Die berufs­recht­li­che Pflicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten

Es besteht eine Berufs­pflicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten. Die­se ist zwar nicht aus­drück­lich in § 50 BRAO gere­gelt, ist aber aus der Gene­ral­klau­sel des § 43 BRAO in Ver­bin­dung mit §§ 675, 667 BGB und inzi­den­ter auch der Vor­schrift des § 50 BRAO zu ent­neh­men.

Die berufs­recht­li­che Pflicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten

In der Lite­ra­tur ist umstrit­ten, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen § 43 BRAO – gegen des­sen Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit kei­ne Beden­ken bestehen1 – anwend­bar ist, wenn spe­zi­el­le berufs­recht­li­che Nor­men feh­len. Wäh­rend Har­tung2 die Ablei­tung einer Berufs­pflicht aus § 43 BRAO für unzu­läs­sig hält, ist nach ande­rer Auf­fas­sung § 43 BRAO ein sub­si­diä­rer Auf­fang­tat­be­stand, aus dem bei Lücken im Gesetz oder in der Berufs­ord­nung Berufs­pflich­ten unmit­tel­bar abge­lei­tet wer­den kön­nen3. Nach wie­der­um ande­rer Ansicht kommt § 43 BRAO als "Trans­port­norm" bei in der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung nicht beson­ders gere­gel­ten Pflich­ten mit berufs­be­zo­ge­nem Inhalt zur Anwen­dung4, regel­mä­ßig aller­dings nicht bei Ver­let­zung rein zivil­recht­li­cher Pflich­ten5.

Der Bun­des­ge­richts­hof lässt dahin­ge­stellt, ob sich eine berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht unmit­tel­bar aus § 43 BRAO ergibt6; sie ist jeden­falls § 43 BRAO in Ver­bin­dung mit §§ 675, 667 BGB zu ent­neh­men. Zivil­recht­li­che Pflich­ten, die den Rechts­an­walt im Rah­men sei­ner Berufs­aus­übung tref­fen, kön­nen in Ver­bin­dung mit § 43 BRAO eine Berufs­pflicht sein, wenn es sich um gro­be Ver­stö­ße han­delt, wel­che die äuße­re Sei­te der Anwalts­tä­tig­keit betref­fen, und mit gewis­sen­haf­ter Berufs­aus­übung und mit der Stel­lung des Rechts­an­walts nicht mehr ver­ein­bar sind7. Das ist bei der Ver­wei­ge­rung der Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten ohne recht­fer­ti­gen­den Grund der Fall. Ein Rechts­an­walt, der – wie im vor­lie­gen­den Fall – die Her­aus­ga­be von Unter­la­gen des Man­dan­ten ver­wei­gert, die die­ser zur Pro­zess­füh­rung benö­tigt, gefähr­det in erheb­li­chem Maße die Ach­tung und das Ver­trau­en der Recht­su­chen­den in die Inte­gri­tät des Berufs­stan­des.

Dass es eine Berufs­pflicht­ver­let­zung dar­stellt, die Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten unge­recht­fer­tigt zu ver­wei­gern, ergibt sich auch aus § 50 BRAO. § 50 Abs. 3 BRAO gewährt dem Rechts­an­walt in bestimm­ten Fäl­len ein Zurück­be­hal­tungs­recht.

Die Rege­lung eines Zurück­be­hal­tungs­rechts in der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung macht über­haupt nur dann Sinn, wenn man gleich­zei­tig für den Nor­mal­fall von einer berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht aus­geht8. Nach § 50 Abs. 3 BRAO kann der Rechts­an­walt sei­nem Auf­trag­ge­ber die Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten ver­wei­gern, bis er wegen sei­ner Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt wor­den ist. Dies gilt nicht, soweit die Vor­ent­hal­tung der Hand­ak­ten oder ein­zel­ner Schrift­stü­cke nach den Umstän­den unan­ge­mes­sen wäre. Die Rege­lung eines Zurück­be­hal­tungs­rechts setzt not­wen­di­ger­wei­se einen Anspruch auf Her­aus­ga­be vor­aus. Dass in der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung ein beson­de­res Zurück­be­hal­tungs­recht gegen­über dem zivil­recht­li­chen Her­aus­ga­be­an­spruch aus § 667 BGB9 gere­gelt wor­den ist, erscheint eher fern­lie­gend, auch wenn es wei­ter­ge­hend aus­ge­stal­tet ist als das zivil­recht­li­che Zurück­be­hal­tungs­recht aus § 273 Abs. 1 BGB10. Der Stand­ort der Rege­lung in der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung im drit­ten Teil "Die Rech­te und Pflich­ten des Rechts­an­walts und die beruf­li­che Zusam­men­ar­beit der Rechts­an­wäl­te" spricht viel­mehr ent­schei­dend dafür, dass das Zurück­be­hal­tungs­recht als Aus­nah­me von einer vor­aus­ge­setz­ten berufs­recht­li­chen Ver­pflich­tung zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten aus­ge­stal­tet wor­den ist. Dazu passt auch die Begriffs­be­stim­mung der Hand­ak­ten "im Sin­ne der Absät­ze 2 und 3 die­ser Bestim­mung" in § 50 Abs. 4 BRAO. Die­se Rege­lung hat ersicht­lich den Zweck, den Umfang der berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht zu kon­kre­ti­sie­ren.

Für eine berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht spricht fer­ner die Rege­lung in § 50 Abs. 2 BRAO. Die Pflicht zur Auf­be­wah­rung der Hand­ak­ten für einen Zeit­raum von fünf Jah­ren nach Been­di­gung des Auf­trags erlischt nur dann vor­zei­tig, wenn der Rechts­an­walt den Auf­trag­ge­ber ver­geb­lich auf­ge­for­dert hat, die Hand­ak­ten in Emp­fang zu neh­men. Der Auf­trag­ge­ber ist danach der­je­ni­ge, dem die Hand­ak­ten zuste­hen.

