Hartz IV-Regel­leis­tun­gen sind ver­fas­sungs­wid­rig

Die Rege­lun­gen der Hartz IV – Reform zur Grund­si­che­rung für Arbeits­lo­se fin­det auch wei­ter­hin kei­ne Gna­de in Karls­ru­he. Nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereit vor gut zwei Jah­ren die der­zei­ti­ge Orga­ni­sa­ti­on der Arbeits­ge­mein­schaf­ten ("Job­cen­ter") für ver­fas­sungs­wid­rig erach­tet und dem Gesetz­ge­ber eine Ände­rung bis Ende die­sen Jah­res auf­ge­ge­ben hat, wur­den heu­te auch die nach Hartz-IV-Regel­leis­tun­gen vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als ver­fas­sungs­wid­rig beur­teilt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erach­tet ins­be­son­de­re die der­zei­ti­ge pro­zen­tua­len Abschlä­ge für wei­te­re Mit­glie­der einer Bedarfs­ge­mein­schaft (also etwa für Kin­der) als "ins Blaue hin­ein" ohne ver­nünf­ti­ge Berech­nung fest­ge­legt.

Hartz IV-Regel­leis­tun­gen sind ver­fas­sungs­wid­rig

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die­ses Ver­dikt einer Ver­fas­sungs­wid­rig­keit aller­dings nicht mit dem Aus­sprach der Nich­tig­keit der der­zei­ti­gen Rege­lung ver­bun­den, son­dern (nur) dem Gesetz­ge­ber auf­er­legt, die Regel­leis­tun­gen bis Ende die­sen Jah­res ver­fas­sungs­kon­form zu regeln. Ob die­se Neu­re­ge­lung dann aller­dings zu höhe­ren Regel­leis­tun­gen füh­ren wird, ließ das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­drück­lich offen.

Die der­zei­ti­ge Rege­lung im Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch[↑]

Durch das soge­nann­te "Hartz IV-Gesetz", das "Vier­te Gesetz für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt" vom 24. Dezem­ber 2003 wur­de zum 1. Janu­ar 2005 die bis dahin bestehen­de Arbeits­lo­sen­hil­fe und die Sozi­al­hil­fe im neu geschaf­fe­nen Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch (SGB II) in Form einer ein­heit­li­chen, bedürf­tig­keits­ab­hän­gi­gen Grund­si­che­rung für Erwerbs­fä­hi­ge und die mit ihnen in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben­den Per­so­nen zusam­men­ge­fasst.

Seit Janu­ar 2005 erhal­ten nun­mehr erwerbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge Arbeits­lo­sen­geld II und die mit ihnen in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben­den, nicht erwerbs­fä­hi­gen Ange­hö­ri­gen, ins­be­son­de­re Kin­der vor Voll­endung des 15. Lebens­jah­res, Sozi­al­geld. Die­se Leis­tun­gen set­zen sich im Wesent­li­chen aus der in den §§ 20, 28 SGB II bestimm­ten Regel­leis­tung zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts und Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung zusam­men. Sie wer­den nur gewährt, wenn aus­rei­chen­de eige­ne Mit­tel, ins­be­son­de­re Ein­kom­men oder Ver­mö­gen, nicht vor­han­den sind.

Die Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de leg­te das SGB II zum Zeit­punkt sei­nes Inkraft­tre­tens für die alten Län­der ein­schließ­lich Ber­lin auf 345 € fest. Meh­re­re zusam­men­le­ben­de Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge wer­den zu Bedarfs­ge­mein­schaf­ten zusam­men gefasst. Nur der ers­te Erwach­se­ne die­ses Bedarfs­ge­mein­schaft erhält die glei­chen Leis­tun­gen wie ein Allein­ste­hen­der. Die Regel­leis­tung für wei­te­re Mit­glie­der der Bedarfs­ge­mein­schaft wer­den nach dem SGB II dage­gen als pro­zen­tua­le Antei­le der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de bestimmt. Danach erga­ben sich zum 1. Janu­ar 2005 für Ehe­gat­ten, Lebens­part­ner und Part­ner einer ehe­ähn­li­chen Gemein­schaft 90% die­ser Regel­leis­tung, was einem Betrag von gerun­det 311 € ent­spricht. Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res erhal­ten 60% die­ser Rege­lung, mit­hin einen Betrag in Höhe von 207 €, Kin­der ab Beginn des 15. Lebens­jah­res erhal­ten 80% die­ser Regel­leis­tung, mit­hin 276 €.

Im Ver­gleich zu den Rege­lun­gen nach dem bis 2004 gel­ten­den Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz wird die Regel­leis­tung nach dem SGB II weit­ge­hend pau­scha­liert; eine Erhö­hung für den All­tags­be­darf ist aus­ge­schlos­sen. Ein­ma­li­ge Bei­hil­fen wer­den nur noch in Aus­nah­me­fäl­len für einen beson­de­ren Bedarf gewährt. Zur Deckung unre­gel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Bedarfs ist die Regel­leis­tung erhöht wor­den, damit Leis­tungs­emp­fän­ger ent­spre­chen­de Mit­tel anspa­ren kön­nen.

