Kin­der­be­treu­ung und Unter­halt

Ein Alters­pha­sen­mo­dell, das bei der Fra­ge der Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts aus kind­be­zo­ge­nen Grün­den allein oder wesent­lich auf das Alter des Kin­des, etwa bis zum ach­ten und zum zwölf­ten Lebens­jahr, abstellt, wird den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen nicht gerecht 1.

Kin­der­be­treu­ung und Unter­halt

Das gilt auch, wenn sol­che Alters­pha­sen nur als Regel­fall behan­delt wer­den, inner­halb des­sen die Umstän­de des Ein­zel­fal­les zu berück­sich­ti­gen sind, die Begrün­dung der Erwerbs­ob­lie­gen­heit des betreu­en­den Eltern­teils aber nicht auf indi­vi­du­el­le Ein­zel­um­stän­de gestützt ist 2.

Aus­gangs­punkt für den Bun­des­ge­richts­hof ist nun­mehr, dass mit Voll­endung des drit­ten Lebens­jah­res des gemein­sa­men Kin­des grund­sätz­lich eine Erwerbs­ob­lie­gen­heit des betreu­en­den Eltern­teils ein­setzt. Mit der Neu­re­ge­lung des Betreu­ungs­un­ter­halts durch das Gesetz zur Ände­rung des Unter­halts­rechts vom 21.12. 2007 3 hat der Gesetz­ge­ber einen auf drei Jah­re befris­te­ten Basis­un­ter­halt ein­ge­führt, der aus Grün­den der Bil­lig­keit ver­län­gert wer­den kann 4. Im Rah­men die­ser Bil­lig­keits­ent­schei­dung sind nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers kind- und eltern­be­zo­ge­ne Ver­län­ge­rungs­grün­de zu berück­sich­ti­gen. Dabei wird der Betreu­ungs­un­ter­halt vor allem im Inter­es­se des Kin­des gewährt, um des­sen Betreu­ung und Erzie­hung sicher­zu­stel­len 5.

Zugleich hat der Gesetz­ge­ber mit der Neu­re­ge­lung des § 1570 BGB dem unter­halts­be­rech­tig­ten Eltern­teil die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die Vor­aus­set­zun­gen einer Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts über die Dau­er von drei Jah­ren hin­aus auf­er­legt. Kind- und eltern­be­zo­ge­ne Umstän­de, die aus Grün­den der Bil­lig­keit zu einer Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts über die Voll­endung des drit­ten Lebens­jah­res hin­aus füh­ren kön­nen, sind des­we­gen vom Unter­halts­be­rech­tig­ten dar­zu­le­gen und gege­be­nen­falls zu bewei­sen 6.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits wie­der­holt aus­ge­spro­chen hat, ver­langt die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung zwar kei­nen abrup­ten Wech­sel von der elter­li­chen Betreu­ung zu einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit 7. Nach Maß­ga­be der im Gesetz genann­ten kind­be­zo­ge­nen (§ 1570 Abs. 1 Satz 3 BGB) und eltern­be­zo­ge­nen (§ 1570 Abs. 2 BGB) Grün­de ist auch nach dem neu­en Unter­halts­recht ein gestuf­ter Über­gang bis hin zu einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit mög­lich 8. Ein sol­cher gestuf­ter Über­gang setzt aber nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers vor­aus, dass der unter­halts­be­rech­tig­te Eltern­teil kind- und/​oder eltern­be­zo­ge­ne Grün­de vor­trägt, die einer voll­schich­ti­gen Erwerbs­tä­tig­keit des betreu­en­den Eltern­teils mit Voll­endung des drit­ten Lebens­jah­res ent­ge­gen­ste­hen 9. Nur an sol­chen indi­vi­du­el­len Grün­den kann sich der gestuf­te Über­gang im Ein­zel­fall ori­en­tie­ren.

