­diens­te GmbH sowie der mit den Beur­kun­dun­gen ver­bun­de­nen Auf­fäl­lig­kei­ten durch die Per­so­nen der Ver­tre­ter und der Über­tra­gung der Geschäfts­füh­rung auf weni­ge Per­so­nen war es nicht erfor­der­lich, dass dem Notar von der Notar­kam­mer die Betei­lig­ten nament­lich und der Beur­kun­dungs­vor­gang im Ein­zel­nen benannt wur­den.

Es ist nicht maß­ge­bend, ob einem Gläu­bi­ger der Gesell­schaf­ten, deren Anteils­über­tra­gun­gen der Notar beur­kun­det hat, Scha­den durch sei­ne Tätig­keit ent­stan­den ist oder das Ver­hal­ten des Notars oder auch der an den Beur­kun­dungs­vor­gän­gen Betei­lig­ten straf­bar war. Der Bun­des­ge­richts­hof teilt nicht die Auf­fas­sung, dass die Über­tra­gung auf eine eng­li­sche Limi­ted den Gläu­bi­ger einer insol­venz­be­droh­ten GmbH bevor­zu­ge, jeden­falls aber nicht benach­tei­li­ge. Allein allein die Fol­gen einer Insol­venz einer im Aus­land ansäs­si­gen Mut­ter­ge­sell­schaft sind für die Gläu­bi­ger der über­tra­ge­nen Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten unwäg­bar, abge­se­hen davon, dass sich Wei­ter­ver­äu­ße­run­gen der über­nom­me­nen Gesell­schafts­an­tei­le durch die im Aus­land ansäs­si­ge Gesell­schaf­te­rin schwe­rer nach­voll­zie­hen las­sen. Die­se nahe­lie­gen­den Über­le­gun­gen muss­ten sich dem in der Beur­kun­dung von Gesell­schafts­an­tei­len erfah­re­nem Notar auf­drän­gen und ihm Anlass sein, kon­kret zu hin­ter­fra­gen, was mit den von ihm auf Ver­mitt­lung der A. Wirt­schafts­diens­te GmbH beur­kun­de­ten Trans­ak­tio­nen bezweckt wer­den soll.

Von die­ser Pflicht war der Notar nicht des­halb ent­las­tet, weil die Geschäfts­füh­rer der über­neh­men­den Gesell­schaft sozi­al ange­passt und geschäft­lich gewandt wirk­ten. Ent­schei­dend ist, dass bei der Viel­zahl der über­nom­me­nen Geschäfts­füh­rer­auf­ga­ben und der Ver­schie­den­heit der Geschäfts­zwei­ge der über­nom­me­nen Geschäfts­an­tei­le eine ord­nungs­ge­mä­ße Geschäfts­füh­rung unwahr­schein­lich, wenn nicht sogar aus­ge­schlos­sen erschei­nen muss­te. Eben­so hät­te den Notar auf­merk­sam machen müs­sen, dass die über­neh­men­den Fir­men ihre inlän­di­sche Geschäfts­an­schrift unter der Anschrift der A. Wirt­schafts­diens­te GmbH begrün­de­ten. Die angeb­li­che Ver­wah­rung der Geschäfts­un­ter­la­gen der vie­len über­tra­ge­nen Gesell­schaf­ten in den Räu­men der A. Wirt­schafts­diens­te GmbH ver­mag den Ver­dacht der gewerb­li­chen Fir­men­be­stat­tung eher zu erhär­ten als aus­zu­räu­men.

All die­se Ver­dachts­mo­men­te hat­ten eine Signal­funk­ti­on, die der Notar nicht unbe­ach­tet las­sen durf­te. Dass der Notar sich für die Grün­de der Über­tra­gun­gen nicht inter­es­sier­te, weil die­se Sache der Ver­trags­par­tei­en sei­en, die ihn nichts angin­gen, stellt ein mit den Pflich­ten eines Notars nicht ver­ein­ba­res, sorg­lo­ses Ver­hal­ten dar. Eine zumin­dest mög­li­che Schä­di­gung Drit­ter, spe­zi­ell der Gläu­bi­ger der über­tra­ge­nen Gesell­schaft, lag auf der Hand. Wenn der Notar ange­sichts die­ser Umstän­de vor­gibt, er habe sich bei all dem nichts Böses gedacht und sei davon aus­ge­gan­gen, das alles habe sei­ne Rich­tig­keit, hat er die Augen ver­schlos­sen vor Beden­ken, die sich ihm hät­ten auf­drän­gen müs­sen.

