"Kanz­lei und Beruf" im April 2015

Die "übli­chen" Fris­ten­pro­ble­me, Streit mit der Rechts­an­walts­kam­mer, Zulas­sungs­wi­der­ruf und Wie­der­zu­las­sung.

Zulas­sungs­wi­der­ruf wegen Ver­mö­gens­ver­fall

Ein Ver­mö­gens­ver­fall ist gege­ben, wenn sich der Rechts­an­walt in unge­ord­ne­ten, schlech­ten finan­zi­el­len Ver­hält­nis­sen befin­det, die er in abseh­ba­rer Zeit nicht ord­nen kann, und außer­stan­de ist, sei­nen Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men; Beweis­an­zei­chen hier­für sind ins­be­son­de­re die Erwir­kung von Schuld­ti­teln und Voll­stre­ckungs­maß­nah­men gegen ihn 1. Hier­bei ist nach der stän­di­gen Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung für die Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit eines Wider­rufs infol­ge des ab 1.09.2009 gel­ten­den Ver­fah­rens­rechts auf den Zeit­punkt des Abschlus­ses des behörd­li­chen Wider­rufs­ver­fah­rens abzu­stel­len; danach ein­ge­tre­te­ne Ent­wick­lun­gen blei­ben der Beur­tei­lung in einem Wie­der­zu­las­sungs­ver­fah­ren vor­be­hal­ten 2.

Der Umstand, dass es nur einen voll­stre­cken­den Gläu­bi­ger gibt, steht der Annah­me eines Ver­mö­gens­ver­falls nicht ent­ge­gen 3.

Ein Rechts­an­walt befin­det sich in unge­ord­ne­ten finan­zi­el­len Ver­hält­nis­sen, wenn er es immer wie­der zu Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men in sein Ver­mö­gen wegen berech­tig­ter und fäl­li­ger For­de­run­gen kom­men lässt. Dies gilt jeden­falls dann, wenn es sich bei der For­de­rung, derent­we­gen voll­streckt wird, um eine per­sön­li­che Ver­bind­lich­keit des Rechts­an­walts han­delt, die er trotz Fäl­lig­keit nicht begli­chen hat. Er zeigt damit, dass es ihm nicht gelingt, sei­ne Schul­den geord­net zurück­zu­füh­ren und ihre ord­nungs­ge­mä­ße Beglei­chung durch ent­spre­chen­de Geld­mit­tel oder ein­ge­hal­te­ne Ver­ein­ba­run­gen mit Gläu­bi­gern sicher­zu­stel­len 4. Dies gilt auch dann, wenn zum Zeit­punkt der Wider­rufs­ver­fü­gung nur eine Ver­bind­lich­keit des Rechts­an­walts besteht, derent­we­gen in sein Ver­mö­gen voll­streckt wird.

Der Hin­weis des Rechts­an­walts, dass der Wert sei­ner die Ver­bind­lich­keit gegen­über der Spar­kas­se sichern­den Immo­bi­li­en die Höhe der Ver­bind­lich­keit über­stieg, ist uner­heb­lich. Immo­bi­li­en­ver­mö­gen ist nur dann von Rele­vanz, wenn es dem Betrof­fe­nen zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt des Zulas­sungs­wi­der­rufs als liqui­der Ver­mö­gens­wert zur Til­gung sei­ner Ver­bind­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung gestan­den hat. Auf die Liqui­di­tät ent­spre­chen­der Mit­tel kommt es inso­weit nach stän­di­ger Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung ent­schei­dend an 5. Dies gilt auch in Fäl­len, in denen die Annah­me des Ver­mö­gens­ver­falls auf Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men gegen den Rechts­an­walt wegen des­sen per­sön­li­cher Ver­bind­lich­kei­ten grün­det. Eine sol­che Annah­me erscheint nur nicht mehr gerecht­fer­tigt, wenn der Erfül­lung der Verbindlichkeit(en), derent­we­gen voll­streckt wird, auf­grund – wie­der­erlang­ter – Liqui­di­tät mate­ri­ell und zeit­lich nichts mehr im Wege steht und mit ihr daher unmit­tel­bar zu rech­nen ist.

