Hartz IV – und die Sank­tio­nen

Die der­zeit bestehen­den Sank­tio­nen zur Durch­set­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten bei Bezug von Arbeits­lo­sen­geld II sind teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig:

Hartz IV – und die Sank­tio­nen
  1. Die zen­tra­len ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Aus­ge­stal­tung staat­li­cher Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen erge­ben sich aus der grund­recht­li­chen Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums (Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG). Gesi­chert wer­den muss ein­heit­lich die phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz. Die den Anspruch fun­die­ren­de Men­schen­wür­de steht allen zu und geht selbst durch ver­meint­lich "unwür­di­ges" Ver­hal­ten nicht ver­lo­ren. Das Grund­ge­setz ver­wehrt es dem Gesetz­ge­ber aber nicht, die Inan­spruch­nah­me exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen an den Nach­rang­grund­satz zu bin­den, also nur dann zur Ver­fü­gung zu stel­len, wenn Men­schen ihre Exis­tenz nicht vor­ran­gig selbst sichern kön­nen, son­dern wirk­li­che Bedürf­tig­keit vor­liegt.
  2. Der Gesetz­ge­ber kann erwerbs­fä­hi­gen Men­schen, die nicht in der Lage sind, ihre Exis­tenz selbst zu sichern und die des­halb staat­li­che Leis­tun­gen in Anspruch neh­men, abver­lan­gen, selbst zumut­bar an der Ver­mei­dung oder Über­win­dung der eige­nen Bedürf­tig­keit aktiv mit­zu­wir­ken. Er darf sich auch dafür ent­schei­den, inso­weit ver­hält­nis­mä­ßi­ge Pflich­ten mit wie­der­um ver­hält­nis­mä­ßi­gen Sank­tio­nen durch­zu­set­zen.
  3. Wird eine Mit­wir­kungs­pflicht zur Über­win­dung der eige­nen Bedürf­tig­keit ohne wich­ti­gen Grund nicht erfüllt und sank­tio­niert der Gesetz­ge­ber das durch den vor­über­ge­hen­den Ent­zug exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen, schafft er eine außer­or­dent­li­che Belas­tung. Dies unter­liegt stren­gen Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit; der sonst wei­te Ein­schät­zungs­spiel­raum zur Eig­nung, Erfor­der­lich­keit und Zumut­bar­keit von Rege­lun­gen zur Aus­ge­stal­tung des Sozi­al­staa­tes ist hier beschränkt. Pro­gno­sen zu den Wir­kun­gen sol­cher Rege­lun­gen müs­sen hin­rei­chend ver­läss­lich sein; je län­ger die Rege­lun­gen in Kraft sind und der Gesetz­ge­ber damit in der Lage ist, fun­dier­te Ein­schät­zun­gen zu erlan­gen, umso weni­ger genügt es, sich auf plau­si­ble Annah­men zu stüt­zen. Zudem muss es den Betrof­fe­nen tat­säch­lich mög­lich sein, die Min­de­rung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen durch eige­nes Ver­hal­ten abzu­wen­den; es muss also in ihrer eige­nen Ver­ant­wor­tung lie­gen, in zumut­ba­rer Wei­se die Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, die Leis­tung auch nach einer Min­de­rung wie­der zu erhal­ten.

Der Gesetz­ge­ber kann die Inan­spruch­nah­me exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen an den Nach­rang­grund­satz bin­den, sol­che Leis­tun­gen also nur dann gewäh­ren, wenn Men­schen ihre Exis­tenz nicht selbst sichern kön­nen. Er kann erwerbs­fä­hi­gen Bezie­he­rin­nen und Bezie­hern von Arbeits­lo­sen­geld II auch zumut­ba­re Mit­wir­kungs­pflich­ten zur Über­win­dung der eige­nen Bedürf­tig­keit auf­er­le­gen, und darf die Ver­let­zung sol­cher Pflich­ten sank­tio­nie­ren, indem er vor­über­ge­hend staat­li­che Leis­tun­gen ent­zieht. Auf­grund der dadurch ent­ste­hen­den außer­or­dent­li­chen Belas­tung gel­ten hier­für aller­dings stren­ge Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit; der sonst wei­te Ein­schät­zungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers ist hier beschränkt. Je län­ger die Rege­lun­gen in Kraft sind und der Gesetz­ge­ber damit deren Wir­kun­gen fun­diert ein­schät­zen kann, des­to weni­ger darf er sich allein auf Annah­men stüt­zen. Auch muss es den Betrof­fe­nen mög­lich sein, in zumut­ba­rer Wei­se die Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, die Leis­tung nach einer Min­de­rung wie­der zu erhal­ten.

Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf eine Vor­la­ge des Sozi­al­ge­richts Gotha 1 zwar die Höhe einer Leis­tungs­min­de­rung von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs bei Ver­let­zung bestimm­ter Mit­wir­kungs­pflich­ten nicht bean­stan­det. Aller­dings hat er auf Grund­la­ge der der­zei­ti­gen Erkennt­nis­se die Sank­tio­nen für mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar erklärt, soweit die Min­de­rung nach wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zun­gen inner­halb eines Jah­res die Höhe von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs über­steigt oder gar zu einem voll­stän­di­gen Weg­fall der Leis­tun­gen führt. Mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar sind die Sank­tio­nen zudem, soweit der Regel­be­darf bei einer Pflicht­ver­let­zung auch im Fall außer­ge­wöhn­li­cher Här­ten zwin­gend zu min­dern ist und soweit für alle Leis­tungs­min­de­run­gen eine star­re Dau­er von drei Mona­ten vor­ge­ge­ben wird. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Vor­schrif­ten mit ent­spre­chen­den Maß­ga­ben bis zu einer Neu­re­ge­lung für wei­ter anwend­bar erklärt.

Das hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­ne Vor­la­ge­ver­fah­ren betrifft aus­schließ­lich die Fra­ge, ob die Min­de­rung von Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts auf­grund der Ver­let­zung der in § 31 Abs. 1 SGB II nor­mier­ten Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen nach § 31a Abs. 1, § 31b SGB II bei erwerbs­fä­hi­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten, die das 25. Lebens­jahr voll­endet haben, mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist.

  1. § 31a Absatz 1 Sät­ze 1, 2 und 3 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch in der Fas­sung des Geset­zes zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 24.03.2011 2 sowie der Bekannt­ma­chung der Neu­fas­sung des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 13.05.2011 3, geän­dert durch das Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Ein­glie­de­rungs­chan­cen am Arbeits­markt vom 20.12 2011 4, geän­dert durch das Neun­te Gesetz zur Ände­rung des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch – Rechts­ver­ein­fa­chung – sowie zur vor­über­ge­hen­den Aus­set­zung der Insol­venz­an­trags­pflicht vom 26.07.2016 5, ist für Fäl­le des § 31 Absatz 1 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch in der genann­ten Fas­sung mit Arti­kel 1 Absatz 1 Grund­ge­setz in Ver­bin­dung mit dem Sozi­al­staats­prin­zip des Arti­kel 20 Absatz 1 Grund­ge­setz unver­ein­bar, soweit die Höhe der Leis­tungs­min­de­rung bei einer erneu­ten Ver­let­zung einer Pflicht nach § 31 Absatz 1 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch die Höhe von 30 Pro­zent des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs über­steigt, soweit eine Sank­ti­on nach § 31a Absatz 1 Sät­ze 1 bis 3 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch zwin­gend zu ver­hän­gen ist, auch wenn außer­ge­wöhn­li­che Här­ten vor­lie­gen, und soweit § 31b Absatz 1 Satz 3 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch für alle Leis­tungs­min­de­run­gen unge­ach­tet der Erfül­lung einer Mit­wir­kungs­pflicht oder der Bereit­schaft dazu eine star­re Dau­er von drei Mona­ten vor­gibt.
  2. Bis zum Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung durch den Gesetz­ge­ber sind § 31a Absatz 1 Sät­ze 1, 2 und 3 und § 31b Absatz 1 Satz 3 in Fäl­len des § 31 Absatz 1 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch in der Fas­sung fol­gen­der Über­gangs­re­ge­lun­gen wei­ter anwend­bar:
    1. § 31a Absatz 1 Satz 1 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch ist in den Fäl­len des § 31 Absatz 1 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch mit der Maß­ga­be anzu­wen­den, dass die Leis­tungs­min­de­rung wegen einer Pflicht­ver­let­zung nach § 31 Absatz 1 SGB II nicht erfol­gen muss, wenn dies im kon­kre­ten Ein­zel­fall unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de zu einer außer­ge­wöhn­li­chen Här­te füh­ren wür­de. Ins­be­son­de­re kann von einer Min­de­rung abge­se­hen wer­den, wenn nach Ein­schät­zung der Behör­de die Zwe­cke des Geset­zes nur erreicht wer­den kön­nen, indem eine Sank­ti­on unter­bleibt.
    2. § 31a Absatz 1 Sät­ze 2 und 3 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch sind in den Fäl­len des § 31 Absatz 1 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch mit der Maß­ga­be anwend­bar, dass wegen wie­der­hol­ter Pflicht­ver­let­zun­gen eine Min­de­rung der Regel­be­darfs­leis­tun­gen nicht über 30 Pro­zent des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs hin­aus­ge­hen darf. Von einer Leis­tungs­min­de­rung kann abge­se­hen wer­den, wenn dies im kon­kre­ten Ein­zel­fall unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de zu einer außer­ge­wöhn­li­chen Här­te füh­ren wür­de. Ins­be­son­de­re kann von einer Min­de­rung abge­se­hen wer­den, wenn nach Ein­schät­zung der Behör­de die Zwe­cke des Geset­zes nur erreicht wer­den kön­nen, indem eine Sank­ti­on unter­bleibt.
    3. § 31b Absatz 1 Satz 3 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch ist in den Fäl­len des § 31 Absatz 1 Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch mit fol­gen­der Maß­ga­be anzu­wen­den: Wird die Mit­wir­kungs­pflicht erfüllt oder erklä­ren sich Leis­tungs­be­rech­tig­te nach­träg­lich ernst­haft und nach­hal­tig bereit, ihren Pflich­ten nach­zu­kom­men, kann die zustän­di­ge Behör­de unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls ab die­sem Zeit­punkt die Leis­tung wie­der in vol­lem Umfang erbrin­gen. Die Min­de­rung darf ab die­sem Zeit­punkt nicht län­ger als einen Monat andau­ern.

Die gesetz­li­chen Rege­lun­gen[↑]

Das Zwei­te Buch Sozi­al­ge­setz­buch regelt seit dem 1.01.2005 die Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts durch die Grund­si­che­rung für Erwerbs­fä­hi­ge und die­je­ni­gen, die mit ihnen in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben, mit der Bedar­fe abge­deckt wer­den, die der Gesetz­ge­ber aner­kannt hat, um eine men­schen­wür­di­ge Exis­tenz zu sichern. Der Leis­tungs­ge­wäh­rung liegt das in §§ 1 und 2 SGB II ver­an­ker­te Kon­zept des "För­derns und For­derns" zugrun­de, zu dem bestimm­te Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen an erwerbs­fä­hi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te gehö­ren, deren Ver­let­zung durch Leis­tungs­min­de­run­gen sank­tio­niert wird.

Die hier zu über­prü­fen­den Rege­lun­gen wur­den sodann im Jahr 2006 beschlos­sen und zum 1.04.2011 neu geord­net 6. Sie wur­den im Jahr 2016 ledig­lich redak­tio­nell ver­än­dert und es wur­de in § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB II ein Ver­weis auf § 15 Abs. 3 Satz 3 SGB II ein­ge­fügt 7. Nun­mehr fin­den sich in § 31 Abs. 1 SGB II die hier ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­be­stän­de der Ver­let­zung der Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen, in § 31a SGB II die leis­tungs­min­dern­den Rechts­fol­gen und in § 31b SGB II deren Beginn und Dau­er.

Sank­tio­nier­te Ver­hal­tens­pflich­ten gab es im Sozi­al­recht schon in der Wei­ma­rer Zeit, in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus und unter Gel­tung des Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­set­zes. Sie rich­te­ten sich zunächst gegen "Arbeits­scheu" und boten spä­ter dem NS-Régime eine Grund­la­ge für will­kür­li­che Ver­fol­gung. Die nach 1945 bis zum Inkraft­tre­ten des Sozi­al­ge­setz­buchs Zwei­tes Buch wei­ter gel­ten­den Rege­lun­gen wur­den von den Gerich­ten aller­dings enger aus­ge­legt.

Die Reichs­ver­ord­nung über die Für­sor­ge­pflicht vom 13.02.1924 8 ermög­lich­te in § 19 eine Ver­pflich­tung zur gemein­nüt­zi­gen Arbeit; § 20 der Reichs­ver­ord­nung gab vor, dass in einer Anstalt unter­zu­brin­gen sei, wer zwar arbeits­fä­hig war, aber infol­ge eines "sitt­li­chen Ver­schul­dens" selbst der öffent­li­chen Für­sor­ge anheim­fiel oder Unter­halts­be­rech­tig­te die­ser aus­setz­te, indem er beharr­lich Arbeit ablehn­te oder sich der Unter­halts­pflicht ent­zog.

In den Reichs­grund­sät­zen über Vor­aus­set­zung, Art und Maß der öffent­li­chen Für­sor­ge vom 04.12 1924 9 nor­mier­te § 5 den Nach­rang­grund­satz: Hilfs­be­dürf­tig war danach nur, "wer den not­wen­di­gen Lebens­be­darf für sich und sei­ne unter­halts­be­rech­tig­ten Ange­hö­ri­gen nicht oder nicht aus­rei­chend aus eige­nen Kräf­ten und Mit­teln beschaf­fen kann und ihn auch nicht von ande­rer Sei­te, ins­be­son­de­re von Ange­hö­ri­gen, erhält". Nach § 13 der Reichs­grund­sät­ze waren in Fäl­len der "Arbeits­scheu" und des "offen­bar unwirt­schaft­li­chen Ver­hal­tens" die Vor­aus­set­zun­gen der Hil­fe­be­dürf­tig­keit "aufs Strengs­te zu prü­fen sowie Art und Maß der Für­sor­ge auf das zur Fris­tung des Lebens Uner­läss­li­che zu beschrän­ken". Dies galt auch, wenn Hilfs­be­dürf­ti­ge berech­tig­ten Anord­nun­gen der zustän­di­gen Stel­len "beharr­lich zuwi­der­han­del­ten".

Auf Grund­la­ge der §§ 19, 20 der Reichs­ver­ord­nung und § 13 der Reichs­grund­sät­ze prak­ti­zier­ten dann ab 1933 zahl­rei­che Städ­te die Inter­nie­rung in bereits exis­tie­ren­den Arbeits­häu­sern oder, als "Arbeits­scheue", in spe­zi­el­len "Lagern für geschlos­se­ne Für­sor­ge", die spä­ter als Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger betrie­ben wur­den 10.

Das nach der Ver­ord­nung zur Ver­ein­fa­chung des Für­sor­ge­rechts vom 07.10.1939 11 gel­ten­de Recht und die mehr­fach geän­der­te Reichs­ver­ord­nung sowie die Reichs­grund­sät­ze gal­ten dann bis zum Inkraft­tre­ten des Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­set­zes 12 wei­ter. Die­ses über­nahm in §§ 25, 26 BSHG bis 1974 den Leit­be­griff der "Arbeits­scheu" (Unter­ab­schnitt 4: Fol­gen bei Arbeits­scheu und unwirt­schaft­li­chem Ver­hal­ten) 13; kei­nen Anspruch auf Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt hat­te nach § 25 Abs. 1 Satz 1 BSHG, wer sich wei­ger­te, zumut­ba­re Arbeit zu leis­ten. Das Drit­te Gesetz zur Ände­rung des Sozi­al­hil­fe­ge­set­zes vom 25.03.1974 14 regel­te den "Aus­schluss des Anspruchs auf Hil­fe und Ein­schrän­kung der Hil­fe" und hob § 26 BSHG zur Unter­brin­gung in Arbeits­ein­rich­tun­gen wegen "beharr­li­cher" Wei­ge­rung zumut­ba­rer Arbeit auf. Ab dem 1.08.1996 sah § 25 Abs. 1 Satz 2 BSHG vor, in sol­chen Fäl­len zunächst min­des­tens 25 % des maß­ge­ben­den Regel­sat­zes zu kür­zen. Das Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz ermög­lich­te es auch von Anfang an, Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt auf das "Uner­läss­li­che" zu beschrän­ken, wenn gezielt Ver­mö­gen ver­min­dert wur­de, um Leis­tun­gen zu erlan­gen, oder trotz Beleh­rung unwirt­schaft­li­ches Ver­hal­ten fort­ge­setzt wur­de; des­glei­chen konn­ten Leis­tun­gen gemin­dert wer­den, wenn ohne wich­ti­gen Grund die Been­di­gung eines Arbeits­ver­hält­nis­ses ver­schul­det wur­de oder Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nah­men ver­wei­gert oder abge­bro­chen wur­den.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt leg­te die­se Rege­lun­gen aller­dings eng aus. Feh­len­de eige­ne Bemü­hun­gen um Arbeit recht­fer­tig­ten nur dann Absen­kun­gen, wenn sol­che Bemü­hun­gen per­sön­lich und finan­zi­ell zumut­bar waren und nach der (ört­li­chen oder regio­na­len) Arbeits­markt­la­ge auch kon­kre­te Erfolgs­aus­sich­ten gehabt hät­ten 15. Der Sozi­al­hil­fe­trä­ger muss­te zwin­gend prü­fen, ob Hil­fe­su­chen­de mit der eige­nen Arbeits­su­che über­for­dert wären. Es lag jedoch kei­ne Wei­ge­rung vor, wenn die­se zwar noch inten­si­ver hät­te aus­fal­len kön­nen, die Betrof­fe­nen sich aber ernst­haft und ziel­stre­big um einen Arbeits­platz bemüh­ten. Zudem durf­te nur sank­tio­niert wer­den, was die Betrof­fe­nen auch zu ver­tre­ten hat­ten 16, und dies hat­te der Sozi­al­hil­fe­trä­ger zu bewei­sen 17.

Auch heu­te gilt in der Sozi­al­hil­fe nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Zwölf­tes Buch – Sozi­al­hil­fe – (SGB XII), dass nach § 26 Abs. 1 Satz 1 SGB XII Leis­tun­gen auf das zum Lebens­un­ter­halt Uner­läss­li­che beschränkt wer­den sol­len, wenn erwach­se­ne Leis­tungs­be­rech­tig­te ihr Ein­kom­men oder Ver­mö­gen in der Absicht ver­min­dert haben, die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung oder Erhö­hung der Leis­tung her­bei­zu­füh­ren (Nr. 1), oder ihr unwirt­schaft­li­ches Ver­hal­ten fort­set­zen (Nr. 2). Zudem wer­den Leis­tungs­be­rech­tig­te sank­tio­niert, die ent­ge­gen ihrer Ver­pflich­tung ableh­nen, eine Tätig­keit auf­zu­neh­men oder an einer erfor­der­li­chen Vor­be­rei­tung teil­zu­neh­men; dann wird der maß­ge­ben­de Regel­be­darf nach § 39a Abs. 1 SGB XII zunächst um bis zu 25 %, bei wie­der­hol­ter Ableh­nung in wei­te­ren Stu­fen um jeweils bis zu 25 % gemin­dert. Unter­halts­be­rech­tig­te Ange­hö­ri­ge oder ande­re mit den Betrof­fe­nen in Haus­halts­ge­mein­schaft leben­de Leis­tungs­be­rech­tig­te sol­len nach § 39a Abs. 2 in Ver­bin­dung mit § 26 Abs. 1 Satz 2 SGB XII durch die Ein­schrän­kung der Leis­tung nicht getrof­fen wer­den. Die Rege­lung des § 1a Abs. 1 Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz in der vom 06.08.2016 bis 20.08.2019 gel­ten­den Fas­sung (im Fol­gen­den: Asyl­bLG a.F.) begrenzt eine Kür­zung von Leis­tun­gen auf das "im Ein­zel­fall nach den Umstän­den unab­weis­bar" Gebo­te­ne.

Der Gesetz­ge­ber hat die Grund­si­che­rung mit dem Vier­ten Gesetz für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt vom 24.12 2003 18 zum 1.01.2005 im Rah­men einer breit ange­leg­ten Reform neu gefasst, das land­läu­fig als "Hartz-IV"-Gesetz bezeich­net wird. Im Vor­der­grund steht nun mit dem ers­ten Kapi­tel – nach §§ 1, 2 SGB II – der "Grund­satz des För­derns und For­derns" 19. Mit den hier zur Über­prü­fung vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen der §§ 31, 31a, 31b SGB II schuf der Gesetz­ge­ber Mit­wir­kungs­pflich­ten ins­be­son­de­re mit dem Ziel der Auf­nah­me einer Erwerbs­ar­beit, die mit zwi­schen­zeit­lich ver­schärf­ten, zwin­gend zu ver­hän­gen­den und starr andau­ern­den Sank­tio­nen einer Min­de­rung oder des gesam­ten Weg­falls von Leis­tun­gen durch­ge­setzt wer­den.

Zunächst wur­de als Sank­ti­on eine Min­de­rung von Leis­tun­gen um 30 % des Regel­be­darfs vor­ge­ge­ben, die sich bei mehr­fa­chen Pflicht­ver­let­zun­gen ver­viel­fa­chen konn­te. Mit dem Gesetz zur Fort­ent­wick­lung der Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de vom 20.07.2006 20 wur­de dies geän­dert; nach § 31 Abs. 3 Satz 1 und 2 SGB II a.F. wur­den Regel­be­darfs­leis­tun­gen bei der ers­ten wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zung im Sin­ne des § 31 Abs. 1 SGB II nun um 60 % gemin­dert, bei einer wei­te­ren Pflicht­ver­let­zung fiel das Arbeits­lo­sen­geld II völ­lig weg.

Die­se Regeln wur­den zum 1.04.2011 neu geord­net 6. § 31 SGB II regelt seit­dem die Tat­be­stän­de der Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­an­for­de­rung, § 31a SGB II legt die leis­tungs­min­dern­den Rechts­fol­gen fest und § 31b SGB II deren Beginn und Dau­er. Die hier nicht zu über­prü­fen­den Leis­tungs­min­de­run­gen bei Mel­de­ver­säum­nis­sen fin­den sich in § 32 SGB II.

Nach § 31 Abs. 1 SGB II ver­let­zen erwerbs­fä­hi­ge Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II, die kei­nen wich­ti­gen Grund für ihr Ver­hal­ten dar­le­gen und nach­wei­sen, ihre Pflich­ten, wenn sie sich trotz Rechts­fol­gen­be­leh­rung nicht an die Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung hal­ten, wenn sie sich wei­gern, eine zumut­ba­re Arbeit, Aus­bil­dung, Arbeits­ge­le­gen­heit oder ein geför­der­tes Arbeits­ver­hält­nis auf­zu­neh­men, fort­zu­füh­ren oder deren Anbah­nung durch ihr Ver­hal­ten ver­hin­dern oder wenn sie eine zumut­ba­re Maß­nah­me zur Ein­glie­de­rung in Arbeit nicht antre­ten, abbre­chen oder Anlass für den Abbruch gege­ben haben. Rechts­fol­ge die­ser Pflicht­ver­let­zun­gen ist nach § 31a SGB II die Min­de­rung des Arbeits­lo­sen­gel­des II in einer ers­ten Stu­fe um 30 % des für die erwerbs­fä­hi­ge leis­tungs­be­rech­tig­te Per­son maß­ge­ben­den Regel­be­darfs. Bei der zwei­ten Pflicht­ver­let­zung min­dert sich der Regel­be­darf um 60 %. Bei jeder wei­te­ren wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zung ent­fällt das Arbeits­lo­sen­geld II voll­stän­dig. Die Dau­er der Min­de­rung beträgt nach § 31b SGB II drei Mona­te.

Die Vor­ga­ben zu gemäß §§ 31a, 31b SGB II sank­tio­nier­ten Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen nach § 31 Abs. 1 SGB II rich­ten sich an erwerbs­fä­hi­ge, nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch leis­tungs­be­rech­tig­te Per­so­nen. Dazu gehö­ren nach § 7 Abs. 1 Satz 1 SGB II in der im Aus­gangs­ver­fah­ren maß­geb­li­chen Fas­sung Per­so­nen, die das 15. Lebens­jahr voll­endet und die Alters­gren­zen von § 7a SGB II noch nicht erreicht haben, die erwerbs­fä­hig im Sin­ne von § 8 SGB II und hil­fe­be­dürf­tig im Sin­ne von § 9 SGB II sind und ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land haben. Wer nicht erwerbs­fä­hig ist und nicht in einer Bedarfs­ge­mein­schaft mit Erwerbs­fä­hi­gen lebt, hat grund­sätz­lich Anspruch auf Leis­tun­gen der Sozi­al­hil­fe nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Zwölf­tes Buch. Die zu über­prü­fen­den Rege­lun­gen fol­gen dem Nach­rang­grund­satz und sta­tu­ie­ren bestimm­te Ver­hal­tens­pflich­ten, deren Ver­let­zung mit gestuf­ten Leis­tungs­min­de­run­gen sank­tio­niert wird.

Der Gesetz­ge­ber hat sich im Sys­tem der Grund­si­che­rung ent­schie­den, erwerbs­fä­hi­gen Men­schen und den­je­ni­gen, die mit ihnen in einer Bedarfs­ge­mein­schaft leben, staat­li­che Leis­tun­gen wie schon nach frü­he­rem Recht nach­ran­gig zu gewäh­ren. Hil­fe­be­dürf­tig ist nach § 9 Abs. 1 SGB II nur, "wer sei­nen Lebens­un­ter­halt nicht oder nicht aus­rei­chend aus dem zu berück­sich­ti­gen­den Ein­kom­men oder Ver­mö­gen sichern kann und die erfor­der­li­che Hil­fe nicht von ande­ren, ins­be­son­de­re von Ange­hö­ri­gen oder von Trä­gern ande­rer Sozi­al­leis­tun­gen, erhält". Ein Anspruch auf Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts in Form des Arbeits­lo­sen­gel­des II nach § 19 Abs. 3 Satz 1 SGB II besteht folg­lich nur, wenn und soweit der Lebens­un­ter­halt nicht selbst gedeckt wer­den kann.

Mit dem Nach­rang­grund­satz und dem Kon­zept des "För­derns und For­derns" ver­bin­det der Gesetz­ge­ber eine akti­ve Pflicht zur Mit­wir­kung, um wie­der Ein­kom­men zu erlan­gen. Dazu sind in § 31 Abs. 1 SGB II Mit­wir­kungs­pflich­ten zur Rück­kehr in Erwerbs­ar­beit nor­miert; in § 31 Abs. 2 SGB II fin­den sich wei­te­re Ver­hal­tens­pflich­ten und in § 32 SGB II sind Mel­de­pflich­ten und Pflich­ten zur Teil­nah­me an bestimm­ten Unter­su­chun­gen gere­gelt. Vor­ga­ben zur Zumut­bar­keit der Mit­wir­kung fin­den sich ins­be­son­de­re in § 10 SGB II. Die Mit­wir­kungs­pflicht ist nach § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II zudem nicht ver­letzt, wenn ein wich­ti­ger Grund für die­ses Ver­hal­ten vor­liegt.

Die Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen des § 31 Abs. 1 SGB II kon­kre­ti­sie­ren den Grund­satz des For­derns aus § 2 SGB II, wonach Hil­fe­be­dürf­ti­ge zunächst alles unter­neh­men müs­sen, um ihre Exis­tenz durch den Ein­satz eige­ner Arbeits­kraft selbst zu sichern 21. Der Gesetz­ge­ber hat drei Fall­grup­pen gebil­det.

Auf der Grund­la­ge von § 31 Abs. 1 Nr. 1 SGB II wird gemäß § 31a Abs. 1 SGB II die Wei­ge­rung sank­tio­niert, in der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung oder in dem die­se erset­zen­den Ver­wal­tungs­akt nach § 15 Abs. 3 Satz 3 SGB II fest­ge­leg­te Pflich­ten zu erfül­len, ins­be­son­de­re in aus­rei­chen­dem Umfang Eigen­be­mü­hun­gen nach­zu­wei­sen. Eine Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung soll nach § 15 Abs. 1 Satz 2 SGB II in der damals gel­ten­den Fas­sung bestim­men, wel­che Leis­tun­gen Erwerbs­fä­hi­ge zur Ein­glie­de­rung in Arbeit erhal­ten (Nr. 1), wel­che Ein­glie­de­rungs­be­mü­hun­gen sie wie oft min­des­tens unter­neh­men müs­sen und in wel­cher Form die­se Bemü­hun­gen nach­zu­wei­sen sind (Nr. 2), und wel­che wei­te­ren Leis­tun­gen Drit­ter sie bean­tra­gen müs­sen (Nr. 3). Es han­delt sich um einen öffent­lich-recht­li­chen Ver­trag, der durch einen Ver­wal­tungs­akt ersetzt wer­den kann (§ 15 Abs. 1 Satz 6 SGB II in der Fas­sung vom 13.05.2011); ist er rechts­wid­rig, kann er eine Sank­ti­on nach § 31a SGB II nicht recht­fer­ti­gen 22. Ins­be­son­de­re müs­sen die Pflich­ten klar und ein­deu­tig bestimmt sein 23.

Nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB II gilt als Pflicht­ver­let­zung die Wei­ge­rung, eine zumut­ba­re Arbeit, Aus­bil­dung, Arbeits­ge­le­gen­heit nach § 16d SGB II oder ein nach § 16e SGB II geför­der­tes Arbeits­ver­hält­nis auf­zu­neh­men, fort­zu­füh­ren sowie deren Anbah­nung zu ver­hin­dern. Als Arbeit gel­ten jeden­falls Arbeits- oder Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se und gering­fü­gi­ge Tätig­kei­ten; ob auch selbst­stän­di­ge Tätig­keit erfasst wird, ist strei­tig 24. Arbeits­ge­le­gen­hei­ten nach § 16d SGB II sind zusätz­lich ver­rich­te­te Arbei­ten, die im öffent­li­chen Inter­es­se lie­gen und wett­be­werbs­neu­tral sind. Ein geför­der­tes Arbeits­ver­hält­nis nach § 16e SGB II dient der Ein­glie­de­rung von erwerbs­fä­hi­gen Hil­fe­be­dürf­ti­gen mit Ver­mitt­lungs­hemm­nis­sen, für die Arbeit­ge­ber einen Beschäf­ti­gungs­zu­schuss als Aus­gleich der zu erwar­ten­den Min­der­leis­tung und einen sons­ti­gen Zuschuss erhal­ten.

