Zulas­sung zur Anwalt­schaft – und die im Zulas­sungs­an­trag ver­schwie­ge­ne Vor­stra­fe

Nach § 7 Nr. 5 BRAO ist die Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft zu ver­sa­gen, wenn sich der Bewer­ber eines Ver­hal­tens schul­dig gemacht hat, das ihn unwür­dig erschei­nen lässt, den Beruf eines Rechts­an­walts aus­zu­üben.

Zulas­sung zur Anwalt­schaft – und die im Zulas­sungs­an­trag ver­schwie­ge­ne Vor­stra­fe

Die­se Vor­aus­set­zung ist erfüllt, wenn der Bewer­ber bei Abwä­gung sei­nes Ver­hal­tens und aller erheb­li­chen Umstän­de wie Zeit­ab­lauf und zwi­schen­zeit­li­che Füh­rung nach sei­ner Gesamt­per­sön­lich­keit für den Anwalts­be­ruf nicht bezie­hungs­wei­se noch nicht trag­bar erscheint.

Auch schwer­wie­gen­de berufs­un­wür­di­ge Ver­hal­tens­wei­sen kön­nen dabei nach einer mehr oder min­der lan­gen Zeit durch län­ge­res Wohl­ver­hal­ten oder ande­re Umstän­de so sehr an Bedeu­tung ver­lie­ren, dass sie die Zulas­sung nicht mehr hin­dern.

Fes­te Fris­ten gibt es nicht. Viel­mehr sind alle für und gegen den jewei­li­gen Bewer­ber spre­chen­den Umstän­de ein­zel­fall­be­zo­gen zu gewich­ten und inso­weit das Inter­es­se des Antrag­stel­lers nach beruf­li­cher und sozia­ler Ein­glie­de­rung einer­seits und das durch das Berufs­recht geschütz­te Inter­es­se der Öffent­lich­keit, ins­be­son­de­re das der Recht­su­chen­den, an der Inte­gri­tät des Anwalts­stands ande­rer­seits abzu­wä­gen. Im Hin­blick auf die mit der Ver­sa­gung der Zulas­sung ver­bun­de­ne Ein­schrän­kung der Berufs­wahl­frei­heit ist bei der zu tref­fen­den Ent­schei­dung der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zu beach­ten 1. Maß­geb­lich für die Beur­tei­lung ist der Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung bezie­hungs­wei­se bei Ent­schei­dung nach münd­li­cher Ver­hand­lung die­ser Zeit­punkt 2.

Rechts­kräf­ti­ge Straf­be­feh­le sind für die rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung in berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren wesent­lich ("gewich­ti­ges Indiz") 3.

Auch ein unbe­rech­tig­tes Auf­tre­ten als Rechts­an­walt ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine gewich­ti­ge Pflicht­ver­let­zung 4. Dies gilt hier umso mehr, als der Klä­ger im vor­lie­gen­den Fall bereits ein­schlä­gig vor­be­straft gewe­sen ist und der Bun­des­ge­richts­hof ihm in sei­nem Beschluss vom 11.12 1995 ver­deut­licht hat, dass ein sol­ches Ver­hal­ten auch berufs­recht­lich erheb­li­che Aus­wir­kun­gen hat.

Ins­be­son­de­re auch eine fal­sche eides­statt­li­che Ver­si­che­rung stellt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 5 regel­mä­ßig eine erheb­li­che, berufs­recht­lich rele­van­te Pflicht­ver­let­zung dar.

im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Klä­ger in sei­nem Antrag auf Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft die Fra­ge nach straf­ge­richt­li­chen Ver­ur­tei­lun­gen (§§ 4 bis 8 BZRG) ver­neint. Die­ser gro­be Ver­stoß gegen die Wahr­heits­pflicht im Zulas­sungs­ver­fah­ren stellt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richs­t­hofs eine schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­let­zung dar 6.

