Rechts­an­walt, du sollst nicht lügen – oder eine wah­re Behaup­tung bestrei­ten

Gemäß §§ 43, 43a III 2 BRAO darf der Rechts­an­walt bei sei­ner Berufs­aus­übung nicht bewusst die Unwahr­heit ver­brei­ten.

Rechts­an­walt, du sollst nicht lügen – oder eine wah­re Behaup­tung bestrei­ten

Die­ses sich aus § 43a III 2 BRAO erge­ben­de Ver­bot zu lügen ist Aus­fluss des Sach­lich­keits­ge­bo­tes des § 43a III BRAO und eine der Grund­pflich­ten des Rechts­an­walts 1.

Die Rechts­pfle­ge lei­det schwe­ren Scha­den, wenn der Rechts­an­walt nicht bei der Wahr­heit bleibt und man sei­nem Wort nicht ver­trau­en kann. Im Ergeb­nis ent­spricht die berufs­recht­li­che Grund­pflicht des § 43a III BRAO der zivil­pro­zes­sua­len Wahr­heits­pflicht der Par­tei gemäß § 138 I ZPO 1.

Wer aber eine vom Geg­ner auf­ge­stell­te Behaup­tung, deren Wahr­heit er kennt, bestrei­tet, ver­letzt die nach § 43 a III BRAO gebo­te­ne Wahr­heits­pflicht 2.

In dem hier vom Nie­der­säch­si­schen Anwalts­ge­richts­hof in Cel­le ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies:

Mit der Kla­ge­er­he­bung im Namen sei­nes bereits am 19.05.2008 ver­stor­be­nen Vaters mit Kla­ge­schrift vom 12.01.2009 und ins­be­son­de­re mit sei­nen Aus­füh­run­gen in sei­nem Schrift­satz an das Amts­ge­richt … vom 19.09.2011, mit dem der Rechts­an­walt die Behaup­tung der Beklag­ten, sein Vater sei bereits vor Kla­ge­er­he­bung ver­stor­ben, pro­zes­su­al bestrit­ten hat, hat der Rechts­an­walt gegen die Grund­pflicht des Rechts­an­walts nach § 43a III BRAO ver­sto­ßen, da er hier­durch bewusst die Unwahr­heit ver­brei­tet hat. Zivil­pro­zes­su­al stel­len die Aus­füh­run­gen des Rechts­an­walts in sei­nem Schrift­satz vom 19.09.2011 ein Bestrei­ten des Vor­trags des Beklag­ten, näm­lich dass der Vater des Rechts­an­walts bereits bei Kla­ge­er­he­bung ver­stor­ben sei, dar. In jedem Fall wäre der Rechts­an­walt spä­tes­tens nach Erhalt des maß­geb­li­chen Schrift­sat­zes der Gegen­sei­te vom 30.07.2010 ver­pflich­tet gewe­sen, dem Gericht mit­zu­tei­len, dass sein Vater bereits vor Kla­ge­er­he­bung ver­stor­ben war.

Dabei kann sich der Rechts­an­walt in Bezug auf die Erhe­bung der Kla­ge im Janu­ar 2009 im Namen sei­nen bereits im Mai 2008 ver­stor­be­nen Vaters nicht auf eine durch sei­nen Vater erteil­te trans­mor­ta­le Voll­macht beru­fen. Mit dem Tod des Vaters hat die­ser sei­ne Pro­zess­fä­hig­keit ver­lo­ren. Der Rechts­an­walt hät­te die Kla­ge im Namen der Erben sei­nes Vaters erhe­ben müs­sen, soweit die­se nicht bekannt gewe­sen sein soll­ten, hät­te er z.B. dafür Sor­ge tra­gen kön­nen, dass ein Nach­lass­pfle­ger ein­ge­setzt wird, in des­sen Namen das Ver­fah­ren dann betrie­ben wer­den kann. Jeden­falls ver­brei­tet der Rechts­an­walt die Unwahr­heit, wenn er im Namen eines Toten Kla­ge erhebt, ohne den Umstand des Todes mit­zu­tei­len. Dar­an ändert auch das Urteil des BGH vom 08.02.1993 3 nichts, da nach die­sem Urteil ledig­lich der Tod einer Par­tei vor Rechts­hän­gig­keit einer Kla­ge, aber nach­dem sie eine wirk­sa­me Pro­zess­voll­macht aus­ge­stellt hat, der ord­nungs­ge­mä­ßen Erhe­bung einer Kla­ge mit Wir­kung der Pro­zess­hand­lun­gen für und gegen die par­tei- und pro­zess­fä­hi­gen Erben nicht ent­ge­gen steht.

Gegen den Rechts­an­walt war wegen des Ver­sto­ßes gegen §§ 43. 43a III BRAO die anwalts­ge­richt­li­che Maß­nah­me einer Geld­bu­ße in Höhe von 1.000,00 € zu ver­hän­gen (§ 113 I i.V.m. § 114 I Nr. 3 BRAO).

