Evi­dent unzu­rei­chen­de Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat heu­te sein Urteil über die Vor­la­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len zu der Fra­ge ver­kün­det, ob die exis­tenz­si­chern­den Geld­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (Asyl­bLG) ver­fas­sungs­ge­mäß sind. Und das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist eine schal­len­de Ohr­fei­ge für den bun­des­deut­schen Gesetz­ge­ber:

Evi­dent unzu­rei­chen­de Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen

Die Rege­lun­gen zu den Grund­leis­tun­gen in Form der Geld­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz sind mit dem Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG unver­ein­bar. Die Höhe die­ser Geld­leis­tun­gen ist evi­dent unzu­rei­chend, weil sie seit 1993 trotz erheb­li­cher Preis­stei­ge­run­gen in Deutsch­land nicht ver­än­dert wor­den ist. Zudem ist die Höhe der Geld­leis­tun­gen weder nach­voll­zieh­bar berech­net wor­den noch ist eine rea­li­täts­ge­rech­te, am Bedarf ori­en­tier­te und inso­fern aktu­ell exis­tenz­si­chern­de Berech­nung ersicht­lich.

Der Gesetz­ge­ber ist ver­pflich­tet, unver­züg­lich für den Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes eine Neu­re­ge­lung zur Siche­rung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums zu tref­fen. Bis zu deren Inkraft­tre­ten hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ange­sichts der exis­tenz­si­chern­den Bedeu­tung der Grund­leis­tun­gen eine Über­gangs­re­ge­lung getrof­fen. Danach ist rück­wir­kend ab dem 1. Janu­ar 2011 die Höhe der Geld­leis­tun­gen auch im Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes ent­spre­chend den Grund­la­gen der Rege­lun­gen für den Bereich des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches des Sozi­al­ge­setz­bu­ches (Arbeits­lo­sen­geld II, Sozi­al­hil­fe) zu berech­nen. Dies gilt rück­wir­kend für nicht bestands­kräf­tig fest­ge­setz­te Leis­tun­gen ab 2011 und im Übri­gen für die Zukunft, bis der Gesetz­ge­ber sei­ner Pflicht zur Neu­re­ge­lung nach­ge­kom­men ist.

Recht­li­cher Hin­ter­grund zum Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz[↑]

Mit dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz wur­de mit Wir­kung ab 1. Novem­ber 1993 ein Gesetz zum Min­dest­un­ter­halt von bestimm­ten aus­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen geschaf­fen, das außer­halb des für Deut­sche und die­sen Gleich­ge­stell­te gel­ten­den mate­ri­el­len Rechts deut­lich abge­senk­te Leis­tun­gen fest­setz­te und vor­ran­gig Sach­leis­tun­gen anstel­le von Geld­leis­tun­gen vor­sah. Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz stand im Kon­text der Bemü­hun­gen der dama­li­gen Bun­des­re­gie­rung in den Jah­ren 1990 bis 1993, die damals rela­tiv hohe Zahl der Flücht­lin­ge nach Deutsch­land zu begren­zen, einem Miss­brauch des Asyl­rechts ent­ge­gen­zu­tre­ten und die Kos­ten für die Auf­nah­me und all­ge­mei­ne Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge gering zu hal­ten sowie vor­ran­gig Sach­leis­tun­gen aus­zu­ge­ben.

Der per­sön­li­che Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes wur­de im Lau­fe der Jah­re aus­ge­wei­tet. Die­ses Gesetz fin­det heu­te auf Men­schen in recht­lich und tat­säch­lich sehr unter­schied­li­chen Lebens­la­gen Anwen­dung. Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz sind Asyl­su­chen­de, Kriegs­flücht­lin­ge und ande­re im Besitz einer Auf­ent­halts­er­laub­nis befind­li­che Per­so­nen, Gedul­de­te und voll­zieh­bar Aus­rei­se­pflich­ti­ge sowie deren Ehe­gat­ten, Lebens­part­ner und min­der­jäh­ri­ge Kin­der.

Das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ist eine Son­der­re­ge­lung zu den Sozi­al­leis­tun­gen, die neben dem Zwei­ten Buch und Zehn­ten Buch Sozi­al­ge­sez­buch – Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de (SGB II) und Sozi­al­hil­fe (SGB XII) – gilt. Das Gesetz unter­schei­det zwi­schen den Grund­leis­tun­gen (§ 3 Asyl­bLG), den Leis­tun­gen bei Krank­heit, Schwan­ger­schaft und Geburt (§ 4 Asyl­bLG) sowie den sons­ti­gen Leis­tun­gen (§ 6 Asyl­bLG). Zudem sieht § 2 Asyl­bLG vor, dass Men­schen nach einer vom Gesetz­ge­ber mehr­fach ver­län­ger­ten Vor­be­zugs­zeit von Grund­leis­tun­gen höhe­re "Ana­log­leis­tun­gen" ent­spre­chend den Vor­schrif­ten des SGB XII erhal­ten.

Rich­ter­vor­la­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len[↑]

Das heu­ti­ge Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erging auf zwei Rich­ter­vor­la­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len 1, das die bestehen­den Rege­lun­gen zu den Geld­leis­tun­gen für Asyl­be­wer­ber für ver­fas­sungs­wid­rig hielt. Zur Über­prü­fung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gestellt waren damit zunächst nur die Grund­leis­tun­gen für Asyl­be­wer­ber in Form von Geld­leis­tun­gen.

Der Gesetz­ge­ber hat in § 3 Asyl­bLG vor­ran­gig Sach­leis­tun­gen vor­ge­se­hen, die nach Absatz 2 aber durch Geld­leis­tun­gen ersetzt wer­den kön­nen. Für die­se Geld­leis­tun­gen sind Beträ­ge aus­ge­wie­sen, die seit Inkraft­tre­ten des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes unver­än­dert geblie­ben sind, obwohl das heu­te zustän­di­ge Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les mit Zustim­mung des Bun­des­ra­tes die Beträ­ge nach § 3 Abs. 3 Asyl­bLG jeweils zum 1. Janu­ar eines Jah­res neu fest­zu­set­zen hat, wenn und soweit dies unter Berück­sich­ti­gung der tat­säch­li­chen Lebens­hal­tungs­kos­ten zur Bedarfs­de­ckung erfor­der­lich ist.

Die Vor­la­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len gehen auf fol­gen­de Aus­gangs­ver­fah­ren zurück:

In dem ers­ten Ver­fah­ren 2 reis­te der 1977 gebo­re­ne Klä­ger, ein ira­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger kur­di­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit, im Jahr 2003 in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein, bean­trag­te erfolg­los Asyl und wird seit­her gedul­det (§ 60a Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG). Er hielt sich seit­dem in einer Gemein­schafts­un­ter­kunft auf und erhielt Grund­leis­tun­gen nach § 3 Asyl­bLG, zuletzt in Höhe von 224,97 €. Die­ser Betrag setz­te sich zusam­men aus einem Geld­be­trag nach § 3 Abs. 1 Asyl­bLG in Höhe von 40,90 € und Leis­tun­gen nach § 3 Abs. 2 Asyl­bLG in Höhe von 184,07 €, wovon 15,34 € auf die Strom­kos­ten für die Unter­kunft ent­fie­len. Mit sei­ner Kla­ge bean­trag­te der Klä­ger höhe­re Leis­tun­gen. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Sozi­al­ge­richt wies die Kla­ge ab.

Dar­auf­hin erhob der Klä­ger Beru­fung zum Lan­des­so­zi­al­ge­richt. Die­ses hat das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor­ge­legt, ob § 3 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 sowie § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Nr. 2 Asyl­bLG mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar sind. Das Vor­la­ge­ge­richt ist der Auf­fas­sung, die­se Vor­schrif­ten ver­stie­ßen gegen das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG. Die dem Klä­ger gewähr­te Grund­leis­tung lie­ge um gut 31 % unter den Leis­tun­gen, die das Exis­tenz­mi­ni­mum nach dem SGB II und SGB XII sicher­stel­len sol­len, und sei damit – vor dem Hin­ter­grund der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 9. Febru­ar 2010 3 zu den ALG II-Regel­sät­zen – evi­dent unzu­rei­chend. Dies kön­ne nicht mit Beson­der­hei­ten der Situa­ti­on von Asyl­be­wer­be­rin­nen und Asyl­be­wer­bern gerecht­fer­tigt wer­den. Aber auch wenn die Leis­tun­gen an den Klä­ger nicht als evi­dent unzu­rei­chend bewer­tet wür­den, sei­en die Bedar­fe, die die­ser Leis­tung zugrun­de lie­gen müs­sen, nicht nach einer ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Metho­de ermit­telt wor­den. Für das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len kommt es auch ent­schei­dungs­er­heb­lich auf die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Grund­leis­tung an.

In dem zwei­ten Ver­fah­ren 4 lebt die am 12. Sep­tem­ber 2000 gebo­re­ne Klä­ge­rin mit damals aus­län­di­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit zusam­men mit ihrer aus Libe­ria ein­ge­reis­ten Mut­ter in einer pri­vat ange­mie­te­ten Unter­kunft. 2007 wur­den der Klä­ge­rin Grund­leis­tun­gen nach § 3 Asyl­bLG in Höhe von 132,93 €, dann in Höhe von 178,95 € monat­lich bewil­ligt. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren erstrebt sie mit ihrer Kla­ge höhe­re Leis­tun­gen. Auch hier wies das erst­in­stanz­lich ange­ru­fe­ne Sozi­al­ge­richt die Kla­ge ab.

