Auch in Bran­den­burg: Kei­ne ver­pflich­ten­de Pari­tät zur Landtagswahl

Das Zwei­te Gesetz zur Ände­rung des Bran­den­bur­gi­schen Lan­des­wahl­ge­set­zes – Pari­té-Gesetz [1], das die poli­ti­schen Par­tei­en ver­pflich­tet, bei der Auf­stel­lung ihrer Lan­des­lis­ten für die Wah­len zum Land­tag Bran­den­burg abwech­selnd Frau­en und Män­ner zu berück­sich­ti­gen, ist ver­fas­sungs­wid­rig und damit nichtig.

Auch in Bran­den­burg: Kei­ne ver­pflich­ten­de Pari­tät zur Landtagswahl

Vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt des Lan­des Bran­den­burg sind meh­re­re Ver­fas­sungs­be­schwer­de und Organ­streit­ver­fah­ren gegen das Bran­den­bur­gi­sche Pari­té-Gesetz erho­ben wor­den. Über drei die­ser Ver­fah­ren – zwei Organ­streit­ver­fah­ren des Lan­des­ver­ban­des der NPD und der AfD sowie eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de von vier AfD-Par­tei­mit­glie­dern – hat das Bran­den­bur­ger Ver­fas­sungs­ge­richt jetzt gemein­sam ver­han­delt ver­han­delt und ent­schie­den. Ein Organ­streit­ver­fah­ren der Pira­ten­par­tei Bran­den­burg, vier Ver­fas­sungs­be­schwer­den von Mit­glie­dern der „Jun­gen Libe­ra­len“, sowie eine wei­te­re Ver­fas­sungs­be­schwer­de sind noch beim Ver­fas­sungs­ge­richt anhän­gig, dürf­ten sich nach der aktu­el­len Ent­schei­dung aber erle­digt haben.

Wäh­rend der Antrag des Lan­des­ver­ban­des der AfD [2] im Organ­streit­ver­fah­ren kei­nen Erfolg hat­te und vom Ver­fas­sungs­ge­richt als unzu­läs­sig ver­wor­fen wur­de, hat­te der Antrag der NPD [3] sowie die Ver­fas­sungs­be­schwer­de der vier AfD-Mit­glie­der [2] Erfolg; das Ver­fas­sungs­ge­richt hat im Ergeb­nis eine Ver­let­zung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te der NPD und der ein­zel­nen AfD-Beschwer­de­füh­rer fest­ge­stellt und die Vor­schrif­ten des Pari­té-Geset­zes für nich­tig erklärt. Sie fin­den daher bei der nächs­ten Land­tags­wahl kei­ne Anwendung.

Das Ver­fas­sungs­ge­richt sieht die NPD in ihrer Orga­ni­sa­ti­ons- und Pro­gramm­frei­heit, der Wahl­vor­schlags­frei­heit der Par­tei und der Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en ver­letzt (VfGBbg 9/​19). Der Grund­satz der Frei­heit der Wahl gel­te auch für Par­tei­en bereits im Vor­feld der Wahl. Es sei ihre grund­le­gen­de Auf­ga­be, u. a. durch Auf­stel­lung von Kan­di­da­ten und Kan­di­da­ten­lis­ten zu den Land­tags­wah­len, die Offen­heit des Wil­lens­bil­dungs­pro­zes­ses vom Volk hin zu den Staats­or­ga­nen zu gewähr­leis­ten. Die­ser Pro­zess müs­se frei von inhalt­li­cher staat­li­cher Ein­fluss­nah­me blei­ben. Durch das Pari­täts­ge­setz ent­zie­he der Gesetz­ge­ber dem demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess einen wesent­li­chen Teil, indem er auf die Zusam­men­set­zung der Lis­ten Ein­fluss neh­me. Die Vor­ga­be der pari­tä­ti­schen Lis­ten­be­set­zung kön­ne fak­tisch den Aus­schluss der Auf­stel­lung bestimm­ter Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber zur Fol­ge haben. Bei Par­tei­en, die ein sehr unaus­ge­wo­ge­nes Geschlech­ter­ver­hält­nis haben, könn­te sie zudem zu erheb­li­chen Schwie­rig­kei­ten bei der Auf­stel­lung abwech­selnd besetz­ter Lis­ten füh­ren. Das habe Ein­fluss auf die Chan­cen der Par­tei­en bei der Wahl. Außer­dem ver­wi­sche die Pflicht zur Auf­stel­lung abwech­selnd besetz­ter Lis­ten die Unter­schie­de in den Par­tei­pro­gram­men. Den Par­tei­en ste­he es frei, sich im Rah­men ihrer Pro­gram­ma­tik dem Ziel der För­de­rung der Gleich­be­rech­ti­gung mehr oder weni­ger zu verschreiben.

