Geschäfts­ge­bühr – und das Bestim­mungs­recht des Rechts­an­walts

Mit Blick auf die Rah­men­ge­bühr nach Nr. 2300 VV RVG besteht das aus § 14 Abs. 1 RVG fol­gen­de Bestim­mungs­recht des Rechts­an­walts nicht unbe­schränkt.

Geschäfts­ge­bühr – und das Bestim­mungs­recht des Rechts­an­walts

Eine Gebühr von mehr als 1, 3 kann er nur for­dern, wenn die Tätig­keit umfang­reich oder schwie­rig war. Dies ist von dem Rechts­an­walt dar­zu­le­gen und erfor­der­li­chen­falls zu bewei­sen. Erst dann besteht das Bestim­mungs­recht unter Aus­schöp­fung des gan­zen Gebüh­ren­rah­mens, des­sen Aus­übung einer vol­len gericht­li­chen Nach­prü­fung ent­zo­gen ist 1.

Ist die Gebühr von einem Drit­ten zu erset­zen, trägt die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die Unbil­lig­keit der getrof­fe­nen Bestim­mung gemäß § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG der ersatz­pflich­ti­ge Drit­te 2.

Die Rege­lung ent­spricht § 12 Abs. 1 Satz 2 BRAGO. Ursprüng­lich sah § 12 BRAGO ein Bestim­mungs­recht des Rechts­an­walts nicht aus­drück­lich vor. Dar­aus wur­de geschlos­sen, die Gebühr ent­ste­he kraft Geset­zes, ohne dass es dazu einer Bestim­mungs­hand­lung bedür­fe, und sei gericht­lich voll nach­prüf­bar 3. Mit Gesetz zur Ände­rung des Gerichts­kos­ten­ge­set­zes, des Geset­zes über Kos­ten der Gerichts­voll­zie­her, der Bun­des­ge­büh­ren­ord­nung für Rechts­an­wäl­te und ande­rer Vor­schrif­ten vom 20.08.1975 4 wur­de klar­ge­stellt, dass bei Rah­men­ge­büh­ren die im Ein­zel­fall geschul­de­te Gebühr vom Rechts­an­walt zu bestim­men ist. Dies soll­te bewir­ken, dass zahl­rei­che Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über oft nur gering­fü­gi­ge Beträ­ge nicht ent­ste­hen kön­nen 5. Im Ver­hält­nis zum Man­dan­ten war eine gericht­li­che Über­prü­fung der von dem Rechts­an­walt vor­ge­nom­me­nen Bestim­mung der Gebühr nun­mehr im Sin­ne des § 315 Abs. 3 BGB beschränkt. Mit der Erwäh­nung des ersatz­pflich­ti­gen Drit­ten in § 12 Abs. 1 Satz 2 BRAGO wur­de her­vor­ge­ho­ben, dass die­ser ein selb­stän­di­ges Rüge­recht gegen­über unbil­li­gen Gebüh­ren­be­stim­mun­gen hat 6.

Der auf Ersatz in Anspruch genom­me­ne Drit­te muss auch im Anwen­dungs­be­reich des Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­set­zes die Unbil­lig­keit der Gebüh­ren­hö­he gel­tend machen. Dass er die Tat­sa­chen, aus denen die Unbil­lig­keit folgt, dar­le­gen und bewei­sen muss, ergibt sich nun­mehr aus der For­mu­lie­rung von § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG ("…nicht ver­bind­lich, wenn…"). Dabei ist aller­dings zu berück­sich­ti­gen, dass dem Drit­ten die für die Bestim­mung der Gebühr maß­geb­li­chen Umstän­de häu­fig nicht voll­stän­dig zur Kennt­nis gelan­gen. Selbst der Umfang der anwalt­li­chen Tätig­keit wird ihm regel­mä­ßig nur inso­weit bekannt, als die­se nach außen gerich­tet ist. Sei­nen Geg­ner trifft daher eine sekun­dä­re Dar­le­gungs­last. Die­se ent­steht aller­dings erst dann, wenn der Drit­te die Unbil­lig­keit der getrof­fe­nen Bestim­mung gel­tend gemacht und den ihm mög­li­chen Tat­sa­chen­vor­trag gehal­ten hat.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch für den mate­ri­el­len Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch. Der Wort­laut des § 14 Abs. 1 Satz 4 RVG unter­schei­det nicht zwi­schen dem pro­zes­sua­len und einem mate­ri­el­len Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch. Ins­be­son­de­re setzt er kei­ne gericht­li­che Kos­ten­grund­ent­schei­dung vor­aus. Für eine Dif­fe­ren­zie­rung ist auch sonst kein Grund ersicht­lich. Das mit dem anwalt­li­chen Bestim­mungs­recht und der aus die­sem – auch gegen­über ersatz­pflich­ti­gen Drit­ten – fol­gen­den ein­ge­schränk­ten gericht­li­chen Über­prü­fung ver­folg­te Ziel der Ver­mei­dung von Strei­tig­kei­ten über gering­fü­gi­ge Beträ­ge ist auch im Rechts­streit über einen mate­ri­el­len Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch beach­tens­wert 7.

Aus dem Umstand, dass der V. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs die Rege­lung auf den pro­zes­sua­len Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch ange­wandt hat 8 lässt sich kein Gegen­schluss für mate­ri­el­le Kos­ten­er­stat­tungs­an­sprü­che zie­hen. Der X. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat mit­ge­teilt, dass er an sei­ner gegen­tei­li­gen Ansicht mit Urteil vom 13.11.2013 9 nicht fest­hält.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Sep­tem­ber 2015 – IX ZR 280/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 11.07.2012 – VIII ZR 323/​11, NJW 2012, 2813 Rn. 8 ff[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 20.01.2011 – V ZB 216/​10, ASR 2011, 211 Rn. 8 ff[]
  3. Riedel/​Sußbauer, BRAGO, § 12 Rn. 2[]
  4. BGBl. I S. 2189[]
  5. BT-Drs. 7/​3243 S. 8[]
  6. Riedel/​Sußbauer/​Fraunholz, BRAGO, 7. Aufl., § 12 Rn. 6[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.2011 – IX ZR 110/​10, NJW 2011, 1603 Rn. 15, 18; Jung­bau­er in Bischof/​Jungbauer/​Bräuer/​Curkovic/​Klipstein/​Klüsener/​Uher, RVG, 6. Aufl., § 14 Rn. 126[]
  8. BGH, Beschluss vom 20.01.2011 – V ZB 216/​10, ASR 2011, 211 Rn. 10[]
  9. BGH, Urteil vom 13.11.2013 – X ZR 171/​12, GRUR 2014, 206 Rn. 27[]