Deut­sche Vor­rats­da­ten­spei­che­rung – und das EU-Daten­schutz­recht

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in zwei bei ihm anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on eine Fra­ge zur Aus­le­gung der Daten­schutz­richt­li­nie 2002/​58/​EG für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt. Von der Klä­rung die­ser Fra­ge hängt die Anwend­bar­keit der im Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­setz ent­hal­te­nen Rege­lun­gen zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ab.

Deut­sche Vor­rats­da­ten­spei­che­rung – und das EU-Daten­schutz­recht

Die Klä­ge­rin­nen der bei­den Aus­gangs­ver­fah­ren erbrin­gen öffent­lich zugäng­li­che Inter­net­zu­gangs­diens­te bzw. Tele­fon­diens­te für End­nut­zer. Sie wen­den sich gegen die ihnen durch § 113a Abs. 1 i.V.m. § 113b TKG in der Fas­sung des Geset­zes vom 10.12 2015 auf­er­leg­te Pflicht, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­kehrs­da­ten ihrer Kun­den auf Vor­rat zu spei­chern. Die für eine Dau­er von zehn Wochen zu spei­chern­den Daten umfas­sen u.a. die Ruf­num­mern der betei­lig­ten Anschlüs­se, Beginn und Ende der Ver­bin­dung oder der Inter­net­nut­zung bzw. die Zeit­punk­te der Ver­sen­dung und des Emp­fangs einer Kurz­nach­richt, zuge­wie­se­ne Inter­net­pro­to­koll-Adres­sen und Benut­zer­ken­nun­gen sowie Ken­nun­gen der Anschlüs­se und End­ge­rä­te. Für eine Dau­er von vier Wochen zu spei­chern sind zudem Stand­ort­da­ten, d.h. im Wesent­li­chen die Bezeich­nung der bei Beginn der Ver­bin­dung genutz­ten Funk­zel­le. Der Inhalt der Kom­mu­ni­ka­ti­on, Daten über auf­ge­ru­fe­ne Inter­net­sei­ten, Daten von E‑Mail-Diens­ten sowie Daten, die den Ver­bin­dun­gen zu oder von bestimm­ten Anschlüs­sen in sozia­len oder kirch­li­chen Berei­chen zugrun­de lie­gen, dür­fen hin­ge­gen nicht gespei­chert wer­den. Mit Aus­nah­me der Inter­net­pro­to­koll-Adres­se dür­fen die auf Vor­rat gespei­cher­ten Daten von den zustän­di­gen Behör­den nur zur Ver­fol­gung beson­ders schwe­rer Straf­ta­ten oder zur Abwehr einer kon­kre­ten Gefahr für Leib, Leben oder Frei­heit einer Per­son oder für den Bestand des Bun­des oder eines Lan­des ver­wen­det wer­den.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln hat auf die bei­den Kla­gen fest­ge­stellt, dass die kla­gen­den Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men nicht ver­pflich­tet sind, die im Gesetz genann­ten Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons-Ver­kehrs­da­ten ihrer Kun­den, denen sie den Inter­net­zu­gang bzw. den Zugang zu öffent­li­chen Tele­fon­diens­ten ver­mit­teln, zu spei­chern 1. Die Spei­cher­pflicht ver­sto­ße gegen Uni­ons­recht und sei daher in den Fäl­len der Klä­ge­rin­nen unan­wend­bar. Die grund­sätz­li­chen Rechts­fra­gen zur Reich­wei­te und zu den mate­ri­ell­recht­li­chen Anfor­de­run­gen des im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang maß­geb­li­chen Uni­ons­rechts sei­en durch das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 21.12 2016 2 geklärt. Gegen die erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dun­gen hat die Bun­des­re­pu­blik, ver­tre­ten durch die Bun­des­netz­agen­tur, jeweils Sprung­re­vi­si­on ein­ge­legt.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hängt davon ab, ob der durch die gesetz­li­che Spei­cher­pflicht bewirk­te Ein­griff in die durch Art. 5 Abs. 1 Satz 1 der Richt­li­nie 2002/​58/​EG geschütz­te Ver­trau­lich­keit der elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der Grund­la­ge der Erlaub­nis­norm des Art. 15 Abs. 1 der Richt­li­nie gerecht­fer­tigt ist. Zwar hat der EuGH abschlie­ßend geklärt, dass die Richt­li­nie auf natio­na­le Rege­lun­gen der Vor­rats­spei­che­rung anwend­bar ist und dass Art. 15 Abs. 1 der Richt­li­nie im Licht der Art. 7, 8 und 11 sowie des Art. 52 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (GRC) dahin aus­zu­le­gen ist, dass er einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen­steht, die für Zwe­cke der Bekämp­fung von Straf­ta­ten eine all­ge­mei­ne und unter­schieds­lo­se Vor­rats­spei­che­rung sämt­li­cher Ver­kehrs- und Stand­ort­da­ten aller Teil­neh­mer und regis­trier­ten Nut­zer in Bezug auf alle elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel vor­sieht.

