Vor­läu­fi­ge Amts­ent­he­bung des Notars – und die Bestel­lung eines Nota­ri­ats­ver­wal­ters

Bei § 56 Abs. 4 BNo­tO han­delt es sich um eine gesetz­li­che Ermäch­ti­gung, die nach Inhalt, Zweck und Aus­maß hin­rei­chend bestimmt und begrenzt ist.

Vor­läu­fi­ge Amts­ent­he­bung des Notars – und die Bestel­lung eines Nota­ri­ats­ver­wal­ters

§ 56 Abs. 4 BNo­tO bil­det die gesetz­li­che Grund­la­ge für die Bestel­lung einer Nota­ri­ats­ver­wal­te­rin des Notars­amts des vor­läu­fig sei­nes Amtes ent­ho­be­nen Notars. Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Vor­schrift bestehen für den Bun­des­ge­richts­hof auch im Hin­blick auf den im Rechts­staats­prin­zip des Art.20 Abs. 3 GG ent­hal­te­nen all­ge­mei­nen Bestimmt­heits­grund­satz nicht. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gebie­tet die­ser Grund­satz, dass eine gesetz­li­che Ermäch­ti­gung der Exe­ku­ti­ve zur Vor­nah­me von Ver­wal­tungs­ak­ten nach Inhalt, Zweck und Aus­maß hin­rei­chend bestimmt und begrenzt ist, so dass das Han­deln der Ver­wal­tung mess­bar und in gewis­sem Aus­maß vor­aus­seh­bar und bere­chen­bar wird1. Das Bestimmt­heits­ge­bot zwingt den Gesetz­ge­ber jedoch nicht, den Tat­be­stand mit genau erfass­ba­ren Maß­stä­ben zu umschrei­ben. Aller­dings muss das Gesetz so bestimmt sein, wie dies nach der Eigen­art der zu ord­nen­den Lebens­sach­ver­hal­te mit Rück­sicht auf den Norm­zweck mög­lich ist. Unver­meid­ba­re Aus­le­gungs­schwie­rig­kei­ten in Rand­be­rei­chen sind dann von Ver­fas­sungs wegen hin­zu­neh­men. Erfor­der­lich ist, dass die von der Norm Betrof­fe­nen die Rechts­la­ge erken­nen und ihr Ver­hal­ten danach ein­rich­ten kön­nen. Sie müs­sen in zumut­ba­rer Wei­se fest­stel­len kön­nen, ob die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Rechts­fol­ge vor­lie­gen2.

Dem genügt § 56 Abs. 4 BNo­tO. Aus dem sys­te­ma­ti­schen Ver­hält­nis die­ser Vor­schrift zu § 39 Abs. 2 und § 55 Abs. 1 BNo­tO ergibt sich unmiss­ver­ständ­lich, dass bei vor­läu­fi­ger Amts­ent­he­bung eines Notars der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung durch das Gesetz meh­re­re Hand­lungs­op­tio­nen eröff­net sind: die Bestel­lung eines Notar­ver­tre­ters (§ 39 Abs. 2 BNo­tO), die Bestel­lung eines Notar­ver­wal­ters (§ 56 Abs. 4 BNo­tO) sowie gemäß § 55 Abs. 1 BNo­tO die Akten­ver­wah­rung durch das Amts­ge­richt3. Die Bestel­lung eines Notar­ver­wal­ters knüpft § 56 Abs. 4 BNo­tO an die feh­len­de Zweck­mä­ßig­keit der Nota­ri­ats­ver­tre­tung. Dass der Begriff der Zweck­mä­ßig­keit sei­ner­seits aus­le­gungs- und kon­kre­ti­sie­rungs­be­dürf­tig ist, führt nach den im vor­ste­hen­den Absatz dar­ge­leg­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­ben nicht zur Unver­ein­bar­keit der Norm mit Art.20 Abs. 3 GG. Die Zweck­mä­ßig­keit als Ent­schei­dungs­kri­te­ri­um für die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung erfor­dert ersicht­lich eine Gesamt­ab­wä­gung der durch die Ver­tre­tung oder Ver­wal­tung des Notars­amts betrof­fe­nen Inter­es­sen. Die­se umfasst die Belan­ge einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge eben­so wie die berech­tig­ten – auch wirt­schaft­li­chen4 – Inter­es­sen des vor­läu­fig sei­nes Amtes ent­ho­be­nen Notars5. Bei der Beur­tei­lung kommt dem Grund der vor­läu­fi­gen Amts­ent­he­bung im Hin­blick auf die Inter­es­sen der Rechts­pfle­ge erheb­li­ches Gewicht zu6. Damit han­delt es sich bei § 56 Abs. 4 BNo­tO um eine gesetz­li­che Ermäch­ti­gung, die nach Inhalt, Zweck und Aus­maß hin­rei­chend bestimmt und begrenzt ist.

