Der par­tei­ische Notar des Bau­trä­gers – und die Ent­fer­nung aus dem Amt

Die dau­er­haf­te Ent­fer­nung eines Notars aus sei­nem Amt auf­grund eines gra­vie­ren­den Ver­sto­ßes gegen das Gebot der Unpar­tei­lich­keit ist ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich.

Der par­tei­ische Notar des Bau­trä­gers – und die Ent­fer­nung aus dem Amt

In dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall wur­de der Notar im Jahr 1983 als Notar zur haupt­be­ruf­li­chen Amts­aus­übung bestellt.

Im Jahr 2002 wur­de ihm erst­mals ein Ver­weis erteilt, weil er zwi­schen Sep­tem­ber und Dezem­ber 1998 unter vor­sätz­li­cher Ver­let­zung sei­ner Dienst­pflich­ten aus § 17 Abs. 2a BeurkG a.F. bei der Beur­kun­dung von Ver­kaufs­an­ge­bo­ten eines Bau­un­ter­neh­mens in 155 Fäl­len Bau­trä­ger­ver­trä­ge sys­te­ma­tisch sach­wid­rig in Ange­bot und Annah­me auf­ge­spal­ten sowie in 78 Fäl­len bei Kauf­ver­trä­gen voll­macht­lo­se Ver­tre­ter ein­ge­setzt hat­te.

Im Anschluss an eine Prü­fung sei­ner Amts­ge­schäf­te bean­stan­de­te die Dienst­auf­sichts­be­hör­de im Jahr 2005 eine vom Notar ver­wen­de­te Mak­ler­cour­ta­ge­klau­sel, weil die­se als Schuld­an­er­kennt­nis des Erwer­bers gegen­über dem Mak­ler zu ver­ste­hen gewe­sen und in ihrer gehäuf­ten Ver­wen­dung ein Indiz dafür sei, dass die­se nicht den Inter­es­sen der Betei­lig­ten ent­spro­chen habe oder die Betei­lig­ten nicht über Bedeu­tung und Trag­wei­te der Klau­seln belehrt wor­den sei­en. Dar­auf­hin füg­te der Notar der im Übri­gen weit­ge­hend unver­än­der­ten Klau­sel einen Zusatz an, wonach der Notar "auf die Bedeu­tung die­ser Klau­sel" und ins­be­son­de­re dar­auf hin­ge­wie­sen habe, "… dass hier­durch kein Ver­trag zu Guns­ten Drit­ter begrün­det wird". In die­ser Form ver­wen­de­te der Notar die Cour­ta­ge­klau­sel – jeweils auf Wunsch der Mak­ler – im Zeit­raum von 2005 bis 2009 in 442 Fäl­len, wobei er weder prüf­te, ob die Auf­nah­me der Klau­sel dem Wil­len der Urkunds­be­tei­lig­ten ent­sprach, noch tat­säch­lich über die Bedeu­tung der Klau­sel belehr­te. Die Beur­kun­dung die­ser Klau­seln rech­ne­te der Notar aus dem Wert der Mak­ler­cour­ta­ge ab und behan­del­te die­se Amts­ge­schäf­te als gegen­stands­ver­schie­den zur Beur­kun­dung des Kauf­ver­trags.

Nach einer wei­te­ren Geschäfts­prü­fung im Jah­re 2009 wur­de im Juli 2010 gegen den Notar ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren wegen Nicht­bei­trei­bung von Gebüh­ren ein­ge­lei­tet. Im wei­te­ren Ver­lauf wur­de das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren um den Vor­wurf der Kos­ten­er­he­bung trotz unrich­ti­ger Sach­be­hand­lung sowie um den Vor­wurf der oben genann­ten feh­ler­haf­ten Beur­kun­dung von Mak­ler­klau­seln erwei­tert. Eine noch­ma­li­ge Erwei­te­rung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens erfolg­te nach einer Son­der­prü­fung der Amts­ge­schäf­te des Notars im Jahr 2012 wegen nicht erfolg­ter bezie­hungs­wei­se ver­zö­ger­ter Bei­trei­bung von Notar­ge­büh­ren in Höhe von 435.000 €.