Klä­rungs­be­darf ver­bleibt jedoch in Bezug auf die Fra­ge, ob eine natio­na­le Rege­lung, die – wie § 113a i.V.m. § 113b TKG – eine Pflicht zur anlass­lo­sen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung vor­sieht, unter kei­nen Umstän­den auf Art. 15 Abs. 1 der Richt­li­nie gestützt wer­den kann. Hier­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Kreis der von der Spei­cher­pflicht erfass­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel und die Spei­cher­dau­er gegen­über den schwe­di­schen und bri­ti­schen Rege­lun­gen, über die der EuGH zu ent­schei­den hat­te, redu­ziert ist. Fer­ner ent­hal­ten die deut­schen Rege­lun­gen stren­ge Beschrän­kun­gen im Hin­blick auf den Schutz der gespei­cher­ten Daten und den Zugang hier­zu. Außer­dem besteht ange­sichts des mit den neu­en Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln ver­bun­de­nen spe­zi­fi­schen Gefah­ren­po­ten­zi­als ein Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen den in den Art. 7 und 8 GRC ver­an­ker­ten Grund­rech­ten auf Ach­tung der Pri­vat­sphä­re und auf Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten einer­seits und der aus Art. 6 GRC fol­gen­den Pflicht der Mit­glied­staa­ten, die Sicher­heit der sich in ihrem Hoheits­ge­biet auf­hal­ten­den Per­so­nen zu gewähr­leis­ten, ande­rer­seits. Ein aus­nahms­lo­ses Ver­bot der anlass­lo­sen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung wür­de den Hand­lungs­spiel­raum der natio­na­len Gesetz­ge­ber in einem Bereich der Straf­ver­fol­gung und der öffent­li­chen Sicher­heit, der nach Art. 4 Abs. 2 Satz 3 EUV jeden­falls grund­sätz­lich wei­ter­hin in die allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten fällt, erheb­lich ein­schrän­ken und sich damit ten­den­zi­ell auch von der neue­ren Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te zu Art. 8 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ent­fer­nen. Schließ­lich geht aus ver­schie­de­nen beim EuGH bereits anhän­gi­gen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen aus ande­ren Mit­glied­staa­ten her­vor, dass die vor­le­gen­den Gerich­te ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Art. 6 GRC und Art. 4 EUV Zwei­fel dar­an haben, ob die Aus­füh­run­gen des EuGH im Urteil vom 21.12 2016 als gene­rel­les Ver­bot einer anlass­lo­sen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung zu ver­ste­hen sind, das weder im Hin­blick auf die Erheb­lich­keit der zu bekämp­fen­den Gefah­ren für die öffent­li­che Sicher­heit noch im Rah­men einer "Kom­pen­sa­ti­on" durch restrik­ti­ve Zugriffs­re­ge­lun­gen und hohe Sicher­heits­an­for­de­run­gen über­wun­den wer­den kann.

Führt das Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren zu dem Ergeb­nis, dass § 113a i.V.m. § 113b TKG uni­ons­rechts­wid­rig ist, sind die Klä­ge­rin­nen auch in ihren Rech­ten ver­letzt. Denn die Spei­cher­pflicht stellt einen Ein­griff in die durch Art. 16 GRC garan­tier­te unter­neh­me­ri­sche Frei­heit der Klä­ge­rin­nen dar. Ver­sto­ßen die­se Rege­lun­gen gegen Uni­ons­recht, dür­fen sie wegen des Grund­sat­zes des Vor­rangs des Uni­ons­rechts nicht ange­wen­det wer­den. Dann ist die­se Grund­rechts­ein­schrän­kung nicht i.S.d. Art. 52 Abs. 1 Satz 1 GRC "gesetz­lich vor­ge­se­hen".

Bis zur Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die bei­den Revi­si­ons­ver­fah­ren aus­ge­setzt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt – Beschlüs­se vom 25. Sep­tem­ber 2019 – 6 C 12.18 und 6 C 13.18

  1. VG Köln, Urtei­le vom 20.04.2018 – 9 K 3859/​16 und 9 K 7417/​17[]
  2. EuGH, Urteil vom 21.12 2016 – C‑203/​15 [Tele2 Sve­ri­ge] und – C‑698/​15 [Wat­son][]