Dar­auf­hin erhob die Klä­ge­rin Beru­fung zum Lan­des­so­zi­al­ge­richt. Die­ses hat das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor­ge­legt, ob § 3 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 und Nr. 3 sowie § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 Asyl­bLG mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar sind. Das Vor­la­ge­ge­richt hält auch die­se Vor­schrif­ten mit ver­gleich­ba­rer Begrün­dung wie im ers­tem Ver­fah­ren für ver­fas­sungs­wid­rig.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­te die Höhe der Geld­leis­tun­gen nach § 3 des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes als evi­dent unzu­rei­chend, weil sie seit 1993 nicht ver­än­dert wor­den ist. Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Sozi­al­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 1 GG garan­tiert ein Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums 5. Art. 1 Abs. 1 GG begrün­det die­sen Anspruch als Men­schen­recht. Er umfasst sowohl die phy­si­sche Exis­tenz des Men­schen als auch die Siche­rung der Mög­lich­keit zur Pfle­ge zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen und ein Min­dest­maß an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben. Das Grund­recht steht deut­schen und aus­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die sich in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­hal­ten, glei­cher­ma­ßen zu.

Falls der Gesetz­ge­ber bei der Fest­le­gung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums die Beson­der­hei­ten bestimm­ter Per­so­nen­grup­pen berück­sich­ti­gen will, darf er bei der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen nicht pau­schal nach dem Auf­ent­halts­sta­tus dif­fe­ren­zie­ren. Eine Dif­fe­ren­zie­rung ist nur mög­lich, sofern deren Bedarf an exis­tenz­not­wen­di­gen Leis­tun­gen von dem ande­rer Bedürf­ti­ger signi­fi­kant abweicht und dies fol­ge­rich­tig in einem inhalt­lich trans­pa­ren­ten Ver­fah­ren anhand des tat­säch­li­chen Bedarfs gera­de die­ser Grup­pe belegt wer­den kann.

Gleich­zei­tig ver­pflich­te­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt den Gesetz­ge­ber, unver­züg­lich für den Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes eine Neu­re­ge­lung zur Siche­rung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums zu tref­fen.

Bis zu deren Inkraft­tre­ten hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ange­sichts der exis­tenz­si­chern­den Bedeu­tung der Grund­leis­tun­gen eine Über­gangs­re­ge­lung getrof­fen. Danach ist rück­wir­kend ab dem 1. Janu­ar 2011 die Höhe der Geld­leis­tun­gen auch im Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes ent­spre­chend den Grund­la­gen der Rege­lun­gen für den Bereich des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches des Sozi­al­ge­setz­bu­ches (Arbeits­lo­sen­geld II, Sozi­al­hil­fe) zu berech­nen. Dies gilt rück­wir­kend für nicht bestands­kräf­tig fest­ge­setz­te Leis­tun­gen ab 2011 und im Übri­gen für die Zukunft, bis der Gesetz­ge­ber sei­ner Pflicht zur Neu­re­ge­lung nach­ge­kom­men ist.

Die Ent­schei­dung ist mit jeweils 6 : 2 Stim­men ergan­gen, soweit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt davon abge­se­hen hat, eine Frist für eine Neu­re­ge­lung zu bestim­men und soweit es eine Über­gangs­re­ge­lung getrof­fen hat, der die modi­fi­zier­ten Bestim­mun­gen des Geset­zes zur Ermitt­lung der Regel­be­dar­fe zugrun­de gelegt sind.

Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums[↑]

§ 3 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 und § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Nr. 2 Asyl­bLG sowie § 3 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 und Nr. 3 sowie § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 Asyl­bLG, jeweils in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 05.08.1997 6, sind mit dem Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Sozi­al­staats­prin­zip des Art.20 Abs. 1 GG unver­ein­bar.

Das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums ergibt sich aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG. Art. 1 Abs. 1 GG begrün­det die­sen Anspruch als Men­schen­recht. Das Sozi­al­staats­ge­bot des Art.20 Abs. 1 GG wie­der­um erteilt dem Gesetz­ge­ber den Auf­trag, ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum zu sichern. Dem Gesetz­ge­ber kommt ein Gestal­tungs­spiel­raum bei den unaus­weich­li­chen Wer­tun­gen zu, die mit der Bestim­mung der Höhe des­sen ver­bun­den sind, was die phy­si­sche und sozia­le Exis­tenz eines Men­schen sichert. Die­ses Grund­recht ist dem Grun­de nach unver­füg­bar und muss durch einen Leis­tungs­an­spruch ein­ge­löst wer­den, bedarf aber der Kon­kre­ti­sie­rung und ste­ti­gen Aktua­li­sie­rung durch den Gesetz­ge­ber, der die zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen an dem jewei­li­gen Ent­wick­lungs­stand des Gemein­we­sens und den bestehen­den Lebens­be­din­gun­gen im Hin­blick auf die kon­kre­ten Bedar­fe der Betrof­fe­nen aus­zu­rich­ten hat. Dabei steht ihm ein Gestal­tungs­spiel­raum zu 7.

Art. 1 Abs. 1 GG erklärt die Wür­de des Men­schen für unan­tast­bar und ver­pflich­tet alle staat­li­che Gewalt, sie zu ach­ten und zu schüt­zen. Wenn Men­schen die zur Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Daseins not­wen­di­gen mate­ri­el­len Mit­tel feh­len, weil sie weder aus einer Erwerbs­tä­tig­keit noch aus eige­nem Ver­mö­gen noch durch Zuwen­dun­gen Drit­ter zu erlan­gen sind, ist der Staat im Rah­men sei­nes Auf­tra­ges zum Schutz der Men­schen­wür­de und in Aus­fül­lung sei­nes sozi­al­staat­li­chen Gestal­tungs­auf­tra­ges ver­pflich­tet, dafür Sor­ge zu tra­gen, dass die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen dafür Hil­fe­be­dürf­ti­gen zur Ver­fü­gung ste­hen 8. Als Men­schen­recht steht die­ses Grund­recht deut­schen und aus­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die sich in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land auf­hal­ten, glei­cher­ma­ßen zu. Die­ser objek­ti­ven Ver­pflich­tung aus Art. 1 Abs. 1 GG kor­re­spon­diert ein indi­vi­du­el­ler Leis­tungs­an­spruch, da das Grund­recht die Wür­de jedes ein­zel­nen Men­schen schützt 9 und sie in sol­chen Not­la­gen nur durch mate­ri­el­le Unter­stüt­zung gesi­chert wer­den kann 10.

Der unmit­tel­bar ver­fas­sungs­recht­li­che Leis­tungs­an­spruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums erstreckt sich nur auf die­je­ni­gen Mit­tel, die zur Auf­recht­erhal­tung eines men­schen­wür­di­gen Daseins unbe­dingt erfor­der­lich sind. Er gewähr­leis­tet das gesam­te Exis­tenz­mi­ni­mum durch eine ein­heit­li­che grund­recht­li­che Garan­tie, die sowohl die phy­si­sche Exis­tenz des Men­schen, also Nah­rung, Klei­dung, Haus­rat, Unter­kunft, Hei­zung, Hygie­ne und Gesund­heit, als auch die Siche­rung der Mög­lich­keit zur Pfle­ge zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen und zu einem Min­dest­maß an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben umfasst, denn der Mensch als Per­son exis­tiert not­wen­dig in sozia­len Bezü­gen 11.

Die Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums muss durch einen gesetz­li­chen Anspruch gesi­chert sein. Dies ver­langt bereits unmit­tel­bar der Schutz­ge­halt des Art. 1 Abs. 1 GG. Ein Hil­fe­be­dürf­ti­ger darf nicht auf frei­wil­li­ge Leis­tun­gen des Staa­tes oder Drit­ter ver­wie­sen wer­den, deren Erbrin­gung nicht durch ein sub­jek­ti­ves Recht des Hil­fe­be­dürf­ti­gen gewähr­leis­tet ist. Der gesetz­li­che Leis­tungs­an­spruch muss so aus­ge­stal­tet sein, dass er stets den gesam­ten exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarf jedes indi­vi­du­el­len Grund­rechts­trä­gers deckt. Wenn der Gesetz­ge­ber sei­ner ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Pflicht zur Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums nicht hin­rei­chend nach­kommt, ist das ein­fa­che Recht im Umfang sei­ner defi­zi­tä­ren Gestal­tung ver­fas­sungs­wid­rig 12.

Der Leis­tungs­an­spruch aus Art. 1 Abs. 1 GG ist dem Grun­de nach von der Ver­fas­sung vor­ge­ge­ben. Sein Umfang kann jedoch nicht unmit­tel­bar aus der Ver­fas­sung abge­lei­tet wer­den. Er hängt von den gesell­schaft­li­chen Anschau­un­gen über das für ein men­schen­wür­di­ges Dasein Erfor­der­li­che, der kon­kre­ten Lebens­si­tua­ti­on der Hil­fe­be­dürf­ti­gen sowie den jewei­li­gen wirt­schaft­li­chen und tech­ni­schen Gege­ben­hei­ten ab und ist danach vom Gesetz­ge­ber kon­kret zu bestim­men 13.

