Der Luft­an­griff in Afgha­ni­stan – ohne Haftung

Wegen des vom deut­schen Kom­man­deur des „Pro­vin­cial Recon­struc­tion Teams“ (PRT) der Afgha­ni­stan­schutz­trup­pe ISAF befoh­le­nen Luft­an­griffs bei Kun­duz im Jahr 2009, bei dem im Rah­men der Bom­bar­die­rung eines Tank­last­zu­ges 100 Men­schen – dar­un­ter zahl­rei­che Zivi­lis­ten und Kin­der – star­ben, bestehen kei­ne Amts­haf­tungs­an­sprü­che gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Nach­dem der Bun­des­ge­richts­hof dies bereits im Okto­ber 2016 auf die Kla­ge von Ange­hö­ri­gen der Opfer ent­schie­den hat­te1, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nun auch die Ver­fas­sungs­be­schwer­de der Ange­hö­ri­gen nicht zur Ent­schei­dung angenommen.

Der Luft­an­griff in Afgha­ni­stan – ohne Haftung

Im Sep­tem­ber 2009 wur­den in Kun­duz (Afgha­ni­stan) bei einem Luft­an­griff, der von einem dama­li­gen Oberst (und jet­zi­gen Bri­ga­de­ge­ne­ral) der Bun­des­wehr ange­ord­net wor­den war, auch zahl­rei­che Zivi­lis­ten getö­tet oder ver­letzt. Meh­re Ange­hö­ri­ge der Opfer erho­ben – in allen Instan­zen erfolg­los – Kla­ge gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als Ange­hö­ri­ge von bei dem Luft­an­griff getö­te­ten Opfern und mach­ten Amts­haf­tungs­an­sprü­che gel­tend. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt befand nun, dass die Ver­sa­gung unmit­tel­bar aus dem Völ­ker­recht resul­tie­ren­der Ansprü­che sowie die Ver­nei­nung einer Amts­pflicht­ver­let­zung ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den sind. Offen ließ das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aller­dings, ob die Gewäh­rung von Amts­haf­tungs, Aus­gleichs- oder Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen bei Grund­rechts­ver­let­zun­gen vom Gesetz­ge­ber gene­rell aus­ge­schlos­sen wer­den kann.

Die Bom­ba­die­rung der Tank­last­wa­gen in Kunduz

Nach dem Sturz des Tali­ban-Regimes in Afgha­ni­stan rich­te­te der Sicher­heits­rat der Ver­ein­ten Natio­nen mit der Reso­lu­ti­on 1386 vom 20.12.2001 eine inter­na­tio­na­le Sicher­heits­un­ter­stüt­zungs­trup­pe (Inter­na­tio­nal Secu­ri­ty Assi­s­tance For­ce – ISAF) ein. Deren Auf­ga­be bestand dar­in, die gewähl­te Regie­rung Afgha­ni­stans bei der Her­stel­lung und Auf­recht­erhal­tung eines siche­ren Umfelds zu unter­stüt­zen. Die ISAF-Trup­pen durf­ten zur Erfül­lung ihres Auf­trags alle not­wen­di­gen Maß­nah­men ein­schließ­lich der Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt ergrei­fen. Der Deut­sche Bun­des­tag beschloss am 22.12.2001 die Betei­li­gung deut­scher Streit­kräf­te an den ISAF-Trup­pen. Im April 2009 über­nahm Oberst i.G. Klein. das Kom­man­do über das Pro­vinz-Wie­der­auf­bau­team (Pro­vin­cial Recon­struc­tion Team – PRT) Kunduz.

Am Nach­mit­tag des 3.09.2009 bemäch­tig­te sich eine Grup­pe von Tali­ban-Kämp­fern zwei­er Tank­last­wa­gen. Bei dem Ver­such, die Tank­last­wa­gen auf die West­sei­te des Flus­ses Kun­duz zu ver­brin­gen, blie­ben die­se gegen 18:15 Uhr etwa sie­ben Kilo­me­ter Luft­li­nie vom Feld­la­ger des PRT Kun­duz ent­fernt auf einer Sand­bank manö­vrier­un­fä­hig ste­cken. Gegen 20:30 Uhr erhielt Oberst Klein die Infor­ma­ti­on über die Ent­füh­rung der Tank­last­wa­gen. Durch Ein­satz eines Auf­klä­rungs­flug­zeugs konn­ten die Last­wa­gen gegen Mit­ter­nacht auf­ge­spürt wer­den. Gegen 01:00 Uhr des 4.09.2009 for­der­te Oberst Klein Luft­un­ter­stüt­zung an, die von zwei US-ame­ri­ka­ni­schen Kampf­flug­zeu­gen gewährt wur­de. Die­se über­mit­tel­ten ab 01:17 Uhr Echt­zeit-Infra­rot-Luft­auf­nah­men vom Gesche­hen auf der Sand­bank an die Ope­ra­ti­ons­zen­tra­le im Feld­la­ger Kun­duz, wo sich auch Oberst Klein auf­hielt. Die­sem wur­de durch einen Infor­man­ten des Mili­tärs unter Ver­mitt­lung eines Ver­bin­dungs­of­fi­ziers ins­ge­samt sie­ben Mal tele­fo­nisch bestä­tigt, dass sich auf der Sand­bank ledig­lich Auf­stän­di­sche und kei­ne Zivi­lis­ten befän­den. Gegen 01:40 Uhr gab Oberst Klein den Befehl zum Abwurf von zwei 500-Pfund-Bom­ben. Dadurch wur­den bei­de Tank­last­wa­gen zer­stört sowie zahl­rei­che Per­so­nen, hier­un­ter auch Zivi­lis­ten, getö­tet oder verletzt.