Die Bestim­mung der Höhe der Regel­leis­tun­gen[↑]

Bei der Fest­set­zung der Regel­leis­tung hat sich der Gesetz­ge­ber an das Sozi­al­hil­fe­recht, das seit dem 1. Janu­ar 2005 im Sozi­al­ge­setz­buch Zwölf­tes Buch (SGB XII) gere­gelt wird, ange­lehnt. Nach dem SGB XII und der vom zustän­di­gen Bun­des­mi­nis­te­ri­um erlas­se­nen Regel­satz­ver­ord­nung erfolgt die Bemes­sung der sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Regel­sät­ze nach einem Sta­tis­tik­mo­dell, das bereits in ähn­li­cher Form unter der Gel­tung des Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­set­zes ent­wi­ckelt wor­den war. Grund­la­ge für die Bemes­sung der Regel­sät­ze ist eine Son­der­aus­wer­tung der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be, die vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt alle fünf Jah­re erho­ben wird. Für die Bestim­mung des Eck­re­gel­sat­zes, der auch für Allein­ste­hen­de gilt, sind die in den ein­zel­nen Abtei­lun­gen der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be erfass­ten Aus­ga­ben der unters­ten 20% der nach ihrem Net­to­ein­kom­men geschich­te­ten Ein­per­so­nen­haus­hal­te (unters­tes Quin­til) nach Her­aus­nah­me der Emp­fän­ger von Sozi­al­hil­fe maß­geb­lich. Die­se Aus­ga­ben gehen aller­dings nicht voll­stän­dig, son­dern als regel­satz­re­le­van­ter Ver­brauch nur zu bestimm­ten Pro­zent­an­tei­len in die Bemes­sung des Eck­re­gel­sat­zes ein.

Die seit dem 1. Janu­ar 2005 gel­ten­de Regel­satz­ver­ord­nung fußt auf der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be aus dem Jah­re 1998. Bei der Bestim­mung des regel­satz­re­le­van­ten Ver­brauchs in § 2 Abs. 2 Regel­satz­ver­ord­nung wur­de die Abtei­lung 10 der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be (Bil­dungs­we­sen) nicht berück­sich­tigt. Wei­ter­hin erfolg­ten Abschlä­ge unter ande­rem in der Abtei­lung 03 (Beklei­dung und Schu­he) zum Bei­spiel für Pel­ze und Maß­klei­dung, in der Abtei­lung 04 (Woh­nung etc.) bei der Aus­ga­ben­po­si­ti­on „Strom“, in der Abtei­lung 07 (Ver­kehr) wegen der Kos­ten für Kraft­fahr­zeu­ge und in der Abtei­lung 09 (Frei­zeit, Unter­hal­tung und Kul­tur) zum Bei­spiel für Segel­flug­zeu­ge. Der für das Jahr 1998 errech­ne­te Betrag wur­de nach den Rege­lun­gen, die für die jähr­li­che Anpas­sung der Regel­leis­tung nach dem SGB II und der Regel­sät­ze nach dem SGB XII gel­ten, ent­spre­chend der Ent­wick­lung des aktu­el­len Ren­ten­wer­tes in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (vgl. § 68 SGB VI) auf den 1. Janu­ar 2005 hoch­ge­rech­net.

Bei der Fest­set­zung der Regel­leis­tung für Kin­der wich der Gesetz­ge­ber von den Pro­zent­sät­zen, die unter dem BSHG gal­ten, ab und bil­de­te nun­mehr nur noch zwei Alters­grup­pen (0 bis 14 Jah­re und 14 bis 18 Jah­re). Eine Unter­su­chung des Aus­ga­be­ver­hal­tens von Ehe­paa­ren mit einem Kind, wie sie unter dem BSHG erfolgt war, unter­blieb zunächst.

Die Son­der­aus­wer­tung der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be aus dem Jah­re 2003 führ­te zwar zum 1. Janu­ar 2007 zu Ände­run­gen beim regel­satz­re­le­van­ten Ver­brauch gemäß § 2 Abs. 2 Regel­satz­ver­ord­nung, jedoch nicht zu einer Erhö­hung des Eck­re­gel­sat­zes und der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de. Eine erneu­te Son­der­aus­wer­tung bezo­gen auf das Aus­ga­be­ver­hal­ten von Ehe­paa­ren mit einem Kind ver­an­lass­te den Gesetz­ge­ber zur Ein­füh­rung einer drit­ten Alters­tu­fe von haus­halts­an­ge­hö­ri­gen Kin­dern im Alter von 6 Jah­ren bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res. Die­se erhal­ten ab dem 1. Juli 2009 nach § 74 SGB II 70% der Regel­leis­tung eines Allein­ste­hen­den. Seit dem 1. August 2009 erhal­ten schul­pflich­ti­ge Kin­der nach Maß­ga­be von § 24a SGB II zudem zusätz­li­che Leis­tun­gen für die Schu­le in Höhe von 100 € pro Schul­jahr.

Die Aus­gangs­ver­fah­ren[↑]

Über eine Vor­la­ge des Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts 1 und über zwei Vor­la­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts 2 zu der Fra­ge, ob die Höhe der Regel­leis­tung zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts für Erwach­se­ne und Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res im Zeit­raum vom 1. Janu­ar 2005 bis zum 30. Juni 2005 nach § 20 Abs. 1 bis 3 und nach § 28 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 Alt. 1 SGB II mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist, hat der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts am 20. Okto­ber 2009 ver­han­delt.

Vor­la­ge des Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts

In dem vom Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt vor­ge­leg­ten Ver­fah­ren 1 bezie­hen ein Eltern­paar und ihr 1994 gebo­re­nes Kind seit dem 1. Janu­ar 2005 Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung für Arbeits­su­chen­de in Höhe von ins­ge­samt 825 €. Die Bewil­li­gung ent­hielt Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung in Höhe von ins­ge­samt 150 €, eine Regel­leis­tung für die Eltern in Höhe von jeweils 311 € und eine Regel­leis­tung in Höhe von 53 € für das Kind, die sich aus­ge­hend von der gesetz­li­chen Regel­leis­tung in Höhe von 207 € dar­aus ergab, dass das Kin­der­geld in Höhe von 154 € monat­lich ange­rech­net wur­de.

