Der jah­re­lang bedien­te Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag

Einem nach § 5a VVG a.F. ord­nungs­ge­mäß belehr­ten Ver­si­che­rungs­neh­mer steht nach jah­re­lan­ger Durch­füh­rung des Lebens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges kein Berei­che­rungs­an­spruch zu.

Der jah­re­lang bedien­te Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit begehrt der kla­gen­de Ver­si­che­rungs­neh­mer Rück­zah­lung geleis­te­ter Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge aus einer fonds­ge­bun­de­nen Lebens­ver­si­che­rung, nach­dem er einem Wider­spruch gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. erklärt hat­te. Der Ver­si­che­rungs­ver­trag wur­de 1998 nach dem in die­ser (von Mit­te 1994 bis Ende 2007 gül­ti­gen) Vor­schrift gere­gel­ten so genann­ten Poli­cen­mo­dell geschlos­sen. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts erhielt der Klä­ger mit Über­sen­dung des Ver­si­che­rungs­scheins die All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen und die Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on und wur­de ord­nungs­ge­mäß nach § 5a VVG a.F. über sein Wider­spruchs­recht belehrt. Der Klä­ger zahl­te in der Fol­ge die Ver­si­che­rungs­prä­mi­en. Im Jahr 2004 kün­dig­te er den Ver­si­che­rungs­ver­trag und erhielt den Rück­kaufs­wert. Im Jahr 2011 erklär­te er den Wider­spruch.

In den Vor­in­stan­zen haben das Land­ge­richt Gie­ßen1 und das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main2 die Kla­ge abge­wie­sen, weil der Klä­ger den Wider­spruch gegen das Zustan­de­kom­men des Ver­tra­ges nicht frist­ge­recht inner­halb von 14 Tagen nach Über­las­sung der Unter­la­gen gemäß § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. erklärt habe. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun die­se hes­si­schen Urtei­le bestä­tigt und auch die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on des Klä­gers zurück­ge­wie­sen.

Der Klä­ger kann, so der Bun­des­ge­richts­hof nicht aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung Rück­zah­lung der Prä­mi­en und Nut­zungs­er­satz ver­lan­gen. Er hat die Prä­mi­en mit Rechts­grund an die Beklag­te geleis­tet. Der zwi­schen den Par­tei­en abge­schlos­se­ne Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag ist nicht wegen Gemein­schafts­rechts­wid­rig­keit des § 5a VVG a.F. unwirk­sam. Dabei war der Bun­des­ge­richts­hof – anders als es in Bezug auf die Vor­schrift des § 5a Abs. 2 Satz 4 VVG a.F. der Fall war3 – nicht gehal­ten, eine Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ein­zu­ho­len. Der Bun­des­ge­richts­hof sieht eben­so wie die ein­hel­li­ge Instanz­recht­spre­chung und ein Groß­teil des Schrift­tums kei­nen Anhalts­punkt dafür, dass die ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen der Zwei­ten und Drit­ten Richt­li­nie Lebens­ver­si­che­rung dem Poli­cen­mo­dell ent­ge­gen­ste­hen könn­ten. Die Wider­spruchs­lö­sung des § 5a Abs. 1 Satz 1 VVG a.F. ist vor allem des­halb nicht zu bean­stan­den, weil die genann­ten Richt­li­ni­en kei­ne Vor­ga­ben zum Zustan­de­kom­men des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges ent­hal­ten, son­dern dies dem natio­na­len Recht über­las­sen. Vor die­sem Hin­ter­grund ent­spricht § 5a VVG a.F. den gemein­schafts­recht­li­chen Vor­ga­ben der in den Richt­li­ni­en gere­gel­ten Infor­ma­ti­ons­pflich­ten in der Aus­prä­gung, die sie durch die Aus­le­gung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on gefun­den haben. Eine ver­trag­li­che Bin­dung des Ver­si­che­rungs­neh­mers konn­te nach natio­na­lem Recht erst nach der von den Richt­li­ni­en gefor­der­ten Ver­brau­cher­infor­ma­ti­on ein­tre­ten. Auf die­se Wei­se war eine nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on erfor­der­li­che Beleh­rung des Ver­si­che­rungs­neh­mers vor dem (wirk­sa­men) Zustan­de­kom­men und damit "vor Abschluss des Ver­tra­ges" sicher­ge­stellt.

Eine Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on schied nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch bereits des­halb aus, weil es auf die Fra­ge, ob das Poli­cen­mo­dell mit den in Rede ste­hen­den gemein­schafts­recht­li­chen Bestim­mun­gen unver­ein­bar ist, nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ankam. Offen­blei­ben konn­te daher auch, ob in die­sem Fall alle nach dem Poli­cen­mo­dell geschlos­se­nen Lebens- und Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­trä­ge ohne wei­te­res – selbst ohne Wider­spruch – von Anfang an unwirk­sam wären – wie der Klä­ger meint – und ob sich dar­auf auch Ver­si­che­rer – sogar nach Aus­zah­lung des Rück­kaufs­wer­tes oder der Ver­si­che­rungs­leis­tung – beru­fen könn­ten. Die Ent­schei­dung die­ses Rechts­streits hing nicht von der uni­ons­recht­li­chen Fra­ge ab, weil es dem Klä­ger auch im Fal­le einer unter­stell­ten Gemein­schafts­rechts­wid­rig­keit des Poli­cen­mo­dells nach Treu und Glau­ben wegen wider­sprüch­li­cher Rechts­aus­übung ver­wehrt ist, sich nach jah­re­lan­ger Durch­füh­rung des Ver­tra­ges auf des­sen Unwirk­sam­keit zu beru­fen und dar­aus Berei­che­rungs­an­sprü­che her­zu­lei­ten. Der Klä­ger ver­hielt sich treu­wid­rig, indem er nach ord­nungs­ge­mä­ßer Beleh­rung über die Mög­lich­keit, den Ver­trag ohne Nach­tei­le nicht zustan­de kom­men zu las­sen, die­sen jah­re­lang durch­führ­te und erst dann von der Beklag­ten, die auf den Bestand des Ver­tra­ges ver­trau­en durf­te, unter Beru­fung auf die Unwirk­sam­keit des Ver­tra­ges Rück­zah­lung aller Prä­mi­en ver­lang­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Juli 2014 – IV ZR 73/​13

  1. LG Gie­ßen, Urteil vom 21.03.2012 – 2 O 434/​11 []
  2. OLG Frank­furt am Main, Urteil vom 18.01.2013 – 7 U 137/​12 []
  3. BGH, Beschluss vom 28.03.2012 – IV ZR 76/​11 []