Her­aus­ga­be einer Hand­ak­te – und das anwalt­li­che Berufs­recht

Es besteht kei­ne berufs­recht­li­che Pflicht des Rechts­an­walts zur Her­aus­ga­be einer Hand­ak­te.

Her­aus­ga­be einer Hand­ak­te – und das anwalt­li­che Berufs­recht

Zivil­recht­lich besteht ein Anspruch auf Her­aus­ga­be einer Hand­ak­te nach § 675 i.V.m. §§ 666, 667 BGB. Es ent­spricht der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung, dass die anwalt­li­che Tätig­keit grund­sätz­lich einen auf Geschäfts­be­sor­gung gerich­te­ten Dienst­ver­trag dar­stellt (§§ 675, 611 BGB). Auf den Anwalts­dienst­ver­trag fin­den nach § 675 BGB auch die §§ 666, 667 BGB Anwen­dung. Dem­entspre­chend ist der Rechts­an­walt ver­pflich­tet, dem Auf­trag­ge­ber alles, was er zur Aus­füh­rung des Auf­trags erhält und was er aus der Geschäfts­be­sor­gung erlangt, her­aus­zu­ge­ben, § 667 BGB. Die­ser Anspruch wird regel­mä­ßig fäl­lig mit der Aus­füh­rung des ein­zel­nen Auf­trags oder spä­tes­tens mit der Been­di­gung des Auf­trags­ver­hält­nis­ses. Zu den nach § 667 BGB her­aus­zu­ge­ben­den Unter­la­gen gehö­ren auch die Hand­ak­ten des Rechts­an­walts [1].

Neben der zivil­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht besteht nach Ansicht des Anwalts­ge­richts­hofs kei­ne berufs­recht­li­che Pflicht zur Her­aus­ga­be einer Hand­ak­te.

Aus § 50 BRAO lässt sich kei­ne sol­che Pflicht ent­neh­men, auch nicht im Wege der Aus­le­gung.

§ 50 BRAO nennt die Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten allein in sei­nem Absatz 3. In § 50 Abs. 3 BRAO heißt es, dass der Rechts­an­walt sei­nem Auf­trag­ge­ber die Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten ver­wei­gern kann, bis er wegen sei­ner Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt ist. Dies gilt nicht, soweit die Vor­ent­hal­tung der Hand­ak­ten oder ein­zel­ner Schrift­stü­cke nach den Umstän­den unan­ge­mes­sen wäre.

Dem Wort­laut des § 50 Abs. 3 BRAO lässt sich nicht ent­neh­men, dass der Rechts­an­walt zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­te ver­pflich­tet ist und die­se Ver­pflich­tung eine berufs­recht­li­che Pflicht dar­stellt.

Die Beru­fungs­füh­re­rin bemüht einen „Rege­lungs­zu­sam­men­hang“ und führt aus, dass die Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung die berufs­recht­li­chen Pflich­ten des Rechts­an­walts zur Anle­gung und Auf­be­wah­rung der Hand­ak­ten nor­mie­re und die Rege­lung des Zurück­be­hal­tungs­rechts in die­sem Zusam­men­hang nahe­le­ge, dass der Gesetz­ge­ber das Bestehen einer berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht vor­aus­ge­setzt habe [2]. Dem ver­mag der Anwalts­ge­richts­hof nicht zu fol­gen. Die Rege­lung des Zurück­be­hal­tungs­rechts in der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung setzt nicht zwin­gend eine berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht vor­aus. Es gibt kei­nen Grund anzu­neh­men, dass § 50 Abs. 3 BRAO nicht allein das Zurück­be­hal­tungs­recht in Bezug auf eine zivil­recht­lich begrün­de­te Her­aus­ga­be­ver­pflich­tung regelt. Für die Ansicht des Anwalts­ge­richts­hofs spre­chen die Aus­füh­run­gen des Bun­des­ge­richts­hofs in dem zitier­ten Urteil, in dem aller­dings nicht aus­drück­lich die Fra­ge, ob eine berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht besteht, zur Ent­schei­dung anstand. Dort heißt es: “ Zu den nach § 677 BGB her­aus­zu­ge­ben­den Unter­la­gen gehö­ren […] auch die Hand­ak­ten des Rechts­an­walts […]. Die­se Her­aus­ga­be­pflicht wird auch in § 50 BRAO vor­aus­ge­setzt.“.