Nach­dem Wider­spruch und Kla­ge beim Sozi­al­ge­richt erfolg­los waren, leg­te das Hes­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor, ob die Höhe der gesetz­li­chen Regel­leis­tung für die Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens ver­fas­sungs­ge­mäß ist. Der Staat sei ver­pflich­tet, einen am Exis­tenz­mi­ni­mum ori­en­tier­ten Bedarf zu ermit­teln und des­sen Deckung zu gewähr­leis­ten. Die vom Gesetz­ge­ber – durch Bezug­nah­me auf das SGB XII und die Regel­satz­ver­ord­nung – über­nom­me­ne Begrün­dung für die in § 28 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 SGB II bei Kin­dern im Alter von 0 bis 14 Jah­ren auf 60% der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de gemäß § 20 Abs. 2 SGB II, d.h. auf 207,- €, fest­ge­setz­te Regel­leis­tung sei nicht trag­fä­hig. Der Gesetz­ge­ber las­se bei der Bemes­sung der Regel­leis­tung für Kin­der deren Betreu­ungs- und Erzie­hungs­be­darf unbe­rück­sich­tigt. Die­ser gehö­re aber nach einem Beschluss des BVerfG 3 zum Exis­tenz­mi­ni­mum. Die Gewäh­rung eines zusätz­li­chen Betra­ges für Schul­kin­der in Höhe von 100 € pro Schul­jahr ab August 2009 (§ 24a SGB II in der Fas­sung des Fam­LeistG) behe­be die fest­ge­stell­te Unter­de­ckung nicht ansatz­wei­se.

Außer­dem ver­sto­ße die Rege­lung, so das Hes­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt, gegen den Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG). Zwi­schen älte­ren und Klein­kin­dern wer­de trotz unter­schied­li­chen Bedarfs kein Unter­schied bei der Höhe der Regel­leis­tung gemacht. Zudem wür­den gleich­alt­ri­ge Kin­der, deren Eltern Sozi­al­hil­fe bezie­hen, ohne nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung trotz ver­gleich­ba­rer Bedürf­nis­se teil­wei­se bes­ser gestellt. Dar­über hin­aus ver­sto­ße die Rege­lung gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot gegen­über Ehe und Fami­lie (Art. 3 Abs. 1 iVm Art. 6 Abs. 1 GG), weil bei der Bemes­sung der Regel­leis­tung die Grup­pe der Ein-Per­so­nen-Haus­hal­te als Refe­renz­grup­pe her­an­ge­zo­gen wor­den sei, obwohl deren Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­da­ten erheb­lich unter dem Niveau der Fami­li­en­haus­hal­te lägen. Das wer­de auch durch Vor­tei­le gemein­sa­men Wirt­schaf­tens nicht aus­ge­gli­chen.

Vor­la­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts

In dem ers­ten der bei­den vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt vor­ge­leg­ten Ver­fah­ren 4 bewil­lig­te die im Aus­gangs­ver­fah­ren beklag­te ARGE für die aus zwei 1991 und 1993 gebo­re­nen Kin­dern und ihren Eltern bestehen­de Bedarfs­ge­mein­schaft die Regel­leis­tung und Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung für Janu­ar 2005 in Höhe von ins­ge­samt 842,59 € und für Febru­ar 2005 in Höhe von ins­ge­samt 824,89 €. Davon ent­fie­len auf die Kin­der jeweils 102,56 € für Janu­ar 2005 und jeweils 100,41 € für Febru­ar 2005. Bei der Berech­nung der Leis­tun­gen leg­te die ARGE eine Regel­leis­tung von jeweils 207 € für die Kin­der und Kos­ten der Unter­kunft in Höhe von ins­ge­samt 588,02 € zugrun­de und berück­sich­tig­te als leis­tungs­min­dern­des Ein­kom­men sowohl das für die Kin­der gezahl­te Kin­der­geld als auch Erwerbs­ein­kom­men der Eltern. Im Ergeb­nis han­del­te es sich bei den zuguns­ten der Kin­der bewil­lig­ten Leis­tun­gen auf­grund der Rege­lung der § 9 Abs. 2 Satz 3 und § 19 Satz 2 SGB II a.F. aus­schließ­lich um Leis­tun­gen für Unter­kunft und Hei­zung, da das zu berück­sich­ti­gen­de Ein­kom­men den gesetz­li­chen Betrag der Regel­leis­tung über­stieg. Wider­spruch und Kla­gen vor dem Sozi­al­ge­richt und dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt gegen die­se Fest­set­zung blie­ben erfolg­los. Mit ihrer vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on haben die Kin­der als Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht nur ver­fas­sungs­recht­li­che Ein­wän­de gegen die Höhe der gesetz­li­chen Regel­leis­tung erho­ben, son­dern auch gel­tend gemacht, die Leis­tun­gen sei­en nach den gel­ten­den Vor­schrif­ten zu nied­rig fest­ge­setzt wor­den, weil ins­be­son­de­re ein zu hohes Ein­kom­men der Eltern berück­sich­tigt wor­den sei.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor­ge­legt, ob § 28 Abs 1 Satz 3 Nr. 1 SGB II mit Art 3 Abs 1 GG iVm Art 1, 6 Abs 2, 20 Abs 1 GG ver­ein­bar ist, soweit die gesetz­li­che Rege­lung für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res eine Regel­leis­tung in Höhe von ledig­lich 60% der Regel­leis­tung für Erwach­se­ne vor­sieht, ohne dass der für Kin­der not­wen­di­ge Bedarf ermit­telt und defi­niert wur­de.

