Land­tags­ab­ge­ord­ne­te – und ihr Raus­wurf aus der Land­tags­sit­zung

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Baden-Würt­tem­berg hat Anträ­ge der Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Dr. Wolf­gang Gede­on (AfD, im Land­tag frak­ti­ons­los) und Ste­fan Räpp­le (AfD) zurück­ge­wie­sen, die jeweils dar­auf gerich­tet waren, dass der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof die den Abge­ord­ne­ten gegen­über ergan­ge­nen Ord­nungs­maß­nah­men in der Sit­zung des Land­tags am 12.12.2018 für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt.

Land­tags­ab­ge­ord­ne­te – und ihr Raus­wurf aus der Land­tags­sit­zung

Die Organ­streit­ver­fah­ren haben Ord­nungs­ru­fe der Prä­si­den­tin des 16. Land­tags von Baden-Würt­tem­berg und durch sie ver­häng­te Aus­schlüs­se aus einer lau­fen­den Land­tags­sit­zung sowie nach der Geschäfts­ord­nung des Land­tags vor­ge­se­he­ne Aus­schlüs­se für drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung zum Gegen­stand. Die Antrag­stel­ler sind Mit­glie­der des 16. Land­tags von Baden-Würt­tem­berg.

Die Vor­fäl­le wäh­rend der Land­tags­sit­zung[↑]

In der 78. Ple­nar­sit­zung des Land­tags am 12.12.2018 fand unter dem Tages­ord­nungs­punkt 1 auf Antrag der AfD-Frak­ti­on eine Aktu­el­le Debat­te zum The­ma „Kin­der und Fami­li­en vor links­ideo­lo­gi­schen Ein­flüs­sen schüt­zen gegen sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Abtrei­bungs­plä­ne und Gesin­nungs­prü­fun­gen im Kin­der­gar­ten” statt. In der Debat­te erhielt zunächst die Abge­ord­ne­te Caro­la Wol­le (AfD) das Wort. Im Ver­lauf ihres Rede­bei­trags führ­te die Abge­ord­ne­te Wol­le aus, die Jusos, die Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der SPD, hät­ten auf ihrem Bun­des­kon­gress am 1.12.2018 mit gro­ßer Mehr­heit und unter fre­ne­ti­schem Bei­fall die ersatz­lo­se Strei­chung der §§ 218 und 219 StGB und damit die kom­plet­te Lega­li­sie­rung von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen beschlos­sen1. Die­se Aus­sa­ge nahm der Abge­ord­ne­te Räpp­le zum Anlass für den fol­gen­den Zwi­schen­ruf2:

So sind sie, die roten Ter­ro­ris­ten!

Die Sit­zung ging dann wie folgt wei­ter2:

[Abg. Caro­la Wol­le AfD:] Die Jusos befür­wor­ten also die Tötung – –
(Abg. Andre­as Stoch SPD: Frau Prä­si­den­tin! – Abg. Nese Eri­kli GRÜNE: Der spricht von „roten Ter­ro­ris­ten”! Das geht gar nicht! – Abg. Hans-Ulrich Sckerl GRÜNE: Das muss geahn­det wer­den! – Wei­te­re Zuru­fe von der SPD, u. a.: Raus! – Das geht gar nicht! – Unru­he)

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Moment! Mei­ne Damen und Her­ren, einen Moment bit­te.
(Zuru­fe – Anhal­ten­de Unru­he)

Mei­ne Damen und Her­ren, ich bit­te Sie erst ein­mal um Ruhe. – Ich möch­te jetzt wis­sen – – Ich habe nur das Wort „Ter­ro­ris­ten” gehört.
(Unru­he)

– Moment! – Ich habe „rote Ter­ro­ris­ten” gehört, aber ich habe nicht ver­nom­men, von wem es kam.
(Abg. Ste­fan Räpp­le AfD mel­det sich. – Anhal­ten­de Unru­he)

– Herr Abg. Räpp­le, es gibt hier par­la­ments­wür­di­ge Anstands­for­men, die auch für Sie gel­ten, auch wenn es Ihnen – das muss ich an die­ser Stel­le sagen – sehr oft sehr schwer­fällt. Des­halb bekom­men Sie jetzt einen Ord­nungs­ruf. Soll­ten Sie so etwas noch ein­mal wie­der­ho­len, erfolgt ein Sit­zungs­aus­schluss.
(Bei­fall bei den Grü­nen, der CDU, der SPD und der FDP/​DVP)

Im wei­te­ren Ver­lauf der Debat­te rede­te auch der Abge­ord­ne­te Dr. Hans-Ulrich Rül­ke (FDP/DVP-Frak­ti­on). Er schloss sei­nen Rede­bei­trag wie folgt3:

Abschlie­ßend noch mal der Hin­weis: Ich bin weiß Gott nicht immer einer Mei­nung mit der SPD. Aber was die­sen Debat­ten­ti­tel betrifft und die Art und Wei­se, wie Sie fort­ge­setzt über die­se Par­tei reden,
(Zuruf des Abg. Ste­fan Räpp­le AfD)
will ich Ihnen nur eines sagen, mei­ne Damen und Her­ren: Schau­en Sie mal 80 Jah­re in unse­rer Geschich­te zurück. Damals saßen die Vor­gän­ger die­ser Abge­ord­ne­ten im KZ,
(Abg. Dr. Chris­ti­na Baum AfD: Das waren ande­re!)
weil sie gegen Hit­lers Ermäch­ti­gungs­ge­setz gestimmt haben,
(Ver­ein­zelt Bei­fall – Zuru­fe)
und die geis­ti­gen Vor­läu­fer von Leu­ten wie Herrn Räpp­le sind im Stech­schritt durch das Bran­den­bur­ger Tor mar­schiert. So war es näm­lich in Deutsch­land!
(Anhal­ten­der leb­haf­ter Bei­fall bei der FDP/​DVP, den Grü­nen, der CDU und der SPD – Zuruf: Bra­vo! – Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Ich for­de­re einen Ord­nungs­ruf für den Kol­le­gen!)

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Sie for­dern jetzt gar nichts. Sie sind jetzt erst mal ruhig.
(Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Das war eine per­sön­li­che Belei­di­gung und kei­ne Kol­lek­tiv­be­lei­di­gung! Das ist viel schlim­mer! Skan­dal! – Wei­te­re Zuru­fe von der AfD)
– Herr Abg. Räpp­le, einen Moment bit­te.
(Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Das muss ich mir nicht sagen las­sen, so was! – Gegen­ruf von der SPD: Doch! – Abg. Nese Eri­kli GRÜNE: Das ist die Wahr­heit! – Wei­te­re Zuru­fe – Leb­haf­te Unru­he)
Mei­ne Damen und Her­ren – –
(Anhal­ten­de Unru­he)
Ich bit­te Sie um Ruhe. – Herr Abg. Räpp­le, Sie haben sich für eine per­sön­li­che Erklä­rung gemel­det. Sie kön­nen nach­her eine per­sön­li­che Erklä­rung abge­ben. Jetzt bin ich dran, Herr Abg. Baron. – Wir fah­ren in der Debat­te fort.
(Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Kein Ord­nungs­ruf? Das ist ein Skan­dal!)
– Herr Abg. Räpp­le, ein letz­ter Zwi­schen­ruf, eine letz­te Bemer­kung, und Sie flie­gen raus!
(Bei­fall bei Abge­ord­ne­ten der Grü­nen, der CDU, der SPD und der FDP/​DVP – Zuruf von der SPD: Genau!)
Für die Lan­des­re­gie­rung – –
(Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Das ist eine Unglaub­lich­keit!)
– Herr Abg. Räpp­le, Sie sind damit für heu­te von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen.
(Bei­fall bei Abge­ord­ne­ten der Grü­nen, der CDU, der SPD und der FDP/​DVP – Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Das ist eine Ver­leum­dung!)
– Sie ver­las­sen jetzt die Sit­zung!
(Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Nein, ich blei­be hier! – Wei­te­re Zuru­fe – Unru­he)
Herr Abg. Räpp­le – –
(Abg. Ste­fan Räpp­le AfD: Ich habe Rech­te als Abge­ord­ne­ter! Sie han­deln ver­fas­sungs­wid­rig, Frau Prä­si­den­tin! – Abg. Andre­as Stoch SPD: Saal­die­ner! – Abg. Hans-Ulrich Sckerl GRÜNE: Herr Gögel sitzt da und lacht! Unter­bre­chen und raus­füh­ren!)
Herr Abg. Räpp­le, wir haben eine Geschäfts­ord­nung. Danach kön­nen Sie sich gern spä­ter dage­gen weh­ren. Aber jetzt gilt auf jeden Fall: Sie sind von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen. Ich bit­te Sie, den Saal zu ver­las­sen. Ansons­ten ist die Sit­zung erst ein­mal unter­bro­chen.
(Zuruf des Abg. Hans-Ulrich Sckerl GRÜNE))
Wir machen erst wei­ter, wenn Sie drau­ßen sind.
(Zuruf von der AfD: Skan­dal! – Abg. Hans-Ulrich Sckerl GRÜNE: Saal­dienst und Poli­zei anru­fen! Herr Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der, wie wär’s: Kom­men Sie Ihren Pflich­ten nach! – Gegen­ruf des Abg. Bernd Gögel AfD: Blei­ben Sie mal ruhig! Und gehen Sie gegen die unge­rech­te Behand­lung vor! Das ist Ihre Auf­ga­be!)
(Unter­bre­chung der Sit­zung: 9:57 Uhr)

*

(Wie­der­auf­nah­me der Sit­zung: 10:06 Uhr)
(Die Abge­ord­ne­ten der AfD haben den Ple­nar­saal ver­las­sen.)
Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Mei­ne Damen und Her­ren, wir set­zen unse­re Sit­zung fort. Ich bit­te Sie, Ihre Plät­ze ein­zu­neh­men, und bit­te um Ruhe.
Mei­ne Damen und Her­ren, laut § 92 Absatz 1 letz­ter Satz der Geschäfts­ord­nung ist der Abge­ord­ne­te Räpp­le damit ohne Wei­te­res für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen.

Wäh­rend der Unter­bre­chung der Sit­zung hat­ten Beam­te des Poli­zei­voll­zugs­diens­tes und die Vize­prä­si­den­tin des Land­tags den Abge­ord­ne­ten Räpp­le an sei­nem Platz auf­ge­sucht. Spä­ter hat­te er den Sit­zungs­saal ver­las­sen.

Spä­ter erhielt in der Aktu­el­len Debat­te der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on das Wort4. In sei­nem Rede­bei­trag äußer­te er sich auch zur Lei­tung der Debat­te durch die Land­tags­prä­si­den­tin:

Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on (frak­ti­ons­los): … Noch wich­ti­ger für die heu­ti­ge Dis­kus­si­on ist mei­nes Erach­tens der demo­kra­ti­sche Skan­dal, der heu­te initi­iert wird. Dar­an ist nicht Herr Räpp­le schuld, dar­an sind Sie, Frau Aras, schuld.
(Ver­ein­zelt Bei­fall bei der AfD – Abg. Rein­hold Gall SPD: Das geht auch nicht!)

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Herr Abg. Dr. Gede­on, Moment!

Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on (frak­ti­ons­los): Es ist ein Skan­dal, wie Sie hier die Sit­zung füh­ren.

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Herr Abg. Dr. Gede­on – –

Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on (frak­ti­ons­los): Sie füh­ren sich wie eine Ober­leh­re­rin auf. Wir schaf­fen doch nicht den Auto­ri­ta­ri­mus in der Schu­le ab, damit wir ihn im Par­la­ment wie­der ein­füh­ren. Es geht hier – –
(Zuru­fe, u. a. Abg. Rein­hold Gall SPD: Die Prä­si­den­tin wird im Ple­num nicht kri­ti­siert! – Abg. Dani­el Andre­as Lede Abal GRÜNE: Mikro­fon abdre­hen!)

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Herr Abg. Dr. Gede­on – –

Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on (frak­ti­ons­los): Ja, bit­te schön.

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Dafür bekom­men Sie jetzt erst ein­mal einen Ord­nungs­ruf. Und wenn Sie wei­ter­ma­chen, wer­den auch Sie von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen.

Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on (frak­ti­ons­los): Sie kön­nen mir fünf Ord­nungs­ru­fe ertei­len. Das inter­es­siert mich nicht. Sie boy­kot­tie­ren hier Demo­kra­tie.
(Zuru­fe)
Das ist nicht Demo­kra­tie à la Deutsch­land, das ist Demo­kra­tie à la Tür­kei, was Sie hier machen. Es geht nicht um die Geschäfts­ord­nung, mei­ne Damen und Her­ren.
(Zuru­fe, u. a.: Mikro­fon abschal­ten! – Unru­he)

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Herr Abg. Dr. Gede­on – – Schal­ten Sie bit­te das Mikro­fon ab.

Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on (frak­ti­ons­los): Es geht um demo­kra­ti­sche Grund­rech­te des Par­la­men­ta­ri­ers.
(Das Mikro­fon des Red­ners wird abge­schal­tet.)