Eine in § 50 Abs. 3 BRAO inzi­dent gere­gel­te Berufs­pflicht zur Her­aus­ga­be von Hand­ak­ten ergibt sich auch nicht aus der Bun­des­tags­druck­sa­che 120 vom 08.01.1958. Der dort auf­ge­führ­te § 62 betrifft die Hand­ak­ten des Rechts­an­walts und sein Abs. 1 ähnelt sehr dem heu­ti­gen § 50 Abs. 3 BRAO. In der Begrün­dung zu § 62 heißt es wie folgt:

Dem Rechts­an­walt wird an den Hand­ak­ten ein über § 273 BGB hin­aus­ge­hen­des beson­de­res Zurück­be­hal­tungs­recht gewährt, bis er wegen sei­ner Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt ist. Das Zurück­be­hal­tungs­recht soll den Auf­trag­ge­ber bestim­men, sei­ne finan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen dem Rechts­an­walt gegen­über auch ohne gericht­li­chen Zwang zu erfül­len.

Das Zurück­be­hal­tungs­recht erlischt, sobald der Anspruch auf Zah­lung der Gebüh­ren und Aus­la­gen befrie­digt ist. Für die Aus­übung des Zurück­be­hal­tungs­rechts kön­nen sich aus den Berufs­pflich­ten des Rechts­an­walts im Ein­zel­fall Beschrän­kun­gen erge­ben. So kann die rück­sichts­lo­se Gel­tend­ma­chung des Zurück­be­hal­tungs­rechts für gering­fü­gi­ge Rück­stän­de sich als eine Ver­let­zung der all­ge­mei­nen Berufs­pflicht (§ 55) dar­stel­len und zu einer ehren­ge­richt­li­chen Bestra­fung füh­ren. […]“ [3].

Die­ser Begrün­dung kann nichts ent­nom­men wer­den, was für eine berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht spricht. Im Gegen­teil, die Begrün­dung spricht gegen die­se Auf­fas­sung. Denn gäbe es eine berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht, stell­te der in der Begrün­dung zu § 62 ange­spro­che­ne Fall – Gel­tend­ma­chung des Zurück­be­hal­tungs­rechts für nur gering­fü­gi­ge Rück­stän­de – einen Ver­stoß gegen die berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht dar. § 55 – die Ver­let­zung der all­ge­mei­nen Berufs­pflicht – müss­te dann nicht bemüht wer­den [4].

Ein berufs­recht­li­cher Ver­stoß gegen die Her­aus­ga­be­pflicht kann nach Ansicht des Anwalts­ge­richts­hofs NRW auch nicht auf § 43 BRAO als Gene­ral­klau­sel gestützt wer­den kann. § 43 BRAO bestimmt, dass der Rechts­an­walt sei­nen Beruf gewis­sen­haft aus­zu­üben hat. Er hat sich inner­halb und außer­halb des Beru­fes der Ach­tung und des Ver­trau­ens, wel­che die Stel­lung des Rechts­an­walts erfor­dert, als wür­dig zu erwei­sen.

Wel­che Bedeu­tung § 43 BRAO heu­te zukommt, ist umstrit­ten.

Zum Einen wird ver­tre­ten, dass § 43 BRAO heu­te nur noch eine Trans­port­norm dar­stel­le. § 43 BRAO sei wei­ter­hin anwend­bar, aber nicht für sich allein und selb­stän­dig, son­dern nur in Ver­bin­dung mit ande­ren Nor­men mit berufs­recht­li­chem Gehalt. Da alle beson­de­ren Nor­men des anwalt­li­chen Berufs­rechts in der BRAO und der BORA als lex spe­cia­lis zu § 43 für sich allein ste­hen könn­ten, habe § 43 nur noch Bedeu­tung, soweit er als Trans­port­norm (Trans­for­ma­ti­ons­norm) gesetz­lich gere­gel­te Berufs­pflich­ten außer­halb der BRAO und der BORA in Bezug neh­me. Zugleich mit die­ser Trans­port­funk­ti­on habe die Norm des § 43 aber auch eine Abschich­tungs­funk­ti­on im Hin­blick auf die Aus­wir­kun­gen beim Ver­stoß gegen Berufs­pflich­ten [5].

Zum Ande­ren wird die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass § 43 BRAO wei­ter­hin auch für sich allein zu einer berufs­recht­li­chen Maß­nah­me füh­ren kön­ne und im Fall von Geset­zes­lü­cken ein Auf­fang­tat­be­stand sei. Die­ser Ansicht hat sich der Anwalts­ge­richts­hof NRW ange­schlos­sen, aller­dings mit der Ein­schrän­kung, dass § 43 BRAO dann nicht als Auf­fang­tat­be­stand zum Zweck der Ahn­dung von beruf­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen sub­si­di­är her­an­ge­zo­gen wer­den kann, wenn der Gesetz- und Sat­zungs­ge­ber bewusst auf eine Sta­tu­ie­rung der Berufs­pflicht ver­zich­tet hat, wobei auch aus einem Schwei­gen des Sat­zungs­ge­bers noch nicht auf die unmit­tel­ba­re Anwend­bar­keit des § 43 BRAO geschlos­sen wer­den darf [6].