Anders als bei der Ermitt­lung der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de habe der Gesetz­ge­ber die von ihm selbst sta­tu­ier­te Sach­ge­setz­lich­keit bei der Fest­set­zung des kin­der­spe­zi­fi­schen Bedarfs ohne hin­rei­chen­den Grund ver­las­sen. Es feh­le an einer ein­ge­hen­den Begrün­dung auf der Basis einer rea­li­täts­be­zo­ge­nen Erfas­sung des spe­zi­el­len Min­dest­be­darfs von Kin­dern. Unklar blei­be vor allem, wie sich der Betrag von 207 € für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res zusam­men­set­ze, und es sei nicht zu erken­nen, inwie­fern der Gesetz- und Ver­ord­nungs­ge­ber Bil­dungs­aus­ga­ben in die Regel­leis­tung von Kin­dern und Jugend­li­chen ein­be­rech­net habe. Durch die Neu­re­ge­lun­gen zum 1. August 2009 (§ 24a SGB II in der Fas­sung des Fam­LeistG) und zum 1. Juli 2009 (§ 74 SGB II in der Fas­sung des Geset­zes zur Siche­rung von Beschäf­ti­gung und Sta­bi­li­tät in Deutsch­land) wer­de der auf­ge­zeig­te Ver­fas­sungs­ver­stoß der Ungleich­be­hand­lung bzw. man­geln­den Fol­ge­rich­tig­keit bei der Fest­set­zung der Regel­leis­tung für Kin­der und Jugend­li­che zu Beginn des Jah­res 2005 nicht geheilt, son­dern viel­mehr unter­stri­chen.

Die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Norm sei auch im Hin­blick auf Art 3 Abs 1 GG frag­lich, weil das Sozi­al­geld für Kin­der nach dem SGB II abschlie­ßend und bedarfs­de­ckend sein soll, wäh­rend Kin­dern von Sozi­al­hil­fe­emp­fän­gern einen davon abwei­chen­den Bedarf gel­tend machen kön­nen.

Schließ­lich ver­sto­ße auch die Fest­set­zung einer ein­heit­li­chen Regel­leis­tung ohne Alters­stu­fen für alle Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz. Es feh­le jeg­li­che Begrün­dung dafür, war­um von der bis­he­ri­gen Dif­fe­ren­zie­rung in § 2 Abs. 3 der Regel­satz­ver­ord­nung zum BSHG abge­wi­chen wor­den und für Kin­der ab Voll­endung des 7. Lebens­jah­res eine Kür­zung vor­ge­nom­men wor­den sei, obwohl, wie der Gesetz­ge­ber nun­mehr in § 24a SGB II selbst aner­ken­ne, Schul­kin­der einen höhe­ren Bedarf auf­wie­sen als Kin­der im Vor­schul­al­ter.

In dem zwei­ten vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt vor­ge­leg­ten Ver­fah­ren 5 erhielt die aus den 1998 und 2000 gebo­re­nen Kin­dern und ihren Eltern bestehen­de Bedarfs­ge­mein­schaft ins­ge­samt 716,88 € monat­lich. Davon ent­fie­len jeweils 104,60 € monat­lich auf die Kin­der. Bei der Berech­nung der Leis­tun­gen berück­sich­tig­te die im Aus­gangs­ver­fah­ren beklag­te ARGE das gezahl­te Kin­der­geld und antei­lig das Erwerbs­ein­kom­men des Vaters. Die nach erfolg­lo­sem Wider­spruch erho­be­ne Kla­ge blieb in ers­ter und zwei­ter Instanz ohne Erfolg. Die Vor­la­ge­fra­ge und die Begrün­dung des Aus­set­zungs- und Vor­la­ge­be­schlus­ses in die­sem Ver­fah­ren ist mit der Vor­la­ge­fra­ge und der Begrün­dung des Aus­set­zungs- und Vor­la­ge­be­schlus­ses in dem ande­ren vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt vor­ge­leg­ten Ver­fah­ren weit­ge­hend iden­tisch.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat nun heu­te ent­schie­den, dass die Vor­schrif­ten des SGB II, die die Regel­leis­tung für Erwach­se­ne und Kin­der betref­fen, nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG erfül­len. Die Vor­schrif­ten blei­ben bis zur Neu­re­ge­lung, die der Gesetz­ge­ber bis zum 31. Dezem­ber 2010 zu tref­fen hat, wei­ter anwend­bar. Der Gesetz­ge­ber hat bei der Neu­re­ge­lung auch einen Anspruch auf Leis­tun­gen zur Sicher­stel­lung eines unab­weis­ba­ren, lau­fen­den, nicht nur ein­ma­li­gen, beson­de­ren Bedarfs für die nach § 7 SGB II Leis­tungs­be­rech­tig­ten vor­zu­se­hen, der bis­her nicht von den Leis­tun­gen nach §§ 20 ff. SGB II erfasst wird, zur Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums jedoch zwin­gend zu decken ist. Bis zur Neu­re­ge­lung durch den Gesetz­ge­ber wird ange­ord­net, dass die­ser Anspruch nach Maß­ga­be der Urteils­grün­de unmit­tel­bar aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG zu Las­ten des Bun­des gel­tend gemacht wer­den kann.

In sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den wird das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt deut­lich:

Das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums[↑]

Das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Sozi­al­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 1 GG sichert jedem Hil­fe­be­dürf­ti­gen die­je­ni­gen mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen zu, die für sei­ne phy­si­sche Exis­tenz und für ein Min­dest­maß an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben uner­läss­lich sind. Die­ses Grund­recht aus Art. 1 Abs. 1 GG hat als Gewähr­leis­tungs­recht in sei­ner Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG neben dem abso­lut wir­ken­den Anspruch aus Art. 1 Abs. 1 GG auf Ach­tung der Wür­de jedes Ein­zel­nen eigen­stän­di­ge Bedeu­tung. Es ist dem Grun­de nach unver­füg­bar und muss ein­ge­löst wer­den, bedarf aber der Kon­kre­ti­sie­rung und ste­ti­gen Aktua­li­sie­rung durch den Gesetz­ge­ber, der die zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen an dem jewei­li­gen Ent­wick­lungs­stand des Gemein­we­sens und den bestehen­den Lebens­be­din­gun­gen aus­zu­rich­ten hat. Der Umfang des ver­fas­sungs­recht­li­chen Leis­tungs­an­spruchs kann im Hin­blick auf die Arten des Bedarfs und die dafür erfor­der­li­chen Mit­tel nicht unmit­tel­bar aus der Ver­fas­sung abge­lei­tet wer­den. Die Kon­kre­ti­sie­rung obliegt dem Gesetz­ge­ber, dem hier­bei ein Gestal­tungs­spiel­raum zukommt.

