Die AfD, die deut­sche Flücht­lings­po­li­tik – und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Das Organ­streit­ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eröff­net nicht die Mög­lich­keit einer objek­ti­ven Bean­stan­dungs­kla­ge.

Die AfD, die deut­sche Flücht­lings­po­li­tik – und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt drei Anträ­ge der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on im Organ­streit­ver­fah­ren ein­stim­mig als unzu­läs­sig ver­wor­fen (§ 24 Satz 1 BVerfGG).

Die Anträ­ge waren gegen die Nicht­zu­rück­wei­sung von Schutz­su­chen­den an der deut­schen Gren­ze ins­be­son­de­re im Jahr 2015 gerich­tet. Die antrag­stel­len­de AfD hat nicht hin­rei­chend dar­ge­legt, dass ent­spre­chen­de Ent­schei­dun­gen der Bun­des­re­gie­rung sie in ihren Rech­ten ver­letzt oder unmit­tel­bar gefähr­det hät­ten. Ihre Anträ­ge ziel­ten viel­mehr auf die Wah­rung objek­ti­ven Rechts und die Ver­pflich­tung zu einer Hand­lung – der Zurück­wei­sung von Asyl­be­wer­bern an den Gren­zen. Bei­des ist nach ste­ti­ger Recht­spre­chung im Organ­streit­ver­fah­ren nicht zuläs­sig.

Die "Flücht­lings­kri­se"[↑]

Das Organ­streit­ver­fah­ren betrifft das Ver­hal­ten der Bun­des­re­gie­rung wäh­rend der soge­nann­ten Flücht­lings­kri­se. Die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on sieht in der Dul­dung der Ein­rei­se von Asyl­be­wer­bern in das Bun­des­ge­biet ins­be­son­de­re seit den Som­mer­mo­na­ten des Jah­res 2015 bis in die Gegen­wart hin­ein eine Ver­let­zung objek­ti­ven Rechts sowie von Mit­wir­kungs- und Betei­li­gungs­rech­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges.

Im Jahr 2015 kam es zu einem star­ken Anstieg von Per­so­nen, die in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land Schutz such­ten; ein gro­ßer Teil gelang­te über die soge­nann­te Bal­kan­rou­te aus der Repu­blik Öster­reich kom­mend nach Deutsch­land.

Mit Wir­kung vom 13.09.2015 wur­den an den deut­schen Gren­zen, schwer­punkt­mä­ßig an der deutsch-öster­rei­chi­schen Gren­ze, vor­über­ge­hend wie­der Grenz­kon­trol­len ein­ge­führt. Im Zusam­men­hang damit wur­de inner­halb der Bun­des­re­gie­rung die Ent­schei­dung getrof­fen, Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge, die in Deutsch­land um Schutz nach­su­chen, nicht an der Gren­ze zurück­zu­wei­sen.

Die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on gehört seit Beginn der 19. Legis­la­tur­pe­ri­ode erst­mals dem Deut­schen Bun­des­tag an. Sie mach­te das Ver­hal­ten der Bun­des­re­gie­rung im Zusam­men­hang mit der Zuwan­de­rung von Schutz­su­chen­den zum Gegen­stand ver­schie­de­ner (Klei­ner) Anfra­gen. In ihrer Klei­nen Anfra­ge vom 10.01.2018 heißt es mit Blick auf das Ver­hal­ten der Bun­des­re­gie­rung im Sep­tem­ber 2015 unter ande­rem 1:

  1. Trifft es zu, dass es kei­ne schrift­li­che Anord­nung des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums oder des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters an die Bun­des­po­li­zei und/​oder die Grenz­be­hör­den gab und gibt, wonach unter Beru­fung auf § 18 Absatz 4 Num­mer 2 AsylG von der Ein­rei­se­ver­wei­ge­rung oder Zurück­schie­bung von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen abzu­se­hen ist, wel­che um inter­na­tio­na­len Schutz nach­su­chen?
  2. Wur­de von dem oder den "Zustän­di­gen" im Sin­ne der Bun­des­tags­druck­sa­che 18/​7510 in ande­rer Wei­se als per schrift­li­cher Anwei­sung von der Mög­lich­keit nach besag­tem § 18 Absatz 4 Num­mer 2 AsylG Gebrauch gemacht und die Anord­nung erlas­sen, von einer Ein­rei­se­ver­wei­ge­rung oder Zurück­schie­bung abzu­se­hen, und, falls ja, in wel­cher Wei­se wur­de die­se Anord­nung über­mit­telt – etwa tele­fo­nisch, per E‑Mail oder durch per­sön­li­che münd­li­che Anord­nung?