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Herr Abg. Dr. Gede­on, Sie bekom­men einen zwei­ten Ord­nungs­ruf.
(Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on [frak­ti­ons­los]: So kön­nen Sie ein Par­la­ment in Ana­to­li­en füh­ren, aber nicht in Deutsch­land! – Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on [frak­ti­ons­los] ver­lässt das Rede­pult und begibt sich zu sei­nem Abge­ord­ne­ten­platz. – Leb­haf­te Zuru­fe, u. a. Abg. Dr. Hans-Ulrich Rül­ke FDP/​DVP: Raus mit ihm! – Abg. Rein­hold Gall SPD: Das geht gar nicht! – Gegen­ruf des Abg. Ste­fan Her­re AfD: Nicht so laut schrei­en, Herr Gall!)
– Moment, Herr Abg. Dr. Gede­on. Wir haben eine Geschäfts­ord­nung. Dort ist genau gere­gelt,
(Abg. Rein­hold Gall SPD: Genau!)
was hier Nor­men und For­men sind und was auch Anstand ist. Kri­tik an der Prä­si­den­tin ist hier jeden­falls nicht erlaubt. Sie kön­ne dies gern über die AfD im Prä­si­di­um bera­ten, aber hier nicht.
Sie haben den zwei­ten Ord­nungs­ruf kas­siert. Die­ses „in Ana­to­li­en” ist dis­kri­mi­nie­rend.
(Zuruf des Abg. Dr. Hei­ner Merz AfD)
Das geht gar nicht. Dafür wer­den Sie von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen.
(Bei­fall bei den Grü­nen sowie Abge­ord­ne­ten der CDU, der SPD und der FDP/​DVP)
Ich bit­te Sie, den Saal zu ver­las­sen. – Dan­ke schön.
(Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on [frak­ti­ons­los]: Das ist ein tür­ki­sches Par­la­ment! Das stel­le ich fest! – Gegen­ruf des Abg. Dani­el Andre­as Lede Abal Grü­ne: Den Ras­sis­mus kön­nen Sie ein­pa­cken. Abg. Dr. Hans-Ulrich Rül­ke FDP/​DVP: Moment, er geht nicht! Sol­len wir wie­der die Poli­zei rufen? – Gegen­ruf des Abg. Dani­el Andre­as Lede Abal GRÜNE: Das ist die AfD! – Abg. Bernd Gögel AfD: Herr Rül­ke, für Sie hät­ten wir die Poli­zei heu­te Mor­gen auch schon gebraucht! Sie haben das pro­vo­ziert! – Abg. Ste­fan Her­re AfD: Herr Rül­ke, Sie müs­sen den Mund hal­ten! Sie müs­sen gar nichts sagen! Sie hät­ten genau­so raus­müs­sen! Unver­schämt! Sie hät­ten genau­so gehen kön­nen! – Wei­te­re Zuru­fe – Leb­haf­te Unru­he)
– Mei­ne Damen und Her­ren, ich bit­te Sie um Ruhe. – Herr Abg. Dr. Gede­on, ich bit­te Sie jetzt, den Saal zu ver­las­sen. Tun Sie dies nicht, wer­de ich die Sit­zung kurz unter­bre­chen. Sie wer­den dann von den Saal­die­nern hin­aus­ge­bracht. Ich bit­te Sie ein­fach, den Sit­zungs­saal zu ver­las­sen.
(Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on [frak­ti­ons­los] Ein Skan­dal, was Sie hier machen, Frau Aras! Sie machen das Par­la­ment kaputt! – Gegen­ruf der Abg. San­dra Boser GRÜNE: Nein, Sie machen das Par­la­ment kaputt und sonst nie­mand! – Wei­te­re Zuru­fe – Unru­he)
Herr Abg. Dr. Gede­on, ich bit­te Sie zum letz­ten Mal, den Saal zu ver­las­sen. Andern­falls wer­den Sie von einem Saal­die­ner hin­aus­be­glei­tet, und Sie sind für wei­te­re drei Sit­zungs­ta­ge aus­ge­schlos­sen, wenn Sie jetzt nicht gehen.
(Abg. Dr. Wolf­gang Gede­on [frak­ti­ons­los] bleibt auf sei­nem Platz sit­zen. – Prä­si­dent Muh­te­rem Aras ver­lässt ihren Platz.)
(Unter­bre­chung der Sit­zung: 10:30 Uhr))
*
(Wie­der­auf­nah­me der Sit­zung: 10:33 Uhr)

Prä­si­den­tin Muh­te­rem Aras: Mei­ne Damen und Her­ren: wir fah­ren fort. Auch für Herrn Abg. Dr. Gede­on gilt § 92 Absatz 1 der Geschäfts­ord­nung, letz­ter Satz:
Der Abge­ord­ne­te ist damit ohne Wei­te­res für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen; …
(Bei­fall bei Abge­ord­ne­ten der Grü­nen, der CDU, der SPD und der FDP/​DVP – Zuruf des Abg. Anton Baron AfD)

Wäh­rend der Unter­bre­chung der Sit­zung hat­ten Beam­te des Poli­zei­voll­zugs­diens­tes und die Vize­prä­si­den­tin des Land­tags den Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on an sei­nem Platz auf­ge­sucht. Spä­ter hat­te er den Sit­zungs­saal ver­las­sen.

Die Ein­sprü­che der Abge­ord­ne­ten[↑]

Die bei­den Abge­ord­ne­ten leg­ten jeweils Ein­spruch gegen die Ord­nungs­maß­nah­men ein. Der Land­tag lehn­te die Ein­sprü­che in sei­ner Sit­zung am 19.12 2018 jeweils mehr­heit­lich ab5.

Die bei­den Organ­streit­ver­fah­ren[↑]

Der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on hat am 5.01.2019 ein Organ­streit­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet, das den Aus­schluss aus der lau­fen­den Land­tags­sit­zung am 12.12.2018 und den Aus­schluss für drei wei­te­re Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung zum Gegen­stand hat. Am 15.01.2019 hat er sei­nen Antrag erwei­tert, indem er auch die ihm gegen­über aus­ge­spro­che­nen Ord­nungs­ru­fe zum Gegen­stand des Organ­streit­ver­fah­rens gemacht hat.

Der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on bean­tragt fest­zu­stel­len, dass er dadurch in sei­nen Rech­ten aus Art. 27 Abs. 3 LV ver­letzt wor­den ist, dass die Land­tags­prä­si­den­tin in der Sit­zung des Land­tags am 12.12.2018 ihm gegen­über zwei Ord­nungs­ru­fe aus­sprach, ihn aus der lau­fen­den Sit­zung aus­schloss und fest­stell­te, dass er für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen ist. Er hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 24.06.2019 klar­ge­stellt, dass sich der Antrag ins­ge­samt gegen bei­de Antrags­geg­ner rich­tet.

Zur Begrün­dung sei­nes Antrags trägt der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on im Wesent­li­chen vor: Die ihm gegen­über in der Sit­zung am 12.12.2018 ver­häng­ten Ord­nungs­maß­nah­men ver­letz­ten ihn in sei­nem durch Art. 27 Abs. 3 LV gesi­cher­ten Abge­ord­ne­ten­recht sowie in sei­ner durch Art. 10 EMRK gewähr­leis­te­ten Mei­nungs­frei­heit. Ein Sit­zungs­aus­schluss, der zu einem Ent­zug des Stimm­rechts füh­re, sei als sol­cher ver­fas­sungs­wid­rig; ein Ent­zug des Stimm­rechts kön­ne nicht gerecht­fer­tigt wer­den. Das angeb­li­che Ver­bot der Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung fin­de sich im Übri­gen weder in der Ver­fas­sung noch in der Geschäfts­ord­nung des Land­tags. Auch bedür­fe § 92 Abs. 1 Satz 4 LTGO einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung; wenn eine Schwe­re der Ord­nungs­ver­let­zung nicht vor­lie­ge, sei die Maß­nah­me unrecht­mä­ßig. Aus­lö­ser der Eska­la­ti­on sei eine kla­re Neu­tra­li­täts­ver­let­zung der Land­tags­prä­si­den­tin gewe­sen. Er habe die berech­tig­ten Inter­es­sen des Abge­ord­ne­ten Räpp­le wahr­ge­nom­men und zu des­sen Guns­ten Not­hil­fe geleis­tet.

Der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on hat dem Ver­fas­sungs­ge­richts­hof dar­über hin­aus mit Schrift­sät­zen vom 15.01.2019; und vom 15.04.2019 wei­te­re Fra­gen über­mit­telt, deren Beant­wor­tung er sich durch den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof erhofft.

Der Abge­ord­ne­te Räpp­le hat am 5.01.2019 ein Organ­streit­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet, das den Aus­schluss aus der lau­fen­den Land­tags­sit­zung am 12.12.2018 und den Aus­schluss für drei wei­te­re Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung zum Gegen­stand hat. Am 15.01.2019 hat er sei­nen Antrag erwei­tert, indem er auch den ihm gegen­über aus­ge­spro­che­nen Ord­nungs­ruf zum Gegen­stand des Organ­streit­ver­fah­rens gemacht hat.

Der Abge­ord­ne­te Räpp­le bean­tragt fest­zu­stel­len, dass er dadurch in sei­nen Rech­ten aus Art. 27 Abs. 3 LV ver­letzt wor­den ist, dass die Land­tags­prä­si­den­tin in der Sit­zung des Land­tags am 12.12.2018 ihm gegen­über einen Ord­nungs­ruf aus­sprach, ihn aus der lau­fen­den Sit­zung aus­schloss und fest­stell­te, dass er für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen ist. Er hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 24.06.2019 klar­ge­stellt, dass sich der Antrag ins­ge­samt gegen bei­de Antrags­geg­ner rich­tet.

Zur Begrün­dung sei­nes Antrags trägt der Abge­ord­ne­te Räpp­le im Wesent­li­chen vor: Die ihm gegen­über in der Sit­zung am 12.12.2018 ver­häng­ten Ord­nungs­maß­nah­men ver­letz­ten ihn in sei­nem durch Art. 27 Abs. 3 LV gesi­cher­ten Abge­ord­ne­ten­recht sowie in sei­ner durch Art. 10 EMRK gewähr­leis­te­ten Mei­nungs­frei­heit. Der Ord­nungs­ruf sei wegen eines rela­tiv harm­lo­sen, sach­lich durch­aus begrün­de­ten Zwi­schen­rufs erfolgt, der nie­man­den per­sön­lich ange­grif­fen und den wei­te­ren Ablauf der Sit­zung nicht gestört habe. Das angeb­li­che Ver­bot der Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung fin­de sich weder in der Ver­fas­sung noch in der Geschäfts­ord­nung des Land­tags. Ein Sit­zungs­aus­schluss, der zu einem Ent­zug des Stimm­rechts füh­re, sei als sol­cher ver­fas­sungs­wid­rig; ein Ent­zug des Stimm­rechts kön­ne nicht gerecht­fer­tigt wer­den. § 92 Abs. 1 Satz 4 LTGO bedür­fe im Übri­gen einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung; wenn eine Schwe­re der Ord­nungs­ver­let­zung nicht vor­lie­ge, sei die Maß­nah­me unrecht­mä­ßig. Aus­lö­ser der Eska­la­ti­on sei eine kla­re Neu­tra­li­täts­ver­let­zung der Land­tags­prä­si­den­tin gewe­sen. Er habe nur sei­ne berech­tig­ten Inter­es­sen wahr­ge­nom­men.

Der Land­tag und die Land­tags­prä­si­den­tin tre­ten den Anträ­gen der bei­den Abge­ord­ne­ten ent­ge­gen. Zur Begrün­dung tra­gen sie im Wesent­li­chen vor: Die Anträ­ge sei­en teil­wei­se bereits unzu­läs­sig und im Übri­gen unbe­grün­det. Kei­ner der Ord­nungs­ru­fe habe ver­fas­sungs­recht­li­che Posi­tio­nen der bei­den Abge­ord­ne­ten ver­letzt. Sit­zungs­aus­schlüs­se, die dazu führ­ten, dass der Betrof­fe­ne nicht an Abstim­mun­gen teil­neh­men kön­ne, sei­en nicht ver­fas­sungs­wid­rig. Die Aus­schlüs­se der bei­den Abge­ord­ne­ten aus der lau­fen­den Sit­zung sei­en recht­mä­ßig gewe­sen. Die mas­si­ven, wie­der­hol­ten und per­sön­li­chen Angrif­fe des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on sei­en eine schwe­re Ord­nungs­ver­let­zung gewe­sen. Der Aus­schluss des Abge­ord­ne­ten Räpp­le habe an sein stö­ren­des und die Sit­zungs­lei­tung der Land­tags­prä­si­den­tin angrei­fen­des Ver­hal­ten ange­knüpft. Hin­sicht­lich der Aus­schlüs­se für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge kom­me ein ande­res Ergeb­nis als im vor­läu­fi­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren nicht in Betracht.

Die Lan­des­re­gie­rung hat mit­ge­teilt, dass sie von einer Äuße­rung zu den Ver­fah­ren absieht.

Mit Beschlüs­sen vom 21.01.20196 lehn­te der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof Anträ­ge der bei­den Abge­ord­ne­ten auf Erlass einst­wei­li­ger Anord­nun­gen ab.

Und auch die Organ­streit­ver­fah­ren hat­ten nun kei­nen Erfolg. Soweit sie zuläs­sig sind, sind sie unbe­grün­det:

Zuläs­sig­keit der Organ­streit­ver­fah­ren[↑]

Die Organ­streit­ver­fah­ren sind im Wesent­li­chen zuläs­sig.

