Die Haf­tung der ARGE

Die im Rah­men der Hartz-IV-Refor­men gebil­de­ten Arbeits­ge­mein­schaft nach § 44b SGB II kön­nen zwar vor den ordent­li­chen Gerich­ten ver­klagt wer­den. Einer Kla­ge auf Scha­dens­er­satz wegen Amts­pflicht­ver­let­zun­gen steht im Regel­fall jedoch die feh­len­de Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on der Arbeits­ge­mein­schaft ent­ge­gen. Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof auf die Scha­dens­er­satz­kla­ge einer Kran­ken­kas­se gegen eine Arbeits­ge­mein­schaft.

Die Haf­tung der ARGE

Zustän­dig für Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen wegen Amts­pflicht­ver­lez­tun­gen ist danach aus­schließ­lich die Anstel­lungs­kör­per­schaft des jeweils feh­ler­haft han­deln­den Beam­ten. Da bei den Arbeits­ge­mein­schaf­ten jedoch im Regel­fall (und so auch in dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall) kein eige­nes Per­so­nal beschäf­tigt wird, son­dern die­ses ent­we­der von der Bun­des­agen­tur für Arbeit oder aber der jewei­li­gen Kom­mu­ne abge­ord­net wur­de, trifft die Amts­haf­tung nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht die ARGE, son­dern ‑je nach Anstel­lungs­trä­ger – ent­we­der die Bun­des­agen­tur für Arbeit oder den jewei­li­gen kom­mu­na­len Trä­ger.

Par­tei­fä­hig­keit der Arbeits­ge­mein­schaft

Die Arbeits­ge­mein­schaft ist par­tei­fä­hig im Sin­ne des § 50 Abs. 1 ZPO. Dies folgt zwar nicht schon dar­aus, dass in der sozi­al­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung aner­kannt ist, dass eine auf der Grund­la­ge des § 44b SGB II errich­te­te Arbeits­ge­mein­schaft die Betei­lig­ten­fä­hig­keit nach § 70 SGG besitzt. Denn an sozi­al­ge­richt­li­chen Strei­tig­kei­ten kann nach § 70 Nr. 2 SGG auch eine nicht­rechts­fä­hi­ge Per­so­nen­ver­ei­ni­gung betei­ligt sein; § 70 SGG ist inso­weit also wei­ter gefasst als § 50 ZPO 1. Jedoch ist die Rechts- und Par­tei­fä­hig­keit der Beklag­ten im Zivil­pro­zess in Anleh­nung an die von der Recht­spre­chung zur Rechts- und Par­tei­fä­hig­keit der (Außen-)Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze 2 zu beja­hen 3.

Die nach Maß­ga­be von § 44b SGB II durch öffent­lich-recht­li­chen Ver­trag zwi­schen der Agen­tur für Arbeit B. /​Geschäfts­stel­le S. und der Stadt S. errich­te­te Beklag­te ist berech­tigt, zur Erfül­lung der ihr über­tra­ge­nen Auf­ga­ben Ver­wal­tungs­ak­te und Wider­spruchs­be­schei­de gemäß § 44b SGB II zu erlas­sen 4. Ihre Orga­ne sind der Len­kungs­aus­schuss (Trä­ger­ver­samm­lung) und die Geschäfts­füh­rung (§ 4 Abs. 1 des Ver­trags). Die­se besteht aus dem Geschäfts­füh­rer, der die ARGE gericht­lich und außer­ge­richt­lich ver­tritt, sowie dem stell­ver­tre­ten­den Geschäfts­füh­rer (§ 7 des Ver­trags). Damit ist die Beklag­te recht­lich und orga­ni­sa­to­risch ver­selb­stän­digt sowie eigen­stän­di­ger Trä­ger von Rech­ten und Pflich­ten. Ihre Struk­tur ist der einer Gesell­schaft des bür­ger­li­chen Rechts zumin­dest eben­bür­tig, wobei es in die­sem Zusam­men­hang kei­ner Ent­schei­dung der Fra­ge bedarf, ob es sich bei der Beklag­ten um eine Gesell­schaft des öffent­li­chen Rechts 5 oder um eine öffent­lich-recht­li­che Orga­ni­sa­ti­on bzw. Ein­rich­tung sui gene­ris han­delt 6.

