Der Ver­mö­gens­ver­fall des Steu­er­be­ra­ters – und die Eröff­nung eines Insol­venz­ver­fah­rens nach eng­li­schem Recht

Der Ein­tritt eines Ver­mö­gens­ver­falls ist nach § 46 Abs. 2 Nr. 4 StBerG auch dann zu ver­mu­ten, wenn das Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Steu­er­be­ra­ters oder Steu­er­be­voll­mäch­tig­ten nicht in Deutsch­land, son­dern in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on nach des­sen Recht eröff­net wor­den ist.

Der Ver­mö­gens­ver­fall des Steu­er­be­ra­ters – und die Eröff­nung eines Insol­venz­ver­fah­rens nach eng­li­schem Recht

Nach § 46 Abs. 2 Nr. 4 StBerG ist die Bestel­lung zu wider­ru­fen, wenn der Steu­er­be­ra­ter in Ver­mö­gens­ver­fall gera­ten ist, es sei denn, dass dadurch die Inter­es­sen der Auf­trag­ge­ber nicht gefähr­det sind. Ein Ver­mö­gens­ver­fall wird u.a. ver­mu­tet, wenn ein Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Steu­er­be­ra­ters eröff­net ist. Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt ist über das Ver­mö­gen der Klä­ge­rin in Eng­land ein Insol­venz­ver­fah­ren (Bankrupt­cy) nach Part IX Insol­vency Act 1986 eröff­net wor­den. Bei die­sem Ver­fah­ren han­delt es sich um ein Insol­venz­ver­fah­ren eines ande­ren Mit­glied­staats, das in Anhang A VO Nr.2015/848 auf­ge­führt ist. Nach Art.19 Abs. 1 VO Nr.2015/848 sind die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet, die Eröff­nung eines Insol­venz­ver­fah­rens durch ein zustän­di­ges Gericht eines Mit­glied­staats anzu­er­ken­nen, sobald die Ent­schei­dung im Staat der Ver­fah­rens­er­öff­nung wirk­sam ist. Mit der VO Nr.2015/848 wird das Ziel einer Ver­bes­se­rung der Effi­zi­enz und Wirk­sam­keit der Insol­venz­ver­fah­ren mit grenz­über­schrei­ten­der Wir­kung und die Ver­mei­dung eines sog. Forum Shop­ping ver­folgt. Wesent­li­cher Bestand­teil der Stra­te­gie ist die gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung von Haupt­in­sol­venz­ver­fah­ren, d.h. Insol­venz­ver­fah­ren, die in dem Mit­glied­staat eröff­net wor­den sind, in des­sen Hoheits­ge­biet der Schuld­ner den Mit­tel­punkt sei­ner haupt­säch­li­chen Inter­es­sen hat (Art. 3 Abs. 1 VO Nr.2015/848).

Vor dem Hin­ter­grund, dass die Eröff­nung eines Insol­venz­ver­fah­rens regel­mä­ßig die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners vor­aus­setzt (§ 17 Abs. 1 InsO, Sec­tion 272 (1) Insol­vency Act 1986), hat der Gesetz­ge­ber in § 46 Abs. 2 Nr. 4 StBerG zum Schutz der Man­dan­ten­in­ter­es­sen eine Rege­lung getrof­fen, die im Fall der im Rah­men eines Insol­venz­ver­fah­rens fest­ge­stell­ten Zah­lungs­un­fä­hig­keit wider­leg­bar einen Ver­mö­gens­ver­fall unter­stellt. Das Gesetz geht beim Vor­lie­gen eines sol­chen Ver­mö­gens­ver­falls ohne Wei­te­res davon aus, dass auf­grund der deso­la­ten wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on des Steu­er­be­ra­ters die Inter­es­sen der Auf­trag­ge­ber gefähr­det sind 1. Denn bei unge­ord­ne­ten Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen besteht die Gefahr, dass der Steu­er­be­ra­ter zur Erlan­gung eines finan­zi­el­len Vor­teils sei­ne beruf­li­chen Pflich­ten ver­let­zen und die Inter­es­sen sei­ner Man­dan­ten nicht mit der erfor­der­li­chen Unab­hän­gig­keit und Nach­hal­tig­keit ver­fol­gen könn­te. Dies gilt ins­be­son­de­re in Anbe­tracht des Umstands, dass der Steu­er­be­ra­ter oft­mals Fremd­gel­der ver­wal­tet und zu die­sem Zweck Treu­hand­kon­ten unter­hält.

Dem Wort­laut des § 46 Abs. 2 Nr. 4 StBerG ist nicht zu ent­neh­men, dass die Vor­schrift ledig­lich auf nach den Bestim­mun­gen der InsO eröff­ne­te Insol­venz­ver­fah­ren Anwen­dung fin­den soll. Viel­mehr gebie­ten Ziel und Zweck der Rege­lung eine Erstre­ckung ihres Anwen­dungs­be­reichs auch auf Insol­venz­ver­fah­ren, die in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on eröff­net wor­den sind, zumal die Mit­glied­staa­ten mit der Ver­ab­schie­dung der VO Nr.2015/848 deut­lich zum Aus­druck gebracht haben, dass sie den in ande­ren Mit­glied­staa­ten eröff­ne­ten Insol­venz­ver­fah­ren glei­che Wir­kun­gen bei­mes­sen, wes­halb ‑zumin­dest aus ver­fah­rens­recht­li­chen Gesichts­punk­ten- eine gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung für not­wen­dig erach­tet wur­de. Es ist kein Grund ersicht­lich, war­um ein nach eng­li­schem Recht eröff­ne­tes Insol­venz­ver­fah­ren, das eben­so wie ein nach deut­schem Recht eröff­ne­tes Insol­venz­ver­fah­ren die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners belegt, bei der Anwen­dung des § 46 Abs. 2 Nr. 4 StBerG kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den soll­te. Das Finanz­ge­richt hat somit zu Recht ent­schie­den, dass im Streit­fall allein der Umstand, dass das Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen der Klä­ge­rin in Eng­land eröff­net wur­de, für die Anwen­dung des § 46 Abs. 2 Nr. 4 StBerG unbe­acht­lich ist. Aus die­sem Grund kommt der von der Beschwer­de auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung zu.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 17. August 2016 – VII B 59/​16

  1. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 04.03.2004 – VII R 21/​02, BFHE 204, 563, BSt­Bl II 2004, 1016; und vom 22.09.1992 – VII R 43/​92, BFHE 169, 286, BSt­Bl II 1993, 203[]