Betei­lig­ten­fä­hig­keit

Die Abge­ord­ne­ten und die Antrags­geg­ner sind in einem Organ­streit­ver­fah­ren betei­lig­ten­fä­hig. Die Abge­ord­ne­ten sind als Abge­ord­ne­te des 16. Land­tags von Baden-Würt­tem­berg ande­re Betei­lig­te im Sin­ne von Art. 68 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, Abs. 2 Nr. 1 LV; sie sind als sol­che durch die Lan­des­ver­fas­sung und die Geschäfts­ord­nung des Land­tags jeweils mit eige­ner Zustän­dig­keit aus­ge­stat­tet7. Der Land­tag ist ein obers­tes Lan­des­or­gan im Sin­ne von Art. 68 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, Abs. 2 Nr. 1 LV und in § 44 VerfGHG als mög­li­cher Betei­lig­ter aus­drück­lich genannt8. Die Land­tags­prä­si­den­tin ist als Prä­si­den­tin des Land­tags mit Zustän­dig­kei­ten im Sin­ne von Art. 68 Abs. 1 Nr. 1 LV aus­ge­stat­tet9.

Taug­li­cher Gegen­stand eines Organ­streit­ver­fah­rens

Die Ord­nungs­ru­fe der Land­tags­prä­si­den­tin in der Sit­zung am 12.12.2018, die durch sie ver­häng­ten Aus­schlüs­se aus einer lau­fen­den Land­tags­sit­zung und die Aus­schlüs­se von der Sit­zung für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO sind taug­li­che Gegen­stän­de eines Organ­streit­ver­fah­rens nach Art. 68 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 LV. Nicht nur ein Sit­zungs­aus­schluss, son­dern auch ein Ord­nungs­ruf nach § 91 der Geschäfts­ord­nung des Land­tags (LTGO) ist ein rechts­er­heb­li­cher Ein­griff in das durch Art. 27 Abs. 3 LV garan­tier­te Abge­ord­ne­ten­recht. Dies folgt nicht zuletzt aus sei­nem dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Cha­rak­ter. Ein Ord­nungs­ruf ist dar­auf gerich­tet, betrof­fe­ne Abge­ord­ne­te nicht nur für zurück­lie­gen­des Ver­hal­ten zu tadeln, son­dern auch deren zukünf­ti­ges Ver­hal­ten zu beein­flus­sen10. Der Ord­nungs­ruf nach § 91 LTGO ist durch den Land­tag über­dies rechts­för­mig aus­ge­stal­tet; die Geschäfts­ord­nung sieht in § 93 Abs. 1 Satz 1 auch gegen den Ord­nungs­ruf den Ein­spruch vor.

Rich­ti­ge Antrags­geg­ne­rin

Rich­ti­ge Antrags­geg­ne­rin ist, soweit die Ver­fah­ren die Ord­nungs­ru­fe und die Aus­schlüs­se aus der lau­fen­den Sit­zung zum Gegen­stand haben, die Land­tags­prä­si­den­tin.

Soweit sich die Anträ­ge gegen die Ord­nungs­ru­fe und die Aus­schlüs­se aus der lau­fen­den Sit­zung auch gegen den Land­tag rich­ten, sind sie unzu­läs­sig. Der Land­tag ist inso­weit ent­ge­gen der Auf­fas­sung der bei­den Abge­ord­ne­ten nicht aus dem Grund wei­te­rer rich­ti­ger Antrags­geg­ner, dass er die Ein­sprü­che der bei­den Abge­ord­ne­ten (jeweils mit gro­ßer Mehr­heit) zurück­ge­wie­sen hat. Mit der Zurück­wei­sung der Ein­sprü­che macht sich der Land­tag die Ord­nungs­maß­nah­men nicht etwa zu eigen11.

Rich­ti­ger Antrags­geg­ner ist, soweit die Ver­fah­ren die Aus­schlüs­se für drei wei­te­re Sit­zungs­ta­ge zum Gegen­stand haben, neben dem Land­tag, der die ein­schlä­gi­ge Rege­lung des § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO erlas­sen hat, auch die Land­tags­prä­si­den­tin Zum einen ist sie nach der Geschäfts­ord­nung des Land­tags zur Lei­tung der Sit­zung und damit auch zu der Ent­schei­dung ver­pflich­tet, ob Abge­ord­ne­te an einer Sit­zung teil­neh­men dür­fen. Zum ande­ren und vor allem muss sie fest­stel­len, ob die tat­säch­li­chen und recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des auto­ma­ti­schen Sit­zungs­aus­schlus­ses erfüllt sind.

Antrags­be­fug­nis

Die bei­den Abge­ord­ne­ten sind antrags­be­fugt.

Nach § 45 Abs. 1 VerfGHG ist der Antrag in einem Organ­streit­ver­fah­ren nur zuläs­sig, wenn der Antrag­stel­ler gel­tend macht, dass er oder das Organ, dem er ange­hört, durch eine Hand­lung oder Unter­las­sung des Antrags­geg­ners in der Wahr­neh­mung sei­ner ihm durch die (Landes-)Verfassung über­tra­ge­nen Rech­te und Pflich­ten ver­letzt oder unmit­tel­bar gefähr­det sei. § 45 Abs. 2 VerfGH bestimmt zudem, dass der Antrag die Bestim­mung der Ver­fas­sung bezeich­nen muss, gegen wel­che die bean­stan­de­te Hand­lung oder Unter­las­sung des Antrags­geg­ners ver­stößt.

Die gel­tend zu machen­den „Rech­te oder Pflich­ten” müs­sen sich anders als die „Zustän­dig­keit”, die die Betei­lig­ten­fä­hig­keit begrün­det, aus der (Landes-)Verfassung erge­ben12. Rech­te aus ein­fa­chen Geset­zen oder einer Geschäfts­ord­nung genü­gen grund­sätz­lich nicht, es sei denn die betref­fen­de Norm spie­gelt ver­fas­sungs­recht­li­che Rech­te wider.

Dem Abge­ord­ne­ten durch die Ver­fas­sung über­tra­ge­ne Rech­te lie­gen nur vor, wenn sie ihm zur aus­schließ­li­chen Wahr­neh­mung oder Mit­wir­kung über­tra­gen wor­den sind oder deren Beach­tung erfor­der­lich ist, um die Wahr­neh­mung sei­ner Kom­pe­ten­zen und die Gül­tig­keit sei­ner Akte zu gewähr­leis­ten13.

Eine Rechts­ver­let­zung ist im Sin­ne von § 45 Abs. 1 VerfGHG gel­tend gemacht, wenn nach dem Vor­brin­gen des Antrag­stel­lers eine Rechts­ver­let­zung zumin­dest mög­lich ist14. Sie darf anders gewen­det nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen sein. Die mög­li­che Ver­let­zung ist schlüs­sig dar­zu­le­gen (vgl. § 15 Abs. 1 Satz 2 und § 45 Abs. 2 VerfGHG).

Die bei­den Abge­ord­ne­ten machen jeweils gel­tend, die ihnen gegen­über ergan­ge­nen Ord­nungs­maß­nah­men ver­letz­ten sie in ihrem Abge­ord­ne­ten­recht aus Art. 27 Abs. 3 LV. Sie begrün­den dies jeweils aus­führ­lich und dif­fe­ren­zie­rend nach den ein­zel­nen in Rede ste­hen­den Maß­nah­men.

Nicht zu begrün­den ist die Antrags­be­fug­nis aller­dings mit einer mög­li­chen Ver­let­zung der Mei­nungs­frei­heit aus Art. 2 Abs. 1 LV in Ver­bin­dung mit Art. 5 Abs. 1 GG. Die Rede­frei­heit des Abge­ord­ne­ten im Land­tag unter­fällt nicht dem Schutz­be­reich des Art. 2 Abs. 1 LV in Ver­bin­dung mit Art. 5 Abs. 1 GG15. Sie ist nicht die Frei­heit des Bür­gers gegen­über dem Staat, wie Art. 2 Abs. 1 LV in Ver­bin­dung mit Art. 5 Abs. 1 GG sie schüt­zen will, son­dern eine in der Demo­kra­tie unver­zicht­ba­re Kom­pe­tenz zur Wahr­neh­mung der par­la­men­ta­ri­schen Auf­ga­ben, die den Sta­tus als Abge­ord­ne­ter wesent­lich mit­be­stimmt. Die freie Rede des Abge­ord­ne­ten dient mit­hin unmit­tel­bar der Erfül­lung der in der Ver­fas­sung nor­mier­ten Staats­auf­ga­ben. Die Lan­des­ver­fas­sung gewähr­leis­tet die Rede­frei­heit des Abge­ord­ne­ten im Par­la­ment durch Art. 27 Abs.03. Um der par­la­men­ta­ri­schen Redeund Hand­lungs­frei­heit wil­len ver­leiht die Lan­des­ver­fas­sung den Abge­ord­ne­ten die Pri­vi­le­gi­en der Art. 37 und 38. Ins­be­son­de­re die Indem­ni­täts­vor­schrift des Art. 37 LV, wonach ein Abge­ord­ne­ter zu kei­ner Zeit wegen sei­ner Abstim­mung oder wegen einer Äuße­rung, die er im Land­tag, in einem Aus­schuss, in einer Frak­ti­on oder sonst in Aus­übung sei­nes Man­dats getan hat, gericht­lich oder dienst­lich ver­folgt oder ander­wei­tig außer­halb des Land­tags zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den darf, hat kei­ne Ent­spre­chung im Recht der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung. Umge­kehrt ist eben­so vor­stell­bar, dass Äuße­run­gen eines Abge­ord­ne­ten die Ord­nung des Par­la­ments ver­let­zen und eine Sank­ti­on des Prä­si­den­ten nach sich zie­hen, obschon sie sich in den Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit gehal­ten haben.

Eben­so wenig kön­nen sich die bei­den Abge­ord­ne­ten zur Begrün­dung der Antrags­be­fug­nis auf eine mög­li­che Ver­let­zung der Mei­nungs­frei­heit nach Art. 10 EMRK beru­fen. Bei der Vor­schrift han­delt es sich nicht um ein durch die Lan­des­ver­fas­sung über­tra­ge­nes Recht. Die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on gilt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Rang eines Bun­des­ge­set­zes16.

Antrags­frist

Die Antrags­frist des § 45 Abs. 3 VerfGHG ist in bei­den Ver­fah­ren gewahrt.

Nach § 45 Abs. 3 VerfGHG muss der Antrag bin­nen sechs Mona­ten gestellt wer­den, nach­dem die bean­stan­de­te Hand­lung oder Unter­las­sung dem Antrag­stel­ler bekannt gewor­den ist, spä­tes­tens jedoch fünf Jah­re nach ihrer Durch­füh­rung.

Die bei­den Abge­ord­ne­ten haben die Antrags­frist jeweils gewahrt, soweit die Organ­streit­ver­fah­ren die Ord­nungs­ru­fe in der Sit­zung des Land­tags am 12.12.2018 und die in die­ser Sit­zung durch die Land­tags­prä­si­den­tin ver­häng­ten Sit­zungs­aus­schlüs­se zum Gegen­stand haben. Die Antrags­schrif­ten, mit denen die Abge­ord­ne­ten das Ver­fah­ren gegen die durch die Land­tags­prä­si­den­tin ver­häng­ten Sit­zungs­aus­schlüs­se ein­ge­lei­tet haben, sind jeweils am 5.01.2019 beim Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ein­ge­gan­gen. Die Schrift­sät­ze mit der jewei­li­gen Erstre­ckung des Ver­fah­rens auf die Ord­nungs­ru­fe erreich­ten den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof am 15.01.2019.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Antrags­geg­ner ist die Frist des § 45 Abs. 3 VerfGHG bei Antrag­stel­lung am 5.01.2019 auch nicht ver­stri­chen gewe­sen, soweit die Organ­streit­ver­fah­ren den Sit­zungs­aus­schluss nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO betref­fen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts17 ist eine Vor­schrift der Geschäfts­ord­nung des Deut­schen Bun­des­tags erst von dem Zeit­punkt an als Maß­nah­me im Sin­ne von § 64 Abs. 1 BVerfGG der Par­al­lel­vor­schrift zu § 45 Abs. 1 VerfGHG zu wer­ten, in dem sie beim Antrag­stel­ler eine aktu­el­le recht­li­che Betrof­fen­heit aus­zu­lö­sen ver­mag. Die­ser Zeit­punkt kön­ne mit dem Erlass der Vor­schrift zusam­men­fal­len. Er kön­ne aber auch erst danach ein­tre­ten. Letz­te­res sei dann der Fall, wenn die Bestim­mung an recht­li­che Vor­aus­set­zun­gen anknüp­fe, die sich in der Per­son des Antrag­stel­lers erst spä­ter ver­wirk­lich­ten. Von da an lau­fe auch die Frist des § 64 Abs. 3 BVerfGG der Par­al­lel­vor­schrift zu § 45 Abs. 3 VerfGHG.

Im Anschluss an die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts begann die Sechs-Monats-Frist des § 45 Abs. 3 VerfGHG nicht bereits mit der Beschluss­fas­sung über die Geschäfts­ord­nung, son­dern erst zu dem Zeit­punkt, zu dem den bei­den Abge­ord­ne­ten bekannt wur­de, dass gera­de sie jeden­falls nach Auf­fas­sung der Land­tags­prä­si­den­tin nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen sind.

Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung

Die Begrün­dung der Anträ­ge ent­spricht den Anfor­de­run­gen des § 15 Abs. 1 Satz 2 und des § 45 Abs. 2 VerfGHG. Die bei­den Abge­ord­ne­ten haben hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt, dass die in Rede ste­hen­den Ord­nungs­maß­nah­men sie in ihrem Recht aus Art. 27 Abs. 3 LV ver­let­zen.

Rechts­schutz­be­dürf­nis

Den bei­den Abge­ord­ne­ten fehlt schließ­lich nicht das Rechts­schutz­be­dürf­nis.

Ob das Rechts­schutz­be­dürf­nis einem Antrag­stel­ler abge­spro­chen wer­den kann, wenn er als Adres­sat einer Ord­nungs­maß­nah­me kei­nen Ein­spruch nach § 93 Abs. 1 Satz 1 LTGO ein­ge­legt hat, bedarf kei­ner Ent­schei­dung11. Denn bei­de Abge­ord­ne­ten haben bereits vor Ein­lei­tung ihrer Organ­streit­ver­fah­ren einen sol­chen Ein­spruch ein­ge­legt.

Dass die Ord­nungs­ru­fe und die Sit­zungs­aus­schlüs­se erle­digt sind, lässt auch nicht das Rechts­schutz­be­dürf­nis ent­fal­len. Im Organ­streit­ver­fah­ren besteht das erfor­der­li­che Rechts­schutz­be­dürf­nis auch dann, wenn die ange­grif­fe­nen Maß­nah­men kei­ne Wir­kun­gen mehr ent­fal­ten18.

Abge­ord­ne­ten­sta­tus und die Ver­let­zung von Abge­ord­ne­ten­rech­ten

Die Organ­streit­ver­fah­ren sind, soweit sie zuläs­sig sind, nicht begrün­det. Das Abge­ord­ne­ten­recht der Abge­ord­ne­ten aus Art. 27 Abs. 3 LV ist durch die in Rede ste­hen­den Ord­nungs­maß­nah­men nicht ver­letzt.

Das Anwesenheits‑, das Rede‑, das Antrags- und das Stimm­recht im Land­tag aus Art. 27 Abs. 3 LV wer­den durch ande­re Güter von Ver­fas­sungs­rang begrenzt19. Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re die Ord­nung der Debat­ten im Land­tag, des­sen Funk­ti­ons­fä­hig­keit und auch die Wür­de und das Anse­hen des Par­la­ments (vgl. § 9 Abs. 2 Satz 2 LTGO). Zur Wah­rung die­ser Güter ist dem Prä­si­den­ten des Land­tags, der die Sit­zun­gen lei­tet und dabei die Ord­nung auf­recht­zu­er­hal­ten hat (§ 9 Abs. 2 Satz 1 und 3 LTGO), in der Geschäfts­ord­nung das Instru­men­ta­ri­um der Ord­nungs­maß­nah­men an die Hand gege­ben.

Zum Sta­tus der Abge­ord­ne­ten gehö­ren

Die Abge­ord­ne­ten reprä­sen­tie­ren in ihrer Gesamt­heit das Volk20 und neh­men die Auf­ga­ben und Befug­nis­se des Land­tags gemein­sam wahr21. Dem­ge­mäß ist jeder Abge­ord­ne­te beru­fen, an der Arbeit des Land­tags, sei­nen Ver­hand­lun­gen und Ent­schei­dun­gen, teil­zu­neh­men, dies aller­dings im Rah­men der vom Land­tag auf der Grund­la­ge von Art. 32 Abs. 1 Satz 2 LV erlas­se­nen und im Ein­klang mit der Lan­des­ver­fas­sung aus­ge­stal­te­ten Geschäfts­ord­nung22. Den Abge­ord­ne­ten kommt das Recht zu, Gegen­stän­de im Land­tag zu bera­ten und dabei ihre Anlie­gen, etwa durch die Vor­stel­lung von Rege­lungs­al­ter­na­ti­ven, in den Ent­schei­dungs­pro­zess ein­zu­brin­gen sowie sich an den Abstim­mun­gen zu betei­li­gen23. Dies gilt nicht nur für das Ple­num des Land­tags, son­dern auch für die Aus­schüs­se, denen die Abge­ord­ne­ten ange­hö­ren.

Die Bera­tung im Ple­num des Land­tags, die zumeist einer Abstim­mung vor­aus­zu­ge­hen hat, und die Bera­tung in sei­nen Aus­schüs­sen erfol­gen in aller Regel mit­tels Rede und Gegen­re­de. Die Bedeu­tung des Rede­rechts wird durch die in der Lan­des­ver­fas­sung in Art. 37 ange­ord­ne­te Indem­ni­tät der Abge­ord­ne­ten unter­stri­chen. Abge­ord­ne­te dür­fen für ihre Äuße­run­gen im Par­la­ment nicht außer­halb des Par­la­ments recht­lich ver­ant­wort­lich gemacht wer­den.

Das Rede­recht ist nicht Aus­druck der Mei­nungs­frei­heit der Abge­ord­ne­ten, son­dern eine Aus­prä­gung des Abge­ord­ne­ten­rechts aus Art. 27 Abs. 3 LV; sei­ne Reich­wei­te muss daher nicht mit der­je­ni­gen der Mei­nungs­frei­heit über­ein­stim­men.

Das Rede­recht bedarf wie ande­re Aus­prä­gun­gen des Abge­ord­ne­ten­rechts der nähe­ren Abstim­mung mit den Rech­ten ande­rer Abge­ord­ne­ter und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Land­tags. Dem­entspre­chend ist es in der Geschäfts­ord­nung des Land­tags näher aus­ge­stal­tet. Art. 32 Abs. 1 Satz 2 LV gesteht dem Land­tag aus­drück­lich die Geschäfts­ord­nungs­au­to­no­mie zu. Er berech­tigt ihn, sich selbst zu orga­ni­sie­ren und die zur sach­ge­rech­ten Erfül­lung sei­ner Auf­ga­ben not­wen­di­gen Rege­lun­gen zu schaf­fen. Die den Abge­ord­ne­ten in der Lan­des­ver­fas­sung zuge­bil­lig­ten Rech­te wer­den in der Geschäfts­ord­nung hin­sicht­lich der Art und Wei­se ihrer Aus­übung, nicht zuletzt auch im Ver­hält­nis der Abge­ord­ne­ten unter­ein­an­der, begrenzt.

Neben den Rege­lun­gen etwa zur Rede­zeit (vgl. § 83a LTGO) bedarf es zur Sicher­stel­lung der Abge­ord­ne­ten­rech­te, der Ord­nung der Debat­te und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Land­tags sowie auch der Wah­rung des Anse­hens und der Wür­de des Par­la­ments der Ord­nungs­ge­walt, die dem Prä­si­den­ten des Land­tags (im Fall des § 92 Abs. 2 LTGO zusam­men mit dem Prä­si­di­um) an die Hand gege­ben ist. Zu ent­schei­den, wel­che Arten von Ord­nungs­maß­nah­men die Geschäfts­ord­nung vor­sieht und an wel­che Vor­aus­set­zun­gen sie gebun­den sind, obliegt dem Land­tag. Er hat dabei frei­lich das Abge­ord­ne­ten­recht zu beach­ten.

Die Geschäfts­ord­nung des Land­tags sieht in §§ 90 bis 92 meh­re­re Ord­nungs­maß­nah­men vor: die Ver­wei­sung zur Sache (§ 90 LTGO), den Ord­nungs­ruf (§ 91 LTGO), die Ent­zie­hung des Worts (§ 91a LTGO) und in ver­schie­de­nen Vari­an­ten den Sit­zungs­aus­schluss (§ 92 LTGO). Grund­sätz­li­che Beden­ken gegen die ver­fas­sungs­recht­li­che Zuläs­sig­keit die­ser Ord­nungs­maß­nah­men bestehen nicht24. Die ver­ein­zelt in der Lite­ra­tur25 geäu­ßer­te und auch von den bei­den Abge­ord­ne­ten geteil­te Auf­fas­sung, ein Sit­zungs­aus­schluss sei jeden­falls dann ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­sig, wenn er wie in der par­la­men­ta­ri­schen Pra­xis regel­mä­ßig der Fall mit einem Ent­zug des Stimm­rechts ver­bun­den ist, ist nicht zutref­fend. Die mit einem Sit­zungs­aus­schluss ver­folg­ten Zie­le, einer­seits eine wei­te­re Stö­rung zu ver­hin­dern, ande­rer­seits auch das Fehl­ver­hal­ten zu sank­tio­nie­ren, wür­den erheb­lich ihrer Wir­kung beraubt, wenn der Betrof­fe­ne an den im Zeit­raum des Aus­schlus­ses durch­ge­führ­ten Abstim­mun­gen teil­neh­men dürf­te. Dass der Sit­zungs­aus­schluss mit einem zeit­wei­sen Ent­zug des Stimm­rechts ver­bun­den ist, kann und muss bei der Beur­tei­lung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines aus­ge­spro­che­nen Sit­zungs­aus­schlus­ses berück­sich­tigt wer­den26.

Ord­nung im Land­tag und die Ord­nungs­maß­nah­men[↑]

Der Begriff der Ord­nung wird in der Geschäfts­ord­nung des Land­tags nicht näher defi­niert. Der Land­tag leg­te bei sei­ner Beschluss­fas­sung über die Geschäfts­ord­nung ersicht­lich das tra­dier­te Ver­ständ­nis die­ses Begriffs zugrun­de, wonach er sich auf die Wah­rung der Dis­zi­plin in den Sit­zun­gen, das Anse­hen und die Wür­de des Land­tags, die Rech­te und Inter­es­sen des Land­tags und sei­ner Mit­glie­der selbst sowie die Rech­te der All­ge­mein­heit und Drit­ter erstreckt.

Die Ord­nungs­maß­nah­men sol­len Ver­stö­ßen gegen die Ver­fas­sung, ein­fach­ge­setz­li­che Rege­lun­gen sowie die Geschäfts­ord­nung ent­ge­gen­wir­ken, ins­be­son­de­re Stö­run­gen der Aus­übung des Rede­rechts ande­rer Abge­ord­ne­ter. Die Mög­lich­keit von Ord­nungs­maß­nah­men beschränkt sich aller­dings nicht auf vom geschrie­be­nen Recht miss­bil­lig­te Ver­hal­tens­wei­sen. Ein Ord­nungs­ver­stoß kann auch vor­lie­gen bei Ver­stö­ßen gegen unge­schrie­be­ne, tra­dier­te Regeln der Par­la­mentspra­xis. Sol­che Regeln bestehen ins­be­son­de­re, soweit die Ord­nungs­maß­nah­men die Wah­rung des Anse­hens und der Wür­de des Par­la­ments bezwe­cken.

Die Ord­nungs­maß­nah­men sind nicht das Mit­tel zur Aus­schlie­ßung bestimm­ter inhalt­li­cher Posi­tio­nen, auch und gera­de nicht sol­cher, die von der Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten des Land­tags, mög­li­cher­wei­se sogar über die Ange­hö­ri­gen der die Lan­des­re­gie­rung tra­gen­den Frak­tio­nen hin­aus­ge­hend, nicht geteilt wer­den. Der Land­tag ist gera­de der Ort, an dem Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten aus­ge­tra­gen wer­den sol­len; dabei sind auch Stil­mit­tel wie Über­spit­zung, Pola­ri­sie­rung, Ver­ein­fa­chung oder Pole­mik zuläs­sig27. Die Gren­ze zur Ver­let­zung der par­la­men­ta­ri­schen Ord­nung ist aber jeden­falls erreicht, sobald die inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung ganz in den Hin­ter­grund rückt und im Vor­der­grund eine blo­ße Pro­vo­ka­ti­on, eine Her­ab­wür­di­gung ande­rer, ins­be­son­de­re des poli­ti­schen Geg­ners, oder die Ver­let­zung von Rechts­gü­tern Drit­ter steht.

Da Beschrän­kun­gen des Rede­rechts zugleich die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des par­la­men­ta­ri­schen Sys­tems berüh­ren, bedarf die Anwen­dung von Ord­nungs­maß­nah­men stets der Beach­tung des Zusam­men­hangs, in denen die Abge­ord­ne­ten jeweils ihr Recht in Anspruch neh­men. Je mehr die inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung um poli­ti­sche Fra­gen im Vor­der­grund steht, je gewich­ti­ger die mit dem Rede­bei­trag the­ma­ti­sier­ten Fra­gen für das Par­la­ment und die Öffent­lich­keit sind und je inten­si­ver die­se poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung geführt wird, des­to eher müs­sen kon­kur­rie­ren­de Rechts­gü­ter hin­ter dem Rede­recht zurück­ste­hen28.

Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum des Land­tags­prä­si­den­ten[↑]

Der Prä­si­dent des Land­tags besitzt im Rah­men der ihm auf­ge­ge­be­nen unpar­tei­ischen und gerech­ten Amts­füh­rung (§ 9 Abs. 1 Satz 2 LTGO) bei der Anwen­dung der Ord­nungs­maß­nah­men einen vom Ver­fas­sungs­ge­richts­hof zu respek­tie­ren­den Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum.

