Bun­des­prä­si­den­ten­wahl

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat Anträ­ge im Organ­streit­ver­fah­ren gegen die 15. Bun­des­ver­samm­lung sowie gegen den Bun­des­tags­prä­si­den­ten als deren Lei­ter ver­wor­fen. Mit die­ser jetzt ver­öf­fent­lich­ten Ent­schei­dung schließt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt an sein vor einem hal­ben Jahr ver­kün­de­tes Urteil zur 13. und 14. Bun­des­ver­samm­lung1 an.

Bun­des­prä­si­den­ten­wahl

Die 15. Bun­des­ver­samm­lung[↑]

Der Antrag­stel­ler in dem jetzt vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Organ­streit­ver­fah­ren, Ex-Vor­sit­zen­der der NPD, wur­de durch die Volks­ver­tre­tung des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern als Mit­glied der 15. Bun­des­ver­samm­lung gewählt. Im Vor­feld der Bun­des­ver­samm­lung leg­te er in den Län­dern Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg, Bran­den­burg, Ber­lin, Nie­der­sach­sen, Nord­rhein-West­fa­len, Rhein­land-Pfalz, Saar­land, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen gegen die Wahl der dor­ti­gen Dele­gier­ten Ein­spruch ein. Er mach­te dabei gel­tend, die jewei­li­ge Wahl nach Ein­heits­lis­ten ver­sto­ße gegen § 4 Abs. 5 des Geset­zes über die Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten durch die Bun­des­ver­samm­lung (Bun­des­prä­si­den­ten­wahl­ge­setz – im Fol­gen­den: BPräs­WahlG)2, weil auf der Lis­te für die Ersatz­kan­di­da­ten Unter­lis­ten vor­ge­se­hen sei­en, so dass ent­ge­gen die­ser Vor­schrift für den Fall der Nicht­an­nah­me der Wahl oder des Aus­schei­dens eines Mit­glieds nicht der nächs­te Bewer­ber der­sel­ben Vor­schlags­lis­te ein­tre­te, son­dern je nach Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit des ent­fal­len­den Mit­glieds ein Bewer­ber der jewei­li­gen Unter­lis­te. Es han­de­le sich daher um eine vom Gesetz nicht vor­ge­se­he­ne Abstim­mung "en bloc" über ver­schie­de­ne Lis­ten. Die Wahl sei auch des­halb rechts­wid­rig, weil sie gegen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz der Frei­heit der Wahl ver­sto­ße, denn der ein­zel­ne Land­tags­ab­ge­ord­ne­te habe kei­ne freie Wahl zwi­schen ein­zel­nen Lis­ten.

Die Ein­sprü­che wur­den von den jewei­li­gen Land­tags­prä­si­den­ten wegen man­geln­der Ein­spruchs­be­fug­nis als offen­sicht­lich unzu­läs­sig ange­se­hen.

Vor dem Zusam­men­tritt der 15. Bun­des­ver­samm­lung stell­te der Antrag­stel­ler gemein­sam mit den Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung Apfel und Dr. Mül­ler schrift­lich Anträ­ge auf Aus­schluss der Dele­gier­ten aus den Län­dern Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg, Bran­den­burg, Ber­lin, Nie­der­sach­sen, Nord­rhein-West­fa­len, Rhein­land-Pfalz, Saar­land, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen von der Bun­des­ver­samm­lung und auf Befas­sung der Bun­des­ver­samm­lung mit den Ein­sprü­chen gegen die Dele­gier­ten­wah­len in den vor­ge­nann­ten Län­dern nach § 5 Satz 3 BPräs­WahlG. Fer­ner reich­te er gemein­sam mit den genann­ten wei­te­ren Mit­glie­dern den Antrag ein, eine Geschäfts­ord­nung zu beschlie­ßen, wel­che bei Gel­tung der Geschäfts­ord­nung des Bun­des­ta­ges im Übri­gen für jeden Kan­di­da­ten für das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten die Gele­gen­heit zur Vor­stel­lung in bis zu 30-minü­ti­ger frei­er Rede und für jeden Wahl­vor­schlags­trä­ger das Recht auf Bestim­mung eines Mit­glieds der Bun­des­ver­samm­lung zum "Wahl­be­ob­ach­ter" bei der Stimm­aus­zäh­lung vor­sah.