Dass die Betei­lig­ten vom Notar bzw. der A. Wirt­schafts­diens­te GmbH über die Fol­gen einer Geschäfts­an­teils­über­tra­gung zu unred­li­chen Zwe­cken belehrt wor­den sind, ver­mag den Notar nicht zu ent­las­ten. Die an die Ver­äu­ße­rer gerich­te­ten Fra­gen nach ihrer Zah­lungs­un­fä­hig­keit bzw. einer Über­schul­dung der zu über­tra­gen­den Gesell­schaf­ten waren wenig kon­kret und even­tu­el­le Ant­wor­ten hier­zu auch wenig ver­läss­lich. Der Grund­satz, dass der Notar im Zwei­fel den Anga­ben der Betei­lig­ten ver­trau­en darf 3, gilt umso weni­ger, je gewich­ti­ger die Hin­wei­se auf unred­li­ches Ver­hal­ten sind und je grö­ßer die mög­li­che Unred­lich­keit des ver­folg­ten Zwecks ist. Der unwie­der­bring­li­che Ver­trau­ens­ver­lust in die Red­lich­keit des Notars tritt in der Öffent­lich­keit durch Beur­kun­dun­gen zwei­fel­haf­ter Geschäfts­an­teils­über­tra­gun­gen trotz erfolg­ter Beleh­run­gen gleich­wohl ein.

Die Pflicht­ver­let­zung des Notars stellt ein fahr­läs­si­ges Dienst­ver­ge­hen nach § 95 NotO dar.

Die Ertei­lung eines Ver­wei­ses und die Höhe der Geld­bu­ße ist im Hin­blick dar­auf, dass der Notar nicht vor­sätz­lich, son­dern fahr­läs­sig gehan­delt hat und sich die Ver­fol­gung der ille­ga­len bzw. unred­li­chen Zie­le erst bei zuneh­men­der Anzahl der vom Notar vor­ge­nom­me­nen Beur­kun­dun­gen auf­grund ent­spre­chen­der Anhalts­punk­te mani­fes­tiert hat, ver­hält­nis­mä­ßig. Auch im Fal­le eines fahr­läs­si­gen Ver­sto­ßes gegen § 14 Abs. 2 BNo­tO, § 4 BeurkG wird die Stel­lung des Notars als recht­streu­er unab­hän­gi­ger und unpar­tei­ischer Betreu­er der Inter­es­sen der Betei­lig­ten beein­träch­tigt.

Hin­sicht­lich der übri­gen gel­tend gemach­ten Zulas­sungs­grün­de feh­len begrün­den­de Aus­füh­run­gen in der Antrags­schrift des Notars. Umstän­de, aus denen sich beson­de­re tat­säch­li­che oder recht­li­che Schwie­rig­kei­ten oder eine grund­sätz­li­che Bedeu­tung der Rechts­sa­che (§ 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO i.V.m. § 111d Satz 2 BNo­tO) erge­ben könn­ten, sind weder vor­ge­tra­gen noch ersicht­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Novem­ber 2015 – NotSt(Brfg) 4/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 08.11.2013 – NotSt (B) 1/​13, NJW-RR 2014, 63311; vom 17.11.2008 – NotZ 13/​08, DNotZ 2009, 290, 291; und vom 02.07.1984 – NotZ 4/​84, DNotZ 1985, 487; Kanz­lei­ter in Schippel/​Bracker, BNo­tO 9. Aufl. § 14 Rn.19 ff.; Herr­mann in Schippel/​Bracker aaO § 95 Rn. 15[]
  2. KG, Urteil vom 21.01.2015 – Not 9/​14[]
  3. Kanz­lei­ter in Schippel/​Bracker aaO, § 14 Rn.20[]