Gemäß § 59b Abs. 2 Nr. 5a)) BRAO kann die Berufs­ord­nung im Rah­men der Vor­schrif­ten die­ses Geset­zes näher die beson­de­ren Berufs­pflich­ten im Zusam­men­hang mit der Annah­me, Wahr­neh­mung und Been­di­gung eines Auf­trags regeln. Fest­zu­stel­len ist, dass eine aus­drück­li­che Rege­lung einer Berufs­pflicht in Bezug auf die Her­aus­ga­be­pflicht von Hand­ak­ten – trotz der bestehen­den Sat­zungs­kom­pe­tenz – fehlt. Dies, obwohl z.B. für Fremd­geld in § 43a Abs. 5 BRAO aus­drück­lich gere­gelt wor­den ist, dass frem­de Gel­der unver­züg­lich an den Emp­fangs­be­rech­tig­ten wei­ter­zu­lei­ten oder auf ein Ander­kon­to ein­zu­zah­len sind. Es wäre ein Leich­tes gewe­sen, ein sol­che Pflicht in Bezug auf die Her­aus­ga­be von Hand­ak­ten – schon im Inter­es­se der ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Rechts­si­cher­heit – in die BRAO auf­zu­neh­men.

Selbst wenn man eine Geset­zes­lü­cke anneh­men woll­te, stellt der vor­lie­gen­de Ver­stoß gegen die zivil­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht nach Auf­fas­sung des Anwalts­ge­richts­hofs NRW kein der­art gra­vie­ren­des, das Ver­trau­en der All­ge­mein­heit in die Kom­pe­tenz und Inte­gri­tät der Anwalt­schaft schä­di­gen­des Ver­hal­ten dar, dass dies einer Sank­tio­nie­rung über die Gene­ral­klau­sel des § 43 BRAO bedürf­te [7].

Eben­falls nicht durch­grei­fend ist der Ein­wand, dass in Bezug auf die inhalts­glei­che Rege­lung des § 66 Abs. 4 StBerG von dem Bestehen einer berufs­recht­li­chen Her­aus­ga­be­pflicht aus­zu­ge­hen sei [8]. Vor­lie­gend ist über das Berufs­recht der Rechts­an­wäl­te zu ent­schei­den, nicht das der Steu­er­be­ra­ter.

Anwalts­ge­richts­hof des Lan­des Nord­rhein ‑West­fa­len, Urteil vom 7. Febru­ar 2014 – 2 AGH 17/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 30.11.1989 – III ZR 112/​88, NJW 1990, 510[]
  2. so auch: Offer­mann-Burck­art, Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten – Ein altes The­ma immer wie­der neu, Kam­mer­Mit­tei­lun­gen RAK Düs­sel­dorf 4/​2009, 282,285[]
  3. BT-Drs. 120, Sei­te 79[]
  4. so auch: AnwG Frankfurt/​Main, Urteil vom 17.03.2010 – IV AG 01/​09 – EV 335/​08, DStR 2011, 327; OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 22.05.2007 – 24 U 12/​07, Beck­RS 2008, 10704; Böhn­lein in: Feuerich/​Weyland, BRAO, 8. Aufl.2012 § 50, Rn. 17; Schar­mer in: Har­tung, BORA/​FAO, 5. Aufl.2012, § 50 BRAO, Rn. 77 f.: a.A. AGH Cel­le, Urteil vom 24.06.2013 – AGH 1/​13, Beck­RS 2013, 18717; AnwG Düs­sel­dorf, Urteil vom 14.03.2013 – 3 EV 490/​11‑T, Bl. 85 ff. GA[]
  5. vgl. Prüt­ting in: Henssler/​Prütting, BRAO, 4. Aufl.2014, § 43, Rn.20 ff.; Feue­rich in: Feuerich/​Weyland, BRAO, 8. Aufl.2012, § 43, Rn. 13[]
  6. vgl. AGH NRW, Urteil vom 07.01.2011 – 2 AGH 48/​10, BRAK-Mitt. 3/​2011, Sei­te 150 ff.[]
  7. vgl. hier­zu: Feue­rich, a.a.O., § 43 Rn. 23[]
  8. sie­he hier­zu: Bus­se, Man­dats­ver­let­zun­gen durch den Steu­er­be­ra­ter aus berufs­recht­li­cher Sicht, DStR 2010, 2652[]