Sozi­al­staats­ge­bot, Art.20 Abs. 1 GG[↑]

Das Sozi­al­staats­ge­bot des Art.20 Abs. 1 GG hält den Gesetz­ge­ber an, die sozia­le Wirk­lich­keit zeit- und rea­li­täts­ge­recht im Hin­blick auf die Gewähr­leis­tung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums zu erfas­sen. Die hier­bei erfor­der­li­chen Wer­tun­gen kom­men dem par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­ber zu. Ihm obliegt es, den Leis­tungs­an­spruch in Tat­be­stand und Rechts­fol­ge zu kon­kre­ti­sie­ren. Ob er das Exis­tenz­mi­ni­mum durch Geld, Sach- oder Dienst­leis­tun­gen sichert, bleibt grund­sätz­lich ihm über­las­sen. Ihm kommt zudem Gestal­tungs­spiel­raum bei der Bestim­mung des Umfangs der Leis­tun­gen zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums zu. Die­ser Gestal­tungs­spiel­raum bei der Bestim­mung des Umfangs der Leis­tun­gen umfasst die Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se eben­so wie die wer­ten­de Ein­schät­zung des not­wen­di­gen Bedarfs und ist zudem von unter­schied­li­cher Wei­te: Er ist enger, soweit der Gesetz­ge­ber das zur Siche­rung der phy­si­schen Exis­tenz eines Men­schen Not­wen­di­ge kon­kre­ti­siert, und wei­ter, wo es um Art und Umfang der Mög­lich­keit zur Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben geht 14. Ent­schei­dend ist, dass der Gesetz­ge­ber sei­ne Ent­schei­dung an den kon­kre­ten Bedar­fen der Hil­fe­be­dürf­ti­gen aus­rich­tet. Maß­geb­lich für die Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums kön­nen dabei nur die Gege­ben­hei­ten in Deutsch­land sein, dem Land, in dem die­ses Exis­tenz­mi­ni­mum gewähr­leis­tet sein muss. Daher erlaubt es die Ver­fas­sung nicht, das in Deutsch­land zu einem men­schen­wür­di­gen Leben Not­wen­di­ge unter Hin­weis auf das Exis­tenz­ni­veau des Her­kunfts­lan­des von Hil­fe­be­dürf­ti­gen oder auf das Exis­tenz­ni­veau in ande­ren Län­dern nied­ri­ger als nach den hie­si­gen Lebens­ver­hält­nis­sen gebo­ten fest­zu­le­gen.

Uni­ons­recht­li­che und völ­ker­recht­li­che Ver­pflich­tun­gen[↑]

Im Übri­gen ist der Gesetz­ge­ber durch wei­te­re Vor­ga­ben ver­pflich­tet, die sich aus dem Recht der Euro­päi­schen Uni­on und aus völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen erge­ben. Dazu gehört die Richt­li­nie 2003/​9/​EG des Rates zur Fest­le­gung von Min­dest­nor­men für die Auf­nah­me von Asyl­be­wer­bern in den Mit­glied­staa­ten 15. Sie gibt in ihrem Art. 10 Abs. 2 vor, Kin­dern spä­tes­tens nach drei Mona­ten Schul­un­ter­richt und nach zwölf Mona­ten die Auf­nah­me in das all­ge­mei­ne Schul­sys­tem zu gewäh­ren. Zu den Regeln über das Exis­tenz­mi­ni­mum, die in Deutsch­land gel­ten, gehört auch der Inter­na­tio­na­le Pakt über wirt­schaft­li­che, sozia­le und kul­tu­rel­le Rech­te vom 19.12.1966 (IPw­skR 16), dem der Deut­sche Bun­des­tag mit Gesetz vom 23.11.1973 17 zuge­stimmt hat. Der Pakt sta­tu­iert in Art. 9 ein Recht auf Sozia­le Sicher­heit und in Art. 15 Abs. 1 Buch­sta­be a das Men­schen­recht auf Teil­nah­me am kul­tu­rel­len Leben. Zudem gilt inso­weit das Über­ein­kom­men über die Rech­te des Kin­des vom 20.11.1989 18, das in Deutsch­land seit 15.07.2010 vor­be­halt­los gilt 19. Art. 3 KRK ver­pflich­tet dazu, bei allen Rege­lun­gen das Kin­des­wohl vor­ran­gig zu berück­sich­ti­gen, wäh­rend Art. 22 Abs. 1 KRK ins­be­son­de­re für Kin­der, die einen Flücht­lings­sta­tus nach natio­na­lem oder inter­na­tio­na­lem (Asyl-)Recht begeh­ren, bestimmt, dass die­se in der Aus­übung ihrer Rech­te nicht benach­tei­ligt wer­den dür­fen, und schließ­lich Art. 28 KRK ein Men­schen­recht von Kin­dern auf Bil­dung sta­tu­iert.

Rea­li­täts­ge­rech­te Bemes­sung der erfor­der­li­chen Leis­tun­gen[↑]

Die Leis­tun­gen zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz müs­sen zur Kon­kre­ti­sie­rung des grund­recht­lich fun­dier­ten Anspruchs fol­ge­rich­tig in einem inhalt­lich trans­pa­ren­ten und sach­ge­rech­ten Ver­fah­ren nach dem tat­säch­li­chen und jeweils aktu­el­len Bedarf, also rea­li­täts­ge­recht bemes­sen, begrün­det wer­den kön­nen 20.

Die sich aus der Ver­fas­sung erge­ben­den Anfor­de­run­gen an die metho­disch sach­ge­rech­te Bestim­mung grund­recht­lich garan­tier­ter Leis­tun­gen bezie­hen sich nicht auf das Ver­fah­ren der Gesetz­ge­bung, son­dern auf des­sen Ergeb­nis­se. Das Grund­ge­setz beinhal­tet in den Art. 76 ff. GG Vor­ga­ben für das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren, die auch die Trans­pa­renz der Ent­schei­dun­gen des Gesetz­ge­bers sichern. Das Grund­ge­setz schreibt jedoch nicht vor, was, wie und wann genau im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zu begrün­den und berech­nen ist. Es lässt Raum für Ver­hand­lun­gen und für den poli­ti­schen Kom­pro­miss. Ent­schei­dend ist, dass im Ergeb­nis die Anfor­de­run­gen des Grund­ge­set­zes nicht ver­fehlt wer­den, tat­säch­lich für eine men­schen­wür­di­ge Exis­tenz Sor­ge zu tra­gen. Das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs.1 GG bringt inso­fern für den Gesetz­ge­ber kei­ne spe­zi­fi­schen Pflich­ten im Ver­fah­ren mit sich; ent­schei­dend ist, ob sich der Rechts­an­spruch auf exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen durch rea­li­täts­ge­rech­te, schlüs­si­ge Berech­nun­gen sach­lich dif­fe­ren­ziert begrün­den lässt.

Das Grund­ge­setz schreibt inso­fern auch kei­ne bestimm­te Metho­de vor, wodurch der dem Gesetz­ge­ber zuste­hen­de Gestal­tungs­spiel­raum begrenzt wür­de. Viel­mehr darf er die Metho­de zur Ermitt­lung der Bedar­fe und zur Berech­nung der Leis­tun­gen zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz im Rah­men der Taug­lich­keit und Sach­ge­rech­tig­keit selbst aus­wäh­len 21. Wer­den hin­sicht­lich bestimm­ter Per­so­nen­grup­pen unter­schied­li­che Metho­den zugrun­de gelegt, muss dies aller­dings sach­lich zu recht­fer­ti­gen sein 21. Die Ent­schei­dung für oder gegen eine bestimm­te Metho­de zur Ermitt­lung von Bedar­fen und zur Bestim­mung von Leis­tungs­hö­hen ver­än­dert nicht die grund­recht­li­chen Maß­stä­be; die­se sind in jedem Fall glei­cher­ma­ßen zu beach­ten. Daher darf bei der Bestim­mung der kon­kre­ten Leis­tun­gen zur Exis­tenz­si­che­rung kei­ne Metho­de gewählt wer­den, die Bedar­fe von vorn­her­ein aus­blen­det, wenn die­se ansons­ten als exis­tenz­si­chernd aner­kannt wor­den sind.

Die Ergeb­nis­se eines sach­ge­rech­ten Ver­fah­rens zur Bestim­mung grund­recht­lich garan­tier­ter, pau­scha­lier­ter Ansprü­che sind fort­wäh­rend zu über­prü­fen und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln 21. Der ele­men­ta­re Lebens­be­darf eines Men­schen kann grund­sätz­lich nur, er muss aber auch in dem Augen­blick befrie­digt wer­den, in dem er ent­steht. Auf Ände­run­gen der wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen wie auf Preis­stei­ge­run­gen oder auf die Erhö­hung von Ver­brauch­steu­ern muss daher auch in der Norm­set­zung zeit­nah reagiert wer­den, um sicher­zu­stel­len, dass der aktu­el­le Bedarf gedeckt wird 21.

Abwei­chen­de Fest­set­zun­gen für Asyl­be­wer­ber[↑]

Falls der Gesetz­ge­ber bei der Fest­le­gung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums die Beson­der­hei­ten bestimm­ter Per­so­nen­grup­pen berück­sich­ti­gen will 22, darf er bei der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen nicht pau­schal nach dem Auf­ent­halts­sta­tus dif­fe­ren­zie­ren. Eine Dif­fe­ren­zie­rung ist nur mög­lich, sofern deren Bedarf an exis­tenz­not­wen­di­gen Leis­tun­gen von dem ande­rer Bedürf­ti­ger signi­fi­kant abweicht und dies fol­ge­rich­tig in einem inhalt­lich trans­pa­ren­ten Ver­fah­ren anhand des tat­säch­li­chen Bedarfs gera­de die­ser Grup­pe belegt wer­den kann 23.