Die Ent­schei­dung der deut­schen Zivilgerichte

Meh­re­re Ange­hö­ri­gen der Opfer erho­ben – jeweils gestützt auf § 839 Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 Satz 1 GG – Kla­ge gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Ein Vater mach­te Schmer­zens­geld auf­grund der Tötung zwei­er sei­ner Söh­ne durch den Luft­an­griff gel­tend. Eine Frau bean­sprucht den Ersatz von Unter­halts­schä­den wegen der Tötung ihres Ehe­manns und des Vaters der gemein­sa­men Kin­der. Der Bom­ben­an­griff sei unter Ver­let­zung huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts erfolgt; für Oberst i.G. Klein sei die Anwe­sen­heit von Zivil­per­so­nen im Abwurf­ge­biet erkenn­bar gewesen.

Das Land­ge­richt Bonn wies die Kla­ge ab ((LG Bonn, Urteil vom 11.12.2013 – 1 O 460/​11)); ein Anspruch sei bereits dem Grun­de nach nicht gege­ben. Die Beweis­auf­nah­me habe kei­ne schuld­haf­te Ver­let­zung einer dritt­schüt­zen­den Amts­pflicht erge­ben. Zwar sei das Amts­haf­tungs­recht auf ein völ­ker­rechts­re­le­van­tes Delikt deut­scher Amts­trä­ger grund­sätz­lich anwend­bar. Der Befehl zum Bom­ben­ab­wurf habe jedoch kei­ne Ver­let­zung einer dritt­schüt­zen­den Amts­pflicht dar­ge­stellt, son­dern sei mit den Rege­lun­gen des huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts in Ein­klang gestan­den. Auf­grund der zum Zeit­punkt der Angriffs­ent­schei­dung vor­lie­gen­den Erkennt­nis sei nicht von einer Ver­let­zung von Zivil­per­so­nen aus­zu­ge­hen gewesen.

Das Ober­lan­des­ge­richt Köln wies die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Beru­fung zurück2, ließ aber die Revi­si­on zu. Das deut­sche Amts­haf­tungs­recht sei auf Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr zwar grund­sätz­lich anwend­bar; das Land­ge­richt habe jedoch auf der Grund­la­ge für das Beru­fungs­ge­richt bin­den­der tat­säch­li­cher Fest­stel­lun­gen eine schuld­haf­te Amts­pflicht­ver­let­zung verneint.

Die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Revi­si­on wies der Bun­des­ge­richts­hof mit Urteil vom 06.10.2016 zurück1. Aus dem Völ­ker­recht las­se sich ein indi­vi­du­el­ler Scha­dens­er­satz­an­spruch eben­so wenig ablei­ten wie aus der Ver­pflich­tung, das inner­staat­li­che Recht völ­ker­rechts­freund­lich aus­zu­le­gen (Art. 25 Satz 1 GG). Soweit § 839 Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 GG dem Wort­laut nach auch auf schuld­haf­te Ver­let­zun­gen dem Schutz der Zivil­be­völ­ke­rung die­nen­der völ­ker­recht­li­cher Regeln durch Sol­da­ten der Bun­des­wehr bei Aus­lands­ein­sät­zen Anwen­dung fin­de, füh­re dies zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis, weil eine Aus­wei­tung des tra­di­tio­nel­len Amts­haf­tungs­rechts dem Gesetz­ge­ber vor­be­hal­ten und weder ver­fas­sungs­recht­lich noch völ­ker­recht­lich gebo­ten sei. Im Übri­gen feh­le es an einem amts­pflicht­wid­ri­gen Ver­hal­ten von Oberst Klein, für des­sen recht­li­che Beur­tei­lung auf die Erkennt­nis­se sowie tat­sa­chen­ba­sier­ten Erwar­tun­gen abzu­stel­len sei, die einem Befehls­ha­ber bei der Pla­nung und Durch­füh­rung einer mili­tä­ri­schen Maß­nah­me ex ante zur Ver­fü­gung stün­den. Inso­weit habe Oberst Klein alle in der kon­kre­ten Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on prak­tisch mög­li­chen Auf­klä­rungs­maß­nah­men vor­ge­nom­men. Die hier­ge­gen erho­be­ne Anhö­rungs­rü­ge wies der Bun­des­ge­richts­hof eben­falls zurück3.

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Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

Gegen­stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist die­se Abwei­sung der Amts­haf­tungs­kla­ge durch die Zivil­ge­rich­te. Die Ange­hö­ri­gen rügen eine Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 und Art. 14 Abs. 1 GG. Auch sei ihr Anspruch auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) ver­letzt sowie gegen die Rechts­schutz­ga­ran­tie aus Art.19 Abs. 4 bezie­hungs­wei­se Art.20 Abs. 3 GG und die aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG fol­gen­de Geset­zes­bin­dung der Gerich­te ver­sto­ßen worden.

Das Amts­haf­tungs­recht sei auf den Ein­satz deut­scher Sol­da­ten im Aus­land aus­weis­lich des Wort­lauts von § 839 Abs. 1 BGB und Art. 34 Satz 1 GG unein­ge­schränkt anwend­bar; eine dies­be­züg­li­che Ein­schrän­kung müs­se der Gesetz­ge­ber nor­mie­ren. Mit dem voll­stän­di­gen Aus­schluss des Amts­haf­tungs­rechts für Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr habe der Bun­des­ge­richts­hof nicht nur gegen die Geset­zes­bin­dung der Recht­spre­chung ver­sto­ßen, son­dern sich auch eine ihm nicht zukom­men­de Recht­set­zungs­kom­pe­tenz ange­maßt. Das Revi­si­ons­ur­teil ver­ken­ne Aus­strah­lungs­wir­kung und Bedeu­tung der betrof­fe­nen Grund­rech­te grob. Im Übri­gen sei die Völ­ker­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes (Art. 25 GG) zu berücksichtigen.

Die Enschei­dung des Bundesverfassungsgerichts

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die gegen die Urtei­le der Zivil­ge­rich­te gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an, weil sie jeden­falls unbe­grün­det sei.