In Bezug auf die ers­te Fra­ge ant­wor­te­te die Bun­des­re­gie­rung am 23.02.2018 2 wie folgt:

Eine schrift­li­che Anord­nung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern an das Bun­des­po­li­zei­prä­si­di­um oder ande­re mit der poli­zei­li­chen Kon­trol­le des grenz­über­schrei­ten­den Ver­kehrs beauf­trag­ten Behör­den gibt es nicht.

In Beant­wor­tung der zwei­ten Fra­ge heißt es zudem wei­ter 2:

Die Ent­schei­dung wur­de im Rah­men der bestehen­den Zustän­dig­kei­ten inner­halb der Bun­des­re­gie­rung getrof­fen. Bun­des­mi­nis­ter Dr. Tho­mas de Mai­ziè­re hat am 13.09.2015 den Prä­si­den­ten des Bun­des­po­li­zei­prä­si­di­ums über die Ent­schei­dung der Bun­des­re­gie­rung münd­lich infor­miert. (…).

Die Organ­streit­ver­fah­ren[↑]

In ihrer Antrags­schrift vom 12.04.2018 begehrt die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on mit ihrem Antrag zu 1. im Wesent­li­chen die Fest­stel­lung, dass die Bun­des­re­gie­rung durch die Dul­dung der Ein­rei­se von Asyl­be­wer­bern sowie die Eröff­nung und Durch­füh­rung von Asyl­ver­fah­ren in bestimm­ten, näher bezeich­ne­ten Fäl­len die Mit­wir­kungs- und Betei­li­gungs­rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges und dadurch zugleich den Gewal­ten­tei­lungs­grund­satz sowie den Vor­rang und Vor­be­halt des Geset­zes ver­letzt habe. Der Antrag zu 2. ist auf die Fest­stel­lung gerich­tet, dass die Dul­dung der Migra­ti­on von Aus­län­dern aus Staa­ten, die nicht dem soge­nann­ten Schen­gen-Raum ange­hö­ren, nur auf der Grund­la­ge eines vom par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­ber zu erlas­sen­den "Migra­ti­ons­ver­ant­wor­tungs­ge­set­zes" zuläs­sig wäre. Mit dem Antrag zu 3. soll fest­ge­stellt wer­den, dass Asyl­be­wer­ber bei Vor­lie­gen bestimm­ter Vor­aus­set­zun­gen an den Gren­zen zurück­zu­wei­sen sind.

Die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on hält ihre Anträ­ge für zuläs­sig, ins­be­son­de­re feh­le es ihr nicht an der Antrags­be­fug­nis. Gerügt wer­de die Ver­let­zung des Gewal­ten­tei­lungs­grund­sat­zes durch Miss­ach­tung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Betei­li­gungs­rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges, und zwar in der­je­ni­gen Form, die die­se den Gewal­ten­tei­lungs­grund­satz kon­kre­ti­sie­ren­den Betei­li­gungs­rech­te gera­de in Gestalt der Wesent­lich­keits­theo­rie des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gefun­den hät­ten. Es gehe im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht um eine abs­trak­te umfas­sen­de Rechts­auf­sicht über die Bun­des­re­gie­rung, son­dern um die Gel­tend­ma­chung organ­schaft­li­cher Rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges.

Dar­über hin­aus sei das Rechts­schutz­be­dürf­nis gege­ben, da ihr kei­ne poli­tisch-par­la­men­ta­ri­schen Mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung stün­den, um gegen die Aus­schal­tung des Deut­schen Bun­des­ta­ges durch die Bun­des­re­gie­rung vor­zu­ge­hen. Weder hal­te sie den Bun­des­tag für ver­pflich­tet, durch Gesetz das bis­he­ri­ge Han­deln der Bun­des­re­gie­rung zu lega­li­sie­ren, noch müs­se sie selbst zunächst Geset­zes­in­itia­ti­ven in den Bun­des­tag ein­brin­gen, die ihren eige­nen asyl­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen ent­sprä­chen. Sie sei viel­mehr mit der bestehen­den Rechts­la­ge zufrie­den und ver­lan­ge ledig­lich die Ein­hal­tung der gel­ten­den Geset­ze.

