Spe­zia­list für Erbrecht

Nach § 7 Abs. 1 BORA in der seit dem 1.03.2006 gel­ten­den Fas­sung darf ein Rechts­an­walt unab­hän­gig von Fach­an­walts­be­zeich­nun­gen Teil­be­rei­che der Berufs­tä­tig­keit nur benen­nen, wenn er sei­nen Anga­ben ent­spre­chen­de Kennt­nis­se nach­wei­sen kann, die er in der Aus­bil­dung, durch Berufs­tä­tig­keit, Ver­öf­fent­li­chun­gen oder in sons­ti­ger Wei­se erwor­ben hat.

Spe­zia­list für Erbrecht

Ver­wen­det er qua­li­fi­zie­ren­de Zusät­ze, muss er zusätz­lich über ent­spre­chen­de theo­re­ti­sche Kennt­nis­se ver­fü­gen und auf dem benann­ten Gebiet in erheb­li­chem Umfang tätig gewor­den sein.

In die­sem Rah­men darf ein Rechts­an­walt sich als „Spe­zia­list” bezeich­nen1.

Nach § 7 Abs. 2 BORA sind die Anga­ben gemäß Absatz 1 die­ser Bestim­mung jedoch unzu­läs­sig, wenn sie die Gefahr einer Ver­wechs­lung mit Fach­an­walt­schaf­ten begrün­den oder sonst irre­füh­rend sind.

Sinn die­ser Rege­lung ist es, irre­füh­ren­de Anga­ben und ins­be­son­de­re irre­füh­ren­de Annä­he­run­gen an den Begriff des Fach­an­walts zu ver­hin­dern. Der Ver­brau­cher soll zwi­schen den auf eige­ner Ein­schät­zung des Anwalts beru­hen­den Anga­ben des § 7 Abs. 1 BORA und den von den Kam­mern nach § 43c BRAO in Ver­bin­dung mit den Bestim­mun­gen der Fach­an­walts­ord­nung ver­lie­he­nen Fach­an­walts­be­zeich­nun­gen ver­läss­lich unter­schei­den kön­nen2.

Im vor­lie­gen­den Fall bezeich­net sich der Rechts­an­walt als Spe­zia­list auf einem Rechts­ge­biet, für das eine Fach­an­walts­be­zeich­nung erwor­ben wer­den kann. Damit besteht grund­sätz­lich die Gefahr einer Ver­wech­se­lung im Sin­ne von § 7 Abs. 2 BORA. Die von einem Rechts­an­walt nach Art eines Titels ver­wen­de­ten Begrif­fe „Spe­zia­list” und „Fach­an­walt” für ein und das­sel­be Rechts­ge­biet könn­ten als Syn­ony­me ver­stan­den wer­den. Der ange­spro­che­ne Rechts­ver­kehr könn­te ver­ken­nen, dass ein „Fach­an­walt” sei­ne beson­de­ren Kennt­nis­se und Erfah­run­gen in einem förm­li­chen Prü­fungs­ver­fah­ren bei der zustän­di­gen Rechts­an­walts­kam­mer nach­ge­wie­sen hat, wäh­rend die Bezeich­nung „Spe­zia­list” allein auf der Selbst­ein­schät­zung des wer­ben­den Anwalts beruht3.

Der I. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat aller­dings in sei­nem bereits zitier­ten, nach Erlass des Urteils des Anwalts­ge­richts­hofs ergan­ge­nen Urteil die Wer­bung als „Spe­zia­list” auf einem Gebiet, für wel­ches eine Fach­an­walts­be­zeich­nung ver­lie­hen wer­den kann, trotz der Ver­wechs­lungs­ge­fahr dann für zuläs­sig gehal­ten, wenn die Exper­ti­se des wer­ben­den Anwalts min­des­tens den an einen Fach­an­walt zu stel­len­den Anfor­de­run­gen ent­spricht4. Unter die­ser Vor­aus­set­zung wären die Inter­es­sen der Recht­su­chen­den, wel­che die Begrif­fe „Fach­an­walt” und „Spe­zia­list” ver­wech­seln könn­ten, nicht beein­träch­tigt. Ein gleich­wohl aus­ge­spro­che­nes Ver­bot der Ver­wen­dung der Bezeich­nung „Spe­zia­list” sei zum Schutz des recht­su­chen­den Publi­kums und im Inter­es­se der Rechts­an­walt­schaft nicht erfor­der­lich und ver­sto­ße des­halb gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit.

der Anwalts­ge­richts­hof des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len5 stellt indes höhe­re Anfor­de­run­gen an einen „Spe­zia­lis­ten”. Es lässt nicht aus­rei­chen, dass der Klä­ger zugleich Fach­an­walt für Erbrecht ist. Klä­rungs­be­darf besteht für den Bun­des­ge­richts­hof wei­ter des­halb, weil der Klä­ger die Bezeich­nung „Spe­zia­list” neben der Bezeich­nung „Fach­an­walt” füh­ren will und zudem eine wei­te­re Fach­an­walts­be­zeich­nung, die­je­ni­ge für Steu­er­recht, führt. Nach einer vor der Neu­fas­sung des § 7 Abs. 2 BORA ergan­ge­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bringt ein sich so bezeich­nen­der „Spe­zia­list” aber zum Aus­druck, dass er bevor­zugt, wenn nicht gar aus­schließ­lich, ledig­lich einen Teil­be­reich des Voll­be­rufs bear­bei­tet. Zugleich wehrt er so die Inan­spruch­nah­me in sons­ti­gen Mate­ri­en weit­ge­hend ab; es han­de­le sich dann aber um eine „dau­er­haf­te Ein­engung der Berufs­tä­tig­keit”, wel­che mit dem Begriff der Fach­an­walts­be­zeich­nung nicht aus­ge­drückt wer­den kön­ne6.

Wegen die­ser Fra­gen hat der Bun­des­ge­richts­hof nun in einem bei ihm anhän­gi­gen Fall die Beru­fung zuge­las­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Okto­ber 2015 – AnwZ (Brfg) 31/​14

  1. vgl. die Begrün­dung für die Neu­fas­sung der Bestim­mung des § 7 BORA zum 1.03.2006, BRAK-Mitt.2006, 212
  2. BRAK-Mitt.2006, 212, 213
  3. vgl. BGH, Urteil vom 24.07.2014 – I ZR 53/​13, NJW 2015, 704 Rn. 17
  4. BGH aaO Rn. 25; zustim­mend etwa Klei­ne-Cosack, AnwBl.2015, 358, 360; ableh­nend etwa Rem­mertz, NJW 2015, 707 f.; Huff, WRP 2015, 343; Omsels, juris­PR-Wett­bR 2/​2015 Anm. 3; vgl. auch Offer­mann-Burck­art, BRAK-Mitt.2015, 62
  5. AnwGH NRW, Urteil vom 07.03.2014 – 2 AGH 20/​12, BRAK-Mitt.2014, 318
  6. BVerfG, NJW 2004, 2656, 2658