Der Ver­fas­sungs­be­schwer­de kommt kei­ne grund­sätz­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung zu (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be a BVerfGG). Die­se liegt nur vor, wenn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eine ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge auf­wirft, die sich nicht ohne Wei­te­res aus dem Grund­ge­setz beant­wor­ten lässt und noch nicht durch die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung geklärt oder durch ver­än­der­te Ver­hält­nis­se erneut klä­rungs­be­dürf­tig gewor­den ist4. Soweit vor­lie­gend ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen – ins­be­son­de­re zur Her­lei­tung und Reich­wei­te des Amts­haf­tungs­an­spruchs – in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts noch nicht geklärt sind, kön­nen sie auch hier offen bleiben.

Die Annah­me ist auch nicht nach § 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG zur Durch­set­zung der als ver­letzt gerüg­ten Rech­te gemäß § 90 Abs. 1 BVerfGG ange­zeigt5, weil sie kei­ne Aus­sicht auf Erfolg hat.

Über­prü­fung fach­ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen durch das Bundesverfassungsgericht

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist jeden­falls unbe­grün­det. Fach­ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen über­prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zum einen ledig­lich dar­auf­hin, ob sie auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung des betrof­fe­nen Grund­rechts, ins­be­son­de­re vom Umfang sei­nes Schutz­be­reichs, beru­hen6. Dies ist der Fall, wenn die von den Fach­ge­rich­ten vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts die Trag­wei­te des Grund­rechts nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt oder im Ergeb­nis zu einer unver­hält­nis­mä­ßi­gen Beschrän­kung der grund­recht­li­chen Frei­heit führt7. Eine ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­trol­le fin­det zum ande­ren statt, wenn die Fach­ge­rich­te über­se­hen haben, dass bei Aus­le­gung und Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts Grund­rech­te zu beach­ten sind, wenn deren Schutz­be­reich unrich­tig oder unvoll­kom­men bestimmt oder ihr Gewicht unrich­tig ein­ge­schätzt wird8.

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof Ent­schä­di­gungs- und Ersatz­an­sprü­che unmit­tel­bar aus dem Völ­ker­recht ver­neint hat, ver­letzt dies die Ange­hö­ri­gen der Opfer nicht in ihrem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 25 GG. Auch die Ableh­nung von Ansprü­chen aus ent­eig­nungs­glei­chem Ein­griff und Auf­op­fe­rung ver­letzt die Ange­hö­ri­gen nicht in ihren Grund­rech­ten. Dass die vom Bun­des­ge­richts­hof zugrun­de geleg­te Auf­fas­sung, Amts­haf­tungs­an­sprü­che gemäß § 839 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 GG sei­en auf Ein­sät­ze der Bun­des­wehr im Aus­land nicht anwend­bar, auf einer grund­sätz­li­chen unzu­tref­fen­den Vor­stel­lung von der Bedeu­tung und Trag­wei­te der Art. 2 Abs. 2 Satz 1 und Art. 14 Abs. 1 GG beruht, begeg­net zwar Zwei­feln, kann jedoch offen blei­ben. Denn auch im Fal­le einer Zurück­ver­wei­sung gemäß § 95 Abs. 2 BVerfGG hät­te die Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Ergeb­nis kei­nen Erfolg, weil das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 06.10.2016 ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den ist, soweit es ein rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Oberst Klein und damit die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen eines Amts­haf­tungs­an­spruchs verneint.

Haf­tung wegen Ver­let­zung des Völkerrechts?

Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de kann zwar grund­sätz­lich gel­tend gemacht wer­den, dass zivil­ge­richt­li­che Urtei­le nicht zur ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung im Sin­ne von Art. 2 Abs. 1 GG gehör­ten, weil sie sich über gemäß Art. 25 GG als Bestand­teil des Bun­des­rechts gel­ten­de völ­ker­ge­wohn­heits­recht­li­che Regeln hin­weg­ge­setzt hät­ten9. Sol­che all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts haben aber trotz vor­an­schrei­ten­der Sub­jek­ti­vie­rung des Völ­ker­rechts bis­her nicht zu indi­vi­du­el­len Ansprü­chen geführt. Dass der Bun­des­ge­richts­hof ent­spre­chen­de Ansprü­che ver­neint hat, ist daher nicht zu beanstanden.

Die Media­ti­sie­rung des Ein­zel­nen durch den Staat im Völ­ker­recht hat seit dem Zwei­ten Welt­krieg auf­grund der Fort­ent­wick­lung und der Kodi­fi­zie­rung des inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­schut­zes, der zuneh­mend mit dem huma­ni­tä­ren Völ­ker­recht ver­wo­ben ist10, deut­li­che Kor­rek­tu­ren erfah­ren. Vor allem die men­schen­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen wei­sen einen genu­in indi­vi­du­al­schüt­zen­den Cha­rak­ter auf11 und sind im Lau­fe der Zeit immer wei­ter ver­dich­tet wor­den. Auch spe­zi­fisch per­so­nen­be­zo­ge­ne Nor­men des Kon­flikt­rechts bestä­ti­gen, dass der Ein­zel­ne durch das Völ­ker­recht unmit­tel­bar berech­tigt und ver­pflich­tet wer­den kann. Gleich­sam als Kehr­sei­te die­ser Ent­wick­lung erkennt etwa der Inter­na­tio­na­le Gerichts­hof bei Völ­ker­rechts­ver­stö­ßen zuneh­mend eine Indi­vi­du­al­haf­tung an12; auch kann der Ein­zel­ne durch das Völ­ker­straf­recht in Anspruch genom­men und für sein Han­deln zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den13. Inso­weit wird er zumin­dest par­ti­ell als Völ­ker­rechts­sub­jekt aner­kannt14.

Sekun­där­recht­li­che Ansprü­che wegen völ­ker­rechts­wid­ri­ger Hand­lun­gen eines Staa­tes gegen­über frem­den Staats­an­ge­hö­ri­gen ste­hen aber wei­ter­hin grund­sätz­lich nur dem Hei­mat­staat des Geschä­dig­ten als ori­gi­nä­rem Völ­ker­rechts­sub­jekt zu15. Inso­weit rei­chen die Indi­vi­du­al­rech­te wei­ter als ihre Absi­che­rung durch Sekun­där­an­sprü­che16. Es besteht kei­ne all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts, nach wel­cher dem Ein­zel­nen bei Ver­stö­ßen gegen das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht auch Ansprü­che auf Scha­dens­er­satz oder Ent­schä­di­gung gegen den ver­ant­wort­li­chen Staat zuste­hen müss­ten17. Inso­weit bleibt der Ein­zel­ne nach wie vor nur über sei­nen Her­kunfts­staat mit dem Völ­ker­recht ver­bun­den18.