Für die Mehr­heit der Mit­glie­der der Bun­des­ver­samm­lung wur­de vor der Bun­des­ver­samm­lung schrift­lich ein Antrag ein­ge­reicht, wonach auf die 15. Bun­des­ver­samm­lung die Geschäfts­ord­nung des Bun­des­ta­ges mit der Maß­ga­be Anwen­dung fin­den soll­te, dass Anträ­ge nur schrift­lich gestellt wer­den könn­ten und eine Aus­spra­che nicht statt­fin­de.

Am 18.03.2012 trat die 15. Bun­des­ver­samm­lung zusam­men. Sie hat­te ins­ge­samt 1240 Mit­glie­der, die 620 Mit­glie­der des Bun­des­ta­ges und 620 Mit­glie­der, die von den Län­der­par­la­men­ten gewählt wor­den waren. Der Bun­des­tags­prä­si­dent stell­te die Anträ­ge auf Aus­schluss der Dele­gier­ten aus zehn Län­dern und auf Befas­sung der Bun­des­ver­samm­lung mit den Ein­sprü­chen – ohne vor­he­ri­ge Aus­spra­che – nicht zur Abstim­mung. Nach­dem er die Beschluss­fä­hig­keit der Bun­des­ver­samm­lung fest­ge­stellt hat­te, wur­de der von der Mehr­heit getra­ge­ne Geschäfts­ord­nungs­an­trag zur Abstim­mung gestellt und von der Bun­des­ver­samm­lung mehr­heit­lich ange­nom­men. Danach erklär­te der Bun­des­tags­prä­si­dent, über den aus dem Geschäfts­ord­nungs­ent­wurf des Antrag­stel­lers ent­nom­me­nen Antrag, eine münd­li­che Vor­stel­lung der Kan­di­da­ten zu ermög­li­chen, wegen offen­kun­di­ger Unzu­läs­sig­keit eben­falls nicht abstim­men zu las­sen; eine Aus­spra­che über die­sen Antrag fand nicht statt. Anschlie­ßend wur­de der wie­der­um dem Geschäfts­ord­nungs­ent­wurf ent­nom­me­ne Antrag betref­fend die Benen­nung von "Wahl­be­ob­ach­tern" zur Abstim­mung gestellt, fand aber in der hier­über – ohne vor­he­ri­ge Aus­spra­che – durch­ge­führ­ten Abstim­mung kei­ne Mehr­heit.

Nach­dem die Wahl durch­ge­führt wor­den war und der Gewähl­te erklärt hat­te, er neh­me die Wahl an, und eine Anspra­che gehal­ten hat­te, erklär­te der Bun­des­tags­prä­si­dent, die Bun­des­ver­samm­lung sei geschlos­sen.

Ungül­tig­erklä­rung und Wie­der­ho­lung der Wahl[↑]

Der Antrag, die Wahl von Joa­chim Gauck zum Bun­des­prä­si­den­ten durch die 15. Bun­des­ver­samm­lung für ungül­tig zu erklä­ren und eine Wie­der­ho­lungs­wahl anzu­ord­nen, hilfs­wei­se fest­zu­stel­len, dass die Wahl von Joa­chim Gauck zum Bun­des­prä­si­den­ten durch die 15. Bun­des­ver­samm­lung ungül­tig ist, ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kein taug­li­cher Gegen­stand eines Organ­streit­ver­fah­rens und damit unzu­läs­sig.

Das mit die­sem Antrag erfolg­te Begeh­ren kann nicht Gegen­stand eines Organ­streit­ver­fah­rens sein, da es auf einen rechts­ge­stal­ten­den Aus­spruch abzielt3.

Nach dem Haupt­an­trag soll die Wahl von Joa­chim Gauck zum Bun­des­prä­si­den­ten durch die 15. Bun­des­ver­samm­lung für ungül­tig erklärt und eine Wie­der­ho­lungs­wahl ange­ord­net wer­den. Der Antrag ist damit unmit­tel­bar auf eine unzu­läs­si­ge Rechts­ge­stal­tung und den Aus­spruch einer Ver­pflich­tung gerich­tet. Er kann auch nicht dahin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass der Antrag­stel­ler mit dem Haupt­an­trag die Fest­stel­lung einer Ver­let­zung sei­ner organ­schaft­li­chen Rech­te und damit ein zuläs­si­ges Rechts­schutz­ziel ver­folgt. Denn er begehrt mit dem wei­te­ren Antrag, den er auf den­sel­ben Sach­ver­halt stützt, aus­drück­lich die Fest­stel­lung einer Ver­let­zung sei­ner Rech­te aus Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG.