Auch bezüg­lich der gericht­li­chen Über­prü­fung der Bestel­lung der Nota­ri­ats­ver­wal­te­rin durch das beklag­te Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um bestehen im hier ent­schie­de­nen Fall für den Bun­des­ge­richts­hof kei­ne Zwei­fel an der Rich­tig­keit des ange­foch­te­nen Urteils:

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart7 hat in der Vor­in­stanz sowohl die Ent­schei­dung des beklag­ten Minis­te­ri­ums für die Nota­ri­ats­ver­wal­tung auf Ermes­sens­feh­ler über­prüft als auch die Zweck­mä­ßig­keit die­ser Maß­nah­me zusätz­lich eigen­stän­dig beur­teilt. Ange­sichts des­sen bedarf es im Hin­blick auf den rele­van­ten Maß­stab für die gericht­li­che Prü­fung des Ver­wal­tungs­han­delns (wei­ter­hin) kei­ner Ent­schei­dung, ob es sich bei § 56 Abs. 4 BNo­tO ins­ge­samt um eine Ermes­sens­vor­schrift mit den ent­spre­chen­den Kon­se­quen­zen für die gericht­li­che Kon­troll­dich­te (§ 114 VwGO iVm § 111b Abs. 1 BNo­tO) han­delt oder ob die Beur­tei­lung der Zweck­mä­ßig­keit der Notar­ver­tre­tung eine der eigent­li­chen Ermes­sens­ent­schei­dung vor­ge­la­ger­te Ent­schei­dung ist, die der vol­len gericht­li­chen Nach­prü­fung unter­liegt8.

Weder die Über­prü­fung der Ermes­sens­ent­schei­dung des beklag­ten Minis­te­ri­ums durch das Ober­lan­des­ge­richt noch des­sen eige­ne Beur­tei­lung der Zweck­mä­ßig­keit iSv § 56 Abs. 4 BNo­tO lie­ßen Zwei­fel an der Rich­tig­keit des Urteils erken­nen.

Ent­ge­gen der Rechts­an­sicht des Notars war im hier gegen­ständ­li­chen Ver­fah­ren nicht zu prü­fen, ob der Vor­wurf der Gebüh­ren­über­he­bung gegen den Notar zu Recht erho­ben wird. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, unter­lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen der vor­läu­fi­gen Amts­ent­he­bung im Rah­men der gericht­li­chen Kon­trol­le der Bestel­lung eines Notar­ver­wal­ters grund­sätz­lich nicht erneu­ter Über­prü­fung (aaO). Im Übri­gen ist die vor­läu­fi­ge Amts­ent­he­bung auf ein ein­heit­li­ches Dienst­ver­ge­hen (§ 95 BNo­tO) gestützt, das sich nicht in dem Vor­wurf der Gebüh­ren­über­he­bung erschöpft.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Novem­ber 2015 – NotZ(Brfg) 3/​15

  1. vgl. BVerfGE 56, 1, 12 mwN; BVerfG, Beschluss vom 03.09.2014 – 1 BvR 3353/​13, NVwZ 2013, 1571 f. []
  2. sie­he ledig­lich BVerfGE 103, 332, 384 mwN []
  3. sie­he bereits BGH, Beschluss vom 20.07.1998 – NotZ 33/​97, BGHR BNo­tO § 56 Abs. 3 Nota­ri­ats­ver­we­ser 1; Wil­ke in Eylmann/​Vaasen, BNo­tO, 3. Aufl., § 56 Rn. 11 []
  4. vgl. Bra­cker in Schippel/​Bracker, BNo­tO, 9. Aufl., § 56 Rn. 30 []
  5. Wil­ke aaO []
  6. vgl. BGH aaO; eben­so Wil­ke aaO; sie­he auch Bra­cker aaO []
  7. OLG Stutt­gart, Urteil vom 06.03.2015 – 1 Not 3/​14 []
  8. sie­he bereits BGH aaO []