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 06.10.2016 unmit­tel­bar aus dem Völ­ker­recht resul­tie­ren­de Ansprü­che der Ange­hö­ri­gen der Opfer ver­neint hat, begeg­net dies daher kei­nen Beden­ken. Ins­be­son­de­re begrün­den weder Art. 3 des IV. Haa­ger Abkom­mens noch Art. 91 des Zusatz­pro­to­kolls zu den Gen­fer Abkom­men vom 12.08.1949 über den Schutz der Opfer inter­na­tio­na­ler bewaff­ne­ter Kon­flik­te vom 08.06.197719 indi­vi­du­el­le Scha­dens­er­satz- oder Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che bei even­tu­el­len Ver­stö­ßen gegen das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht20.

Ansprü­che aus ent­eig­nungs­glei­chem Ein­griff und Aufopferung

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof Ansprü­che der Ange­hö­ri­gen aus ent­eig­nungs­glei­chem Ein­griff und Auf­op­fe­rung abge­lehnt hat, ist dies auch ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu beanstanden.

Es wider­spricht nicht grund­ge­setz­li­chen Wer­tun­gen, wenn der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf abstellt, dass bei­de Rechts­in­sti­tu­te im Wege der rich­ter­li­chen Rechts­fort­bil­dung auf der Grund­la­ge der §§ 74, 75 der Ein­lei­tung zum All­ge­mei­nen Land­recht für die preu­ßi­schen Staa­ten für Sach­ver­hal­te des all­täg­li­chen Ver­wal­tungs­han­delns ent­wi­ckelt wur­den. Er kann daher wei­ter davon aus­ge­hen, dass sie auf Kriegs­schä­den kei­ne Anwen­dung fin­den, weil sich aus der krie­ge­ri­schen Beset­zung eines ande­ren Staa­tes oder aus ver­gleich­ba­ren Hand­lun­gen erge­ben­de Schä­den nicht Fol­ge regu­lä­rer Ver­wal­tungs­tä­tig­keit sind, die allein bei­de Rechts­in­sti­tu­te im Blick haben21.

Amts­haf­tung bei Bundeswehreinsätzen

Soweit der Bun­des­ge­richts­hof dage­gen die Anwend­bar­keit von § 839 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 GG auf Ein­sät­ze der Bun­des­wehr im Aus­land ver­neint, erscheint eine grund­sätz­li­che Ver­ken­nung der nor­min­ter­nen Direk­ti­ven von Art. 2 Abs. 2 Satz 1 und Art. 14 Abs. 1 GG jedoch mög­lich. Zwar ist die Fra­ge in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bis­her nicht geklärt. Ange­sichts der im Schrift­tum beton­ten grund­recht­li­chen Radi­zie­rung des Amts­haf­tungs­an­spruchs und der grund­sätz­lich umfas­sen­den, räum­lich nicht begrenz­ten Bin­dung deut­scher Staats­ge­walt an die Grund­rech­te begeg­net das Urteil vom 06.10.2016 Zweifeln.

Grund­recht­li­che Grund­la­gen des Amtshaftungsanspruchs

Die Haf­tung für staat­li­ches Unrecht ist nicht nur eine Aus­prä­gung des Lega­li­täts­prin­zips22, son­dern auch Aus­fluss der jeweils betrof­fe­nen Grund­rech­te, die inso­weit den zen­tra­len Bezugs­punkt für die Ein­stands­pflich­ten des Staa­tes bil­den23.

Die Grund­rech­te schüt­zen nicht nur vor nicht gerecht­fer­tig­ten Ein­grif­fen des Staa­tes in Frei­heit und Gleich­heit der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger und sind inso­weit Grund­la­ge für Unter­las­sungs- und Besei­ti­gungs­an­sprü­che, die die Effek­ti­vi­tät des Grund­rechts­schut­zes sicher­stel­len. Wo dies nicht mög­lich ist, erge­ben sich aus ihnen – und nicht allein aus dem auf einer poli­ti­schen Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers beru­hen­den ein­fa­chen Recht24 – grund­sätz­lich auch Kom­pen­sa­ti­ons­an­sprü­che, sei es als Scha­dens­er­satz, sei es als Ent­schä­di­gungs- und Aus­gleichs­leis­tun­gen25. Der­ar­ti­ge Sekun­där­an­sprü­che kön­nen zwar nicht die Inte­gri­tät der betrof­fe­nen grund­recht­lich geschütz­ten Inter­es­sen sicher­stel­len, die Ein­griffs­in­ten­si­tät jedoch min­dern26 und ver­hin­dern so zumin­dest das voll­stän­di­ge Leer­lau­fen der in Rede ste­hen­den grund­recht­lich geschütz­ten Inter­es­sen. Sie sind inso­weit ein Minus zu den Unter­las­sungs- und Besei­ti­gungs­an­sprü­chen27 und ver­hin­dern unbe­rech­tig­te und unver­hält­nis­mä­ßi­ge Ver­kür­zun­gen des Grund­rechts­schut­zes28. Ohne grund­recht­lich radi­zier­te Sekun­där­an­sprü­che blie­ben die Ver­let­zun­gen grund­recht­lich geschütz­ter Inter­es­sen häu­fig sank­ti­ons­los29.