Die Anträ­ge sei­en auch begrün­det. Die Dul­dung der Ein­rei­se von Asyl­be­wer­bern aus siche­ren Dritt­staa­ten stel­le eine Ver­let­zung des Uni­ons­rechts, des Ver­fas­sungs­rechts sowie des ein­fa­chen Rechts dar. Selbst wenn aber ein uni­ons­recht­li­cher Zwang zur Ein­rei­se­ge­stat­tung bestehen soll­te, ver­sto­ße das Ver­hal­ten der Bun­des­re­gie­rung gegen die Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en der Eigen­staat­lich­keit und der Ver­fas­sungs­iden­ti­tät, da in einem sol­chen Fall ein Min­dest­maß an demo­kra­ti­scher Legi­ti­ma­ti­on unter­schrit­ten wer­de.

Das ange­grif­fe­ne Ver­hal­ten der Bun­des­re­gie­rung ver­let­ze zudem organ­schaft­li­che Rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges, da nach der Wesent­lich­keits­theo­rie die Fra­ge einer Grenz­öff­nung vom Gesetz­ge­ber zu regeln sei. Der Par­la­ments­vor­be­halt erge­be sich aus der beson­de­ren Bedeu­tung der Mate­rie: Die Bevöl­ke­rungs­zu­sam­men­set­zung stel­le gera­de das eigent­li­che Wesen einer staat­li­chen Gemein­schaft dar. Der Deut­sche Bun­des­tag sei auch wegen der hohen Kos­ten und der Irrever­si­bi­li­tät der durch die Grenz­öff­nung ver­ur­sach­ten Fol­gen zur allei­ni­gen Ent­schei­dung beru­fen. Über die Fra­ge, ob der monat­li­che Ein­lass vie­ler tau­send Men­schen über­haupt sinn­voll sei, habe von Ver­fas­sungs wegen das Par­la­ment zu ent­schei­den.

Gehe man davon aus, dass wegen eines uni­ons­recht­li­chen Zwangs zur Grenz­öff­nung die Eigen­staat­lich­keit sowie die Ver­fas­sungs­iden­ti­tät betrof­fen sei­en, lie­ge zugleich eine Ver­let­zung organ­schaft­li­cher Kom­pe­ten­zen des Deut­schen Bun­des­ta­ges vor. Zudem wäre eine Aus­le­gung des Euro­pa­rechts, die zu einem völ­li­gen Leer­lau­fen der aus­län­der, asyl, pass, auf­ent­halts- und ein­wan­de­rungs­recht­li­chen Rege­lungs­be­fug­nis­se des Deut­schen Bun­des­ta­ges führ­te, nicht demo­kra­tisch legi­ti­miert und damit ultra vires.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat von einer Zustel­lung der Antrags­schrift an die Bun­des­re­gie­rung (Bun­des­re­gie­rung) und einer Benach­rich­ti­gung nach § 65 Abs. 2 BVerfGG abge­se­hen (vgl. § 22 Abs. 1 GOB­VerfG) und die Anträ­ge direkt als unzu­läs­sig ver­wor­fen.

Das Organ­streit­ver­fah­ren[↑]

Die Anträ­ge sind unzu­läs­sig.

Die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Prü­fung ist im Organ­streit­ver­fah­ren auf den durch den Antrag umschrie­be­nen Ver­fah­rens­ge­gen­stand beschränkt. Aller­dings ist das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bei der Aus­le­gung von Anträ­gen nicht an deren Wort­laut gebun­den. Ent­schei­dend ist viel­mehr der eigent­li­che Sinn des mit einem Antrag ver­folg­ten pro­zes­sua­len Begeh­rens 3. Die­ser kann sich auch aus der Antrags­be­grün­dung erge­ben 4.

Gemäß Art. 93 Abs. 1 Nr. 1 GG in Ver­bin­dung mit § 13 Nr. 5, §§ 63 ff. BVerfGG ent­schei­det das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über die Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes aus Anlass von Strei­tig­kei­ten über den Umfang der Rech­te und Pflich­ten eines obers­ten Bun­des­or­gans oder ande­rer Betei­lig­ter, die durch die­ses Grund­ge­setz oder in der Geschäfts­ord­nung eines obers­ten Bun­des­or­gans mit eige­nen Rech­ten aus­ge­stat­tet sind.