Der Hilfs­an­trag ist eben­falls nicht auf ein zuläs­si­ges Rechts­schutz­ziel gerich­tet. Er zielt auf die Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit der Wahl und damit auf eine Fest­stel­lung mit gestal­ten­der Wir­kung4. Für eine Aus­le­gung dahin, dass der Antrag­stel­ler die Fest­stel­lung einer Ver­let­zung in sei­nen organ­schaft­li­chen Rech­ten begehrt, ist ange­sichts des Wort­lau­tes des Antra­ges zu 8. wie­der­um kein Raum.

Wahl­ein­sprü­che wegen feh­ler­haf­ter Dele­gier­ten­wah­len[↑]

Die Anträ­ge fest­zu­stel­len,

  • dass der Bun­des­tags­prä­si­dent die Rech­te des Antrag­stel­lers aus Arti­kel 38 Absatz 1 Satz 2 GG ana­log dadurch ver­letzt hat, dass er ent­ge­gen § 5 Satz 3 Bun­des­prä­si­den­ten­wahl­ge­setz nicht die Ent­schei­dung der Bun­des­ver­samm­lung über die Wahl­ein­sprü­che des Antrag­stel­lers betref­fend die Dele­gier­ten­wah­len in den Län­dern Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg, Bran­den­burg, Ber­lin, Nie­der­sach­sen, Nord­rhein-West­fa­len, Rhein­land-Pfalz, Saar­land, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen her­bei­ge­führt hat, sowie
  • dass die Bun­des­ver­samm­lung die Rech­te des Antrag­stel­lers aus Arti­kel 38 Absatz 1 Satz 2 GG ana­log dadurch ver­letzt hat, dass sie die Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten in feh­ler­haf­ter Zusam­men­set­zung durch­ge­führt hat

sind unzu­läs­sig, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, da der Antrag­stel­ler inso­weit nicht antrags­be­fugt ist.

Nach § 64 Abs. 1 BVerfGG muss ein Antrag­stel­ler im Organ­streit­ver­fah­ren gel­tend machen, durch eine Maß­nah­me des Antrags­geg­ners in sei­nen ihm durch das Grund­ge­setz über­tra­ge­nen Rech­ten ver­letzt zu sein.

Dem Antrag­stel­ler steht von Ver­fas­sungs wegen ein organ­schaft­li­ches Recht nicht zu, die Wahl der von ande­ren Län­dern in die Bun­des­ver­samm­lung ent­sand­ten Dele­gier­ten zu rügen und mit die­ser Begrün­dung die ord­nungs­ge­mä­ße Zusam­men­set­zung der Bun­des­ver­samm­lung auf den Prüf­stand zu stel­len. Wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits ent­schie­den hat, bestehen kei­ne über § 5 BPräs­WahlG hin­aus­ge­hen­den organ­schaft­li­chen Rech­te auf Über­prü­fung der Wahl der Dele­gier­ten in den Volks­ver­tre­tun­gen der Län­der5.

Die Vor­aus­set­zun­gen des § 5 BPräs­WahlG sind hier nicht erfüllt. Nach § 5 Satz 1 BPräs­WahlG ist jedes Mit­glied des jewei­li­gen Land­ta­ges und jeder in eine Vor­schlags­lis­te auf­ge­nom­me­ne Bewer­ber zu einem Ein­spruch berech­tigt. Damit ist sicher­ge­stellt, dass zuguns­ten der­je­ni­gen, die durch die Wahl in dem jewei­li­gen Lan­des­par­la­ment unmit­tel­bar betrof­fen sein kön­nen, Rechts­schutz besteht. Zu die­sem Per­so­nen­kreis zählt der Antrag­stel­ler nicht, der sich nicht gegen die Wahl im Land­tag von Meck­len­burg-Vor­pom­mern, son­dern gegen den Wahl­mo­dus in ande­ren Land­ta­gen wen­det. Dem­nach lie­gen auch die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ent­schei­dung der Bun­des­ver­samm­lung nach § 5 Satz 3 BPräs­WahlG nicht vor. Nach die­ser Vor­schrift ist die Bun­des­ver­samm­lung zu einer Ent­schei­dung über einen Ein­spruch nur befugt, falls der Land­tag über einen nach § 5 Satz 1 BPräs­WahlG zuläs­si­gen Ein­spruch nicht mehr recht­zei­tig ent­schei­den konn­te. Hier aber liegt kein nach § 5 Satz 1 BPräs­WahlG zuläs­si­ger Ein­spruch vor. Ein Recht oder gar eine Pflicht der Bun­des­ver­samm­lung zur Ent­schei­dung über Ein­sprü­che außer­halb von § 5 Satz 1 BPräs­WahlG gewährt § 5 Satz 3 BPräs­WahlG nicht6.