Nach der in § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO zum Aus­druck kom­men­den Wer­tung des Gesetz­ge­bers ist mit einem Ver­mö­gens­ver­fall eines Rechts­an­walts grund­sätz­lich eine Gefähr­dung der Inter­es­sen der Recht­su­chen­den ver­bun­den. Auch wenn die­se Rege­lung nicht im Sin­ne eines Auto­ma­tis­mus zu ver­ste­hen ist, die Gefähr­dung daher nicht zwangs­läu­fig und aus­nahms­los schon aus dem Vor­lie­gen eines Ver­mö­gens­ver­falls folgt, kann die Gefähr­dung im nach der gesetz­li­chen Wer­tung vor­ran­gi­gen Inter­es­se der Recht­su­chen­den nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len ver­neint wer­den 6. Hier­für trägt der Rechts­an­walt die Fest­stel­lungs­last 7. Die Annah­me einer sol­chen Son­der­si­tua­ti­on setzt jedoch zumin­dest vor­aus, dass der Rechts­an­walt sei­ne anwalt­li­che Tätig­keit nur noch für eine Rechts­an­walts­so­zie­tät aus­übt und mit die­ser recht­lich abge­si­cher­te Maß­nah­men ver­ab­re­det hat, die eine Gefähr­dung der Man­dan­ten effek­tiv ver­hin­dern 8.

Soweit der Rechts­an­walt dar­auf hin­weist, dass er ein Fremd­geld­kon­to ein­ge­rich­tet habe, so dass die Gewähr bestehe, dass Fremd­geld­be­stän­de getrennt geführt und den jewei­li­gen Man­dan­ten über­wie­sen wer­den könn­ten sowie dem etwai­gen Zugriff von Gläu­bi­gern ent­zo­gen sei­en, gibt dies kei­nen Anlass, an der Rich­tig­keit der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung zu zwei­feln. Die Gefahr, dass der in Ver­mö­gens­ver­fall gera­te­ne Rechts­an­walt ihm anver­trau­te Gel­der – wenigs­tens zeit­wei­se – für eige­ne Zwe­cke ver­wen­det, wird nicht durch die Ein­rich­tung eines Ander­kon­tos zur Ver­wal­tung von Fremd­gel­dern aus­ge­schlos­sen 9; vom 27.05.2002 – AnwZ (B) 39/​01 5; vom 11.02.2014 – AnwZ (Brfg) 79/​13 2)). Denn es kommt immer wie­der vor, dass Zah­lun­gen per Scheck oder in bar erfol­gen. Bei die­sen Zah­lun­gen hängt es aus­schließ­lich vom Wil­len des Rechts­an­walts ab, ob er die erhal­te­nen Beträ­ge bestim­mungs­ge­mäß ver­wen­det oder nicht 10. Auch kann eine – erheb­li­che – For­de­rung die Gefahr begrün­den, dass der in Ver­mö­gens­ver­fall gera­te­ne Rechts­an­walt ihm anver­trau­te Gel­der zu ihrer Erfül­lung und zur Abwen­dung der wei­te­ren Zwangs­voll­stre­ckung ver­wen­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Febru­ar 2015 – AnwZ (Brfg) 46/​14

  1. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 29.06.2011 – AnwZ (Brfg) 11/​10, BGHZ 190, 187 Rn. 4; und vom 10.03.2014 – AnwZ (Brfg) 77/​13 3, jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 29.06.2011, aaO Rn. 9 ff.; und vom 10.03.2014, aaO Rn. 3[]
  3. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 19.03.2014 – AnwZ (Brfg) 4/​14 6; vom 26.08.2013 – AnwZ (Brfg) 31/​13 4[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 05.09.2012 – AnwZ (Brfg) 28/​12 5[]
  5. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 16.06.2004, AnwZ (B) 3/​03, ZVI 2004, 598, 599; vom 07.10.2013 – AnwZ (Brfg) 44/​13 5; vom 19.03.2014, aaO Rn. 7[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.10.2004 – AnwZ (B) 43/​03, NJW 2005, 511; vom 31.05.2010 – AnwZ (B) 54/​09 6; vom 24.05.2013 – AnwZ (Brfg) 15/​13 5[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.02.2010 – AnwZ (B) 67/​08, BRAK-Mitt.2010, 129 Rn. 11; vom 05.09.2012 – AnwZ (Brfg) 26/​12, NJW-RR 2013, 175 Rn. 5; vom 24.05.2013, aaO[]
  8. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.10.2004 – AnwZ (B) 43/​03, aaO; vom 24.10.2012 – AnwZ (Brfg) 43/​12 9; vom 26.08.2013 – AnwZ (Brfg) 31/​13 5; vom 04.01.2014 – AnwZ (Brfg) 62/​13 6[]
  9. st. Rspr.; z.B. BGH, Beschlüs­se vom 21.09.1987 – AnwZ (B) 20/​87, BRAK-Mitt.1988, 50 ((unter – II 1 b[]
  10. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.09.1987; und vom 27.05.2002, jeweils aaO[]