Nach § 31 Abs. 1 Nr. 3 SGB II gilt als Pflicht­ver­let­zung, wenn Leis­tungs­be­rech­tig­te eine zumut­ba­re Maß­nah­me zur Ein­glie­de­rung in Arbeit nach §§ 16 ff. SGB II 25 nicht antre­ten, abbre­chen oder Anlass für den Abbruch gege­ben haben.

Nach dem Wort­laut von § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und Nr. 3 SGB II darf – wie auch im Fall der all­ge­mei­nen sozi­al­recht­li­chen Mit­wir­kungs­pflich­ten nach § 65 Abs. 1 Nr. 2 SGB I, der hier ergän­zend anwend­bar ist 26 – nur eine Mit­wir­kung ver­langt wer­den, die zumut­bar ist. Hin­sicht­lich der Pflicht, an der Ein­glie­de­rung in Arbeit mit­zu­wir­ken (§ 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB II), ist das in § 10 SGB II näher gere­gelt. Nach § 10 Abs. 1 SGB II ist eine Arbeit oder Maß­nah­me zur Inte­gra­ti­on in Arbeit nicht zumut­bar, wenn kör­per­li­che, geis­ti­ge oder see­li­sche Grün­de ent­ge­gen­ste­hen (Nr. 1). Nicht zumut­bar ist eine Mit­wir­kungs­pflicht auch, wenn eine bis­he­ri­ge kör­per­lich beson­ders for­dern­de Arbeit durch die Auf­nah­me der neu­en, im Rah­men der Mit­wir­kung ange­bo­te­nen Beschäf­ti­gung wesent­lich erschwert wür­de (Nr. 2). Das gilt zudem, wenn Kin­der (Nr. 3) oder Ange­hö­ri­ge (Nr. 4) nicht mehr ver­sorgt wer­den könn­ten oder ein sons­ti­ger wich­ti­ger Grund ent­ge­gen­steht (Nr. 5). Umge­kehrt ist nach § 10 Abs. 2 SGB II zumut­bar, "schlech­te­re" Tätig­kei­ten zu über­neh­men, die der Aus­bil­dung oder frü­he­ren Tätig­keit nicht ent­spre­chen (Nr. 1), gering­er­wer­tig erschei­nen (Nr. 2), wei­ter ent­fernt aus­zu­üben sind (Nr. 3) oder zu schlech­te­ren Bedin­gun­gen (Nr. 4), oder eine ande­re, zur Exis­tenz­si­che­rung unzu­rei­chen­de Erwerbs­tä­tig­keit been­det wer­den muss, wenn nicht die Annah­me begrün­det ist, dass durch die bis­he­ri­ge Erwerbs­tä­tig­keit künf­tig die Hil­fe­be­dürf­tig­keit been­det wer­den kann (Nr. 5).

Damit besteht hier für erwerbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge kein Aus­bil­dungs- und Berufs­schutz 27, anders als in der Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung, wo ein Rest­be­rufs­schutz nicht die Art der Tätig­keit, aber die Höhe des Arbeits­ent­gel­tes nach § 140 Abs. 3 SGB III sichert.

Nach § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II liegt kei­ne Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht vor, wenn erwerbs­fä­hi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te einen "wich­ti­gen Grund" für ihr Ver­hal­ten dar­le­gen und nach­wei­sen. Damit sol­len – wie im Recht der Sperr­zei­ten (§ 159 SGB III) – beson­de­re Umstän­de erfasst wer­den, die recht­fer­ti­gen, dass die Mit­wir­kung unter­blie­ben ist 28. Hier­zu gibt es Fach­li­che Hin­wei­se bezie­hungs­wei­se Wei­sun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit, die als Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten für die Anwen­dung der §§ 31 ff. SGB II durch die­je­ni­gen Job­cen­ter (§ 6d SGB II) gel­ten, die als gemein­sa­me Ein­rich­tun­gen (§§ 6, 44b SGB II) der Agen­tur für Arbeit und des kom­mu­na­len Trä­gers arbei­ten, also nicht für die zuge­las­se­nen kom­mu­na­len Trä­ger (§ 6a SGB II). Danach soll ein wich­ti­ger Grund alles sein, was für die leis­tungs­be­rech­tig­te Per­son unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­fal­les und unter Abwä­gung mit den Inter­es­sen der All­ge­mein­heit bei einer Leis­tung aus Steu­er­mit­teln beson­de­res Gewicht hat; ein wich­ti­ger Grund lie­ge objek­tiv vor, wenn die Ein­hal­tung der auf­er­leg­ten Pflicht für die Hil­fe­be­dürf­ti­gen nicht zumut­ba­re Fol­gen hät­te. Ein wich­ti­ger Grund kön­ne im Regel­fall nur aner­kannt wer­den, "wenn die leis­tungs­be­rech­tig­te Per­son erfolg­los einen zumut­ba­ren Ver­such unter­nom­men hat, den Grund zu besei­ti­gen, zu ver­mei­den oder ein sol­cher Ver­such erfolg­los geblie­ben wäre". Es sei ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen und auch ein Irr­tum nicht zu berück­sich­ti­gen 29.

Vor der Fest­stel­lung einer Ver­let­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten gemäß § 31 Abs. 1 Satz 1 SGB II muss über deren Rechts­fol­gen belehrt wor­den sein, oder die Betrof­fe­nen müs­sen davon posi­ti­ve Kennt­nis haben. Die Rechts­fol­gen­be­leh­rung hat eine auch in der fach­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung deut­lich aus­ge­ar­bei­te­te Warn­funk­ti­on: Sie muss zeit­nah zu dem Ver­hal­ten erfol­gen, das die Sank­ti­on aus­löst, und schrift­lich das gefor­der­te Ver­hal­ten kon­kret, rich­tig, voll­stän­dig und ver­ständ­lich beschrei­ben 30. Es muss auch auf die Fol­gen wie­der­hol­ter Pflicht­ver­let­zun­gen hin­ge­wie­sen wer­den. Im Übri­gen kann nach Auf­fas­sung der Bun­des­agen­tur für Arbeit von einer Kennt­nis der Rechts­fol­gen nur dann aus­ge­gan­gen wer­den, wenn zeit­nah bereits ein­mal eine Sank­ti­on ein­trat oder ande­re Umstän­de vor­lie­gen, die als kon­kre­te Anhalts­punk­te zu doku­men­tie­ren sind 31.

Wird eine zumut­ba­re Mit­wir­kungs­an­for­de­rung nach § 31 Abs. 1 SGB II ohne wich­ti­gen Grund und trotz Rechts­fol­gen­be­leh­rung oder Kennt­nis der Rechts­fol­gen ver­letzt, muss dies nach § 31a Abs. 1 SGB II mit einer Min­de­rung der Regel­be­darfs­leis­tun­gen bis hin zum voll­stän­di­gen Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des II sank­tio­niert wer­den. Ab dem Monat, der auf das Wirk­sam­wer­den des Ver­wal­tungs­ak­tes folgt, der dies fest­stellt (§ 31b Abs. 1 Satz 1 SGB II), wird nach § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II über den Min­de­rungs­zeit­raum von drei Mona­ten zwin­gend eine gemin­der­te oder über­haupt kei­ne Geld­leis­tung aus­ge­zahlt. Das unter­schei­det sich von den all­ge­mei­nen – und ergän­zend auch im Anwen­dungs­be­reich des Sozi­al­ge­setz­buchs Zwei­tes Buch 26 gel­ten­den – Rege­lun­gen zur Ver­let­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten nach §§ 60 bis 62, 65 SGB I, wo nach § 66 Abs. 1 Satz 1 SGB I die Leis­tung ganz oder teil­wei­se ver­sagt oder ent­zo­gen wer­den kann, dies also nicht zwin­gend ist. Zudem wer­den danach nur Ver­let­zun­gen von Pflich­ten sank­tio­niert, die sich auf den Nach­weis der Vor­aus­set­zun­gen für den Leis­tungs­an­spruch bezie­hen. Ver­gleich­ba­re Vor­ga­ben fin­den sich im Recht der Arbeits­för­de­rung nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Drit­tes Buch. Dort ruht der Anspruch auf Leis­tun­gen gemäß § 159 Abs. 1 Satz 1 SGB III wäh­rend einer Sperr­zeit, wenn sich die leis­tungs­be­rech­tig­te Per­son ohne wich­ti­gen Grund ver­si­che­rungs­wid­rig ver­hält (vgl. § 159 Abs. 3 bis 6 SGB III); sie erhält dann vor­über­ge­hend weder Leis­tun­gen nach dem Drit­ten noch nach dem Zwei­ten Buch des Sozi­al­ge­setz­bu­ches (§ 31 Abs. 1 Nr. 3 SGB II).

Der Gesetz­ge­ber will durch die in §§ 31a, b SGB II vor­ge­ge­be­nen Sank­tio­nen die Mit­wir­kung nach § 31 SGB II ein­for­dern 32. Seit der Neu­fas­sung der ein­schlä­gi­gen Rege­lun­gen im Jahr 2011 sind in § 31a SGB II die Art und der Umfang der Min­de­rung fest­ge­legt: Der Gesetz­ge­ber gibt pro­zen­tua­le Min­de­rungs­stu­fen vor und unter­schei­det zwi­schen unter und über 25-jäh­ri­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten. In § 31b SGB II sind Beginn und Dau­er der Min­de­rung gere­gelt.

Die Min­de­rung nach § 31a Abs. 1 SGB II als Sank­ti­on einer nicht erfüll­ten Mit­wir­kungs­an­for­de­rung bezieht sich auf das Arbeits­lo­sen­geld II. Die­ses setzt sich nach § 19 Abs. 1 Satz 3 SGB II aus dem Regel­be­darf (§ 20 SGB II), den Mehr­be­dar­fen (§ 21 SGB II) und den tat­säch­li­chen und ange­mes­se­nen Kos­ten von Unter­kunft und Hei­zung (§ 22 SGB II) zusam­men, die erwerbs­fä­hi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts nach § 19 Abs. 1 Satz 1 SGB II erhal­ten; zusätz­lich kön­nen Dienst- und Sach­leis­tun­gen sowie Vor­schüs­se, Zuschüs­se und Dar­le­hen für beson­de­re Bedar­fe gewährt wer­den.

Grund­sätz­lich wird die Regel­be­darfs­leis­tung nach § 20 SGB II pau­schal gewährt; die Höhe legt der Gesetz­ge­ber fest. Er ist nach Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG ver­pflich­tet, die men­schen­wür­di­ge Exis­tenz jeder­zeit rea­lis­tisch zu sichern, wenn Men­schen dies selbst nicht kön­nen 33. Der Regel­be­darf umfasst nach dem hier maß­geb­li­chen § 20 Abs. 1 SGB II ins­be­son­de­re Ernäh­rung, Klei­dung, Kör­per­pfle­ge, Haus­rat, Haus­halts­ener­gie ohne die auf die Hei­zung ent­fal­len­den Antei­le, Bedar­fe des täg­li­chen Lebens sowie in ver­tret­ba­rem Umfang zur Teil­ha­be am sozia­len und kul­tu­rel­len Leben in der Gemein­schaft. Es wird nach dem Lebens­al­ter und der Lebens­si­tua­ti­on der Bedürf­ti­gen unter­schie­den. Die Höhe der Regel­be­darfs­leis­tung lag in dem im Aus­gangs­ver­fah­ren maß­geb­li­chen Zeit­raum nach § 20 Abs. 2 Satz 1 SGB II für allein­ste­hen­de über 25-jäh­ri­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge bei monat­lich 391 Euro.

Die Höhe der Min­de­rung als Sank­ti­on zur Durch­set­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht aus § 31 Abs. 1 SGB II ist in § 31a SGB II gestuft; dabei ist die Dau­er für über 25-jäh­ri­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te in § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II starr vor­ge­ge­ben.

Die Min­de­rungs­stu­fen sind in der hier gegen­ständ­li­chen Fas­sung des Geset­zes höher als zuvor; und vom Gesetz­ge­ber fest­ge­legt. Nach § 32 SGB II wird die Ver­let­zung einer Mel­de- oder Ter­mins­pflicht mit einer Min­de­rung in gerin­ge­rer Höhe (10 % des Regel­be­darfs) sank­tio­niert, was aller­dings im Wie­der­ho­lungs­fall addiert wer­den und nach § 32 Abs. 2 SGB II aus­drück­lich mit der bereits höhe­ren Min­de­rung nach § 31a Abs. 1 SGB II zusam­men­tref­fen kann. Die Stu­fen in § 31a Abs. 1 SGB II unter­schei­den sich auch von den Min­de­rungs­stu­fen in der Sozi­al­hil­fe, wo nach § 39a SGB XII Leis­tun­gen jeweils um bis zu 25 % gekürzt wer­den, wenn Bedürf­ti­ge ableh­nen, eine Tätig­keit auf­zu­neh­men oder an einer Vor­be­rei­tung teil­zu­neh­men, aber – anders als nach § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II – ins­be­son­de­re die Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung oder Mehr­be­dar­fe stets wei­ter zu zah­len sind. Des­glei­chen wer­den nach § 1a Abs. 5 in Ver­bin­dung mit § 1a Abs. 2 Satz 2 Asyl­bLG a.F. jeden­falls noch Leis­tun­gen zur Deckung des Bedarfs an Ernäh­rung und Unter­kunft ein­schließ­lich Hei­zung sowie Kör­per- und Gesund­heits­pfle­ge erbracht.

Ver­let­zen über 25-jäh­ri­ge hil­fe­be­dürf­ti­ge Erwerbs­fä­hi­ge eine in § 31 Abs. 1 SGB II benann­te Mit­wir­kungs­pflicht, wird ihr Anspruch auf Arbeits­lo­sen­geld II nach § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II zwin­gend um 30 % des für sie maß­ge­ben­den Regel­be­darfs gemin­dert.

Die­se Leis­tungs­min­de­rung um 30 % konn­te – bis zum 31.07.2016 – mit ande­ren Ver­rin­ge­run­gen des Aus­zahl­be­tra­ges zusam­men­tref­fen, wenn bei­spiels­wei­se ein Dar­le­hen zurück­ge­zahlt wer­den muss­te (§ 42a SGB II) oder mit Erstat­tungs­an­sprü­chen auf­ge­rech­net wur­de (§ 43 SGB II). Sach­leis­tun­gen nach § 31a Abs. 3 SGB II konn­ten nicht erbracht wer­den, denn die­se Norm bezog sich nur auf Fäl­le, in denen Min­de­run­gen im Sin­ne von § 31 SGB II oder nach § 32 SGB II bereits für sich genom­men, also ohne Hin­zu­tre­ten von Leis­tungs­min­de­run­gen nach §§ 42a, 43 SGB II, die Höhe von 30 % über­stie­gen. Dage­gen wur­de schon damals ein­ge­wandt, die Auf­rech­nung sei dann aus­zu­set­zen, weil Mit­tel zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums ent­zo­gen wür­den 34. Ande­re plä­dier­ten dafür, die Auf­rech­nungs­gren­ze des § 43 Abs. 2 Satz 2 SGB II ana­log anzu­wen­den 35 oder das Ermes­sen in § 43 SGB II auf null zu redu­zie­ren, die Leis­tungs­kür­zun­gen also immer zwin­gend auf 30 % zu begren­zen 36.

Seit dem 1.08.2016 37 ist nach § 43 Abs. 3 Satz 1 SGB II für Zeit­räu­me, in denen der Aus­zah­lungs­an­spruch nach § 31b Abs. 1 Satz 1 SGB II um min­des­tens 30 % gemin­dert ist, kei­ne Auf­rech­nung zuläs­sig. Fällt die Min­de­rung gerin­ger aus, ist die Auf­rech­nung nach § 43 Abs. 3 Satz 2 SGB II auf die Dif­fe­renz zwi­schen die­sem Min­de­rungs­be­trag und 30 % des Regel­be­darfs begrenzt. Dane­ben ver­weist § 42a Abs. 2 Satz 2 SGB II seit­dem auf § 43 Abs. 3 SGB II, so dass ein Dar­le­hen wäh­rend einer Min­de­rung nicht mehr getilgt wird, wenn die Leis­tun­gen ansons­ten um min­des­tens 30 % ver­rin­gert wür­den.

Wird inner­halb eines Jah­res nach Beginn des Min­de­rungs­zeit­raums (§ 31a Abs. 1 Satz 5 SGB II) noch­mals eine Mit­wir­kungs­pflicht nach § 31 SGB II ver­letzt, erhöht sich bei über 25-jäh­ri­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten die Leis­tungs­min­de­rung nach § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II bei der ers­ten Wie­der­ho­lung auf 60 %; es wer­den also nur 40 % des für sie maß­ge­ben­den Regel­be­darfs aus­ge­zahlt.

Haben über 25-jäh­ri­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te inner­halb eines Jah­res (§ 31a Abs. 1 Satz 5 SGB II) eine wei­te­re wie­der­hol­te Pflicht­ver­let­zung zu ver­ant­wor­ten, ent­fällt nach § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II das Arbeits­lo­sen­geld II voll­stän­dig. Die­se Sank­ti­on umfasst gemäß § 19 Abs. 1 Satz 3 SGB II den gesam­ten Regel­be­darf eben­so wie die Bedar­fe für Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung sowie etwai­ge Mehr­be­dar­fe nach § 21 SGB II für wer­den­de Müt­ter (Abs. 2), Allein­er­zie­hen­de (Abs. 3), für erwerbs­fä­hi­ge behin­der­te Men­schen (Abs. 4), wegen kos­ten­auf­wen­di­ger Ernäh­rung (Abs. 5) und für dezen­tra­le Warm­was­ser­auf­be­rei­tung (Abs. 7) sowie für Här­te­fäl­le (Abs. 6). Den Betrof­fe­nen wird im Min­de­rungs­zeit­raum kein Bar­geld aus­ge­zahlt.

Das unter­schei­det sich von den Vor­ga­ben im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz. Dort sind zwar eben­falls Leis­tungs­min­de­run­gen vor­ge­se­hen, wenn Mit­wir­kungs- und Mel­de­pflich­ten ver­letzt wer­den (zum Bei­spiel nach § 1a Asyl­bLG). Dann wer­den jedoch nach § 1a Abs. 2 Satz 2 Asyl­bLG wei­ter­hin Leis­tun­gen für Ernäh­rung und Unter­kunft ein­schließ­lich Hei­zung sowie für Kör­per- und Gesund­heits­pfle­ge erbracht. Man­gels Über­nah­me der Kos­ten für die Unter­kunft besteht dage­gen hier das Risi­ko der Woh­nungs­lo­sig­keit, da nach zwei Mona­ten des Rück­stands mit Miet­zah­lun­gen die frist­lo­se Kün­di­gung aus­ge­spro­chen wer­den kann (§ 543 Abs. 2 Nr. 3 BGB).

Erfasst die Sank­ti­on das gesam­te Arbeits­lo­sen­geld II, erlischt der Ver­si­che­rungs­schutz nach § 5 Abs. 1 Nr. 2a SGB V. Dann ent­steht in der Regel eine Auf­fang-Pflicht­ver­si­che­rung nach § 5 Abs. 1 Nr. 13 SGB V, oder es besteht, wenn die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, die Mög­lich­keit einer frei­wil­li­gen Mit­glied­schaft (§§ 9, 188 Abs. 4 SGB V) oder einer Fami­li­en­ver­si­che­rung (§ 10 SGB V). Für die Auf­fang­ver­si­che­rung und die frei­wil­li­ge Mit­glied­schaft (nicht aber für die Fami­li­en­ver­si­che­rung) fal­len Bei­trä­ge an; die­se müs­sen die Betrof­fe­nen grund­sätz­lich selbst tra­gen (§ 250 Abs. 2, 3 SGB V), ohne in die­ser Zeit Leis­tun­gen nach dem SGB II zu erhal­ten. Sie haben dann zwar im Fall der Hil­fe­be­dürf­tig­keit nach dem SGB II oder SGB XII auch ohne Bei­trags­zah­lung einen Anspruch auf alle Behand­lungs­leis­tun­gen der Gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (§ 16 Abs. 3a Satz 4 SGB V) 38. Doch lau­fen Bei­trags­schul­den auf. Die Über­nah­me der Bei­trä­ge nach § 26 SGB II ana­log durch das Job­cen­ter ist umstrit­ten 39.

Bei über 25-jäh­ri­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten hat der Gesetz­ge­ber durch § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II die drei­mo­na­ti­ge Dau­er einer Min­de­rung zur Sank­tio­nie­rung einer Mit­wir­kungs­pflicht starr vor­ge­ge­ben. Hier gibt es nicht die Mög­lich­keit, wie bei unter 25-Jäh­ri­gen nach § 31b Abs. 1 Satz 4 SGB II die Min­de­rung nach­träg­lich auf sechs Wochen zu ver­kür­zen, was dort im Ermes­sen steht, aber von Amts wegen auch ohne Antrag der Leis­tungs­be­rech­tig­ten zu prü­fen ist 40. Nach § 31a Abs.1 Satz 6 SGB II besteht für über 25-Jäh­ri­ge nur die Mög­lich­keit, die Min­de­rung auf den Umfang der ers­ten wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zung und damit auf 60 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs zu begren­zen, wenn nach­träg­lich die Bereit­schaft erklärt wird, die Pflicht zu erfül­len. Sie müs­sen glaub­haft dar­le­gen, dass sie gewillt sind, künf­tig ihre Oblie­gen­hei­ten zu erfül­len 41; ob die Min­de­rung dann begrenzt wird, steht im Ermes­sen der Behör­de. Anders als nach § 67 SGB I und § 1a Abs. 5 Satz 2 Asyl­bLG besteht im Übri­gen kei­ne Mög­lich­keit, Leis­tun­gen nach­träg­lich wie­der zu erbrin­gen, wenn die Mit­wir­kung nach­ge­holt wird.

Der Gesetz­ge­ber hat dar­über hin­aus für die Leis­tungs­min­de­rung bei Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht nach § 31 Abs. 1 SGB II ab einer Höhe von 60 % beglei­ten­de Vor­ga­ben gemacht, die unter bestimm­ten Bedin­gun­gen eine ande­re Aus­zah­lung, ergän­zen­de Leis­tun­gen oder Dar­le­hen ermög­li­chen.

Falls der Regel­be­darf um min­des­tens 60 % gemin­dert wird, sol­len die Leis­tun­gen für die Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung nach § 22 Abs. 1 SGB II gemäß § 31a Abs. 3 Satz 3 SGB II direkt an den Ver­mie­ter oder ande­re Emp­fangs­be­rech­tig­te gezahlt wer­den. Das soll je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls die Unter­kunft sichern, wenn die zweck­ent­spre­chen­de Ver­wen­dung der Mit­tel nicht sicher­ge­stellt ist 42. Zudem kön­nen die Abschlä­ge für Strom­zah­lun­gen in nach­ge­wie­se­ner Höhe als Zuschuss direkt an die Ener­gie­ver­sor­ger gezahlt wer­den, wenn auf­grund von Schul­den die Abstel­lung des Stroms ange­kün­digt ist 43.

Für Allein­ste­hen­de besteht bei wei­te­ren wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zun­gen aller­dings das Risi­ko der Woh­nungs­lo­sig­keit, da man­gels Anspruchs auf Kos­ten der Unter­kunft die Kün­di­gung der Woh­nung droht. Der Trä­ger der Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen kann zwar nach § 22 Abs. 8 Satz 1 SGB II durch ein Dar­le­hen Miet­schul­den über­neh­men, soweit dies zur Siche­rung der Unter­kunft oder zur Behe­bung einer ver­gleich­ba­ren Not­la­ge gerecht­fer­tigt ist. Die Schul­den sol­len nach Satz 2 über­nom­men wer­den, wenn dies gerecht­fer­tigt und not­wen­dig ist und sonst Woh­nungs­lo­sig­keit droht 44. Jedoch müs­sen die Miet­schul­den nach dem Wort­laut des Geset­zes bereits ent­stan­den sein, also nicht nur künf­tig dro­hen, und sie wer­den nur über­nom­men, wenn die Woh­nung so auch dau­er­haft gesi­chert wer­den kann 45. Ein Dar­le­hen kann daher nicht schon bewil­ligt wer­den, wenn das Arbeits­lo­sen­geld II ent­fällt und aus Sicht der Betrof­fe­nen das Risi­ko des Woh­nungs­ver­lus­tes ent­steht.

Durch ein Dar­le­hen wird der Ver­lust der Leis­tun­gen auch nicht kom­pen­siert, son­dern zeit­lich auf die Rück­zah­lung ver­la­gert. Die Pra­xis vari­iert. So beja­hen Sozi­al­ge­rich­te zwar einen Anspruch dar­auf, die Miet­schul­den ohne Rück­sicht auf die Grün­de und damit auch bei Sank­tio­nen dar­le­hens­wei­se zu über­neh­men 46. Doch wer­den Miet­schul­den in der Pra­xis nicht immer über­nom­men, wenn sie durch Sank­tio­nen ent­stan­den sind 47. Die Sozi­al­ge­rich­te ver­nei­nen zudem einen Anspruch auf Über­nah­me der Miet­schul­den, wenn sol­che Schul­den wie­der­holt ent­ste­hen und kein Wil­le erkenn­bar ist, dies zu ver­mei­den 48.

Die Recht­spre­chung ist Belas­tun­gen ent­ge­gen­ge­tre­ten, die aus dem Ver­lust der Kos­ten der Unter­kunft für Mit­glie­der einer Bedarfs­ge­mein­schaft ent­ste­hen. So hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­den, dass, wenn die Leis­tung mit der drit­ten Pflicht­ver­let­zung um 100 % gemin­dert wird und der Anspruch auf die Kos­ten der Unter­kunft ent­fällt, in einer Bedarfs­ge­mein­schaft vom sonst gel­ten­den "Kopf­teil­prin­zip" abge­wi­chen wer­den kann, womit höhe­re Leis­tun­gen an die wei­te­ren Bedarfs­ge­mein­schafts­mit­glie­der bewil­ligt wer­den kön­nen, um vor Woh­nungs­lo­sig­keit zu schüt­zen 49.

Wer­den die maß­ge­ben­den Regel­be­darfs­leis­tun­gen um mehr als 30 % gemin­dert, steht es nach § 31a Abs. 3 Satz 1 SGB II im Ermes­sen des Trä­gers, nun ergän­zen­de Sach­leis­tun­gen oder "geld­wer­te Leis­tun­gen" in ange­mes­se­nem Umfang zu erbrin­gen. Ein Anspruch auf die­se ergän­zen­den Leis­tun­gen besteht nach § 31a Abs. 3 Satz 2 SGB II nur, wenn Leis­tungs­be­rech­tig­te mit min­der­jäh­ri­gen Kin­dern zusam­men­le­ben 50.

In der Pra­xis han­delt es sich bei den ergän­zen­den Leis­tun­gen um Gut­schei­ne, die teil­wei­se auf bestimm­te Ver­kaufs­stel­len und auf bestimm­te Waren wie Lebens­mit­tel und Hygie­ne­ar­ti­kel beschränkt sind 51.

Der Gesetz­ge­ber hat die Höhe der ergän­zen­den Leis­tun­gen nicht selbst bestimmt, aber in § 31a Abs. 3 Satz 1 SGB II vor­ge­ge­ben, dass der Aus­gleich "in ange­mes­se­nem Umfang" erfol­gen soll. Nach den Fach­li­chen Wei­sun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit (Fach­li­che Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.52, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017) sind die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se zu beach­ten. So sei zu berück­sich­ti­gen, ob sofort ver­wert­ba­res Schon­ver­mö­gen oder sons­ti­ge Ein­nah­men zur Ver­fü­gung ste­hen. Umge­kehrt sei Ver­schul­dungs­pro­ble­men zum Bei­spiel auf­grund von Bei­trags­zah­lun­gen für den Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­schutz oder eine dro­hen­de Woh­nungs­lo­sig­keit Rech­nung zu tra­gen. Den Leis­tungs­be­rech­tig­ten sol­le ermög­licht wer­den, ver­füg­ba­res Ein­kom­men oder Ver­mö­gen vor­ran­gig zur Siche­rung der Unter­kunft ein­zu­set­zen. Des Wei­te­ren wird als Ori­en­tie­rungs­wert für die Bemes­sung die Höhe eines hal­ben Regel­be­darfs für Allein­ste­hen­de ange­ge­ben, der ins­ge­samt min­des­tens ver­blei­ben soll 52. Unab­hän­gig vom Zeit­punkt eines Antrags sol­len ergän­zen­de Leis­tun­gen dann für den gesam­ten Leis­tungs­zeit­raum erbracht wer­den und nur in Ein­zel­fäl­len antei­lig.

Wei­te­re Rege­lun­gen ermög­li­chen Dar­le­hen für beson­de­re Bedar­fe. Nach § 24 Abs. 1 SGB II besteht im Ein­zel­fall die Mög­lich­keit, auf Antrag Dar­le­hen zu gewäh­ren, wenn ein vom Regel­be­darf umfass­ter, "nach den Umstän­den unab­weis­ba­rer Bedarf" sonst nach­weis­lich nicht gedeckt wer­den kann. Auf die­se Mög­lich­keit wird hier von der Bun­des­re­gie­rung ver­wie­sen, weil damit Leis­tungs­min­de­run­gen abge­mil­dert wer­den könn­ten. Das Dar­le­hen muss jedoch spä­ter zurück­ge­zahlt wer­den; das geschieht ab dem Monat, der auf die Aus­zah­lung folgt, durch monat­li­che Auf­rech­nung in Höhe von 10 % des Regel­be­darfs (§ 42a Abs. 2 Satz 1 SGB II). Damit wird die Leis­tungs­min­de­rung nicht aus­ge­gli­chen, son­dern als Min­de­rung in Höhe von 10 % zeit­lich ver­la­gert.