Zur Kon­kre­ti­sie­rung des Anspruchs hat der Gesetz­ge­ber alle exis­tenz­not­wen­di­gen Auf­wen­dun­gen fol­ge­rich­tig in einem trans­pa­ren­ten und sach­ge­rech­ten Ver­fah­ren nach dem tat­säch­li­chen Bedarf, also rea­li­täts­ge­recht, zu bemes­sen.

Dem Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers bei der Bemes­sung des Exis­tenz­mi­ni­mums ent­spricht eine zurück­hal­ten­de Kon­trol­le der ein­fach­ge­setz­li­chen Rege­lung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Da das Grund­ge­setz selbst kei­ne exak­te Bezif­fe­rung des Anspruchs erlaubt, beschränkt sich bezo­gen auf das Ergeb­nis die mate­ri­el­le Kon­trol­le dar­auf, ob die Leis­tun­gen evi­dent unzu­rei­chend sind. Inner­halb der mate­ri­el­len Band­brei­te, wel­che die­se Evi­denz­kon­trol­le belässt, kann das Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums kei­ne quan­ti­fi­zier­ba­ren Vor­ga­ben lie­fern. Es erfor­dert aber eine Kon­trol­le der Grund­la­gen und der Metho­de der Leis­tungs­be­mes­sung dar­auf­hin, ob sie dem Ziel des Grund­rechts gerecht wer­den. Um eine der Bedeu­tung des Grund­rechts ange­mes­se­ne Nach­voll­zieh­bar­keit des Umfangs der gesetz­li­chen Hil­fe­leis­tun­gen sowie deren gericht­li­che Kon­trol­le zu gewähr­leis­ten, müs­sen die Fest­set­zun­gen der Leis­tun­gen auf der Grund­la­ge ver­läss­li­cher Zah­len und schlüs­si­ger Berech­nungs­ver­fah­ren trag­fä­hig zu recht­fer­ti­gen sein.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft des­halb, ob der Gesetz­ge­ber das Ziel, ein men­schen­wür­di­ges Dasein zu sichern, in einer Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG gerecht wer­den­den Wei­se erfasst und umschrie­ben hat, ob er im Rah­men sei­nes Gestal­tungs­spiel­raums ein zur Bemes­sung des Exis­tenz­mi­ni­mums im Grund­satz taug­li­ches Berech­nungs­ver­fah­ren gewählt hat, ob er die erfor­der­li­chen Tat­sa­chen im Wesent­li­chen voll­stän­dig und zutref­fend ermit­telt und schließ­lich, ob er sich in allen Berech­nungs­schrit­ten mit einem nach­voll­zieh­ba­ren Zah­len­werk inner­halb die­ses gewähl­ten Ver­fah­rens und des­sen Struk­tur­prin­zi­pi­en im Rah­men des Ver­tret­ba­ren bewegt hat. Zur Ermög­li­chung die­ser ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Kon­trol­le besteht für den Gesetz­ge­ber die Oblie­gen­heit, die zur Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­ge­setz­ten Metho­den und Berech­nungs­schrit­te nach­voll­zieh­bar offen zu legen. Kommt er ihr nicht hin­rei­chend nach, steht die Ermitt­lung des Exis­tenz­mi­ni­mums bereits wegen die­ser Män­gel nicht mehr mit Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG in Ein­klang.

Regel­leis­tun­gen sind nicht evi­dent unzu­rei­chend[↑]

Die in den Aus­gangs­ver­fah­ren der­zeit gel­ten­den Regel­leis­tun­gen für das ers­te erwach­se­ne Mit­glied der Bedarfs­ge­mein­schaft (345 €), für erwach­se­ne Part­ner der Bedarf­ge­mein­schaft (311 €) und für Kin­der bis zum 14. Lebens­jahr (207 €) kön­nen nach Über­zeu­gung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Sicher­stel­lung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums nicht als evi­dent unzu­rei­chend ange­se­hen wer­den.

Für den Betrag der Regel­leis­tung von 345 € kann eine evi­den­te Unter­schrei­tung nicht fest­ge­stellt wer­den, weil sie zur Siche­rung der phy­si­schen Sei­te des Exis­tenz­mi­ni­mums zumin­dest aus­reicht und der Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers bei der sozia­len Sei­te des Exis­tenz­mi­ni­mums beson­ders weit ist.

Dies gilt auch für den Betrag von 311 € für erwach­se­ne Part­ner einer Bedarfs­ge­mein­schaft. Der Gesetz­ge­ber durf­te davon aus­ge­hen, dass durch das gemein­sa­me Wirt­schaf­ten Auf­wen­dun­gen gespart wer­den und des­halb zwei zusam­men­le­ben­de Part­ner einen finan­zi­el­len Min­dest­be­darf haben, der gerin­ger als das Dop­pel­te des Bedarfs eines Allein­le­ben­den ist.

Es kann eben­falls nicht fest­ge­stellt wer­den, dass der für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res ein­heit­lich gel­ten­de Betrag von 207 € zur Siche­rung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums offen­sicht­lich unzu­rei­chend ist. Es ist ins­be­son­de­re nicht ersicht­lich, dass die­ser Betrag nicht aus­reicht, um das phy­si­sche Exis­tenz­mi­ni­mum, ins­be­son­de­re den Ernäh­rungs­be­darf von Kin­dern im Alter von 7 bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res zu decken.