Die Ein­ord­nung des Ver­hal­tens von Abge­ord­ne­ten als Ver­let­zung der Ord­nung (ein­schließ­lich ihrer Schwe­re) sowie die Ent­schei­dung, ob auf eine sol­che mit einer Ord­nungs­maß­nah­me reagiert wird, beru­hen regel­mä­ßig auf einer wer­ten­den Betrach­tung durch den Prä­si­den­ten. Die­se darf vom Ver­fas­sungs­ge­richts­hof nicht durch eine eige­ne Ein­schät­zung ersetzt wer­den.

Bei der vom Prä­si­den­ten des Land­tags anzu­stel­len­den Betrach­tung gewin­nen ins­be­son­de­re der Ablauf der Sit­zung und die in ihr herr­schen­de Atmo­sphä­re Bedeu­tung. Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof kann, selbst wenn ihm Tonund Bild­auf­zeich­nun­gen des in Rede ste­hen­den Vor­gangs zur Ver­fü­gung ste­hen, die beson­de­ren Gege­ben­hei­ten der kon­kre­ten Land­tags­sit­zung nur ein­ge­schränkt nach­voll­zie­hen. Ent­schei­dun­gen über die Ver­hän­gung von Ord­nungs­maß­nah­men sind in der Regel aus der Situa­ti­on her­aus und ohne län­ge­re Bedenk­zeit zu tref­fen. Bei ihnen spie­len pro­gnos­ti­sche Erwä­gun­gen, etwa wie wei­te­re Stö­run­gen oder eine Eska­la­ti­on am bes­ten ver­hin­dert wer­den kön­nen, eine Rol­le. Sol­che Erwä­gun­gen las­sen sich im Nach­hin­ein nur auf ihre Ver­tret­bar­keit über­prü­fen. Hin­zu kommt, dass sich der Land­tag mit der Bezug­nah­me auf den tra­dier­ten Begriff der Ord­nung des Par­la­ments auch auf unge­schrie­be­ne Regeln bezieht, deren Aus­le­gung und Rezep­ti­on zunächst Sache des Par­la­ments und sei­ner Orga­ne ist.

Die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­troll­dich­te land­tags­in­ter­ner Ord­nungs­maß­nah­men ist hier­an aus­zu­rich­ten. Die­se Kon­trol­le ist umso inten­si­ver, je deut­li­cher die Ord­nungs­maß­nah­me auf den Mei­nungs­ge­halt von Äuße­run­gen und nicht auf das Ver­hal­ten von Abge­ord­ne­ten reagiert. In die­sen Fäl­len muss eine Ver­let­zung oder doch Gefähr­dung kon­kur­rie­ren­der Rechts­gü­ter vor­lie­gen, die auch Gegen­stand der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Kon­trol­le ist. Die Ord­nungs­maß­nah­me darf dann unter Berück­sich­ti­gung des Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raums des Prä­si­den­ten nicht außer Ver­hält­nis zu dem mit ihr ver­folg­ten Ziel ste­hen.

Die gericht­li­che Kon­trol­le muss auch die Schwe­re der gewähl­ten Ord­nungs­maß­nah­me in den Blick neh­men. Sie ist inten­si­ver im Fall des Sit­zungs­aus­schlus­ses, der zu einem, wenn auch zeit­lich begrenz­ten Aus­schluss von Bera­tun­gen und Abstim­mun­gen führt. Einer unein­ge­schränk­ten Kon­trol­le unter­lä­ge der Ver­dacht eines rechts­miss­bräuch­lich aus­ge­spro­che­nen Sit­zungs­aus­schlus­ses, etwa eines sol­chen zur ziel­ge­rich­te­ten Ver­än­de­rung der Mehr­heits­ver­hält­nis­se19.

Spe­zi­al­fall: Ord­nungs­maß­nah­men wegen Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung[↑]

Eine beson­de­re, auch in den vor­lie­gen­den Ver­fah­ren in Rede ste­hen­de Kate­go­rie von Ord­nungs­maß­nah­men sind sol­che wegen der Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung des Land­tags­prä­si­den­ten.

In der Recht­spre­chung jeden­falls des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs des Frei­staats Sach­sen29 sowie in Tei­len der Lite­ra­tur30 wird von einem „abso­lu­ten Ver­bot” der Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung in der Ple­nar­sit­zung aus­ge­gan­gen; das Anbrin­gen einer sol­chen Kri­tik wider­spre­che unab­hän­gig davon, ob die Ver­hand­lungs­füh­rung des Prä­si­den­ten der Geschäfts­ord­nung bzw. den hier­zu gefass­ten Beschlüs­sen ent­spre­che, den tra­dier­ten Regeln der Par­la­mentspra­xis31.

Ein nach­voll­zieh­ba­rer Grund für ein sol­ches „abso­lu­tes Ver­bot” ist nicht erkenn­bar; ein der­art umfas­sen­des Ver­bot ist daher nicht mit dem Abge­ord­ne­ten­recht aus Art. 27 Abs. 3 LV ver­ein­bar. Eine in sach­li­cher Wei­se und in ange­mes­se­nem Umfang vor­ge­tra­ge­ne Kri­tik, wel­che die par­la­men­ta­ri­sche Arbeit nicht stört, darf nicht zum Anlass für eine par­la­men­ta­ri­sche Ord­nungs­maß­nah­me genom­men wer­den. Ansons­ten wäre das par­la­men­ta­ri­sche Rede­recht, das sich auch auf Bei­trä­ge zum par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren erstreckt, in einer nicht zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se ein­ge­schränkt. Eine in der beschrie­be­nen Wei­se vor­ge­brach­te Kri­tik ist auch nicht geeig­net, die Auto­ri­tät des Land­tags­prä­si­den­ten so in Fra­ge zu stel­len, dass dies in einer moder­nen Demo­kra­tie nicht hin­nehm­bar ist. Auto­ri­tät wird nicht durch Immu­ni­sie­rung gegen­über Kri­tik erwor­ben, son­dern durch eine Amts­füh­rung, die auf Akzep­tanz stößt; dazu kann gera­de auch der Umgang mit sach­li­cher Kri­tik gehö­ren.

Die Mög­lich­keit, Kri­tik an der Amts­füh­rung des Land­tags­prä­si­den­ten im Prä­si­di­um (vgl. Art. 32 Abs. 1 Satz 1 LV) vor­zu­tra­gen32, ist nicht geeig­net, die mit einem „abso­lu­ten Ver­bot” ein­her­ge­hen­de Ein­schrän­kung des Rede­rechts zu kom­pen­sie­ren. Dies folgt schon dar­aus, dass bei Wei­tem nicht jeder Abge­ord­ne­te Mit­glied des Prä­si­di­ums sein kann. Einem Ver­weis dar­auf, dass die Kri­tik über Mit­glie­der der Frak­ti­on ange­bracht wer­den kann, steht ent­ge­gen, dass der betrof­fe­ne Abge­ord­ne­te sei­ne Inter­es­sen nur in dem Fall gel­tend machen kann, dass die Mit­glie­der sich hier­zu bereit erklä­ren. Noch höher sind die Hür­den für einen frak­ti­ons­lo­sen Abge­ord­ne­ten, der natur­ge­mäß nicht im Prä­si­di­um ver­tre­ten wird.

Die Lan­des­ver­fas­sung gebie­tet auch im Zusam­men­hang mit dem Ergrei­fen von Ord­nungs­maß­nah­men die Ein­hal­tung bestimm­ter Ver­fah­rens­an­for­de­run­gen33. Regel­mä­ßig ist eine Ord­nungs­maß­nah­me zumin­dest schlag­wort­ar­tig zu begrün­den. Die Betrof­fe­nen sol­len dar­über infor­miert sein, wel­ches Ver­hal­ten den Land­tags­prä­si­den­ten zu der Ord­nungs­maß­nah­me ver­an­lasst hat und war­um sie für erfor­der­lich gehal­ten wird; aus­ge­hend von die­sem Zweck ist eine schlag­wort­ar­ti­ge Begrün­dung nur dann ent­behr­lich, wenn für den Betrof­fe­nen kein Zwei­fel dar­an bestehen kann, wel­ches Ver­hal­ten aus wel­chem Grund sank­tio­niert wer­den soll. Sofern ein Sit­zungs­aus­schluss nicht auf­grund eines ein­zel­nen Ereig­nis­ses aus­ge­spro­chen wer­den soll, ist ein sol­cher grund­sätz­lich auch vor­her anzu­dro­hen34. Ob dar­über hin­aus auch eine ver­fas­sungs­recht­li­che Pflicht besteht, Ord­nungs­mit­tel auf Antrag nach­träg­lich wei­ter zu begrün­den, um dem betrof­fe­nen Abge­ord­ne­ten eine Ein­schät­zung über sein wei­te­res Vor­ge­hen zu ermög­li­chen, bedarf im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren kei­ner Ent­schei­dung, da der­ar­ti­ge Anträ­ge hier nicht gestellt wor­den sind. Im Übri­gen zei­gen die Begrün­dun­gen der Ein­sprü­che, dass die bei­den Abge­ord­ne­ten nicht im Unkla­ren dar­über waren, was die Land­tags­prä­si­den­tin zu ihren jewei­li­gen Maß­nah­men ver­an­lasst hat­te.

Eine Anhö­rung vor dem Ergrei­fen einer Ord­nungs­maß­nah­me ist hin­ge­gen grund­sätz­lich nicht gebo­ten. Ord­nungs­maß­nah­men sind in aller Regel vom Land­tags­prä­si­den­ten unmit­tel­bar im Anschluss an das als ord­nungs­wid­rig ein­ge­stuf­te Ver­hal­ten aus­zu­spre­chen. Eine Unter­bre­chung der Sit­zung, um den Betrof­fe­nen zu einer beab­sich­tig­ten Ord­nungs­maß­nah­me anzu­hö­ren, wür­de den wei­te­ren Ablauf der Sit­zung ver­zö­gern und damit gera­de zu einer wei­te­ren Stö­rung des Ablaufs der Sit­zung füh­ren. Hin­ge­gen dürf­te eine Anhö­rung im Fall eines Sit­zungs­aus­schlus­ses nach § 92 Abs. 2 LTGO regel­mä­ßig gebo­ten sein; in die­sen Fäl­len, in denen eine beson­ders schwer­wie­gen­de Sank­ti­on im Raum steht, muss die Sit­zung ohne­hin unter­bro­chen wor­den, um das Ein­ver­neh­men mit dem Prä­si­di­um ein­zu­ho­len.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der bei­den Abge­ord­ne­ten ver­an­lasst die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) zur Mei­nungs­frei­heit des Art. 10 EMRK nicht zu einer abwei­chen­den Aus­le­gung der Lan­des­ver­fas­sung. In dem maß­geb­li­chen Urteil der Gro­ßen Kam­mer vom 17.05.2016 hebt der EGMR zwar die Bedeu­tung der Frei­heit der par­la­men­ta­ri­schen Debat­te in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft her­vor. Zugleich betont er aber, dass die Frei­heit nicht abso­lut gilt. Die Ver­trags­staa­ten kön­nen die Frei­heit der par­la­men­ta­ri­schen Debat­te beschrän­ken und bestimm­te Ver­hal­tens­wei­sen sank­tio­nie­ren. Als Grün­de für die Beschrän­kung nennt der EGMR aus­drück­lich undis­zi­pli­nier­tes Ver­hal­ten sowie die Stö­rung des ord­nungs­ge­mä­ßen Ablaufs des par­la­men­ta­ri­schen Betriebs. Nach der Recht­spre­chung des EGMR müs­sen sich die Beschrän­kun­gen am Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit mes­sen las­sen. Der EGMR betont auch den gro­ßen Ermes­sens­spiel­raum der natio­na­len Par­la­men­te35.

Die Ord­nungs­maß­nah­men gegen den Abge­ord­ne­ten Ste­fan Räpp­le[↑]

Die gegen­über dem Abge­ord­ne­ten Räpp­le ergan­ge­nen Ord­nungs­maß­nah­men sind ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Ord­nungs­ru­fe

Dies gilt zunächst für den Ord­nungs­ruf, den die Land­tags­prä­si­den­tin ihm wegen sei­nes Zwi­schen­rufs „So sind sie, die roten Ter­ro­ris­ten!” erteilt hat.

Da der Abge­ord­ne­te Räpp­le den Zwi­schen­ruf unmit­tel­bar im Anschluss an die Erwäh­nung der Jusos durch sei­ne Frak­ti­ons­kol­le­gin Wol­le anbrach­te, ist davon aus­zu­ge­hen, dass er mit „sie” zunächst die Ange­hö­ri­gen der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands mein­te; Abwei­chen­des hat er auch nicht behaup­tet. Zwar mag die­se Äuße­rung so ver­stan­den wer­den, dass mit dem Adjek­tiv „rot” dem Kon­text nach nicht nur Ange­hö­ri­ge der Jusos, son­dern alle Mit­glie­der der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei als Ter­ro­ris­ten bezeich­net wer­den; dies erscheint aber nicht zwin­gend und ist für die Bewer­tung des Ord­nungs­rufs nicht maß­geb­lich.