Vor einer Min­de­rung von Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen zur Durch­set­zung von zumut­ba­ren Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen müs­sen bestimm­te Ver­fah­rens­re­geln beach­tet wer­den, die ins­be­son­de­re dazu die­nen, den Betrof­fe­nen zu ermög­li­chen, die Sank­tio­nen zu ver­mei­den.

Die Min­de­rung von Leis­tun­gen zur Durch­set­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht setzt nach § 31 Abs. 1 Satz 1 SGB II zunächst vor­aus, dass zuvor über die Rechts­fol­gen einer Pflicht­ver­let­zung schrift­lich belehrt wur­de oder die Leis­tungs­be­rech­tig­ten die Rechts­fol­gen kann­ten.

Die Leis­tungs­be­rech­tig­ten müs­sen dann ange­hört wer­den, bevor eine Min­de­rung der Leis­tun­gen zur Durch­set­zung einer zumut­ba­ren Mit­wir­kung fest­ge­stellt wird. Die Anhö­rung ist nach den Wei­sun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit mög­lichst schrift­lich durch­zu­füh­ren oder, soweit sie münd­lich erfolgt, zu doku­men­tie­ren 53. In der Anhö­rung sei dar­auf hin­zu­wei­sen, dass auf Antrag ergän­zend Sach­leis­tun­gen bezo­gen wer­den kön­nen und dass bei Weg­fall des Anspruchs auf Arbeits­lo­sen­geld II zwar der Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­schutz erhal­ten blei­be, aber Bei­trags­schul­den ent­stün­den, was dann ver­mie­den wer­den kön­ne 54.

Für alle Umstän­de, die für den Ein­tritt einer Min­de­rung maß­geb­lich sind, gilt grund­sätz­lich der aus dem Grund­satz der Amts­er­mitt­lung nach § 40 Abs. 1 Satz 1 SGB II in Ver­bin­dung mit § 20 SGB X fol­gen­de Unter­su­chungs­grund­satz. Soweit ein wich­ti­ger Grund, der nach § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II eine Pflicht­ver­let­zung ent­fal­len lässt und damit auch einer Sank­ti­on ent­ge­gen­steht, in der Sphä­re der Leis­tungs­be­rech­tig­ten liegt, haben die­se ihn dar­zu­le­gen und nach­zu­wei­sen. Damit ist die Pflicht des Leis­tungs­trä­gers zur Erfor­schung des Sach­ver­halts jedoch nicht auf­ge­ho­ben 55. Eine Beweis­last­um­kehr besteht, soweit sich die in der Sphä­re der Leis­tungs­be­rech­tig­ten lie­gen­den Tat­sa­chen auch durch Amts­er­mitt­lung nicht auf­klä­ren las­sen 56.

Die Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht ist schließ­lich durch Ver­wal­tungs­akt fest­zu­stel­len und der Umfang der Min­de­rung durch Auf­he­bung des Leis­tungs­be­schei­des in Höhe des Min­de­rungs­be­tra­ges nach § 48 Abs. 1 Satz 1 SGB X vor­zu­neh­men 57. Die Sank­ti­ons­ent­schei­dung ist in den Leis­tungs­un­ter­la­gen aus­führ­lich zu doku­men­tie­ren 58.

Rechts­be­hel­fe gegen einen Leis­tungs­min­de­rungs­be­scheid haben nach § 39 Nr. 1 SGB II (wie auch nach § 11 Abs. 4 Asyl­bLG) kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung.

Dane­ben ist das Uni­ons­recht mit Blick auf die hier zu über­prü­fen­den sank­tio­nier­ten Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen des Grund­si­che­rungs­rechts für Erwerbs­fä­hi­ge im Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch nicht von Bedeu­tung. Gegen­stand die­ses Ver­fah­rens ist nicht die Koor­di­nie­rung von Sozi­al­leis­tun­gen in der Euro­päi­schen Uni­on, da kein grenz­über­schrei­ten­der Sach­ver­halt betrof­fen ist.

ALG II-Sank­tio­nen in der Pra­xis[↑]

Zwar hat der Gesetz­ge­ber in § 55 SGB II vor­ge­ge­ben, dass die Wir­kun­gen der Leis­tun­gen zur Ein­glie­de­rung und der Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts regel­mä­ßig und zeit­nah zu unter­su­chen sind, doch liegt eine sol­che umfas­sen­de Unter­su­chung für sank­tio­nier­te Mit­wir­kungs­pflich­ten nach §§ 31, 31a, 31b SGB II nicht vor. Aus den sons­ti­gen Stu­di­en und den Stel­lung­nah­men in die­sem Ver­fah­ren ergibt sich ein hete­ro­ge­nes, viel­fach aber ins­be­son­de­re zu den Wir­kun­gen der Mit­wir­kungs­pflich­ten und der Sank­tio­nen nicht durch trag­fä­hi­ge Daten gefüll­tes Bild.

Die Pra­xis der Sank­tio­nie­rung erscheint ins­ge­samt unein­heit­lich 59. Umfang­rei­che Stu­di­en kom­men zu dem Schluss, es hän­ge ent­schei­dend vom jewei­li­gen Job­cen­ter ab, ob eine Leis­tungs­min­de­rung tat­säch­lich ver­hängt wer­de; die Sank­ti­ons­ra­te vari­ie­re nach Alter, Qua­li­fi­ka­ti­on, Geschlecht und Lebens­si­tua­ti­on sowie nach dem Arbeits­markt 60.

Die Grün­de, auf die zurück­ge­führt wird, dass Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen aus § 31 Abs. 1 SGB II nicht erfüllt wer­den, sind viel­fäl­tig. Sie rei­chen von Unwil­len über Unver­mö­gen bis zur sub­jek­tiv emp­fun­de­nen oder objek­tiv vor­lie­gen­den Unmög­lich­keit, die Mit­wir­kungs­pflich­ten zu erfül­len; wie genau sie ver­teilt sind, ist nicht bekannt. Es wird dar­ge­legt, dass oft die Lebens­um­stän­de ent­ge­gen­stün­den; es lägen Kom­pe­tenz­de­fi­zi­te vor, nicht aber man­geln­de Eigen­ver­ant­wor­tung oder man­geln­de Arbeits­be­reit­schaft; dazu kämen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­run­gen zwi­schen den Hil­fe­be­dürf­ti­gen und Behör­den 61. In der münd­li­chen Ver­hand­lung wur­de erläu­tert, dass dabei auch über­zo­ge­ne Anspruchs­hal­tun­gen eben­so wie der Ein­druck behörd­li­cher Will­kür eine Rol­le spiel­ten; zudem wur­de mehr­fach dar­auf hin­ge­wie­sen, die hier zu über­prü­fen­den Leis­tungs­min­de­run­gen trä­fen gera­de psy­chisch stark belas­te­te Men­schen 62. Unter Ver­weis auf Daten der Kran­ken­kas­sen wird zwar dar­ge­legt, dass es bei jeder drit­ten nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch Leis­tun­gen bezie­hen­den Per­son inner­halb eines Jah­res eine ärzt­lich fest­ge­stell­te psych­ia­tri­sche Dia­gno­se gebe 63. Bei vie­len Men­schen sei aller­dings schwer zu unter­schei­den, ob eine psy­chi­sche Erkran­kung oder Belas­tung vor­lie­ge oder schlicht Unwil­lig­keit, Mit­wir­kungs­pflich­ten zu erfül­len, und es wer­de unein­heit­lich damit umge­gan­gen, ob eine psy­chi­sche Erkran­kung ein wich­ti­ger Grund sei, um von Leis­tungs­min­de­run­gen abzu­se­hen 64.

Der­zeit lie­gen aus­weis­lich der in die­ses Ver­fah­ren auf kon­kre­te Nach­fra­gen ein­ge­brach­ten Stel­lung­nah­men und der münd­li­chen Ver­hand­lung kei­ne ein­deu­ti­gen empi­ri­schen und nach der Höhe der Leis­tungs­min­de­rung dif­fe­ren­zie­ren­den Erkennt­nis­se zu den Wir­kun­gen der in §§ 31a, 31b SGB II nor­mier­ten Sank­tio­nen vor. Die vor­lie­gen­den Stu­di­en und Unter­su­chun­gen tren­nen zudem weit­ge­hend nicht nach der ver­letz­ten Pflicht, auf die sich eine Sank­ti­on bezieht, und umfas­sen viel­fach auch die Pflich­ten nach § 31 Abs. 2 SGB II sowie die Mel­de­ver­säum­nis­se nach § 32 SGB II. Sie dif­fe­ren­zie­ren weit­ge­hend auch nicht nach dem Alter der Betrof­fe­nen. Zur Pra­xis der ergän­zen­den Sach­leis­tun­gen nach § 31a Abs. 3 SGB II feh­len jed­we­de Daten.

Die For­schungs­la­ge ist ins­be­son­de­re in den Metho­den, der Reprä­sen­ta­ti­vi­tät und Aus­sa­ge­kraft und in den Ergeb­nis­sen unein­heit­lich. Es wird daher auch immer wie­der auf die unbe­frie­di­gen­de Daten­la­ge hin­ge­wie­sen. So las­se sich eine Kau­sa­li­tät zwi­schen Leis­tungs­min­de­rung und der Arbeits­su­che und dem Über­gang in Beschäf­ti­gung nicht bele­gen 65. Ob ver­häng­te Sank­tio­nen die Mit­wir­kungs­be­reit­schaft durch eine Inten­si­vie­rung der Arbeits­su­che erhö­hen, ist bis­lang empi­risch nicht belegt. Eben­so ist bis­lang nicht unter­sucht und auf­grund der ubi­qui­tä­ren Wir­kung auch kaum veri­fi­zier­bar, wie hoch die soge­nann­te ex ante-Wir­kung von Sank­tio­nen, also der Effekt schon auf­grund ihrer Exis­tenz oder Andro­hung, auf die Mit­wir­kungs­be­reit­schaft ein­zu­schät­zen ist 66.

Es gibt indes meh­re­re Stu­di­en, die posi­ti­ve Wir­kun­gen einer Leis­tungs­min­de­rung benen­nen. Aus­weis­lich einer rein quan­ti­ta­ti­ven Stu­die erhö­hen Leis­tungs­min­de­run­gen die Wahr­schein­lich­keit der Beschäf­ti­gungs­auf­nah­me leicht 67. Eine ande­re Stu­die gelangt zu dem Ergeb­nis, dass die Wahr­schein­lich­keit, eine sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Tätig­keit auf­zu­neh­men, mit einer Sank­ti­on sogar um mehr als 50 % stei­ge 68. Das Insti­tut für Arbeits­markt- und Berufs­for­schung der Bun­des­agen­tur für Arbeit sieht eine gewis­se empi­ri­sche Evi­denz dafür, dass Sank­tio­nen in der Grund­si­che­rung Fehl­an­rei­zen ent­ge­gen­wir­ken und inten­dier­te Beschäf­ti­gungs­ef­fek­te ent­fal­ten könn­ten 69. Auch fin­den sich Hin­wei­se dar­auf, dass die Andro­hung hoher Sank­tio­nen davon abschre­cken kann, Mit­wir­kungs­pflich­ten zu ver­let­zen; in einem Sys­tem ohne Sank­tio­nen sei davon aus­zu­ge­hen, dass sich Men­schen anders ver­hiel­ten, näm­lich höhe­re Anspruchs­löh­ne sowie eine gerin­ge­re Such­in­ten­si­tät auf­wei­sen wür­den 70.

In einer wei­te­ren Stel­lung­nah­me im Rah­men einer Anhö­rung zu Anträ­gen der Bun­des­tags­frak­ti­on Die Lin­ke 71 und der Bun­des­tags­frak­ti­on Bünd­nis 90/​Die Grü­nen 72 wird dar­ge­legt, dass die For­schung zu Sank­tio­nen posi­ti­ve arbeits­markt­po­li­ti­sche Wir­kun­gen zei­ge, ins­be­son­de­re den beschleu­nig­ten Über­gang in Beschäf­ti­gung. Leis­tungs­min­de­run­gen könn­ten die rich­ti­gen Anrei­ze set­zen und auch Ver­hal­tens­än­de­run­gen bewir­ken. Zur Ver­mei­dung beson­de­rer Här­ten soll­ten jedoch schwer­wie­gen­de Fol­gen einer Leis­tungs­min­de­rung wie der Woh­nungs­ver­lust ver­mie­den, das Maß der Min­de­rung stär­ker von der Art des Ver­sto­ßes abhän­gig gemacht und bei wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zun­gen inner­halb eines Jah­res die Min­de­rungs­wir­kung nicht durch eine höhe­re Min­de­rung, son­dern durch eine län­ge­re Dau­er gewähr­leis­tet wer­den 73.

Dane­ben fin­det sich der gemisch­te Befund, dass bei unter 25-Jäh­ri­gen ein posi­ti­ver Zusam­men­hang zwi­schen Sank­ti­ons­er­fah­rung und Arbeits­su­che sicht­bar wer­de, bei älte­ren Leis­tungs­be­zie­hern von Sank­tio­nen aber kei­ne sub­stan­ti­ell posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen auf die Mit­wir­kungs­be­reit­schaft in Gestalt einer Inten­si­vie­rung der Arbeits­su­che aus­gin­gen 74.

Meh­re­re Stu­di­en legen nega­ti­ve Wir­kun­gen der Sank­tio­nen auf Betrof­fe­ne dar. Dazu gehö­ren der sozia­le Rück­zug und Iso­la­ti­on, Obdach­lo­sig­keit, schwer­wie­gen­de psy­cho­so­ma­ti­sche Erkran­kun­gen oder Kri­mi­na­li­tät zur Erschlie­ßung alter­na­ti­ver Ein­kom­mens­quel­len 75. Beson­ders pro­ble­ma­tisch sei­en die Gefahr von Klein­kri­mi­na­li­tät, Schwarz­ar­beit oder Ver­schul­dung, der Kon­takt­ab­bruch von Leis­tungs­be­rech­tig­ten zum SGB-II-Trä­ger, Fehl­ent­schei­dun­gen bei psy­chisch Beein­träch­tig­ten und die Betrof­fen­heit der Bedarfs­ge­mein­schaft 76. Auch die Unter­su­chung zur Erfor­schung der Ursa­chen und Aus­wir­kun­gen von Sank­tio­nen nach § 31 SGB II und nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Drit­tes Buch von Apel/​Engels 2013 gelangt zu dem Ergeb­nis, dass Sank­tio­nen see­li­sche Pro­ble­me ver­stärk­ten, zum sozia­len Rück­zug führ­ten 77 und Ver­schul­dungs­ri­si­ken auf­tre­ten könn­ten, weil unter ande­rem Mie­te und Strom nicht mehr regel­mä­ßig bezahlt wür­den 78. Bei über 25-Jäh­ri­gen ste­he die aktu­el­le Arbeits­su­che in kei­nem posi­ti­ven, son­dern in einem eher nega­ti­ven Zusam­men­hang mit der Sank­ti­ons­er­fah­rung 79. Nega­ti­ve Neben­wir­kun­gen sei­en jeden­falls nicht aus­zu­schlie­ßen 80.

Beson­ders kri­tisch bewer­ten Fach­kräf­te die Totalsank­ti­on bei wie­der­hol­ter grö­ße­rer Pflicht­ver­let­zung, bei der nicht nur die Regel­leis­tung, son­dern auch die Leis­tung für Mie­te und Hei­zung gestri­chen wird 81. Nach einer Leis­tungs­min­de­rung erhö­he sich die Wahr­schein­lich­keit, das Sozi­al­sys­tem nicht in Erwerbs­ar­beit zu ver­las­sen, son­dern den Kon­takt zum Job­cen­ter abzu­bre­chen und dann ohne des­sen Unter­stüt­zung zu leben 82. Star­re Sank­tio­nen wür­den dann ihren Zweck kon­ter­ka­rie­ren 83. In Inter­views zeig­te sich, dass wie­der­hol­te Sank­ti­on nur in weni­gen Fäl­len zur Mit­wir­kung führ­te 84. Zudem sei­en nega­ti­ve Effek­te auf Dau­er und Lohn­hö­he der zur Ver­mei­dung von Sank­tio­nen wahr­ge­nom­me­nen Beschäf­ti­gung erkenn­bar 85.

Dar­über hin­aus wird mehr­fach berich­tet, dass in der Pra­xis tat­säch­lich gesetz­lich nicht vor­ge­se­he­ne Ermes­sens­spiel­räu­me in Anspruch genom­men wer­den, weil eine recht­lich gebo­te­ne Sank­tio­nie­rung tat­säch­lich kei­nen Sin­ne mache, denn sie errei­che das Gegen­teil von dem, was eigent­lich bezweckt sei 86.

Der Vor­la­ge­be­schluss des Sozi­al­ge­richts Gotha[↑]

Das zustän­di­ge Job­cen­ter ver­häng­te gegen den Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens zunächst eine Sank­ti­on der Min­de­rung des maß­geb­li­chen Regel­be­dar­fes in Höhe von 30 %, nach­dem die­ser als aus­ge­bil­de­ter Lage­rist gegen­über einem ihm durch das Job­cen­ter ver­mit­tel­ten Arbeit­ge­ber geäu­ßert hat­te, kein Inter­es­se an der ange­bo­te­nen Tätig­keit im Lager zu haben, son­dern sich für den Ver­kaufs­be­reich bewer­ben zu wol­len. Nach­dem der Klä­ger einen Akti­vie­rungs- und Ver­mitt­lungs­gut­schein für eine prak­ti­sche Erpro­bung im Ver­kaufs­be­reich nicht ein­ge­löst hat­te, min­der­te das Job­cen­ter den Regel­be­darf um 60 %. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruch erhob er Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Gotha.

Mit Beschluss vom 26.05.2015 leg­te das Sozi­al­ge­richt Gotha die §§ 31 bis 31b SGB II dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit der Fra­ge vor, ob die­se mit Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG sowie mit Art. 12 Abs. 1 und mit Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG zu ver­ein­ba­ren sei­en. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt stell­te dar­auf­hin die Unzu­läs­sig­keit der Vor­la­ge fest 87; es feh­le an hin­rei­chen­den Dar­le­gun­gen zur Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit, da die Recht­mä­ßig­keit der Sank­ti­on mit Blick auf die Rechts­fol­gen­be­leh­rung nicht geklärt sei.

Das Sozi­al­ge­richt Gotha hat sodann am 2.08.2016 auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung (erneut) beschlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des § 31a in Ver­bin­dung mit §§ 31, 31b SGB II zur Ent­schei­dung vor­zu­le­gen 1. Es hör­te den Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens zu sei­ner Kennt­nis der Rechts­fol­gen der streit­ge­gen­ständ­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung an. Die­ser erklär­te, wie­der­holt Adres­sat einer Leis­tungs­min­de­rung gewor­den zu sein und sich mit ein­schlä­gi­ger Lite­ra­tur aus­ein­an­der­ge­setzt zu haben. Er habe sich zudem sehr gut an Gesprä­che mit Mit­ar­bei­tern des Job­cen­ters im Zusam­men­hang mit Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­run­gen erin­nern kön­nen, in denen ihm Kür­zun­gen des Leis­tungs­an­spru­ches um 30 % bezie­hungs­wei­se 60 % in Aus­sicht gestellt wor­den sei­en.

Das Sozi­al­ge­richt Gotha ist über­zeugt, die Rege­lun­gen in § 31a in Ver­bin­dung mit § 31 und § 31b SGB II sei­en ver­fas­sungs­wid­rig.

Sie ver­stie­ßen gegen Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG. Gemes­sen an den Maß­ga­ben zum ein­heit­li­chen Grund­rechts­schutz, der die phy­si­sche Exis­tenz und die Mög­lich­keit zur Pfle­ge zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen sowie zu einem Min­dest­maß an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben umfas­se, gestal­te­ten §§ 31 ff. SGB II die Grund­si­che­rung für erwerbs­fä­hi­ge Men­schen man­gel­haft aus. Schon die Kop­pe­lung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen an ein bestimm­tes Ver­hal­ten der Betrof­fe­nen ver­sto­ße gegen die grund­ge­setz­li­chen Vor­ga­ben. Das Exis­tenz­mi­ni­mum sei nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unab­hän­gig von den Grün­den der Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu gewäh­ren. Es dür­fe daher nicht von einer Mit­wir­kung abhän­gig gemacht wer­den. Selbst bewuss­te Zuwi­der­hand­lun­gen gegen den Selbst­hil­fe­grund­satz müss­ten hin­ge­nom­men wer­den.

Die bei einer Sank­ti­on ver­blei­ben­de Leis­tung sei nicht bedarfs­ori­en­tiert berech­net, son­dern will­kür­lich bestimmt. Das vom Gesetz­ge­ber fest­ge­leg­te Exis­tenz­mi­ni­um sei aber schon denklo­gisch nicht unter­schreit­bar. Es müs­se in jedem Fall und zu jeder Zeit gewähr­leis­tet sein. Leis­tungs­min­de­run­gen ab 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs unter­schrit­ten die not­wen­di­gen Bedar­fe evi­dent. Die Sach­leis­tun­gen nach § 31a Abs. 3 Satz 1 SGB II kom­pen­sier­ten das nicht, denn schon die Wei­sun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit begrenz­ten ihren Umfang, sie sei­en antrags­ab­hän­gig und stün­den im Ermes­sen, wür­den also nicht durch den Gesetz­ge­ber, son­dern von der Ver­wal­tung bestimmt.

Die Rege­lun­gen ver­stie­ßen gegen das Grund­recht der Berufs­frei­heit aus Art. 12 GG. Schon die Droh­wir­kung der Min­de­rungs­mög­lich­keit nach §§ 31 ff. SGB II beein­träch­ti­ge die dort geschütz­te Frei­heit. Der damit bewirk­te Arbeits­zwang sei auch nicht gerecht­fer­tigt. Die Min­de­run­gen sei­en schon nicht geeig­net, Leis­tungs­emp­fän­ger an den Arbeits­markt her­an­zu­füh­ren, kein mil­des­tes Mit­tel und unan­ge­mes­sen.

Die Min­de­rungs­re­ge­lun­gen ver­letz­ten die Schutz­pflicht aus Art. 2 Abs. 2 GG. Der Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des II kön­ne zum Weg­fall des Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­schut­zes füh­ren, bei Schwan­ge­ren ent­fal­le der Mehr­be­darf und eine man­gel­haf­te Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln habe gesund­heits­schäd­li­che Fol­gen.

Eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung oder Anwen­dung der Min­de­rungs­re­ge­lun­gen sei aus­ge­schlos­sen. Dem ste­he der Wort­laut ent­ge­gen. Vor­schlä­ge aus Fach­li­te­ra­tur und Recht­spre­chung bezö­gen sich nur auf kom­pen­sa­to­ri­sche Leis­tun­gen in bestimm­ten Fäl­len, lös­ten das Pro­blem aber nicht.

Die Ent­schei­dung über die Kla­ge hän­ge von der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der vor­ge­leg­ten Nor­men ab. Die zuläs­si­ge Anfech­tungs­kla­ge sei in der Sache unbe­grün­det, wenn die­se ver­fas­sungs­kon­form wären, denn die ange­foch­te­nen Min­de­rungs­be­schei­de sei­en dann recht­mä­ßig. For­mel­le Rechts­feh­ler sei­en nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re sei der Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens vor Erlass des Min­de­rungs­be­schei­des nach § 24 SGB X ange­hört wor­den. Auch Anhalts­punk­te für Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der Rechts­fol­gen­be­leh­rung bestün­den nicht; der Klä­ger habe im Übri­gen Kennt­nis von den Rechts­fol­gen sei­nes Han­delns gehabt. Er habe ein zumut­ba­res Arbeits­an­ge­bot abge­lehnt und damit eine Pflicht nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB II ver­letzt. Er habe inner­halb eines Jah­res eine ers­te wie­der­hol­te Pflicht­ver­let­zung im Sin­ne des § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB II began­gen, denn er habe gegen eine Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung nach § 15 Abs. 1 Satz 6 SGB II ver­sto­ßen, indem er einen Akti­vie­rungs- und Ver­mitt­lungs­gut­schein mit dem Ziel der prak­ti­schen Erpro­bung bei einem selbst­ge­wähl­ten Arbeit­ge­ber im Bereich Ver­kauf nicht ein­ge­löst habe.

Stel­lung­nah­men zum Vor­la­ge­be­schluss[↑]

Zu dem Vor­la­ge­be­schluss haben das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les namens der Bun­des­re­gie­rung, das Bun­des­so­zi­al­ge­richt, der Frei­staat Thü­rin­gen, die Bun­des­agen­tur für Arbeit, der Deut­sche Land­kreis­tag, der Deut­sche Städ­te­tag, die Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Arbeit­ge­ber­ver­bän­de, der Deut­sche Anwalt­ver­ein, der Deut­sche Sozi­al­ge­richts­tag, der Deut­sche Gewerk­schafts­bund, der Deut­sche Cari­tas­ver­band, die Dia­ko­nie Deutsch­land, der Pari­tä­ti­sche Gesamt­ver­band, der Deut­scher Ver­ein für öffent­li­che und pri­va­te Für­sor­ge, Tache­les e.V., der Sozi­al­ver­band Deutsch­land und der Sozi­al­ver­band VdK inhalt­lich Stel­lung genom­men.

Die Bun­des­re­gie­rung hält die Vor­la­ge für unzu­läs­sig, hilfs­wei­se für unbe­grün­det. Die Rege­lun­gen sei­en mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar. Die Men­schen­wür­de­ga­ran­tie sei auch durch Eigen­ver­ant­wor­tung geprägt. Die Aus­ge­stal­tung der Sank­tio­nen genü­ge dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz.

Die Bun­des­agen­tur für Arbeit hebt die Funk­ti­on der Sank­tio­nen als wich­ti­ges Len­kungs­in­stru­ment her­vor. Die For­schungs­er­geb­nis­se deu­te­ten dar­auf hin, dass sie posi­ti­ve Wir­kun­gen zeig­ten. Sie ergänz­te aller­dings in der münd­li­chen Ver­hand­lung, dass es der Sank­ti­on des voll­stän­di­gen Weg­falls der Leis­tun­gen nicht bedür­fe, weil sie oft kon­tra­pro­duk­tiv wir­ke.

Auch die Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Arbeit­ge­ber­ver­bän­de hält die vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen – ins­be­son­de­re mit Blick auf den Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers und einer aus Art. 1 Abs. 1 GG fol­gen­den Selbst­hil­fe­o­b­lie­gen­heit – für ver­fas­sungs­ge­mäß.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ver­weist dar­auf, dass der 14. Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Leis­tungs­min­de­rung um 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs für ver­fas­sungs­ge­mäß gehal­ten habe 88. An die Fest­stel­lung einer Oblie­gen­heits­ver­let­zung als Vor­aus­set­zung für eine Leis­tungs­min­de­rung oder einen ‑weg­fall wür­den hohe Anfor­de­run­gen gestellt. Die Recht­spre­chung habe zudem Fol­gen eines Weg­falls des Arbeits­lo­sen­gel­des II für Ange­hö­ri­ge der Bedarfs­ge­mein­schaft abge­mil­dert.

Der Deut­sche Land­kreis­tag hält die vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen für ver­fas­sungs­ge­mäß, denn das Grund­ge­setz for­de­re kei­ne vor­aus­set­zungs­lo­sen Sozi­al­leis­tun­gen. Ohne die Sank­tio­nen sei eine nach­hal­ti­ge Inte­gra­ti­ons­ar­beit in den Arbeits­markt stark ein­ge­schränkt. Der Deut­sche Städ­te­tag trägt vor, dass die Wir­kun­gen von Sank­tio­nen als über­wie­gend posi­tiv beschrie­ben wür­den.

Der Frei­staat Thü­rin­gen führt aus, er habe in – erfolg­lo­sen – Geset­zes­in­itia­ti­ven zur Ent­schär­fung des Sank­ti­ons­rechts bezie­hungs­wei­se zur Abschaf­fung der Sank­tio­nen im Bun­des­rat die Ver­ein­bar­keit der Sank­ti­ons­re­ge­lun­gen im Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch mit dem Grund­ge­setz in Zwei­fel gezo­gen.

Der Deut­sche Anwalt­ver­ein berich­tet von Pro­ble­men der Pra­xis. So sei­en Per­so­nen mit mul­ti­plen Ver­mitt­lungs­hin­der­nis­sen beson­ders häu­fig von Sank­tio­nen betrof­fen, und neu­ro­lo­gisch-psych­ia­tri­sche Grund­er­kran­kun­gen oder ähn­li­che der Ver­mitt­lung in den Arbeits­markt ent­ge­gen­ste­hen­de Sach­ver­hal­te wür­den oft erst vor Gericht auf­ge­klärt.

Der Deut­sche Sozi­al­ge­richts­tag und der Deut­sche Ver­ein für öffent­li­che und pri­va­te Für­sor­ge hal­ten die Rege­lun­gen für teil­wei­se ver­fas­sungs­wid­rig. Der Deut­sche Sozi­al­ge­richts­tag trägt vor, dass die Grund­rech­te zwar nicht den Ver­zicht auf jede Sank­tio­nie­rung durch Leis­tungs­kür­zun­gen for­der­ten. Die der­zei­ti­ge Aus­ge­stal­tung beinhal­te jedoch kei­ne aus­rei­chen­den mate­ri­el­len und ver­fah­rens­mä­ßi­gen Siche­run­gen zur Gewähr­leis­tung des men­schen­wür­di­gen Daseins. Der Deut­sche Ver­ein für öffent­li­che und pri­va­te Für­sor­ge erach­tet die Min­de­rung in Höhe von 30 % für ver­fas­sungs­ge­mäß; sie sei auch von gewich­ti­gen Belan­gen der die Leis­tun­gen finan­zie­ren­den Gemein­schaft getra­gen. Ange­sichts der Höhe der aner­kann­ten regel­be­darfs­re­le­van­ten Ver­brauchs­aus­ga­ben sei es bei einer Leis­tungs­min­de­rung um 60 % über­haupt nur mit ergän­zen­den Leis­tun­gen denk­bar, den exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarf zu decken, doch sei eine Sank­ti­on in die­ser Höhe nicht mehr ange­mes­sen.