Mit Blick auf die gemäß Art. 1 Abs. 2 GG gebo­te­ne euro­päi­sche Ein­bin­dung Deutsch­lands ist zudem von Bedeu­tung, dass eine der­ar­ti­ge Rück­bin­dung der staat­li­chen Unrechts­haf­tung auch den all­ge­mei­nen Rechts­grund­sät­zen im euro­päi­schen Rechts­raum ent­spricht30. So ken­nen etwa Frank­reich31, Grie­chen­land32, Ita­li­en33 oder Ungarn34 eine grund­sätz­lich umfas­sen­de und ver­schul­dens­un­ab­hän­gi­ge Haf­tung des Staa­tes für jeg­li­ches Ver­wal­tungs­han­deln. Auch die spa­ni­schen Gerich­te erken­nen eine Staats­haf­tung für von der Ver­wal­tung ver­ur­sach­te Schä­den an35, eben­so Schwe­den36, die Schweiz37 oder das Ver­ei­nig­te König­reich38.

Der Gedan­ke einer unmit­tel­bar auf der Ver­let­zung von Grund­rech­ten grün­den­den Ersatz­pflicht hat zudem in Art. 41 EMRK Nie­der­schlag gefun­den. Danach spricht der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te bei einer fest­ge­stell­ten – regel­mä­ßig nicht mehr (voll­stän­dig) rück­gän­gig zu machen­den – Ver­let­zung der Kon­ven­ti­on und ihrer Pro­to­kol­le eine gerech­te Ent­schä­di­gung zu, wenn dies not­wen­dig ist. Die Ent­schä­di­gung stellt sich dabei als zur Fest­stel­lung einer Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung akzes­so­ri­sche Neben­ent­schei­dung dar39 und umfasst zwi­schen­zeit­lich sämt­li­che Kon­ven­ti­ons­ver­let­zun­gen40; Aus­nah­men sind inso­weit nicht vor­ge­se­hen, auch nicht für bewaff­ne­te Kon­flik­te41. Dass die­sem Ent­schä­di­gungs­an­spruch der Sache nach ein grund­recht­li­cher Gehalt zukommt42, liegt auf der Hand.

Die grund­recht­li­che Ver­an­ke­rung des Amts­haf­tungs­an­spruchs wird schließ­lich durch ande­re Insti­tu­te unter­stri­chen, denen ein ver­gleich­ba­rer Gedan­ke zugrun­de liegt. Das gilt neben der Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung nach Art. 14 Abs. 3 GG nament­lich für die aus­gleichs­pflich­ti­ge Inhalts­be­stim­mung, die dazu bestimmt ist, die Inten­si­tät eines Ein­griffs in die Eigen­tums­ga­ran­tie des Art. 14 GG zu min­dern43. Der Ansatz ist auch nicht auf das Schutz­gut des Art. 14 Abs. 1 GG beschränkt44, son­dern gilt wegen der grund­sätz­li­chen Gleich­wer­tig­keit und Gleich­ran­gig­keit der Grund­rech­te auch über Art. 14 GG hin­aus45. So fin­det er sich etwa auch in den Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen für eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er (§§ 198 ff. GVG). Die­se nor­mie­ren als Minus zu dem von Art.19 Abs. 4 GG gewähr­leis­te­ten effek­ti­ven Rechts­schutz einen Ent­schä­di­gungs­an­spruch als einen spe­zi­el­len Fall der Staats­haf­tung46.

Der­ma­ßen grund­recht­lich radi­zier­te Sekun­där­an­sprü­che neh­men am Schutz des Art.19 Abs. 4 GG teil, der die Durch­set­zung und Effek­ti­vie­rung gera­de der mate­ri­el­len (Grund-)Rechte gewähr­leis­tet47. Auch wenn die­ser vor­ran­gig auf die Inte­gri­tät der von der öffent­li­chen Gewalt beein­träch­tig­ten sub­jek­ti­ven öffent­li­chen Rech­te zielt, mit­hin auf einen Pri­mär­rechts­schutz in Form von Unter­las­sungs- und (Folgen-)Beseitigungsansprüchen, umfasst er auch die effek­ti­ve Gel­tend­ma­chung und Durch­set­zung von Ent­schä­di­gungs- und Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen48.

Nach alle­dem kann der Gesetz­ge­ber Vor­aus­set­zun­gen und Umfang von Amts­haf­tungs- und Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen zwar näher aus­ge­stal­ten; er kann Sub­si­dia­ri­täts­er­for­der­nis­se vor­se­hen, Pri­vi­le­gie­run­gen ein­füh­ren oder die gesamt­schuld­ne­ri­sche Haf­tung des Staa­tes mit ande­ren Schä­di­gern aus­schlie­ßen. Schon jetzt erscheint eine gesamt­schuld­ne­ri­sche Haf­tung Deutsch­lands für gemein­sa­me Mili­tär­ein­sät­ze auf der Grund­la­ge von §§ 839, 830 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 GG zwei­fel­haft, weil die­se weder an das Grund­ge­setz (Art. 1 Abs. 3 GG) gebun­den noch dem deut­schen Staats­haf­tungs­recht unter­wor­fen sind. Über die Exis­tenz von Amts­haf­tungs- und Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen bei Grund­rechts­ver­let­zun­gen ver­fü­gen kann er jedoch nicht. Dem haben die Fach­ge­rich­te bei der Aus­le­gung der §§ 839 ff. BGB Rech­nung zu tra­gen49.