Geeig­ne­tes Sta­tis­tik­mo­dell zur Berech­nung der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de[↑]

Das Sta­tis­tik­mo­dell, das für die Bemes­sung der sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Regel­sät­ze gilt und nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers auch die Grund­la­ge für die Bestim­mung der Regel­leis­tung bil­det, ist eine ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­si­ge, weil ver­tret­ba­re Metho­de zur rea­li­täts­na­hen Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums für eine allein­ste­hen­de Per­son. Es stützt sich auch auf geeig­ne­te empi­ri­sche Daten. Die Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be bil­det in sta­tis­tisch zuver­läs­si­ger Wei­se das Ver­brauchs­ver­hal­ten der Bevöl­ke­rung ab. Die Aus­wahl der unters­ten 20 % der nach ihrem Net­to­ein­kom­men geschich­te­ten Ein­per­so­nen­haus­hal­te nach Her­aus­nah­me der Emp­fän­ger von Sozi­al­hil­fe als Refe­renz­grup­pe für die Ermitt­lung der Regel­leis­tung für einen Allein­ste­hen­den ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Der Gesetz­ge­ber konn­te auch ver­tret­bar davon aus­ge­hen, dass die bei der Aus­wer­tung der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be 1998 zugrun­de geleg­te Refe­renz­grup­pe sta­tis­tisch zuver­läs­sig über der Sozi­al­hil­fe­schwel­le lag.

Es ist ver­fas­sungs­recht­lich eben­falls nicht zu bean­stan­den, dass die in den ein­zel­nen Abtei­lun­gen der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be erfass­ten Aus­ga­ben des unters­ten Quin­tils nicht voll­stän­dig, son­dern als regel­leis­tungs­re­le­van­ter Ver­brauch nur zu einem bestimm­ten Pro­zent­satz in die Bemes­sung der Regel­leis­tung ein­flie­ßen. Der Gesetz­ge­ber hat aber die wer­ten­de Ent­schei­dung, wel­che Aus­ga­ben zum Exis­tenz­mi­ni­mum zäh­len, sach­ge­recht und ver­tret­bar zu tref­fen. Kür­zun­gen von Aus­ga­be­po­si­tio­nen in den Abtei­lun­gen der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be bedür­fen zu ihrer Recht­fer­ti­gung einer empi­ri­schen Grund­la­ge. Der Gesetz­ge­ber darf Aus­ga­ben, wel­che die Refe­renz­grup­pe tätigt, nur dann als nicht rele­vant ein­stu­fen, wenn fest­steht, dass sie ander­wei­tig gedeckt wer­den oder zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums nicht not­wen­dig sind. Hin­sicht­lich der Höhe der Kür­zun­gen ist auch eine Schät­zung auf fun­dier­ter empi­ri­scher Grund­la­ge nicht aus­ge­schlos­sen; Schät­zun­gen „ins Blaue hin­ein“ stel­len jedoch kei­ne rea­li­täts­ge­rech­te Ermitt­lung dar.

Feh­ler­haf­te Berech­nung der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de[↑]

Die Regel­leis­tung von 345 € ist nicht in ver­fas­sungs­ge­mä­ßer Wei­se ermit­telt wor­den, weil von den Struk­tur­prin­zi­pi­en des Sta­tis­tik­mo­dells ohne sach­li­che Recht­fer­ti­gung abge­wi­chen wor­den ist.

Der in § 2 Abs. 2 Regel­satz­ver­ord­nung 2005 fest­ge­setz­te regel­satz- und damit zugleich regel­leis­tungs­re­le­van­te Ver­brauch beruht nicht auf einer trag­fä­hi­gen Aus­wer­tung der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be 1998. Denn bei ein­zel­nen Aus­ga­be­po­si­tio­nen wur­den pro­zen­tua­le Abschlä­ge für nicht regel­leis­tungs­re­le­van­te Güter und Dienst­leis­tun­gen (zum Bei­spiel Pel­ze, Maß­klei­dung und Segel­flug­zeu­ge) vor­ge­nom­men, ohne dass fest­stand, ob die Ver­gleichs­grup­pe (unters­tes Quin­til) über­haupt sol­che Aus­ga­ben getä­tigt hat. Bei ande­ren Aus­ga­be­po­si­tio­nen wur­den Kür­zun­gen vor­ge­nom­men, die dem Grun­de nach ver­tret­bar, in der Höhe jedoch empi­risch nicht belegt waren (zum Bei­spiel Kür­zung um 15% bei der Posi­ti­on Strom). Ande­re Aus­ga­be­po­si­tio­nen, zum Bei­spiel die Abtei­lung 10 (Bil­dungs­we­sen), blie­ben völ­lig unbe­rück­sich­tigt, ohne dass dies begrün­det wor­den wäre.

Zudem stellt die Hoch­rech­nung der für 1998 ermit­tel­ten Beträ­ge auf das Jahr 2005 anhand der Ent­wick­lung des aktu­el­len Ren­ten­werts einen sach­wid­ri­gen Maß­stabs­wech­sel dar. Wäh­rend die sta­tis­ti­sche Ermitt­lungs­me­tho­de auf Net­to­ein­kom­men, Ver­brau­cher­ver­hal­ten und Lebens­hal­tungs­kos­ten abstellt, knüpft die Fort­schrei­bung nach dem aktu­el­len Ren­ten­wert an die Ent­wick­lung der Brut­to­löh­ne und ‑gehäl­ter, den Bei­trags­satz zur all­ge­mei­nen Ren­ten­ver­si­che­rung und an einen Nach­hal­tig­keits­fak­tor an. Die­se Fak­to­ren wei­sen aber kei­nen Bezug zum Exis­tenz­mi­ni­mum auf.

Fol­ge­feh­ler bei der Berech­nung der Regel­leis­tung für erwach­se­ne Part­ner[↑]

Die Ermitt­lung der Regel­leis­tung in Höhe von 311 Euro für in Bedarfs­ge­mein­schaft zusam­men­le­ben­de Part­ner genügt nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen, weil sich die Män­gel bei der Ermitt­lung der Regel­leis­tung für Allein­ste­hen­de hier fort­set­zen, denn sie wur­de auf der Basis jener Regel­leis­tung ermit­telt. Aller­dings beruht die Annah­me, dass für die Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums von zwei Part­nern ein Betrag in Höhe von 180% des ent­spre­chen­den Bedarfs eines Allein­ste­hen­den aus­reicht, auf einer aus­rei­chen­den empi­ri­schen Grund­la­ge.