Der Deut­sche Gewerk­schafts­bund, der Deut­scher Cari­tas­ver­band, die Dia­ko­nie Deutsch­land, der Pari­tä­ti­sche Gesamt­ver­band, Tache­les e.V., der Sozi­al­ver­band Deutsch­land und der Sozi­al­ver­band VdK hal­ten die Nor­men für ins­ge­samt ver­fas­sungs­wid­rig. Teils wird dar­auf ver­wie­sen, dass exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen hier nicht bedürf­tig­keits­ab­hän­gig gekürzt wür­den, teils die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit bezwei­felt oder ver­neint, teils auf nega­ti­ve sozi­al­po­li­ti­sche Fol­gen abge­ho­ben. Der Pari­tä­ti­sche Gesamt­ver­band ver­weist auf mil­de­re Mit­tel, um dau­er­haft die erfor­der­li­che Mit­wir­kung zu bewir­ken, wie eine Befris­tung von Leis­tungs­be­stand­tei­len. Nach Ein­schät­zung des Deut­schen Cari­tas­ver­bands sei­en Ver­hal­tens­an­for­de­run­gen ange­sichts der Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen nicht von vorn­her­ein unzu­läs­sig, ihre Aus­ge­stal­tung genü­ge aber der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit nicht.

Zuläs­sig­keit und Erwei­te­rung der Rich­ter­vor­la­ge des Sozi­al­ge­richts Gotha[↑]

Die Nor­men­kon­troll­vor­la­ge des Sozi­al­ge­richts zur Klä­rung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Rege­lun­gen in § 31a Abs. 1 Sät­ze 1, 2, 4 und 5, § 31b Abs. 1 Sät­ze 1, 3 und 5 SGB II in den Fäl­len des § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und 2 SGB II ist zuläs­sig. Die Vor­la­ge­fra­ge ist um § 31a Abs. 1 Satz 3 und um die Fäl­le des § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SGB II zu erwei­tern.

Der Beschluss des Sozi­al­ge­richts genügt den Anfor­de­run­gen des § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG an die Dar­le­gung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit 89.

Das Sozi­al­ge­richt rügt aus­drück­lich die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von § 31a in Ver­bin­dung mit § 31 SGB II und § 31b SGB II in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 13.05.2011 90 als for­mel­les nach­kon­sti­tu­tio­nel­les Recht. Tat­säch­lich fin­det jedoch die seit dem 1.04.2012 gel­ten­de Fas­sung vom 20.12 2011 91 Anwen­dung. Nach­fol­gend wur­de die Norm redak­tio­nell geän­dert, blieb aber in den hier zu prü­fen­den Rege­lungs­tei­len iden­tisch. Inso­weit besteht über den Gegen­stand der Vor­la­ge kein Zwei­fel 92.

Anders als im ers­ten Vor­la­ge­ver­fah­ren ist die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit hin­rei­chend dar­ge­legt 93. Grund­sätz­lich ist inso­weit die Rechts­auf­fas­sung des vor­le­gen­den Gerichts maß­geb­lich, soweit die­se nicht offen­sicht­lich unhalt­bar ist 94.

Die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit ist hier für die Rege­lung des § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und Nr. 2 in Ver­bin­dung mit § 31a Abs. 1 Sät­ze 1, 2, 4 und 5 SGB II und auch für die Rege­lung des § 31b SGB II mit Aus­nah­me von § 31b Abs. 1 Satz 4 SGB II hin­rei­chend dar­ge­legt. Das vor­le­gen­de Gericht hat ver­tret­bar auf­ge­zeigt, dass die Leis­tungs­ab­sen­kun­gen for­mell wie mate­ri­ell recht­mä­ßig sind, wenn die Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät die­ser Rege­lun­gen unter­stellt wird. Die Kla­ge wäre dann, anders als im Fall der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der zur Prü­fung gestell­ten Rege­lun­gen, abzu­wei­sen.

Das Sozi­al­ge­richt geht ver­tret­bar davon aus, dass kei­ne for­mel­len Rechts­feh­ler vor­lie­gen. Der Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens ist vor Erlass des Min­de­rungs­be­schei­des nach § 24 SGB X ange­hört wor­den. Die Anfor­de­run­gen an die Rechts­fol­gen­be­leh­rung oder die Kennt­nis der Rechts­fol­gen 95 waren damit erfüllt. In Anwen­dung des § 31 Abs. 1 Satz 1 SGB II legt das Gericht plau­si­bel dar, die ers­te Rechts­fol­gen­be­leh­rung als Bestand­teil des Ver­mitt­lungs­vor­schlags vom 25.02.2014 sei für den Klä­ger unmiss­ver­ständ­lich gewe­sen und habe erken­nen las­sen, wel­che kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen sei­ne Wei­ge­rung haben wer­de, die vor­ge­schla­ge­ne Stel­le anzu­neh­men. Ver­tret­bar ist auch die Annah­me, der Klä­ger habe posi­ti­ve Kennt­nis der Sank­ti­ons­fol­gen und ins­be­son­de­re der zwei­ten Leis­tungs­ab­sen­kung gehabt. Dies war aus­weis­lich der Nie­der­schrift Gegen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 02.08.2016, wonach sich der Klä­ger seit dem Bezug von Arbeits­lo­sen­geld II "inten­siv mit den Sank­ti­ons­re­ge­lun­gen, ins­be­son­de­re mit den Rechts­fol­gen von Pflicht­ver­let­zun­gen, durch Stu­di­um des Geset­zes und der ein­schlä­gi­gen Lite­ra­tur befasst" habe.

Das Gericht legt ver­tret­bar dar, dass die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen für die Anwen­dung der vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen erfüllt sind. Inso­weit ord­net es die Ableh­nung eines zumut­ba­ren Arbeits­an­ge­bots als Lager- und Trans­port­ar­bei­ter als Pflicht­ver­let­zung nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB II ein. Als zwei­te Pflicht­ver­let­zung ver­steht es einen Ver­stoß gegen Anfor­de­run­gen aus dem Ein­glie­de­rungs­ver­wal­tungs­akt im Sin­ne von § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB II, da der Klä­ger einen Akti­vie­rungs- und Ver­mitt­lungs­gut­schein mit dem Ziel der prak­ti­schen Erpro­bung bei einem selbst­ge­wähl­ten Arbeit­ge­ber nicht ein­ge­löst hat, ohne dass dafür ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne des § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II ersicht­lich oder vor­ge­tra­gen sei. Das Gericht hat­te dane­ben kei­nen Anlass zu einer Prü­fung, ob die Min­de­rung des Regel­be­darfs wegen feh­len­der Sach­leis­tung nach § 31a Abs. 3 SGB II rechts­wid­rig sein könn­te. Ein dar­auf gerich­te­ter Antrag war nicht Gegen­stand des Aus­gangs­ver­fah­rens, wes­halb sich das Sozi­al­ge­richt damit nicht befas­sen muss­te.

Das Sozi­al­ge­richt hat sei­ne Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der vor­ge­leg­ten ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Vor­schrif­ten 96 aus­rei­chend begrün­det. Dass sich das Gericht offen­sicht­lich an einem öffent­lich ver­füg­ba­ren Mus­ter ori­en­tier­te, steht dem nicht ent­ge­gen, da die Vor­la­ge zeigt, dass sich das Gericht even­tu­ell andern­orts for­mu­lier­te Argu­men­te jeden­falls zu eigen gemacht hat.

Erwei­te­rung der Rich­ter­vor­la­ge[↑]

Die Vor­la­ge­fra­ge bedarf der Erwei­te­rung 97. Das Sozi­al­ge­richt hat dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von § 31a SGB II in Ver­bin­dung mit § 31 SGB II und § 31b SGB II in einem Ver­fah­ren vor­ge­legt, das sich ein­zig mit der Recht­mä­ßig­keit einer Sank­ti­on nach § 31a Abs. 1 Satz 1 und 2 SGB II nach Maß­ga­be des § 31b SGB II bei Pflicht­ver­let­zun­gen nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und 2 SGB II befass­te.

Die Vor­la­ge betrifft nicht die wei­te­ren Rege­lun­gen über Sank­tio­nen nach § 31 Abs. 2 SGB II wegen unwirt­schaft­li­chen Ver­hal­tens und im Zusam­men­hang mit einer Sperr­zeit oder nach § 32 SGB II wegen Mel­de­ver­säum­nis­sen. Eine höhe­re Belas­tung von Betrof­fe­nen, die ent­ste­hen kann, wenn eine ande­re Leis­tungs­min­de­rung mit den hier zu prü­fen­den Sank­tio­nen zusam­men­trifft, ist nicht Gegen­stand die­ser Ent­schei­dung. Das Ver­fah­ren wirft auch kei­ne Fra­gen zu den Bestim­mun­gen über Sank­tio­nen gegen­über unter 25-jäh­ri­gen erwerbs­fä­hi­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten in § 31a Abs. 2, § 31b Abs. 1 Satz 4 SGB II auf. Die Fra­ge nach ihrer Ver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz mach­te eine eigen­stän­di­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Wür­di­gung erfor­der­lich, ohne durch das Aus­gangs­ver­fah­ren ver­an­lasst zu sein. Dazu fehlt die fach­ge­richt­li­che Auf­ar­bei­tung der Sach- und Rechts­la­ge.

Dem­ge­gen­über besteht Anlass, die Sank­tio­nen in den Fäl­len des § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SGB II in die Prü­fung ein­zu­be­zie­hen, da es sich um eine gleich­ge­la­ger­te Mit­wir­kungs­pflicht han­delt, um die zuläs­sig vor­ge­leg­ten Nor­men ein­heit­lich beur­tei­len zu kön­nen. Des­glei­chen ist die Sank­ti­ons­re­ge­lung in § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II so gela­gert wie die unmit­tel­bar ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sank­ti­ons­nor­men der § 31a Abs. 1 Satz 1 und 2 SGB II, wes­halb auch sie in die Prü­fung ein­zu­be­zie­hen ist.

Grund­si­che­rung und das Exis­tenz­mi­ni­mum[↑]

Die zen­tra­len Anfor­de­run­gen für die Aus­ge­stal­tung der Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen erge­ben sich aus der grund­recht­li­chen Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG. Der Gesetz­ge­ber ver­fügt bei den Regeln zur Siche­rung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums über einen Gestal­tungs­spiel­raum.

Die eigen­stän­di­ge Exis­tenz­si­che­rung des Men­schen ist nicht Bedin­gung dafür, dass ihm Men­schen­wür­de zukommt; die Vor­aus­set­zun­gen für ein eigen­ver­ant­wort­li­ches Leben zu schaf­fen, ist viel­mehr Teil des Schutz­auf­trags des Staa­tes aus Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG. Das Grund­ge­setz ver­wehrt dem Gesetz­ge­ber jedoch nicht, die Inan­spruch­nah­me sozia­ler Leis­tun­gen zur Siche­rung der men­schen­wür­di­gen Exis­tenz an den Nach­rang­grund­satz zu bin­den, sol­che Leis­tun­gen also nur dann zu gewäh­ren, wenn Men­schen ihre Exis­tenz nicht selbst sichern kön­nen. Damit gestal­tet der Gesetz­ge­ber das Sozi­al­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 1 GG aus.

Der Nach­rang­grund­satz kann nicht nur eine Pflicht zum vor­ran­gi­gen Ein­satz aktu­ell ver­füg­ba­rer Mit­tel aus Ein­kom­men, Ver­mö­gen oder Zuwen­dun­gen Drit­ter ent­hal­ten. Das Grund­ge­setz steht auch der gesetz­ge­be­ri­schen Ent­schei­dung nicht ent­ge­gen, von den­je­ni­gen, die staat­li­che Leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung in Anspruch neh­men, zu ver­lan­gen, an der Über­win­dung ihrer Hil­fe­be­dürf­tig­keit selbst aktiv mit­zu­wir­ken oder die Bedürf­tig­keit gar nicht erst ein­tre­ten zu las­sen. Sol­che Mit­wir­kungs­pflich­ten beschrän­ken aller­dings die Hand­lungs­frei­heit der Betrof­fe­nen und müs­sen sich daher ver­fas­sungs­recht­lich recht­fer­ti­gen las­sen. Ver­folgt der Gesetz­ge­ber mit Mit­wir­kungs­pflich­ten das legi­ti­me Ziel, dass Men­schen die eige­ne Hil­fe­be­dürf­tig­keit ins­be­son­de­re durch Erwerbs­ar­beit ver­mei­den oder über­win­den, müs­sen sie dafür auch geeig­net, erfor­der­lich und zumut­bar sein.

Der Gesetz­ge­ber darf ver­hält­nis­mä­ßi­ge Mit­wir­kungs­pflich­ten auch durch­setz­bar aus­ge­stal­ten. Er kann für den Fall, dass Men­schen eine ihnen klar bekann­te und zumut­ba­re Mit­wir­kungs­pflicht ohne wich­ti­gen Grund nicht erfül­len, belas­ten­de Sank­tio­nen vor­se­hen, um so ihre Pflicht zur Mit­wir­kung an der Über­win­dung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit durch­zu­set­zen. Sol­che Rege­lun­gen berück­sich­ti­gen die Eigen­ver­ant­wor­tung, da die Betrof­fe­nen die Fol­gen zu tra­gen haben, die das Gesetz an ihr Han­deln knüpft.

Ent­schei­det sich der Gesetz­ge­ber für die Sank­ti­on der vor­über­ge­hen­den Min­de­rung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen, feh­len der bedürf­ti­gen Per­son aller­dings Mit­tel, die sie benö­tigt, um die Bedar­fe zu decken, die ihr eine men­schen­wür­di­ge Exis­tenz ermög­li­chen. Mit dem Grund­ge­setz kann das den­noch ver­ein­bar sein, wenn die­se Sank­ti­on dar­auf aus­ge­rich­tet ist, dass Mit­wir­kungs­pflich­ten erfüllt wer­den, die gera­de dazu die­nen, die exis­ten­zi­el­le Bedürf­tig­keit zu ver­mei­den oder zu über­win­den. Es gel­ten jedoch stren­ge Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Der sonst bestehen­de wei­te Ein­schät­zungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers ist enger, wenn er auf exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen zugreift. Je län­ger eine sol­che Sank­ti­ons­re­ge­lung in Kraft ist, umso trag­fä­hi­ge­rer Erkennt­nis­se bedarf es, um ihre Eig­nung, Erfor­der­lich­keit und Ange­mes­sen­heit zu bele­gen.

Bei der Aus­ge­stal­tung der Sank­tio­nen sind zudem wei­te­re Grund­rech­te zu beach­ten, wenn ihr Schutz­be­reich berührt ist.

Gesetz­li­che Mit­wir­kungs­pflich­ten[↑]

Im Aus­gangs­punkt steht die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers in § 31a Abs. 1 SGB II, exis­tenz­si­chern­de Geld­leis­tun­gen nach Maß­ga­be des § 31b SGB II zu min­dern oder ganz zu ent­zie­hen, um Mit­wir­kungs­pflich­ten nach § 31 Abs. 1 SGB II durch­zu­set­zen, mit den Anfor­de­run­gen des Grund­ge­set­zes in Ein­klang. Die Rege­lun­gen genü­gen aber in der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung nicht den hier gel­ten­den stren­gen Anfor­de­run­gen an die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit.

Die zen­tra­len Anfor­de­run­gen an den Gesetz­ge­ber für die Aus­ge­stal­tung der Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen für Erwerbs­fä­hi­ge erge­ben sich aus der grund­recht­li­chen Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums aus Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG. Gesi­chert wer­den muss die phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz als ein­heit­li­che Gewähr­leis­tung. Der Gesetz­ge­ber darf sich dafür ent­schei­den, exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen nur nach Maß­ga­be der Bedürf­tig­keit zur Ver­fü­gung zu stel­len. Er ver­fügt inso­fern über einen Aus­ge­stal­tungs­spiel­raum. Das Grund­ge­setz steht auch der Ent­schei­dung nicht ent­ge­gen, staat­li­che Leis­tun­gen zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz nur nach­ran­gig zu gewäh­ren und sie des­halb an Mit­wir­kungs­pflich­ten zu bin­den, die dar­auf zie­len, die Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu über­win­den, sofern sie gemes­sen an die­ser Ziel­set­zung ver­hält­nis­mä­ßig sind. Dem Gesetz­ge­ber ist es dann nicht ver­wehrt, Instru­men­te zu schaf­fen, um der­ar­ti­ge Mit­wir­kungs­pflich­ten durch­zu­set­zen; auch sie müs­sen den Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit genü­gen. Ent­schei­det er sich hier­bei wie mit den vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen für das Durch­set­zungs­in­stru­ment der Leis­tungs­min­de­run­gen, setzt er also im Bereich der Gewähr­leis­tung der men­schen­wür­di­gen Exis­tenz selbst an, sind die­se Anfor­de­run­gen beson­ders streng. Bei der Aus­ge­stal­tung der Sank­tio­nen sind im Übri­gen wei­te­re Grund­rech­te zu beach­ten, wenn ihr Schutz­be­reich berührt ist.

Die zu über­prü­fen­den Rege­lun­gen zur Aus­ge­stal­tung des Grund­si­che­rungs­rechts müs­sen den Anfor­de­run­gen der grund­recht­li­chen Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums genü­gen. Das Grund­ge­setz garan­tiert mit Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG ein Grund­recht auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums. Art. 1 Abs. 1 GG begrün­det die­sen Anspruch; das Sozi­al­staats­ge­bot des Art. 20 Abs. 1 GG erteilt dem Gesetz­ge­ber den Auf­trag, ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum tat­säch­lich zu sichern. Das Grund­recht ist dem Grun­de nach unver­füg­bar und muss durch einen Leis­tungs­an­spruch ein­ge­löst wer­den, bedarf aber der Kon­kre­ti­sie­rung und ste­ti­gen Aktua­li­sie­rung durch den Gesetz­ge­ber, der die zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen an dem jewei­li­gen Ent­wick­lungs­stand des Gemein­we­sens und den bestehen­den Lebens­be­din­gun­gen im Hin­blick auf die kon­kre­ten Bedar­fe der Betrof­fe­nen aus­zu­rich­ten hat. Dem Gesetz­ge­ber steht ein Gestal­tungs­spiel­raum zu. Bei des­sen Aus­fül­lung hat er auch völ­ker­recht­li­che Ver­pflich­tun­gen zu berück­sich­ti­gen 98.

Der ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­te Leis­tungs­an­spruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums erstreckt sich auf die unbe­dingt erfor­der­li­chen Mit­tel als ein­heit­li­che Gewähr­leis­tung zur Siche­rung sowohl der phy­si­schen Exis­tenz als auch zur Siche­rung eines Min­dest­ma­ßes an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben 99. Die Ver­an­ke­rung des Gewähr­leis­tungs­rechts im Grund­recht des Art. 1 Abs. 1 GG bedeu­tet, dass Gesetz­ge­bung, voll­zie­hen­de Gewalt und Recht­spre­chung (Art. 1 Abs. 3 GG) den Men­schen nicht auf das schie­re phy­si­sche Über­le­ben redu­zie­ren dür­fen, son­dern mit der Wür­de mehr als die blo­ße Exis­tenz und damit auch die sozia­le Teil­ha­be als Mit­glied der Gesell­schaft gewähr­leis­tet wird. Es wider­sprä­che dem nicht rela­ti­vier­ba­ren Gebot der Unan­tast­bar­keit, wenn nur ein Mini­mum unter­halb des­sen gesi­chert wür­de, was der Gesetz­ge­ber bereits als Mini­mum nor­miert hat; ins­be­son­de­re lässt sich die Gewähr­leis­tung aus Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG nicht in einen "Kern­be­reich" der phy­si­schen und einen "Rand­be­reich" der sozia­len Exis­tenz auf­spal­ten. Der Gesetz­ge­ber kann auch weder für einen inter­nen Aus­gleich noch zur Recht­fer­ti­gung einer Leis­tungs­min­de­rung auf die Sum­men ver­wei­sen, die in der pau­scha­len Berech­nung der Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen für die sozio­kul­tu­rel­len Bedar­fe ver­an­schlagt wer­den, denn die phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz wer­den durch Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG ein­heit­lich geschützt 100.

Wenn einem Men­schen die zur Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Daseins not­wen­di­gen mate­ri­el­len Mit­tel feh­len, weil er sie weder aus eige­ner Erwerbs­tä­tig­keit noch aus eige­nem Ver­mö­gen noch durch Zuwen­dun­gen Drit­ter erhal­ten kann, ist der Staat im Rah­men sei­nes Auf­tra­ges zum Schutz der Men­schen­wür­de und in Aus­fül­lung sei­nes sozi­al­staat­li­chen Gestal­tungs­auf­tra­ges ver­pflich­tet, dafür Sor­ge zu tra­gen, dass die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen für die­ses men­schen­wür­di­ge Dasein zur Ver­fü­gung ste­hen 101. Die den ent­spre­chen­den Anspruch fun­die­ren­de Men­schen­wür­de steht allen zu, ist dem Grun­de nach unver­füg­bar 102 und geht selbst durch ver­meint­lich "unwür­di­ges" Ver­hal­ten nicht ver­lo­ren 103; sie kann selbst den­je­ni­gen nicht abge­spro­chen wer­den, denen schwers­te Ver­feh­lun­gen vor­zu­wer­fen sind 104. Das Sozi­al­staats­prin­zip ver­langt staat­li­che Vor- und Für­sor­ge auch für jene, die auf­grund per­sön­li­cher Schwä­che oder Schuld, Unfä­hig­keit oder gesell­schaft­li­cher Benach­tei­li­gung in ihrer per­sön­li­chen und sozia­len Ent­fal­tung behin­dert sind 105. Die­se Ver­pflich­tung zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums ist auch zur Errei­chung ander­wei­ti­ger Zie­le nicht zu rela­ti­vie­ren 106.

Der Gesetz­ge­ber ver­fügt bei den Regeln zur Siche­rung des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums über einen Gestal­tungs­spiel­raum hin­sicht­lich der Art und Höhe der Leis­tun­gen 107. Er hat einen Ent­schei­dungs­spiel­raum bei der Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se eben­so wie bei der wer­ten­den Ein­schät­zung des not­wen­di­gen Bedarfs, muss sei­ne Ent­schei­dung jedoch an den kon­kre­ten Bedar­fen der Hil­fe­be­dürf­ti­gen aus­rich­ten 108. Dass dem Gesetz­ge­ber in der Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se in sozio­kul­tu­rel­ler Hin­sicht ein wei­te­rer Spiel­raum zukommt als in der Bewer­tung des­sen, was Men­schen zur Siche­rung ihrer phy­si­schen Exis­tenz benö­ti­gen 109, trägt der höhe­ren Wan­del­bar­keit der sozio­kul­tu­rel­len Lebens­be­din­gun­gen Rech­nung, rela­ti­viert aber nicht den ein­heit­li­chen Schutz. Die Anfor­de­run­gen des Grund­ge­set­zes, tat­säch­lich für eine men­schen­wür­di­ge Exis­tenz Sor­ge zu tra­gen, dür­fen im Ergeb­nis nicht ver­fehlt wer­den 110.

Dem Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers bei der Bemes­sung des Exis­tenz­mi­ni­mums ent­spricht eine zurück­hal­ten­de Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 111. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat nicht die Auf­ga­be zu ent­schei­den, wie hoch ein Anspruch auf Leis­tun­gen zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums sein muss; es ist zudem nicht sei­ne Auf­ga­be zu prü­fen, ob der Gesetz­ge­ber die gerech­tes­te, zweck­mä­ßigs­te und ver­nünf­tigs­te Lösung zur Erfül­lung sei­ner Auf­ga­ben gewählt hat. Das Grund­ge­setz ver­pflich­tet den Gesetz­ge­ber nicht, durch Ein­be­zie­hung aller denk­ba­ren Fak­to­ren eine opti­ma­le Bestim­mung des Exis­tenz­mi­ni­mums vor­zu­neh­men; dar­um zu rin­gen ist viel­mehr Sache der Poli­tik 112. Aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht kommt es viel­mehr ent­schei­dend dar­auf an, dass die Unter­gren­ze eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums nicht unter­schrit­ten wird und die Höhe der Leis­tun­gen ins­ge­samt trag­fä­hig begründ­bar ist 113. Auch im Übri­gen muss die Aus­ge­stal­tung der exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen.

Mit­wir­kungs­pflich­ten und der Nach­rang­grund­satz[↑]

Das Grund­ge­setz kennt zwar kei­ne all­ge­mei­nen Grund­pflich­ten der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Ins­be­son­de­re die Men­schen­wür­de ist ohne Rück­sicht auf Eigen­schaf­ten und sozia­len Sta­tus, wie auch ohne Rück­sicht auf Leis­tun­gen garan­tiert 103; sie muss nicht erar­bei­tet wer­den, son­dern steht jedem Men­schen aus sich her­aus zu. Die eigen­stän­di­ge Exis­tenz­si­che­rung des Men­schen ist nicht Bedin­gung dafür, dass ihm Men­schen­wür­de zukommt; die Vor­aus­set­zun­gen für ein eigen­ver­ant­wort­li­ches Leben zu schaf­fen, ist viel­mehr Teil des Schutz­auf­trags des Staa­tes aus Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG. Das Grund­ge­setz ver­wehrt dem Gesetz­ge­ber jedoch nicht, die Inan­spruch­nah­me sozia­ler Leis­tun­gen zur Siche­rung der men­schen­wür­di­gen Exis­tenz an den Nach­rang­grund­satz zu bin­den, also nur dann zur Ver­fü­gung zu stel­len, wenn Men­schen ihre Exis­tenz nicht vor­ran­gig selbst sichern kön­nen 114.

Auch der sozia­le Rechts­staat ist dar­auf ange­wie­sen, dass Mit­tel der All­ge­mein­heit, die zur Hil­fe für deren bedürf­ti­ge Mit­glie­der bestimmt sind, nur in Fäl­len in Anspruch genom­men wer­den, in denen wirk­li­che Bedürf­tig­keit vor­liegt 115. Eine dar­an anknüp­fen­de Scho­nung der begrenz­ten finan­zi­el­len Res­sour­cen des Staa­tes sichert die­sem künf­ti­ge Gestal­tungs­macht gera­de auch zur Ver­wirk­li­chung des sozia­len Staats­ziels.

Mit der Ent­schei­dung für den Nach­rang­grund­satz gestal­tet der Gesetz­ge­ber das Sozi­al­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 1 GG aus. Die Staats­ziel­be­stim­mung ver­pflich­tet alle Staats­or­ga­ne unmit­tel­bar, bedarf aber zu ihrer Ver­wirk­li­chung in hohem Maße der Kon­kre­ti­sie­rung vor allem durch den Gesetz­ge­ber 116. Er hat in sei­nem wei­ten Ein­schät­zungs- und Gestal­tungs­spiel­raum zu ent­schei­den, auf wel­chem Weg und mit wel­chen Mit­teln das sozia­le Staats­ziel ver­folgt wer­den soll 117. Eine Gren­ze fin­det dies in der Ver­pflich­tung, jedem Men­schen ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum zu sichern 118. Der Gesetz­ge­ber ver­fehlt die­sen Auf­trag nicht, wenn er die Gewäh­rung staat­li­cher Hil­fe davon abhän­gig macht, dass sich die Betrof­fe­nen nicht selbst hel­fen kön­nen. Er darf also den Gedan­ken der Sub­si­dia­ri­tät ver­fol­gen, wonach vor­han­de­ne Mög­lich­kei­ten der Eigen­ver­sor­gung Vor­rang vor staat­li­cher Für­sor­ge haben.

Der Gesetz­ge­ber kann den Nach­rang­grund­satz nicht nur durch eine Pflicht zum vor­ran­gi­gen Ein­satz aktu­ell ver­füg­ba­rer Mit­tel aus Ein­kom­men, Ver­mö­gen oder Zuwen­dun­gen Drit­ter zur Gel­tung brin­gen 119. Das Grund­ge­setz steht auch einer Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers nicht ent­ge­gen, von den­je­ni­gen, die staat­li­che Leis­tun­gen der sozia­len Siche­rung in Anspruch neh­men, zu ver­lan­gen, an der Über­win­dung ihrer Hil­fe­be­dürf­tig­keit selbst aktiv mit­zu­wir­ken oder die Bedürf­tig­keit gar nicht erst ein­tre­ten zu las­sen.

Dem­ge­gen­über kann ein legi­ti­mes Ziel sol­cher Mit­wir­kungs­pflich­ten nicht dar­in gese­hen wer­den, die Ent­fal­tung der eige­nen Per­sön­lich­keit zu för­dern. Dem Grund­ge­setz ist ein sol­cher Pater­na­lis­mus fremd. Es gibt kei­ne "Ver­nunft­ho­heit" staat­li­cher Orga­ne über die Grund­rechts­be­rech­tig­ten 120; viel­mehr for­dert das Grund­ge­setz Respekt vor der auto­no­men Selbst­be­stim­mung der Ein­zel­nen 121, ohne den hilf­lo­sen Men­schen aber ein­fach sich selbst zu über­las­sen 122. Art. 1 Abs. 1 GG schützt die Wür­de des Men­schen, wie er sich in sei­ner Indi­vi­dua­li­tät selbst begreift und sei­ner selbst bewusst ist 123. Das schließt Mit­wir­kungs­pflich­ten aus, die auf eine staat­li­che Bevor­mun­dung oder Ver­su­che der "Bes­se­rung" gerich­tet sind 124.

