Wie­der­ein­set­zung – und die Glaub­wür­dig­keits­pro­ble­me

Zwar darf grund­sätz­lich von dem anwalt­lich als rich­tig oder an Eides Statt ver­si­cher­ten Vor­brin­gen in einem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag aus­ge­gan­gen wer­den. Dies gilt aber dann nicht, wenn kon­kre­te Anhalts­punk­te es aus­schlie­ßen, den geschil­der­ten Sach­ver­halt mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit als zutref­fend zu erach­ten 1.

Wie­der­ein­set­zung – und die Glaub­wür­dig­keits­pro­ble­me

Sol­che Anhalts­punk­te kön­nen sich auch aus dem übri­gen Par­tei­vor­trag sowie bei der Akte befind­li­chen Unter­la­gen erge­ben. Dies gilt unab­hän­gig davon, ob die Vor­la­ge der Unter­la­gen pflicht­ge­mäß oder über­ob­li­ga­to­risch erfolgt ist 2.

Ob die eine Wie­der­ein­set­zung begrün­den­den Tat­sa­chen im Sin­ne von § 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO glaub­haft gemacht sind, bestimmt sich nach den zu § 294 ZPO ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen.

Danach genügt ein gerin­ge­rer Grad der rich­ter­li­chen Über­zeu­gungs­bil­dung. An die Stel­le des Voll­be­wei­ses tritt eine Wahr­schein­lich­keits­fest­stel­lung. Die Behaup­tung ist glaub­haft gemacht, sofern eine über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit dafür besteht, dass sie zutrifft 3. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind dann erfüllt, wenn bei der erfor­der­li­chen umfas­sen­den Wür­di­gung der Umstän­de des jewei­li­gen Falls mehr für das Vor­lie­gen der in Rede ste­hen­den Behaup­tung spricht als dage­gen 3. Die Fest­stel­lung der über­wie­gen­den Wahr­schein­lich­keit unter­liegt dem Grund­satz der frei­en Wür­di­gung des gesam­ten Vor­brin­gens. Die­se Wür­di­gung vor­zu­neh­men ist – eben­so wie die Beweis­wür­di­gung nach § 286 ZPO – grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters. Ihre Über­prü­fung durch die Rechts­be­schwer­de ist dar­auf beschränkt, ob der Tatrich­ter sich mit dem Pro­zess­stoff und den Glaub­haft­ma­chungs­mit­teln umfas­send und wider­spruchs­frei aus­ein­an­der­ge­setzt und nicht gegen Denk- und Natur­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­sto­ßen hat 4.

Wie weit hier­bei der Ein­schät­zungs­spiel­raum des Gerichts geht, zeigt die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung, bei der es der Bun­des­ge­richts­hof zur Ver­sa­gung der Wie­der­ein­set­zung hat aus­rei­chen las­sen, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin nicht nach­voll­zieh­bar erläu­tert hat, aus wel­chen Grün­den er sich in einem Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung zwi­schen den Par­tei­en in einem Par­al­lel­ver­fah­ren (nur) eine Woche nach dem behaup­te­ten nicht all­täg­li­chen Vor­gang nicht ein­deu­tig zu der Behaup­tung der Gegen­sei­te erklä­ren konn­te, ein Rechts­mit­tel gegen die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung sei beim Kam­mer­ge­richt nicht ein­ge­gan­gen. Das Vor­brin­gen des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin im Wie­der­ein­set­zungs­an­trag, im Hin­blick auf die Fül­le der Ver­fah­ren sei für den Unter­zeich­ner eine sofor­ti­ge Ein­las­sung zur Fra­ge, ob Beru­fung ein­ge­legt wor­den sei oder nicht, nicht mög­lich gewe­sen, reich­te hier nicht.

Hin­zu kam im vor­lie­gen­den Fall aller­dings noch ein wei­te­res Indiz: In den vor­ge­leg­ten Aus­zü­gen aus dem Fris­ten­ka­len­der war die Beru­fungs­frist weder gestri­chen noch sonst als erle­digt gekenn­zeich­net und es war auch nicht dar­ge­stellt wor­den, dass die Erle­di­gung von Fris­ten in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin auf ande­re Art doku­men­tiert wird.

Vor­lie­gend hat­te das Beru­fungs­ge­richt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch nicht das Ver­fah­rens­grund­recht der Klä­ge­rin aus Art. 103 Abs. 1 GG ver­letzt, indem es sie nicht nach § 139 ZPO auf die Not­wen­dig­keit hin­ge­wie­sen habe, Beweis durch Zeug­nis ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten anzu­tre­ten.

Mit Ver­fü­gung vom 04.03.2015 hat das Beru­fungs­ge­richt die Klä­ge­rin dar­auf hin­ge­wie­sen, dass durch Vor­la­ge von Bele­gen glaub­haft gemacht wer­den müs­se, dass die Beru­fungs­schrift am 7.01.2015 um 19.00 Uhr zur Post gege­ben wur­de. Die­ser Hin­weis genüg­te, um der anwalt­lich ver­tre­te­nen Klä­ge­rin hin­rei­chend deut­lich zu machen, dass das Beru­fungs­ge­richt die vor­ge­leg­te eides­statt­li­che Ver­si­che­rung ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zur Glaub­haft­ma­chung nicht als aus­rei­chend erach­te­te, und ihr Gele­gen­heit zu geben, ent­spre­chen­den Zeu­gen­be­weis anzu­tre­ten 5. Die Klä­ge­rin hat die Gele­gen­heit, ihren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten als Zeu­gen anzu­bie­ten nicht genutzt, son­dern ledig­lich mit Schrift­satz vom 11.03.2015 ergän­zend vor­ge­tra­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Dezem­ber 2015 – II ZB 7/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 14.07.2015 – II ZB 27/​14, Fam­RZ 2015, 1715 Rn. 7; Beschluss vom 12.11.2014 – XII ZB 289/​14, NJW 2015, 349 Rn. 14[]
  2. BGH, Beschluss vom 12.11.2014 – XII ZB 289/​14, NJW 2015, 349 Rn. 14 mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 14.07.2015 – II ZB 27/​14, Fam­RZ 2015, 1715 Rn. 9; Beschluss vom 12.09.2013 – V ZB 187/​12, bei­de mwN[][]
  4. BGH, Beschluss vom 14.07.2015 – II ZB 27/​14, Fam­RZ 2015, 1715 Rn. 9; Beschluss vom 19.06.2013 – V ZB 226/​12[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 24.02.2010 – XII ZB 129/​09, MDR 2010, 648 Rn. 10[]