Soweit in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur auch zu der seit dem 1. Janu­ar 2008 gel­ten­den Rechts­la­ge abwei­chen­de Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den, die an das frü­he­re Alters­pha­sen­mo­dell anknüp­fen und eine Ver­län­ge­rung des Betreu­ungs­un­ter­halts allein oder über­wie­gend vom Kin­des­al­ter abhän­gig machen, sind die­se im Hin­blick auf den ein­deu­ti­gen Wil­len des Gesetz­ge­bers nicht halt­bar 10. Die kind­be­zo­ge­nen Ver­län­ge­rungs­grün­de, ins­be­son­de­re die Betreu­ungs­be­dürf­tig­keit, und die eltern­be­zo­ge­nen Ver­län­ge­rungs­grün­de als Aus­druck der nach­ehe­li­chen Soli­da­ri­tät sind viel­mehr nach den indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­sen zu ermit­teln 11.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf in sei­nem Beru­fungs­ur­teil 12 fest­ge­stellt, dass die gemein­sa­me Toch­ter die drit­te Grund­schul­klas­se besucht und nach der Unter­richts­zeit im Rah­men der offe­nen Ganz­tags­schu­le betreut wer­den kann. Man­gels wei­te­rer Fest­stel­lun­gen ist nicht ersicht­lich, ob es dane­ben einer per­sön­li­chen Betreu­ung durch die Beklag­te bedarf, die einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit ent­ge­gen­ste­hen könn­te.

Auch eltern­be­zo­ge­ne Grün­de, die im Hin­blick auf einen ver­blei­ben­den Betreu­ungs­be­darf neben der Ganz­tags­be­treu­ung in öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen und einer voll­schich­ti­gen Erwerbs­tä­tig­keit zu einer über­ob­li­ga­to­ri­schen Belas­tung der Mut­ter füh­ren könn­ten, hat das Ober­lan­des­ge­richt nicht kon­kret fest­ge­stellt. Auch eine sol­che Belas­tung, die einer Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit ent­ge­gen­ste­hen könn­te, kann nicht pau­schal, son­dern nur auf der Grund­la­ge der indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­se ange­nom­men wer­den.

Für einen sol­chen Fall kann aber nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs bei der Beur­tei­lung der Erwerbs­ob­lie­gen­heit der Mut­ter jeden­falls nicht von dem dar­ge­leg­ten Alters­pha­sen­mo­dell aus­ge­gan­gen ist. Selbst wenn hier nicht allein auf das Alter des Kin­des abge­stellt, son­dern die von Alters­pha­sen nur als Regel­fall bewer­tet wer­den, inner­halb des­sen die Umstän­de des Ein­zel­fal­les zu berück­sich­ti­gen sind, ent­spricht dies nicht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs. Denn solan­ge kei­ne durch­grei­fen­den indi­vi­du­el­len Ein­zel­um­stän­de ange­führt wer­den, wür­de bei einer Berück­sich­ti­gung sol­cher "Regel­fäl­le" letzt­lich über­wie­gend doch wie­der auf den allein am Alter des gemein­sa­men Kin­des ori­en­tier­ten Regel­fall abge­stellt wer­den. Dies wider­spricht der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung, wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits wie­der­holt aus­ge­führt hat 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 15. Juni 2011 – XII ZR 94/​09

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09, Fam­RZ 2011, 791[]
  2. vgl. BGHZ 180, 170 = Fam­RZ 2009, 770 Rn. 28[]
  3. BGBl. I S. 3189[]
  4. BT-Drucks. 16/​6980 S. 8 f.[]
  5. BT-Drucks. 16/​6980 S. 9; BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09, Fam­RZ 2011, 791 Rn. 18 mwN[]
  6. BGH, Urtei­le BGHZ 180, 170 = Fam­RZ 2009, 770 Rn. 23 und BGHZ 177, 272 = Fam­RZ 2008, 1739 Rn. 97[]
  7. vgl. auch BT-Drucks. 16/​6980 S. 9[]
  8. BGH, Urteil vom 30.03.2011 – XII ZR 3/​09, Fam­RZ 2011, 791 Rn. 20 mwN[]
  9. BGH, Urteil vom 01.06.2011 – XII ZR 45/​09[]
  10. BGH, Urteil BGHZ 180, 170 = Fam­RZ 2009, 770 Rn. 28[]
  11. BGH, Urteil vom 01.06.2011 – XII ZR 45/​09 – zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt[]
  12. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 22.12.2008 – II-2 UF 128/​08[]
  13. vgl. BGH, Urteil BGHZ 180, 170 = Fam­RZ 2009, 770 Rn. 28[]