Im Juli 2013 erhob die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung Dis­zi­pli­nark­la­ge gegen den Notar mit dem Ziel sei­ner Ent­fer­nung aus dem Amt. Zur Begrün­dung wur­de aus­ge­führt, der Notar habe in min­des­tens 442 Fäl­len wider­sprüch­li­che Mak­ler­klau­seln selbst beur­kun­det und in jeden­falls 455 Fäl­len Mak­ler­klau­seln feh­ler­haft abge­rech­net. Er habe zudem im Zeit­raum von 2002 bis 19.10.2011 Gebüh­ren­for­de­run­gen in Höhe von min­des­tens 660.000 € nicht oder nicht bin­nen ange­mes­se­ner Frist bei­ge­trie­ben und teil­wei­se in unzu­läs­si­ger Wei­se Stun­dungs­ver­ein­ba­run­gen oder Ver­jäh­rungs­ver­zichts­ver­ein­ba­run­gen getrof­fen.

Mit Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Köln 1 wur­de der Notar dau­er­haft aus dem Amt als Notar ent­fernt. In den Ent­schei­dungs­grün­den heißt es unter ande­rem, dem Notar sei ein ein­heit­li­ches Dienst­ver­ge­hen im Sin­ne des § 95 der Bun­des­no­tar­ord­nung (BNo­tO) vor­zu­wer­fen, weil auf­grund des im Wesent­li­chen unstrei­ti­gen Sach­ver­halts davon aus­zu­ge­hen sei, dass er jeden­falls grob fahr­läs­sig in 442 Fäl­len wider­sprüch­li­che Mak­ler­klau­seln beur­kun­det und in 455 Fäl­len hier­für Notar­ge­büh­ren in Höhe von ins­ge­samt 20.463, 99 € berech­net und ver­ein­nahmt habe. Außer­dem habe er im Zeit­raum vom 01.01.2002 bis 19.10.2011 teil­wei­se vor­sätz­lich und im Übri­gen jeden­falls fahr­läs­sig Gebüh­ren in Höhe von 606.441, 98 € nicht oder ver­zö­gert bei­ge­trie­ben, wobei sich ein Anteil von 75 % der Außen­stän­de gegen Per­so­nen rich­te, die im Immo­bi­li­en­sek­tor tätig oder tätig gewe­sen sei­en. Die Pflicht­ver­let­zun­gen sei­en auch vor dem Hin­ter­grund der dis­zi­pli­na­ri­schen Vor­be­las­tung und der bei der Geschäfts­prü­fung im Jah­re 2005 erho­be­nen Bean­stan­dun­gen als außer­or­dent­lich gra­vie­rend anzu­se­hen und offen­bar­ten einen schwer­wie­gen­den Man­gel an dienst­li­cher Ver­ant­wor­tung und Ein­sicht in die Anfor­de­run­gen, die im Inter­es­se der All­ge­mein­heit, der Recht­su­chen­den und auch des Anse­hens des Notar­stands an die Amts­füh­rung eines Notars gestellt wer­den müss­ten.

Die hier­ge­gen erho­be­ne Beru­fung des Notars hat der Bun­des­ge­richts­hof zurück­ge­wie­sen 2. Auf­grund der schuld­haf­ten Amts­pflicht­ver­let­zun­gen des Notars und des damit began­ge­nen ein­heit­li­chen Dienst­ver­ge­hens kom­me bei der gebo­te­nen Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de eine weni­ger ein­griffs­in­ten­si­ve Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me als des­sen Ent­fer­nung aus dem Amt (§ 97 Abs. 1 Satz 1 BNo­tO) nicht in Betracht.

Mit der Beur­kun­dung der inhalt­lich in sich wider­sprüch­li­chen Cour­ta­ge­klau­sel habe der Notar in unstrei­tig min­des­tens 442 Fäl­len gegen sei­ne Amts­pflich­ten aus § 17 Abs. 1 BeurkG ver­sto­ßen. Dem kom­me beson­de­res Gewicht zu. Bei den Auf­ga­ben, die den Nota­ren über­tra­gen sei­en, han­de­le es sich um Staats­auf­ga­ben vor­sor­gen­der Rechts­pfle­ge. Ver­stö­ße, die sich als unzu­rei­chen­de Erfor­schung des Wil­lens der Urkunds­be­tei­lig­ten erwie­sen und mit der Gefahr unzu­rei­chen­der Sor­ge um die Inter­es­sen zumin­dest eines Betei­lig­ten ver­bun­den sei­en, stell­ten die vor­sor­gen­de Rechts­pfle­ge in Fra­ge. Der Notar kön­ne sich bei der Ver­wen­dung der wider­sprüch­li­chen Cour­ta­ge­klau­sel nicht auf einen "Seri­en­feh­ler" beru­fen; denn er habe bei jeder Beur­kun­dung den Wil­len der Betei­lig­ten zu erfor­schen und über Bedeu­tung und Trag­wei­te ver­wen­de­ter Klau­seln auf­zu­klä­ren. Über­dies habe die Klau­sel stets den Mak­ler begüns­tigt. Der hier­durch erzeug­te Schein der Par­tei­lich­keit wer­de durch die Tat­sa­che, dass der Notar die Klau­sel bei der Abrech­nung selbst als Schuld­an­er­kennt­nis beur­teilt habe, noch ver­stärkt.

