Die unver­züg­li­che Ant­wort an den Man­dan­ten

Nach § 11 Abs. 2 BORA sind Anfra­gen des Man­dan­ten unver­züg­lich zu beant­wor­ten.

Die unver­züg­li­che Ant­wort an den Man­dan­ten

Eine beson­de­re Satz­stel­lung und die Ver­wen­dung eines Fra­ge­zei­chens sind zur Annah­me einer „Anfra­ge“ im Sin­ne von § 11 Abs. 2 BORA nicht erfor­der­lich. Viel­mehr ist es aus­rei­chend, wenn aus der Äuße­rung des Man­dan­ten deut­lich wird, dass die­ser eine Ant­wort des Rechts­an­walts erwar­tet.

Die Anfra­ge eines Man­dan­ten wird unver­züg­lich beant­wor­tet, wenn die Ant­wort ohne schuld­haf­tes Zögern erfolgt (§ 11 Abs. 2 BORA in Ver­bin­dung mit § 121 Abs. 1 Satz 1 BGB), d.h. nach Ablauf einer nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zu bemes­sen­den Prü­fungs- und Über­le­gungs­frist [1].

Jeden­falls auf­grund der kon­kre­ten Umstän­de des hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Falls hat­te sich vor­lie­gend jedoch die an den Rechts­an­walt gestell­te Anfra­ge der Man­dan­tin mit der Been­di­gung des Man­dats erle­digt [2]. Die Man­dan­tin hat­te bereits einen ande­ren Rechts­an­walt man­da­tiert und dürf­te, nach­dem der ande­re Rechts­an­walt nicht sei­ner­seits die Anfra­ge auf­griff; vom Klä­ger kei­ne Aus­kunft mehr erwar­tet haben, zumal die Erb­sa­che nach dem Anwalts­wech­sel inner­halb von drei bis vier Tagen abge­schlos­sen wur­de.

Ein hypo­the­ti­sches Ver­hal­ten des Rechts­an­walts in Gestalt einer von ihm von Anfang an beab­sich­tig­ten Nicht­be­ant­wor­tung der Man­dan­ten­an­fra­ge hat außer Betracht zu blei­ben. Denn nur ein tat­säch­lich erfolg­ter objek­ti­ver Ver­stoß gegen die Pflicht aus § 11 Abs. 2 BORA, nicht hin­ge­gen ein ledig­lich sub­jek­tiv beab­sich­tig­ter, indes bis zur Erle­di­gung der Pflicht man­gels Zeit­ab­laufs nicht began­ge­ner Ver­stoß ver­mag eine miss­bil­li­gen­de Beleh­rung zu begrün­den.

Die Anfra­ge war im vor­lie­gen­den Fall nicht von beson­de­rer Eil­be­dürf­tig­keit und Bedeu­tung. Zwar war, wie aus dem Schrei­ben der Man­dan­tin erkenn­bar wird, die Infor­ma­ti­on der ande­ren Erben über den erst spä­ten Post­ein­gang des Erbaus­ein­an­der­set­zungs­ver­trags bei der Man­dan­tin des Klä­gers für letz­te­re wich­tig. Dies gilt indes nicht für die anläss­lich des vor­ge­nann­ten Anlie­gens eher bei­läu­fig erfol­gen­de Äuße­rung der Man­dan­tin, „wei­ter­hin“ sei die drei­fa­che Ver­trags­aus­fer­ti­gung als Rück­sen­dung nicht ver­ständ­lich. Der Klä­ger durf­te die­se Anfra­ge dahin ver­ste­hen, dass ihre Beant­wor­tung nicht umge­hend erwar­tet wur­de.

Ob eine im Zeit­raum von 12 Tagen nicht erfolg­te Ant­wort auf die Anfra­ge eines Man­dan­ten als schuld­haft ver­zö­gert im Sin­ne von § 11 Abs. 2 BORA in Ver­bin­dung mit § 121 Abs. 1 Satz 1 BGB anzu­se­hen ist, konn­te für den Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall offen blei­ben. Denn eine nicht unver­züg­lich erfolg­te Ant­wort ist vor­lie­gend jeden­falls ange­sichts des Kran­ken­haus­auf­ent­halts des Rechts­an­walts zu ver­nei­nen.

Ange­sichts der durch den Kran­ken­haus­auf­ent­halt beding­ten Abwe­sen­heit des Rechts­an­walts ergibt sich im Hin­blick auf sei­ne Pflicht nach § 11 Abs. 2 BORA Fol­gen­des:

Die Beant­wor­tung der – nicht beson­ders eil­be­dürf­ti­gen – Anfra­ge hat­te, um das Erfor­der­nis der Unver­züg­lich­keit im Sin­ne von § 11 Abs. 2 BORA zu wah­ren, noch nicht bis zum Beginn des Kran­ken­haus­auf­ent­halts des Rechts­an­walts, d.h. inner­halb von vier Tagen nach Ein­gang der Anfra­ge zu erfol­gen.