Ter­ro­ris­mus ist eine Ver­hal­tens­wei­se, die dar­auf abzielt, Zie­le, ins­be­son­de­re poli­ti­scher Art, durch Ter­ror, also durch Ver­brei­ten von Angst und Schre­cken durch Gewalt­ak­tio­nen gegen Men­schen (oder auch gegen Sachen), durch­zu­set­zen. Mit der Bezeich­nung einer Per­son als Ter­ro­rist ist dem­entspre­chend die Behaup­tung ver­bun­den, die­se Per­son bege­he erheb­li­ches kri­mi­nel­les und staats­ge­fähr­den­des Unrecht.

Auch wenn der Ord­nungs­ruf an den Inhalt einer Äuße­rung anknüpft und des­halb eine grund­sätz­lich inten­si­ve­re ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­trol­le ange­zeigt ist, wahrt der aus­ge­spro­che­ne Ord­nungs­ruf den der Land­tags­prä­si­den­tin ein­ge­räum­ten Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum. Die Bewer­tung des Zwi­schen­rufs als Stö­rung der par­la­men­ta­ri­schen Ord­nung und die Ent­schei­dung, auf die­se Stö­rung mit einem Ord­nungs­ruf zu reagie­ren, sind ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Die Gleich­stel­lung der Mit­glie­der der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on einer kon­kur­rie­ren­den poli­ti­schen Par­tei mit Ter­ro­ris­ten geht als Ver­un­glimp­fung über eine im Land­tag zuläs­si­ge schar­fe, pole­misch vor­ge­brach­te Kri­tik hin­aus. Mit ihr ist die Behaup­tung ver­bun­den, die frag­li­che Orga­ni­sa­ti­on wür­de sich mit Gewalt und der Ver­brei­tung von Schre­cken gegen die gel­ten­de Rechts­ord­nung stel­len. Die­ser Vor­wurf stand in kei­nem nach­voll­zieh­ba­ren Zusam­men­hang mit dem Inhalt des Rede­bei­trags, in dem die Abge­ord­ne­te Wol­le dar­auf hin­wies, dass die Jusos die Lega­li­sie­rung des Schwan­ger­schafts­ab­bruchs gefor­dert hät­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund spricht nichts dafür, dass der Ord­nungs­ruf nicht erfor­der­lich oder unan­ge­mes­sen gewe­sen sein könn­te.

Der Abge­ord­ne­te Räpp­le hält den Ord­nungs­ruf auch des­halb für ver­fas­sungs­wid­rig, weil die Land­tags­prä­si­den­tin im wei­te­ren Ver­lauf der Sit­zung dem Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke für des­sen Angriff auf den Abge­ord­ne­ten Räpp­le kei­nen Ord­nungs­ruf erteilt hat. Er beruft sich damit auf eine Ungleich­be­hand­lung durch die Land­tags­prä­si­den­tin Aller­dings könn­te auch ein (mög­li­cher­wei­se) zu Unrecht unter­blie­be­ner Ord­nungs­ruf gegen einen ande­ren Abge­ord­ne­ten nicht dazu füh­ren, dass ein Ord­nungs­ruf, der für sich genom­men ver­fas­sungs­mä­ßig ist, hät­te unter­blei­ben müs­sen. Dies wäre eine „Gleich­heit im Unrecht”, auf die sich ein Abge­ord­ne­ter nicht beru­fen kann. Es liegt auf der Hand, dass die Ord­nung der par­la­men­ta­ri­schen Arbeit gefähr­det wäre, wenn die feh­ler­haf­te Nichts­ank­tio­nie­rung einer Stö­rung dazu füh­ren wür­de, dass wei­te­re Stö­run­gen nicht mehr sank­tio­niert wer­den dürf­ten. Zudem erfolg­te die Äuße­rung des Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke auch zeit­lich nach dem hier frag­li­chen Zwi­schen­ruf des Abge­ord­ne­ten Räpp­le; eine zunächst ver­fas­sungs­kon­for­me Maß­nah­me der Sit­zungs­lei­tung kann aber nicht durch ein nach­fol­gen­des Ereig­nis rück­wir­kend ver­fas­sungs­wid­rig wer­den.

Im Übri­gen bestehen zwi­schen den bei­den frag­li­chen Äuße­run­gen so erheb­li­che Unter­schie­de, dass sie nicht mit­ein­an­der ver­gleich­bar sind und ihre unter­schied­li­che Behand­lung durch die Land­tags­prä­si­den­tin inner­halb ihres Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raums liegt: Sie erfolg­ten in einem unter­schied­li­chen par­la­men­ta­ri­schen Kon­text, näm­lich zum einen in einem Zwi­schen­ruf und zum ande­ren in einer Rede; der Anlass des Zwi­schen­rufs war ein Rede­bei­trag zu dem The­ma der Debat­te, stand mit die­sem aller­dings wie oben aus­ge­führt in kei­nem nach­voll­zieh­ba­ren inhalt­li­chen Zusam­men­hang. Der Rede­bei­trag des Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke bezog sich dann aber unter ande­rem auch auf die­ses ihm vor­her­ge­hen­de Ver­hal­ten des Abge­ord­ne­ten Räpp­le; es han­del­te sich also um eine kon­kre­te poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit einem ande­ren Abge­ord­ne­ten. Ob ein Ord­nungs­ruf gegen­über dem Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke den­noch ver­fas­sungs­mä­ßig gewe­sen wäre, steht hier nicht zur Ent­schei­dung; dass er nicht erfolgt ist, wirkt sich jedoch nicht auf die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Ord­nungs­rufs gegen den Abge­ord­ne­ten Räpp­le aus.

Soweit die bei­den Abge­ord­ne­ten über die Vor­fäl­le in der Sit­zung vom 12.12.2018 hin­aus eine grund­sätz­lich par­tei­ische Amts­füh­rung durch die Land­tags­prä­si­den­tin behaup­ten, ins­be­son­de­re eine unglei­che Hand­ha­bung des Instru­men­ta­ri­ums der par­la­men­ta­ri­schen Ord­nungs­maß­nah­men, bleibt ihr Vor­brin­gen unsub­stan­ti­iert. Es ist nicht Auf­ga­be des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs, von sich aus die gesam­te sit­zungs­lei­ten­de Tätig­keit der Land­tags­prä­si­den­tin wäh­rend der lau­fen­den Sit­zungs­pe­ri­ode unter dem Gesichts­punkt der Gleich­be­hand­lung in den Blick zu neh­men. Unter wel­chen kon­kre­ten Umstän­den eine par­tei­ische Amts­füh­rung ange­nom­men wer­den müss­te und wel­che Kon­se­quen­zen eine sol­che für die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von Ord­nungs­maß­nah­men haben könn­te, bedarf daher im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren kei­ner wei­te­ren Ver­tie­fung.

Der Ord­nungs­ruf ist auch in ver­fah­rens­recht­li­cher Hin­sicht nicht zu bean­stan­den. Es bestand für den Abge­ord­ne­ten Räpp­le kein Zwei­fel dar­an, wel­che Aus­sa­ge mit dem Ord­nungs­ruf sank­tio­niert wer­den soll­te. Die Land­tags­prä­si­den­tin wies den Abge­ord­ne­ten Räpp­le auch auf das Bestehen „par­la­ments­wür­di­ger Anstands­for­men” hin, die sie im gege­be­nen Fall ersicht­lich als ver­letzt ansah; dar­in liegt ein noch hin­rei­chen­der Hin­weis auf den Grund des Ord­nungs­ru­fes.

Sit­zungs­aus­schluss

Auch der Aus­schluss des Abge­ord­ne­ten Räpp­le aus der lau­fen­den Sit­zung auf der Grund­la­ge von § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO ver­letzt nicht des­sen Abge­ord­ne­ten­recht aus Art. 27 Abs. 3 LV.

Der Sit­zungs­aus­schluss, dem unmit­tel­bar kein Ord­nungs­ruf vor­aus­ge­gan­gen war, war die Reak­ti­on dar­auf, dass der Abge­ord­ne­te Räpp­le im Anschluss an den Rede­bei­trag des Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke die Fort­set­zung der Sit­zung wie­der­holt stör­te und dabei die Sit­zungs­lei­tung der Land­tags­prä­si­den­tin trotz Andro­hung eines Sit­zungs­aus­schlus­ses miss­ach­te­te. Die Land­tags­prä­si­den­tin hat ihren Beur­tei­lungs- und Ermes­sen­spiel­raum nicht über­schrit­ten, als sie in der kon­kre­ten Situa­ti­on davon aus­ging, dass im Sin­ne von § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO ein Ord­nungs­ruf nach § 91 LTGO wegen der Schwe­re der Ord­nungs­ver­let­zung nicht aus­reicht. Im Ein­zel­nen:

Der Sit­zungs­aus­schluss erfolg­te im Anschluss an einen Rede­bei­trag des Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke, der äußer­te: „Die geis­ti­gen Vor­läu­fer von Leu­ten wie [dem Abge­ord­ne­ten Räpp­le] sind im Stech­schritt durch das Bran­den­bur­ger Tor mar­schiert. So war es näm­lich in Deutsch­land.” Der Abge­ord­ne­te Räpp­le for­der­te einen Ord­nungs­ruf für den Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke. Hier­auf mahn­te ihn die Land­tags­prä­si­den­tin zunächst nach­drück­lich zur Ruhe („Sie for­dern jetzt gar nichts. Sie sind erst mal ruhig.”). Dem kam er nicht nach, son­dern drück­te durch einen wei­te­ren Zwi­schen­ruf sei­ne Empö­rung aus („Das war eine per­sön­li­che Belei­di­gung und kei­ne Kol­lek­tiv­be­lei­di­gung! Das ist viel schlim­mer! Skan­dal!”). Ein zwei­tes Mal for­der­te ihn die Land­tags­prä­si­den­tin auf, still zu sein („Herr Räpp­le, einen Moment bit­te.”). Dem kam er wie­der­um nicht nach („Das muss ich mir nicht sagen las­sen, so was!”). Im Rah­men einer drit­ten sit­zungs­lei­ten­den Inter­ven­ti­on gab die Land­tags­prä­si­den­tin dem Abge­ord­ne­ten Räpp­le die Gele­gen­heit, „nach­her eine per­sön­li­che Erklä­rung” abzu­ge­ben. Mit der fol­gen­den Bemer­kung („Jetzt bin ich dran, Herr Abg. Baron. – Wir fah­ren mit der Debat­te fort.”) mach­te sie deut­lich, dass damit ihre Reak­ti­on auf die Äuße­rung des Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke und die anschlie­ßen­den Zwi­schen­ru­fe des Abge­ord­ne­ten Räpp­le abge­schlos­sen war und die Debat­te inhalt­lich fort­ge­setzt wer­den soll­te. Gleich­wohl führ­te der Abge­ord­ne­te Räpp­le die Aus­ein­an­der­set­zung über die Äuße­rung des Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke mit einem erneu­ten Zwi­schen­ruf fort („Kein Ord­nungs­ruf? Das ist ein Skan­dal!”), der nun­mehr auch direkt die Sit­zungs­lei­tung der Land­tags­prä­si­den­tin angriff. Dass die Land­tags­prä­si­den­tin hier­auf mit der Andro­hung eines Sit­zungs­aus­schlus­ses reagier­te („Herr Abg. Räpp­le, ein letz­ter Zwi­schen­ruf, eine letz­te Bemer­kung, und Sie flie­gen raus!”), kann ver­fas­sungs­recht­lich nicht als Über­schrei­tung ihrer Befug­nis­se bean­stan­det wer­den. Der Abge­ord­ne­te Räpp­le hat­te sich nicht nur nach­dem er ihr bereits gera­de zuvor mehr­fach ins Wort gefal­len war über ihre Auf­for­de­rung hin­weg­ge­setzt, mit der inhalt­li­chen Debat­te fort­zu­füh­ren, son­dern wei­ter­hin beharr­lich ihre Sit­zungs­lei­tung kri­ti­siert. Die Land­tags­prä­si­den­tin sah in der fort­ge­setz­ten Stö­rung des Fort­gangs der Debat­te ersicht­lich eine schwer­wie­gen­de Ord­nungs­ver­let­zung, deren Wie­der­ho­lung einen Sit­zungs­aus­schluss nach § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO recht­fer­tigt. Ange­sichts der Hart­nä­ckig­keit, mit der der Abge­ord­ne­te Räpp­le den Fort­gang der Sit­zung behin­dert hat­te, und der von ihm betrie­be­nen Eska­la­ti­on, indem er nun­mehr auch ihre Sit­zungs­lei­tung angriff, hat sie ihren Beur­tei­lungs­spiel­raum mit die­ser not­wen­dig aus der Situa­ti­on her­aus zu tref­fen­den Ein­schät­zung nicht über­schrit­ten.

Dass die Land­tags­prä­si­den­tin anstel­le eines wei­te­ren Ord­nungs­rufs einen Aus­schluss von der Sit­zung androh­te, stellt auch kei­nen ver­fas­sungs­wid­ri­gen Fehl­ge­brauch ihres Ermes­sens dar. Die Andro­hung von Ord­nungs­maß­nah­men wird in der Geschäfts­ord­nung des Land­tags zwar nicht aus­drück­lich gere­gelt; ver­fas­sungs­recht­lich spricht jedoch nichts dage­gen, mit einer Andro­hung das Instru­men­ta­ri­um der Ord­nungs­maß­nah­men wei­ter zu dif­fe­ren­zie­ren. Die Andro­hung ist sogar ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten, wenn sie nach Ansicht des Prä­si­den­ten vor­aus­sicht­lich die aus sei­ner Sicht zwangs­läu­fi­ge Fol­ge einer wei­te­ren Fort­set­zung bereits sank­tio­nier­ten Fehl­ver­hal­tens ist.

