Die Gro­ße Koal­ti­on – und die Mit­glie­der­be­fra­gung der SPD

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat den Antrag abge­lehnt, der SPD im Wege einer einst­wei­li­gen Anord­nung zu unter­sa­gen, eine Abstim­mung ihrer Mit­glie­der über das Zustan­de­kom­men einer Gro­ßen Koali­ti­on durch­zu­füh­ren. Nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wäre auch eine die­se Abstim­mung bean­stan­den­de Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig.

Die Gro­ße Koal­ti­on – und die Mit­glie­der­be­fra­gung der SPD

Nach § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Streit­fall – auch schon vor Anhän­gig­keit eines Ver­fah­rens zur Haupt­sa­che 1 – einen Zustand durch einst­wei­li­ge Anord­nung vor­läu­fig regeln, wenn dies zur Abwehr schwe­rer Nach­tei­le, zur Ver­hin­de­rung dro­hen­der Gewalt oder aus einem ande­ren wich­ti­gen Grund zum gemei­nen Wohl drin­gend gebo­ten ist. Dabei haben die Grün­de, die für die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des ange­grif­fe­nen Hoheits­akts vor­ge­tra­gen wer­den, grund­sätz­lich außer Betracht zu blei­ben. Der Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung hat jedoch kei­nen Erfolg, wenn der Antrag in der Haupt­sa­che unzu­läs­sig oder offen­sicht­lich unbe­grün­det wäre 2.

Nach die­sen Grund­sät­zen kommt der Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung hier nicht in Betracht. Eine noch zu erhe­ben­de Ver­fas­sungs­be­schwer­de wäre unzu­läs­sig. Nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG kann jeder­mann mit der Behaup­tung, durch die öffent­li­che Gewalt in einem sei­ner Grund­rech­te oder in einem sei­ner in Art.20 Abs. 4, Arti­kel 33, 38, 101, 103 und 104 des Grund­ge­set­zes ent­hal­te­nen Rech­te ver­letzt zu sein, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erhe­ben. Hier fehlt es bereits an einem im Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de angreif­ba­ren Beschwer­de­ge­gen­stand, denn der Antrag rich­tet sich nicht gegen einen Akt öffent­li­cher Gewalt im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten.

Nach Art. 21 Abs. 1 Satz 1 GG wir­ken die Par­tei­en bei der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Vol­kes mit. Sie erfül­len damit eine ihnen nach dem Grund­ge­setz oblie­gen­de und von ihm ver­bürg­te öffent­li­che Auf­ga­be (§ 1 Abs. 1 Satz 2 Par­tei­en­gesetz). Mit der Durch­füh­rung einer Abstim­mung über einen Koali­ti­ons­ver­trag unter ihren Mit­glie­dern in Erfül­lung die­ser öffent­li­chen Auf­ga­be übt die SPD jedoch nicht zugleich auch öffent­li­che Gewalt im Sin­ne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG aus. Öffent­li­che Gewalt ist vor­nehm­lich der Staat in sei­ner Ein­heit, reprä­sen­tiert durch irgend­ein Organ 3.

Par­tei­en sind nicht Teil des Staa­tes 4. Zwar kommt ihnen auf­grund ihrer spe­zi­fi­schen ver­fas­sungs­recht­lich abge­si­cher­ten Ver­mitt­lungs­funk­ti­on zwi­schen Staat und Gesell­schaft eine beson­de­re Stel­lung zu; sie wir­ken in den Bereich der Staat­lich­keit aber ledig­lich hin­ein, ohne ihm anzu­ge­hö­ren 5.

Jeden­falls der Abschluss einer Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung zwi­schen – im Übri­gen grund­rechts­be­rech­tig­ten 6 – poli­ti­schen Par­tei­en und die dem vor­an­ge­hen­de oder nach­fol­gen­de par­tei­in­ter­ne Wil­lens­bil­dung wir­ken nicht unmit­tel­bar und der­ge­stalt in die staat­li­che Sphä­re hin­ein, dass sie als – auch in einem weit ver­stan­de­nen Sinn – staat­li­ches Han­deln qua­li­fi­ziert wer­den könn­ten. Koali­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen bedür­fen viel­mehr wei­te­rer und fort­lau­fen­der Umset­zung durch die regel­mä­ßig in Frak­tio­nen zusam­men­ge­schlos­se­nen Abge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges, die als Ver­tre­ter des gan­zen Vol­kes jedoch an Auf­trä­ge und Wei­sun­gen nicht gebun­den und nur ihrem Gewis­sen unter­wor­fen sind (Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG).