Der Notar habe zudem vor­sätz­lich gegen die in § 17 Abs. 1 BNo­tO und § 140 Kos­tO a.F. sta­tu­ier­te Pflicht zur Gebüh­ren­er­he­bung ver­sto­ßen, indem er – in 75 % der Fäl­le gegen­über Schuld­nern aus der Immo­bi­li­en­bran­che bestehen­de – Gebüh­ren­an­sprü­che in einer Höhe von ins­ge­samt 606.441, 98 € ent­we­der gar nicht oder nur ver­zö­gert durch­ge­setzt habe. Auch Ver­stö­ße gegen § 17 Abs. 1 BNo­tO kämen als Dienst­ver­ge­hen im Sin­ne des § 95 BNo­tO und damit als Grund­la­ge für Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men in Betracht. Ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken bestün­den – auch unter dem vom Notar ange­spro­che­nen Gesichts­punkt inhalt­li­cher Bestimmt­heit – nicht. Aus dem Wort­laut erge­be sich unmiss­ver­ständ­lich eine Amts­pflicht des Notars. Aus­nah­men von der Gebüh­ren­er­he­bungs­pflicht sei­en in Satz 2 der Vor­schrift nor­miert. Zwar las­se sich § 17 Abs. 1 BNo­tO in der Tat nicht unmit­tel­bar ent­neh­men, inner­halb wel­cher Fris­ten der Notar sei­ne Gebüh­ren­er­he­bungs­pflicht zu erfül­len habe. Ange­sichts der gesetz­lich gere­gel­ten Aus­nah­men von der Erhe­bungs­pflicht in § 17 Abs. 1 Satz 2 BNo­tO las­se sich aber unter Berück­sich­ti­gung des Rege­lungs­zwecks der Vor­schrift erken­nen, dass eine Pflicht­ver­let­zung jeden­falls dann ein­tre­te, wenn der Ver­zicht auf die Durch­set­zung der Gebüh­ren­for­de­rung oder deren ver­zö­ger­te Art und Wei­se im tat­säch­li­chen Ergeb­nis auf einen Gebüh­ren­er­lass oder eine Gebüh­ren­er­mä­ßi­gung hin­aus­lie­fen. Dem­entspre­chend habe das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch eine ledig­lich "mit­tel­ba­re" Ver­let­zung von § 17 Abs. 1 BNo­tO als eine Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men begrün­den­de Amts­pflicht­ver­let­zung ver­fas­sungs­recht­lich nicht bean­stan­det. Abwei­chend von der Bewer­tung durch das Ober­lan­des­ge­richt erwie­sen sich bei einer Wür­di­gung aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de die Ver­stö­ße gegen die Gebüh­ren­bei­trei­bungs­pflicht nicht nur in den Fäl­len der Stun­dungs­ver­ein­ba­run­gen, son­dern sämt­lich als vor­sätz­lich. Anhalts­punk­te für einen nicht ver­meid­ba­ren Irr­tum habe der Notar nicht vor­ge­tra­gen. Sein Hin­weis auf das Feh­len ein­schlä­gi­ger Lite­ra­tur und Recht­spre­chung über die Art und Wei­se der Gebüh­ren­bei­trei­bung ände­re dar­an nichts; denn bereits aus Wort­laut, Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Zweck der Vor­schrift las­se sich erken­nen, dass ein über Jah­re geüb­ter, ganz über­wie­gend Schuld­ner aus der Immo­bi­li­en­bran­che begüns­ti­gen­der und im Ergeb­nis zu Außen­stän­den im sechs­stel­li­gen Bereich füh­ren­der Ver­zicht auf die Durch­set­zung von Gebüh­ren­for­de­run­gen mit den Amts­pflich­ten des Notars schlech­ter­dings unver­ein­bar sei.