Trotz die­ser ein­dring­li­chen War­nung durch die Land­tags­prä­si­den­tin unter­brach der Abge­ord­ne­te Räpp­le die Land­tags­prä­si­den­tin erneut mit dem Zwi­schen­ruf „Das ist eine Unglaub­lich­keit!”. Damit führ­te er das Ver­hal­ten, das zu der Andro­hung des Aus­schlus­ses geführt hat­te, fort: Er stör­te die Sit­zung durch den Zwi­schen­ruf und griff die Sit­zungs­lei­tung direkt an. Gera­de auch ange­sichts der vor­he­ri­gen, ihrer­seits ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Andro­hung des Sit­zungs­aus­schlus­ses ist es nicht zu bean­stan­den, dass die Land­tags­prä­si­den­tin hier­in eine schwer­wie­gen­de Ord­nungs­ver­let­zung im Sin­ne des § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO sah, zu deren Sank­ti­on ein Ord­nungs­ruf nicht mehr aus­reich­te.

Dem Abge­ord­ne­ten Räpp­le stand auch kein „Recht zur Selbst­hil­fe” zur Sei­te. Abge­se­hen davon, dass es ein sol­ches Recht im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren nicht gibt, ging es ihm nicht dar­um, den Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke von wei­te­ren, von ihm als belei­di­gend emp­fun­de­nen Äuße­run­gen abzu­hal­ten; die­ser hat­te ja bereits sei­nen Rede­bei­trag been­det. Viel­mehr woll­te der Abge­ord­ne­te Räpp­le aus­schließ­lich sei­ne Empö­rung dar­über, dass er in eine Rei­he mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten gestellt wor­den war, und über die von ihm als skan­da­lös ange­se­he­ne Reak­ti­on der Land­tags­prä­si­den­tin zum Aus­druck brin­gen.

Der Sit­zungs­aus­schluss stellt sich auch nicht des­halb als unver­hält­nis­mä­ßig dar, weil die Land­tags­prä­si­den­tin dem Abge­ord­ne­ten Dr. Rül­ke für des­sen vor­an­ge­gan­ge­nen Angriff gegen den Abge­ord­ne­ten Räpp­le kei­nen Ord­nungs­ruf erteilt hat­te. Selbst wenn ein sol­cher Ord­nungs­ruf ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten gewe­sen wäre (was nicht der Fall war), hät­te dies den Abge­ord­ne­ten Räpp­le nicht berech­tigt, die dar­auf fol­gen­den sit­zungs­lei­ten­den Maß­nah­men der Land­tags­prä­si­den­tin zu miss­ach­ten. Ihre Ent­schei­dung, die Debat­te inhalt­lich fort­zu­set­zen, muss­te er unab­hän­gig davon, ob er sich zuvor unrecht behan­delt sah, befol­gen. Ange­sichts des gestuf­ten Vor­ge­hens der Land­tags­prä­si­den­tin, die dem Abge­ord­ne­ten Räpp­le mehr­fach Gele­gen­heit gab, sei­ne Zwi­schen­ru­fe ein­zu­stel­len, und ihm zuletzt auch den Aus­schluss aus­drück­lich androh­te, besteht kein Anlass zu der Annah­me, dass hier der Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum über­schrit­ten sein könn­te.

Schließ­lich begeg­net der Sit­zungs­aus­schluss auch in ver­fah­rens­recht­li­cher Hin­sicht kei­nen Beden­ken. Die Land­tags­prä­si­den­tin hat­te dem Abge­ord­ne­ten Räpp­le für den Fall einer wei­te­ren „letz­ten Bemer­kung” und damit für ein fort­ge­setz­tes Stö­ren der Sit­zung einen Aus­schluss aus die­ser ange­kün­digt. Genau die­ser Fall trat dann ein („Das ist eine Unglaub­lich­keit!”) und die Land­tags­prä­si­den­tin sprach den Aus­schluss aus. Einer Begrün­dung des Sit­zungs­aus­schlus­ses bedurf­te es unter die­sen Umstän­den nicht mehr.

Aus­schluss für drei Sit­zungs­ta­ge

Schließ­lich ist auch der Aus­schluss des Abge­ord­ne­ten Räpp­le für drei Sit­zungs­ta­ge ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

In dem Beschluss vom 21.01.2019 im Ver­fah­ren des Abge­ord­ne­ten Räpp­le36 führ­te der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof zum auto­ma­ti­schen Sit­zungs­aus­schluss nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO aus:

Der Aus­schluss eines Abge­ord­ne­ten für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung ist nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO die zwin­gen­de Fol­ge in dem Fall, dass der Abge­ord­ne­te, den der Prä­si­dent des Land­tags nach einem Sit­zungs­aus­schluss auf­for­dert, den Sit­zungs­saal zu ver­las­sen, nicht unver­züg­lich Fol­ge leis­tet. Der Land­tags­prä­si­dent stellt den Ein­tritt der Fol­ge ledig­lich fest (§ 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 2 LTGO).

Bei dem Aus­schluss für die nächs­ten drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung han­delt es sich nach Wort­laut und Sys­te­ma­tik des § 92 Abs. 1 LTGO um eine eigen­stän­di­ge Sank­ti­on für ein vom Land­tag als beson­ders schwer­wie­gend ein­ge­stuf­tes Fehl­ver­hal­ten das Nicht­ver­las­sen der Sit­zung nach Sit­zungs­aus­schluss und nicht etwa um eine Maß­nah­me zur Durch­set­zung des vom Prä­si­den­ten zuvor aus­ge­spro­che­nen Aus­schlus­ses aus der lau­fen­den Sit­zung nach § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO. Damit hängt nach der Geschäfts­ord­nung des Land­tags die Anwend­bar­keit des wei­te­ren Aus­schlus­ses nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO nicht davon ab, dass der Aus­schluss aus der lau­fen­den Sit­zung nach § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO recht­mä­ßig war.

Auch der Abge­ord­ne­te bestrei­tet nicht, dass die in § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO vor­aus­ge­setz­te Situa­ti­on in der 78. Ple­nar­sit­zung des Land­tags am 12.12.2018 ein­ge­tre­ten ist. Die Land­tags­prä­si­den­tin schloss den Abge­ord­ne­ten auf­grund sei­ner Zwi­schen­ru­fe im Anschluss an den Rede­bei­trag des Abge­ord­ne­ten Rül­ke von der Sit­zung aus. Nach sei­nem Aus­schluss ver­ließ der Abge­ord­ne­te nicht sogleich den Sit­zungs­saal; er beton­te aus­drück­lich, im Sit­zungs­saal blei­ben zu wol­len.

Jeden­falls im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes ver­mag der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof nicht davon aus­zu­ge­hen, dass die Rege­lung des § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO von der Geschäfts­ord­nungs­au­to­no­mie des Land­tags (vgl. Art. 32 Abs. 1 Satz 2 Hs. 1 LV) nicht gedeckt und ver­fas­sungs­wid­rig ist.

Der Aus­schluss von drei Sit­zungs­ta­gen von der Sit­zung, der sich nach § 92 Abs. 3 LTGO auch auf die in der Zwi­schen­zeit statt­fin­den­den Aus­schuss­sit­zun­gen erstreckt, führt aller­dings zu einer schwer­wie­gen­den Beein­träch­ti­gung des Abge­ord­ne­ten­rechts der Betrof­fe­nen. Sie wer­den für einen nicht nur uner­heb­li­chen Zeit­raum von zen­tra­len Berei­chen ihrer par­la­men­ta­ri­schen Tätig­keit abge­schnit­ten.

Die Beein­träch­ti­gung ist den­noch ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Denn § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO ver­folgt ein legi­ti­mes, auch die schwer­wie­gen­de Beein­träch­ti­gung recht­fer­ti­gen­des Ziel37. Die Rege­lung will offen­sicht­lich mit ihrer Sank­ti­ons­an­ord­nung ver­hin­dern, dass ein Abge­ord­ne­ter, der Adres­sat eines Sit­zungs­aus­schlus­ses nach § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO gewor­den ist, im Sit­zungs­saal mit dem Prä­si­den­ten des Land­tags über die Recht­mä­ßig­keit des Sit­zungs­aus­schlus­ses zu debat­tie­ren ver­sucht oder in ande­rer Wei­se, auch durch die „blo­ße” Nicht­be­ach­tung der Auf­for­de­rung, den Sit­zungs­saal unver­züg­lich zu ver­las­sen (§ 92 Abs. 1 Satz 2 LTGO), zum Aus­druck bringt, den Sit­zungs­aus­schluss nicht zu akzep­tie­ren, und damit noch vor Ort die Auto­ri­tät des Prä­si­den­ten in Fra­ge stellt und unter Umstän­den die Fort­set­zung der Sit­zung blo­ckiert.

Den Sit­zungs­saal nach einem Sit­zungs­aus­schluss unver­züg­lich zu ver­las­sen ist dem Abge­ord­ne­ten ohne wei­te­res zumut­bar. Denn er hat hin­rei­chen­de sons­ti­ge Mög­lich­kei­ten, sich gegen den Sit­zungs­aus­schluss nicht nur durch Äuße­run­gen des Unmuts dar­über zur Wehr zu set­zen. So sieht die Geschäfts­ord­nung des Land­tags vor, dass der Abge­ord­ne­te einen Ein­spruch ein­le­gen kann (vgl. § 93 Abs. 1 Satz 1 LTGO). Gege­be­nen­falls steht ihm zur Fest­stel­lung, ob der Sit­zungs­aus­schluss ver­fas­sungs­ge­mäß war, der Gang zum Ver­fas­sungs­ge­richts­hof mit­tels eines Organ­streit­ver­fah­rens (vgl. Art. 68 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 LV) offen, wie ihn der Abge­ord­ne­te auch beschrit­ten hat. Im Inter­es­se eines unge­stör­ten Fort­gangs der lau­fen­den Sit­zung for­dert die Geschäfts­ord­nung daher von dem Abge­ord­ne­ten, der von die­ser Sit­zung aus­ge­schlos­sen wor­den ist, sei­nem Aus­schluss zunächst sofort und unbe­dingt Fol­ge zu leis­ten, selbst wenn er ihn inhalt­lich nicht für berech­tigt hält. Dies gilt auch dann, wenn sich der Aus­schluss im Nach­hin­ein als ver­fas­sungs­wid­rig erwei­sen soll­te, da die Sank­ti­on gera­de die sofor­ti­ge Befol­gung des Aus­schlus­ses durch­set­zen soll. Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Aus­schlus­ses kann nur im Nach­hin­ein geklärt wer­den; bis dahin ist dem Aus­schluss Fol­ge zu leis­ten. Das dar­in lie­gen­de Mini­mum an Dis­zi­plin und Selbst­be­herr­schung muss von einem Abge­ord­ne­ten im Inter­es­se der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Land­tags ein­ge­for­dert wer­den. Ist einem Abge­ord­ne­ten die „Rote Kar­te” gezeigt wor­den, so hat er im Inter­es­se einer mög­lichst unge­stör­ten Fort­set­zung der Sit­zung zwin­gend das „Spiel­feld” zu ver­las­sen. Die Ent­schei­dung des Land­tags, im Rah­men sei­ner Geschäfts­ord­nungs­au­to­no­mie einen Ver­stoß gegen die­ses aus­nahms­lo­se Gebot mit der auto­ma­ti­schen Min­dest­maß­nah­me eines wei­te­ren Sit­zungs­aus­schlus­ses für die drei nächs­ten Sit­zungs­ta­ge zu sank­tio­nie­ren, begeg­net daher auch unter dem Gesichts­punkt der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit kei­nen Beden­ken. Dem Cha­rak­ter einer Min­dest­sank­ti­on ent­spre­chend kann nach § 92 Abs. 2 Satz 1 LTGO bei beson­ders schwe­ren Fäl­len ein Aus­schluss für bis zu zehn Sit­zungs­ta­ge erfol­gen.

Kei­ner Ent­schei­dung bedarf dabei die eher theo­re­ti­sche Fra­ge, ob die Sank­ti­on des auto­ma­ti­schen Min­dest­aus­schlus­ses von drei Sit­zungs­ta­gen nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO auch in ganz außer­ge­wöhn­li­chen Kon­stel­la­tio­nen zur Anwen­dung kom­men kann, etwa wenn sich der vor­her­ge­hen­de Sit­zungs­aus­schluss nach­träg­lich als in beson­ders qua­li­fi­zier­ter Wei­se ver­fas­sungs­wid­rig erwie­se, wie dies im hypo­the­ti­schen Fall einer rechts­miss­bräuch­li­chen Anwen­dung des § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO zur ziel­ge­rich­te­ten Ver­än­de­rung der Mehr­heits­ver­hält­nis­se im Land­tag der Fall sein könn­te. Für eine sol­che Situa­ti­on ist hier bereits im Ansatz nichts ersicht­lich.