Ob und in wel­chem Umfang der Bedarf an exis­tenz­not­wen­di­gen Leis­tun­gen für Men­schen mit nur vor­über­ge­hen­dem Auf­ent­halts­recht in Deutsch­land gesetz­lich abwei­chend von dem gesetz­lich bestimm­ten Bedarf ande­rer Hil­fe­be­dürf­ti­ger bestimmt wer­den kann, hängt allein davon ab, ob wegen eines nur kurz­fris­ti­gen Auf­ent­halts kon­kre­te Min­der­be­dar­fe gegen­über Hilfs­emp­fän­gern mit Dau­er­auf­ent­halts­recht nach­voll­zieh­bar fest­ge­stellt und bemes­sen wer­den kön­nen. Hier­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, ob durch die Kür­ze des Auf­ent­halts Min­der­be­dar­fe durch Mehr­be­dar­fe kom­pen­siert wer­den, die typi­scher­wei­se gera­de unter den Bedin­gun­gen eines nur vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halts anfal­len. Auch hier kommt dem Gesetz­ge­ber ein Gestal­tungs­spiel­raum zu, der die Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se die­ser Per­so­nen­grup­pe wie auch die wer­ten­de Ein­schät­zung ihres not­wen­di­gen Bedarfs umfasst 21, aber nicht davon ent­bin­det, das Exis­tenz­mi­ni­mum hin­sicht­lich der kon­kre­ten Bedar­fe zeit- und rea­li­täts­ge­recht zu bestim­men.

Las­sen sich tat­säch­lich spe­zi­fi­sche Min­der­be­dar­fe bei einem nur kurz­fris­ti­gen, nicht auf Dau­er ange­leg­ten Auf­ent­halt fest­stel­len, und will der Gesetz­ge­ber die exis­tenz­not­wen­di­gen Leis­tun­gen für eine Per­so­nen­grup­pe des­halb geson­dert bestim­men, muss er sicher­stel­len, dass die gesetz­li­che Umschrei­bung die­ser Grup­pe hin­rei­chend zuver­läs­sig tat­säch­lich nur die­je­ni­gen erfasst, die sich regel­mä­ßig nur kurz­fris­tig in Deutsch­land auf­hal­ten. Dies lässt sich zu Beginn des Auf­ent­halts nur anhand einer Pro­gno­se beur­tei­len. Die­se bemisst sich zwar nicht allein, aber auch am jewei­li­gen Auf­ent­halts­sta­tus. Dabei ist stets des­sen Ein­bin­dung in die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se zu berück­sich­ti­gen.

Eine Beschrän­kung auf ein durch etwai­ge Min­der­be­dar­fe für Kurz­auf­ent­hal­te gepräg­tes Exis­tenz­mi­ni­mum ist unab­hän­gig vom jewei­li­gen Auf­ent­halts­sta­tus und ohne Rück­sicht auf die Berech­ti­gung einer ursprüng­lich gegen­tei­li­gen Pro­gno­se jeden­falls dann nicht mehr gerecht­fer­tigt, wenn der tat­säch­li­che Auf­ent­halt die Span­ne eines Kurz­auf­ent­halts deut­lich über­schrit­ten hat. Für die­se Fäl­le ist ein zeit­na­her, an den Grün­den des unter­schied­li­chen Bedarfs ori­en­tier­ter Über­gang von den exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen für Kurz­auf­ent­hal­te zu den Nor­mal­fäl­len im Gesetz vor­zu­se­hen.

Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers und Kon­troll­um­fang des BVerfG[↑]

Dem Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers bei der Bemes­sung des Exis­tenz­mi­ni­mums ent­spricht eine zurück­hal­ten­de Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt.

Da das Grund­ge­setz selbst kei­ne exak­te Bezif­fe­rung des Anspruchs auf exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen vor­gibt, beschränkt sich die mate­ri­el­le Kon­trol­le der Höhe von Sozi­al­leis­tun­gen zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz dar­auf, ob die Leis­tun­gen evi­dent unzu­rei­chend sind 24.

Jen­seits die­ser Evi­denz­kon­trol­le über­prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, ob Leis­tun­gen jeweils aktu­ell auf der Grund­la­ge ver­läss­li­cher Zah­len und schlüs­si­ger Berech­nungs­ver­fah­ren trag­fä­hig zu recht­fer­ti­gen sind 25. Die Art und die Höhe der Leis­tun­gen müs­sen sich mit einer Metho­de erklä­ren las­sen, nach der die erfor­der­li­chen Tat­sa­chen im Wesent­li­chen voll­stän­dig und zutref­fend ermit­telt wer­den und nach der sich alle Berech­nungs­schrit­te mit einem nach­voll­zieh­ba­ren Zah­len­werk inner­halb die­ses Ver­fah­rens und des­sen Struk­tur­prin­zi­pi­en im Rah­men des Ver­tret­ba­ren bewe­gen. Zudem muss der Pflicht zur Aktua­li­sie­rung von Leis­tungs­be­trä­gen nach­ge­kom­men wer­den, wenn und soweit dies unter Berück­sich­ti­gung der tat­säch­li­chen Lebens­hal­tungs­kos­ten zur Deckung des exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarfs erfor­der­lich gewor­den ist 21. Las­sen sich die Leis­tun­gen zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums nicht nach­voll­zieh­bar und sach­lich dif­fe­ren­ziert, also bedarfs­ge­recht berech­nen, ste­hen die­se Leis­tungs­re­geln nicht mehr mit Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG in Ein­klang.

Leis­tungs­be­mes­sung nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz[↑]

Nach die­sen Grund­sät­zen genü­gen die vor­ge­leg­ten Vor­schrif­ten den Vor­ga­ben von Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG nicht. Die vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen sind jeden­falls evi­dent unzu­rei­chend, um das men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum zu gewähr­leis­ten. Zudem ist die Leis­tungs­hö­he weder nach­voll­zieh­bar berech­net wor­den noch ist eine rea­li­täts­ge­rech­te, auf Bedar­fe ori­en­tier­te und inso­fern aktu­ell exis­tenz­si­chern­de Berech­nung ersicht­lich.

Leis­tun­gen sind evi­dent unzu­rei­chend[↑]

Die hier ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Geld­leis­tun­gen nach § 3 Abs. 2 Satz 2 und Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Asyl­bLG sind evi­dent unzu­rei­chend.

Die Höhe der Geld­leis­tun­gen im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ist trotz erheb­li­cher Preis­stei­ge­run­gen seit 1993 nicht ver­än­dert wor­den.

Seit­dem ist das Preis­ni­veau in Deutsch­land um mehr als 30 % gestie­gen. Der durch das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt regel­mä­ßig berech­ne­te Ver­brau­cher­preis­in­dex hat­te, aus­ge­hend von einem Index­wert von 100 für das Jahr 2005, im Novem­ber 1993, dem Monat des Inkraft­tre­tens des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes, einen Wert von 83,8 und im Janu­ar 2011, dem Monat des Inkraft­tre­tens der Neu­re­ge­lun­gen des Zwei­ten und des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch, einen Wert von 109,2 26. Dar­aus ergibt sich ein Preis­an­stieg von 30,3 %. Wird der der­zeit aktu­ells­te Index­wert für Mai 2012 von 112,6 her­an­ge­zo­gen, errech­net sich ein Preis­an­stieg um 34,4 % seit Inkraft­tre­ten des Geset­zes; wird als Aus­gangs­da­tum der Zeit­punkt des Ent­wurfs des Geset­zes im März 1993 27 gewählt, liegt der Preis­an­stieg bei 36 %. Der Index misst die durch­schnitt­li­che Preis­än­de­rung aller Waren und Dienst­leis­tun­gen, die von pri­va­ten Haus­hal­ten für Kon­sum­zwe­cke gekauft wer­den. Er erfasst Güter, für die das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen vor­sieht, wie etwa Nah­rungs­mit­tel und alko­hol­freie Geträn­ke, Beklei­dung, Schu­he und Gesund­heits­pfle­ge. Erfasst wer­den jedoch auch Kos­ten für Ben­zin, die nicht in die Bedarfs­be­mes­sung nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz ein­flie­ßen. Zudem erfasst das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt mit dem Preis­in­dex auch Kos­ten für Unter­kunft und Heiz­öl, die nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz in tat­säch­li­cher Höhe gedeckt wer­den. Schließ­lich erfasst der Preis­in­dex Kos­ten für Strom, die im Rah­men des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes nur von denen, die außer­halb von Gemein­schafts­un­ter­künf­ten leben, aus der Grund­leis­tung bestrit­ten wer­den müs­sen. Auch wenn dabei Güter berück­sich­tigt wer­den, für die das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz kei­ne exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen vor­sieht 28, ist doch von einem erheb­li­chen, etwa bei einem Drit­tel der Grund­leis­tung lie­gen­den Preis­an­stieg aus­zu­ge­hen.