Dass auch der Gesetz­ge­ber von die­sem Ver­ständ­nis des § 50 BRAO aus­ge­gan­gen ist, bele­gen die Geset­zes­ma­te­ria­li­en. In der Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs11 heißt es zu § 62 E, der inhalt­lich § 50 BRAO ent­spricht: "Für die Aus­übung des Zurück­be­hal­tungs­rechts kön­nen sich aus den Berufs­pflich­ten des Rechts­an­walts im Ein­zel­fall Beschrän­kun­gen erge­ben. So kann die rück­sichts­lo­se Gel­tend­ma­chung des Zurück­be­hal­tungs­rechts für gering­fü­gi­ge Rück­stän­de sich als eine Ver­let­zung der all­ge­mei­nen Berufs­pflicht (§ 55) dar­stel­len und zu einer ehren­ge­richt­li­chen Bestra­fung füh­ren." Wenn schon die Aus­übung des Zurück­be­hal­tungs­rechts in Ein­zel­fäl­len zu einer ehren­ge­richt­li­chen Bestra­fung füh­ren kann, muss dies erst recht für die anlass­lo­se Vor­ent­hal­tung der Hand­ak­ten gel­ten. Dass ein Teil­be­reich der Her­aus­ga­be­pflicht – ein nach den Umstän­den unan­ge­mes­se­nes Zurück­be­hal­ten – nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers eine Berufs­pflicht­ver­let­zung dar­stel­len soll, der wei­ter­ge­hen­de Ver­stoß aber nicht, ist nicht anzu­neh­men. Auch der wei­te­re Satz in den Mate­ria­li­en "Ist der Rechts­an­walt wegen der Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt, so hat er die Hand­ak­ten dem Auf­trag­ge­ber her­aus­zu­ge­ben." spricht dafür, dass der Gesetz­ge­ber eine berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht bejaht hat. Dass damit ledig­lich die zivil­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht gemeint sein soll­te, liegt ange­sichts des Rege­lungs­ge­gen­stands des Geset­zes fern12.

Die anlass­lo­se Zurück­be­hal­tung der Hand­ak­ten stellt auch, anders als der Anwalts­ge­richts­hof meint, ein gra­vie­ren­des Fehl­ver­hal­ten dar. Der Man­dant über­gibt dem Rechts­an­walt sei­ne Unter­la­gen zur Besor­gung des Auf­trags in dem Ver­trau­en, dass die­ser – sein – Rechts­an­walt sich für ihn ein­setzt und sich zumin­dest recht­mä­ßig ver­hält. Kommt es, aus wel­chen Grün­den auch immer, zu einer Been­di­gung des Man­dats und der Man­dant ver­folgt sei­ne Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten auf ande­rem Wege, etwa mit Hil­fe eines ande­ren Rechts­an­walts wei­ter, kann er mit Fug und Recht erwar­ten, dass er sei­ne dem frü­he­ren Bevoll­mäch­tig­ten aus­ge­hän­dig­ten Ori­gi­nal­un­ter­la­gen zurück­er­hält. Das Vor­ent­hal­ten von Ori­gi­nal­un­ter­la­gen kann, gera­de in anhän­gi­gen Ver­fah­ren, zu einer erheb­li­chen Schä­di­gung des Man­dan­ten füh­ren. Ist der Rechts­an­walt hin­sicht­lich sei­ner Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt, ist kei­ner­lei Grund erkenn­bar, der ein sol­ches Ver­hal­ten recht­fer­ti­gen könn­te. Mit einer gewis­sen­haf­ten Berufs­aus­übung (§ 43 BRAO) ist es kei­nes­falls ver­ein­bar, wider­spricht viel­mehr in hohem Maße dem Ver­trau­en, dass der frü­he­re Man­dant in den Rechts­an­walt gesetzt hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Novem­ber 2014 – AnwSt ® 5/​14

  1. vgl. BVerfG, NJW 1990, 2122, 2123; 2001, 3325, 3326 []
  2. BORA/​FAO, 5. Aufl., § 43 BRAO Rn. 11; ders., AnwBl.2008, 782 []
  3. Klei­ne-Cosack, BRAO, 6. Aufl., § 43 Rn. 7, 15 []
  4. Feue­rich in Feuerich/​Weyland, BRAO, 8. Aufl., § 43 Rn. 3, 12 f.; Prüt­ting in Henssler/​Prütting, BRAO, 4. Aufl., § 43 Rn. 21 []
  5. Feue­rich, aaO Rn. 23; Prüt­ting, aaO Rn. 29 []
  6. so Klei­ne-Cosack, aaO Rn. 15 []
  7. Feue­rich, aaO Rn. 24 []
  8. Offer­mann-Burck­art in Henssler/​Prütting, aaO § 50 Rn. 36; Offer­mann-Burck­art, Kam­mer-Mit­tei­lun­gen, RAK Düs­sel­dorf 2008, 282, 284 f. []
  9. dazu BGH, Urteil vom 30.11.1989 – III ZR 112/​88, BGHZ 109, 260, 264 []
  10. vgl. BGH, Urteil vom 03.07.1997 – IX ZR 244/​96, NJW 1997, 2944, 2945 m. Bespr. Borg­mann, AnwBl.1998, 95 []
  11. BT-Drs. 3/​120, S. 79 []
  12. so auch Offer­mann-Burck­art in Henssler/​Prütting, aaO Rn. 40; Offer­mann-Burck­art, aaO S. 285 []