Die ange­grif­fe­nen Rege­lun­gen sei­en weder durch eine dem Gesetz­ge­ber grund­sätz­lich oblie­gen­de Aus­ge­stal­tung des Wahl­ver­fah­rens noch durch das Ziel, den Frau­en­an­teil im Land­tag anzu­he­ben, legi­ti­miert. Die Ver­fas­sungs­ord­nung des Lan­des Bran­den­burg beken­ne sich zwar aus­drück­lich zur Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en und Män­nern und ver­bin­de dies mit einer Ver­pflich­tung des Lan­des, für deren Gleich­stel­lung – auch – im öffent­li­chen Leben zu sor­gen. Ände­run­gen im Wahl­recht, die Aus­wir­kun­gen auf das Demo­kra­tie­prin­zip in sei­ner bis­her ver­fass­ten Form haben, bedürf­ten jedoch einer Ent­schei­dung des Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­bers und sei­en dem Zugriff des ein­fa­chen Gesetz­ge­bers ent­zo­gen. Die vom Pari­täts­ge­setz berühr­ten Rech­te der Frei­heit der Par­tei­en sowie der Gleich­heit und Frei­heit der Wahl sei­en Aus­prä­gun­gen des Demo­kra­tie­prin­zips. Dem Demo­kra­tie­prin­zip der Ver­fas­sung des Lan­des Bran­den­burg lie­ge aber der Grund­satz der Gesamt­re­prä­sen­ta­ti­on zu Grun­de. Nach die­sem Prin­zip sei­en die Abge­ord­ne­ten nicht einem Wahl­kreis, einer Par­tei oder einer Bevölke­rungs­grup­pe, son­dern dem gan­zen Volk gegen­über verant­wort­lich. Die­sem Ver­ständ­nis wider­spre­che die Idee, dass sich in der Zusam­men­setzung des Par­la­ments auch die­je­ni­ge der (wahl­be­rech­tig­ten) Bevöl­ke­rung in ihren viel­fäl­tig ein­zu­tei­len­den Grup­pen, Schich­ten oder Klas­sen wider­spie­geln soll. Gesetz­li­che Rege­lun­gen, die eine jeweils hälf­ti­ge Ver­tei­lung der Land­tags­sit­ze an Frau­en und Män­ner anord­nen oder durch Lis­ten­vor­ga­ben för­dern sol­len, wür­den daher zugleich eine Modi­fi­ka­ti­on des Demo­kra­tie­prin­zips bedeu­ten. Die­se sei durch ein­fa­ches Gesetz nicht mög­lich. Aus der Lan­des­ver­fas­sung erge­be sich, dass sich die Wil­lens­bil­dung mit Hil­fe der Wah­len frei von staat­li­cher Ein­fluss­nah­me vom Volk aus zu voll­zie­hen habe. Der Staat habe sich in die­sem gesam­ten Pro­zess inhalt­li­cher Vor­ga­ben zu ent­hal­ten. Aus dem glei­chen Grund sei die Aus­ge­stal­tungs­be­fug­nis des Gesetz­ge­bers in Bezug auf den Ablauf der Wah­len und die Kon­kre­ti­sie­rung der Wahl­rechts­grund­sät­ze über­schrit­ten. Die­ses Ziel habe der Gesetz­ge­ber mit dem Pari­täts­ge­setz ohne­hin nicht ver­folgt; er habe viel­mehr aus­drück­lich die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau för­dern wollen.