Der Klä­ger hat sich gegen­über der Beklag­ten dahin ein­ge­las­sen, er sei irr­tüm­lich davon aus­ge­gan­gen, er müs­se den Straf­be­fehl des Amts­ge­richts W. vom 21.09.2012 wegen § 32 Abs. 2 Nr. 5 BZRG nicht ange­ben, "weil es sich nicht um eine in Füh­rungs­zeug­nis­sen zu berück­sich­ti­gen­de Vor­stra­fe im Sin­ne die­ser Vor­schrift gehan­delt hat­te". Dies haben die Beklag­te und der Anwalts­ge­richts­hof zu Recht als nicht nach­voll­zieh­bar gewer­tet, da im Fra­ge­bo­gen zu Zif­fer 6 aus­drück­lich vor­ab auf fol­gen­des hin­ge­wie­sen wird: "Die Rechts­an­walts­kam­mer hat nach § 36 Abs. 1 und 2 BRAO ein Recht auf unein­ge­schränk­te Aus­kunft aus dem Bun­des­zen­tral­re­gis­ter gem. § 51 BZRG zu § 7 Nr. 1 bis 5 BRAO. Im BZR getilg­te Ver­ur­tei­lun­gen müs­sen nicht mehr ange­ge­ben wer­den." Dies muss­te der Klä­ger – zumal als Jurist – zwin­gend so ver­ste­hen, dass nicht nur die in ein Füh­rungs­zeug­nis auf­zu­neh­men­den Straf­ta­ten anzu­ge­ben waren. Im Übri­gen sind Geld­stra­fen von nicht mehr als 90 Tages­sät­zen nach § 32 Abs. 2 Nr. 5a BZRG auch nur dann nicht in das Füh­rungs­zeug­nis auf­zu­neh­men, "wenn im Regis­ter kei­ne wei­te­re Stra­fe ein­ge­tra­gen ist". Letz­te­res ist hier aber der Fall. Der Klä­ger hät­te inso­weit alle – im Regis­ter noch nicht getilg­ten – Stra­fen ange­ben müs­sen.

Davon hat er vor­sätz­lich zur Täu­schung im Zulas­sungs­ver­fah­ren abge­se­hen. Erschwe­rend kommt hier­bei hin­zu, dass der Klä­ger bereits in dem frü­he­ren Zulas­sungs­ver­fah­ren fal­sche Anga­ben gemacht und ihm der Bun­des­ge­richts­hof bereits damals vor­ge­hal­ten hat, dass ein sol­ches Ver­hal­ten bereits für sich die Eig­nung eines Antrag­stel­lers ernst­lich in Fra­ge stellt. Unge­ach­tet des­sen hat er wie­der unwah­re Anga­ben gemacht.

Unter Wür­di­gung aller Umstän­de kann nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs noch kei­ne Rede davon sein, dass der Klä­ger zur Zeit wür­dig ist, als Rechts­an­walt zuge­las­sen zu wer­den. Er hat sich in einer Viel­zahl von Fäl­len straf­bar gemacht, wobei er mehr­fach auch wegen Taten ver­ur­teilt wor­den ist, die unmit­tel­bar die Belan­ge der Rechts­pfle­ge betref­fen. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag inso­weit auch die Auf­fas­sung des Klä­gers nicht zu tei­len, dass Ver­ur­tei­lun­gen zu Geld­stra­fen unter­halb der Gren­ze des § 32 Abs. 2 Nr. 5a BZRG aus Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grün­den im Rah­men des § 7 Nr. 5 BRAO kei­ne Rol­le spie­len kön­nen. Abge­se­hen davon, dass der Klä­ger in der Ver­gan­gen­heit nicht nur zu Geld, son­dern auch zu Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt wor­den ist, sind im Rah­men der Wür­di­gung der gesam­ten Umstän­de des kon­kre­ten Ein­zel­falls Ver­ur­tei­lun­gen zu Geld­stra­fen sehr wohl von Bedeu­tung für die Fra­ge, ob ein Rechts­an­walt unwür­dig ist, zumal wenn sie – wie hier – gehäuft auf­ge­tre­ten sind 7. Dies zeigt nicht zuletzt der Umstand, dass der Gesetz­ge­ber den mit Zulas­sungs­fra­gen befass­ten Jus­tiz­be­hör­den und Gerich­ten ein unbe­schränk­tes Aus­kunfts­recht aus dem Bun­des­zen­tral­re­gis­ter ein­ge­räumt und die­ses gera­de nicht auf das Füh­rungs­zeug­nis beschränkt hat (§ 41 Abs. 2 Nr. 1, 11 BZRG). Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag dem Klä­ger auch inso­weit nicht zu fol­gen, als die­ser die in den 90er Jah­ren began­ge­nen Straf­ta­ten im Wesent­li­chen der Anfang der 90er Jah­re zunächst rechts­wid­rig ver­wehr­ten Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft durch die Rechts­an­walts­kam­mer B. anlas­tet. Genau­so wenig wie die­ser Feh­ler aber das unbe­fug­te Auf­tre­ten des Klä­gers als Rechts­an­walt in den Jah­ren 1991 bis 1993 recht­fer­ti­gen oder ent­schul­di­gen kann 8, ist die­ser Umstand geeig­net, die vom Klä­ger in der Fol­ge­zeit began­ge­nen wei­te­ren Straf­ta­ten in einem für ihn durch­grei­fend mil­de­ren Licht erschei­nen zu las­sen. Auch wenn die von dem Klä­ger began­ge­nen Taten teil­wei­se schon län­ger zurück­lie­gen, kann nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben, dass der Klä­ger über mehr als zwei Jahr­zehn­te in regel­mä­ßi­gen Abstän­den Straf­ta­ten began­gen hat. Eine aus­rei­chend lan­ge Pha­se des Wohl­ver­hal­tens lässt sich nicht fest­stel­len. Hier­bei machen die fal­schen Anga­ben des Klä­gers im Zusam­men­hang mit sei­nem aktu­el­len Zulas­sungs­an­trag deut­lich, dass der Klä­ger aus den Erfah­run­gen der Ver­gan­gen­heit nicht aus­rei­chend gelernt hat und ihm – jeden­falls zur Zeit – die von einem Rechts­an­walt zu erwar­ten­de Ein­stel­lung zur Wahr­heits­pflicht fehlt. Die seit die­sem letz­ten Fehl­ver­hal­ten ver­stri­che­ne (kur­ze) Zeit­span­ne reicht nicht aus, um dem Inter­es­se des Klä­gers an einer (Wie­der) Ein­glie­de­rung in den Anwalts­be­ruf Vor­rang vor dem öffent­li­chen Inter­es­se an der Inte­gri­tät des Anwalts­stands und einer funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge zu geben. Dies gilt auch unter Berück­sich­ti­gung des fort­ge­schrit­te­nen Alters des Klä­gers und sei­nes Vor­trags, er habe sein Leben inzwi­schen geord­net, was sei­ne mehr­jäh­ri­ge Tätig­keit als Asses­sor in der Kanz­lei sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten und der Abschluss des Insol­venz­ver­fah­rens mit Ankün­di­gung der Rest­schuld­be­frei­ung zeig­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Febru­ar 2015 – AnwZ (Brfg) 16/​14

  1. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 15.06.2009 – AnwZ (B) 59/​08 6; vom 10.05.2010 AnwZ (B) 117/​09 4; und vom 12.07.2010 AnwZ (B) 116/​09 7 f.; Urteil vom 10.10.2011 AnwZ (Brfg) 10/​10, HFR 2012, 447 und Beschluss vom 28.03.2013 AnwZ (Brfg) 40/​12, BRAK-Mitt.2013, 197 Rn. 6; sie­he auch BVerfGE 63, 266, 287 f.; 72, 51, 65[]
  2. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 12.12 1988 – AnwZ (B) 46/​88, Umdruck S. 4; vom 30.11.1992 – AnwZ (B) 34/​92, BRAK-Mitt.1993, 42, 43; und vom 11.12 1995 – AnwZ (B) 34/​95, BRAK-Mitt.1996, 73, 74; all­ge­mein zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt bei Ver­pflich­tungs­kla­gen BGH, Beschluss vom 03.08.2012 – AnwZ (Brfg) 39/​11 6; BVerw­GE 143, 38 Rn. 11[]
  3. so aus­drück­lich BGH, Urteil vom 12.04.1999 – AnwSt ® 11/​98, BGHSt 45, 46, 49; sie­he auch Feue­rich in Feuerich/​Weyland, BRAO, 8. Aufl., § 118 Rn. 45 und Ditt­mann in Henssler/​Prütting, BRAO, 4. Aufl., § 118 Rn. 23[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 12.12 1977 – AnwZ (B) 16/​77, EGE XIV S. 63 ff.; vom 12.12 1988 – AnwZ (B) 46/​88, Umdruck S. 10; vom 11.12 1995 – AnwZ (B) 34/​95, BRAK-Mitt.1996, 73, 74; und vom 04.04.2005 – AnwZ (B) 21/​04 9[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 14.12 1984 – AnwZ (B) 28/​84, BRAK-Mitt.1985, 107; vom 08.02.1988 – AnwZ (B) 49/​87, BRAK-Mitt.1988, 146; und vom 30.11.1992 – AnwZ (B) 34/​92, BRAK-Mitt.1993, 42, 43[]
  6. vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 11.12 1995 – AnwZ (B) 34/​95, BRAK-Mitt.1996, 73, 74; vom 03.03.1997 – AnwZ (B) 62/​96, BRAK-Mitt.1997, 171; und vom 04.04.2005 – AnwZ (B) 21/​04 9; sie­he zur ent­spre­chen­den Wer­tung im Notar­recht auch BGH, Beschluss vom 05.03.2012 – NotZ (Brfg) 13/​11, NJW-RR 2012, 632 Rn. 8 ff.; vgl. auch BGH, Beschluss vom 17.06.1996 – AnwZ (B) 54/​95, BRAK-Mitt.1996, 258 zur Täu­schung über eine frü­he­re MfS-Tätig­keit[]
  7. vgl. auch BGH, Beschlüs­se vom 12.12 1988 – AnwZ (B) 46/​88, Umdruck S. 9, 11 m.w.N.; und vom 04.04.2005 – AnwZ (B) 21/​04 9[]
  8. sie­he BGH, aaO[]