Mit­wir­kungs­pflich­ten beschrän­ken aller­dings – unge­ach­tet damit even­tu­ell ver­bun­de­ner Sank­tio­nen – die Hand­lungs­frei­heit der Betrof­fe­nen und bedür­fen ver­fas­sungs­recht­li­cher Recht­fer­ti­gung. Ver­folgt der Gesetz­ge­ber mit Mit­wir­kungs­pflich­ten das legi­ti­me Ziel, dass Men­schen die eige­ne Hil­fe­be­dürf­tig­keit ins­be­son­de­re durch Erwerbs­ar­beit ver­mei­den oder über­win­den, müs­sen sie den an die­sem Ziel aus­ge­rich­te­ten Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit genü­gen, dafür also geeig­net, erfor­der­lich und zumut­bar sein.

Sank­tio­nie­rung der Mit­wir­kungs­pflich­ten[↑]

Der Gesetz­ge­ber darf für sich genom­men ver­hält­nis­mä­ßi­ge Mit­wir­kungs­pflich­ten auch durch­setz­bar aus­ge­stal­ten.

Das Grund­ge­setz steht der Ent­schei­dung nicht ent­ge­gen, nicht nur posi­ti­ve Anrei­ze zu set­zen oder rei­ne Oblie­gen­hei­ten zu nor­mie­ren. Der Gesetz­ge­ber kann für den Fall, dass Men­schen eine ihnen klar bekann­te und zumut­ba­re Mit­wir­kungs­pflicht ohne wich­ti­gen Grund nicht erfül­len, auch belas­ten­de Sank­tio­nen vor­se­hen, um so ihre Mit­wir­kung an der Über­win­dung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit durch­zu­set­zen; er berück­sich­tigt ihre Eigen­ver­ant­wor­tung, indem die Betrof­fe­nen die ihnen bekann­ten Fol­gen zu tra­gen haben, die das Gesetz an ihr Han­deln knüpft.

Wird die Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht durch eine Min­de­rung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen sank­tio­niert, feh­len der bedürf­ti­gen Per­son aller­dings Mit­tel, die sie benö­tigt, um die Bedar­fe zu decken, die ihr eine men­schen­wür­di­ge Exis­tenz ermög­li­chen. Mit der ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz kann eine Leis­tungs­min­de­rung den­noch ver­ein­bar sein. Sie kann die Anfor­de­run­gen aus Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG wah­ren, wenn sie nicht dar­auf aus­ge­rich­tet ist, repres­siv Fehl­ver­hal­ten zu ahn­den, son­dern dar­auf, dass Mit­wir­kungs­pflich­ten erfüllt wer­den, die gera­de dazu die­nen, die exis­ten­zi­el­le Bedürf­tig­keit zu ver­mei­den oder zu über­win­den. Dann dient die Leis­tungs­min­de­rung wie auch die Pflicht, die mit ihr durch­ge­setzt wer­den soll, dazu, den exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarf auf län­ge­re Sicht nicht mehr durch staat­li­che Leis­tung, son­dern durch die Eigen­leis­tung der Betrof­fe­nen zu decken. Der Gesetz­ge­ber kann inso­fern staat­li­che Leis­tun­gen zur Siche­rung der Exis­tenz auch mit der For­de­rung von und Befä­hi­gung zu eige­ner Exis­tenz­si­che­rung ver­bin­den.

Es gel­ten jedoch stren­ge Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Denn die Min­de­rung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen zur Durch­set­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten steht in einem unüber­seh­ba­ren Span­nungs­ver­hält­nis zur Exis­tenz­si­che­rungs­pflicht des Staa­tes aus Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG. Bedürf­ti­ge erhal­ten in der Zeit der gemin­der­ten Leis­tun­gen tat­säch­lich nicht, was sie zur Exis­tenz­si­che­rung benö­ti­gen, ohne selbst unmit­tel­bar zur Exis­tenz­si­che­rung in der Lage zu sein. Der Gesetz­ge­ber ent­hält vor, was er nach Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG zu gewähr­leis­ten hat; er sus­pen­diert, was Bedürf­ti­gen grund­recht­lich gesi­chert zusteht, und belas­tet damit außer­or­dent­lich.

Der­ar­ti­ge Leis­tungs­min­de­run­gen sind nur ver­hält­nis­mä­ßig, wenn die Belas­tun­gen der Betrof­fe­nen auch im rech­ten Ver­hält­nis zur tat­säch­li­chen Errei­chung des legi­ti­men Zie­les ste­hen, die Bedürf­tig­keit zu über­win­den, also eine men­schen­wür­di­ge Exis­tenz ins­be­son­de­re durch Erwerbs­ar­beit eigen­stän­dig zu sichern. Ihre Zumut­bar­keit rich­tet sich vor allem danach, ob die Leis­tungs­min­de­rung unter Berück­sich­ti­gung ihrer Eig­nung zur Errei­chung die­ses Zwecks und als mil­des­tes, gleich geeig­ne­tes Mit­tel in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis zur Belas­tung der Betrof­fe­nen steht. Das setzt ins­be­son­de­re vor­aus, dass es den Betrof­fe­nen tat­säch­lich mög­lich ist, die Min­de­rung staat­li­cher Leis­tun­gen durch eige­nes zumut­ba­res Ver­hal­ten abzu­wen­den und die exis­tenz­si­chern­de Leis­tung wie­der­zu­er­lan­gen. Die Anfor­de­run­gen aus Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG sind daher nur gewahrt, wenn die zur Deckung des gesam­ten exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarfs erfor­der­li­chen Leis­tun­gen für Bedürf­ti­ge jeden­falls bereit­ste­hen und es in ihrer eige­nen Ver­ant­wor­tung liegt, in zumut­ba­rer Wei­se die Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, die Leis­tung auch nach einer Min­de­rung wie­der zu erhal­ten.

Hier ist der sonst bestehen­de Ein­schät­zungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers beschränkt. Zwar ver­fügt er regel­mä­ßig über einen wei­ten Spiel­raum, die Wir­kung der von ihm gewähl­ten Maß­nah­men auch im Ver­gleich zu ande­ren, weni­ger belas­ten­den Maß­nah­men zu pro­gnos­ti­zie­ren, und kann sich dabei auch mit gerin­gen Erfolgs­wahr­schein­lich­kei­ten begnü­gen. Doch ist der Spiel­raum enger, wenn er auf exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen zugreift. Der Gesetz­ge­ber muss der Wahl und Aus­ge­stal­tung sei­nes Kon­zepts eine ver­fas­sungs­recht­lich trag­fä­hi­ge Ein­schät­zung zugrun­de legen; soweit er sich auf Pro­gno­sen über tat­säch­li­che Ent­wick­lun­gen und ins­be­son­de­re über die Wir­kun­gen sei­ner Rege­lung stützt, müs­sen die­se hin­rei­chend ver­läss­lich sein 125. Je län­ger eine Min­de­rungs­re­gel in Kraft ist und der Gesetz­ge­ber damit in der Lage, fun­dier­te Ein­schät­zun­gen zu erlan­gen, umso weni­ger genügt es, sich auf plau­si­ble Annah­men zur Wir­kung der Durch­set­zungs­maß­nah­men zu stüt­zen. Umso trag­fä­hi­ge­rer Erkennt­nis­se bedarf es dann, um die Eig­nung, Erfor­der­lich­keit und Ange­mes­sen­heit die­ser Sank­tio­nen zu bele­gen 126.

Im Ein­zel­fall wei­ter zu beach­ten­de Grund­rech­te[↑]

Wei­te­re grund­recht­li­che Maß­ga­ben sind nur dann zu beach­ten, wenn deren Schutz­be­reich berührt ist 119. Inso­weit müs­sen Sank­tio­nen zur Durch­set­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten, die auf die eigen­stän­di­ge Exis­tenz­si­che­rung gerich­tet sind, etwa dem Schutz der Fami­lie aus Art. 6 GG, dem Schutz der Berufs­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 GG und dem Schutz der Gesund­heit nach Art. 2 Abs. 2 GG Rech­nung tra­gen.

Sank­tio­nen beim Arbeits­lo­sen­geld II[↑]

Die zu über­prü­fen­den Rege­lun­gen sind zwar im Aus­gangs­punkt mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar. Der Gesetz­ge­ber kann erwerbs­fä­hi­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten die in § 31 Abs. 1 SGB II gere­gel­ten Pflich­ten auf­er­le­gen, damit die­se zumut­bar an der Über­win­dung der eige­nen Bedürf­tig­keit selbst aktiv mit­wir­ken. Er kann sich auch dafür ent­schei­den, die in § 31 Abs. 1 SGB II nor­mier­ten Pflich­ten nach § 31a und § 31b SGB II, wenn nach § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II kein wich­ti­ger Grund für ihre Nicht­er­fül­lung vor­liegt, mit der Sank­ti­on durch­zu­set­zen, dass Leis­tun­gen in Höhe des für die Per­son maß­ge­ben­den Regel­be­darfs im Sin­ne des § 20 SGB II vor­über­ge­hend gemin­dert wer­den. Die gesetz­li­che Aus­ge­stal­tung der Min­de­run­gen wird jedoch vor dem Hin­ter­grund der­zeit nur begrenz­ter Erkennt­nis­se zu den Wir­kun­gen sol­cher Sank­tio­nen den dafür gel­ten­den stren­gen Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit in ver­schie­de­ner Hin­sicht nicht gerecht.

Zwar ver­folgt der Gesetz­ge­ber mit § 31a Abs. 1 Sät­ze 1, 2 und 3 in Ver­bin­dung mit § 31b SGB II ein legi­ti­mes Ziel. Die wei­te­ren Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit sind jedoch nicht voll­stän­dig erfüllt. Die in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II nor­mier­te Höhe einer Min­de­rung um 30 % vom maß­ge­ben­den Regel­be­darf ist für sich genom­men nach der­zei­ti­gem Kennt­nis­stand nicht zu bean­stan­den. Doch genü­gen den hier stren­gen Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit die nach § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II in der der­zei­ti­gen Aus­ge­stal­tung zwin­gen­de Vor­ga­be, auch in Fäl­len außer­ge­wöhn­li­cher Här­te exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen zu min­dern, und die nach § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II unab­hän­gig von der Mit­wir­kung der Betrof­fe­nen starr vor­ge­ge­be­ne Dau­er nicht. Mit § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II kann sich der Gesetz­ge­ber zudem grund­sätz­lich dafür ent­schei­den, im Fall wie­der­hol­ter Pflicht­ver­let­zung erneut zu sank­tio­nie­ren. Eine Min­de­rung in die­ser Höhe ist jedoch nach der­zei­ti­gem Erkennt­nis­stand jeden­falls nicht zumut­bar. Das gilt auch hier für die zwin­gen­de und starr andau­ern­de Aus­ge­stal­tung. Eben­so wenig ist nach dem der­zei­ti­gen Kennt­nis­stand der völ­li­ge Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des II nach § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II ver­fas­sungs­recht­lich zu recht­fer­ti­gen.

Die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers, erwerbs­fä­hi­ge Erwach­se­ne nach § 31 Abs. 1 SGB II zu einer nach § 10 SGB II zumut­ba­ren Mit­wir­kung zu ver­pflich­ten, um ihre Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu über­win­den oder zu ver­hin­dern, ist mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar.

Der Gesetz­ge­ber ver­folgt mit den durch die vor­ge­leg­ten Rege­lun­gen sank­tio­nier­ten Mit­wir­kungs­pflich­ten nach § 31 Abs. 1 SGB II zwecks Über­win­dung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit legi­ti­me Zie­le. Er bin­det Leis­tun­gen zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz im Grund­si­che­rungs­recht gemäß § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SGB II an die Hil­fe­be­dürf­tig­keit nach § 9 Abs. 1 SGB II. Eine sol­che wirk­li­che Bedürf­tig­keit darf der Staat vor­aus­set­zen, bevor er selbst Leis­tun­gen zur Ver­fü­gung stellt, um die Exis­tenz zu sichern 127.

Die in § 31 Abs. 1 SGB II nor­mier­ten Mit­wir­kungs­pflich­ten ent­spre­chen dem Nach­rang­grund­satz; sie kon­kre­ti­sie­ren den gesetz­lich nor­mier­ten Grund­satz des For­derns aus § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB II, wonach erwerbs­fä­hi­ge Hil­fe­be­dürf­ti­ge alle Mög­lich­kei­ten aus­schöp­fen müs­sen, um ihre Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu been­den oder zu ver­rin­gern 128. Dies dient auch dem legi­ti­men Ziel einer Scho­nung der Mit­tel der All­ge­mein­heit.

Gegen die Aus­ge­stal­tung der Mit­wir­kungs­pflich­ten in § 31 Abs. 1 SGB II bestehen kei­ne ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Die dort gere­gel­ten Mit­wir­kungs­pflich­ten zie­len auf die Über­win­dung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit ins­be­son­de­re durch Erwerbs­ar­beit, nach § 2 Abs. 1 Satz 2 SGB II durch Ein­glie­de­rung in Arbeit, nach § 2 Abs. 1 Satz 3 SGB II durch eine zumut­ba­re Arbeits­ge­le­gen­heit, wenn Erwerbs­ar­beit in abseh­ba­rer Zeit nicht mög­lich ist, und nach § 2 Abs. 2 SGB II durch den sons­ti­gen Ein­satz eige­ner Arbeits­kraft. Ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich sind sol­che Mit­wir­kungs­pflich­ten ins­be­son­de­re, wenn sie unmit­tel­bar auf die Erzie­lung eige­ner Ein­künf­te gerich­tet sind. Das gilt aber auch für Pflich­ten, deren Erfül­lung zwar nicht unmit­tel­bar Ein­künf­te erbringt, die sich aber mit­tel­bar auf die Inte­gra­ti­on in Arbeit bezie­hen und damit auf die Über­win­dung der Hil­fe­be­dürf­tig­keit bezo­gen sind. In der münd­li­chen Ver­hand­lung wur­de viel­fach dar­ge­legt, dass die unmit­tel­ba­re Ver­mitt­lung in den Arbeits­markt von Per­so­nen, die bereits län­ge­re Zeit erwerbs­los sind, kei­nen Schul­ab­schluss oder kei­ne beruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on haben oder aber mul­ti­ple Ver­mitt­lungs­hemm­nis­se auf­wei­sen, häu­fig nicht mög­lich sei. Das recht­fer­tigt Pflich­ten, die auf den Abbau die­ser Ver­mitt­lungs­hemm­nis­se gerich­tet sind, denn sie sol­len einen zwar nur mit­tel­ba­ren, aber lang­fris­ti­gen Bei­trag zur Wie­der­ein­glie­de­rung in den Arbeits­markt leis­ten. Daher kann der Gesetz­ge­ber in § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SGB II auch for­dern, dass eine zumut­ba­re Maß­nah­me zur Ein­glie­de­rung in Arbeit ange­tre­ten, nicht abge­bro­chen und kein Anlass für den Abbruch gege­ben wird. Ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den ist auch die Pflicht zur Fort­füh­rung zumut­ba­rer Arbeit nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB II, weil so der Ein­tritt von Hil­fe­be­dürf­tig­keit ganz oder teil­wei­se ver­mie­den wer­den kann. Ver­fas­sungs­wid­rig wären dem­ge­gen­über Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen, die von vorn­her­ein unge­eig­net sind, Men­schen zumin­dest mit­tel­bar wie­der in Erwerbs­ar­beit zu brin­gen; Mit­wir­kungs­pflich­ten dür­fen auch in der Pra­xis nicht zur Bevor­mun­dung, Erzie­hung oder Bes­se­rung miss­braucht wer­den.

Die in § 31 Abs. 1 SGB II gere­gel­ten Mit­wir­kungs­pflich­ten sind im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sin­ne geeig­net, das legi­ti­me Ziel der Rück­kehr in Erwerbs­ar­beit zu errei­chen. Zwar wur­de in der münd­li­chen Ver­hand­lung berich­tet, dass die Mit­wir­kungs­maß­nah­men nach § 31 Abs. 1 SGB II selbst unter Berück­sich­ti­gung ihrer lang­fris­ti­gen mit­tel­ba­ren Effek­te nur in einem ver­gleichs­wei­se gerin­gen Teil der Fäl­le dazu füh­ren, dass die Betrof­fe­nen in dau­er­haf­te regu­lä­re Arbeits­ver­hält­nis­se (zurück-) fin­den. Dies scheint jedoch auch dar­an zu lie­gen, dass hier viel­fach Men­schen mit grund­le­gen­den und mehr­fa­chen Beschäf­ti­gungs­hin­der­nis­sen betrof­fen sind. Ande­re keh­ren offen­bar, auch unter­stützt durch die befris­te­ten Leis­tun­gen nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Drit­tes Buch, häu­fig in regu­lä­re Beschäf­ti­gung zurück, bevor das Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch über­haupt Anwen­dung fin­det.

Ist eine Mit­wir­kungs­pflicht hin­ge­gen wegen beson­de­rer Umstän­de des Ein­zel­falls von vorn­her­ein unge­eig­net, ihr Ziel zu errei­chen, muss dies im Rah­men der nach § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II vor­zu­neh­men­den Prü­fung auf­ge­fan­gen wer­den, ob ein "wich­ti­ger Grund" für die feh­len­de Mit­wir­kung vor­han­den ist. Aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den ist sicher­zu­stel­len, dass es den Hil­fe­be­dürf­ti­gen mög­lich ist, etwai­ge beson­de­re Umstän­de wie fami­liä­re oder gesund­heit­li­che Pro­ble­me oder eine Dis­kri­mi­nie­rung am auf­ge­ge­be­nen Arbeits­platz dar­zu­le­gen, die bei objek­ti­ver Betrach­tung der gefor­der­ten Mit­wir­kung ent­ge­gen­stan­den und auch einer künf­ti­gen Mit­wir­kung ent­ge­gen­ste­hen kön­nen. Wie die münd­li­che Ver­hand­lung erge­ben hat, gelingt dies den Hil­fe­be­dürf­ti­gen bei einer nur schrift­li­chen Anhö­rung vor der Fest­stel­lung der Pflicht­ver­let­zung oft­mals nicht. Daher muss ihnen bei ent­spre­chen­den Anhalts­punk­ten Gele­gen­heit gege­ben wer­den, ihre per­sön­li­che Situa­ti­on nicht nur schrift­lich, son­dern auch im Rah­men einer – in der Pra­xis bis­lang sel­te­nen 129 – münd­li­chen Anhö­rung vor­tra­gen zu kön­nen.

Im Ergeb­nis steht danach außer Fra­ge, dass die Mit­wir­kungs­pflich­ten nach § 31 Abs. 1 SGB II jeden­falls dazu bei­tra­gen, auch Men­schen mit gro­ßen Schwie­rig­kei­ten wie­der an den Arbeits­markt her­an­zu­füh­ren. Dies genügt, um die­se Mit­wir­kungs­pflich­ten für sich genom­men im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sin­ne für geeig­net zu hal­ten. Wäre dem­ge­gen­über erkenn­bar, dass die Auf­er­le­gung von Pflich­ten regel­mä­ßig dazu führt, dass der Kon­takt zum Job­cen­ter ganz abbricht, also ein in den empi­ri­schen Unter­su­chun­gen und Stel­lung­nah­men beschrie­be­ner "Aus­stieg aus dem Sys­tem" bewirkt wird, wären sie zur Durch­set­zung legi­ti­mer Zie­le nicht geeig­net und mit der Ver­fas­sung nicht zu ver­ein­ba­ren. Es ist jedoch nicht zu erken­nen, dass dies der Fall ist. Inso­weit begeg­net § 31 Abs. 1 SGB II kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken.

Der Gesetz­ge­ber über­schrei­tet mit § 31 Abs. 1 SGB II nicht sei­nen Ein­schät­zungs­spiel­raum zur Erfor­der­lich­keit. Es ist nicht evi­dent, dass weni­ger belas­ten­de Mit­wir­kungs­hand­lun­gen oder posi­ti­ve Anrei­ze das­sel­be bewir­ken könn­ten wie die dort gere­gel­ten Maß­ga­ben.

Die Aus­ge­stal­tung der Mit­wir­kungs­pflich­ten in § 31 Abs. 1 SGB II trägt den Anfor­de­run­gen der Zumut­bar­keit als Maß­ga­be der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit Rech­nung.

Ein­fach­recht­lich hat der Gesetz­ge­ber die Mit­wir­kungs­pflich­ten mit § 10 SGB II an deren Zumut­bar­keit gebun­den. Nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB II liegt eine Pflicht­ver­let­zung aus­drück­lich nur vor, wenn eine "zumut­ba­re" Tätig­keit in Rede steht; nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 SGB II geht es um eine "zumut­ba­re" Maß­nah­me der Ein­glie­de­rung in Arbeit. In § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB II fin­det sich die­se Anfor­de­rung zwar nicht aus­drück­lich. Die dort in Bezug genom­me­ne Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung (§ 15 Abs. 2 SGB II) oder der sie erset­zen­de Ver­wal­tungs­akt dür­fen jedoch nur Pflich­ten fest­le­gen, die für sich genom­men nach § 10 SGB II zumut­ba­re Anfor­de­run­gen an die Mit­wir­kung der Leis­tungs­be­rech­tig­ten stel­len. Das trägt den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen Rech­nung.

Der Gesetz­ge­ber über­schrei­tet sei­nen Gestal­tungs­spiel­raum nicht des­halb, weil er – anders als im Recht der Arbeits­för­de­rung – kei­nen Berufs­schutz nor­miert hat. Das Recht der Sozi­al­ver­si­che­rung und das Grund­si­che­rungs­recht sind struk­tu­rell in einem Maße ver­schie­den, das die­se unglei­che Rege­lung recht­fer­tigt. Im Übri­gen ergibt sich aus Art. 12 Abs. 1 GG kein Recht auf einen bestimm­ten Arbeits­platz oder unver­än­der­ten Arbeits­lohn.

Die im Rah­men von § 31 Abs. 1 SGB II durch­gän­gig zu berück­sich­ti­gen­de Rege­lung zur Zumut­bar­keit in § 10 Abs. 2 SGB II ist daher auch inso­weit nicht zu bean­stan­den, als ande­re als bis­lang aus­ge­üb­te (Nr. 1), gering­er­wer­ti­ge (Nr. 2), auf­wen­di­ge­re (Nr. 3 und Nr. 4) oder nicht gewünsch­te, aber bes­ser ent­lohn­te Tätig­kei­ten (Nr. 5) als zumut­bar gel­ten. Im Übri­gen ist nach § 10 Abs. 1 Nr. 2 SGB II eine Mit­wir­kungs­pflicht aus­ge­schlos­sen, wenn sie die Aus­übung der bis­he­ri­gen beruf­li­chen Tätig­keit wesent­lich erschwe­ren wür­de, weil die bis­he­ri­ge Tätig­keit beson­de­re kör­per­li­che Anfor­de­run­gen stellt, was letzt­lich auch dem Schutz der Berufs­frei­heit aus Art. 12 Abs. 1 GG dient.

Dar­über hin­aus ist nicht erkenn­bar, dass, wie das vor­le­gen­de Gericht meint, eine der in § 31 Abs. 1 SGB II benann­ten Mit­wir­kungs­pflich­ten gegen das in Art. 12 Abs. 2 GG ver­an­ker­te Ver­bot der Zwangs­ar­beit ver­sto­ßen wür­de. Glei­cher­ma­ßen steht Art. 12 Abs. 1 GG einer Mit­wir­kungs­pflicht nicht ent­ge­gen, die eige­ne Hil­fe­be­dürf­tig­keit durch eine Erwerbs­tä­tig­keit zu über­win­den, die nicht dem eige­nen Berufs­wunsch ent­spricht.

Auch im Lich­te des ein­schlä­gi­gen Völ­ker­ver­trags­rechts – Art. 4 Abs. 2 EMRK, Über­ein­kom­men Nr. 29 der ILO vom 28.06.1930 sowie Art. 6 und 7 IPw­skR – bestehen kei­ne Beden­ken, da nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 und 3 in Ver­bin­dung mit § 10 SGB II kei­ne unnö­tig beschwer­li­che oder gar schi­ka­nö­se Tätig­keit ver­langt wer­den darf 130.

Eben­so hat der Gesetz­ge­ber in den all­ge­mei­nen Zumut­bar­keits­re­ge­lun­gen, die auch für die Mit­wir­kungs­pflich­ten gel­ten, den grund­recht­li­chen Schutz der Fami­lie (Art. 6 GG) berück­sich­tigt. Er gibt in § 10 Abs. 1 Nr. 3 und Nr. 4 SGB II vor, dass die Erzie­hung von Kin­dern je nach dem Lebens­al­ter und der Betreu­ungs­si­tua­ti­on und die Pfle­ge von Ange­hö­ri­gen durch Mit­wir­kungs­an­for­de­run­gen im Sozi­al­recht nicht gefähr­det wer­den dür­fen. Damit trägt er den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen Rech­nung.

Die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers, im Grund­si­che­rungs­recht nicht nur zumut­ba­re Mit­wir­kungs­pflich­ten vor­zu­se­hen, um die Bedürf­tig­keit zu über­win­den und ins­be­son­de­re Men­schen wie­der in Arbeit zu brin­gen, son­dern die­se Pflich­ten in §§ 31a, 31b SGB II mit Sank­tio­nen durch­zu­set­zen, ist ver­fas­sungs­recht­lich im Aus­gangs­punkt nicht zu bean­stan­den, weil er damit ein legi­ti­mes Ziel ver­folgt. Die der­zei­ti­ge Aus­ge­stal­tung die­ser Sank­tio­nen in §§ 31a, 31b SGB II genügt aller­dings den hier stren­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­ga­ben nicht.

Der Gesetz­ge­ber ver­folgt mit den Sank­ti­ons­re­ge­lun­gen in § 31a Abs. 1, § 31b SGB II zur Durch­set­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten nach § 31 Abs. 1 SGB II ein legi­ti­mes Ziel.

Der Gesetz­ge­ber hat sich in §§ 31a, 31b SGB II ent­schie­den, die Auf­nah­me einer Erwerbs­tä­tig­keit zur Besei­ti­gung von Hil­fe­be­dürf­tig­keit nicht nur über Anrei­ze zu för­dern, son­dern Mit­wir­kung an der Besei­ti­gung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit auch sank­ti­ons­be­wehrt zu for­dern 32. Die Rege­lun­gen der §§ 31a, 31b SGB II in Ver­bin­dung mit § 31 Abs. 1 SGB II fol­gen damit der für das der­zei­ti­ge Sys­tem der Grund­si­che­rung grund­le­gen­den, mit Blick auf die Finan­zier­bar­keit gerecht­fer­tig­ten Wei­chen­stel­lung des "För­derns und For­derns"; mit den in § 31a Abs. 1 Satz 1 und 2 SGB II fest­ge­leg­ten Min­de­run­gen der Geld­leis­tun­gen des Regel­be­darfs und dem in § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II fest­ge­leg­ten Weg­fall des gesam­ten Arbeits­lo­sen­gel­des II sol­len für sich genom­men ver­hält­nis­mä­ßi­ge Mit­wir­kungs­pflich­ten nach § 31 Abs. 1 SGB II durch­ge­setzt wer­den. Wie die Mit­wir­kungs­pflich­ten selbst ver­fol­gen damit auch zu ihrer Durch­set­zung ver­häng­te Sank­tio­nen ein legi­ti­mes Ziel.

Hin­ge­gen lie­ßen sich die zur Prü­fung gestell­ten Sank­ti­ons­re­ge­lun­gen von vorn­her­ein nicht mit dem für sich genom­men legi­ti­men Ziel recht­fer­ti­gen, auf ver­min­der­te Bedar­fe zu reagie­ren. Die in § 31a Abs. 1 SGB II nor­mier­ten Leis­tungs­min­de­run­gen ori­en­tie­ren sich nicht an Bedar­fen. Sie sind viel­mehr als pau­scha­le Sank­tio­nen kon­zi­piert, um beim ers­ten Mal bereits deut­lich spür­bar und im Wie­der­ho­lungs­fall mit zuneh­men­der Här­te auf Pflicht­ver­let­zun­gen zu reagie­ren. Eine Min­de­rung, durch die der Regel­be­darf unge­deckt bleibt, führt unwei­ger­lich dazu, dass der einer bedürf­ti­gen Per­son tat­säch­lich gezahl­te Betrag nicht dem ent­spricht, was zur Gewähr­leis­tung des ein­heit­li­chen, phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Bedar­fe umfas­sen­den men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums benö­tigt wird.

Die in § 31a Abs. 1 SGB II vor­ge­ge­be­nen Leis­tungs­min­de­run­gen las­sen sich auch nicht unter Ver­weis dar­auf recht­fer­ti­gen, ent­zo­gen wür­den ledig­lich Leis­tun­gen für sozia­le Teil­ha­be und es ver­blei­be ein "Kern­be­reich" 131. Aus dem Grund­recht auf die Unan­tast­bar­keit der Men­schen­wür­de in Art. 1 Abs. 1 GG folgt, dass sich der ver­fas­sungs­recht­lich in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG garan­tier­te Leis­tungs­an­spruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums als ein­heit­li­che Gewähr­leis­tung 132 auch auf Mit­tel zur Siche­rung eines Min­dest­ma­ßes an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Leben erstreckt 133. Schon des­halb sind die­je­ni­gen Mit­tel, die der Gesetz­ge­ber für sozia­le Teil­ha­be pau­schal im Rah­men des Gesamt­bud­gets ver­an­schlagt, eben­so wenig ver­füg­bar 134 wie die Mit­tel, die für ande­re Bedar­fe zur Ver­fü­gung gestellt wer­den.

Die hier zu über­prü­fen­den gesetz­li­chen Rege­lun­gen sind aber nicht in jeder Hin­sicht ver­hält­nis­mä­ßig. Nur die in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II nor­mier­te Höhe einer Leis­tungs­min­de­rung von 30 % ist der­zeit auf der Grund­la­ge plau­si­bler Annah­men hin­rei­chend trag­fä­hig begründ­bar. Hin­ge­gen genügt die wei­te­re Aus­ge­stal­tung den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht. Es steht dem Gesetz­ge­ber zwar frei, im Fall der wie­der­hol­ten Ver­let­zung einer Pflicht zu zumut­ba­rer Mit­wir­kung erneut Sank­tio­nen zu ver­hän­gen, doch sind Min­de­run­gen exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen nach § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II in einer Höhe von 60 % des Regel­be­darfs im Ergeb­nis jeden­falls unzu­mut­bar. Der in § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II vor­ge­ge­be­ne voll­stän­di­ge Weg­fall exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen ist mit den Anfor­de­run­gen des Grund­ge­set­zes eben­falls nicht zu ver­ein­ba­ren.