Die Rechts- und Par­tei­fä­hig­keit der ARGE wird nicht dadurch in Fra­ge gestellt, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt durch Urteil vom 20. Dezem­ber 2007 erkannt hat, dass Arbeits­ge­mein­schaf­ten gemäß § 44b SGB II dem Grund­satz eigen­ver­ant­wort­li­cher Auf­ga­ben­wahr­neh­mung durch die Gemein­den und Gemein­de­ver­bän­de wider­spre­chen und die­se Vor­schrift des­halb Art. 28 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 83 GG ver­letzt (BVerfGE 119, 331, 361 ff). Denn unge­ach­tet der Unver­ein­bar­keit von § 44b SGB II mit dem Grund­ge­setz bleibt die­se Bestim­mung nach dem Aus­spruch des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bis zum 31. Dezem­ber 2010 wei­ter anwend­bar.

Die Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on der Arbeits­ge­mein­schaft

Aller­dings bestehen, so der Bun­des­ge­richts­hof, erheb­li­che Beden­ken gegen die Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on der Arbeits­ge­mein­schaft.

Nach § 44b SGB II haben die Trä­ger der Leis­tung erheb­li­che Gestal­tungs­spiel­räu­me, in wel­cher Form sie die Arbeits­ge­mein­schaf­ten errich­ten und orga­ni­sa­to­risch aus­ge­stal­ten wol­len; ins­be­son­de­re haben sie nach Absatz 1 Satz 1 die­ser Bestim­mung die Wahl, ob sie die Arbeits­ge­mein­schaf­ten durch pri­vat­recht­li­chen oder öffent­lich-recht­li­chen Ver­trag errich­ten.

Im ers­ten Fal­le schei­det eine (als Belie­he­ne anzu­se­hen­de) Arbeits­ge­mein­schaft als Haf­tungs­ob­jekt von vor­ne­her­ein aus, da nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs Kör­per­schaft im Sin­ne des Art. 34 Satz 1 GG nur eine sol­che des öffent­li­chen Rechts sein kann 7.

Im zwei­ten – hier vor­lie­gen­den – Fall kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs haft­pflich­ti­ge Kör­per­schaft im Sin­ne des Art. 34 Satz 1 GG grund­sätz­lich jede Kör­per­schaft und jede selb­stän­di­ge Anstalt des öffent­li­chen Rechts sein; beam­ten­recht­li­che Dienst­her­ren­ei­gen­schaft muss sie nicht besit­zen 8. Dem­zu­fol­ge kommt eine Arbeits­ge­mein­schaft im Sin­ne des § 44b SGB II ohne wei­te­res als haft­pflich­ti­ge Kör­per­schaft in Betracht, wenn die zwi­schen dem kom­mu­na­len Trä­ger und der Bun­des­agen­tur für Arbeit getrof­fe­ne Ver­ein­ba­rung die Errich­tung einer Anstalt des öffent­li­chen Rechts zum Inhalt hat, wie es §§ 2a, 2b Abs. 1 Satz 1 Nds. AG SGB II eigent­lich vor­sieht. Dies ist in dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht gesche­hen. Viel­mehr heißt es in § 1 Abs. 1 Satz 1 des Ver­trags nur all­ge­mein, dass durch die­sen öffent­lich-recht­li­chen Ver­trag eine Arbeits­ge­mein­schaft gemäß § 44b SGB II zur Wahr­neh­mung der den Ver­trags­part­nern nach SGB II oblie­gen­den Auf­ga­ben errich­tet wird. In Voll­zug des Ver­trags wur­de des­halb kei­ne Anstalt des öffent­li­chen Rechts, aber eine Rechts­form geschaf­fen, die gleich­wohl Trä­ger von Rech­ten und Pflich­ten ist. Ob eine sol­che "öffent­lich-recht­li­che Gesell­schaft" oder "öffent­lich-recht­li­che Orga­ni­sa­ti­on bzw. Ein­rich­tung sui gene­ris" nicht nur rechts- und par­tei­fä­hig ist, son­dern auch haft­pflich­ti­ge Kör­per­schaft im Sin­ne des Art. 34 Satz 1 GG sein kann, hat­te der Bun­des­ge­richts­hof bis­her noch nicht zu ent­schei­den.

