Coro­na – und die Ein­schrän­kung der anwalt­li­chen Berufs­frei­heit

In Zei­ten von Coro­na lässt der hohe Rang der Rechts­gü­ter Leben und Gesund­heit kei­nen Zwei­fel dar­an, dass die Ein­schrän­kung, Anwalts­ter­mi­ne nur in drin­gend erfor­der­li­chen Fäl­len wahr­zu­neh­men, ange­mes­sen ist. Die­se Rege­lung ver­stößt auch nicht gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz.

Coro­na – und die Ein­schrän­kung der anwalt­li­chen Berufs­frei­heit

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Ableh­nung eines Eil­an­tra­ges durch das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin 1 bestä­tigt, mit dem ein Ber­li­ner Rechts­an­walt sich gegen die Ber­li­ner Coro­na­vi­rus-Ein­däm­mungs­maß­nah­men­ver­ord­nung gewehrt hat. Er hat­te sich dage­gen gewandt, dass die Wahr­neh­mung von Ter­mi­nen in Rechts­an­walts­kanz­lei­en nach den Rege­lun­gen der SARS-CoV-2-Ein­däm­mungs­maß­nah­men­ver­ord­nung vom 22. März 2020 nur dann zuläs­sig ist, wenn es sich dabei um drin­gend erfor­der­li­che Ter­mi­ne han­delt, die gegen­über der Poli­zei und den zustän­di­gen Ord­nungs­be­hör­den glaub­haft zu machen sind. Der Antrag­stel­ler hat­te gel­tend gemacht, die Rege­lun­gen grif­fen unver­hält­nis­mä­ßig in sei­ne Berufs­aus­übungs­frei­heit ein. Den Rechts­su­chen­den wer­de es in erheb­li­chem Maß erschwert, bei ihm um Rechts­rat nach­zu­su­chen. Dadurch wer­de das Recht, sich in Ver­fah­ren eines anwalt­li­chen Bei­stands zu bedie­nen, unzu­läs­sig ein­ge­schränkt, zumal die rechts­su­chen­de Per­son ihre Grün­de im Fall einer Poli­zei­kon­trol­le glaub­haft machen und damit offen­le­gen müs­se.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin 1 hat den Eil­an­trag zurück­ge­wie­sen mit der Begrün­dung, dass dem Antrag­stel­ler ohne die bean­trag­te gericht­li­che Fest­stel­lung kei­ne schwe­ren und unzu­mut­ba­ren Nach­tei­le droh­ten. Sei­ne poten­ti­el­len Man­dan­ten müss­ten bei einer allen­falls im Ein­zel­fall erfol­gen­den Kon­trol­le im Wesent­lich nur Ort und Zeit eines etwai­gen Bespre­chungs­ter­mins in der Kanz­lei glaub­haft machen; dies stel­le schon kei­ne erheb­li­che Hür­de für die Inan­spruch­nah­me und Erbrin­gung anwalt­li­cher Hil­fe dar. Im Übri­gen sei die durch die ange­grif­fe­nen Nor­men allen­falls ver­ur­sach­te gering­fü­gi­ge Beein­träch­ti­gung des Antrag­stel­lers in sei­ner Berufs­aus­übungs­frei­heit ange­sichts des mit der – zeit­lich ohne­hin eng befris­te­ten – Ver­ord­nung bezweck­ten Schut­zes der über­ra­gend wich­ti­gen Schutz­gü­ter der Gesund­heit und des Lebens gerecht­fer­tigt und ins­be­son­de­re nicht unver­hält­nis­mä­ßig. Der Ver­lang­sa­mung der Anste­ckungs­ra­te durch Ver­mei­dung sozia­ler Kon­tak­te kom­me ent­schei­den­de Bedeu­tung zu, um die Über­las­tung und den Zusam­men­bruch des Gesund­heits­sys­tems und in der Fol­ge erheb­li­che Gesund­heits­schä­den und den Tod einer Viel­zahl von Men­schen zu ver­hin­dern. Hier­zu tra­ge es bei, wenn nur drin­gend erfor­der­li­che per­sön­li­che Ter­mi­ne bei Rechts­an­wäl­tin­nen und ‑anwäl­ten wahr­ge­nom­men wer­den dürf­ten. Gegen die­se Ent­schei­dung hat der Antrag­stel­ler Beschwer­de ein­ge­legt.

Nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg sind die Rege­lun­gen ver­hält­nis­mä­ßig. Die hohe Dyna­mik des Infek­ti­ons­ge­sche­hens und die damit ver­bun­de­ne Gefahr einer Über­las­tung des Gesund­heits­sys­tems mit dra­ma­ti­schen Fol­gen für Leben und Gesund­heit einer Viel­zahl infi­zier­ter Per­so­nen recht­fer­ti­ge es, die Kon­takt­be­schrän­kun­gen gegen­wär­tig als erfor­der­lich anzu­se­hen und nur die in § 14 Abs. 3 SARS-CoV-2-Ein­d­maßnV vor­ge­se­he­nen Aus­nah­men zuzu­las­sen. Der hohe Rang der Rechts­gü­ter Leben und Gesund­heit las­se kei­nen Zwei­fel dar­an, dass die vom Antrag­stel­ler ange­grif­fe­ne Ein­schrän­kung, Anwalts­ter­mi­ne nur in drin­gend erfor­der­li­chen Fäl­len wahr­zu­neh­men, ange­mes­sen sei.

Es sei poten­ti­el­len Man­dan­ten regel­mä­ßig mög­lich, die Dring­lich­keit ihres Anlie­gens glaub­haft zu machen, ohne dabei Ein­zel­hei­ten der anwalt­li­chen Bera­tung oder Ver­tre­tung offen­zu­le­gen. Daten­schutz­recht­li­che Beden­ken bestün­den inso­weit nicht.

Eben­so wenig ver­sto­ße die Rege­lung gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz. Ins­be­son­de­re kön­ne sich der Rechts­an­walt nicht auf Rege­lun­gen für Gewer­be­be­trie­be beru­fen, die nach der Ver­ord­nung kei­nen Ein­schrän­kun­gen unter­wor­fen sei­en, obwohl es dort eben­falls zu engen Kon­tak­ten von Per­so­nen kom­men kön­ne. Denn dies las­se außer Acht, dass sol­che Gewer­be­be­trie­be nach der Ein­schät­zung des Ver­ord­nungs­ge­bers für die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit den Gütern des täg­li­chen Lebens erfor­der­lich sei­en.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 8. April 2020 – OVG 11 S 20/​20

  1. VG Ber­lin, Beschluss vom 02.04.2020 – VG 14 L 31.20[][]