ALG II-Kür­zung um 30%[↑]

Die in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II vor­ge­ge­be­ne Min­de­rung der Leis­tun­gen des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs um 30 % ist in der Höhe ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Zwar ist schon die Belas­tungs­wir­kung einer Min­de­rung um 30 % des Regel­be­darfs außer­or­dent­lich und die Anfor­de­run­gen an ihre Ver­hält­nis­mä­ßig­keit sind ent­spre­chend hoch. Hier kann sich der Gesetz­ge­ber jedoch auf plau­si­ble Annah­men zu ihrer Eig­nung stüt­zen und davon aus­ge­hen, dass mil­de­re Mit­tel nicht eben­so effek­tiv wären. Zumut­bar ist eine Leis­tungs­min­de­rung in Höhe von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs jedoch nur, wenn in einem Fall außer­ge­wöhn­li­cher Här­te von der Sank­ti­on abge­se­hen wer­den kann und die Min­de­rung nicht unab­hän­gig von der Mit­wir­kung der Betrof­fe­nen starr andau­ert.

Mit § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II hat sich der Gesetz­ge­ber für eine har­te Belas­tung der Betrof­fe­nen ent­schie­den. Es ent­fal­len – in der fik­ti­ven und pau­scha­len Berech­nung, also ohne Rück­sicht auf die von den Sank­tio­nen betrof­fe­nen Lebens­la­gen mit häu­fi­gen mehr­fa­chen Hür­den einer Ver­mitt­lung in Arbeit – Leis­tun­gen, die Klei­dung und Schu­he, Haus­halt, Frei­zeit, Bil­dung oder auch Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­kehr abde­cken sol­len; nach ande­ren Berech­nun­gen ver­bleibt neben den Pos­ten für Nah­rung, Klei­dung und Ener­gie über drei Mona­te hin­weg ein Tages­bud­get von 1 Euro 135. Dabei lässt sich nicht dar­auf ver­wei­sen, hier kön­ne auf sozio­kul­tu­rel­le Teil­ha­be­be­dar­fe ver­zich­tet wer­den. Ver­fas­sungs­recht­lich hat der Gesetz­ge­ber zwar einen Ent­schei­dungs­spiel­raum bei der Beur­tei­lung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se und der wer­ten­den Ein­schät­zung des not­wen­di­gen Bedarfs, der sich für die unter­schied­li­chen Bedar­fe auch unter­schei­det 136, doch ist eine Hier­ar­chi­sie­rung der Bedar­fe auf­grund der ein­heit­li­chen Gewähr­leis­tung nicht zuläs­sig 132. Die Min­de­rung unter­schei­det sich schließ­lich auch von einer Auf­rech­nung, die zeit­ver­setzt eine Über­zah­lung aus­gleicht 137, wohin­ge­gen hier dau­er­haft eine Leis­tung ent­fällt.

Die Min­de­rung belas­tet zudem gege­be­nen­falls auch Drit­te. Zwar hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­den, dass in der Bedarfs­ge­mein­schaft ein gewis­ser Schutz vor Woh­nungs­lo­sig­keit greift 138. Den­noch wirkt sich die Min­de­rung bei nur einem Mit­glied der Bedarfs­ge­mein­schaft auf die Gemein­schaft belas­tend aus. Auch der Gesetz­ge­ber geht bei der Berech­nung des Regel­be­darfs davon aus, dass in der Bedarfs­ge­mein­schaft "aus einem Topf" 115 gewirt­schaf­tet wird.

Zu berück­sich­ti­gen ist aber auch, dass in den Fäl­len der ers­ten Pflicht­ver­let­zung und anders als bei Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des II nach § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II die Mehr­be­dar­fe nach § 21 SGB II und die Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung wei­ter geleis­tet wer­den. Zudem kön­nen für ein­ma­li­ge Bedarfs­spit­zen vom Regel­be­darf umfass­te Bedar­fe nach § 24 Abs. 1 SGB II auch im Min­de­rungs­zeit­raum als Dar­le­hen gewährt wer­den, des­sen Rück­zah­lung das Job­cen­ter nach § 44 SGB II erlas­sen kann 139.

Der Gesetz­ge­ber hat zudem mitt­ler­wei­le wei­te­re Vor­keh­run­gen getrof­fen, um zu ver­hin­dern, dass die Leis­tungs­min­de­rung um 30 % mit ande­ren Ver­rin­ge­run­gen des Regel­be­darfs wie einer Auf­rech­nung (§ 43 SGB II) oder den Rück­zah­lun­gen sol­cher Dar­le­hen (§ 42a SGB II) zusam­men­trifft 140. Seit dem 1.08.2016 ist eine Auf­rech­nung nach § 43 Abs. 3 Satz 1 SGB II nicht zuläs­sig für Zeit­räu­me, in denen der Aus­zah­lungs­an­spruch nach § 31b Abs. 1 Satz 1 SGB II um min­des­tens 30 % gemin­dert ist 37. § 42a Abs. 2 Satz 2 SGB II ver­weist seit­dem auf § 43 Abs. 3 SGB II, so dass ein Dar­le­hen wäh­rend einer Min­de­rung nicht mehr getilgt wird. Den­noch bleibt die Belas­tung durch die Min­de­rung des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs, den der Gesetz­ge­ber zur Siche­rung der men­schen­wür­di­gen Exis­tenz fest­ge­legt hat, hart.

Die Rege­lung einer Leis­tungs­min­de­rung in Höhe von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II im Fall einer Pflicht­ver­let­zung nach § 31 Abs. 1 SGB II ist im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sin­ne vom Aus­gangs­punkt her hier nicht unge­eig­net, den gewünsch­ten Erfolg der Mit­wir­kung an der Besei­ti­gung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit und der Inte­gra­ti­on in den Arbeits­markt im Recht der Grund­si­che­rung zu för­dern. Aller­dings erlaubt eine zwin­gen­de Vor­ga­be das Abse­hen von der Sank­ti­on selbst dann nicht, wenn sie zur Zweck­er­rei­chung offen­sicht­lich unge­eig­net ist. Auch kann die nach § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II unab­hän­gig von der Mit­wir­kung der Betrof­fe­nen star­re Vor­ga­be eines Min­de­rungs­zeit­raums von drei Mona­ten dazu füh­ren, dass Sank­tio­nen andau­ern, obwohl sie im kon­kre­ten Fall den ver­folg­ten Zweck nicht oder nicht mehr errei­chen. Der gene­rel­len Eig­nung steht das jedoch nicht ent­ge­gen.

Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Eig­nung ste­hen der Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers, für eine ers­te Pflicht­ver­let­zung im Sin­ne des § 31 Abs. 1 SGB II eine Min­de­rung der Regel­be­darfs­leis­tun­gen in Höhe von 30 % vor­zu­ge­ben, nicht ent­ge­gen.

Der Gesetz­ge­ber ver­fügt in der Beur­tei­lung der Eig­nung einer Rege­lung über eine Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve. Ver­fas­sungs­recht­lich genügt grund­sätz­lich, wenn die Mög­lich­keit der Zweck­er­rei­chung besteht 141. Der Spiel­raum des Gesetz­ge­bers bezieht sich inso­fern auf die Ein­schät­zung und Bewer­tung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se, der etwa erfor­der­li­chen Pro­gno­se und der Wahl der Mit­tel, um sei­ne Zie­le zu errei­chen. Doch ist die­ser Ein­schät­zungs­spiel­raum hier begrenzt, weil die Leis­tungs­min­de­rung als Mit­tel zur Errei­chung legi­ti­mer Zwe­cke das grund­recht­lich geschütz­te Exis­tenz­mi­ni­mum berührt. Die Rege­lung in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II sus­pen­diert, was Bedürf­ti­gen nach Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG zur Siche­rung eines men­schen­wür­di­gen Lebens zusteht.

Es ist aus­weis­lich der der­zeit vor­lie­gen­den Erkennt­nis­se zwei­fel­haft, ob mit der Leis­tungs­min­de­rung tat­säch­lich in grö­ße­rem Umfang erreicht wird, dass Men­schen die in § 31 Abs. 1 SGB II benann­ten Pflich­ten erfül­len und letzt­lich wie­der Arbeit suchen und fin­den. Schon die Mit­wir­kungs­pflich­ten an der Über­win­dung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit in § 31 Abs. 1 SGB II füh­ren nur ein­ge­schränkt dazu, dass die Hil­fe­be­dürf­ti­gen wie­der dau­er­haft in Arbeit fin­den; die Erfolgs­quo­te ist teil­wei­se sehr begrenzt. Damit ist auch die Effek­ti­vi­tät der zur Durch­set­zung die­ser Maß­nah­men gedach­ten und letzt­lich auf Wie­der­ein­glie­de­rung in Erwerbs­tä­tig­keit zie­len­den Sank­tio­nen von vorn­her­ein begrenzt. Selbst wenn die­se Sank­tio­nen den erwünsch­ten Len­kungs­ef­fekt voll­stän­dig erziel­ten, gin­ge ihre Eig­nung zur Errei­chung des eigent­li­chen Ziels der Ein­glie­de­rung in Arbeit nicht über die­je­ni­ge der durch­zu­set­zen­den Pflich­ten hin­aus. Die Sank­ti­on der Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht kann inso­fern kei­ne grö­ße­re Wir­kung ent­fal­ten als die Mit­wir­kungs­pflicht selbst. Unge­wiss ist dar­über hin­aus die unmit­tel­ba­re Len­kungs­wir­kung der Sank­ti­on selbst. Ob und in wel­chem Maße die in § 31a SGB II vor­ge­se­he­nen Leis­tungs­min­de­run­gen über­haupt bewir­ken, dass die Betrof­fe­nen ihren Pflich­ten aus § 31 Abs. 1 SGB II nach­kom­men, ist auch nicht durch dif­fe­ren­zier­te Daten belegt. Dar­ge­legt sind hin­ge­gen nega­ti­ve Effek­te von Leis­tungs­min­de­run­gen.

Doch liegt es im Gestal­tungs- und Ent­schei­dungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers, die in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II nor­mier­te Sank­ti­on in der Höhe von 30 % der Min­de­rung des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs der­je­ni­gen, die eine Mit­wir­kungs­pflicht nach § 31 Abs. 1 SGB II ver­letzt haben, für geeig­net zu hal­ten, sein Ziel zu errei­chen.

Der Gesetz­ge­ber kann sich auf Stu­di­en stüt­zen, nach denen die Beschäf­ti­gungs­wahr­schein­lich­keit bei Per­so­nen, denen gegen­über eine ers­te Leis­tungs­min­de­rung in die­ser begrenz­ten Höhe aus­ge­spro­chen wur­de, jeden­falls grund­sätz­lich erhöht sei, auch wenn über die Qua­li­tät der Beschäf­ti­gung etwa in Hin­blick auf Dau­er, Ent­loh­nung oder Aus­bil­dungs­ad­äquanz kei­ne kla­ren Aus­sa­gen getrof­fen wer­den kön­nen. In der münd­li­chen Ver­hand­lung wur­de teil­wei­se vor­ge­tra­gen, dass Min­de­run­gen in einer Höhe von 30 % eine Len­kungs­wir­kung ent­fal­te­ten; es han­de­le sich für die Job­cen­ter um ein wich­ti­ges Instru­ment, um auf die Mit­wir­kungs­be­reit­schaft der Betrof­fe­nen an der Über­win­dung ihrer Hil­fe­be­dürf­tig­keit hin­wir­ken zu kön­nen.

Der Gesetz­ge­ber kann auch von einer ex ante-Wir­kung der Leis­tungs­min­de­run­gen aus­ge­hen. Er kann inso­fern als Indiz wer­ten, dass die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Leis­tungs­be­rech­tig­ten ihre Mit­wir­kungs­pflich­ten erfüllt. Zudem darf er sich auf die Hin­wei­se stüt­zen, wonach die Andro­hung von Sank­tio­nen not­wen­dig sei, um zur Mit­wir­kung anzu­hal­ten.

Der Gesetz­ge­ber hat zudem Vor­keh­run­gen getrof­fen, die den Zusam­men­hang zwi­schen der Mit­wir­kungs­pflicht zwecks eigen­stän­di­ger Exis­tenz­si­che­rung und der Leis­tungs­min­de­rung zu deren Durch­set­zung stär­ken.

So müs­sen die Pflich­ten nach § 31 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit § 10 SGB II für die Betrof­fe­nen zumut­bar sein. Hin­sicht­lich der Pflich­ten aus einer Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 SGB II gilt über­dies, dass sie nach § 15 Abs. 1 und 3 SGB II mit Blick auf die indi­vi­du­el­len Fähig­kei­ten und die indi­vi­du­el­le Lebens­si­tua­ti­on des Leis­tungs­be­rech­tig­ten fest­ge­legt und in regel­mä­ßi­gen Abstän­den dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob sie inso­weit nach wie vor geeig­net sind 142.

Auch liegt kei­ne Pflicht­ver­let­zung vor, wenn sich die Hil­fe­be­dürf­ti­gen für ihr Ver­hal­ten auf einen wich­ti­gen Grund im Sin­ne des § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II beru­fen kön­nen. Die­ser unbe­stimm­te Rechts­be­griff soll Aus­nah­men erfas­sen, die vom Gesetz­ge­ber nicht berück­sich­tigt wur­den oder nicht vor­her­seh­bar waren. Er erfasst beson­de­re Umstän­de des Ein­zel­fal­les wie bei­spiels­wei­se schwie­ri­ge fami­liä­re Ver­hält­nis­se, gesund­heit­li­che Pro­ble­me oder Dis­kri­mi­nie­run­gen im vor­ma­li­gen Arbeits­ver­hält­nis 143. Damit kann ver­hin­dert wer­den, dass Betrof­fe­ne zur Ver­mei­dung von Sank­tio­nen Mit­wir­kungs­hand­lun­gen erbrin­gen müss­ten, durch die das Ziel, ihre Bedürf­tig­keit zu über­win­den, ange­sichts der beson­de­ren Umstän­de ihres Fal­les von vorn­her­ein nicht erreicht wer­den könn­te. Der wich­ti­ge Grund muss objek­tiv vor­lie­gen; ent­spre­chen­de Tat­sa­chen im Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Betrof­fe­nen müs­sen die­se dar­le­gen und erfor­der­li­chen­falls nach­wei­sen 128. Im Übri­gen gilt auch hier der Grund­satz der Amts­er­mitt­lung. Der Trä­ger der Grund­si­che­rung muss also – gege­be­nen­falls nach Gele­gen­heit zu münd­li­cher Anhö­rung – von Amts wegen prü­fen, ob ein wich­ti­ger Grund vor­liegt, der die Pflicht­ver­let­zung begrün­det, und eine Sank­ti­on nach §§ 31a, 31b SGB II damit ent­fällt. Das trägt dazu bei, dass die Sank­ti­on auch die ange­streb­ten Zwe­cke erreicht.

Des­glei­chen för­dern die für die­se Sank­tio­nen gel­ten­den beson­de­ren Anfor­de­run­gen an das Ver­fah­ren, dass der Zweck erreicht wird. So muss bereits die Pflicht aus § 31 Abs. 1 SGB II klar und ein­deu­tig bestimmt wer­den. Dazu kommt die Rechts­fol­gen­be­leh­rung mit ihrer Warn­funk­ti­on 144; sie ist nur ver­zicht­bar, wenn – wie im hie­si­gen Aus­gangs­ver­fah­ren – posi­ti­ve Kennt­nis von den Rechts­fol­gen vor­liegt. So ist gesi­chert, dass die Betrof­fe­nen wis­sen, was kon­kret auf sie zukommt, wenn sie die Mit­wir­kung ver­wei­gern. Das erhöht die Wahr­schein­lich­keit, schon mit der Andro­hung der Sank­ti­on die Erfül­lung der Mit­wir­kungs­pflicht zu för­dern und trägt damit zur Eig­nung von Leis­tungs­min­de­run­gen zur Durch­set­zung der Mit­wir­kungs­pflicht bei. So wird eine Sank­tio­nie­rung der­je­ni­gen ver­mie­den, die nicht ein­deu­tig wis­sen, was von ihnen ver­langt wird und was auf eine Wei­ge­rung folgt. Des Wei­te­ren müs­sen die Betrof­fe­nen vor der Fest­stel­lung einer Pflicht­ver­let­zung nach § 31b Abs. 1 Satz 1 SGB II gemäß § 24 SGB X ange­hört wer­den. Die Fest­stel­lung der Min­de­rung ist nach § 31b Abs. 1 Satz 5 SGB II zudem nur inner­halb von sechs Mona­ten nach der Pflicht­ver­let­zung zuläs­sig.

Im Ergeb­nis ist der Rege­lung in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II eine gene­rel­le Eig­nung zur Errei­chung ihres Zie­les nicht abzu­spre­chen. Die Ent­schei­dung für die­se Aus­ge­stal­tung des Sozi­al­rechts beruht auf einer pro­gnos­ti­schen Ein­schät­zung einer Viel­zahl von Fäl­len, in denen Sank­tio­nen vor allem ex ante-Wir­kung ent­fal­ten sol­len, um Men­schen in sehr unter­schied­li­chen Lebens­la­gen schon von vorn­her­ein zur Mit­wir­kung an der Besei­ti­gung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit zu bewe­gen. Dies genügt ange­sichts der sons­ti­gen Vor­keh­run­gen, um eine Sank­ti­on in der nach § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II vor­ge­ge­be­nen Höhe von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs hin­rei­chend trag­fä­hig zu begrün­den.

Zwin­gen­de Sank­tio­nen?[↑]

Hin­ge­gen lässt die Vor­ga­be in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II, den Regel­be­darf bei einer Pflicht­ver­let­zung zwin­gend um 30 % zu min­dern, nicht zu, dass Min­de­run­gen unter­blei­ben, wenn sie nach Ein­schät­zung der Behör­de im Ein­zel­fall von vorn­her­ein offen­sicht­lich unge­eig­net sind, ihr Ziel zu errei­chen. Die der­zei­ti­ge Rege­lung lässt es nicht zu, in der Ent­schei­dung über die Sank­ti­on auf den Ein­zel­fall zu reagie­ren und den in die­sem Ver­fah­ren ein­dring­lich beschrie­be­nen unter­schied­li­chen Lebens­la­gen gerecht zu wer­den. Zwar kann schon im Rah­men der nach § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II vor­zu­neh­men­den Prü­fung des Vor­lie­gens eines "wich­ti­gen Grun­des" für die feh­len­de Mit­wir­kung auf­ge­fan­gen wer­den, wenn von vorn­her­ein das Ziel nicht erreicht wer­den kann. Doch bezieht sich der wich­ti­ge Grund auf die Mit­wir­kungs­pflicht und nicht auf die dann fol­gen­de Sank­ti­on. Wenn aber gera­de die­se Sank­ti­on im kon­kre­ten Fall offen­sicht­lich unge­eig­net ist, um den Mit­wir­kungs­zweck zu errei­chen, oder sogar kon­tra­pro­duk­tiv wirkt, ist es der zustän­di­gen Behör­de der­zeit ver­sagt, von einer Min­de­rung abzu­se­hen. Ins­be­son­de­re bei Men­schen mit mehr­fa­chen Ver­mitt­lungs­hemm­nis­sen und oft erheb­li­chen psy­chi­schen Pro­ble­men, die zwar zur Mit­wir­kung in der Lage sind, aber nach gel­ten­dem Recht mit Leis­tungs­min­de­run­gen belas­tet wer­den müs­sen, kann gleich­wohl im Ein­zel­fall erkenn­bar sein, dass die Min­de­run­gen die gewünsch­ten Durch­set­zungs- und Inte­gra­ti­ons­ef­fek­te nicht, nicht zu die­sem Zeit­punkt oder nicht mehr errei­chen. Ent­spre­chend ist dar­ge­legt, dass die zustän­di­gen Behör­den ent­ge­gen der Rechts­la­ge von einer Sank­ti­on abse­hen, weil sie nicht zweck­mä­ßig erscheint, sie aber zur Errei­chung des Geset­zes­zwecks von der Auf­er­le­gung einer Mit­wir­kungs­pflicht nicht abse­hen wol­len. Zudem wol­len sie den für die Inte­gra­ti­on in den Arbeits­markt wich­ti­gen Kon­takt zu den Betrof­fe­nen nicht ver­lie­ren.

Auch die bewusst 145 star­re Rege­lung zum Min­de­rungs­zeit­raum in § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II ver­hin­dert, dass nur kon­kret geeig­ne­te Sank­tio­nen bestehen. Sie zwingt dazu, Leis­tun­gen zur Siche­rung einer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz immer für den Zeit­raum von drei Mona­ten zu ent­zie­hen. Das gilt der­zeit hier völ­lig unab­hän­gig davon, ob die Betrof­fe­nen ihre Pflicht nach­träg­lich doch erfül­len oder sich dazu ernst­haft und nach­hal­tig bereit erklä­ren, also davon aus­zu­ge­hen ist, dass die Erklä­rung, künf­tig mit­wir­ken zu wol­len, tat­säch­lich glaub­haft ist. Tun sie das, ist der Zweck der Sank­ti­on bereits erreicht; jeden­falls die­se Mit­wir­kung kann die Sank­ti­on dann nicht mehr durch­set­zen. Viel­mehr kann die star­re Fort­dau­er der Sank­ti­on sogar den Anreiz neh­men, eine Mit­wir­kung nach­zu­ho­len, weil die Min­de­rung ohne­hin wei­ter­läuft. Star­re Sank­tio­nen ber­gen zudem das Risi­ko, dass Men­schen jeden Kon­takt mit dem Job­cen­ter abbre­chen und kon­ter­ka­rie­ren dann ihren Zweck. Die Fort­set­zung der Leis­tungs­min­de­rung kann dann im Ein­zel­fall bereits unge­eig­net sein, um legi­ti­me Zie­le zu errei­chen. Trotz der im Ein­zel­fall damit mög­li­cher­wei­se feh­len­den Eig­nung der so aus­ge­stal­te­ten Rege­lun­gen, das gesetz­ge­be­ri­sche Ziel zu errei­chen, ist ihre gene­rel­le Eig­nung im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sin­ne zu beja­hen.

Hin­sicht­lich der Erfor­der­lich­keit der Sank­ti­ons­re­ge­lung in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II erscheint zwar im Hin­blick auf Ein­zel­fäl­le frag­lich, ob es sich hier um das mil­des­te unter gleich geeig­ne­ten Mit­teln han­delt, um die ange­streb­ten Zie­le zu errei­chen. Das steht jedoch der gene­rel­len Erfor­der­lich­keit im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sinn nicht ent­ge­gen.

Auch in der Ein­schät­zung der Erfor­der­lich­keit besteht grund­sätz­lich ein Ein­schät­zungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers; was erfor­der­lich ist, um legi­ti­me Zie­le zu errei­chen, ist durch die Ver­fas­sung nicht voll­stän­dig deter­mi­niert. Erfor­der­lich ist ein Gesetz im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sin­ne daher bereits, wenn der Gesetz­ge­ber nicht ein ande­res, gleich wirk­sa­mes, aber ein Grund­recht nicht oder weni­ger stark ein­schrän­ken­des Mit­tel hät­te wäh­len kön­nen 146.

Die Ein­schät­zung des Gesetz­ge­bers, dass eine Sank­ti­on zur Durch­set­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten erfor­der­lich ist, und die Ent­schei­dung in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II für eine Leis­tungs­min­de­rung in Höhe von 30 % hal­ten sich noch in sei­nem Ein­schät­zungs­spiel­raum. Hin­sicht­lich der Sank­ti­on als sol­cher wie auch im Hin­blick auf die­se Höhe ist die gesetz­ge­be­ri­sche Annah­me hin­rei­chend trag­fä­hig, dass mil­de­re, aber gleich wirk­sa­me Mit­tel nicht zur Ver­fü­gung ste­hen. Hin­sicht­lich einer Min­de­rung in die­ser Höhe erscheint jeden­falls plau­si­bel, dass eine spür­bar belas­ten­de Reak­ti­on die Betrof­fe­nen dazu moti­vie­ren kann, ihren Pflich­ten nach­zu­kom­men, und eine gerin­ge­re Sank­ti­on oder posi­ti­ve Anrei­ze kei­ne gene­rell glei­cher­ma­ßen wirk­sa­me Alter­na­ti­ve dar­stel­len.

Doch erge­ben sich auch hier hin­sicht­lich der zwin­gen­den Sank­ti­ons­vor­ga­be unab­hän­gig vom Ein­zel­fall sowie hin­sicht­lich der star­ren Sank­ti­ons­dau­er unab­hän­gig von der Mit­wir­kung jeden­falls erheb­li­che Beden­ken. Könn­te die Behör­de von einer Sank­ti­on in offen­sicht­lich unge­eig­ne­ten Fäl­len abse­hen, belas­te­te dies die Betrof­fe­nen nicht, könn­te aber gleich wirk­sam sein, zumal mit der Leis­tungs­min­de­rung sonst sogar nega­ti­ve Effek­te ein­her­ge­hen könn­ten. Weni­ger belas­tend wäre es im Ein­zel­fall auch, wenn die Leis­tungs­min­de­rung nicht starr andau­er­te, son­dern been­det wür­de, wenn die Mit­wir­kungs­pflicht erfüllt wird oder die ernst­haf­te Bereit­schaft dazu wie­der nach­hal­tig vor­han­den ist. Auch wenn es nicht mehr mög­lich ist, eine kon­kre­te Pflicht zu erfül­len, weil bei­spiels­wei­se die Arbeits­ge­le­gen­heit nicht mehr besteht, die Leis­tungs­be­rech­tig­ten aber, wie es der Gesetz­ge­ber in § 31a Abs. 1 Satz 6 SGB II akzep­tiert, ernst­haft und nach­hal­tig bereit sind, ihre Mit­wir­kungs­pflich­ten zu erfül­len, wird zudem jeden­falls das Ziel erreicht, den Kon­takt zum Job­cen­ter auf­recht­zu­er­hal­ten. Aller­dings darf der Gesetz­ge­ber auch in Rech­nung stel­len, dass ex ante-Wir­kun­gen nur erzielt wer­den kön­nen, wenn die­se Sank­ti­on im Nor­mal­fall ver­hängt und auf­recht­erhal­ten wird.

Die Rege­lung des § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II wird den hier stren­gen Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im enge­ren Sin­ne damit zwar hin­sicht­lich der Höhe der Min­de­rung gerecht, nicht aber in der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung als aus­nahms­los zwin­gen­de und von der Mit­wir­kung unab­hän­gig andau­ern­de Vor­ga­be.

Die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im enge­ren Sin­ne ver­langt, dass bei der Gesamt­ab­wä­gung zwi­schen der Schwe­re der Belas­tung, dem Gewicht und der Dring­lich­keit der sie recht­fer­ti­gen­den Grün­de die Gren­ze der Zumut­bar­keit gewahrt wird 147. Der Gesetz­ge­ber ver­fügt auch hier über einen – wenn auch nicht unbe­schränk­ten – Ein­schät­zungs- und Ent­schei­dungs­spiel­raum. Es ist jeden­falls auch bei der Aus­ge­stal­tung des Sozi­al­rechts nicht Auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, von zahl­rei­chen Fak­to­ren abhän­gi­ge Wer­tun­gen selbst vor­zu­neh­men, son­dern dem Gesetz­ge­ber über­ant­wor­tet, eine sol­che Ent­schei­dung zu tref­fen. Der Gesetz­ge­ber kann sich danach trotz der gro­ßen Belas­tung der Betrof­fe­nen auf­grund der zumin­dest plau­si­blen Annah­men zur Wir­kung spür­ba­rer Sank­tio­nen für eine vor­über­ge­hen­de Leis­tungs­min­de­rung um 30 % als Durch­set­zungs­in­stru­ment einer legi­ti­men Mit­wir­kungs­pflicht ent­schei­den. Eine höhe­re Belas­tung von Betrof­fe­nen, die ent­ste­hen kann, wenn eine ande­re Leis­tungs­min­de­rung mit den hier zu prü­fen­den Sank­tio­nen zusam­men­trifft, ist nicht Gegen­stand die­ser Ent­schei­dung.

Die Vor­ga­be in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II, den Regel­be­darf bei einer Pflicht­ver­let­zung ohne wei­te­re Prü­fung zwin­gend zu min­dern, ist jedoch unzu­mut­bar. Die Rege­lung stellt der­zeit nicht sicher, dass Min­de­run­gen aus­nahms­wei­se unter­blei­ben kön­nen, wenn sie außer­ge­wöhn­li­che Här­ten bewir­ken, ins­be­son­de­re weil sie in der Gesamt­be­trach­tung untrag­bar erschei­nen. Eine sol­che Aus­nah­me­kon­stel­la­ti­on liegt nicht schon allein des­halb vor, weil sich die Betrof­fe­nen schlicht wei­gern, an der Über­win­dung ihrer Hil­fe­be­dürf­tig­keit selbst aktiv mit­zu­wir­ken, und damit wis­sent­lich die Vor­ent­hal­tung staat­li­cher Leis­tun­gen in Kauf neh­men. Viel­mehr muss der Gesetz­ge­ber der Aus­nah­me­si­tua­ti­on Rech­nung tra­gen, in der es Men­schen zwar an sich mög­lich war, eine Mit­wir­kungs­pflicht zu erfül­len, aber den­noch im kon­kre­ten Ein­zel­fall auf­grund beson­de­rer Umstän­de unzu­mut­bar erscheint, die Nicht­er­fül­lung mit Leis­tungs­min­de­run­gen zu sank­tio­nie­ren, ins­be­son­de­re weil nach Ein­schät­zung der Behör­de – auch im Rah­men eines vom Gesetz­ge­ber ein­räum­ba­ren Beur­tei­lungs­spiel­raums – die Zie­le des Geset­zes nur erreicht wer­den kön­nen, indem eine Sank­ti­on unter­bleibt. Zwar ist dem Gesetz­ge­ber unbe­nom­men, mit einer kla­ren Sank­ti­ons­re­ge­lung auch die kla­re Bot­schaft zu ver­bin­den, dass Mit­wir­kungs­pflich­ten auch durch­ge­setzt wer­den. Er muss jedoch erkenn­ba­ren Aus­nah­me­kon­stel­la­tio­nen Rech­nung tra­gen.