Ins­ge­samt las­se das Ver­hal­ten des Notars den Schluss zu, dass er plan­mä­ßig und unter Ver­let­zung meh­re­rer bedeut­sa­mer Dienst­pflich­ten den Inter­es­sen von Man­dan­ten aus der Immo­bi­li­en­bran­che ent­ge­gen­ge­kom­men sei, um sich hier­durch unbe­rech­tig­te Vor­tei­le im Wett­be­werb mit ande­ren Nota­ria­ten zu ver­schaf­fen. In der Gesamt­schau erge­be sich ein so schwer­wie­gend dienst­pflicht­wid­ri­ges, auf ein­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me auf die Inter­es­sen von Urkunds­be­tei­lig­ten aus dem Immo­bi­li­en­be­reich gerich­te­tes Ver­hal­ten, dass ein wei­te­rer Ver­bleib im Amt mit des­sen Prä­gung als unpar­tei­isch und unab­hän­gig nicht ver­ein­bar sei.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men:

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bereits geklärt, dass die Gebüh­ren­er­he­bungs­pflicht für Nota­re kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken begeg­net 3. Durch die Ver­pflich­tung zur Erhe­bung der gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Gebüh­ren soll nament­lich ver­hin­dert wer­den, dass es zu einem Ver­drän­gungs­wett­be­werb unter Nota­ren kommt. Die Vor­schrift bezweckt die Siche­rung einer funk­ti­ons­fä­hi­gen Rechts­pfle­ge; denn sie soll das Bestehen leis­tungs­fä­hi­ger Nota­ria­te und die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit nota­ri­el­len Dienst­leis­tun­gen sichern. Sie dient damit einem wich­ti­gen Gemein­wohl­be­lang 4. Die­ser ist gefähr­det, wenn sich ein Notar Wett­be­werbs­vor­tei­le etwa dadurch ver­schafft, dass er das Ent­ste­hen von Zusatz­ge­büh­ren sys­te­ma­tisch ver­ei­telt und auf die­se Wei­se den Recht­su­chen­den sei­ne Amts­tä­tig­keit gegen gerin­ge­re Kos­ten anbie­ten kann 5. Nichts ande­res kann gel­ten, wenn der Notar die tat­säch­li­che Belas­tung der Kos­ten­schuld­ner mit den Gebüh­ren und Aus­la­gen für sei­ne Amts­tä­tig­keit dadurch redu­ziert, dass er ent­stan­de­ne Kos­ten zwar berech­net, dann jedoch sys­te­ma­tisch nicht oder jeden­falls nicht voll­stän­dig bei­treibt.

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist eben­falls geklärt, dass es sich beim Amt eines Notars um einen staat­lich gebun­de­nen Beruf han­delt, des­sen Nähe zum öffent­li­chen Dienst Son­der­re­ge­lun­gen zulässt 6. Dass der Notar dabei beson­de­ren Berufs­pflich­ten unter­wor­fen ist, die die Unpar­tei­lich­keit und Unab­hän­gig­keit des Nota­ri­ats sicher­stel­len sol­len, ist von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den.

Die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist nicht zur Durch­set­zung von Grund­rech­ten des Notars ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG).

Der Notar hat eine Ver­let­zung der gerüg­ten Grund­rech­te nicht im Sin­ne von § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG hin­rei­chend dar­ge­legt 7.

Nach § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG ist ein Notar gehal­ten, den Sach­ver­halt, aus dem sich die Grund­rechts­ver­let­zung erge­ben soll, schlüs­sig dar­zu­le­gen. Er ist des Wei­te­ren ver­pflich­tet, das angeb­lich ver­letz­te Grund­recht oder grund­rechts­glei­che Recht zu bezeich­nen und sub­stan­ti­iert dar­zu­tun, inwie­weit durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me das bezeich­ne­te Recht ver­letzt sein soll 8. Der Notar muss hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­le­gen, mit wel­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me kol­li­diert; die Mög­lich­keit einer Grund­rechts­ver­let­zung ist deut­lich zu machen 9. Wer­den gericht­li­che Ent­schei­dun­gen ange­grif­fen, muss sich der Notar auch mit deren Grün­den aus­ein­an­der­set­zen 10.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht gerecht.