Feh­ler­haf­te Berech­nung der Regel­leis­tung für Kin­der bis 14 Jah­re[↑]

Das Sozi­al­geld für Kin­der bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res von 207 € genügt zunächst ein­mal schon des­halb eben­falls nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben, weil es von der bereits bean­stan­de­ten Regel­leis­tung in Höhe von 345 € abge­lei­tet ist.

Dar­über hin­aus beruht die Fest­le­gung auf kei­ner ver­tret­ba­ren Metho­de zur Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums eines Kin­des im Alter bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res. Der Gesetz­ge­ber hat jeg­li­che Ermitt­lun­gen zum spe­zi­fi­schen Bedarf eines Kin­des, der sich im Unter­schied zum Bedarf eines Erwach­se­nen an kind­li­chen Ent­wick­lungs­pha­sen und einer kind­ge­rech­ten Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung aus­zu­rich­ten hat, unter­las­sen. Sein vor­ge­nom­me­ner Abschlag von 40 % gegen­über der Regel­leis­tung für einen Allein­ste­hen­den beruht auf einer frei­hän­di­gen Set­zung ohne empi­ri­sche und metho­di­sche Fun­die­rung. Ins­be­son­de­re blie­ben die not­wen­di­gen Auf­wen­dun­gen für Schul­bü­cher, Schul­hef­te, Taschen­rech­ner etc. unbe­rück­sich­tigt, die zum exis­ten­ti­el­len Bedarf eines Kin­des gehö­ren. Denn ohne Deckung die­ser Kos­ten droht hil­fe­be­dürf­ti­gen Kin­dern der Aus­schluss von Lebens­chan­cen. Auch fehlt eine dif­fe­ren­zier­te Unter­su­chung des Bedarfs von klei­ne­ren und grö­ße­ren Kin­dern.

Ver­fas­sungs­wid­rig­keit auch nach den 2007 und 2009 erfolg­ten Neu­re­ge­lun­gen[↑]

Die­se Ver­fas­sungs­ver­stö­ße sind weder durch die Aus­wer­tung der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be 2003 und die Neu­be­stim­mung des regel­satz­re­le­van­ten Ver­brauchs zum 1. Janu­ar 2007 noch durch die Mit­te 2009 in Kraft getre­te­nen §§ 74 und 24a SGB II besei­tigt wor­den.

Die zum 1. Janu­ar 2007 in Kraft getre­te­ne Ände­rung der Regel­satz­ver­ord­nung hat wesent­li­che Män­gel, wie zum Bei­spiel die Nicht­be­rück­sich­ti­gung der in der Abtei­lung 10 (Bil­dungs­we­sen) der Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­stich­pro­be erfass­ten Aus­ga­ben oder die Hoch­rech­nung der für 2003 ermit­tel­ten Beträ­ge ent­spre­chend der Ent­wick­lung des aktu­el­len Ren­ten­wer­tes, nicht besei­tigt.

Das durch § 74 SGB II ein­ge­führ­te Sozi­al­geld für Kin­der ab Beginn des 7. bis zur Voll­endung des 14. Lebens­jah­res in Höhe von 70 % der Regel­leis­tung für einen Allein­ste­hen­den genügt den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen bereits des­halb nicht, weil es sich von die­ser feh­ler­haft ermit­tel­ten Regel­leis­tung ablei­tet. Zwar dürf­te der Gesetz­ge­ber mit der Ein­füh­rung einer drit­ten Alters­stu­fe und der § 74 SGB II zugrun­de lie­gen­den Bemes­sungs­me­tho­de einer rea­li­täts­ge­rech­ten Ermitt­lung der not­wen­di­gen Leis­tun­gen für Kin­der im schul­pflich­ti­gen Alter näher gekom­men sein. Den Anfor­de­run­gen an die Ermitt­lung des kin­der­spe­zi­fi­schen Bedarfs ist er den­noch nicht gerecht gewor­den, weil die gesetz­li­che Rege­lung wei­ter­hin an den Ver­brauch für einen erwach­se­nen Allein­ste­hen­den anknüpft.

Die Rege­lung des § 24a SGB II, die eine ein­ma­li­ge Zah­lung von 100 € vor­sieht, fügt sich metho­disch nicht in das Bedarfs­sys­tem des SGB II ein. Zudem hat der Gesetz­ge­ber den not­wen­di­gen Schul­be­darf eines Kin­des bei Erlass des § 24a SGB II nicht empi­risch ermit­telt. Der Betrag von 100 € pro Schul­jahr wur­de offen­sicht­lich frei­hän­dig geschätzt.

Feh­len­de Rege­lung für lau­fen­den Son­der­be­darf[↑]

Nach dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist es des­wei­te­ren mit Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG unver­ein­bar, dass im SGB II eine Rege­lung fehlt, die einen Anspruch auf Leis­tun­gen zur Sicher­stel­lung eines zur Deckung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums unab­weis­ba­ren, lau­fen­den, nicht nur ein­ma­li­gen, beson­de­ren Bedarfs vor­sieht. Ein sol­cher ist für den­je­ni­gen Bedarf erfor­der­lich, der des­we­gen nicht schon von den §§ 20 ff. SGB II abge­deckt wird, weil die Ein­kom­mens- und Ver­brauchs­sta­tis­tik, auf der die Regel­leis­tung beruht, allein den Durch­schnitts­be­darf in übli­chen Bedarfs­si­tua­tio­nen wider­spie­gelt, nicht aber einen dar­über hin­aus­ge­hen­den, beson­de­ren Bedarf auf­grund aty­pi­scher Bedarfs­la­gen.