Dass die im Jahr 1993 das Exis­tenz­mi­ni­mum abde­cken­den Geld­leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz den exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarf eines auch nur kurz­zei­ti­gen Auf­ent­halts bereits 2007 nicht mehr sichern konn­ten, ist offen­sicht­lich. Den Gesetz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en zum Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz lässt sich zwar kei­ne aus­drück­li­che Aus­sa­ge dazu ent­neh­men, ob die in § 3 Asyl­bLG fest­ge­setz­ten Geld­be­trä­ge ledig­lich das Exis­tenz­mi­ni­mum eines Asyl­be­wer­bers sichern soll­ten. Doch woll­te der dama­li­ge Gesetz­ge­ber jeden­falls kei­ne Beträ­ge fest­set­zen, die deut­lich über dem exis­ten­zi­el­len Bedarf lie­gen. Der Min­dest­un­ter­halt für die Leis­tungs­be­rech­tig­ten nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz wur­de eigen­stän­dig gere­gelt, um ange­sichts der „drän­gen­den Pro­ble­me“, die damals in Ver­bin­dung mit der „gro­ßen Zahl der Asyl­be­wer­ber“ gese­hen wur­den, aus migra­ti­ons­po­li­ti­schen Grün­den die vor­he­ri­gen Leis­tun­gen deut­lich zu redu­zie­ren 29, die ihrer­seits dem Sozi­al­hil­fe­recht folg­ten und damit schon selbst an der Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums ori­en­tiert waren. Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes lässt inso­fern kei­nen ernst­haf­ten Zwei­fel dar­an zu, dass der Gesetz­ge­ber damit an die Gren­ze des zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz Not­wen­di­gen auch unter Berück­sich­ti­gung eines nur kur­zen Auf­ent­halts gehen woll­te 30.

Der Gesetz­ge­ber hat­te im Jahr 1993 selbst einen Anpas­sungs­me­cha­nis­mus vor­ge­se­hen, der Ver­ord­nungs­ge­ber die­sen aber nie umgesetzt.1993 hat der Gesetz­ge­ber in § 3 Abs. 3 Asyl­bLG bestimmt, dass die Leis­tungs­sät­ze regel­mä­ßig an die Lebens­hal­tungs­kos­ten anzu­glei­chen sind. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les hät­te danach im Ein­ver­neh­men mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen durch Rechts­ver­ord­nung mit Zustim­mung des Bun­des­ra­tes die Beträ­ge nach § 3 Abs. 1 Satz 4 und § 3 Abs. 2 Satz 2 Asyl­bLG jeweils zum 1. Janu­ar eines Jah­res neu fest­set­zen müs­sen, wenn und soweit dies unter Berück­sich­ti­gung der tat­säch­li­chen Lebens­hal­tungs­kos­ten erfor­der­lich war. Dies ist trotz des all­ge­mei­nen Preis­an­stiegs nicht gesche­hen.

Dass die Höhe der Geld­leis­tun­gen evi­dent unzu­rei­chend ist, zeigt sich bei­spiels­wei­se an den Leis­tun­gen für einen erwach­se­nen Haus­halts­vor­stand im Ver­gleich mit der aktu­el­len Leis­tungs­hö­he des all­ge­mei­nen Für­sor­ge­rechts des Zwei­ten und des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch. Zwar sind die Leis­tun­gen ange­sichts der unter­schied­li­chen Rege­lungs­struk­tur nicht unmit­tel­bar ver­gleich­bar. Doch offen­bart ein erheb­li­cher Abstand von einem Drit­tel zu Leis­tun­gen nach dem Zwei­ten und Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch, deren Höhe erst in jüngs­ter Zeit zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums bestimmt wur­de 31, ein Defi­zit in der Siche­rung der men­schen­wür­di­gen Exis­tenz.

Die Grund­leis­tung als Geld­leis­tung nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz für Haus­halts­vor­stän­de beträgt monat­lich 224,97 €, wäh­rend allein­ste­hen­de erwach­se­ne Anspruchs­be­rech­tig­te nach dem Zwei­ten und dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch seit Janu­ar 2012 inso­weit monat­li­che Leis­tun­gen in Höhe von 346,59 € bezie­hen; dies ist eine Dif­fe­renz für Janu­ar 2012 in Höhe von 35 %. Dabei sind von dem aner­kann­ten Regel­be­darf in Höhe von 374 € (§ 20 Abs. 2 Satz 1, Abs. 5 SGB II i.V.m. Ziff. 1 der Bekannt­ma­chung über die Höhe der Regel­be­dar­fe nach § 20 Abs. 5 SGB II für die Zeit ab 1. Janu­ar 2012 32 und § 27a Abs. 3 SGB XII i.V.m. der Anla­ge zu § 28 SGB XII, geän­dert mit Wir­kung vom 01.01.2012 durch die Regel­be­darfs­stu­fen-Fort­schrei­bungs­ver­ord­nung 2012 33) 27,41 € für Haus­rat abge­zo­gen, denn dafür wer­den nach § 3 Abs. 2 Satz 2 Asyl­bLG zusätz­li­che Leis­tun­gen erbracht.

Ins­be­son­de­re zeigt sich trotz erheb­li­cher Preis­stei­ge­run­gen seit 1993 ein erheb­li­cher Abstand zwi­schen den Geld­be­trä­gen gemäß § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Asyl­bLG und den im all­ge­mei­nen Für­sor­ge­recht fest­ge­leg­ten Leis­tun­gen für den sozio­kul­tu­rel­len Bedarf. Im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz sind Leis­tun­gen in Höhe von umge­rech­net 20,45 € und 40,90 € fest­ge­legt, die die sozia­le Sei­te des Exis­tenz­mi­ni­mums decken sol­len. Dem­ge­gen­über lie­gen die Beträ­ge, die auf der Grund­la­ge von Son­der­aus­wer­tun­gen zur Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be 2008 nach § 28 SGB XII für Leis­tungs­emp­fän­ge­rin­nen und Leis­tungs­emp­fän­ger nach dem Zwei­ten und dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch ermit­telt wur­den (vgl. Art. 1 RBEG 34) weit dar­über. Der Abstand beläuft sich bei Kin­dern und Jugend­li­chen inso­weit auf zwi­schen 27 und 54 %. So erhält ein Kind bis zum Alter von sechs Jah­ren nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz monat­lich 20,45 €, also 27 % der ermit­tel­ten regel­be­darfs­re­le­van­ten Ver­brauchs­aus­ga­ben in den Abtei­lun­gen 7 (Ver­kehr), 8 (Nach­rich­ten­über­mitt­lung), 9 (Frei­zeit, Unter­hal­tung, Kul­tur), 10 (Bil­dung), 11 (Beher­ber­gungs- und Gast­stät­ten­dienst­leis­tun­gen) und 12 (Ande­re Waren und Dienst­leis­tun­gen) gemäß § 6 Abs. 1 Nr. 1 RBEG in der Höhe von 75,07 €. Jugend­li­che von Beginn des 15. bis zur Voll­endung des 18. Lebens­jah­res erhal­ten nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz 40,90 €, also 54 % der regel­be­darfs­re­le­van­ten Ver­brauchs­aus­ga­ben nach § 6 Abs. 1 Nr. 3 RBEG in Höhe von 75,77 €.

Die evi­dent unzu­rei­chen­de Höhe der Geld­leis­tun­gen nach § 3 Asyl­bLG lässt sich auch nicht durch Anwen­dung von § 6 Asyl­bLG kom­pen­sie­ren. Die Vor­schrift ist als Aus­nah­me­be­stim­mung für den aty­pi­schen Bedarfs­fall kon­zi­piert und daher von vorn­her­ein nicht geeig­net, struk­tu­rel­le Leis­tungs­de­fi­zi­te im Regel­be­reich des § 3 Asyl­bLG zu kom­pen­sie­ren. Schon der Wort­laut des § 6 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG zeigt, dass es nicht um die Grund­si­che­rung geht, son­dern um Leis­tun­gen, die „im Ein­zel­fall zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts oder der Gesund­heit uner­läss­lich“ oder „zur Deckung beson­de­rer Bedürf­nis­se von Kin­dern gebo­ten“ sind. Der erkenn­ba­re Geset­zes­zweck recht­fer­tigt die Über­le­gung nicht, die Ermes­sens­vor­schrift des § 6 Asyl­bLG kön­ne sich bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung zu einem von der Ver­fas­sung für die Exis­tenz­si­che­rung gefor­der­ten Anspruch wan­deln.

Kei­ne Rea­li­täts­ge­rech­te und begründ­ba­re Bemes­sung[↑]

Die Grund­leis­tun­gen nach § 3 Abs. 2 Satz 2 und § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Asyl­bLG sind außer­dem nicht rea­li­täts­ge­recht und begründ­bar bemes­sen. Sie sind nicht in einem inhalt­lich trans­pa­ren­ten und sach­ge­rech­ten Ver­fah­ren nach dem tat­säch­li­chen Bedarf bemes­sen; der Bestim­mung der Leis­tungs­hö­he für die Geld­leis­tun­gen lagen damals und lie­gen auch heu­te kei­ne ver­läss­li­chen Daten zugrun­de. Die Gesetz­ge­bung hat sich damals auf eine blo­ße Kos­ten­schät­zung gestützt. Das steht mit den Anfor­de­run­gen des Grund­ge­set­zes an die Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz nicht in Ein­klang 25.

Den Geset­zes­ma­te­ria­li­en 35 zum Gesetz zur Neu­re­ge­lung der Leis­tun­gen an Asyl­be­wer­ber vom 30. Juni 1993 36 las­sen sich kei­ne Hin­wei­se auf ein Bemes­sungs­ver­fah­ren zur Bestim­mung der Geld­leis­tun­gen ent­neh­men. Im Rah­men der Gesetz­ge­bung ist ins­be­son­de­re für min­der­jäh­ri­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz nicht ermit­telt wor­den, wel­che beson­de­ren kin­der- und alters­spe­zi­fi­schen Bedar­fe bestehen 37. Die Mate­ria­li­en wei­sen ledig­lich die Beträ­ge aus, die – nach dem Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung – aus­rei­chen sol­len, um einen unter­stell­ten Bedarf zu decken 38. Auch sonst sind belast­ba­re Bemes­sungs­grund­la­gen nicht erkenn­bar gewor­den. Dies genügt nicht den in dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 09.02.2010 umschrie­be­nen Anfor­de­run­gen an eine inhalt­lich trans­pa­ren­te, sach­ge­rech­te und rea­li­täts­na­he Ermitt­lung der exis­tenz­not­wen­di­gen Auf­wen­dun­gen 39.

