Die Hand­ak­ten des Rechts­an­walts – und die Ver­jäh­rung des Herausgabeanspruchs

Der Anspruch des Man­dan­ten auf Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten ver­jährt nach den bür­ger­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten. Die berufs­recht­li­chen Bestim­mun­gen über die Län­ge der Auf­be­wah­rungs­frist haben kei­nen Ein­fluss auf den Lauf der Verjährung.

Die Hand­ak­ten des Rechts­an­walts – und die Ver­jäh­rung des Herausgabeanspruchs

Der Anspruch auf Her­aus­ga­be der die anwalt­li­che Tätig­keit der Beklag­ten betref­fen­den Akten folgt aus § 667 BGB in Ver­bin­dung mit § 50 BRAO1.

Der Anspruch unter­liegt der drei­jäh­ri­gen Ver­jäh­rung gemäß § 195 BGB. Die Frist beginnt nach § 199 BGB mit dem Schluss des Jah­res, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und der Gläu­bi­ger von den anspruchs­be­grün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis hat oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit haben muss. Dies setzt grund­sätz­lich vor­aus, dass der Anspruch fäl­lig ist2.

Der Anspruch auf Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten wird spä­tes­tens mit Been­di­gung des Man­dats­ver­hält­nis­ses fäl­lig3.

Die in § 50 Abs. 2 Satz 1 BRAO in der bis zum 17.05.2017 gel­ten­den Fas­sung (fort­an: aF; jetzt § 50 Abs. 1 Satz 2 BRAO) bestimm­te berufs­recht­li­che Pflicht, die Hand­ak­ten auf­zu­be­wah­ren, setzt weder ein fort­be­stehen­des Geschäfts­be­sor­gungs- oder Auf­trags­ver­hält­nis zwi­schen Man­dant und Rechts­an­walt vor­aus noch begrün­det sie ein sol­ches Rechtsverhältnis.

Die Ver­jäh­rung des Anspruchs auf Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten beginnt unab­hän­gig von einem Her­aus­ga­be­ver­lan­gen des Man­dan­ten. § 695 Satz 2 BGB ist nicht ent­spre­chend anwend­bar. Die Bestim­mung regelt den Son­der­fall, dass der Rück­for­de­rungs­an­spruch des Hin­ter­le­gers bereits mit Hin­ga­be der Sache ent­steht und die Ver­jäh­rung ohne geson­der­te Rege­lung sofort zu lau­fen begän­ne, und beruht somit auf den Beson­der­hei­ten soge­nann­ter ver­hal­te­ner Ansprü­che4. Die­se Inter­es­sen­la­ge ist mit der des Man­dan­ten eines Rechts­an­walts nicht ver­gleich­bar; die Ver­jäh­rung des Anspruchs auf Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten beginnt erst mit Fäl­lig­keit die­ses Anspruchs und nicht bereits mit Abschluss des Mandatsvertrags.

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Die Bestim­mun­gen des § 50 BRAO zur Auf­be­wah­rungs­pflicht bei Hand­ak­ten haben auf den Lauf der Ver­jäh­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs aus § 667 BGB kei­nen Ein­fluss5. Die von § 50 BRAO vor­ge­se­he­nen Auf­be­wah­rungs­fris­ten stel­len für den Her­aus­ga­be­an­spruch weder eine die Ver­jäh­rung ver­drän­gen­de mate­ri­ell-recht­li­che Aus­schluss­frist dar noch füh­ren sie dazu, dass der Her­aus­ga­be­an­spruch des Man­dan­ten aus § 667 BGB als ver­hal­te­ner Anspruch ein­zu­ord­nen ist, bei dem die Ver­jäh­rung erst mit dem Her­aus­ga­be­ver­lan­gen zu lau­fen beginnt.

§ 50 BRAO ent­hält hin­sicht­lich der Auf­be­wah­rungs­pflicht und den hier­für bestimm­ten Fris­ten berufs­recht­li­che Rege­lun­gen6. Der Rege­lungs­in­halt die­ser Vor­schrift war in allen vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­an­walts­ord­nun­gen seit 1878 ent­hal­ten7. Sys­te­ma­tisch steht die Rege­lung im mit „Rech­te und Pflich­ten des Rechts­an­walts und beruf­li­che Zusam­men­ar­beit der Rechts­an­wäl­te“ über­schrie­be­nen Drit­ten Teil der Bun­des­rechts­an­walts­ord­nung. Der ers­te Abschnitt die­ses Teils der Bun­des­recht­an­walts­ord­nung zielt in ers­ter Linie dar­auf, die beruf­li­chen Rech­te und Pflich­ten des Rechts­an­walts zu regeln8. Dies gilt auch für die Ver­pflich­tung des Rechts­an­walts, Hand­ak­ten zu füh­ren, und die mit die­ser Ver­pflich­tung zusam­men­hän­gen­den Rege­lun­gen in § 50 BRAO9. Hier­an hat weder die Neu­fas­sung im Jahr 199410 noch das Gesetz zur Umset­zung der Berufs­an­er­ken­nungs­richt­li­nie und zur Ände­rung wei­te­rer Vor­schrif­ten im Bereich der rechts­be­ra­ten­den Beru­fe vom 12.05.201711 etwas geän­dert12. Viel­mehr stellt die Geset­zes­be­grün­dung zur Neu­fas­sung des § 50 BRAO eben­falls dar­auf ab, dass es sich um eine Rege­lung berufs­recht­li­cher Pflich­ten handele.