Der Gesetz­ge­ber hat meh­re­re Mög­lich­kei­ten, die Zumut­bar­keit einer Sank­ti­on im kon­kre­ten Ein­zel­fall zu sichern. So kann er die Sank­ti­on in das Ermes­sen der zustän­di­gen Behör­de stel­len, die dann von ihr abse­hen kann, wenn die Sank­ti­on erkenn­bar unge­eig­net ist. Dem Gesetz­ge­ber sind Ermes­sens­re­ge­lun­gen im Zusam­men­hang mit Sank­tio­nen nach §§ 31 bis 31b SGB II auch nicht fremd, wie § 31a Abs. 1 Satz 6 SGB II und § 31b Abs. 1 Satz 4 SGB II eben­so wie § 66 Abs. 1 Satz 1 und 2 SGB I ver­deut­li­chen. Er kann die Zumut­bar­keit der Sank­ti­on im Ein­zel­fall aber auch durch eine Här­te­fall­re­ge­lung sicher­stel­len, die es der Behör­de ermög­licht, von einer unzu­mut­ba­ren Sank­ti­on abzu­se­hen.

Sank­ti­ons­zeit­raum[↑]

Nach der hier vor­zu­neh­men­den Gesamt­ab­wä­gung ist es auch unzu­mut­bar, dass die in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II vor­ge­ge­be­ne Sank­ti­on in Ver­bin­dung mit § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II unab­hän­gig von der Mit­wir­kung, auf die sie zielt, immer erst starr nach drei Mona­ten endet. Zwar ist der Min­de­rungs­zeit­raum von drei Mona­ten als sol­cher nicht zu bean­stan­den, wenn die Mit­wir­kungs­pflicht anhal­tend ver­letzt wird. Der starr andau­ern­de Leis­tungs­ent­zug über­schrei­tet aber die Gren­zen des gesetz­ge­be­ri­schen Gestal­tungs­spiel­raums, wenn die Mit­wir­kung, zu deren Durch­set­zung die­se Sank­ti­on dient, vor Ablauf von drei Mona­ten nach­ge­holt wird. Da der Gesetz­ge­ber an die Eigen­ver­ant­wor­tung der Betrof­fe­nen anknüp­fen muss, wenn er exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen sus­pen­diert, weil zumut­ba­re Mit­wir­kung ohne wich­ti­gen Grund ver­wei­gert wird, ist eine Leis­tungs­min­de­rung in der Gesamt­be­trach­tung nur zumut­bar, wenn sie grund­sätz­lich endet, sobald die Mit­wir­kung erfolgt. Die zur Deckung des gesam­ten exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarfs erfor­der­li­chen Leis­tun­gen müs­sen für die Bedürf­ti­gen grund­sätz­lich bereit­ste­hen und es muss an ihnen sein, die Vor­aus­set­zun­gen dafür zu schaf­fen, die für sie erlang­ba­re Leis­tung auch tat­säch­lich wie­der zu erhal­ten. Tun sie dann, was der Gesetz­ge­ber auf­grund des Nach­rangs staat­li­cher Leis­tun­gen ver­langt, ist ins­ge­samt unzu­mut­bar, Leis­tun­gen zu min­dern, auf die Men­schen zur Siche­rung ihrer men­schen­wür­di­gen Exis­tenz tat­säch­lich ange­wie­sen sind. Ist die Mit­wir­kung objek­tiv nicht mehr mög­lich, wird aber die Bereit­schaft zur Mit­wir­kung ernst­haft und nach­hal­tig erklärt, muss die Leis­tung jeden­falls in zumut­ba­rer Zeit wie­der gewährt wer­den.

Zwar mag der Gesetz­ge­ber davon aus­ge­hen, dass ein prä­ven­ti­ver ver­hal­tens­len­ken­der Effekt bei einer star­ren und län­ger andau­ern­den Min­de­rung grö­ßer ist als bei einer Rege­lung, die auf nach­träg­li­che Mit­wir­kung reagiert. Doch ist der sonst wei­te Ein­schät­zungs­spiel­raum hier begrenzt, weil der Gesetz­ge­ber mit der Min­de­rung exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen im durch Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG grund­recht­lich geschütz­ten Bereich har­te Belas­tun­gen schafft, ohne dass sich die exis­ten­zi­el­len Bedar­fe der Betrof­fe­nen zu die­sem Zeit­punkt ver­än­dert hät­ten. Zwar kann er Sank­tio­nen – vor­be­halt­lich von Här­te­fäl­len – im Hin­blick auf deren ex ante-Wir­kung für einen kur­zen Zeit­raum wirk­sam wer­den las­sen. Er muss jedoch dafür Sor­ge tra­gen, dass die exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen in zumut­ba­rer Zeit wie­der­erlangt wer­den kön­nen. Die star­re Frist von drei Mona­ten ist dafür deut­lich zu lang. Es ist auch nicht erkenn­bar, dass gera­de die nach § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II starr mit drei Mona­ten vor­ge­ge­be­ne Sank­ti­ons­dau­er dazu bei­tra­gen könn­te, die Betrof­fe­nen zur Erbrin­gung ihrer Ein­glie­de­rungs­be­mü­hun­gen anzu­hal­ten. Die in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II vor­ge­ge­be­ne Sank­ti­on ist daher nach Maß­ga­be der hier gel­ten­den stren­gen Anfor­de­run­gen an die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ver­fas­sungs­recht­lich nur zumut­bar, wenn ihre Dau­er auf die Mit­wir­kung der Betrof­fe­nen und damit auf deren eigen­ver­ant­wort­li­ches Han­deln bezo­gen ist.

Dem Gesetz­ge­ber sind Vor­ga­ben, die Sank­tio­nen zumin­dest abzu­mil­dern, wenn deren Ziel erreicht ist, auch nicht fremd. Er hat bei unter 25-Jäh­ri­gen die Mög­lich­keit geschaf­fen, alle Min­de­run­gen im Här­te­fall auf sechs Wochen zu ver­kür­zen; nach dem Wort­laut des § 31b Abs. 1 Satz 4 SGB II steht dort im Ermes­sen des Trä­gers, den Sank­ti­ons­zeit­raum zu hal­bie­ren. Des­glei­chen sieht bei­spiels­wei­se § 67 SGB I vor, dass Leis­tun­gen wie­der erbracht wer­den, wenn die Mit­wir­kung nach­ge­holt wird (vgl. auch § 31a Abs. 1 Satz 6 SGB II). War­um Sank­tio­nen dem­ge­gen­über nach § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II hier starr andau­ern sol­len, wenn die damit durch­zu­set­zen­de Pflicht erfüllt wird, erschließt sich auch vor die­sem Hin­ter­grund nicht. Dar­über hin­aus ist unstrei­tig vor­ge­tra­gen wor­den, dass es ohne unzu­mut­ba­ren Auf­wand mög­lich sei, Leis­tun­gen jeder­zeit und damit auch unmit­tel­bar nach erfolg­ter Mit­wir­kung wie­der zu erbrin­gen. Der Gesetz­ge­ber ver­fügt auch inso­fern über einen Gestal­tungs­spiel­raum.

ALG II-Kür­zung von 60%[↑]

Die in § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II im Fall der ers­ten wie­der­hol­ten Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht nach § 31 Abs. 1 SGB II vor­ge­ge­be­ne Min­de­rung der Leis­tun­gen des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs in einer Höhe von 60 % ist mit dem Grund­ge­setz in der der­zei­ti­gen Aus­ge­stal­tung vor allem man­gels trag­fä­hi­ger Erkennt­nis­se zur Eig­nung und Erfor­der­lich­keit einer Sank­ti­on in die­ser gra­vie­ren­den Höhe nicht ver­ein­bar. Zwar ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht aus­ge­schlos­sen, erneut zu sank­tio­nie­ren, wenn sich eine Pflicht­ver­let­zung wie­der­holt und die Mit­wir­kungs­pflicht tat­säch­lich nur so durch­ge­setzt wer­den kann. Doch wird die Rege­lung des § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II den ange­sichts der außer­or­dent­li­chen Här­te die­ser Belas­tung stren­gen Maß­ga­ben der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit nicht gerecht, weil sie jeden­falls unzu­mut­bar ist.

Die mit § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II vor­ge­ge­be­ne Min­de­rung von Regel­be­darfs­leis­tun­gen in einer Höhe von 60 % bewirkt gra­vie­ren­de Belas­tun­gen für die Betrof­fe­nen, die die ers­te Sank­ti­on noch ein­mal ver­dop­pelt. Damit ent­fal­len im Min­de­rungs­zeit­raum mehr als die im Gesamt­bud­get für den Regel­be­darf vor­ge­se­he­nen Pau­schal­be­trä­ge für Klei­dung und Schu­he, Woh­nen, Haus­halt, Ver­kehr, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Frei­zeit und Gast­stät­ten; die Min­de­rung berührt so auch die für Nah­rung und Geträn­ke als bedarfs­de­ckend ange­se­he­nen Sum­men 148. Dabei ist wie­der zu berück­sich­ti­gen, dass schon die Pau­schal­be­trä­ge auf einer knap­pen Berech­nung beru­hen, die nur in der Gesamt­schau für noch ver­fas­sungs­ge­mäß befun­den wur­de, weil nur dann und nur unter Berück­sich­ti­gung von Aus­le­gungs­spiel­räu­men für Här­te­fäl­le davon aus­ge­gan­gen wer­den konn­te, dass die men­schen­wür­di­ge Exis­tenz der Hil­fe­be­dürf­ti­gen tat­säch­lich rea­lis­tisch gesi­chert ist 149. Eine Min­de­rung in die­ser Höhe kann auch des­halb nicht mehr im Rah­men der Selbst­be­stim­mung über die Ver­wen­dung des Bud­gets aus­ge­gli­chen wer­den. Die hier ent­ste­hen­de Belas­tung reicht weit in das grund­recht­lich gewähr­leis­te­te Exis­tenz­mi­ni­mum hin­ein.

Der Gesetz­ge­ber hat zwar gewis­se Vor­keh­run­gen getrof­fen, um zu ver­hin­dern, dass Men­schen die Grund­la­gen dafür ver­lie­ren, über­haupt wie­der in Arbeit zu kom­men. Dazu gehört die Fort­zah­lung der Kos­ten der Unter­kunft und Hei­zung nach § 22 SGB II. Zudem ermög­licht es die Rege­lung des § 31a Abs. 3 Satz 3 SGB II, Geld­leis­tun­gen zur Deckung des Bedarfs für Unter­kunft und Hei­zung im Fall einer Min­de­rung von min­des­tens 60 % direkt an den Ver­mie­ter oder ande­re Emp­fangs­be­rech­tig­te zu zah­len, was dem Risi­ko der Woh­nungs­lo­sig­keit ent­ge­gen­wirkt. Schließ­lich besteht nach § 31a Abs. 3 Sät­ze 1 und 2 SGB II die Mög­lich­keit, im Fall der Min­de­rung des Arbeits­lo­sen­gel­des II um mehr als 30 % in ange­mes­se­nem Umfang ergän­zend Sach­leis­tun­gen oder geld­wer­te Leis­tun­gen zu erhal­ten. Dies kann die zum zwei­ten Mal sank­tio­nier­ten Betrof­fe­nen grund­sätz­lich vor der wei­te­ren Ver­schlech­te­rung ihrer Lebens­la­ge bewah­ren und die Gefahr ihres Aus­stiegs aus dem Sys­tem ver­rin­gern.

Gegen die Eig­nung der mit § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II vor­ge­ge­be­nen Sank­ti­on bestehen nach den vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen den­noch erheb­li­che Beden­ken.

Die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers in § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II für eine Sank­ti­on der Min­de­rung um 60 % des Regel­be­darfs kann sich hin­sicht­lich ihrer Höhe nicht auf trag­fä­hi­ge Erkennt­nis­se dazu stüt­zen, dass die erwünsch­ten Wir­kun­gen tat­säch­lich erzielt und nega­ti­ve Effek­te ver­mie­den wer­den. Die Wirk­sam­keit die­ser Leis­tungs­min­de­rung ist bis­her weder mit Blick auf das unmit­tel­ba­re Ziel, die Mit­wir­kung zu errei­chen, noch mit Blick auf spe­zi­al- oder gene­ral­prä­ven­ti­ve Wir­kun­gen hin­rei­chend erforscht. Es ist zwar nicht aus­zu­schlie­ßen, dass eine Leis­tungs­min­de­rung in die­ser Höhe in Ein­zel­fäl­len geeig­net ist, die betrof­fe­ne Per­son zur Mit­wir­kung an der Über­win­dung der Hil­fe­be­dürf­tig­keit durch Erwerbs­ar­beit zu ver­an­las­sen. Wenn sich dies trag­fä­hig bele­gen lässt, mag der Gesetz­ge­ber zur Durch­set­zung wie­der­hol­ter Pflicht­ver­let­zun­gen im Aus­nah­me­fall auch eine beson­ders har­te Sank­ti­on vor­se­hen. Hin­ge­gen genügt die all­ge­mei­ne Annah­me, die­se Leis­tungs­min­de­rung errei­che ihre Zwe­cke, ange­sichts der gra­vie­ren­den Belas­tung der Betrof­fe­nen nicht, um die Eig­nung die­ser regel­haf­ten Här­te der Wie­der­ho­lungs­sank­ti­on zur Errei­chung legi­ti­mer Zie­le zu begrün­den.

Die der­zeit vor­lie­gen­den Erkennt­nis­se zei­gen zudem, dass mit der Sank­ti­on nach § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II in vie­len Fäl­len auch nega­ti­ve Wir­kun­gen ver­bun­den sind, wel­che die Zie­le des Gesetz­ge­bers kon­ter­ka­rie­ren. Dabei wird auf Woh­nungs­lo­sig­keit, die Gefahr der Dequa­li­fi­zie­rung, ver­stärk­te Ver­schul­dung, ein­ge­schränk­te Ernäh­rung, unzu­rei­chen­de Gesund­heits­ver­sor­gung, sozia­len Rück­zug sowie see­li­sche Pro­ble­me bei erwerbs­fä­hi­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten hin­ge­wie­sen.

Die Rege­lung zu mög­li­chen ergän­zen­den Leis­tun­gen in § 31a Abs. 3 Satz 1 SGB II besei­tigt die Zwei­fel an der Eig­nung einer Leis­tungs­min­de­rung in Höhe von 60 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs nicht.

Zwar liegt es grund­sätz­lich im Gestal­tungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers, wie er die Leis­tungs­mo­da­li­tä­ten aus­ge­stal­tet; ent­schei­dend ist allein, dass der exis­tenz­not­wen­di­ge Bedarf rea­lis­tisch gedeckt wer­den kann. Ver­fas­sungs­recht­lich ist daher vom Grund­satz her nicht zu bean­stan­den, dass der Gesetz­ge­ber Ergän­zungs­leis­tun­gen in Form von Sach­leis­tun­gen und geld­wer­ten Leis­tun­gen bereit­stellt.

Zur Eig­nung der Sank­ti­on, Men­schen letzt­lich wie­der in Arbeit zu brin­gen, tra­gen die Ergän­zungs­leis­tun­gen in der der­zei­ti­gen Aus­ge­stal­tung jedoch nicht genü­gend bei. Die sehr offe­ne Vor­schrift des § 31a Abs. 3 Satz 1 SGB II sichert nicht hin­rei­chend, dass die Zwei­fel an der Eig­nung ent­fal­len. Das ergibt sich schon dar­aus, dass nähe­re Vor­ga­ben für die Bereit­stel­lung von Sach­leis­tun­gen und geld­wer­ten Leis­tun­gen feh­len; die Ergän­zungs­leis­tun­gen ste­hen – jen­seits des § 31a Abs. 3 Satz 2 SGB II – ins­ge­samt im Ermes­sen und sind in der Höhe nicht quan­ti­fi­ziert.

Im Übri­gen erge­ben sich auch hin­sicht­lich der Rege­lung des § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II die bereits genann­ten Zwei­fel an der zwin­gen­den Vor­ga­be der Sank­ti­on auch in erkenn­bar unge­eig­ne­ten Fäl­len und an der unab­hän­gig von jeder Mit­wir­kung star­ren Dau­er.

Ange­sichts der bei einer Min­de­rung des Regel­be­darfs um 60 % ent­ste­hen­den außer­or­dent­li­chen Belas­tung der Betrof­fe­nen ist jeden­falls sehr zwei­fel­haft, dass einer wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zung nicht durch mil­de­re Mit­tel hin­rei­chend effek­tiv ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den könn­te. Ein mil­de­res Mit­tel wäre eine zwei­te Sank­ti­on in gerin­ge­rer Höhe, erfor­der­li­chen­falls bei län­ge­rer Dau­er, da Stu­di­en nahe­le­gen, dass eine Sank­ti­on durch eine Min­de­rung der Regel­be­darfs­leis­tun­gen um 60 % nicht zu deren Wirk­sam­keit bei­trägt. Auch in der münd­li­chen Ver­hand­lung konn­te nicht nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt wer­den, dass die zwei­te Sank­ti­on regel­mä­ßig der­art hoch sein muss, um Wir­kung zu ent­fal­ten. Sie mag im Ein­zel­fall zu recht­fer­ti­gen sein. Doch feh­len für die Annah­me, die nach § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II vor­ge­ge­be­ne Höhe von 60 % sei gene­rell erfor­der­lich, um Mit­wir­kungs­pflich­ten durch­zu­set­zen, der­zeit hin­rei­chen­de tat­säch­li­che Grund­la­gen.

In der Gesamt­ab­wä­gung die­ser gra­vie­ren­den Belas­tung mit den Zie­len der Durch­set­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten und even­tu­el­len Inte­gra­ti­on in den Arbeits­markt ist § 31a Abs. 1 Satz 2 SGB II in der der­zei­ti­gen Aus­ge­stal­tung ins­be­son­de­re man­gels trag­fä­hi­ger Erkennt­nis­se über die Eig­nung und Erfor­der­lich­keit einer Leis­tungs­min­de­rung in die­ser Höhe ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu recht­fer­ti­gen. Die Wirk­sam­keit einer Leis­tungs­min­de­rung in Höhe von 60 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs ist nicht in einer Wei­se durch trag­fä­hi­ge Erkennt­nis­se belegt, die eine der­art ein­schnei­den­de Maß­nah­me auch bei wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zun­gen als zumut­bar erschei­nen las­sen könn­te. Die Mög­lich­keit, nach § 31a Abs. 3 SGB II ergän­zend Leis­tun­gen zu erhal­ten, ist nach den vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen in der der­zei­ti­gen Aus­ge­stal­tung nicht geeig­net, die Zumut­bar­keit einer der­art gra­vie­ren­den Sus­pen­die­rung von exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen zu sichern, und es fehlt auch hier eine Rege­lung, die es ermög­licht, in außer­ge­wöhn­li­chen Här­te­fäl­len von einer wei­te­ren Sank­ti­on abzu­se­hen und die Sank­ti­on auf die tat­säch­li­che Mit­wir­kung zu bezie­hen.

Voll­stän­di­ger Ent­zug der Grund­si­che­rung[↑]

Der voll­stän­di­ge Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des II nach § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II ist auf Grund­la­ge der der­zei­ti­gen Erkennt­nis­se mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­ga­ben nicht ver­ein­bar, die den Ent­schei­dungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers bei der Aus­ge­stal­tung der Durch­set­zungs­mit­tel von Mit­wir­kungs­pflich­ten zur Über­win­dung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit begren­zen.

Die Rege­lung in § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II bewirkt, dass bei der drit­ten Pflicht­ver­let­zung im Sin­ne des § 31 SGB II das gesam­te Arbeits­lo­sen­geld II ent­fällt. Das bedeu­tet nicht nur den Weg­fall der Geld­zah­lun­gen für den maß­ge­ben­den Regel­be­darf. Es ent­fal­len nach der Defi­ni­ti­on in § 19 Abs. 1 Satz 3 SGB II auch die Leis­tun­gen für Mehr­be­dar­fe (§ 21 SGB II) und für Unter­kunft und Hei­zung (§ 22 SGB II). Zwar gibt es die Mög­lich­keit, ergän­zen­de Sach­leis­tun­gen oder geld­wer­te Leis­tun­gen nach § 31a Abs. 3 SGB II zu bean­tra­gen, doch steht dies bei Allein­ste­hen­den im Ermes­sen und ist in der Pra­xis der­zeit limi­tiert.

Nur begrenz­ten Schutz vor einem Woh­nungs­ver­lust schafft auch § 22 Abs. 8 SGB II, wonach die Mie­te als Dar­le­hen über­nom­men wer­den kann, denn das gilt erst, wenn die Kün­di­gung bereits erfolgt ist. Daher bestehen Zwei­fel, ob damit die Grund­la­gen der Mit­wir­kungs­be­reit­schaft erhal­ten blei­ben. Zudem gleicht ein Dar­le­hen die Här­te nur akut aus und ver­schiebt die Belas­tung auf einen spä­te­ren Zeit­punkt. Anders als nach §§ 51, 54 SGB I, die Ansprü­che auf Sozi­al­leis­tun­gen vor Pfän­dung schüt­zen 150, gibt es einen sol­chen Schutz vor Rück­zah­lungs­an­sprü­chen des Job­cen­ters nach dem Sozi­al­ge­setz­buch Zwei­tes Buch nicht. Die Kos­ten der Unter­kunft wer­den sonst erst wie­der getra­gen, wenn nach § 31a Abs. 1 Satz 6 SGB II die Sank­ti­on auf eine Min­de­rung in Höhe von 60 % begrenzt wird.

Ent­fällt das Arbeits­lo­sen­geld II, ent­fal­len zugleich die Bei­trä­ge zur gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung. Auch sie wer­den erst wie­der über­nom­men, wenn ergän­zen­de Sach­leis­tun­gen nach § 31a Abs. 3 SGB II gewährt wer­den. Zwar ist das gesund­heit­li­che Exis­tenz­mi­ni­mum gedeckt, weil nach § 16 Abs. 3a Satz 4 SGB V wei­ter­hin ein Behand­lungs­an­spruch besteht. Eine Ver­let­zung von Art. 2 Abs. 2 GG, die das vor­le­gen­de Gericht annimmt, ist inso­weit nicht erkenn­bar. Doch ent­ste­hen Bei­trags­rück­stän­de bei der Kran­ken­kas­se, die auch das Risi­ko einer Schul­den­fal­le mit sich brin­gen, auch weil § 26 SGB II hier kei­ne Anwen­dung fin­det 151. Es kann auch nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Betrof­fe­nen gera­de nach einer Leis­tungs­min­de­rung über Rück­la­gen ver­fü­gen wür­den, um die­se Schul­den auf­zu­fan­gen.

Es lie­gen kei­ne trag­fä­hi­gen Erkennt­nis­se vor, aus denen sich ergibt, dass ein völ­li­ger Weg­fall von exis­tenz­si­chern­den Leis­tun­gen geeig­net wäre, das Ziel der Mit­wir­kung an der Über­win­dung der eige­nen Hil­fe­be­dürf­tig­keit und letzt­lich der Auf­nah­me von Erwerbs­ar­beit zu för­dern. Durch­grei­fen­de Beden­ken gegen die Eig­nung der Sank­ti­on in die­ser Höhe erge­ben sich ins­be­son­de­re dar­aus, dass der Ver­lust der Woh­nung droht.

Vor­lie­gen­de Stu­di­en dif­fe­ren­zie­ren regel­mä­ßig nicht nach der Höhe der Leis­tungs­min­de­run­gen. Sie zei­gen daher zwar grund­sätz­lich, dass Leis­tungs­min­de­run­gen posi­ti­ve arbeits­markt­po­li­ti­sche Wir­kun­gen ent­fal­ten kön­nen. Dass sie sich auf die Über­win­dung der Hil­fe­be­dürf­tig­keit der Betrof­fe­nen tat­säch­lich posi­tiv aus­wirk­ten, ist jedoch schon nicht ein­deu­tig belegt. Auch in die­sem Ver­fah­ren wur­de viel­mehr nach­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass häu­fig kon­tra­pro­duk­ti­ve Effek­te ein­tre­ten. Das liegt ins­be­son­de­re nahe, wenn die Gefahr besteht, die Woh­nung zu ver­lie­ren, oder lang­fris­tig in eine Schul­den­fal­le zu gera­ten. Tat­säch­lich gin­ge mit dem Ver­lust der Woh­nung gera­de der Aus­gangs­punkt dafür ver­lo­ren, durch Erwerbs­ar­beit wie­der selbst für sich sor­gen zu kön­nen. Glei­ches gilt für Schul­den, die bei einem Weg­fall der Leis­tun­gen ent­ste­hen, wie Strom­schul­den oder Bei­trags­schul­den gegen­über der gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung. Dann nimmt die Sank­ti­on den Betrof­fe­nen sogar ihre Chan­ce, wie­der auf eige­nen Füßen zu ste­hen. Sie ent­zieht ihnen die Grund­la­ge dafür, wie­der in Erwerbs­ar­beit zurück­zu­keh­ren und ihre Exis­tenz selbst zu sichern 152. Zudem besteht die Gefahr, dass leis­tungs­be­rech­tig­te Hil­fe­be­dürf­ti­ge im Fall von Sank­tio­nen nicht etwa dazu moti­viert wer­den, ihre Mit­wir­kungs­pflich­ten zu erfül­len, son­dern den Kon­takt zum Job­cen­ter ganz abbre­chen. Ins­be­son­de­re bei dem in § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II vor­ge­ge­be­nen Ent­zug des gesam­ten Arbeits­lo­sen­geld II erscheint es zumin­dest wahr­schein­lich, dass Men­schen ihre Bedar­fe durch ille­ga­le Erwerbs­ar­beit und Kri­mi­na­li­tät zu decken suchen. In der münd­li­chen Ver­hand­lung hat auch die Bun­des­agen­tur für Arbeit bestä­tigt, dass sich die Totalsank­ti­on oft als kon­tra­pro­duk­tiv erwei­se.

Auch gegen die Erfor­der­lich­keit der der­art gra­vie­ren­den Sank­ti­on, bei der sämt­li­che Leis­tun­gen des Job­cen­ters ent­fal­len, bestehen erheb­li­che Beden­ken. Der grund­sätz­lich bestehen­de Ein­schät­zungs­spiel­raum des Gesetz­ge­bers ist hier wie­der­um eng, weil die Sank­ti­on eine gra­vie­ren­de Belas­tungs­wir­kung im grund­recht­lich geschütz­ten Bereich der men­schen­wür­di­gen Exis­tenz ent­fal­tet. Er ist hier über­schrit­ten, weil in kei­ner Wei­se belegt ist, dass ein Weg­fall exis­tenz­si­chern­der Leis­tun­gen not­wen­dig wäre, um die ange­streb­ten Zie­le zu errei­chen, und dass eine Min­de­rung der Regel­be­darfs­leis­tun­gen in gerin­ge­rer Höhe, eine Ver­län­ge­rung des Min­de­rungs­zeit­rau­mes oder auch eine teil­wei­se Umstel­lung von Geld­leis­tun­gen auf Sach­leis­tun­gen und geld­wer­te Leis­tun­gen nicht genau­so wirk­sam oder sogar wirk­sa­mer wäre, weil die nega­ti­ven Effek­te der Totalsank­ti­on unter­blie­ben. Das gilt hier zudem wie­der auch für die aus­nahms­los zwin­gen­de Vor­ga­be einer der­art gra­vie­ren­den Sank­ti­on und erst recht für die der­zei­ti­ge Maß­ga­be in § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II, wonach sogar der völ­li­ge Weg­fall von Leis­tun­gen starr drei Mona­te andau­ern soll, auch wenn die Mit­wir­kung erfolgt.

Schon ange­sichts der Eig­nungs­män­gel und der Zwei­fel an der Erfor­der­lich­keit einer der­art belas­ten­den Sank­ti­on zur Durch­set­zung legi­ti­mer Mit­wir­kungs­pflich­ten ergibt sich in der Gesamt­ab­wä­gung, dass der völ­li­ge Weg­fall aller Leis­tun­gen nach § 31a Abs. 1 Satz 3 SGB II auch mit den begrenz­ten Mög­lich­kei­ten ergän­zen­der Leis­tun­gen nach § 31a Abs. 3 SGB II bereits wegen die­ser Höhe nicht mit den hier stren­gen Anfor­de­run­gen der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ver­ein­bar ist. Unab­hän­gig davon hat der Gesetz­ge­ber auch hier dafür Sor­ge zu tra­gen, dass trotz Weg­falls des Arbeits­lo­sen­gel­des II die Chan­ce rea­li­sier­bar bleibt, exis­tenz­si­chern­de Leis­tun­gen zu erhal­ten, wenn zumut­ba­re Mit­wir­kungs­pflich­ten erfüllt wer­den oder, falls das nicht mög­lich ist, die ernst­haf­te und nach­hal­ti­ge Bereit­schaft zur Mit­wir­kung tat­säch­lich vor­liegt.

Anders liegt dies folg­lich, wenn und solan­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te es selbst in der Hand haben, durch Auf­nah­me einer ihnen ange­bo­te­nen zumut­ba­ren Arbeit (§ 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB II) ihre men­schen­wür­di­ge Exis­tenz tat­säch­lich und unmit­tel­bar durch die Erzie­lung von Ein­kom­men selbst zu sichern. Ihre Situa­ti­on ist dann im Aus­gangs­punkt der­je­ni­gen ver­gleich­bar, in der kei­ne Bedürf­tig­keit vor­liegt, weil Ein­kom­men oder Ver­mö­gen aktu­ell ver­füg­bar und zumut­bar ein­setz­bar sind. Wird eine sol­che tat­säch­lich exis­tenz­si­chern­de und im Sin­ne des § 10 SGB II zumut­ba­re Erwerbs­tä­tig­keit ohne wich­ti­gen Grund im Sin­ne des § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II wil­lent­lich ver­wei­gert, obwohl im Ver­fah­ren die Mög­lich­keit bestand, dazu auch etwai­ge Beson­der­hei­ten der per­sön­li­chen Situa­ti­on vor­zu­brin­gen, die einer Arbeits­auf­nah­me bei objek­ti­ver Betrach­tung ent­ge­gen­ste­hen könn­ten, ist daher ein voll­stän­di­ger Leis­tungs­ent­zug zu recht­fer­ti­gen.

Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung des BVerfG und Über­gangs­re­ge­lung[↑]

Die in die­sem Ver­fah­ren über­prüf­ten Rege­lun­gen ver­sto­ßen gegen Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG. § 31a Abs. 1 Sät­ze 1, 2 und 3 und § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II sind in den Fäl­len des § 31 Abs. 1 SGB II mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar; sie kön­nen jedoch bis zum Inkraft­tre­ten der Neu­re­ge­lung durch den Gesetz­ge­ber nach Maß­ga­be die­ses Urteils ange­wen­det wer­den.

Die Rege­lun­gen in § 31a Abs. 1 Sät­ze 1, 2 und 3 in Ver­bin­dung mit § 31b SGB II sind in den Fäl­len des § 31 Abs. 1 SGB II inso­weit mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar, als der Gesetz­ge­ber in § 31 Abs. 1 SGB II erwerbs­fä­hi­gen Leis­tungs­be­rech­tig­ten ver­hält­nis­mä­ßi­ge Pflich­ten auf­er­legt, um im Sin­ne von § 10 SGB II zumut­bar an der Über­win­dung der eige­nen Bedürf­tig­keit mit­zu­wir­ken. Auch die Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers, die in § 31 Abs. 1 SGB II nor­mier­ten Pflich­ten nach § 31a und § 31b SGB II, wenn nach § 31 Abs. 1 Satz 2 SGB II kein wich­ti­ger Grund für ihre Nicht­er­fül­lung vor­liegt, mit der Sank­ti­on durch­zu­set­zen, dass Leis­tun­gen in Höhe des für die Per­son maß­ge­ben­den exis­tenz­si­chern­den Regel­be­darfs im Sin­ne des § 20 SGB II vor­über­ge­hend gemin­dert wer­den, hält sich grund­sätz­lich in sei­nem Gestal­tungs­spiel­raum. Die nähe­re gesetz­li­che Aus­ge­stal­tung der Sank­tio­nen wird den hier gel­ten­den stren­gen Anfor­de­run­gen an die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit jedoch nach der­zei­ti­gem Erkennt­nis­stand nicht gerecht.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erklärt nach § 82 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit § 78 Satz 1 BVerfGG ein Gesetz grund­sätz­lich für nich­tig, das nach sei­ner Über­zeu­gung mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar ist. Die blo­ße Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung einer ver­fas­sungs­wid­ri­gen Norm ist hin­ge­gen regel­mä­ßig gebo­ten, wenn der Gesetz­ge­ber ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten hat, den Ver­fas­sungs­ver­stoß zu besei­ti­gen 153.

Das ist hier der Fall. Der Gesetz­ge­ber kann ins­be­son­de­re auf die Vor­ga­be der Leis­tungs­min­de­run­gen als Sank­tio­nen ver­zich­ten, anstel­le von Sank­tio­nen die Umstel­lung von Geld­leis­tun­gen auf Sach­leis­tun­gen oder geld­wer­te Leis­tun­gen vor­ge­ben, oder auch eine Rege­lung schaf­fen, die bei einer Ver­let­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten gerin­ge­re als die bis­her gere­gel­ten oder je nach Mit­wir­kungs­hand­lung unter­schied­li­che Min­de­rungs­hö­hen vor­sieht. Auch hat der Gesetz­ge­ber unter­schied­li­che Mög­lich­kei­ten, um außer­ge­wöhn­li­che Här­ten zu ver­hin­dern, die durch eine zwin­gen­de Sank­tio­nie­rung ent­ste­hen kön­nen. Zudem kann er die Dau­er einer Sank­ti­on unter­schied­lich aus­ge­stal­ten, indem er nach Mit­wir­kungs­hand­lun­gen oder auch zwi­schen nach­ge­hol­ter Mit­wir­kung und der Bereit­schaft, in Zukunft mit­zu­wir­ken, unter­schei­det. Die Rege­lun­gen sind daher nicht für nich­tig, son­dern für mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar zu erklä­ren.

Die in § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II nor­mier­te Höhe einer Leis­tungs­min­de­rung von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs im Fall der Ver­let­zung einer Pflicht nach § 31 Abs. 1 SGB II ist nach der­zei­ti­ger Erkennt­nis­la­ge für sich genom­men ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

§ 31a Abs. 1 Sät­ze 2 und 3 SGB II sind nach der­zei­ti­gem Erkennt­nis­stand ver­fas­sungs­wid­rig, soweit die Min­de­rung wegen einer ers­ten wie­der­hol­ten und einer wei­te­ren wie­der­hol­ten Pflicht­ver­let­zung inner­halb eines Jah­res die Höhe von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs über­steigt. Die Rege­lung ist inso­weit für mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar zu erklä­ren.

§ 31a Abs. 1 Sät­ze 1, 2 und 3 SGB II sind ver­fas­sungs­wid­rig und mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar, soweit danach der Regel­be­darf bei einer Pflicht­ver­let­zung auch im Fall außer­ge­wöhn­li­cher Här­ten zwin­gend zu min­dern ist oder das Arbeits­lo­sen­geld II auch dann voll­stän­dig ent­fal­len muss.

§ 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II ist ver­fas­sungs­wid­rig und mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar, soweit er für alle hier über­prüf­ten Leis­tungs­min­de­run­gen eine star­re Dau­er von drei Mona­ten vor­gibt.

Die Sank­ti­ons­re­ge­lun­gen der § 31a Abs. 1 Sät­ze 1, 2 und 3 und § 31b SGB II sind in den Fäl­len des § 31 Abs. 1 SGB II mit den ten­orier­ten Ein­schrän­kun­gen wei­ter anwend­bar. Die Über­gangs­re­ge­lung zu § 31b Abs. 1 Satz 3 SGB II ori­en­tiert sich an der Rege­lung in § 31a Abs. 1 Satz 6 SGB II.

Art. 1 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG ver­pflich­tet den Gesetz­ge­ber nicht dazu, rück­wir­kend Leis­tun­gen ohne Min­de­run­gen nach § 31a SGB II fest­zu­set­zen.

Für bestands­kräf­ti­ge Ver­wal­tungs­ak­te bleibt es bei der Rege­lung des § 40 Abs. 3 SGB II als Son­der­re­ge­lung zu § 44 Abs. 1 Satz 1 SGB X.

Nicht bestands­kräf­ti­ge Beschei­de über Leis­tungs­min­de­run­gen nach § 31a Abs. 1 Satz 1 SGB II, die vor der Urteils­ver­kün­dung fest­ge­stellt wor­den sind, blei­ben wirk­sam.

Zum Zeit­punkt der Urteils­ver­kün­dung nicht bestands­kräf­ti­ge Beschei­de über Leis­tungs­min­de­run­gen nach § 31a Abs. 1 Satz 2 und 3 SGB II, sind, soweit sie über eine Min­de­rung in Höhe von 30 % des maß­ge­ben­den Regel­be­darfs hin­aus­ge­hen, auf­zu­he­ben.

Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Rege­lun­gen ist im Übri­gen bei Kos­ten­ent­schei­dun­gen zuguns­ten von kla­gen­den Hil­fe­be­dürf­ti­gen ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen, soweit dies die gesetz­li­chen Bestim­mun­gen ermög­li­chen 154.

Der Gesetz­ge­ber hat neu zu regeln, ob und wie Pflicht­ver­let­zun­gen nach § 31 Abs. 1 SGB II sank­tio­niert wer­den. Es liegt in sei­nem Ent­schei­dungs­spiel­raum, ob er wei­ter­hin Leis­tungs­min­de­run­gen zur Durch­set­zung von Mit­wir­kungs­pflich­ten vor­ge­ben und in unter­schied­li­cher Höhe anset­zen will.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 5. Novem­ber 2019 – 1 BvL 7/​16

  1. SG Gotha, Beschluss vom 02.08.2016 – S 15 AS 5157/​14[][]
  2. BGBl. I Sei­te 453[]
  3. BGBl. I Sei­te 850[]
  4. BGBl. I Sei­te 2854[]
  5. BGBl. I Sei­te 1824[]
  6. Gesetz zur Ermitt­lung von Regel­be­dar­fen und zur Ände­rung des Zwei­ten und Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch vom 24.03.2011, BGBl I S. 453[][]
  7. Neun­tes Gesetz zur Ände­rung des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch – Rechts­ver­ein­fa­chung – sowie zur vor­über­ge­hen­den Aus­set­zung der Insol­venz­an­trags­pflicht vom 26.07.2016, BGBl I S. 1824[]
  8. RGBl I S. 100[]
  9. RGBl I S. 765 f.[]
  10. Rud­loff, in: Hockerts, Drei Wege deut­scher Sozi­al­staat­lich­keit, 1998, S.191, 200 f. m.w.N.; Stolleis, Geschich­te des Sozi­al­rechts in Deutsch­land, 2003, S. 188 f.[]
  11. RGBl I S.2002[]
  12. BSHG; BGBl I 1961 S. 815[]
  13. BT-Drs. 3/​1799, S. 42 f. zu §§ 23, 24[]
  14. BGBl I S. 777[]
  15. vgl. BVerw­GE 98, 203, 206[]
  16. vgl. Schellhorn/​Schellhorn, BSHG, 16. Aufl.2002, § 25 Rn. 2[]
  17. vgl. VG Augs­burg, Beschluss vom 19.08.2002 – Au 9 S 02.1026, juris; VG Karls­ru­he, Urteil vom 13.07.2001 – 8 K 2533/​98 m.w.N.[]
  18. BGBl I S. 2954[]
  19. vgl. BT-Drs. 15/​1516 vom 05.09.2003[]
  20. BGBl I S. 1706[]
  21. vgl. BT-Drs. 15/​1516, S. 60; 17/​3404, S. 110[]
  22. vgl. LSG Hes­sen, Beschluss vom 29.09.2006 – L 9 AS 179/​06 ER 8; Ber­lit, in: Mün­der, LPK-SGB II, 6. Aufl.2017, § 31 Rn.19[]
  23. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 23.02.2007 – L 28 B 166/​07 AS ER[]
  24. dafür Adolph, SGB II, SGB XII, Asyl­bLG, Stand 1.01.2012, § 31 Rn. 24; dage­gen Sonn­hoff, in: Schlegel/​Voelzke, juris­PK-SGB II, 4. Aufl.2015, § 31 Rn. 59; Val­go­lio, in: Hauck/​Noftz, SGB II, März 2018, § 31 Rn. 79[]
  25. vgl. Sonn­hoff, in: Schlegel/​Voelzke, juris­PK-SGB II, 4. Aufl.2015, § 31 Rn. 93[]
  26. vgl. BSGE 101, 260, 261 Rn. 13[][]
  27. vgl. Val­go­lio, in: Hauck/​Noftz, SGB II, Dezem­ber 2015, § 10 Rn. 126; Hacket­hal, in: Schlegel/​Voelzke, juris­PK-SGB II, 4. Aufl.2015, § 10 Rn. 21, 31[]
  28. vgl. Knickrehm/​Hahn, in: Eicher/​Luik, SGB II, 4. Aufl.2017, § 31 Rn. 63 ff.; Sonn­hoff, in: Schlegel/​Voelzke, juris­PK-SGB II, 4. Aufl.2015, § 31 Rn. 103[]
  29. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der Bun­des­agen­tur für Arbeit, BA, Ziff. 31.17 Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  30. vgl. BSGE 105, 297, 301 Rn.19; BSG, Urteil vom 17.12 2009 – B 4 AS 30/​09 R; stRspr[]
  31. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.14 f., Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  32. vgl. BT-Drs. 15/​1516, S. 47[][]
  33. grund­le­gend BVerfGE 125, 175, 224 f.; 132, 134, 160 f. Rn. 67; 142, 353, 370 Rn. 38; dazu auch BT-Drs. 17/​6833, S. 2[]
  34. Ber­lit, in: Mün­der, SGB II, 5. Aufl.2013, § 31a Rn. 41; dazu auch Deut­scher Ver­ein für öffent­li­che und pri­va­te Für­sor­ge, Emp­feh­lun­gen des Deut­schen Ver­eins zur Reform der Sank­tio­nen im SGB?II vom?11.06.2013, S. 14 f.[]
  35. Hen­gel­haupt, in: Hauck/​Noftz, SGB?II, Febru­ar 2013, §?43 Rn.?134[]
  36. Kal­lert, in: Gagel, SGB II/​SGB III, Juni 2017, § 43 SGB II Rn. 14[]
  37. Neun­tes Gesetz zur Ände­rung des Zwei­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch – Rechts­ver­ein­fa­chung – sowie zur vor­über­ge­hen­den Aus­set­zung der Insol­venz­an­trags­pflicht vom 26.07.2016, BGBl I S. 1824, 1832[][]
  38. vgl. BSG, Urteil vom 08.03.2016 – B 1 KR 31/​15 R 11 ff.[]
  39. vgl. dafür Knickrehm/​Hahn, in: Eicher/​Luik, SGB II, 4. Aufl.2017, § 31a Rn.19a; Fach­li­che Wei­sun­gen der BA zu § 26 in der Fas­sung vom 20.03.2012 Rn. 26.14 und 17; dage­gen jetzt Fach­li­che Wei­sun­gen zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung der Leis­tungs­be­rech­tig­ten von Arbeits­lo­sen­geld II in der Fas­sung vom 01.01.2016 Rn. 1.26 und in der Fas­sung vom 20.09.2017 Rn. 1.27[]
  40. vgl. Ber­lit, in: Mün­der, LPK-SGB II, 6. Aufl.2017, § 31b SGB II Rn. 14[]
  41. vgl. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.34, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  42. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.54, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  43. vgl. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.49a, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  44. vgl. Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 21.12 2012 – L 11 AS 850/​12 B ER[]
  45. dazu Blüggel/​Wagner, NZS 2018, S. 677, 678 f. m.w.N.[]
  46. vgl. Baye­ri­sches LSG, Beschluss vom 24.05.2018 – L 11 AS 356/​18 B ER 16 ff.; LSG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 13.03.2012 – L 2 AS 477/​11 B ER 28; für Strom­schul­den LSG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 25.06.2013 – L 7 AS 765/​13 B ER 31[]
  47. vgl. Ham­mel, ZfF 2013, S. 151, 158[]
  48. vgl. LSG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 17.09.2013 – L 19 AS 1501/​13 B 22; Schles­wig-Hol­stei­ni­sches LSG, Beschluss vom 29.03.2012 – L 3 AS 28/​12 B ER, L 3 AS 32/​12 B PKH 13[]
  49. vgl. BSG, Urteil vom 02.12 2014 – B 14 AS 50/​13 R 22[]
  50. vgl. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.48, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  51. vgl. Fach­li­che Hin­wei­se der BA, Ziff. 31.48, Stand 4.05.2017[]
  52. vgl. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.48 f., Stand 22.04.2014; Ziff. 31.48a, Stand 4.05.2017[]
  53. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.1, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  54. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, a.a.O., Ziff. 31.51[]
  55. vgl. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.18, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017; Knickrehm/​Hahn, in: Eicher/​Luik, SGB II, 4. Aufl.2017, § 31 Rn. 69 f.[]
  56. so bereits BT-Drs. 15/​1516, S. 60[]
  57. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.28, Stand 22.04.2014 und 4.05.2017[]
  58. Fach­li­che Hin­wei­se bzw. Wei­sun­gen der BA, Ziff. 31.01., Stand 22.04.2014[]
  59. vgl. Ames, Ursa­chen und Aus­wir­kun­gen von Sank­tio­nen nach § 31 SGB II, 2009, S. 14; Hillmann/​Hohenleitner, Impact of Bene­fit Sanc­tions on Unem­ploy­ment Out­flow – Evi­dence from Ger­man Sur­vey Data, 2012, S. 21[]
  60. Boockmann/​Thomsen/​Walter, Inten­si­fy­ing the Use of Bene­fit Sanc­tions: An Effec­tive Tool to Shor­ten Wel­fa­re Rece­ipt and Speed Up Tran­si­ti­ons to Employ­ment?, 2009, S. 5 f., 8, 12, auf der Grund­la­ge von Inter­views und Daten von 24.563 Leis­tungs­be­rech­tig­ten und Fach­kräf­ten in 154 Behör­den; Wolff/​Moczall, IAB-For­schungs­be­richt 11/​2012, S. 23, 25, 65, in Aus­wer­tung von über einer Mil­li­on Daten­sät­zen und Erwerbs­bio­gra­fi­en zu Leis­tungs­min­de­run­gen in Höhe von 30 %[]
  61. vgl. Ames, Ursa­chen und Aus­wir­kun­gen von Sank­tio­nen nach § 31 SGB II, 2009, S. 171[]
  62. vgl. ergän­zend zu Wir­kun­gen des Weg­falls der Leis­tun­gen Apel/​Engels, Unab­hän­gi­ge wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung zur Erfor­schung der Ursa­chen und Aus­wir­kun­gen von Sank­tio­nen nach § 31 SGB II und nach dem SGB III in NRW, 2013, S. 26[]
  63. Schu­bert u.a., IAB-For­schungs­be­richt 12/​2013, S. 79[]
  64. Schu­bert u.a., a.a.O., S. 65[]
  65. vgl. Göt­z/Lud­wig-May­er­ho­fer/­Schrey­er, IAB-Kurz­be­richt 10/​2010, S. 4; Wolff/​Moczall, IAB-For­schungs­be­richt 11/​2012, S. 31, 36, 65[]
  66. Apel/​Engels, a.a.O.2013, S. 50[]
  67. vgl. Schnei­der, The Effect of Unem­ploy­ment Bene­fit II Sanc­tions on Reser­va­ti­on Wages, IAB-Dis­cus­sion Paper 19/​2008, S. 42; auch Schreyer/​Zahradnik/​Götz, SozF 2012, S. 215, wonach aber über die Qua­li­tät der Beschäf­ti­gung etwa in Hin­blick auf Dau­er, Ent­loh­nung oder Aus­bil­dungs­ad­äquanz nichts aus­ge­sagt wer­den kön­ne[]
  68. Boockmann/​Thomsen/​Walter, a.a.O., 2009, S. 14, 21[]
  69. Hof­mann u.a., IAB-Stel­lung­nah­me 5/​2011, S.11, zum Antrag der Bun­des­tags­frak­ti­on Bünd­nis 90/​Die Grü­nen, BT-Drs. 17/​3207[]
  70. vgl. Ames, a.a.O., 2009, S. 169 f.; Göt­z/Lud­wig-May­er­ho­fer/­Schrey­er, IAB-Kurz­be­richt 10/​2010, S. 3; Schreyer/​Zahradnik/​Götz, SozF 2012, S. 215[]
  71. BT-Drs. 18/​3549, 18/​1115[]
  72. BT-Drs. 18/​1963[]
  73. vom Ber­ge u.a., IAB-Stel­lung­nah­me 2/​2015, S. 34 f.; dazu auch BR-Drs. 66/​1/​16, S. 29[]
  74. Apel/​Engels, a.a.O., 2013, S. 54 f.[]
  75. Ames, a.a.O., 2009, S. 172; auch Fischer, Fol­gen von Sank­tio­nen im Bezug von Arbeits­lo­sen­geld II, 2016, S. 3 ff.[]
  76. Göt­z/Lud­wig-May­er­ho­fer/­Schrey­er, IAB-Kurz­be­richt 10/​2010, S. 6[]
  77. Apel/​Engels, a.a.O., S. 26, 29; auch Hillmann/​Hohenleitner, a.a.O., 2012, S. 21[]
  78. Apel/​Engels, a.a.O., 2013, S. 37 ff., 46; auch vom Ber­ge u.a., IAB-Stel­lung­nah­me 2/​2015, S. 30; Göt­z/Lud­wig-May­er­ho­fer/­Schrey­er, IAB-Kurz­be­richt 10/​2010, S. 6[]
  79. Apel/​Engels, a.a.O., 2013, S. 51, 54[]
  80. vgl. Hof­mann u.a., IAB-Stel­lung­nah­me 5/​2011, S. 11[]
  81. Göt­z/Lud­wig-May­er­ho­fer/­Schrey­er, IAB-Kurz­be­richt 10/​2010, S. 7; dazu auch Wolff, IAB-Stel­lung­nah­me 2/​2014, S. 14[]
  82. Boockmann/​Thomsen/​Walter 2009, a.a.O., S. 14, 21; bestä­tigt in der Panel-Umfra­ge Arbeits­markt und sozia­le Sicher­heit, PASS von Hillmann/​Hohenleitner, a.a.O., 2012, S. 8; vom Ber­ge u.a., IAB-Stel­lung­nah­me 2/​2015, S. 34[]
  83. u.a. Göt­z/Lud­wig-May­er­ho­fer/­Schrey­er, IAB-Kurz­be­richt 10/​2010, S. 4, 6[]
  84. Ames, a.a.O., 2009, S. 167[]
  85. Hillmann/​Hohenleitner, Impact of Wel­fa­re Sanc­tions on the Qua­li­ty of Sub­se­quent Employ­ment – Wages, Inco­mes, and Employ­ment Sta­bi­li­ty, HWWI Rese­arch Paper 190, 2019, S. 15, 17; dazu auch vom Ber­ge u.a., IAB-Stel­lung­nah­me 2/​2015, S. 18, 25 ff.; Ehren­traut u.a., WISO-Dis­kurs 2014, S. 26 f.[]
  86. vgl. Karl/​Müller/​Wolff, ZsfRSoz 2011, S. 101, 124 f.; Bun­des­rech­nungs­hof, Unter­rich­tung an die Bun­des­agen­tur für Arbeit über die Prü­fung der Umset­zung der Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten nach § 31 SGB II, Gz: 31170 – 2010-0783, 2012, S. 10; Göt­z/Lud­wig-May­er­ho­fer/­Schrey­er, IAB-Kurz­be­richt 10/​2010, S. 5; vom Ber­ge u.a., IAB-Stel­lung­nah­me 2/​2015, S. 33[]
  87. BVerfG, Beschluss vom 06.05.2016 – 1 BvL 7/​15[]
  88. BSGE 119, 17[]
  89. vgl. BVerfGE 105, 61, 67; 127, 335, 355; 133, 1, 10 f. Rn. 35[]
  90. BGBl I S. 850[]
  91. BGBl I S. 2854[]
  92. vgl. BVerfGE 67, 256, 273[]
  93. zu den Anfor­de­run­gen vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.05.2016 – 1 BvL 7/​15, Rn. 18 ff.[]
  94. vgl. BVerfGE 126, 77, 97; 127, 224, 244; 131, 1, 15; 133, 1, 10 f. Rn. 35; 138, 1, 15 Rn. 41[]
  95. zusam­men­fas­send BSGE 105, 297, 302 f. Rn.20 f. m.w.N.[]
  96. vgl. BVerfGE 133, 1, 12 Rn. 39; 136, 127, 142 Rn. 45[]
  97. dazu BVerfGE 139, 285, 297 Rn. 38 m.w.N.[]
  98. BVerfGE 142, 353, 369 f. Rn. 36 m.w.N.[]
  99. vgl. BVerfGE 125, 175, 223; 132, 134, 172 Rn. 94; 137, 34, 72 Rn. 75; 142, 353, 370 Rn. 37[]
  100. vgl. BVerfGE 137, 34, 91 Rn. 117 m.w.N.[]
  101. vgl. BVerfGE 40, 121, 133 f.; 125, 175, 222; stRspr[]
  102. vgl. BVerfGE 45, 187, 229[]
  103. vgl. BVerfGE 87, 209, 228[][]
  104. vgl. BVerfGE 64, 261, 284; 72, 105, 115[]
  105. vgl. BVerfGE 35, 202, 236[]
  106. vgl. BVerfGE 132, 134, 173 Rn. 95[]
  107. vgl. BVerfGE 125, 175, 222, 224 f.; 132, 134, 159 ff. Rn. 62, 67; 137, 34, 72 ff. Rn. 74, 76, 78; 142, 353, 370 Rn. 38[]
  108. BVerfGE 142, 353, 370 Rn. 38 m.w.N.[]
  109. vgl. BVerfGE 125, 175, 225; 132, 134, 161 Rn. 67[]
  110. BVerfGE 142, 353, 371 Rn. 38 m.w.N.[]
  111. BVerfGE 125, 175, 225; 137, 34, 74 Rn. 80[]
  112. vgl. BVerfGE 137, 34, 73 f. Rn. 77[]
  113. BVerfGE 137, 34, 74 f. Rn. 80 m.w.N.[]
  114. vgl. BVerfGE 125, 175, 222; 142, 353, 371 Rn. 39; sie­he auch BVerfGE 120, 125, 154 ff.[]
  115. BVerfGE 142, 353, 371 Rn. 39[][]
  116. vgl. BVerfGE 65, 182, 193; 71, 66, 80[]
  117. vgl. BVerfGE 59, 231, 263; 82, 60, 80[]
  118. vgl. BVerfGE 125, 175, 222[]
  119. vgl. BVerfGE 142, 353, 371 Rn. 39[][]
  120. vgl. BVerfGE 142, 313, 339 Rn. 74 m.w.N.[]
  121. vgl. BVerfGE 142, 313, 344 Rn. 86[]
  122. vgl. BVerfGE 142, 313, 338 f. Rn. 73[]
  123. BVerfGE 49, 286, 298[]
  124. vgl. BVerfGE 128, 282, 308[]
  125. vgl. BVerfGE 88, 203, 262[]
  126. zur abneh­men­den Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve des Gesetz­ge­bers: BVerfGE 143, 216, 245 Rn. 71[]
  127. vgl. BVerfGE 125, 175, 222; 142, 353, 371 Rn. 39[]
  128. vgl. BT-Drs. 15/​1516, S. 60[][]
  129. vgl. Bun­des­rech­nungs­hof, Unter­rich­tung an die Bun­des­agen­tur für Arbeit über die Prü­fung der Umset­zung der Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten nach § 31 SGB II, 2012, S. 5[]
  130. dazu BVerfGE 74, 102, 121 unter Hin­weis auf die Spruch­pra­xis der dama­li­gen Euro­päi­schen Kom­mis­si­on für Men­schen­rech­te; sodann EGMR, Ent­schei­dung vom 23.11.1983, 8919/​80, EuGRZ 1985, S. 477, 481 f.[]
  131. dage­gen auch LSG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 24.04.2013 – L 20 AY 153/​12 B ER 53[]
  132. vgl. BVerfGE 125, 175, 223; 132, 134, 172 Rn. 94[][]
  133. vgl. BVerfGE 125, 175, 223; 132, 134, 160 Rn. 64; 137, 34, 72 Rn. 75; 142, 353, 370 Rn. 37[]
  134. vgl. BVerfGE 137, 34, 91 Rn. 117[]
  135. vgl. die Berech­nun­gen bei Ber­lit, Exis­tenz­si­che­rungs­recht, 2. Aufl.2013, § 23 Rn. 12[]
  136. vgl. BVerfGE 142, 353, 370 Rn. 38 m.w.N.[]
  137. vgl. BSGE 121, 55, 64 Rn. 38 ff.[]
  138. vgl. BSG, Urteil vom 02.12 2014 – B 14 AS 50/​13 R, Rn. 22[]
  139. vgl. BSGE 121, 55, 66 Rn. 44[]
  140. vgl. Deut­scher Ver­ein für öffent­li­che und pri­va­te Für­sor­ge, Emp­feh­lun­gen des Deut­schen Ver­eins zur Reform der Sank­tio­nen im SGB?II vom?11.06.2013, S. 14 f.[]
  141. vgl. BVerfGE 63, 88, 115; 67, 157, 175; 96, 10, 23; 146, 164, 202 Rn. 101; stRspr[]
  142. vgl. BSGE 121, 261, 265 Rn. 18; 121, 268, 273 Rn. 18[]
  143. vgl. Sonn­hoff, in: Schlegel/​Voelzke, juris­PK-SGB II, 4. Aufl.2015, § 31 Rn. 103 ff.[]
  144. vgl. BSGE 102, 201, 211 Rn. 36 – 37[]
  145. vgl. BT-Drs. 15/​1516, S. 61[]
  146. stRspr; vgl. nur BVerfGE 30, 292, 316; 67, 157, 173, 176[]
  147. stRspr; vgl. nur BVerfGE 51, 193, 208; 83, 1, 19; 141, 82, 100 f. Rn. 53[]
  148. vgl. die Berech­nun­gen zu § 5 RBEG, BT-Drs. 18/​9984, S. 35 ff.[]
  149. vgl. BVerfGE 137, 34, 77 Rn. 86; 92 Rn. 120; 101 f. Rn. 144[]
  150. BSGE 121, 55, 58 f. Rn. 16; Blüggel/​Wagner, NZS 2018, S. 677, 681[]
  151. vgl. Fach­li­che Wei­sun­gen der BA zur Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung der Leis­tungs­be­rech­tig­ten von Arbeits­lo­sen­geld II in der Fas­sung vom 01.01.2016 Rn 1.26 und in der Fas­sung vom 20.09.2017 Rn.01.27[]
  152. dazu auch der Bericht über die Ergeb­nis­se der Bund-Län­der-Arbeits­grup­pe zur Ver­ein­fa­chung des pas­si­ven Leis­tungs­rechts – ein­schließ­lich des Ver­fah­rens­rechts – im SGB II [AG Rechts­ver­ein­fa­chung im SGB II] vom 02.07.2014, S. 14 f.[]
  153. BVerfGE 149, 222, 290 Rn. 151; stRspr[]
  154. vgl. BVerfGE 125, 175, 259; 132, 134, 178 f. Rn. 111 ff.[]