Der Notar setzt sich mit den Grün­den der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen nicht hin­rei­chend aus­ein­an­der. Er beschränkt sich hin­sicht­lich der ihm vor­ge­wor­fe­nen Ver­let­zung der Gebüh­ren­er­he­bungs­pflicht dar­auf, die Unbe­stimmt­heit der maß­geb­li­chen Vor­schrift zu behaup­ten. Dabei geht er nicht auf die Aus­füh­run­gen des Bun­des­ge­richts­hofs ein, der von einer aus­rei­chend bestimm­ten Ver­pflich­tung auch zur Durch­set­zung von Notar­kos­ten aus­ge­gan­gen ist und dies ein­ge­hend begrün­det hat. Der Notar hat es ins­be­son­de­re ver­säumt, sich mit der Vor­schrift des § 17 Abs. 1 Satz 2 BNo­tO zu befas­sen, die im Zen­trum der Argu­men­ta­ti­on des Bun­des­ge­richts­hofs steht. Die­se Bestim­mung regelt aus­drück­lich die engen Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit eines Erlas­ses oder einer Ermä­ßi­gung von nota­ri­el­len Gebüh­ren und macht die­se über­dies noch von der Zustim­mung der Notar­kam­mer abhän­gig. Dass sich hier­nach § 17 Abs. 1 Satz 1 BNo­tO in der Gesamt­schau mit Satz 2 – wie der Notar meint – auf eine blo­ße Pflicht zur Gebüh­ren­er­he­bung beschränkt und nicht zugleich auch die Bei­trei­bung die­ser Gebüh­ren for­dert, liegt fern und hät­te jeden­falls einer aus­führ­li­chen Begrün­dung durch den Notar bedurft.

Auch die Rüge des Notars, es sei euro­pa, men­schen- und ver­fas­sungs­recht­lich pro­ble­ma­tisch, die Gebüh­ren­er­he­bungs­pflicht mit Gemein­wohl­be­lan­gen zu recht­fer­ti­gen, wird nicht hin­rei­chend aus­ge­führt. Der Notar beruft sich inso­weit nur pau­schal auf Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, legt die­se jedoch weder dar noch erläu­tert er, inwie­weit die dort ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze auf den vor­lie­gen­den Sach­ver­halt maß­geb­lich sein sol­len. Dass sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fer­ner eben­falls bereits mit der Vor­schrift des § 17 BNo­tO befasst und die­se ver­fas­sungs­recht­lich nicht bean­stan­det hat, erwähnt der Notar zwar bei­läu­fig, setzt sich aber auch hier­mit nicht aus­ein­an­der.

Der wei­te­re Ein­wand des Notars, nur straf­ba­res Ver­hal­ten recht­fer­ti­ge eine Amts­ent­he­bung, so dass auch ein etwai­ger Ver­stoß des Notars gegen § 17 Abs. 1 Satz 1 BNo­tO nicht aus­rei­chen kön­ne, ist erkenn­bar unzu­tref­fend. Zwar kommt die dau­ern­de Ent­fer­nung aus dem Amt eines Notars regel­mä­ßig bei straf­recht­li­chen Ver­feh­lun­gen des Notars, aber etwa auch bei gerin­ge­ren Pflicht­ver­let­zun­gen in Betracht 11. Maß­geb­lich ist, dass der Notar so schwe­re Dienst­ver­ge­hen began­gen hat, dass er unwür­dig oder unge­eig­net erscheint, sein Amt wei­ter­hin aus­zu­üben. Er muss für das Notar­amt untrag­bar sein 12. Auch mit die­ser – soweit ersicht­lich – ein­hel­li­gen Auf­fas­sung setzt sich der Notar nicht aus­ein­an­der. Soweit er über­dies behaup­tet, er habe kei­nes­falls vor­sätz­lich, son­dern allen­falls fahr­läs­sig gegen die Gebüh­ren­er­he­bungs­pflicht ver­sto­ßen, legt er auch hier­zu nichts Nähe­res dar. Es hät­te auch inso­weit einer ein­ge­hen­den Befas­sung mit den Ent­schei­dungs­grün­den der ange­grif­fe­nen Urtei­le bedurft, die eine aus­führ­li­che Begrün­dung des Gerichts zur Annah­me des Vor­sat­zes ent­hal­ten.