Ohne hin­rei­chend ver­läss­li­che Grund­la­ge bleibt auch die dem Gesetz ersicht­lich zugrun­de lie­gen­de Annah­me, dass eine kur­ze Auf­ent­halts­dau­er die begrenz­te Leis­tungs­hö­he recht­fer­tigt. Weder dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz noch den Geset­zes­ma­te­ria­li­en oder den Stel­lung­nah­men zu die­sem Ver­fah­ren las­sen sich Anhalts­punk­te dafür ent­neh­men, dass sich die Auf­ent­halts­dau­er kon­kret auf exis­tenz­si­chern­de Bedar­fe aus­wirkt und inwie­fern dies die gesetz­lich fest­ge­stell­te Höhe der Geld­leis­tun­gen tra­gen könn­te. Es liegt auch kein plau­si­bler Beleg dafür vor, dass die vom Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz erfass­ten Leis­tungs­be­rech­tig­ten sich typi­scher­wei­se nur für kur­ze Zeit in Deutsch­land auf­hal­ten.

Der Anwen­dungs­be­reich des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes ist seit 1993 mehr­fach erwei­tert wor­den und umfasst heu­te Men­schen mit einem sehr unter­schied­li­chen Auf­ent­halts­sta­tu. Die­ses Rege­lungs­kon­zept geht davon aus, dass dies ein kurz­fris­ti­ger und vor­über­ge­hen­der Auf­ent­halt sei 40. Das wird jedoch der tat­säch­li­chen Situa­ti­on nicht gerecht. Der über­wie­gen­de Teil der Per­so­nen, die Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz erhal­ten, hält sich bereits län­ger als sechs Jah­re in Deutsch­land auf 41. Es lie­gen zwar kei­ne Daten dazu vor, wie vie­le Per­so­nen aus einem unge­si­cher­ten Auf­ent­halts­sta­tus in ein gesi­cher­tes Auf­ent­halts­recht wech­seln und eben­so wenig dazu, wie vie­le bin­nen kur­zer Zeit frei­wil­lig das Land ver­las­sen. Die Mög­lich­keit der Auf­ent­halts­ver­fes­ti­gung räumt der Gesetz­ge­ber jedoch im Auf­ent­halts­recht aus­drück­lich ein. Unklar ist zudem, wie vie­le Men­schen, wie die Klä­ge­rin im zwei­ten Aus­gangs­ver­fah­ren 4, die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit erwer­ben. Die im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz in der Fest­le­gung des Krei­ses der Berech­tig­ten in § 1 Asyl­bLG ange­leg­te Ver­mu­tung, sie alle hiel­ten sich nur kurz­zei­tig in Deutsch­land auf, ist vor die­sem Hin­ter­grund jeden­falls erheb­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken aus­ge­setzt. Selbst wenn die Pro­gno­se für die Anfangs­zeit des Auf­ent­halts der Betrof­fe­nen noch aus dem Auf­ent­halts­sta­tus abge­lei­tet wer­den könn­te, ist es jeden­falls für die in § 2 Abs. 1 Asyl­bLG vor­ge­se­he­ne Dau­er von mitt­ler­wei­le vier Jah­ren des Leis­tungs­be­zugs und folg­lich einem even­tu­ell auch län­ge­ren Auf­ent­halt nicht mehr gerecht­fer­tigt, von einem nur kur­zen Auf­ent­halt mit mög­li­cher­wei­se spe­zi­fisch nied­ri­gem Bedarf aus­zu­ge­hen.

Auch eine kur­ze Auf­ent­halts­dau­er oder Auf­ent­halts­per­spek­ti­ve in Deutsch­land recht­fer­tig­te es im Übri­gen nicht, den Anspruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums auf die Siche­rung der phy­si­schen Exis­tenz zu beschrän­ken. Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG ver­langt, dass das Exis­tenz­mi­ni­mum in jedem Fall und zu jeder Zeit sicher­ge­stellt sein muss 42. Art. 1 Abs. 1 GG garan­tiert ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum, das durch im Sozi­al­staat des Art.20 Abs. 1 GG aus­zu­ge­stal­ten­de Leis­tun­gen zu sichern ist, als ein­heit­li­ches, das phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Mini­mum umfas­sen­des Grund­recht. Aus­län­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge ver­lie­ren den Gel­tungs­an­spruch als sozia­le Indi­vi­du­en nicht dadurch, dass sie ihre Hei­mat ver­las­sen und sich in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht auf Dau­er auf­hal­ten 43. Die ein­heit­lich zu ver­ste­hen­de men­schen­wür­di­ge Exis­tenz muss daher ab Beginn des Auf­ent­halts in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land rea­li­siert wer­den.

Migra­ti­ons­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen, die Leis­tun­gen an Asyl­be­wer­ber und Flücht­lin­ge nied­rig zu hal­ten, um Anrei­ze für Wan­de­rungs­be­we­gun­gen durch ein im inter­na­tio­na­len Ver­gleich even­tu­ell hohes Leis­tungs­ni­veau zu ver­mei­den, kön­nen von vorn­her­ein kein Absen­ken des Leis­tungs­stan­dards unter das phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­mum recht­fer­ti­gen 44. Die in Art. 1 Abs. 1 GG garan­tier­te Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren.

Bedar­fe für Bil­dung und Teil­ha­be am sozia­len und kul­tu­rel­len Leben für Kin­der[↑]

Zudem fehlt im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz eine § 28 Abs. 1 Satz 1 SGB II bezie­hungs­wei­se § 34 Abs. 1 Satz 1 SGB XII ent­spre­chen­de Rege­lung, wonach bei Kin­dern und Jugend­li­chen auch die Bedar­fe für Bil­dung und Teil­ha­be am sozia­len und kul­tu­rel­len Leben in der Gemein­schaft als Anspruch gesi­chert wer­den. Eine Rege­lung zur Exis­tenz­si­che­rung hat vor der Ver­fas­sung nur Bestand, wenn Bedar­fe durch Anspruchs­nor­men gesi­chert wer­den 45.

Kei­ne Nich­tig­erklä­rung[↑]

Die vor­ge­leg­ten Vor­schrif­ten über die Höhe der Grund­leis­tun­gen nach § 3 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 und § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Nr. 2 Asyl­bLG sowie § 3 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 und Nr. 3 sowie § 3 Abs. 2 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 Asyl­bLG sind mit dem Grund­ge­setz für unver­ein­bar zu erklä­ren (vgl. § 82 Abs. 1 i.V.m. § 79 Abs. 1 und § 31 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG). Eine Nich­tig­erklä­rung (vgl. § 82 Abs. 1 i.V.m. § 78 BVerfGG) oder der Ver­zicht auf eine Über­gangs­re­ge­lung wür­den dazu füh­ren, dass es an der nach Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG erfor­der­li­chen gesetz­li­chen Grund­la­ge für die Gewäh­rung von Leis­tun­gen zur Sicher­stel­lung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums fehl­te und Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz wegen des durch die Ver­fas­sung vor­ge­ge­be­nen Geset­zes­vor­be­halts kei­ne Leis­tun­gen erhal­ten könn­ten 46. Damit wür­de ein Zustand geschaf­fen, der von der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ord­nung noch wei­ter ent­fernt wäre als der bis­he­ri­ge 47.

Über­gangs­re­ge­lung[↑]

Im Hin­blick auf die gesetz­lich fest­ge­setz­ten, jedoch evi­dent unzu­rei­chen­den Geld­leis­tungs­be­trä­ge ist eine Über­gangs­re­ge­lung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gebo­ten.

Die fort­dau­ern­de Anwen­dung der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Nor­men ist ange­sichts der exis­tenz­si­chern­den Bedeu­tung der Grund­leis­tun­gen nicht hin­nehm­bar. Der ele­men­ta­re Lebens­be­darf der Leis­tungs­be­rech­tig­ten ist in dem Augen­blick zu befrie­di­gen, in dem er ent­steht. Der Zeit­raum bis zu einer Neu­re­ge­lung ist nach eige­nem Bekun­den der Bun­des­re­gie­rung nicht abseh­bar. Die Bun­des­re­gie­rung hat eine Über­prü­fung der maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten im Jah­re 2010 zwar ange­kün­digt; bis heu­te liegt jedoch kein Gesetz­ent­wurf vor. Es besteht jedoch ein unab­wend­ba­res Bedürf­nis nach einer ein­heit­li­chen, abs­trakt­ge­ne­rel­len Rege­lung 48, da das grund­recht­lich garan­tier­te Exis­tenz­mi­ni­mum sonst nicht gesi­chert ist.

