Kanz­lei und Beruf im Febru­ar 2015

Über­lan­ge Post­lauf­zei­ten, Fris­ten­kon­trol­le durch die Aus­zu­bil­den­de und Notar­pro­ble­me.
 

Wenn die Aus­zu­bil­den­de Fris­ten notiert…

Im vor­lie­gen­den Fall, in dem das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart eine Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­frist abge­lehnt hat, war nun aber die Aus­zu­bil­den­de sei­tens des Klä­ger­ver­tre­ters nicht nur in einem kon­kre­ten Aus­nah­me­fall, son­dern regel­mä­ßig an Mitt­woch, Don­ners­tag- und Frei­tag­nach­mit­ta­gen – und damit zum übli­chen Zeit­punkt des nach­mit­täg­li­chen Post­ein­gangs an die­sen Tagen – damit betraut, den Brief­kas­ten zu ent­lee­ren, die Ein­gän­ge zu bear­bei­ten und ins­be­son­de­re auch die dies­be­züg­li­chen Fris­ten zu notie­ren. D.h. die Fris­ten­ein­tra­gung bezüg­lich der Post­ein­gän­ge an drei von fünf Werk­ta­gen einer Arbeits­wo­che war orga­ni­sa­to­risch der Aus­zu­bil­den­den über­tra­gen.

Selbst wenn man zuguns­ten der Klä­ger unter­stell­te, dass es sich bei der Aus­zu­bil­den­den um "eine mit der Fris­ten­ein­tra­gung bereits sehr erfah­re­ne Arbeits­kraft" han­de­le, wel­che "kurz vor ihrem Abschluss zur Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­ten" ste­he, kann gleich­wohl nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass der Feh­ler der Aus­zu­bil­den­den bei der Notie­rung der Beru­fungs­ein­le­gungs­frist im Ter­min­ka­len­der auf man­geln­de prak­ti­sche Erfah­rung zurück­zu­füh­ren war 2.

Der Annah­me eines Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­dens steht im vor­lie­gen­den Fall ins­be­son­de­re auch nicht ent­ge­gen, dass der Klä­ger­ver­tre­ter nach dem Wie­der­ein­set­zungs­vor­brin­gen sei­nen übri­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen die Wei­sung erteilt hat­te, Fris­ten­ein­tra­gun­gen durch die Aus­zu­bil­den­de am jewei­li­gen Fol­ge­tag lücken­los zu kon­trol­lie­ren.

Denn die an zuver­läs­si­ge aus­ge­bil­de­te Kräf­te gerich­te­te Wei­sung zur lücken­lo­sen Über­wa­chung der von Aus­zu­bil­den­den vor­ge­nom­me­nen Fris­ten­ein­tra­gung ist nur dann geeig­net, ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den zu ver­nei­nen, wenn die Aus­zu­bil­den­de mit die­ser Tätig­keit ledig­lich aus­nahms­wei­se betraut wur­de 3. Wird die Aus­zu­bil­den­de jedoch – wie im vor­lie­gen­den Fall – dau­er­haft an meh­re­ren Tagen der Arbeits­wo­che mit der Fris­ten­ein­tra­gung betraut, so besteht die erhöh­te Gefahr, dass – wie es nicht zuletzt auch das Wie­der­ein­set­zungs­vor­brin­gen anschau­lich schil­dert – die Kon­trol­len mit zuneh­men­dem Zeit­ab­lauf immer laxer wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 14. April 2014 – 19 U 48/​14

  1. vgl. Gehr­lein in: Münch­Komm-ZPO, 4. Aufl., § 233 Rz. 63; zu den dann gege­be­nen gestei­ger­ten Anfor­de­run­gen an die Kon­trol­le der Aus­zu­bil­den­den: BGH, Beschluss vom 15.11.2000 – XII ZB 53/​00; BGH, Beschluss vom 11.09.2007 – XII ZB 109/​04, NJW 2007, 3497 Tz. 16; BGH, Beschluss vom 22.04.2009 – IV ZB 22/​08, r + s 2009, 393 Tz. 8[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2007 – XII ZB 109/​04, NJW 2007, 3497 Tz. 15[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 15.11.2000 – XII ZB 53/​00; BGH, Beschluss vom 11.09.2007 – XII ZB 109/​04, NJW 2007, 3497 Tz. 16; BGH, Beschluss vom 22.04.2009 – IV ZB 22/​08, r + s 2009, 393 Tz. 8[]