Schließ­lich legt der Notar nicht nach­voll­zieh­bar dar, dass er die im Jahr 2005 bean­stan­de­te Cour­ta­ge­klau­sel "nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen" geän­dert haben will und daher die Rüge aus dem Jahr 2005 bei der Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me nicht zu sei­nem Nach­teil berück­sich­tigt wer­den dür­fe. Tat­säch­lich hat der Notar die Klau­sel nicht sub­stan­ti­ell geän­dert, son­dern ihr letzt­lich nur einen Satz ange­fügt, wonach er auf die Bedeu­tung der Klau­sel, ins­be­son­de­re auch dar­auf, dass hier­durch kein Ver­trag zuguns­ten Drit­ter begrün­det wer­de, hin­ge­wie­sen habe. Unge­ach­tet des Umstan­des, dass der Notar auf die Bedeu­tung der Klau­sel im Rah­men der Beur­kun­dung tat­säch­lich weder hin­ge­wie­sen noch die­se näher erläu­tert hat, hat er die mit ihr beur­kun­de­te Erklä­rung selbst nach wie vor als Schuld­an­er­kennt­nis behan­delt und ent­spre­chend in sei­ne Kos­ten­rech­nun­gen ein­ge­stellt. Dass hier­mit für ihn kei­ne Vor­tei­le ver­bun­den waren, legt er eben­falls nicht nach­voll­zieh­bar dar. Zwar mag der Vor­teil weni­ger in zusätz­li­chen Gebüh­ren begrün­det gewe­sen sein. Die andau­ern­de Ver­wen­dung der Klau­sel erfolg­te aber ein­deu­tig zur Begüns­ti­gung des jeweils betei­lig­ten Mak­lers, der hier­durch moti­viert wer­den konn­te, dem Notar eine kon­stan­te Anzahl an Beur­kun­dungs­ge­schäf­ten zukom­men zu las­sen. Dass dies für das Ver­hal­ten des Notars kei­ne Rol­le gespielt haben soll, ist wenig plau­si­bel. Der Notar legt jeden­falls kei­ne Umstän­de dar, die die­ser nahe lie­gen­den Schluss­fol­ge­rung ent­ge­gen­ste­hen könn­ten.

Unge­ach­tet der dar­ge­leg­ten Defi­zi­te der Beschwer­de­be­grün­dung ist den Umstän­den nach für eine Ver­let­zung von Grund­rech­ten des Notars auch nichts ersicht­lich.

Die Aus­le­gung und Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts sind grund­sätz­lich Sache der dafür zustän­di­gen Fach­ge­rich­te und der Nach­prü­fung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­zo­gen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft in Bezug auf die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen der Rechts­aus­le­gung – abge­se­hen vom hier nicht als ver­letzt gerüg­ten Ver­bot will­kür­li­cher Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts – nur, ob eine ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung Aus­le­gungs­feh­ler erken­nen lässt, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Auf­fas­sung von der Bedeu­tung eines Grund­rechts, ins­be­son­de­re vom Umfang sei­nes Schutz­be­reichs, beru­hen und auch in ihrer mate­ri­el­len Bedeu­tung für den Rechts­fall von eini­gem Gewicht sind 13.

Hier­für lie­gen kei­ne Anhalts­punk­te vor.