Die Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on der beklag­ten Arbeits­ge­mein­schaft wird jeden­falls, so der Bun­des­ge­richts­hof wei­ter, durch den Umstand ent­schei­dend in Fra­ge gestellt, dass sie nicht über eige­nes Per­so­nal ver­fügt, son­dern die­ses nach § 11 Abs. 1 des Ver­trags der ARGE von den Ver­trags­part­nern mit der Maß­ga­be zur Ver­fü­gung gestellt wird, dass für alle dienst- und arbeits­recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten der jewei­li­ge Ver­trags­part­ner als Dienst­herr/​Arbeit­ge­ber zustän­dig bleibt 9.

Nach Art. 34 Satz 1 GG trifft bei Pflicht­ver­let­zun­gen eines Amts­trä­gers die Ver­ant­wort­lich­keit aber grund­sätz­lich den Staat oder die Kör­per­schaft, in deren Dienst er steht. Ent­schei­dend ist mit­hin, wer dem Amts­trä­ger das Amt, bei des­sen Aus­übung er feh­ler­haft han­del­te, anver­traut, wer mit ande­ren Wor­ten dem Amts­trä­ger die Auf­ga­be, bei deren Wahr­neh­mung die Amts­pflicht­ver­let­zung erfolg­te, über­tra­gen hat. Es haf­tet daher im Regel­fall die Kör­per­schaft, die den Amts­trä­ger ange­stellt und ihm damit die Mög­lich­keit zur Amts­aus­übung eröff­net hat. Ob auch die kon­kre­te Auf­ga­be, bei deren Erfül­lung die Pflicht­ver­let­zung began­gen wur­de, in den Auf­ga­ben­kreis der Anstel­lungs­kör­per­schaft fällt, ist grund­sätz­lich unbe­acht­lich.

Ledig­lich dann, wenn die Anknüp­fung an die Anstel­lung ver­sagt, weil kein Dienst­herr oder meh­re­re Dienst­her­ren vor­han­den sind, rich­tet sich das Haf­tungs­sub­jekt danach, wer dem Amts­trä­ger die kon­kre­te – feh­ler­haft erfüll­te – Auf­ga­be anver­traut hat 10.

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen dürf­ten vor­lie­gend als Anstel­lungs­kör­per­schaft für das bei der Beklag­ten täti­ge Per­so­nal ent­we­der die Bun­des­an­stalt für Arbeit oder die Stadt S. in Betracht kom­men. Die Beklag­te wür­de für ein Fehl­ver­hal­ten der die ihr über­tra­ge­nen Auf­ga­ben wahr­neh­men­den Mit­ar­bei­ter nur dann ein­zu­ste­hen haben, wenn die­se, ähn­lich wie dies bei der Abord­nung eines Beam­ten zu einem ande­ren Dienst­herrn der Fall ist, voll­stän­dig aus der Orga­ni­sa­ti­on sei­ner Anstel­lungs­kör­per­schaft her­aus­ge­löst wor­den wären 11. Dafür besteht kein hin­rei­chen­der Anhalt, zumal § 22 des Ver­trags eine Ver­ein­ba­rung ent­hält, wonach "im Fal­le von Amts­haf­tungs­an­sprü­chen oder bei sons­ti­gen Ansprü­chen auf Scha­dens­er­satz, die gegen die ARGE gel­tend gemacht wer­den, der Arbeitgeber/​Dienstherr des Beschäf­tig­ten, der den Anspruch ver­ur­sacht hat, nach den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen allein" haf­tet.