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Weder aus § 50 Abs. 2 Satz 2 BRAO aF (jetzt § 50 Abs. 2 Satz 3 BRAO nF) noch aus § 50 Abs. 3 BRAO ergibt sich ein hin­rei­chen­der Grund, den Her­aus­ga­be­an­spruch des Man­dan­ten als ver­hal­te­nen Anspruch oder die Auf­be­wah­rungs­frist als die Ver­jäh­rung ver­drän­gen­de mate­ri­ell-recht­li­che Aus­schluss­frist ein­zu­ord­nen. Auch wenn die­se Bestim­mun­gen über ihren berufs­recht­li­chen Rege­lungs­ge­halt hin­aus die mate­ri­ell-recht­li­che Rechts­la­ge zwi­schen Man­dant und Anwalt beein­flus­sen, folgt dar­aus nicht, dass der Lauf der Ver­jäh­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs abwei­chend von § 199 BGB zu bestim­men ist.

Dass die von § 50 BRAO vor­ge­se­he­ne Auf­be­wah­rungs­pflicht unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen vor Ablauf der gesetz­li­chen Fris­ten erlischt (§ 50 Abs. 2 Satz 2 BRAO aF, § 50 Abs. 2 Satz 3 BRAO nF), betrifft nicht den Her­aus­ga­be­an­spruch des Man­dan­ten, son­dern die Auf­be­wah­rungs­pflicht des Rechts­an­walts. Der Her­aus­ga­be­an­spruch aus § 667 BGB besteht unab­hän­gig davon, ob den Rechts­an­walt eine Auf­be­wah­rungs­pflicht trifft. Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Rechts­an­walt von der Pflicht zur Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten frei wird, rich­tet sich daher nach den all­ge­mei­nen Regeln. So ist etwa der Anspruch auf Her­aus­ga­be gemäß § 275 Abs. 1 BGB aus­ge­schlos­sen, wenn dem Rechts­an­walt die Her­aus­ga­be der Hand­ak­ten unmög­lich ist. Jedoch haf­tet der Rechts­an­walt gemäß §§ 280 ff BGB, wenn er sich nicht ent­las­ten kann. Eine sol­che Ent­las­tung kann sich nach § 50 Abs. 2 Satz 2 BRAO aF (§ 50 Abs. 2 Satz 3 BRAO nF) erge­ben, wenn der Rechts­an­walt den Auf­trag­ge­ber auf­ge­for­dert hat, die Doku­men­te in Emp­fang zu neh­men, und der Auf­trag­ge­ber die­ser Auf­for­de­rung bin­nen sechs Mona­ten nach Zugang nicht nach­ge­kom­men ist.

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Eben­so wenig zwingt § 50 Abs. 3 Satz 1 BRAO dazu, die Ver­jäh­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs beson­de­ren Regeln zu unter­wer­fen. Das Zurück­be­hal­tungs­recht nach § 50 Abs. 3 BRAO ist ein Son­der­recht des Rechts­an­walts, das wei­ter­geht als das all­ge­mei­ne Zurück­be­hal­tungs­recht nach § 273 BGB und es dem Anwalt ermög­li­chen soll, sei­ne berech­tig­ten Ansprü­che gegen den Auf­trag­ge­ber auch ohne Pro­zess und ohne Anru­fung der Gerich­te durch­zu­set­zen13. Hier­aus folgt jedoch nicht, dass die von § 50 BRAO bestimm­te Dau­er, wäh­rend derer der Rechts­an­walt die Hand­ak­ten auf­zu­be­wah­ren hat, zugleich den Lauf der Ver­jäh­rung beein­flusst. Da die Inter­es­sen des Man­dan­ten durch die ver­jäh­rungs­recht­li­chen Regeln aus­rei­chend geschützt sind, hat die Län­ge der berufs­recht­li­chen Auf­be­wah­rungs­frist kei­nen Ein­fluss auf den Lauf der Verjährung.