Gegen­stand eines Antrags im Organ­streit­ver­fah­ren ist eine Maß­nah­me oder eine Unter­las­sung des Antrags­geg­ners. Das zur Nach­prü­fung gestell­te Ver­hal­ten muss rechts­er­heb­lich sein oder sich zumin­dest zu einem die Rechts­stel­lung des Antrag­stel­lers beein­träch­ti­gen­den, rechts­er­heb­li­chen Ver­hal­ten ver­dich­ten kön­nen 5. Erfor­der­lich ist, dass der Antrag­stel­ler durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me in sei­nem Rechts­kreis kon­kret betrof­fen wird 6. Hand­lun­gen, die nur vor­be­rei­ten­den oder bloß voll­zie­hen­den Cha­rak­ter haben, schei­den als Angriffs­ge­gen­stand im Organ­streit aus 7.

Ein Antrag im Organ­streit­ver­fah­ren ist gemäß § 64 Abs. 1 BVerfGG nur zuläs­sig, wenn der Antrag­stel­ler gel­tend macht, dass er oder das Organ, dem er ange­hört, durch eine Maß­nah­me oder Unter­las­sung des Antrags­geg­ners in sei­nen ihm durch das Grund­ge­setz über­tra­ge­nen Rech­ten und Pflich­ten ver­letzt oder unmit­tel­bar gefähr­det ist. Bei dem Organ­streit han­delt es sich um eine kon­tra­dik­to­ri­sche Par­tei­strei­tig­keit 8; er dient maß­geb­lich der gegen­sei­ti­gen Abgren­zung der Kom­pe­ten­zen von Ver­fas­sungs­or­ga­nen oder ihren Tei­len in einem Ver­fas­sungs­rechts­ver­hält­nis, nicht hin­ge­gen der Kon­trol­le der objek­ti­ven Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines bestimm­ten Organ­han­delns 9. Kern des Organ­streit­ver­fah­rens ist auf Sei­ten des Antrag­stel­lers die Durch­set­zung von Rech­ten 10. Der Organ­streit eröff­net daher nicht die Mög­lich­keit einer objek­ti­ven Bean­stan­dungs­kla­ge 11. Für eine all­ge­mei­ne oder umfas­sen­de, von eige­nen Rech­ten des Antrag­stel­lers los­ge­lös­te, abs­trak­te Kon­trol­le der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer ange­grif­fe­nen Maß­nah­me ist im Organ­streit kein Raum 12. Das Grund­ge­setz kennt kei­nen all­ge­mei­nen Geset­zes- oder Ver­fas­sungs­voll­zie­hungs­an­spruch, auf den die Organ­kla­ge gestützt wer­den könn­te 13. Auch eine Respek­tie­rung sons­ti­gen (Ver­fas­sungs-) Rechts kann im Organ­streit nicht erzwun­gen wer­den; er dient allein dem Schutz der Rech­te der Staats­or­ga­ne im Ver­hält­nis zuein­an­der, nicht aber einer all­ge­mei­nen Ver­fas­sungs­auf­sicht 14. Das Grund­ge­setz hat den Deut­schen Bun­des­tag als Gesetz­ge­bungs­or­gan, nicht als umfas­sen­des "Rechts­auf­sichts­or­gan" über die Bun­des­re­gie­rung ein­ge­setzt. Aus dem Grund­ge­setz lässt sich kein eige­nes Recht des Deut­schen Bun­des­ta­ges dahin­ge­hend ablei­ten, dass jeg­li­ches mate­ri­ell oder for­mell ver­fas­sungs­wid­ri­ge Han­deln der Bun­des­re­gie­rung unter­blei­be 15.

Mit Rech­ten im Sin­ne des § 64 Abs. 1 BVerfGG sind allein die­je­ni­gen Rech­te gemeint, die dem Antrag­stel­ler zur aus­schließ­lich eige­nen Wahr­neh­mung oder zur Mit­wir­kung über­tra­gen sind oder deren Beach­tung erfor­der­lich ist, um die Wahr­neh­mung sei­ner Kom­pe­ten­zen und die Gül­tig­keit sei­ner Akte zu gewähr­leis­ten 16.

Für die Zuläs­sig­keit eines Organ­streit­ver­fah­rens erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend ist es, dass die von dem Antrag­stel­ler behaup­te­te Ver­let­zung oder unmit­tel­ba­re Gefähr­dung sei­ner ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te unter Beach­tung der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be nach dem vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt mög­lich erscheint 17.

