Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gegen einen Notar – und die Erkennt­nis­se aus der Geschäfts­prü­fung

Der Dienst­vor­ge­setz­te hat die Dienst­pflicht, das behörd­li­che Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­zu­lei­ten, sobald zurei­chen­de tat­säch­li­che Anhalts­punk­te vor­lie­gen, die den Ver­dacht eines Dienst­ver­ge­hens recht­fer­ti­gen (§ 17 Abs. 1 Satz 1 BDG, § 96 Abs. 1 Satz 1 BNo­tO).

Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gegen einen Notar – und die Erkennt­nis­se aus der Geschäfts­prü­fung

Gemäß § 20 Abs. 1 Satz 1 BDG ist der Beam­te über die Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens unver­züg­lich zu unter­rich­ten, sobald dies ohne Gefähr­dung der Auf­klä­rung des Sach­ver­halts mög­lich ist.

Danach ist in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall der Beur­kun­dung wahr­schein­lich ille­ga­ler Fir­men­be­stat­tun­gen zwar frag­lich, ob das Ver­fah­ren gegen den Notar nicht bereits zu Beginn der Geschäfts­prü­fung – und nicht erst 5 Mona­te spä­ter – hät­te ein­ge­lei­tet wer­den müs­sen. Die Ver­zö­ge­rung, die der Notar rügt, stellt aber kei­nen wesent­li­chen Man­gel dar, weil sich aus­schlie­ßen lässt, dass ihm durch die erst 5 Mona­te spä­ter erfolg­te Unter­rich­tung über die Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ein Nach­teil erwach­sen ist. Auch wenn im Rah­men der Geschäfts­prü­fung unzu­läs­si­ge Vor­er­mitt­lun­gen durch­ge­führt wor­den wären, um Bewei­se zum Nach­weis der Mit­wir­kung des Notars an den Beur­kun­dun­gen von recht­lich unzu­läs­si­gen oder zumin­dest recht­lich zwei­fel­haf­ten Fir­men­be­stat­tun­gen zu erlan­gen, wirkt sich dies nicht auf die Recht­mä­ßig­keit der Dis­zi­pli­nar­ver­fü­gung aus.

Die Ein­lei­tungs­pflicht gemäß § 17 Abs. 1 Satz 1 BDG und die Unter­rich­tungs­pflicht gemäß § 20 Abs. 1 BDG die­nen zwar auch dem Schutz des Beam­ten. Sie sol­len sicher­stel­len, dass dis­zi­pli­na­ri­sche Ermitt­lun­gen so früh wie mög­lich im Rah­men eines gesetz­lich geord­ne­ten Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens mit sei­nen rechts­staat­li­chen Siche­run­gen zu Guns­ten des Beam­ten, ins­be­son­de­re dem Recht auf Beweis­teil­ha­be gemäß § 24 Abs. 4 BDG, geführt wer­den 1. Sobald sich Ver­mu­tun­gen zu dem Ver­dacht kon­kre­ti­siert haben, ein bestimm­ter Beam­ter habe ein bestimm­tes Dienst­ver­ge­hen began­gen, ver­bie­tet § 17 Abs. 1 Satz 1 BDG, von der Ver­fah­rens­ein­lei­tung abzu­se­hen und den Sach­ver­halt außer­halb eines behörd­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ohne Kennt­nis des Beam­ten zu ermit­teln 2. Ver­stö­ße gegen die Ein­lei­tungs­pflicht des Dienst­vor­ge­setz­ten gemäß § 17 Abs. 1 Satz 1 BDG haf­ten dem Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren aber schon des­halb nicht als Man­gel an, weil sie ihm zeit­lich vor­ge­la­gert sind 3. Sie kön­nen aller­dings zur Unzu­läs­sig­keit des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens gemäß § 32 Abs. 1 Nr. 4 BDG füh­ren, wenn nach § 15 BDG eine Maß­nah­me wegen Zeit­ab­laufs nicht mehr ver­hängt wer­den darf 3. Ver­zö­gert der Dienst­vor­ge­setz­te die Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ent­ge­gen sei­ner Dienst­pflicht gemäß § 17 Abs. 1 Satz 1 BDG, so ist dies bei der Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me gemäß § 13 Abs. 1 und 2 BDG zu berück­sich­ti­gen. Ein sol­ches Ver­hal­ten kann dem Beam­ten als mil­dern­der Umstand zugu­te­kom­men, wenn es für sein wei­te­res Fehl­ver­hal­ten ursäch­lich war 4. Ein Ver­stoß gegen das Recht des Beam­ten auf Beweis­teil­ha­be im behörd­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren kann durch eine nach­träg­li­che Beweis­erhe­bung geheilt wer­den 5. Von die­sen Grund­sät­zen ist auch in einem gegen einen Notar gerich­te­ten Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren aus­zu­ge­hen (vgl. § 96 Abs. 1 Satz 1 BNo­tO).

Danach hat eine ver­spä­te­te Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens gege­be­nen­falls kei­ne Aus­wir­kun­gen auf die Ver­hän­gung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me. Nach dem Grund­satz der Ein­heit des Dienst­ver­ge­hens 6 rich­tet sich der Zeit­punkt der Voll­endung des dem Notar zur Last lie­gen­den Dienst­ver­ge­hens nach der letz­ten Pflicht­ver­let­zung im Beur­kun­dungs­ter­min (hier: 6 Wochen vor der Geschäfts­prü­fung). Ein Maß­nah­me­ver­bot gemäß § 15 BDG wegen Zeit­ab­laufs ist mit­hin nicht gege­ben. Eine Mil­de­rung kommt nicht in Betracht, weil nur Beur­kun­dungs­ter­mi­ne vor der Geschäfts­prü­fung Gegen­stand des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens sind und sich die ver­spä­te­te förm­li­che Ein­lei­tung des Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens ersicht­lich auf sein Fehl­ver­hal­ten nicht aus­ge­wirkt hat. Eine etwai­ge Ver­let­zung des Rechts des Notars auf Beweis­teil­ha­be wäre eben­falls im behörd­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren dadurch geheilt wor­den, dass dem Notar wäh­rend und nach Abschluss der Ermitt­lun­gen Gele­gen­heit gege­ben wor­den ist, Stel­lung zu neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Novem­ber 2015 – NotSt(Brfg) 4/​15

  1. BVerwG, NVwZ 2009, 399 11; Urban/​Wittkowski, BDG, § 17 Rn. 2[]
  2. BVerwG, NVwZ 2009, 399 aaO[]
  3. BVerwG, NVwZ 2009, 399 15[][]
  4. BVerwG, NVwZ 2009, 399 16[]
  5. vgl. BVerwG, NVwZ 2009, 399 18; BVerwG, ZBR 2011, 34 11; Urban/​Wittkowski, BDG, § 24 Rn. 21[]
  6. vgl. Urban/​Wittkowski, BDG, § 15 Rn. 8 mwN[]