Im Ergeb­nis hat der Bun­des­ge­richts­hof die­se Fra­ge der Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on jedoch offen gelas­sen, da in dem zu ent­schei­den­den Fall jeden­falls kei­ne Amts­pflicht­ver­let­zung zuguns­ten der kla­gen­den Kran­ken­kas­se vor­lag. Denn die Amts­pflicht zur sorg­fäl­ti­gen Ermitt­lung und Fest­stel­lung des im Rah­men von § 19 SGB II ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halts obliegt der Bun­des­agen­tur für Arbeit bzw. der Arbeits­ge­mein­schaft nach § 44b SGB II nicht im Drit­tin­ter­es­se der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Okto­ber 2009 – III ZR 295/​08

  1. vgl. BSGE 97, 217, 227 f, Rn. 30[]
  2. BGHZ 146, 341, 343 ff; 154, 88, 94; 172, 169, 172 Rn. 9[]
  3. im Ergeb­nis eben­so OLG Zwei­brü­cken, OLG­Re­port 2007, 617, 619; offen gelas­sen in KG, OLG­Re­port 2009, 261 f; sie­he auch die Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf eine Klei­ne Anfra­ge, BT-Drs. 15/​4709 S. 2, wonach § 44b SGB II vor­aus­setzt, dass die Arbeits­ge­mein­schaft als sol­che rechts­er­heb­lich han­deln, kla­gen und ver­klagt wer­den kann, somit rechts- und pro­zess­fä­hig zu sein hat, ohne dass es dar­auf ankä­me, sie als juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts zu qua­li­fi­zie­ren[]
  4. § 3 Abs. 5 des Ver­trags[]
  5. vgl. hier­zu etwa das Merk­blatt des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft und Arbeit für Arbeits­ge­mein­schaf­ten nach § 44b SGB II, Stand: 24. August 2004, S. 2 unter Zif­fer 2 "Recht­li­che Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten"; Stro­bel, Die Rechts­form der Arbeits­ge­mein­schaf­ten nach § 44b SGB II, NVwZ 2004, 1195, 1198 f.[]
  6. vgl. zur ARGE "Job­cen­ter in der Regi­on Han­no­ver": SG Han­no­ver, NVwZ 2005, 976; sie­he all­ge­mein nur Kers­ten, Arbeits­ge­mein­schaf­ten (§ 44b SGB II), ZfPR 2005, 130, 145 ff; Ber­lit in Mün­der, Lehr- und Pra­xis­kom­men­tar, SGB II, 2. Aufl., § 44b, Rn. 20 ff, jew. m.w.N.[]
  7. BGHZ 49, 108, 116; BGH, Urtei­le vom 05.07.1990 – III ZR 166/​89, NVwZ 1990, 1103 und vom 27.01.1994 – III ZR 109/​92, NVwZ 1994, 823; jew. m.w.N.[]
  8. BGH, Urteil vom 31.01.1991 – III ZR 184/​89, NVwZ 1992, 298 f[]
  9. vgl. zur feh­len­den Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on der Ber­li­ner Job­cen­ter man­gels eige­nen Per­so­nals KG OLG­Re­port 2009, 261, 262 f[]
  10. vgl. nur BGHZ 87, 202, 204; 99, 326, 330; BGH, Urtei­le vom 05.12.1991 – III ZR 167/​90, NVwZ 1992, 298; und vom 27.01.1994 – III ZR 109/​92, NVwZ 1994, 823; BGHZ 160, 216, 228; BGH, Beschluss vom 12.04.2006 – III ZR 35/​05, VersR 2007, 1560, Rn. 6[]
  11. vgl. BGHZ 160, 216, 228[]