Die­se Ahn­dung hält der Anwalts­ge­richts­hof aber auch für aus­rei­chend.

Grund­sätz­lich eröff­net § 114 II BRAO die Mög­lich­keit der gleich­zei­ti­gen Ver­hän­gung eines Ver­wei­ses sowie einer Geld­bu­ße. Dabei sind im vor­lie­gen­den Fall sicher­lich auch die Beharr­lich­keit des von dem Rechts­an­walt began­ge­nen Ver­sto­ßes und sei­ne andau­ern­de Unein­sich­tig­keit zu berück­sich­ti­gen. Aller­dings ist die Kop­pe­lung von Ver­weis und Geld­bu­ße als selbst­stän­di­ge Maß­nah­me dann in Betracht zu zie­hen, wenn eine erheb­li­che Pflicht­ver­let­zun­gen vor­liegt 4. Dies soll ins­be­son­de­re dann gel­ten, wenn ein begrenz­tes Ver­tre­tungs­ver­bot nach § 114 Abs.1 Nr. 4 BRAO noch als zu hart erscheint 4. Davon ist der Sach­ver­halt aber doch eini­ges ent­fernt, so dass eine Maß­nah­me allein gemäß § 114 Abs. 1 Nr. 3 BRAO, also die Geld­bu­ße, als aus­rei­chend, aber auch als not­wen­dig erscheint.

Der Anwalts­ge­richts­hof hat nicht dar­über ent­schei­den müs­sen, ob die Auf­la­ge nach § 153a StPO gegen den Rechts­an­walt durch das Land­ge­richt … das Merk­mal der ander­wei­ti­gen Ahn­dung im Sin­ne des § 115b I BRAO erfüllt 5 oder nicht erfüllt 6, da § 115b 1.Satz, 3. Halb­satz BRAO zur Anwen­dung kommt. Eine anwalts­ge­richt­li­che Maß­nah­me war zusätz­lich erfor­der­lich, um den Rechts­an­walt zur Erfül­lung sei­ner Pflich­ten anzu­hal­ten und das Anse­hen der Rechts­an­walt­schaft zu wah­ren. Im Vor­der­grund des straf­recht­li­chen Ver­fah­rens vor dem LG … stand der ver­such­te Straf­tat­be­stand des § 263 StPO im Zusam­men­hang mit dem gesam­ten Vor­brin­gen des Rechts­an­walts in dem amts­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren vor dem AG … . Im Vor­der­grund der aus­zu­spre­chen­den Geld­bu­ße gemäß § 114 Abs.1 Nr.3 BRAO wegen Ver­sto­ßes gegen §§ 43, 43a III BRAO steht die von dem Rechts­an­walt wider bes­se­ren Wis­sens erho­be­ne Kla­ge im Namen sei­nes ver­stor­be­nen Vaters sowie die mit Schrift­satz vom 19.09.2009 bestrit­te­ne Tat­sa­che, dass der Klä­ger bereits vor Kla­ge­er­he­bung ver­stor­ben ist. Unab­hän­gig von der mög­li­chen Erfül­lung eines Straf­tat­be­stan­des ist die Wahr­heits­pflicht eine der wich­tigs­ten Säu­len der Rechts­pfle­ge, deren Wah­rung mas­siv zu ver­tei­di­gen ist. Gera­de vor dem Hin­ter­grund, dass der Rechts­an­walt sein Ver­hal­ten nach wie vor recht­fer­tigt, zeigt, dass der Rechts­an­walt noch­mals aus­drück­lich zur Erfül­lung sei­ner Pflich­ten anzu­hal­ten ist und in Anbe­tracht des betrof­fe­nen Gutes, näm­lich der Wahr­heits­pflicht, eine anwalts­ge­richt­li­che Ahn­dung zur Wah­rung des Anse­hens der Rechts­an­walt­schaft not­wen­dig ist.

Nie­der­säch­si­scher Anwalts­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Janu­ar 2016 – AGH 11/​15AGH 11/​15 (I 14)

  1. vgl. Henssler/​Prütting, BRAO, 4. Aufl., § 43a Rn 137[][]
  2. Feue­rich /​Weyland § 43 a BRAO Rn 40[]
  3. BGH, Urteil vom 08.02.1993 – II ZR 62/​92[]
  4. Feue­rich /​Weyland § 114 Rn 17[][]
  5. AGH Ham­burg, Urteil vom 16.02.2009 – I EVY 6/​08, BRAK-Mit­tei­lun­gen 2009, Sei­te 129 ff; Feue­rich /​Weyland § 115b Rn 14 ff[]
  6. vgl. Henssler/​Prütting, BRAO, 4. Aufl., § 115b Rn 7; BGHSt 28, 174, NJW 1979, S. 770 ff[]