Frei Schie­ßen für die Bun­des­wehr – aber nur im Aus­land

Deut­sches Amts­haf­tungs­recht ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auf Schä­den, die aus­län­di­schen Bür­gern bei bewaff­ne­ten Aus­lands­ein­sät­zen der Bun­des­wehr zuge­fügt wer­den, nicht anwend­bar.

Frei Schie­ßen für die Bun­des­wehr – aber nur im Aus­land

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nah­men afgha­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge die beklag­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit der Behaup­tung auf Scha­dens­er­satz in Anspruch, nahe Ange­hö­ri­ge sei­en bei einem Mili­tär­ein­satz getö­tet wor­den. Der Kla­ge lag ein Luft­an­griff auf zwei von Tali­ban-Kämp­fern ent­führ­te, in der Nähe von Kun­duz (Afgha­ni­stan) auf einer Sand­bank lie­gen­ge­blie­be­ne Tank­last­zü­ge zugrun­de. Die­se wur­den auf Befehl des Kom­man­deurs des Pro­vin­cial Recon­struc­tion Teams (PRT) im Feld­la­ger Kun­duz, eines Oberst der Bun­des­wehr, am 4. Sep­tem­ber 2009 im Rah­men des NATO-geführ­ten ISAF-Ein­sat­zes durch zwei US-ame­ri­ka­ni­sche Kampf­flug­zeu­ge zer­stört. Dabei kamen auch Zivi­lis­ten ums Leben.

Die Kla­ge hat in den Vor­in­stan­zen vor dem Land­ge­richt Bonn [1] und dem Ober­lan­des­ge­richt Köln [2] kei­nen Erfolg gehabt. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Urtei­le nun bestä­tigt und die vom Ober­lan­des­ge­richt Köln zuge­las­se­ne Revi­si­on der Klä­ger eben­falls zurück­ge­wie­sen:

Der Bun­des­ge­richts­hof ust dabei in Bestä­ti­gung und Fort­füh­rung sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung davon aus­ge­gan­gen, dass den afgha­ni­schen Klä­gern kein unmit­tel­ba­rer völ­ker­recht­li­cher Scha­dens­er­satz­an­spruch zusteht und sie auch kei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach natio­na­lem (deut­schen) Recht haben, da das Amts­haf­tungs­recht (§ 839 Abs. 1 Satz 1 BGB i.V.m. Art. 34 Satz 1 GG) auf mili­tä­ri­sche Hand­lun­gen der Bun­des­wehr im Rah­men von Aus­lands­ein­sät­zen nicht anwend­bar ist.

Es gibt nach wie vor kei­ne all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts, nach der dem Ein­zel­nen bei Ver­stö­ßen gegen das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht ein Anspruch auf Scha­dens­er­satz oder Ent­schä­di­gung zusteht. Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen völ­ker­rechts­wid­ri­ger Hand­lun­gen eines Staa­tes gegen­über frem­den Staats­an­ge­hö­ri­gen ste­hen grund­sätz­lich nur dem Hei­mat­staat zu, der sei­nen Staats­an­ge­hö­ri­gen diplo­ma­ti­schen Schutz gewährt.

Bei Schaf­fung des zusam­men mit dem gesam­ten Bür­ger­li­chen Gesetz­buch am 1. Janu­ar 1900 in Kraft getre­te­nen § 839 BGB dach­te der Gesetz­ge­ber nicht dar­an, dass hier­durch auch Schä­den durch mili­tä­ri­sche Kampf­hand­lun­gen im Aus­land ersatz­fä­hig sein soll­ten. Dem­entspre­chend stand nach dem tra­di­tio­nel­len Ver­ständ­nis des Amts­haf­tungs- und Völ­ker­rechts bis zum Ende des Zwei­ten Welt­kriegs recht­lich außer Fra­ge, dass mili­tä­ri­sche (Kriegs-)Handlungen im Aus­land vom dama­li­gen Amts­haf­tungs­tat­be­stand (§ 839 BGB i.V.m. Art. 131 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung) aus­ge­nom­men waren. Bei Erar­bei­tung der Vor­schrift des Art. 34 GG und bei Inkraft­tre­ten des Grund­ge­set­zes hat­te der his­to­ri­sche Gesetz­ge­ber weder die Auf­stel­lung deut­scher Streit­kräf­te noch deren Betei­li­gung an Kampf­hand­lun­gen im Aus­land im Blick. Auch in der Fol­ge­zeit ist kei­ne gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung dahin­ge­hend erfolgt, den Anwen­dungs­be­reich der Amts­haf­tung auf mili­tä­ri­sche Kampf­ein­sät­ze im Aus­land aus­zu­deh­nen. Der Wort­laut der maß­ge­ben­den Bestim­mun­gen des Amts­haf­tungs­rechts ist bis heu­te unver­än­dert geblie­ben. Wie der all­ge­mei­ne Auf­op­fe­rungs­an­spruch, der Kriegs­schä­den nicht erfasst, ist die Vor­schrift des § 839 BGB auf den "nor­ma­len Amts­be­trieb" zuge­schnit­ten. Die Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on eines ver­wal­tungs­mä­ßig han­deln­den Beam­ten kann nicht mit der Gefechts­si­tua­ti­on eines im Kampf­ein­satz befind­li­chen Sol­da­ten gleich­ge­setzt wer­den.