Ein schuld­haf­tes Zögern kann auch nicht dar­in gese­hen wer­den, dass der Klä­ger nach Rück­kehr aus dem Kran­ken­haus und Wie­der­auf­nah­me sei­ner Tätig­keit nicht an die­sem Tag und den fol­gen­den zwei Tagen bis zum Zugang der Kün­di­gung des Man­dats­ver­hält­nis­ses die Anfra­ge sei­ner Man­dan­tin beant­wor­tet hat. Viel­mehr wäre in Anbe­tracht des zu die­sem Zeit­punkt seit dem Zugang der Anfra­ge ver­stri­che­nen Zeit­raums von ins­ge­samt sie­ben Tagen (unter Abzug der Dau­er des Kran­ken­haus­auf­ent­halts), sei­ner Unter­bre­chung durch den Kran­ken­haus­auf­ent­halt und der feh­len­den beson­de­ren Eil­be­dürf­tig­keit der Anfra­ge zumin­dest eine Beant­wor­tung am ers­ten Werk­tag der Fol­ge­wo­che noch unver­züg­lich im Sin­ne von § 11 Abs. 2 BORA gewe­sen. Ab die­sem Tag war indes – wie aus­ge­führt – eine Beant­wor­tung der Anfra­ge ange­sichts der zwi­schen­zeit­lich erfolg­ten Been­di­gung des Man­dats und der Neu­man­da­tie­rung eines ande­ren Rechts­an­walts nicht mehr erfor­der­lich.

Soweit dem Rechts­an­walt im hier ent­schie­de­nen Fall dar­über hin­aus vor­ge­wor­fen wur­de, er habe gegen­über sei­ner Man­dan­tin auch nicht erläu­tert, war­um er ihrer Bit­te nicht ent­spro­chen habe, die Gegen­sei­te dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ihr der Erbaus­ein­an­der­set­zungs­ver­trag erst­mals per Post am 23.03.2013 zuge­gan­gen sei, ist bereits frag­lich, ob es sich bei der Bit­te der Man­dan­tin über­haupt um eine Anfra­ge im Sin­ne von § 11 Abs. 2 BORA han­del­te und nicht um eine schlich­te Hand­lungs­an­wei­sung. Der vor­ge­nann­te Vor­wurf ist dar­über hin­aus nicht Gegen­stand der miss­bil­li­gen­den Beleh­rung der Beklag­ten vom 19.03.2014. Er durf­te daher vom Anwalts­ge­richts­hof im Rah­men der Prü­fung der Begründ­etheit der miss­bil­li­gen­den Beleh­rung nicht her­an­ge­zo­gen wer­den. Denn durch einen andern­falls erfol­gen­den Aus­tausch der Begrün­dung des ange­foch­te­nen Bescheids durch das Gericht erhiel­te der – an einen bestimm­ten Sach­ver­halt anknüp­fen­de – Bescheid einen ande­ren Rege­lungs­ge­halt und wür­de in sei­nem Wesen ver­än­dert [3]. Die mit einem nicht zutref­fen­den Ver­hal­tens­vor­wurf begrün­de­te miss­bil­li­gen­de Beleh­rung wür­de mit einem gänz­lich neu­en Ver­hal­tens­vor­wurf auf­recht­erhal­ten. Ein sol­ches Nach­schie­ben von Grün­den ist bereits nicht zuläs­sig, wenn es sei­tens der Rechts­an­walts­kam­mer erfolgt [4]. Es ist erst recht nicht zuläs­sig, wenn es im Anfech­tungs­pro­zess sei­tens des Gerichts vor­ge­nom­men wird [5].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Juli 2016 – AnwZ (Brfg) 22/​15

  1. Zuck in Gaier/​Wolf/​Göcken, Anwalt­li­ches Berufs­recht, 2. Aufl., § 43 BRAO/​§ 11 BORA Rn. 18, 34; Schwär­zer in Feuerich/​Weyland, BRAO, 9. Aufl., § 11 BORA Rn. 5, 8; vgl. zu § 121 BGB: BGH, Beschluss vom 15.03.2005 – VI ZB 74/​04, NJW 2005, 1869; Palandt/​Ellenberger, BGB, 75. Aufl., § 121 Rn. 3[]
  2. zur Fra­ge, ob § 11 Abs. 2 BORA auch für nach Man­dats­be­en­di­gung erfol­gen­de Anfra­gen von Man­dan­ten gilt, vgl. Zuck aaO Rn. 32; Römermann/​Günther in Beck­OK­BO­RA, § 11 Rn. 15 [01.01.2015][]
  3. vgl. zum unzu­läs­si­gen Nach­schie­ben von Grün­den durch die (beleh­ren­de) Rechts­an­walts­kam­mer: BGH, Urteil vom 23.04.2012 – AnwZ (Brfg) 35/​11, AnwBl.2012, 769 Rn. 16 f. mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 23.04.2012 aaO[]
  5. zu den Gren­zen der „selb­stän­di­gen Rechts­an­wen­dung durch das Gericht“ vgl. Ger­hardt in Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO Stand Mai 1997, § 113 Rn. 21, Fn. 112 mwN; Kopp/​Schenke, VwGO, 21. Aufl., § 113 Rn. 60[]