Die gegen das Gesetz gerich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­den der AfD-Mit­glie­der hat­ten eben­falls im Wesent­li­chen Erfolg. Das Ver­fas­sungs­ge­richt stell­te eine Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te auf Gleich­heit der Wahl in der Aus­prä­gung als pas­si­ve Wahl­rechts­gleich­heit und des Ver­bots der Ungleich­be­hand­lung wegen des Geschlechts fest und erklär­te die Vor­schrif­ten, die eine pari­tä­ti­sche Beset­zung der Wahl­lis­ten for­dern, für nichtig.

Das Ver­fas­sungs­ge­richt stell­te klar, dass es sich nach der Ver­fas­sung des Lan­des Bran­den­burg bei den Wahl­rechts­grund­sät­zen, wonach Wah­len all­ge­mein, unmit­tel­bar, gleich, frei und geheim sind, um rüge­fä­hi­ge Grund­rech­te han­de­le. Das glei­che Recht der Staats­bür­ger zu wäh­len und gewählt zu wer­den sei eine der wesent­li­chen Grund­la­gen der Staats­ord­nung und im Sin­ne einer stren­gen und for­ma­len Gleich­heit bei der Zulas­sung zur Wahl zum Par­la­ment zu ver­ste­hen. Die Gleich­heit bei der Wähl­bar­keit (pas­si­ve Wahl­rechts­gleich­heit) sei für die Beschwer­de­füh­rer und Beschwer­de­füh­re­rin­nen mit den Vor­ga­ben des Pari­täts­ge­set­zes nicht mehr gewähr­leis­tet, weil es ihnen ?? anders als Per­so­nen des jeweils ande­ren Geschlechts ?? den Zugang zu bestimm­ten Lis­ten­plät­zen bzw. Vor­lis­ten bei der inner­par­tei­li­chen Kan­di­da­ten­auf­stel­lung ver­weh­re, den Zugang zu einer Lan­des­lis­te über­haupt ver­hin­dern kön­ne und Per­so­nen des drit­ten Geschlechts den Beschwer­de­füh­re­rin­nen und Beschwerde­füh­rern gegen­über wei­ter­ge­hen­de Kan­di­da­tur­mög­lich­kei­ten ein­räu­me. Die Rege­lung knüp­fe für die Zugangs­mög­lich­kei­ten zu den Vor­lis­ten und damit zu den Lis­ten­plät­zen einer Par­tei unmit­tel­bar an das Geschlecht der sich bewer­ben­den Per­son an und füh­re damit zugleich zu einer Benach­tei­li­gung von Frau­en und Män­nern wegen ihres Geschlechts jeden­falls gegen­über Per­so­nen des drit­ten Geschlechts. Aus den bereits zum Organ­streit­ver­fah­ren des Lan­des­ver­ban­des der NPD dar­ge­leg­ten Grün­den hielt das Ver­fas­sungs­ge­richt den Gesetz­ge­ber nicht zum Erlass der die Grund­rech­te der Beschwer­de­füh­rer und Beschwer­de­füh­re­rin­nen beein­träch­ti­gen­den Vor­schrif­ten für berechtigt.

Ver­fas­sungs­ge­richt des Lan­des Bran­den­burg, Urtei­le vom 23. Okto­ber 2020 – VfgBbg 9/​19 und VfgBbg 55/​19

  1. GVBl.I/19, [Nr. 1][]
  2. VfGBbg 55/​19[][]
  3. VfGBbg 9/​19[]

Bild­nach­weis: