Zulas­sungs­wi­der­ruf wegen Ver­mö­gens­ver­fall – und der Beur­tei­lungs­zeit­punkt

Für die Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit des Wider­rufs einer Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs allein auf den Zeit­punkt des Abschlus­ses des behörd­li­chen Wider­rufs­ver­fah­rens, also auf den Erlass des Wider­spruchs­be­scheids oder – wenn das nach neu­em Recht grund­sätz­lich vor­ge­schrie­be­ne Vor­ver­fah­ren ent­behr­lich ist – auf den Aus­spruch der Wider­rufs­ver­fü­gung abzu­stel­len.

Zulas­sungs­wi­der­ruf wegen Ver­mö­gens­ver­fall – und der Beur­tei­lungs­zeit­punkt

Die Beur­tei­lung danach ein­ge­tre­te­ner Ent­wick­lun­gen ist einem Wie­der­zu­las­sungs­ver­fah­ren vor­be­hal­ten 1.

Für ver­wal­tungs­be­hörd­li­che Rück­nah­me- oder Wider­rufs­ver­fü­gun­gen in berufs- oder gewer­be­recht­li­chen Zulas­sungs­ver­fah­ren gibt das mate­ri­el­le Recht regel­mä­ßig den Zeit­punkt des Abschlus­ses des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens als maß­geb­li­che Beur­tei­lungs­grund­la­ge für die gericht­li­che Über­prü­fung vor. Dies folgt vor allem dar­aus, dass das mate­ri­el­le Recht in den genann­ten Fäl­len ein – wenn auch nicht stets aus­drück­lich gere­gel­tes – eigen­stän­di­ges Wie­der­zu­las­sungs­ver­fah­ren vor­sieht, in dem alle nach­träg­li­chen Umstän­de Berück­sich­ti­gung fin­den 2.

Das anwalt­li­che Berufs­recht sieht in mate­ri­el­ler Hin­sicht kei­ne Beson­der­hei­ten vor, die es gebie­ten wür­den, bei der gericht­li­chen Ent­schei­dung über den Zulas­sungs­wi­der­ruf einen zwei­fels­frei­en nach­träg­li­chen Weg­fall des Wider­rufs­grun­des zu berück­sich­ti­gen.

Nach den mate­ri­ell­recht­li­chen Rege­lun­gen der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung ist für die Beur­tei­lung der Recht­mä­ßig­keit eines Zulas­sungs­wi­der­rufs der Zeit­punkt der letz­ten Ver­wal­tungs­ent­schei­dung maß­ge­bend. Eben­so wie in zahl­rei­chen ande­ren Berufs­ord­nun­gen ist der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung eine Tren­nung zwi­schen dem Wider­ruf der Zulas­sung (§ 14 Abs. 2 BRAO) und der (Wieder)Zulassung (§§ 6, 7 BRAO) imma­nent.

Daher besteht eine mit dem sons­ti­gen Berufs­zu­las­sungs­recht oder dem Gewer­be­recht im Kern über­ein­stim­men­de Sach­la­ge. Der Abschluss des behörd­li­chen Wider­rufs­ver­fah­rens bewirkt auch hier eine – im gericht­li­chen Ver­fah­ren zu beach­ten­de – Zäsur, durch die eine Berück­sich­ti­gung danach ein­tre­ten­der Umstän­de einem spä­te­ren Wie­derertei­lungs­ver­fah­ren zuge­wie­sen wird 3.

Dies gilt in glei­chem Maße für Kla­gen, mit denen – wie vor­lie­gend im Fall des Hilfs­an­trags des Rechts­an­walts – die Ver­pflich­tung der Rechts­an­walts­kam­mer zur Auf­he­bung des Wider­rufs­be­scheids begehrt wird.

Dabei ist bereits frag­lich, ob sol­che Kla­ge­an­trä­ge nicht als Anfech­tungs­an­trä­ge aus­zu­le­gen sind, da sie eben­so wie die­se auf die Auf­he­bung des Zulas­sungs­wi­der­rufs gerich­tet sind. Die pro­zes­sua­len und mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen der Anfech­tung eines sol­chen Ver­wal­tungs­akts kön­nen nicht mit­tels der­ar­ti­ger Ver­pflich­tungs­an­trä­ge umgan­gen wer­den.

Jeden­falls wäre aber auch im Rah­men eines Kla­ge­an­trags auf Ver­pflich­tung der Rechts­an­walts­kam­mer zur Auf­he­bung eines Wider­rufs­be­scheids auf den Zeit­punkt des Abschlus­ses des behörd­li­chen Wider­rufs­ver­fah­rens abzu­stel­len.

Zwar ist bei einer Ver­pflich­tungs­kla­ge der maß­geb­li­che Zeit­punkt für die Beur­tei­lung ihrer Begründ­etheit grund­sätz­lich der­je­ni­ge der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung 4. Ent­schei­dend ist jedoch stets, ob dem Rechts­an­walt nach dem mate­ri­el­len Recht ein Anspruch auf Erlass des begehr­ten Ver­wal­tungs­akts – hier: der Auf­he­bung des Wider­rufs­be­scheids vom 18.06.2015 – zusteht 5.

Bestand­teil des für den Wider­ruf einer Zulas­sung zur Rechts­an­walt­schaft maß­geb­li­chen mate­ri­el­len Rechts sind nicht nur die Vor­aus­set­zun­gen eines sol­chen Wider­rufs gemäß § 14 Abs. 2 BRAO, son­dern – wie aus­ge­führt – auch die im Zulas­sungs­recht ange­leg­te Tren­nung zwi­schen dem Wider­ruf der Zulas­sung (§ 14 Abs. 2 BRAO) und der (Wieder)Zulassung (§§ 6, 7 BRAO). Aus dem Umstand, dass das mate­ri­el­le Recht ein eigen­stän­di­ges Wie­der­zu­las­sungs­ver­fah­ren vor­sieht, in dem alle nach­träg­li­chen Umstän­de Berück­sich­ti­gung fin­den, folgt daher nicht nur für die Anfech­tung eines Zulas­sungs­wi­der­rufs, son­dern auch für den vom Rechts­an­walt hilfs­wei­se gestell­ten Ver­pflich­tungs­an­trag, dass allein auf den Zeit­punkt des Abschlus­ses des behörd­li­chen Wider­rufs­ver­fah­rens abzu­stel­len ist.

Auch inso­fern ist die Beur­tei­lung danach ein­ge­tre­te­ner Ent­wick­lun­gen einem Wie­der­zu­las­sungs­ver­fah­ren vor­be­hal­ten. Die­ses kann nicht durch die Ver­pflich­tung zur Auf­he­bung des Zulas­sungs­wi­der­rufs umgan­gen wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Janu­ar 2017 – AnwZ (Brfg) 57/​16

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 29.06.2011 – AnwZ (Brfg) 11/​10, BGHZ 190, 187 Rn. 9 ff.; und vom 10.03.2014 – AnwZ (Brfg) 77/​13 3 mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 29.06.2011, aaO Rn. 14 mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 29.06.2011, aaO Rn. 14 f. mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 03.08.2012 – AnwZ (Brfg) 39/​11 6 mwN; BVerwG, Urteil vom 19.04.2012 – 1 C 10/​11, BVerw­GE 143, 38 Rn. 11[]
  5. vgl. BVerwG, NJW 1990, 2700, 2701; Eyermann/​Schmidt, VwGO, 14. Aufl., § 113 Rn. 45 f. mwN[]