Für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt besteht die Mög­lich­keit, für eine sach­ge­rech­te Über­gangs­re­ge­lung zur Siche­rung exis­ten­zi­el­ler Bedar­fe auf das Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz 49 zurück­zu­grei­fen. Die ledig­lich geschätz­ten Beträ­ge von 1993 in Ori­en­tie­rung am Preis­in­dex des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes fort­zu­schrei­ben, wäre kei­ne sach­ge­rech­te Ori­en­tie­rung an den Bedar­fen der Betrof­fe­nen, denn die Aus­gangs­be­trä­ge von 1993 gehen auf schlich­te Schät­zun­gen zurück. Die Nor­men des Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­set­zes sind aus­weis­lich der Stel­lung­nah­me der Bun­des­re­gie­rung in die­sem Ver­fah­ren die ein­zig ver­füg­ba­re, durch den Gesetz­ge­ber vor­ge­nom­me­ne und ange­sichts sei­nes Gestal­tungs­spiel­raums wer­ten­de Bestim­mung der Höhe von Leis­tun­gen zur Sicher­stel­lung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums. Ob damit auch die mög­li­cher­wei­se abwei­chen­den Bedar­fe der­je­ni­gen rea­li­täts­ge­recht abge­bil­det wer­den, auf die das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz Anwen­dung fin­det, ist nicht gesi­chert. Eben­so wenig kann eine Aus­sa­ge dar­über erfol­gen, ob auf die­ser Grund­la­ge ermit­tel­te Leis­tun­gen an Berech­tig­te in ande­ren Für­sor­ge­sys­te­men einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Kon­trol­le Stand hal­ten kön­nen. Da jedoch der­zeit kei­ne ande­ren taug­li­chen Daten zur Ver­fü­gung ste­hen, bleibt dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nur die Annah­me, dass jeden­falls die wesent­li­chen Grund­be­dar­fe durch Leis­tun­gen in einer am Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz ori­en­tier­ten Höhe vor­über­ge­hend gedeckt wer­den kön­nen.

Die­se Über­gangs­re­ge­lung ersetzt die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers nicht. Die­sen trifft von Ver­fas­sungs wegen die Pflicht, eine den grund­ge­setz­li­chen Maß­ga­ben ent­spre­chen­de eige­ne Ent­schei­dung zu tref­fen, wie und in wel­cher Höhe künf­tig das Exis­tenz­mi­ni­mum des von den für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­ten Vor­schrif­ten betrof­fe­nen Per­so­nen­krei­ses gewähr­leis­tet wer­den soll.

Die Ori­en­tie­rung der Über­gangs­re­ge­lung an den §§ 5 bis 8 RBEG erfolgt in Anse­hung der Rege­lungs­sys­te­ma­tik, für die sich der Gesetz­ge­ber ent­schie­den hat. Damit ist gewähr­leis­tet, dass jede dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz unter­fal­len­de Per­son Leis­tun­gen in der Höhe erhält, die nach den Ermitt­lun­gen des Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­set­zes das jewei­li­ge Exis­tenz­mi­ni­mum gewähr­leis­ten.

Die Bestim­mung der Höhe der Geld­be­trä­ge des § 3 Asyl­bLG ent­spre­chend dem Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz ermög­licht es, Leis­tun­gen zur Siche­rung des phy­si­schen Exis­tenz­mi­ni­mums (vgl. § 3 Abs. 2 Satz 2 Asyl­bLG) und Leis­tun­gen zur Siche­rung des sozio­kul­tu­rel­len Exis­tenz­mi­ni­mums (vgl. § 3 Abs. 1 Satz 4 Asyl­bLG) von­ein­an­der zu tren­nen, auch wenn sie grund­recht­lich als ein­heit­li­che Leis­tung zu betrach­ten sind. Eine unmit­tel­ba­re Über­nah­me der Sät­ze, die nach dem Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz und nach dem all­ge­mei­nen Für­sor­ge­recht gel­ten, kommt aller­dings wegen der unter­schied­li­chen For­men der Leis­tungs­er­brin­gung nicht in Betracht. Es ist viel­mehr in ent­spre­chen­der Anwen­dung des Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­set­zes eine Berech­nung anzu­stel­len, bei der die Leis­tun­gen, wel­che nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz nicht in Form von Geld­leis­tun­gen im Rah­men des § 3 Abs. 2 Satz 2 Asyl­bLG erbracht wer­den, unbe­rück­sich­tigt blei­ben.

Die Wer­te nach § 3 Abs. 2 Satz 2 Asyl­bLG bezie­hen sich auf das phy­si­sche Exis­tenz­mi­ni­mum, wie es in § 3 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG bestimmt wird. Dem­entspre­chend sind hier die Wer­te für die sich aus den Son­der­aus­wer­tun­gen für den Regel­be­darf nach §§ 5 bis 7 RBEG erge­ben­den regel­be­darfs­re­le­van­ten Ver­brauchs­aus­ga­ben für die Abtei­lun­gen 1 (Nah­rungs­mit­tel, alko­hol­freie Geträn­ke), 3 (Beklei­dung und Schu­he), 4 (Woh­nen, Ener­gie und Woh­nungs­in­stand­hal­tung) und 6 (Gesund­heits­pfle­ge) zu berück­sich­ti­gen. Dem­ge­gen­über blei­ben die Ver­brauchs­aus­ga­ben für die Abtei­lung 5 (Innen­aus­stat­tung, Haus­halts­ge­rä­te und ‑gegen­stän­de) unbe­rück­sich­tigt, denn nach § 3 Asyl­bLG wer­den nur Gebrauchs­gü­ter des Haus­halts, aber nicht der Haus­rat zu den Grund­leis­tun­gen gerech­net.

Die Wer­te nach § 3 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 und Nr. 2 Asyl­bLG (gege­be­nen­falls i.V.m. § 3 Abs. 2 Satz 3 Asyl­bLG) bezie­hen sich auf die Ver­brauchs­aus­ga­ben für die Abtei­lun­gen 7 (Ver­kehr), 8 (Nach­rich­ten­über­mitt­lung), 9 (Frei­zeit, Unter­hal­tung, Kul­tur), 10 (Bil­dung), 11 (Beher­ber­gungs- und Gast­stät­ten­dienst­leis­tun­gen) und 12 (Ande­re Waren und Dienst­leis­tun­gen).

Die Über­gangs­re­ge­lung ori­en­tiert sich an den Regel­be­darfs­stu­fen des Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­set­zes, um eine even­tu­el­le Ungleich­be­hand­lung der Betrof­fe­nen aus­zu­schlie­ßen. Das Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz sieht beson­de­re Leis­tungs­sät­ze für Ehe­gat­ten, Lebens­part­ner und ehe­ähn­li­che oder lebens­part­ner­schafts­ähn­li­che Gemein­schaf­ten vor, die einen gemein­sa­men Haus­halt füh­ren (§ 8 Abs. 1 Nr. 2 RBEG). Dane­ben fixiert § 8 Abs. 2 RBEG die Leis­tungs­hö­he für Kin­der und Jugend­li­che.

Die Regel­be­darfs­stu­fen 1 bis 6 nach § 8 RBEG kön­nen für die Abgren­zung des jewei­li­gen von die­sen Regel­be­darfs­stu­fen erfass­ten Per­so­nen­krei­ses auf Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz für die Leis­tun­gen nach § 3 Abs. 2 Satz 2 und § 3 Abs. 1 Satz 4 Asyl­bLG ent­spre­chend her­an­ge­zo­gen wer­den. Für Per­so­nen, die der Regel­be­darfs­stu­fe 2 oder 3 unter­fal­len, bedeu­tet das, dass die für das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz rele­van­ten Ver­brauchs­aus­ga­ben der Ein­per­so­nen­haus­hal­te nach § 5 RBEG mit der Maß­ga­be Anwen­dung fin­den, dass für Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz, die der Regel­be­darfs­stu­fe 2 unter­fal­len, 90 % der Wer­te und Geld­be­trä­ge und für Leis­tungs­be­rech­tig­te nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz, die der Regel­be­darfs­stu­fe 3 unter­fal­len, 80 % der Wer­te und Geld­be­trä­ge maß­geb­lich sind.

Kon­kret erge­ben sich dar­aus jeweils ange­ho­be­ne Grund­leis­tun­gen. So haben Per­so­nen, die der Regel­be­darfs­stu­fe 1 zuzu­ord­nen sind, unab­hän­gig davon, ob sie vor­ran­gi­ge Sach­leis­tun­gen bezie­hen oder ins­ge­samt Geld­leis­tun­gen bezie­hen, im Jahr 2011 Anspruch auf einen monat­li­chen Geld­be­trag zur Deckung per­sön­li­cher Bedürf­nis­se des täg­li­chen Lebens (§ 3 Abs. 1 Satz 4 Nr. 2 Asyl­bLG, gege­be­nen­falls i.V.m. § 3 Abs. 2 Satz 3 Asyl­bLG) in Höhe von 130 €: Die regel­be­darfs­re­le­van­ten Ver­brauchs­aus­ga­ben zur Deckung des sozia­len Exis­tenz­mi­ni­mums belau­fen sich auf 129,75 € (§ 5 Abs. 1 RBEG); die­ser Betrag ist um die Ver­än­de­rungs­ra­te von 0,55 % zu erhö­hen (§ 7 Abs. 2 RBEG) und der errech­ne­te Wert ent­spre­chend § 28 Abs. 4 Satz 5 SGB XII zu run­den. Der Anspruch min­dert sich, soweit es um Leis­tungs­zeit­räu­me geht, in denen bereits Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen erbracht wor­den sind, um bereits erhal­te­ne Leis­tun­gen für den­sel­ben Zeit­raum, regel­mä­ßig also um den Betrag von 40,90 €; es bestün­de dann ein wei­te­rer Anspruch auf Leis­tun­gen zur Deckung per­sön­li­cher Bedürf­nis­se des täg­li­chen Lebens in Höhe von 89,10 €. Ver­gleich­ba­res gilt für die nach­ran­gi­gen Leis­tungs­ar­ten, die § 3 Abs. 2 Satz 1 Asyl­bLG zur Deckung des phy­si­schen Exis­tenz­mi­ni­mums neben der Geld­leis­tung vor­sieht.