Die Annah­me der Aus­gangs­ge­rich­te, der Notar habe durch die Ver­wen­dung der Mak­ler­cour­ta­ge­klau­sel einer­seits sowie die in gro­ßen Umfang unter­blie­be­ne Gebüh­ren­er­he­bung ande­rer­seits sowohl objek­tiv als auch sub­jek­tiv gra­vie­rend gegen das Gebot der Unpar­tei­lich­keit des Notars ver­sto­ßen, begeg­net kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Ange­sichts der Gesamt­hö­he der nicht bei­ge­trie­be­nen Kos­ten, der jah­re­lan­gen stän­di­gen Pra­xis der "Stun­dun­gen" und der weit über­wie­gen­den Zahl der Begüns­tig­ten aus dem Bereich der Immo­bi­li­en­bran­che ist die Fest­stel­lung des Bun­des­ge­richts­hofs gut nach­voll­zieh­bar, der Notar habe vor­sätz­lich gegen sei­ne Amts­pflicht zur Gebüh­ren­bei­trei­bung ver­sto­ßen. Dies gilt umso mehr, als der Notar offen­sicht­lich schon im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kei­ne sub­stan­ti­ier­ten Anga­ben zu den finan­zi­el­len Ver­hält­nis­sen der ein­zel­nen Kos­ten­schuld­ner machen konn­te. Danach ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass sowohl die Behaup­tung des Notars, er habe sich durch die Ver­wen­dung der wider­sprüch­li­chen Klau­sel allen­falls selbst geschä­digt, als auch sein Ein­wand, er habe ledig­lich dann Gebüh­ren nicht bei­ge­trie­ben, wenn eine Voll­stre­ckung von vorn­her­ein kei­ne Erfolgs­aus­sich­ten ver­spro­chen habe, die Fach­ge­rich­te nicht zu wei­te­ren Ermitt­lun­gen ver­an­lass­ten. Die Grund­rech­te des Notars sind nicht dadurch ver­letzt, dass die Fach­ge­rich­te ange­sichts der hohen Sum­me an nicht bei­ge­trie­be­ner Gebüh­ren sowie der Tat­sa­che, dass die Gebüh­ren­schuld­ner zu mehr als 75 % der Immo­bi­li­en­bran­che zuzu­rech­nen waren, von einer sys­te­ma­ti­schen Bevor­zu­gung aus­ge­gan­gen sind.

Zudem fin­den die Beden­ken des Notars hin­sicht­lich der Bestimmt­heit des § 17 BNo­tO in der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kei­ne Grund­la­ge 14. Es besteht kein Anlass, die­se Recht­spre­chung auf­zu­ge­ben.

Im Rah­men der gebo­te­nen Gesamt­wür­di­gung des Ver­hal­tens des Notars kommt hin­zu, dass auch die bean­stan­de­te Cour­ta­ge­klau­sel zu einer erheb­li­chen Begüns­ti­gung von Unter­neh­mern aus der Immo­bi­li­en­bran­che führt. Sie ver­mit­telt zu Las­ten des Erwer­bers den Ein­druck eines Schuld­an­er­kennt­nis­ses zum Vor­teil des am eigent­li­chen Rechts­ge­schäft nicht betei­lig­ten Mak­lers. Dass dies dem Notar nicht bewusst gewe­sen sein soll, er viel­mehr "in bes­tem Wis­sen und Gewis­sen" gehan­delt haben will, ist mehr als nur fern­lie­gend, zumal er die Klau­sel selbst im Rah­men der Abrech­nung als Schuld­an­er­kennt­nis behan­delt hat. Inso­weit haben die Aus­gangs­ge­rich­te nach­voll­zieh­bar dar­auf abge­stellt, dass der Notar die Klau­sel trotz der dienst­recht­li­chen Bean­stan­dung im Jahr 2005 nicht sub­stan­ti­ell geän­dert, son­dern nur gering­fü­gig ergänzt hat. Ihm war damit bewusst, dass die fort­ge­setz­te und sys­te­ma­ti­sche Ver­wen­dung der Mak­ler­cour­ta­ge­klau­sel gegen sei­ne Amts­pflich­ten ver­stößt.

Die Tat­sa­che, dass der Notar die genann­te Klau­sel in min­des­tens 442 Fäl­len ver­wen­det hat, wur­de von den Aus­gangs­ge­rich­ten – wie­der­um in ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se – bei der Bewer­tung des Dienst­ver­ge­hens nicht mil­dernd im Sin­ne eines "Seri­en­feh­lers" ver­stan­den. Denn zum einen wäre der Notar bei jeder Beur­kun­dung erneut ver­pflich­tet gewe­sen, den Wil­len der jeweils betei­lig­ten Ver­trags­par­tei­en zu erfor­schen und über Bedeu­tung und Trag­wei­te der ver­wen­de­ten Klau­seln auf­zu­klä­ren. Zum ande­ren erweckt und bestärkt die hohe Fre­quenz der Ver­wen­dung der besag­ten Klau­sel gera­de den Ver­dacht der Par­tei­lich­keit eines Notars, der durch ein­sei­ti­ge Begüns­ti­gung des Ver­trags­ver­mitt­lers einen Anreiz zur dau­er­haf­ten Beauf­tra­gung bezie­hungs­wei­se Emp­feh­lung sei­nes eige­nen Nota­ri­ats zu set­zen beab­sich­tigt.