Feh­ler bei der Durch­füh­rung der Bun­des­ver­samm­lung[↑]

Bei den übri­gen Anträ­gen, fest­zu­stel­len, dass

  • der Bun­des­tags­prä­si­dent die Rech­te des Antrag­stel­lers aus Arti­kel 38 Absatz 1 Satz 2 GG ana­log dadurch ver­letzt hat, dass er
    • dem Antrag­stel­ler im Rah­men der 15. Bun­des­ver­samm­lung am 18.03.2012 kei­ne Gele­gen­heit gege­ben hat, den von ihm sowie den wei­te­ren Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung Apfel und Dr. Mül­ler gestell­ten Antrag, die von den Län­dern Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg, Bran­den­burg, Ber­lin, Nie­der­sach­sen, Nord­rhein-West­fa­len, Rhein­land-Pfalz, Saar­land, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen ent­sand­ten Dele­gier­ten wegen feh­ler­haf­ter Wahl in den jewei­li­gen Land­ta­gen von den Bera­tun­gen und Beschluss­fas­sun­gen der 15. Bun­des­ver­samm­lung aus­zu­schlie­ßen, münd­lich zu begrün­den,
    • den von ihm sowie den wei­te­ren Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung Apfel und Dr. Mül­ler gestell­ten Antrag, die von den Län­dern Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg, Bran­den­burg, Ber­lin, Nie­der­sach­sen, Nord­rhein-West­fa­len, Rhein­land-Pfalz, Saar­land, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen ent­sand­ten Dele­gier­ten wegen feh­ler­haf­ter Wahl in den jewei­li­gen Land­ta­gen von den Bera­tun­gen und Beschluss­fas­sun­gen der 15. Bun­des­ver­samm­lung aus­zu­schlie­ßen, im Ple­num nicht zur Abstim­mung gestellt hat,
    • dem Antrag­stel­ler im Rah­men der 15. Bun­des­ver­samm­lung kei­ne Gele­gen­heit gege­ben hat, den von ihm sowie den wei­te­ren Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung Apfel und Dr. Mül­ler gestell­ten Antrag betref­fend die Ein­brin­gung eines eige­nen Ent­wurfs für eine Geschäfts­ord­nung der Bun­des­ver­samm­lung münd­lich zu begrün­den, sowie
    • den von ihm sowie den wei­te­ren Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung Apfel und Dr. Mül­ler gestell­ten Antrag betref­fend die Ein­brin­gung eines eige­nen Ent­wurfs für eine Geschäfts­ord­nung der Bun­des­ver­samm­lung im Ple­num nicht zur Abstim­mung gestellt hat,
  • die 15. Bun­des­ver­samm­lung die Rech­te des Antrag­stel­lers aus Arti­kel 38 Absatz 1 Satz 2 GG ana­log dadurch ver­letzt hat, dass sie
    • den Beschluss gefasst hat, dass bezüg­lich Geschäfts­ord­nungs­an­trä­gen und ande­ren Anträ­gen kei­ne münd­li­che Begrün­dung und kei­ne Aus­spra­che statt­fin­den darf, sowie dadurch, dass sie

hat es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt offen gelas­sen, ob die­se über­haupt zuläs­sig sind, denn sie sind jeden­falls offen­sicht­lich unbe­grün­det7.

Die Bun­des­ver­samm­lung und der Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges als ihr Lei­ter haben Rede- und Antrags­rech­te des Antrag­stel­lers nicht ver­letzt.

Den Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung sind durch Art. 54 GG außer dem Recht zur Teil­nah­me an der Wahl nur begrenzt Mit­wir­kungs­rech­te zuge­wie­sen, soweit sie zur Wahr­neh­mung des Wahl­rechts erfor­der­lich sind. Die für Abge­ord­ne­te des Bun­des­ta­ges gel­ten­de Rege­lung des Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG ist wegen der anders­ar­ti­gen Auf­ga­be der Bun­des­ver­samm­lung auf deren Mit­glie­der nicht über­trag­bar8. Das Grund­ge­setz gewähr­leis­tet ihnen kein gene­rel­les Rede- und Antrags­recht. Ins­be­son­de­re fin­det die Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten nach Art. 54 Abs. 1 GG "ohne Aus­spra­che" statt; zu einer Per­so­nal- und Sach­de­bat­te über oder mit den Kan­di­da­ten sind die Mit­glie­der der Bun­des­ver­samm­lung danach nicht berech­tigt9.