Nach § 64 Abs. 2 BVerfGG ist im Antrag zudem die Bestim­mung des Grund­ge­set­zes zu bezeich­nen, gegen die durch die bean­stan­de­te Maß­nah­me oder Unter­las­sung des Antrags­geg­ners ver­sto­ßen wird 18.

Unzu­läs­si­ge Anträ­ge im Organ­streit­ver­fah­ren[↑]

Die­sen Anfor­de­run­gen wer­den die von der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on for­mu­lier­ten Anträ­ge nicht gerecht.

Mit dem Antrag zu 1. begehrt die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on die Fest­stel­lung, dass die Bun­des­re­gie­rung durch die Dul­dung der Ein­rei­se bestimm­ter Asyl­be­wer­ber in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Mit­wir­kungs- und Betei­li­gungs­rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges ver­letzt habe, soweit dadurch zugleich poli­ti­sche Grund­ent­schei­dun­gen und die par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­le der lau­fen­den Migra­ti­ons­be­we­gun­gen betrof­fen sei­en. Alle wesent­li­chen Fra­gen der Migra­ti­on sind ihrer Ansicht nach von dem Par­la­ment in einem "Migra­ti­ons­ver­ant­wor­tungs­ge­setz" zu nor­mie­ren. In der den Antrag kon­kre­ti­sie­ren­den Antrags­be­grün­dung heißt es sodann aller­dings, die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on selbst sei "am aller­we­nigs­ten" bereit, ent­spre­chen­de Geset­ze zur Lega­li­sie­rung des Han­delns der Bun­des­re­gie­rung im Bun­des­tag zu initi­ie­ren.

Die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on hält mit­hin ein "Migra­ti­ons­ver­ant­wor­tungs­ge­setz" mit Blick auf den Grund­satz der Gewal­ten­tei­lung für not­wen­dig, kün­digt indes zugleich an, an des­sen Initi­ie­rung im Deut­schen Bun­des­tag nicht mit­wir­ken zu wol­len. Ihr geht es damit nicht um die Durch­set­zung eige­ner oder dem Deut­schen Bun­des­tag zuste­hen­der (Beteiligungs-)Rechte, son­dern um das Unter­bin­den eines bestimm­ten Regie­rungs­han­delns. Nach Auf­fas­sung der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on schrei­ben die bestehen­den gesetz­li­chen Rege­lun­gen eine Zurück­wei­sung von Schutz­su­chen­den an der Gren­ze vor; die­se Geset­ze sei­en von der Bun­des­re­gie­rung ein­zu­hal­ten. Die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on erstrebt damit kei­ne Befas­sung des Deut­schen Bun­des­ta­ges zum Zwe­cke der Schaf­fung einer gesetz­li­chen Grund­la­ge, son­dern die Kon­trol­le eines bestimm­ten Ver­hal­tens der Bun­des­re­gie­rung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Deren Ver­hal­ten kann im Organ­streit­ver­fah­ren aber nicht iso­liert bean­stan­det wer­den; eben­so wenig kann auf die­sem Wege eine Respek­tie­rung von (Verfassungs-)Recht erzwun­gen wer­den 19.

Geht es der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on aber nicht um die Durch­set­zung von Mit­wir­kungs- und Betei­li­gungs­rech­ten in Gestalt des Erlas­ses von Par­la­ments­ge­set­zen, wird nicht deut­lich, wel­che sons­ti­gen Kom­pe­ten­zen sie in die Zuläs­sig­keit des Organ­streit­ver­fah­rens begrün­den­der Wei­se für sich in Anspruch neh­men könn­te. Auch der Ver­weis auf die nach ihrer Ansicht für die Pro­ble­ma­tik der Ein­rei­se­ge­stat­tung bedeut­sa­men Vor­ga­ben des Asyl- und Auf­ent­halts­rechts ver­fängt nicht. Fra­gen der Aus­le­gung und Anwen­dung des ein­fa­chen Rechts jen­seits ver­fas­sungs­recht­li­cher Rechts­po­si­tio­nen begrün­den kei­ne Antrags­be­fug­nis im Organ­streit­ver­fah­ren 19.