Die­se Vor­schrift gewähr­leis­tet für jeden der nach Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG gewähl­ten Abge­ord­ne­ten sowohl die Frei­heit in der Aus­übung sei­nes Man­dats als auch die Gleich­heit im Sta­tus der Ver­tre­ter des gan­zen Vol­kes 7. So setzt sich ins­be­son­de­re die Gleich­heit der Wahl in der glei­chen Mit­wir­kungs­be­fug­nis aller Abge­ord­ne­ten fort und hält damit auch in den Ver­zwei­gun­gen staat­lich-reprä­sen­ta­ti­ver Wil­lens­bil­dungs­pro­zes­se die demo­kra­ti­sche Quel­le offen, die aus der ursprüng­li­chen, im Wahl­akt lie­gen­den Wil­lens­be­tä­ti­gung jedes ein­zel­nen Bür­gers fließt 8.

Die poli­ti­sche Ein­bin­dung des Abge­ord­ne­ten in Par­tei und Frak­ti­on in Bund und Län­dern ist zwar ver­fas­sungs­recht­lich erlaubt und gewollt: Das Grund­ge­setz weist den Par­tei­en eine beson­de­re Rol­le im Pro­zess der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung zu (Art. 21 Abs. 1 GG), weil ohne die For­mung des poli­ti­schen Pro­zes­ses durch geeig­ne­te freie Orga­ni­sa­tio­nen eine sta­bi­le Demo­kra­tie in gro­ßen Gemein­schaf­ten nicht gelin­gen kann 9. Die von Abge­ord­ne­ten – in Aus­übung des frei­en Man­dats – gebil­de­ten Frak­tio­nen 10 sind im Zei­chen der Ent­wick­lung zur Par­tei­en­de­mo­kra­tie not­wen­di­ge Ein­rich­tun­gen des Ver­fas­sungs­le­bens und maß­geb­li­che Fak­to­ren der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung 11.

Im orga­ni­sa­to­ri­schen Zusam­men­schluss geht die Frei­heit und Gleich­heit des Abge­ord­ne­ten jedoch nicht ver­lo­ren. Sie bleibt inner­halb der Frak­ti­on bei Abstim­mun­gen und bei ein­zel­nen Abwei­chun­gen von der Frak­ti­ons­dis­zi­plin erhal­ten und setzt sich zudem im außen­ge­rich­te­ten Anspruch der Frak­ti­on auf pro­por­tio­na­le Betei­li­gung an der par­la­men­ta­ri­schen Wil­lens­bil­dung fort 12. Wie die poli­ti­schen Par­tei­en die­sen par­la­men­ta­ri­schen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess inner­par­tei­lich vor­be­rei­ten, obliegt unter Beach­tung der – jeden­falls hier – nicht ver­letz­ten Vor­ga­ben aus Art. 21 und 38 GG sowie des Par­tei­en­geset­zes grund­sätz­lich ihrer auto­no­men Gestal­tung.

Es ist nicht erkenn­bar, dass die vom Antrag­stel­ler bean­stan­de­te Abstim­mung für die betrof­fe­nen Abge­ord­ne­ten Ver­pflich­tun­gen begrün­den könn­te, die über die mit der Frak­ti­ons­dis­zi­plin ver­bun­de­nen hin­aus­gin­ge. Wie die­se kann sie nicht von jeder­mann mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fen wer­den (§ 90 Abs. 1 BVerfGG).

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Dezem­ber 2013 – 2 BvQ 55/​13

  1. vgl. BVerfGE 11, 339, 442; 27, 152, 156; 92, 130, 133[]
  2. vgl. BVerfGE 71, 158, 161; 111, 147, 152 f.; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 4, 27, 30; s. auch BVerfGE 22, 293, 295; 58, 1, 27[]
  4. vgl. BVerfGE 85, 264, 287 f.; 107, 339, 361; 121, 30, 53[]
  5. vgl. BVerfGE 20, 56, 100 f.; 73, 40, 85; 85, 264, 287; 121, 30, 53[]
  6. vgl. BVerfGE 84, 290, 299[]
  7. vgl. BVerfGE 102, 224, 237 f.; 112, 118, 134[]
  8. vgl. BVerfGE 112, 118, 134[]
  9. vgl. BVerfGE 112, 118, 135; 118, 277, 328 f.[]
  10. vgl. BVerfGE 80, 188, 219 f.[]
  11. vgl. BVerfGE 80, 188, 219 f.; 112, 118, 135[]
  12. vgl. BVerfGE 112, 118, 135[]