Der Prä­si­dent des Bun­des­ta­ges als Lei­ter der Bun­des­ver­samm­lung ist befugt, Sach- und Geschäfts­ord­nungs­an­trä­ge, die offen­sicht­lich nicht im Ein­klang mit der Ver­fas­sung ste­hen, nicht zur Abstim­mung zu stel­len, ohne dem jewei­li­gen Antrag­stel­ler zuvor das Wort zu ertei­len10.

Nach die­sen Maß­stä­ben sind im Rah­men der 15. Bun­des­ver­samm­lung organ­schaft­li­che Rech­te des Antrag­stel­lers offen­sicht­lich nicht ver­letzt wor­den.

Die Bun­des­ver­samm­lung hat durch den Beschluss einer Geschäfts­ord­nung, wonach Anträ­ge nur schrift­lich ein­ge­reicht wer­den kön­nen und eine Aus­spra­che nicht statt­fin­det, kei­ne dem Antrag­stel­ler durch die Ver­fas­sung ein­ge­räum­ten Rech­te ver­letzt. Die Abga­be der Stim­men und ihre Aus­zäh­lung bedür­fen eines Rede- und Antrags­rechts grund­sätz­lich nicht. Zwei­fel an der ord­nungs­ge­mä­ßen Durch­füh­rung der Wahl in der Bun­des­ver­samm­lung, wel­che mög­li­cher­wei­se ein ver­fas­sungs­recht­li­ches Rede­recht begrün­den könn­ten, macht der Antrag­stel­ler nicht gel­tend11.

Der Bun­des­tags­prä­si­dent hat kei­ne organ­schaft­li­chen Rech­te des Antrag­stel­lers ver­letzt, indem er den von die­sem ein­ge­brach­ten Geschäfts­ord­nungs­ent­wurf – bis auf den hier­aus ent­nom­me­nen Antrag auf Benen­nung von Wahl­be­ob­ach­tern – nicht zur Abstim­mung gestellt hat. Die vom Antrag­stel­ler bean­trag­te Aus­ge­stal­tung der Geschäfts­ord­nung, nach der den Kan­di­da­ten für das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten Gele­gen­heit gege­ben wer­den soll­te, sich bis zu 30 Minu­ten in frei­er Rede vor­zu­stel­len, hät­te eine Ver­let­zung des Aus­spra­che­ver­bots des Art. 54 Abs. 1 Satz 1 GG bedeu­tet12.

Der Bun­des­tags­prä­si­dent war schon des­halb nicht ver­pflich­tet, dem Antrag­stel­ler das Wort zur Begrün­dung sei­nes Geschäfts­ord­nungs­ent­wur­fes zu ertei­len. Er war auch aus ande­ren Grün­den nicht gehal­ten, vor der Beschluss­fas­sung über eine Geschäfts­ord­nung Rede­bei­trä­ge zuzu­las­sen. Der auf Grund­la­ge von Art. 54 Abs. 7 GG erlas­se­ne § 8 Satz 2 BPräs­WahlG sieht die Gel­tung der Geschäfts­ord­nung des Bun­des­ta­ges – mit dar­in gemäß § 29 ent­hal­te­nen Rede­rech­ten – nur vor, "sofern" sich nicht die Bun­des­ver­samm­lung eine eige­ne Geschäfts­ord­nung gibt. Ist – wie hier – bereits erkenn­bar, dass die Bun­des­ver­samm­lung von ihrem Recht, die Ord­nung ihrer Geschäf­te selbst zu regeln, Gebrauch machen möch­te, kommt die Geschäfts­ord­nung des Bun­des­ta­ges nicht zum Tra­gen13. Dabei ist das Vor­ge­hen des Bun­des­tags­prä­si­den­ten nicht zu bean­stan­den, über den von der Mehr­heit der Bun­des­ver­samm­lung getra­ge­nen Antrag zur Geschäfts­ord­nung vor­ran­gig, jeden­falls vor Ertei­lung des Worts an ein Mit­glied der Bun­des­ver­samm­lung, abstim­men zu las­sen. Denn der von der Mehr­heit getra­ge­ne Antrag hat­te erkenn­bar zum Ziel, in der Bun­des­ver­samm­lung gene­rell kei­ne Rede­bei­trä­ge zuzu­las­sen. Die­se Ziel­rich­tung wäre unter­lau­fen wor­den, hät­te der Bun­des­tags­prä­si­dent dem Antrag­stel­ler zuvor das Wort erteilt14.