Umfas­sen­de, räum­lich unbe­grenz­te Grundrechtsbindung

Die deut­sche Staats­ge­walt ist grund­sätz­lich auch bei Hand­lun­gen im Aus­land an die Grund­rech­te gebun­den. Zwar kann sich die­se Grund­rechts­bin­dung von der­je­ni­gen im Inland unter­schei­den. Die umfas­sen­de Bin­dung der deut­schen Staats­ge­walt an die Grund­rech­te lässt unbe­rührt, dass sich die aus den Grund­rech­ten kon­kret fol­gen­den Schutz­wir­kun­gen danach unter­schei­den kön­nen, unter wel­chen Umstän­den sie zur Anwen­dung kom­men. Das gilt – wie schon für die ver­schie­de­nen Wir­kungs­di­men­sio­nen der Grund­rech­te im Inland – auch für die Reich­wei­te ihrer Schutz­wir­kung im Aus­land. So mögen ein­zel­ne Gewähr­leis­tun­gen schon hin­sicht­lich des per­sön­li­chen und sach­li­chen Schutz­be­reichs im Inland und Aus­land in unter­schied­li­chem Umfang Gel­tung bean­spru­chen. Eben­so kann zwi­schen ver­schie­de­nen Grund­rechts­di­men­sio­nen, etwa der Wir­kung der Grund­rech­te als Abwehr­rech­te, als Leis­tungs­rech­te, als ver­fas­sungs­recht­li­che Wert­ent­schei­dun­gen oder als Grund­la­ge von Schutz­pflich­ten zu unter­schei­den sein50. Soweit die Grund­rech­te auf Kon­kre­ti­sie­run­gen des Gesetz­ge­bers ange­wie­sen sind, kann auch inso­weit den beson­de­ren Bedin­gun­gen im Aus­land Rech­nung zu tra­gen sein51. Erst recht ist der Ein­bin­dung staat­li­chen Han­delns in ein aus­län­di­sches Umfeld bei der Bestim­mung von Anfor­de­run­gen an die Recht­fer­ti­gung von Grund­rechts­ein­grif­fen Rech­nung zu tra­gen52.

Die Recht­spre­chung des Bundesgerichtshofs

Der Bun­des­ge­richts­hof setzt sich in sei­nem Urteil vom 06.10.2016 zwar mit ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben aus­ein­an­der. Er beschränkt sich jedoch auf Argu­men­te, die gegen eine Anwen­dung des Amts­haf­tungs­an­spruchs aus § 839 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 GG spre­chen, ins­be­son­de­re die Beein­träch­ti­gung der inter­na­tio­na­len Bünd­nis­fä­hig­keit Deutsch­lands und die Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung. Er erör­tert hin­ge­gen nicht, inwie­weit aus der ter­ri­to­ri­al nicht begrenz­ten Gel­tung der Grund­rech­te und der dar­aus abzu­lei­ten­den staat­li­chen Ver­pflich­tung zum Aus­gleich oder zur Ent­schä­di­gung für Grund­rechts­ver­let­zun­gen eine Aus­le­gung des bestehen­den gesetz­li­chen Amts­haf­tungs­an­spruchs folgt, die – gege­be­nen­falls mit Abwei­chun­gen von Ansprü­chen bei inner­staat­li­chen Grund­rechts­ver­let­zun­gen – auch bei Aus­lands­ein­sät­zen der Bun­des­wehr zu Ansprü­chen füh­ren kann.

Amts­pflicht­ver­let­zung im bewaff­ne­ten Konflikt

Dies kann jedoch letzt­lich dahin­ste­hen, weil das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 06.10.2016 jeden­falls nicht auf die­ser zwei­fel­haf­ten Vor­stel­lung von Bedeu­tung und Trag­wei­te von Art. 2 Abs. 2 und Art. 14 Abs. 1 GG beruht53. Die­ser hat sei­ne Ent­schei­dung viel­mehr auch damit tra­gend begrün­det, dass Oberst Klein kei­ne Amts­pflicht­ver­let­zung began­gen hat. Das ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu beanstanden.

Ob in einem bewaff­ne­ten Kon­flikt eine Amts­pflicht­ver­let­zung deut­scher Sol­da­ten vor­liegt, bemisst sich nach der Ver­fas­sung und dem Sol­da­ten­ge­setz sowie vor allem nach den gewalt­be­gren­zen­den Regeln des huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts54. Vor die­sem Hin­ter­grund stellt – wie auch Art. 115a GG zu ent­neh­men ist – nicht jede Tötung einer Zivil­per­son im Rah­men krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen auch einen Ver­stoß gegen das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht dar55.

Nach der inso­weit nicht zu bean­stan­den­den Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs trägt der Anspruch­stel­ler für einen Ver­stoß gegen das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht nach den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen die vol­le Dar­le­gungs- und Beweis­last56. Die Ange­hö­ri­gen der Opfer haben inso­weit ledig­lich behaup­tet, dass der Befehl zum Bom­ben­ab­wurf hät­te unter­blei­ben müs­sen, weil nicht habe aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, dass es sich bei den iden­ti­fi­zier­ten Per­so­nen um Zivi­lis­ten gehan­delt habe. Damit haben sie nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs einen Ver­stoß gegen das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht nicht dar­ge­legt. Er sei vor­lie­gend auch nicht ersicht­lich, weil Oberst Klein bei der Ertei­lung des Angriffs­be­fehls die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Erkennt­nis­quel­len aus­ge­schöpft, bei der not­wen­di­gen ex ante-Betrach­tung eine gül­ti­ge Pro­gno­se­ent­schei­dung getrof­fen und daher kei­ne Amts­pflicht­ver­let­zung began­gen habe. Das ver­stößt weder gegen das all­ge­mei­ne Will­kür­ver­bot (Art. 3 Abs. 1 GG) noch gibt es dage­gen somit etwas ver­fas­sungs­recht­lich zu erinnern.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Novem­ber 2020 – 2 BvR 477/​17