Auch wenn die von § 50 BRAO bestimm­ten Auf­be­wah­rungs­fris­ten nicht mit der Ver­jäh­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs abge­stimmt sind14, behält die gegen­über der regel­mä­ßi­gen Ver­jäh­rung län­ge­re berufs­recht­li­che Auf­be­wah­rungs­pflicht eine eigen­stän­di­ge Bedeu­tung. Dies beschränkt sich nicht nur auf die berufs­recht­li­chen Belan­ge. So beein­flusst die Län­ge der Auf­be­wah­rungs­pflicht etwa daten­schutz­recht­li­che Ansprü­che des Man­dan­ten15. Da die Hand­ak­te bei einem Haf­tungs­pro­zess gegen den Anwalt ein wich­ti­ges Beweis­mit­tel dar­stel­len kann16, berührt die Län­ge der Auf­be­wah­rungs­pflicht neben der Beweis­füh­rung wei­ter die Fra­ge, wie sich der Anwalt in tat­säch­li­cher Hin­sicht im Haf­tungs­pro­zess ein­las­sen kann.

Aus den glei­chen Grün­den hat auch die Ver­län­ge­rung der berufs­recht­li­chen Auf­be­wah­rungs­pflicht in den Man­dats­ver­ein­ba­rung kei­nen Ein­fluss auf die Ver­jäh­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs aus § 667 BGB.

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Der Bun­des­ge­richts­hof ver­neint auch aus ande­ren Rechts­grün­den bestehen­de Her­aus­ga­be­an­sprü­che des Man­dan­ten hin­sicht­lich der Hand­ak­ten des Rechts­an­walts: § 50 BRAO begrün­det kei­nen zusätz­lich neben § 667 BGB tre­ten­den mate­ri­ell-recht­li­chen Her­aus­ga­be­an­spruch des Man­dan­ten. § 50 Abs. 2 Satz 1 BRAO nF (in Kraft seit 18.05.2017) bestä­tigt dies; die Vor­schrift regelt eben­falls nur die berufs­recht­li­che Her­aus­ga­be­pflicht17.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Okto­ber 2020 – IX ZR 243/​19

  1. BGH, Urteil vom 30.11.1989 – III ZR 112/​88, BGHZ 109, 260, 263; vom 17.05.2018 – IX ZR 243/​17, NJW 2018, 2319 Rn. 11[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 08.07.2007 – XI ZR 230/​07, ZIP 2008, 1762 Rn. 17 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 30.11.1989 – III ZR 112/​88, BGHZ 109, 260, 264[]
  4. vgl. BT-Drs. 14/​6040 S. 258, 269; Palandt/​Sprau, BGB, 79. Aufl., § 695 Rn. 2[]
  5. vgl. Münch­Komm-BGB/­Schä­fer, 8. Aufl., § 667 Rn. 41; Beck­OGK-BGB/­Rie­sen­hu­ber, Stand 2020, § 667 Rn. 44; Jungk in Borgmann/​Jungk/​Schwaiger, Anwalts­haf­tung, 6. Aufl., § 23 Rn. 163; Hens­s­ler/­Prüt­tin­g/Of­fer­mann-Burck­art, BRAO, 5. Aufl., § 50 Rn. 51; Klei­ne-Cosack, BRAO, 8. Aufl., § 50 Rn. 16[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 03.11.2014 – AnwZ (Brfg) 72/​13, WM 2015, 455 Rn. 11; Weyland/​Träger, BRAO, 10. Aufl., § 50 Rn. 17; Hens­s­ler/­Prüt­tin­g/Of­fer­mann-Burck­art, BRAO, 5. Aufl., § 50 Rn. 25[]
  7. Dahns in Gaier/​Wolf/​Göcken, Anwalt­li­ches Berufs­recht, 3. Aufl., § 50 BRAO, Rn. 1[]
  8. vgl. BT-Drs. 3/​120, S. 75[]
  9. vgl. BT-Drs. 3/​120, S. 78 zu § 62 BRAO‑E[]
  10. vgl. BT-Drs. 12/​4993, S. 31[]
  11. BGBl. I S. 1121 ff[]
  12. vgl. BT-Drs. 18/​9521, S. 115 f[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 03.07.1997 – IX ZR 244/​96, WM 1997, 2087, 2090 unter II. 2.a; BT-Drs. 3/​120, S. 79 zu § 62 BRAO‑E; Dahns in Gaier/​Wolf/​Göcken, Anwalt­li­ches Berufs­recht, 3. Aufl., § 50 BRAO Rn. 18[]
  14. vgl. zur Kri­tik Hens­s­ler/­Prüt­tin­g/Of­fer­mann-Bruck­art, BRAO, 5. Aufl., § 50 Rn. 51, 113[]
  15. vgl. BT-Drs. 18/​9521, S. 115[]
  16. vgl. Weyland/​Träger, BRAO, 10. Aufl., § 50 Rn. 2[]
  17. vgl. BT-Drs. 18/​9521 S. 116[]

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"Kanzlei & Beruf" im Juni 2015
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