Der Bun­des­tags­prä­si­dent hat fer­ner kei­ne organ­schaft­li­chen Rech­te des Antrag­stel­lers dadurch ver­letzt, dass er des­sen Antrag auf Aus­schlie­ßung von Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung wegen einer Feh­ler­haf­tig­keit ihrer Wahl in den Volks­ver­tre­tun­gen der Län­der nicht zur Abstim­mung gestellt hat. Die Vor­aus­set­zun­gen für die (sub­si­diä­re) Befas­sung der Bun­des­ver­samm­lung mit der Wahl­prü­fung gemäß § 5 Satz 3 BPräs­WahlG waren ersicht­lich nicht erfüllt. Die Bun­des­ver­samm­lung war nicht befugt, sich mit die­sem offen­sicht­lich gegen Art. 54 Abs. 3 GG ver­sto­ßen­den Antrag zu befas­sen; ein dem Antrag ent­spre­chen­des Ver­fah­ren hät­te zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten geführt.

Da sich die Bun­des­ver­samm­lung mit dem Antrag auf Aus­schlie­ßung von Mit­glie­dern der Bun­des­ver­samm­lung wegen einer Feh­ler­haf­tig­keit ihrer Wahl in den Volks­ver­tre­tun­gen der Län­der von Ver­fas­sungs wegen nicht befas­sen durf­te, war der Bun­des­tags­prä­si­dent auch nicht ver­pflich­tet, dem Antrag­stel­ler zur Begrün­dung die­ses Antrags das Wort zu ertei­len15.

Kei­ne "Wahl­be­ob­ach­ter"[↑]

Der Antrag schließ­lich, mit dem der Antrag­stel­ler die Ableh­nung sei­nes Antrags, jedem Wahl­vor­schlags­trä­ger die Benen­nung eines bei der Stim­men­aus­zäh­lung anwe­sen­den "Wahl­be­ob­ach­ters" zu gestat­ten, durch die Bun­des­ver­samm­lung bean­stan­det, ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts – unter Zurück­stel­lung der Fra­ge sei­ner Zuläs­sig­keit – eben­falls offen­sicht­lich unbe­grün­det.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat wie­der­holt ent­schie­den, dass das Grund­ge­setz einem Mit­glied der Bun­des­ver­samm­lung kein Recht über­tra­gen hat, als "Wahl­be­ob­ach­ter" nach jedem Wahl­gang zur Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten an der Aus­zäh­lung der Stim­men und der Ermitt­lung des Wahl­er­geb­nis­ses teil­zu­neh­men, und der Grund­satz der Öffent­lich­keit der Wahl die Zulas­sung von "Wahl­be­ob­ach­tern", die durch Wahl­vor­schlags­trä­ger benannt wer­den, bei der Aus­zäh­lung der Stim­men und der Ermitt­lung des Wahl­er­geb­nis­ses der ein­zel­nen Wahl­gän­ge in der Bun­des­ver­samm­lung nicht gebie­tet16.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Dezem­ber 2014 – 2 BvE 2/​12

  1. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 []
  2. vom 25.04.1959, BGBl I S. 230, in der Fas­sung des Ände­rungs­ge­set­zes vom 12.07.2007, BGBl I S. 1326 []
  3. vgl. BVerfGE 1, 351, 371; 20, 119, 129; 124, 161, 188; BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10, Rn. 64 ff. []
  4. vgl. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 67 []
  5. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 73 ff. []
  6. vgl. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 79, 123 []
  7. vgl. BVerfGE 6, 7, 11; 60, 243, 246; 96, 1, 5; 97, 350, 368; 128, 278, 280 []
  8. vgl. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 90, 99 ff. []
  9. vgl. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 108 ff. []
  10. vgl. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 117 f. []
  11. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 113 []
  12. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 120 f. []
  13. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 130 []
  14. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 131 []
  15. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 128 []
  16. BVerfGE 130, 367, 369 f.; BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09 und 2 BvE 2/​10 134 []