  1. BGH, Urteil vom 06.10.2016 – III ZR 140/​15[][]
  2. OLG Köln, Urteil vom 30.04.2015 – 7 U 4/​14[]
  3. BGH, Beschluss vom 12.01.2017 – III ZR 140/​15[]
  4. vgl. BVerfGE 90, 22 <24 f.> 96, 245 <248>[]
  5. vgl. BVerfGE 90, 22 <25 f.> 111, 1 <4>[]
  6. vgl. BVerfGE 18, 85 <92 f., 96> 85, 248 <257 f.> 87, 287 <323> 134, 242 <353 Rn. 323> BVerfG, Beschluss vom 01.08.2014 – 2 BvR 200/​14, Rn. 15; Beschluss vom 23.03.2020 – 2 BvR 2051/​19, Rn. 29; stRspr[]
  7. vgl. BVerfGE 18, 85 <92 f.> 85, 248 <257 f.> 87, 287 <323> 134, 242 <353 Rn. 323>[]
  8. vgl. BVerfGE 18, 85 <92 f., 96> 101, 361 <388> 106, 28 <45> BVerfG, Beschluss vom 03.04.2019 – 2 BvQ 28/​19, Rn. 8[]
  9. vgl. BVerfGE 31, 145 <177> 66, 39 <64> BVerfGK 13, 246 <252> BVerfG, Beschluss vom 13.08.2013 – 2 BvR 2660/​06 u.a., Rn. 41[]
  10. vgl. Schmahl, ZaöRV 66 <2006>, S. 699 <703>[]
  11. vgl. Rojahn, in: v. Münch/​Kunig, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2012, Art. 25 Rn. 42; Her­de­gen, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 25 Rn. 86 Koenig/​König, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 2, 7. Aufl.2018, Art. 25 Rn. 68[]
  12. vgl. IGH, Advi­so­ry Opi­ni­on vom 09.07.2004 – Legal Con­se­quen­ces of a Con­struc­tion of a Wall in the Occu­p­ied Pales­ti­ni­an Ter­ri­to­ry –, I.C.J. Reports 2004, S. 136 <198 Rn. 153>[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 02.11.2006 – III ZR 190/​05 7; Rojahn, in: v. Münch/​Kunig, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2012, Art. 25 Rn. 45; Raap, NVwZ 2013, S. 552 <553> Heint­schel v. Heinegg/​Frau, in: Epping/​Hillgruber, Beck­OK GG, Art. 25 Rn. 33 <1.12.2019>[]
  14. vgl. BVerfGK 7, 303 <308> Rojahn, in: v. Münch/​Kunig, GG, Bd. 1, 6. Aufl.2012, Art. 25 Rn. 42; Wol­len­schlä­ger, in: Drei­er, GG, 3. Aufl.2015, Art. 25 Rn. 34; Her­de­gen, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 25 Rn. 85 ff. Koenig/​König, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 2, 7. Aufl.2018, Art. 25 Rn. 68; Streinz, in: Sachs, GG, 8. Aufl.2018, Art. 25 Rn. 68[]
  15. vgl. BVerfGE 94, 315 <329 f.> 112, 1 <32 f.> BVerfGK 7, 303 <308> BVerfG, Beschluss vom 13.08.2013 – 2 BvR 2660/​06 u.a., Rn. 41; Dut­ta, AöR 133 <2008>, S.191 <198> Rojahn, in: v. Münch/​Kunig, GG, 6. Aufl.2012, Art. 25 Rn. 53; Raap, NVwZ 2013, S. 552 <552 f.> Wol­len­schlä­ger, in: Drei­er, GG, Bd. 2, 3. Aufl.2015, Art. 25 Rn. 38; Her­de­gen, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 25 Rn. 92 Papier/​Shirvani, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, Bd. 6, 7. Aufl.2017, § 839 Rn. 187a; Acker­mann, NVwZ 2017, S. 87 <95> Schmahl, ZaöRV 66 <2006>, S. 699 <702 f.> dies., NJW 2017, S. 128 <129 f.> Streinz, in: Sachs, GG, 8. Aufl.2018, Art. 25 Rn. 76; Wolff, in: Hömig/​ders., GG, 12. Aufl.2018, Art. 25 Rn. 3[]
  16. vgl. Starski/​Beinlich, in: Jahr­buch des öffent­li­chen Rechts der Gegen­wart, Bd. 66 <2018>, S. 299 <302>[]
  17. vgl. BVerfGE 27, 253 <273 f.> 94, 315 <329 f.> 112, 1 <32 f.> BVerfGK 3, 277 <283 f.> BVerfG, Beschluss vom 13.08.2013 – 2 BvR 2660/​06 u.a., Rn. 43; Dörr, in: ders./Grote/Marauhn, EMRK/​GG Kon­kor­danz­kom­men­tar, 2. Aufl.2013, Kapi­tel 33 Rn. 1[]
  18. vgl. Raap, NVwZ 2013, S. 552 <552>[]
  19. BGBl 1990 II S. 1551[]
  20. vgl. BVerfGK 3, 277 <283 f.> 7, 303 <308> BVerfG, Beschluss vom 13.08.2013 – 2 BvR 2660/​06 u.a., Rn. 45 ff.[]
  21. vgl. BVerfGK 7, 303 <310 f.> Schmahl, NJW 2017, S. 128 <130> in die­se Rich­tung Papier/​Shirvani, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum BGB, Bd. 6, 7. Aufl.2017, § 839 Rn. 187a; krit. Starski/​Beinlich, in: Jahr­buch des öffent­li­chen Rechts der Gegen­wart, Bd. 66 <2018>, S. 299 <307>[]
  22. vgl. Papier, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 34 Rn. 12 Wie­land, in: Drei­er, GG, Bd. 2, 3. Aufl.2015, Art. 34 Rn. 30; v. Dan­witz, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 2, 7. Aufl.2018, Art. 34 Rn. 40[]
  23. vgl. Scho­ch, Die Ver­wal­tung 34 <2001>, S. 261 <288> Höf­ling, VVDStRL 61 <2002>, S. 260 <269> ders., in: Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/­Voß­kuh­le, GVwR III, 2009, § 51 Rn. 83; Stel­kens, DÖV 2006, S. 770 <772 f.> End­ers, in: Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/­Voß­kuh­le, GVwR III, 2009, § 53 Rn. 13; Grzes­zick, in: Merten/​Papier, Hand­buch der Grund­rech­te III, 2009, § 75 Rn. 108; Starski/​Beinlich, in: Jahr­buch des öffent­li­chen Rechts der Gegen­wart, Bd. 66 <2018>, S. 299 <307>[]
