Wider­strei­ten­de Inter­es­sen – und das Gebüh­ren­in­ter­es­se des Rechts­an­walts

Ein Anwalts­ver­trag ver­stößt nicht des­halb gegen das Ver­bot, wider­strei­ten­de Inter­es­sen zu ver­tre­ten, weil der Anwalt im Gebüh­ren­in­ter­es­se für den Man­dan­ten nach­tei­li­ge Maß­nah­men tref­fen könn­te.

Wider­strei­ten­de Inter­es­sen – und das Gebüh­ren­in­ter­es­se des Rechts­an­walts

Die Fra­ge, ob ein Anwalt gegen § 43a Abs. 4 BRAO ver­stößt, wenn sei­ne eige­nen Inter­es­sen den­je­ni­gen des Man­dan­ten wider­spre­chen 1, konn­te der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall offen las­sen. Ihre eige­nen Inter­es­sen wahr­te die Rechts­an­walts­ge­sell­schaft nach dem Inhalt des hier zu beur­teil­ten­den Anwalts­ver­tra­ges dadurch, dass sie durch Erfül­lung der ihr oblie­gen­den Pflich­ten das ver­spro­che­ne Ent­gelt ver­dien­te. Je mehr Lie­fe­ran­ten­ver­trä­ge sie ver­mit­tel­te und je nied­ri­ger der jeweils mit den Lie­fe­ran­ten aus­ge­han­del­te Kauf­preis war, des­to höher fiel die erfolgs­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung aus, die sie ver­dien­te. Das lag zugleich im Inter­es­se der Man­dan­tin.

Rein tat­säch­lich mag die ie Rechts­an­walts­so­zie­tät bei Voll­zug des Ver­tra­ges die Mög­lich­keit gehabt haben, die erfolgs­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung dadurch zu erhö­hen, dass sie – bei der Aus­hand­lung der Ver­trä­ge nied­ri­ge Prei­se durch für die Lie­fe­ran­ten güns­ti­ge, der Man­dan­tin aber nach­tei­li­ge Ver­trags­be­din­gun­gen erkauf­te. Hier­auf kommt es jedoch nicht an. Die ie Rechts­an­walts­so­zie­tät hät­te dann, wenn sie sich so ver­hal­ten hät­te, gegen das in § 86 Abs. 1 Halb­satz 2 HGB nor­mier­te Gebot, die Inter­es­sen des Unter­neh­mers wahr­zu­neh­men, ver­sto­ßen und zudem ihre ver­trag­li­che Ver­pflich­tung ver­letzt, unter­schrifts­rei­fe Ver­trä­ge zur mög­lichst kos­ten­güns­ti­gen Belie­fe­rung der Man­dan­tin zu ver­mit­teln. Nicht die Ver­ein­ba­rung vom 04./9.05.2012 hät­te also den Ver­stoß gegen § 43a Abs. 4 BRAO begrün­det, son­dern – das Vor­lie­gen der übri­gen Vor­aus­set­zun­gen der genann­ten Bestim­mung unter­stellt – das jewei­li­ge Ver­hal­ten der ie Rechts­an­walts­so­zie­tät im ein­zel­nen Fall. Ob und in wel­chem Umfang ver­trag­li­che Pflich­ten ver­letzt wer­den kön­nen, kann sich in der Regel nicht auf die Bewer­tung der Gesetz­mä­ßig­keit des Ver­tra­ges aus­wir­ken. Nahe­zu jeder Ver­trag über eine anwalt­li­che Bera­tung birgt das Risi­ko eines Miss­brauchs in sich. Der Wunsch, mög­lichst vie­le und mög­lichst hohe Gebüh­ren zu ver­die­nen, kann einen Anwalt bei­spiels­wei­se dazu ver­lei­ten, pflicht- und ver­trags­wid­rig von einer sach­dien­li­chen, im Inter­es­se des Man­dan­ten lie­gen­den außer­ge­richt­li­chen Eini­gung abzu­ra­ten, statt des­sen einen Rechts­streit zu emp­feh­len, der für den Man­dan­ten nur zusätz­li­che Kos­ten, aber kei­nen Nut­zen bedeu­tet, und den Ver­gleich schließ­lich in der Beru­fungs­in­stanz zu schlie­ßen. Ein Anwalt, der sich so ver­hält, ver­letzt sei­ne ver­trag­li­chen Pflich­ten und ist ver­pflich­tet, sei­nem Man­dan­ten einen hier­aus ent­stan­de­nen Scha­den zu erset­zen. Sein Ver­hal­ten hat jedoch nicht die Nich­tig­keit des Anwalts­ver­tra­ges zur Fol­ge; ein Ver­stoß gegen § 43a Abs. 4 BRAO liegt nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Mai 2016 – IX ZR 241/​14

  1. vgl. hier­zu AnwG Mün­chen BRAK-Mitt 1995, 172[]