Auch die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers in § 3 Abs. 2 Satz 1 Asyl­bLG, zur Deckung des exis­tenz­si­chern­den Bedarfs vor­ran­gig Sach­leis­tun­gen vor­zu­se­hen, wird durch die­se Über­gangs­re­ge­lung nicht berührt. Unter der Vor­aus­set­zung und in der Annah­me, dass Sach­leis­tun­gen aktu­ell das men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum tat­säch­lich decken, greift die Über­gangs­re­ge­lung nicht in die Rege­lungs­sys­te­ma­tik des Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­set­zes hin­sicht­lich der Art der Leis­tun­gen ein. Wer exis­tenz­si­chern­de Sach­leis­tun­gen bezieht, erhält daher nach der Über­gangs­re­ge­lung kei­ne ergän­zen­de Geld­leis­tung zur Deckung des not­wen­di­gen Bedarfs an Ernäh­rung, Unter­kunft, Hei­zung, Klei­dung, Gesund­heits- und Kör­per­pfle­ge und Gebrauchs- und Ver­brauchs­gü­tern des Haus­halts (§ 3 Abs. 1 Satz 1 Asyl­bLG), hat aber an der Erhö­hung des Geld­be­tra­ges zur Deckung per­sön­li­cher Bedürf­nis­se des täg­li­chen Lebens (§ 3 Abs. 1 Satz 4 Asyl­bLG, gege­be­nen­falls i.V.m. § 3 Abs. 2 Satz 3 Asyl­bLG) teil.

Die Über­gangs­re­ge­lung gilt, bis eine Neu­re­ge­lung in Kraft tritt. Solan­ge kei­ne Neu­er­mitt­lung nach § 28 SGB XII erfolgt, wer­den die Wer­te und Geld­be­trä­ge gemäß § 7 RBEG ent­spre­chend der Ver­än­de­rungs­ra­te des Mischin­de­xes nach § 138 in Ver­bin­dung mit § 28a SGB XII fort­ge­schrie­ben.

Rück­wir­kung der Über­gangs­re­ge­lung[↑]

Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG ver­pflich­tet den Gesetz­ge­ber nicht dazu, die Leis­tun­gen rück­wir­kend neu fest­zu­set­zen.

Eine Rück­wir­kung bis zum 1. Janu­ar 2011 ist jedoch ange­mes­sen, weil sich der Gesetz­ge­ber spä­tes­tens mit der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 9. Febru­ar 2010 3 auch im Hin­blick auf das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz auf die Not­wen­dig­keit einer Neu­re­ge­lung ein­stel­len muss­te.

Eine Rück­wir­kung der Über­gangs­re­ge­lung ist hin­sicht­lich nicht bestands­kräf­ti­ger Beschei­de für Leis­tungs­zeit­räu­me ab dem 1. Janu­ar 2011 ver­tret­bar. Mit Gel­tung ab die­sem Datum liegt mit dem Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz eine durch den Gesetz­ge­ber vor­ge­nom­me­ne und wer­ten­de Bestim­mung der Höhe von Leis­tun­gen zur Siche­rung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums vor. Für Leis­tungs­zeit­räu­me vor 2011 kön­nen Hil­fe­be­dürf­ti­ge dem­ge­gen­über nicht des­halb höhe­re Leis­tun­gen erhal­ten, weil die gesetz­li­chen Vor­schrif­ten über die Höhe der Grund­leis­tun­gen mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar sind. Die nach § 9 Abs. 3 Asyl­bLG grund­sätz­lich vor­ge­ge­be­ne ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 44 SGB X über die Rück­nah­me rechts­wid­ri­ger begüns­ti­gen­der Ver­wal­tungs­ak­te und die ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 48 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB X über die Auf­he­bung eines Ver­wal­tungs­ak­tes mit Dau­er­wir­kung bei Ände­rung der recht­li­chen Ver­hält­nis­se zuguns­ten der Betrof­fe­nen wer­den dane­ben in Bezug auf den Rege­lungs­ge­gen­stand die­ses Urteils für Zeit­räu­me bis Ende Juli 2012 aus­ge­schlos­sen. Sind jedoch Beschei­de über Grund­leis­tun­gen für einen Zeit­raum ab dem 1.01.2011 noch nicht bestands­kräf­tig gewor­den, haben die Betrof­fe­nen Anspruch auf nach der Über­gangs­re­ge­lung berech­ne­te Leis­tun­gen. Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der vor­ge­leg­ten Vor­schrif­ten ist im Übri­gen bei Kos­ten­ent­schei­dun­gen zuguns­ten der kla­gen­den Hil­fe­be­dürf­ti­gen ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen, soweit dies die gesetz­li­chen Bestim­mun­gen ermög­li­chen 50.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 18. Juli 2012 – 1 BvL 10/​10 und 1 BvL 2/​11

  1. LSG NRW, Beschlüs­se vom 26.06.2010 – L 20 AY 13709; und vom 22.11.2011 – L 20 AY 1/​09[]
  2. BVerfG – 1 BvL 10/​10[]
  3. BVerfGE 125, 175[][]
  4. BVerfG – 1 BvL 2/​11[][]
  5. vgl. BVerfGE 125, 175[]
  6. BGBl I S.2022[]
  7. vgl. BVerfGE 125, 175, 222 m.w.N.[]
  8. vgl. BVerfGE 125, 175, 222[]
  9. vgl. BVerfGE 87, 209, 228[]
  10. vgl. BVerfGE 125, 175, 222 f.[]
  11. vgl. BVerfGE 125, 175, 223 m.w.N.[]
  12. vgl. BVerfGE 125, 175, 223 f.[]
  13. vgl. BVerfGE 125, 175, 224[]
  14. vgl. BVerfGE 125, 175, 224 f.[]
  15. ABl. EU Nr. L 31 vom 27.01.2003, S. 18[]
  16. in Kraft getre­ten am 3.01.1976, UNTS Bd. 993, S. 3; BGBl II 1976, S. 428[]
  17. BGBl II S. 1569[]
  18. KRK; UNTS Bd. 1577, S. 3; BGBl II 1992, S. 122, in Kraft getre­ten am 2.09.1990, für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land am 5.04.1992, BGBl II S. 990[]
  19. BGBl II 2011, S. 600[]
  20. vgl. BVerfGE 125, 175, 225 m.w.N.[]
  21. vgl. BVerfGE 125, 175, 225[][][][][][]
  22. vgl. BVerfGE 116, 229, 239[]
  23. zu die­sen Oblie­gen­hei­ten vgl. wie­der­um BVerfGE 125, 175, 225[]
  24. BVerfGE 125, 175, 225 f.[]
  25. vgl. BVerfGE 125, 175, 226[][]
  26. vgl. Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt (desta­tis), Ver­brau­cher­prei­se[]
  27. BT-Drucks 12/​4451[]
  28. vgl. die Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge ver­schie­de­ner Abge­ord­ne­ter und der Frak­ti­on BÜNDNIS 90/​DIE GRÜNEN vom 14.12.2007, BT-Drucks 16/​7574, S. 5[]
  29. vgl. Gesetz­ent­wurf der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und F.D.P. vom 02.03.1993, BT-Drucks 12/​4451, S. 5[]
  30. vgl. BT-Drucks 12/​4451, S. 5 und 6[]
  31. vgl. Ent­wurf eines Geset­zes zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch der Frak­tio­nen der CDU/​CSU und FDP vom 26.10.2010, BT-Drucks 17/​3404, S. 1 unter A.[]
  32. vom 20.10.2011, BGBl I S.2093[]
  33. vom 17.10.2011, BGBl I S.2090[]
  34. Gesetz zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 24.03.2011, Regel­be­darfs-Ermitt­lungs­ge­setz – RBEG, BGBl I S. 453[]
  35. BT-Drucks 12/​4451 und 12/​5008[]
  36. BGBl I S. 1074[]
  37. vgl. BVerfGE 125, 175, 245 ff.[]
  38. vgl. BT-Drucks 12/​4451, S. 8 zu § 2[]
  39. vgl. BVerfGE 125, 175, 225 sowie oben unter C I 1[]
  40. vgl. BT-Drucks 13/​2746, S. 11 und 13/​3475, S. 2[]
  41. vgl. BT-Drucks 17/​642[]
  42. vgl. BVerfGE 125, 175, 253[]
  43. vgl. Roth­ke­gel, ZAR 2010, S. 373, 374[]
  44. vgl. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Aus­schus­ses für Fami­lie und Senio­ren, 13. Aus­schuss vom 24.05.1993, BT-Drucks 12/​5008, S. 13 f.[]
  45. vgl. BVerfGE 125, 175, 228 f.[]
  46. vgl. BVerfGE 125, 175, 256[]
  47. vgl. BVerfGE 99, 216, 244; 119, 331, 382 f. m.w.N.[]
  48. vgl. auch BVerfGE 39, 1; 48, 127; 84, 9; 88, 203; 99, 341; 101, 106, 132; 103, 111; 109, 256[]
  49. BGBl I 2011, S. 453[]
  50. vgl. BVerfGE 125, 175, 259[]