  24. vgl. Höf­ling, VVDStRL 61 <2002>, S. 260 <273> Sachs, in: ders., GG, 8. Aufl.2018, Art.19 Rn. 137[]
  25. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.03.2000 – 1 BvR 1127/​96, Rn. 9; BGH, Urteil vom 17.12.2013 – VI ZR 211/​12 40; BAG, Urteil vom 19.02.2015 – 8 AZR 1007/​13 30; Murswiek/​Rixen, in: Sachs, GG, 8. Aufl.2018, Art. 2 Rn. 38a; Unter­reit­mei­er, NVwZ 2018, S. 383 <384 f.>[]
  26. vgl. Axer, DVBl 2001, S. 1322 <1328> Scho­ch, Die Ver­wal­tung 34 <2001>, S. 261 <274> Grzes­zick, in: Merten/​Papier, Hand­buch der Grund­rech­te III, 2009, § 75 Rn. 91 f., 104[]
  27. vgl. Höf­ling, VVDStRL 61 <2002>, S. 260 <271, 273 f.> Röder, Die Haf­tungs­funk­ti­on der Grund­rech­te, 2002, S. 282[]
  28. vgl. Höf­ling, in: Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/­Voß­kuh­le, GVwR III, 2009, § 51 Rn. 83, 87; Mor­lok, in: Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/­Voß­kuh­le, GVwR III, 2009, § 52 Rn. 12; vgl. auch Scherz­berg, DVBl 1991, S. 84 <87>[]
  29. vgl. BVerfGE 34, 269 <292 f.> BGH, Urteil vom 17.12.2013 – VI ZR 211/​12 40[]
  30. vgl. Scho­ch, Die Ver­wal­tung 34 <2001>, S. 261 <275 ff.> Höf­ling, VVDStRL 61 <2002>, S. 260 <268, 274 f.>[]
  31. vgl. Gonod, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 75 Rn. 31, 135, 144[]
  32. vgl. Efstra­tiou, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 76 Rn. 49, 59, 68[]
  33. vgl. de Pre­tis, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 78 Rn. 56[]
  34. vgl. Szen­te, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 85 Rn. 81[]
  35. vgl. Mir, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 84 Rn. 152[]
  36. vgl. Mar­cus­son, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 82 Rn. 61[]
  37. vgl. Jaag, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 83 Rn. 152[]
  38. vgl. Craig, in: v. Bogdandy/​Cassese/​Huber, IPE V, 2014, § 77 Rn. 114, 116[]
  39. vgl. Streinz, VVDStRL 61 <2002>, S. 300 <313>[]
  40. vgl. Mey­er-Lade­wi­g/­Bru­n­oz­zi, in: Mey­er-Lade­wi­g/­Net­tes­hei­m/v. Rau­mer, EMRK, 4. Aufl.2017, Art. 41 Rn. 5[]
  41. vgl. Dut­ta, AöR 133 <2008>, S.191 <200> Acker­mann, NVwZ 2017, S. 87 <96> Schmahl, NJW 2017, S. 128 <130> Ter­wie­sche, NVwZ 2004, S. 1324 <1326> ein­schrän­kend Raap, NVwZ 2013, S. 552 <553>[]
  42. vgl. Klatt, in: v. der Groeben/​Schwarze/​Hatje, Euro­päi­sches Uni­ons­recht, 7. Aufl.2015, Art. 41 GRCh Rn. 17; Jarass, in: ders., Char­ta der Grund­rech­te der EU, 3. Aufl.2016, Art. 41 Rn. 32[]
  43. vgl. BVerfGE 100, 226 <244 ff.> 143, 246 <338 f. Rn. 260> Axer, DVBl 2001, S. 1322 <1328> Grzes­zick, in: Merten/​Papier, Hand­buch der Grund­rech­te III, 2009, § 75 Rn. 18[]
  44. vgl. Dörr, in: ders./Grote/Marauhn, EMRK/​GG Kon­kor­danz­kom­men­tar, 2. Aufl.2013, Kapi­tel 33 Rn. 155[]
  45. vgl. Hösch, DÖV 1999, S.192 <200> Höf­ling, VVDStRL 61 <2002>, S. 260 <275>[]
  46. vgl. BT-Drs. 17/​3802, S.19; Zim­mer­mann, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zur ZPO, Bd. 3, 5. Aufl.2017, § 198 GVG Rn. 4[]
  47. vgl. Schul­ze-Fie­litz, in: Drei­er, GG, Bd. 1, 3. Aufl.2013, Art.19 Rn. 80; Schmidt-Aßmann, in: Maunz/​Dürig, GG, Art.19 Rn. 21 []
  48. vgl. Axer, DVBl 2001, S. 1322 <1329> Höf­ling, VVDStRL 61 <2002>, S. 260 <267 f., 274> ders., in: Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/­Voß­kuh­le, GVwR III, 2009, § 51 Rn. 88; Schmidt-Aßmann, in: Maunz/​Dürig, GG, Art.19 Abs. 4, Rn. 285 Starski/​Beinlich, in: Jahr­buch des öffent­li­chen Rechts der Gegen­wart, Bd. 66 <2018>, S. 299 <310>[]
  49. vgl. Ehlers, VVDStRL 51 <1992>, S. 211 <243 f.> Scho­ch, Die Ver­wal­tung 34 <2001>, S. 261 <287> Grzes­zick, in: Merten/​Papier, Hand­buch der Grund­rech­te III, 2009, § 75 Rn. 117[]
  50. BVerfG, Urteil vom 19.05.2020 – 1 BvR 2835/​17, Rn. 104[]
  51. vgl. BVerfGE 92, 26 <41 ff.> dazu auch BVerfGE 100, 313 <363>[]
  52. vgl. BVerfG, Urteil vom 19.05.2020 – 1 BvR 2835/​17, Rn. 104[]
  53. vgl. zum Beru­hens­er­for­der­nis BVerfGE 89, 48 <59> 96, 68 <86> 104, 92 <114> 112, 185 <206> 131, 66 <85> stRspr[]
  54. vgl. Raap, NVwZ 2013, S. 552 <554> Starski/​Beinlich, in: Jahr­buch des öffent­li­chen Rechts der Gegen­wart, Bd. 66 <2018>, S. 299 <308 f.>[]
  55. vgl. Schmahl, ZaöRV 66 <2006>, S. 699 <713, 716>[]
  56. vgl. Dut­ta, AöR 133 <2008>, S.191 <220 f.>[]

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