Gegen die Anwend­bar­keit des all­ge­mei­nen Amts­haf­tungs­tat­be­stands bei Kampf­hand­lun­gen deut­scher Streit­kräf­te im Aus­land spre­chen auch sys­te­ma­ti­sche Erwä­gun­gen in Bezug auf das völ­ker­recht­li­che Haf­tungs­re­gime, das als eine das natio­na­le Recht über­la­gern­de, spe­zi­el­le­re Rege­lung anzu­se­hen ist.

Die Wer­te­ord­nung des Grund­ge­set­zes zwingt nicht zur Aus­wei­tung des Anwen­dungs­be­reichs der Amts­haf­tungs­nor­men. Wür­de man das anders sehen, könn­te es in mehr­fa­cher Hin­sicht zu Beein­träch­ti­gun­gen der von Ver­fas­sungs wegen gefor­der­ten Bünd­nis­fä­hig­keit Deutsch­lands und des außen­po­li­ti­schen Gestal­tungs­spiel­raums kom­men (z.B. Zurech­nung völ­ker­rechts­wid­ri­ger Hand­lun­gen eines ande­ren Bünd­nis­part­ners, kaum ein­grenz­ba­re – gesamt­schuld­ne­ri­sche – Haf­tungs­ri­si­ken). Unter dem Gesichts­punkt der Haus­halts­prä­ro­ga­ti­ve des Par­la­ments ist die Ent­schei­dung über die Zubil­li­gung von Ent­schä­di­gungs- und Aus­gleichs­an­sprü­chen im Zusam­men­hang mit bewaff­ne­ten Aus­lands­ein­sät­zen deut­scher Streit­kräf­te dem Gesetz­ge­ber vor­be­hal­ten und kann nicht Gegen­stand rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung sein.

Unab­hän­gig von der Fra­ge der Anwend­bar­keit des deut­schen Amts­haf­tungs­rechts schei­tert ein hier­auf gestütz­ter Scha­dens­er­satz­an­spruch der Klä­ger im Streit­fall jeden­falls dar­an, dass im Zusam­men­hang mit dem Luft­an­griff auf die bei­den ent­führ­ten Tank­last­wa­gen kei­ne Amts­pflicht­ver­let­zun­gen deut­scher Sol­da­ten oder Dienst­stel­len im Sin­ne kon­kre­ter schuld­haf­ter Ver­stö­ße gegen Regeln des huma­ni­tä­ren (Kriegs-)Völkerrecht zum Schut­ze der Zivil­be­völ­ke­rung fest­ge­stellt sind. Das Beru­fungs­ge­richt hat sei­ner Ent­schei­dung rechts­feh­ler­frei zugrun­de gelegt, dass für den PRT-Kom­man­deur nach Aus­schöp­fung aller zur Ver­fü­gung ste­hen­den Auf­klä­rungs­mög­lich­kei­ten die Anwe­sen­heit von Zivil­per­so­nen im Ziel­be­reich des Luft­an­griffs objek­tiv nicht erkenn­bar war. Die getrof­fe­ne mili­tä­ri­sche Ent­schei­dung war daher völ­ker­recht­lich zuläs­sig.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Okto­ber 2016 – – III ZR 140/​15

  1. LG Bonn, Urteil vom 11.12.2013 – 1 O 460/​11[]
  2. OLG Köln, Urteil vom 30.04.2015 – 7 U 4/​14[]