Schließ­lich begeg­net auch die Rechts­fol­ge der dau­er­haf­ten Ent­fer­nung des Notars aus dem Amt eines Notars kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Notars ist der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit nicht ver­letzt. Die Aus­gangs­ge­rich­te haben bei ihrer Ent­schei­dung Bedeu­tung und Trag­wei­te der Berufs­frei­heit des Notars und deren Beein­träch­ti­gung durch die dau­er­haf­te Ent­fer­nung aus dem Amt erkannt und hin­rei­chend gewür­digt. In nicht zu bean­stan­den­der Wei­se sind die Aus­gangs­ge­rich­te bei einer Gesamt­schau der Amts­pflicht­ver­let­zun­gen von einem so schwer­wie­gend dienst­pflicht­wid­ri­gen, auf ein­sei­ti­ge Rück­sicht­nah­me von Urkunds­be­tei­lig­ten aus dem Immo­bi­li­en­be­reich gerich­te­ten Ver­hal­ten des Notars aus­ge­gan­gen, dass ein wei­te­rer Ver­bleib des Notars im Amt untrag­bar erscheint. Für die Tätig­keit als Notar ist die strik­te Beach­tung der Unpar­tei­lich­keit und Unab­hän­gig­keit im Inter­es­se der Recht­su­chen­den wie im Inter­es­se einer funk­tio­nie­ren­den vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge schlech­ter­dings unver­zicht­bar. Der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit schließt es daher nicht aus, dass mas­si­ve, nament­lich wie­der­hol­te und andau­ern­de schuld­haf­te Ver­stö­ße gegen die­se grund­le­gen­den Amts­pflich­ten einem wei­te­ren Ver­bleib im Notar­amt ent­ge­gen­ste­hen. Dies gilt auch im vor­lie­gen­den Fall. Ins­be­son­de­re war kein mil­de­res Mit­tel ersicht­lich. Inso­weit haben die Fach­ge­rich­te im Aus­gangs­ver­fah­ren zu Recht berück­sich­tigt, dass der Notar hin­sicht­lich der Mak­ler­klau­sel bereits im Jahr 2005 gerügt und die Nicht­bei­trei­bung der Gebüh­ren bereits in einer Geschäfts­prü­fung im Jahr 2009 fest­ge­stellt wor­den war. Weder dies noch die Ein­lei­tung eines Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens haben den Notar dazu ver­an­lasst, sei­ne Geschäfts­prak­ti­ken zu ändern.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 9. April 2015 – 1 BvR 574/​15

  1. OLG Köln, Urteil vom 06.01.2014 – 2 X (Not) 4/​13[]
  2. BGH, Urteil vom 24.11.2014 – NotSt(Brfg) 1/​14[]
  3. vgl. BVerfGK 18, 267, 273[]
  4. vgl. BVerfGE 117, 163, 182; 122, 190, 206[]
  5. BVerfGK 18, 267, 273[]
  6. vgl. BVerfGE 7, 377, 398; 16, 6, 22; 17, 371, 379; 73, 280, 292; 73, 301, 315; 80, 257, 265; 110, 304, 321[]
  7. zu den Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen vgl. BVerfGE 89, 155, 171; 99, 84, 87; 101, 331, 345 f.; 102, 147, 164; 108, 370, 386[]
  8. vgl. BVerfGE 81, 208, 214; 99, 84, 87[]
  9. vgl. BVerfGE 108, 370, 386 f.[]
  10. vgl. BVerfGE 85, 36, 52; 101, 331, 345; 105, 252, 264[]
  11. vgl. Loh­mann, in: Eylmann/​Vaasen, Bundesnotarordnung/​Beurkundungsgesetz, 3. Aufl., 2011, § 97 BNo­tO, Rn. 38[]
  12. Loh­mann, in: Eylmann/​Vaasen, Bun­des­no­tar­ord­nung, a.a.O.; Zim­mer, in: Diehn, BNo­tO, 2015, § 97 Rn. 8[]
  13. vgl. BVerfGE 97, 12, 27; BVerfGK 6, 46, 50; 10, 13, 15; 10, 159, 163; stRspr[]
  14. vgl. BVerfGK 18, 267, 271 ff.[]