Auch die bei­den wei­te­ren Sach­an­trä­ge genü­gen nicht den Anfor­de­run­gen des § 64 BVerfGG. Der in der Antrags­schrift for­mu­lier­te Antrag zu 2. ist auf die Fest­stel­lung gerich­tet, dass die Dul­dung der Migra­ti­on bestimm­ter Aus­län­der "nur zuläs­sig wäre auf­grund eines vor­ab ord­nungs­ge­mäß zustan­de gekom­me­nen par­la­men­ta­ri­schen Geset­zes". Mit die­sem Antrag wird schon kei­ne kon­kre­te (statt­ge­fun­de­ne) Rechts­ver­let­zung durch die Bun­des­re­gie­rung im Sin­ne von § 64 Abs. 2 BVerfGG behaup­tet; er zielt viel­mehr – im Ergeb­nis eben­so wie der Antrag zu 1. – auf die Wah­rung objek­ti­ven Rechts in einer von der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung. Dies ist im Organ­streit­ver­fah­ren nicht zuläs­sig 20. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus dem Inhalt der Antrags­be­grün­dung, da zwar ein umfang­rei­cher Antrags­schrift­satz vor­ge­legt wird, die­ser aber nicht zwi­schen den ein­gangs for­mu­lier­ten (Sach-)Anträgen dif­fe­ren­ziert.

Der Antrag zu 3. ist auf eine nicht zuläs­si­ge Rechts­fol­ge gerich­tet. Die AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on begehrt mit ihm die Fest­stel­lung, dass Asyl­be­wer­ber unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen "an den Gren­zen zurück­zu­wei­sen" sei­en. Gegen­stand die­ses Antrags ist der Aus­spruch einer Ver­pflich­tung und damit ein im Organ­streit­ver­fah­ren unzu­läs­si­ges Rechts­schutz­ziel 21.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann dahin­ste­hen, ob die Antrags­frist des § 64 Abs. 3 BVerfGG hin­sicht­lich sämt­li­cher Anträ­ge gewahrt wur­de.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Dezem­ber 2018 – 2 BvE 1/​18

  1. BT-Drs.19/559, S. 3[]
  2. BT-Drs.19/883, S. 3[][]
  3. vgl. BVerfGE 68, 1, 68; 129, 356, 364[]
  4. vgl. BVerfGE 68, 1, 64; 136, 277, 301 f. Rn. 66[]
  5. vgl. BVerfGE 13, 123, 125; 57, 1, 4 f.; 60, 374, 381; 97, 408, 414; 118, 277, 317; 120, 82, 96; 138, 45, 59 f. Rn. 27[]
  6. vgl. BVerfGE 124, 161, 185; 138, 45, 59 f. Rn. 27[]
  7. vgl. BVerfGE 97, 408, 414; 120, 82, 96[]
  8. vgl. BVerfGE 126, 55, 67; 138, 256, 258 f. Rn. 4[]
  9. vgl. BVerfGE 104, 151, 193 f.; 118, 244, 257; 126, 55, 67 f.; 140, 1, 21 f. Rn. 58; 143, 1, 8 Rn. 29; stRspr[]
  10. vgl. Lenz/​Hansel, BVerfGG, 2. Aufl.2015, § 64 Rn.19; vgl. auch BVerfGE 67, 100, 126; 124, 78, 113; 143, 101, 132 Rn. 104[]
  11. vgl. BVerfGE 118, 277, 319; 126, 55, 68; 138, 256, 259 Rn. 5; 140, 1, 21 f. Rn. 58[]
  12. vgl. BVerfGE 73, 1, 30; 80, 188, 212; 104, 151, 193 f.; 118, 277, 318 f.; 136, 190, 192 Rn. 5[]
  13. vgl. Beth­ge, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 64 Rn. 63 [Janu­ar 2017][]
  14. vgl. BVerfGE 100, 266, 268; 118, 277, 319[]
  15. vgl. BVerfGE 68, 1, 72 f.; 126, 55, 68[]
  16. vgl. BVerfGE 68, 1, 73[]
  17. vgl. BVerfGE 138, 256, 259 Rn. 6; 140, 1, 21 f. Rn. 58; stRspr[]
  18. vgl. BVerfGE 134, 141, 192 Rn. 149; 138, 102, 108 Rn. 23; 139, 194, 220 Rn. 97[]
  19. vgl. auch BVerfGE 118, 277, 319[][]
  20. vgl. BVerfGE 136, 277, 304 Rn. 73[]
  21. vgl. auch BVerfGE 136, 277, 301 f. Rn. 66[]