Die Gewäh­rung einer Regel­leis­tung als Fest­be­trag ist grund­sätz­lich zuläs­sig. Wenn das Sta­tis­tik­mo­dell ent­spre­chend den ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben ange­wandt und der Pau­schal­be­trag ins­be­son­de­re so bestimmt wor­den ist, dass ein Aus­gleich zwi­schen ver­schie­de­nen Bedarfs­po­si­tio­nen mög­lich ist, kann der Hil­fe­be­dürf­ti­ge in der Regel sein indi­vi­du­el­les Ver­brauchs­ver­hal­ten so gestal­ten, dass er mit dem Fest­be­trag aus­kommt; vor allem hat er bei beson­de­rem Bedarf zuerst auf das Anspar­po­ten­ti­al zurück­zu­grei­fen, das in der Regel­leis­tung ent­hal­ten ist.

Da ein pau­scha­ler Regel­leis­tungs­be­trag jedoch nach sei­ner Kon­zep­ti­on nur den durch­schnitt­li­chen Bedarf decken kann, wird ein in Son­der­fäl­len auf­tre­ten­der Bedarf von der Sta­tis­tik nicht aus­sa­ge­kräf­tig aus­ge­wie­sen. Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG gebie­tet aller­dings, auch die­sen unab­weis­ba­ren, lau­fen­den, nicht nur ein­ma­li­gen, beson­de­ren Bedarf zu decken, wenn es im Ein­zel­fall für ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum erfor­der­lich ist. Die­ser ist im SGB II bis­her nicht aus­nahms­los erfasst. Der Gesetz­ge­ber hat wegen die­ser Lücke in der Deckung des lebens­not­wen­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums eine Här­te­fall­re­ge­lung in Form eines Anspruchs auf Hil­fe­leis­tun­gen zur Deckung die­ses beson­de­ren Bedarfs für die nach § 7 SGB II Leis­tungs­be­rech­tig­ten vor­zu­ge­ben. Die­ser Anspruch ent­steht aller­dings erst, wenn der Bedarf so erheb­lich ist, dass die Gesamt­sum­me der dem Hil­fe­be­dürf­ti­gen gewähr­ten Leis­tun­gen – ein­schließ­lich der Leis­tun­gen Drit­ter und unter Berück­sich­ti­gung von Ein­spar­mög­lich­kei­ten des Hil­fe­be­dürf­ti­gen – das men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum nicht mehr gewähr­leis­tet. Er dürf­te ange­sichts sei­ner engen und strik­ten Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen nur in sel­te­nen Fäl­len in Betracht kom­men.

Pflicht zur Neu­re­ge­lung bis zum Jah­res­en­de 2010[↑]

Die ver­fas­sungs­wid­ri­gen Nor­men blei­ben nach dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bis zu einer Neu­re­ge­lung, die der Gesetz­ge­ber nach den Bestim­mun­gen des heu­ti­gen Urteils bis zum 31. Dezem­ber 2010 zu tref­fen hat, wei­ter­hin anwend­bar. Wegen des gesetz­ge­be­ri­schen Gestal­tungs­spiel­raums ist das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht befugt, auf­grund eige­ner Ein­schät­zun­gen und Wer­tun­gen gestal­tend selbst einen bestimm­ten Leis­tungs­be­trag fest­zu­set­zen. Da nicht fest­ge­stellt wer­den kann, dass die gesetz­lich fest­ge­setz­ten Regel­leis­tungs­be­trä­ge evi­dent unzu­rei­chend sind, ist der Gesetz­ge­ber nicht unmit­tel­bar von Ver­fas­sungs wegen ver­pflich­tet, höhe­re Leis­tun­gen fest­zu­set­zen. Er muss viel­mehr ein Ver­fah­ren zur rea­li­täts- und bedarfs­ge­rech­ten Ermitt­lung der zur Siche­rung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums not­wen­di­gen Leis­tun­gen ent­spre­chend den auf­ge­zeig­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­ga­ben durch­füh­ren und des­sen Ergeb­nis im Gesetz als Leis­tungs­an­spruch ver­an­kern.

Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG ver­pflich­tet den Gesetz­ge­ber nicht dazu, die Leis­tun­gen rück­wir­kend neu fest­zu­set­zen. Soll­te der Gesetz­ge­ber aller­dings sei­ner Pflicht zur Neu­re­ge­lung bis zum 31. Dezem­ber 2010 nicht nach­ge­kom­men sein, wäre ein pflicht­wid­rig spä­ter erlas­se­nes Gesetz schon zum 1. Janu­ar 2011 in Gel­tung zu set­zen.

Der Gesetz­ge­ber ist fer­ner ver­pflich­tet, bis spä­tes­tens zum 31. Dezem­ber 2010 eine Rege­lung im SGB II zu schaf­fen, die sicher­stellt, dass ein unab­weis­ba­rer, lau­fen­der, nicht nur ein­ma­li­ger beson­de­rer Bedarf gedeckt wird. Die nach § 7 SGB II Leis­tungs­be­rech­tig­ten, bei denen ein der­ar­ti­ger Bedarf vor­liegt, müs­sen aber auch vor der Neu­re­ge­lung die erfor­der­li­chen Sach- oder Geld­leis­tun­gen erhal­ten. Um die Gefahr einer Ver­let­zung von Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG in der Über­gangs­zeit bis zur Ein­füh­rung einer ent­spre­chen­den Här­te­fall­klau­sel zu ver­mei­den, muss die ver­fas­sungs­wid­ri­ge Lücke für die Zeit ab der Ver­kün­dung des Urteils durch eine ent­spre­chen­de Anord­nung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts geschlos­sen wer­den.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 9. Febru­ar 2010 – 1 BvL 1/​09, 1 BvL 3/​09, 1 BvL 4/​09

  1. 1 BvL 1/​09[][]
  2. 1 BvL 3/​09 und 1 BvL 4/​09[]
  3. BVerfGE 99, 216, 231 ff.[]
  4. 1 BvL 3/​09[]
  5. 1 BvL 4/​09[]