Der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof sieht kei­nen Anlass, im Haupt­sa­che­ver­fah­ren eine gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung zur Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des auto­ma­ti­schen Sit­zungs­aus­schlus­ses nach § 92 Abs. 1 Satz 4 Hs. 1 LTGO zu ver­tre­ten. Ins­be­son­de­re hat der Abge­ord­ne­te Räpp­le nichts dazu vor­ge­tra­gen.

Ergän­zend weist der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof dar­auf hin, dass ein Hin­weis der Land­tags­prä­si­den­tin auf den dro­hen­den auto­ma­ti­schen Sit­zungs­aus­schluss nicht erfor­der­lich war. Dem Abge­ord­ne­ten Räpp­le als Mit­glied des Land­tags muss­te die Rechts­fol­ge eines Ver­bleibs im Sit­zungs­saals trotz eines Sit­zungs­aus­schlus­ses bekannt sein.

Ord­nungs­maß­nah­men gegen den Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on[↑]

Auch die gegen­über dem Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on ergan­ge­nen Ord­nungs­maß­nah­men sind ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Ord­nungs­ru­fe

Dies gilt zunächst für die ihm gegen­über von der Land­tags­prä­si­den­tin aus­ge­spro­che­nen Ord­nungs­ru­fe.

Den ers­ten Ord­nungs­ruf sprach die Land­tags­prä­si­den­tin aus, nach­dem der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on ihr die Schuld für den „demo­kra­ti­schen Skan­dal” zuge­wie­sen, ihre Sit­zungs­lei­tung als skan­da­lös bezeich­net und ihr Ver­hal­ten mit dem­je­ni­gen einer „Ober­leh­re­rin” ver­gli­chen und dabei Ver­su­che der Land­tags­prä­si­den­tin, ihn zu unter­bre­chen, durch kon­se­quen­tes Igno­rie­ren ver­ei­telt hat­te. Die Annah­me, dass die­ses Ver­hal­ten jeden­falls in sei­ner Gesamt­heit einen Ord­nungs­ver­stoß dar­stellt, über­schrei­tet nicht den Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum des Land­tags­prä­si­den­ten. Mit der Bezeich­nung als „Skan­dal”, der Ver­un­glimp­fung der Land­tags­prä­si­den­tin durch den im her­ab­las­sen­den Sin­ne ver­wen­de­ten Begriff der Ober­leh­re­rin sowie durch die Bezeich­nung ihrer Sit­zungs­lei­tung als „Auto­ri­ta­ris­mus” wur­de die Gren­ze einer auch im Par­la­ment hin­zu­neh­men­den sach­li­chen Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung über­schrit­ten. Grün­de für die Annah­me einer Unan­ge­mes­sen­heit des Ord­nungs­rufs sind nicht ersicht­lich.

Den zwei­ten Ord­nungs­ruf sprach die Land­tags­prä­si­den­tin aus, nach­dem der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on bekun­de­tet hat­te, dass ihn Ord­nungs­ru­fe der Land­tags­prä­si­den­tin nicht inter­es­sier­ten, sie Demo­kra­tie „boy­kot­tie­re”, und nach­dem er ihre Sit­zungs­lei­tung als „Demo­kra­tie à la Tür­kei” bezeich­net hat­te. Ein Abge­ord­ne­ter, der offen für sich in Anspruch nimmt, Ord­nungs­maß­nah­men des Land­tags­prä­si­den­ten für unbe­acht­lich zu erklä­ren, stellt des­sen Sit­zungs­lei­tung grund­sätz­lich in Fra­ge und ver­hält sich damit in erheb­li­cher Wei­se ord­nungs­wid­rig.

Der Ver­gleich der Sit­zungs­lei­tung mit dem „Boy­kott” von Demo­kra­tie stellt eine unsach­li­che und unan­ge­mes­se­ne Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung dar, die mit dem schwer­wie­gen­den Vor­wurf ver­bun­den ist, die Land­tags­prä­si­den­tin ver­hin­de­re eine demo­kra­ti­sche Debat­te.

Schließ­lich stellt auch der an die Land­tags­prä­si­den­tin gerich­te­te Vor­wurf „Das ist nicht Demo­kra­tie à la Deutsch­land, das ist Demo­kra­tie à la Tür­kei, was Sie hier machen” eine unsach­li­che Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung dar. Mit „Demo­kra­tie à la Tür­kei” ist bei der gebo­te­nen Aus­le­gung, wie die Mit­glie­der des Land­tags, Zuhö­re­rin­nen und Zuhö­rer und nicht zuletzt die Land­tags­prä­si­den­tin den Ver­gleich auf­neh­men durf­ten, jeden­falls ein Ver­gleich mit dem gegen­wär­ti­gen Zustand der Demo­kra­tie in der Tür­kei ver­bun­den. Nach ver­brei­te­ter Ein­schät­zung wer­den in der Tür­kei der­zeit demo­kra­ti­sche und rechts­staat­li­che Grund­sät­ze nur noch ein­ge­schränkt gewähr­leis­tet. Der Vor­wurf einer „Demo­kra­tie à la Tür­kei” kann daher nur so ver­stan­den wer­den, dass der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on der Land­tags­prä­si­den­tin jeden­falls eine Ver­let­zung und Gefähr­dung grund­le­gen­der demo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en vor­wirft. Dies ist eine unsach­li­che und unan­ge­mes­se­ne Reak­ti­on auf die vor­he­ri­ge Sit­zungs­lei­tung der Land­tags­prä­si­den­tin, die ohne wei­te­res mit einem Ord­nungs­ruf geahn­det wer­den kann.

Der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on kann sich im Übri­gen nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, sei­ne Äuße­run­gen, die Anlass zu den Ord­nungs­ru­fen gege­ben haben, sei durch „Not­hil­fe” zuguns­ten des Abge­ord­ne­ten Räpp­le gerecht­fer­tigt gewe­sen. Ein Recht eines Abge­ord­ne­ten auf Not­hil­fe zuguns­ten eines ande­ren Abge­ord­ne­ten, gegen den ein Sit­zungs­aus­schluss ver­hängt wor­den ist, lässt sich schon ver­fas­sungs­recht­lich nicht begrün­den38. Die Lan­des­ver­fas­sung stellt mit dem Organ­streit­ver­fah­ren selbst ein Ver­fah­ren zur Ver­fü­gung, mit dem der Betrof­fe­ne die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Ord­nungs­maß­nah­me über­prü­fen las­sen kann. Ein Not­wehro­der Not­hil­fe­recht zuguns­ten der „Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­rens” besteht eben­falls nicht.

Sit­zungs­aus­schluss

Auch der Aus­schluss des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on aus der lau­fen­den Sit­zung auf der Grund­la­ge von § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO ver­letzt nicht sein Abge­ord­ne­ten­recht aus Art. 27 Abs. 3 LV.

Der Sit­zungs­aus­schluss war nach der von der Land­tags­prä­si­den­tin in der Sit­zung gege­be­nen Begrün­dung Reak­ti­on auf die Aus­sa­ge des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on, so kön­ne sie die Land­tags­prä­si­den­tin ein Par­la­ment in Ana­to­li­en füh­ren, nicht aber in Deutsch­land. Es ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass die Land­tags­prä­si­den­tin auch im Fall des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on davon aus­ging, dass ein wei­te­rer Ord­nungs­ruf der Schwe­re der Ord­nungs­ver­let­zung nicht gerecht gewor­den wäre.

Mit der Anspie­lung auf Ana­to­li­en setz­te der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on bei der gebo­te­nen Aus­le­gung nach dem Emp­fän­ger­ho­ri­zont sei­ne unzu­läs­si­ge Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung der Land­tags­prä­si­den­tin in Form einer Gleich­set­zung mit der poli­ti­schen Lage in der Tür­kei fort und ver­band die­se dar­über hin­aus­ge­hend mit einem Angriff auf die Per­son der Land­tags­prä­si­den­tin: Nicht nur liegt in sei­ner Aus­sa­ge die Wer­tung, die Land­tags­prä­si­den­tin sei nicht in der Lage, ihr Amt als Prä­si­den­tin des Land­tags von Baden-Würt­tem­berg aus­zu­üben; die angeb­li­che man­geln­de Qua­li­fi­ka­ti­on wird auch in einen Zusam­men­hang mit der Her­kunft der Land­tags­prä­si­den­tin gestellt, die wie die Inter­net­sei­te des Land­tags auf­führt in Elmaagaç bei Bing­öl, Anatolien/​Türkei gebo­ren wor­den ist. Da die­ser Umstand all­ge­mein bekannt ist, konn­te die Erwäh­nung eines ima­gi­nä­ren Par­la­ments in Ana­to­li­en nur als Anspie­lung auf die­se Her­kunft der Land­tags­prä­si­den­tin ver­stan­den wer­den. „Ana­to­li­en” wird in die­sem Kon­text aber ersicht­lich nega­tiv ver­wen­det, weil zum Aus­druck gebracht wird, dass ein Par­la­ment in Ana­to­li­en gerin­ge­re demo­kra­ti­sche oder par­la­men­ta­ri­sche Stan­dards habe als in Deutsch­land. In der Bemer­kung, die Land­tags­prä­si­den­tin kön­ne zwar ein Par­la­ment mit den angeb­lich nied­ri­ge­ren Stan­dards ihrer Geburts­ge­gend lei­ten, aber kein deut­sches Par­la­ment, liegt eine Gleich­set­zung von Fähig­kei­ten und Geburts­ort; es wird unter­stellt, dass die Land­tags­prä­si­den­tin wegen ihrer Geburt in einer Gegend, in der gerin­ge­re demo­kra­ti­sche Stan­dards herrsch­ten, nicht in der Lage sei, den Ansprü­chen des Land­tags von Baden-Würt­tem­berg zu genü­gen. Letzt­lich wird damit der Land­tags­prä­si­den­tin wegen ihres Geburts­orts die Eig­nung für ihr Amt abge­spro­chen.

Die Ein­schät­zung der Land­tags­prä­si­den­tin, dass die­se Äuße­rung des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on eine schwer­wie­gen­de Ord­nungs­ver­let­zung nach § 92 Abs. 1 Satz 1 LTGO dar­stellt, ist daher ange­sichts der Kom­bi­na­ti­on einer unzu­läs­si­gen Kri­tik an der Sit­zungs­lei­tung mit einem wegen sei­nes dis­kri­mi­nie­ren­den Cha­rak­ters gra­vie­ren­den per­sön­li­chen Angriff nicht zu bean­stan­den.

Beden­ken gegen die Erfor­der­lich­keit und Ange­mes­sen­heit des Sit­zungs­aus­schlus­ses bestehen nicht, zumal der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on bereits kurz zuvor in schnel­ler Fol­ge zwei Ord­nungs­ru­fe erhal­ten hat­te.

Der Aus­schluss des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on aus der lau­fen­den Sit­zung begeg­net auch kei­nen ver­fah­rens­recht­li­chen Beden­ken. Auch dem Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on hat­te die Land­tags­prä­si­den­tin im Lau­fe ihrer Aus­ein­an­der­set­zung einen Sit­zungs­aus­schluss ange­droht („Und wenn Sie wei­ter­ma­chen, wer­den auch Sie von der Sit­zung aus­ge­schlos­sen.”). Den Aus­schluss des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on aus der Sit­zung begrün­de­te die Land­tags­prä­si­den­tin unter Hin­weis auf den aus ihrer Sicht dis­kri­mi­nie­ren­den Cha­rak­ter der Anspie­lung auf Ana­to­li­en.

Aus­schluss für drei Sit­zungs­ta­ge

Hin­sicht­lich des Aus­schlus­ses des Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on für drei Sit­zungs­ta­ge von der Sit­zung gel­ten die Aus­füh­run­gen zu dem ent­spre­chen­den Aus­schluss des Abge­ord­ne­ten Räpp­le ent­spre­chend, wobei der Abge­ord­ne­te Dr. Gede­on auf die Sank­ti­on eines auto­ma­ti­schen Sit­zungs­aus­schlus­ses von der Land­tags­prä­si­den­tin aus­drück­lich hin­ge­wie­sen wor­den war.

Soweit der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof sich in den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen nicht zu den wei­te­ren vom Abge­ord­ne­ten Dr. Gede­on in den Schrift­sät­zen vom 15.01.2019 und vom 15.04.2019 auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen äußert, ist deren Beant­wor­tung nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich und unter­bleibt des­halb.

Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 22. Juli 2019 – 1 GR 1/​19 und 1 GR 2/​19

  1. s. LTPl.Prot. 16/​78, S. 4678
  2. LTPl.Prot., a.a.O.
  3. s. LTPl.Prot. 16/​78 S. 4687
  4. s. LTPl.Prot. 16/​78 S. 4691 f.
  5. s. LTPlL­Prot 16/​79 S. 4738
  6. VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Beschlüs­se vom 21.01.2019 – 1 GR 1/​19 und 1 GR 2/​19
  7. vgl. VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27.10.2017 – 1 GR 35/​17, m. w. N.
  8. vgl. auch VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13.12.2017 – 1 GR 29/​17
  9. vgl. bereits StGH, Urteil vom 28.01.1988 – GR 1/​87 , ESVGH 38, 81, 82
  10. vgl. LVerfG Schles­wig-Hol­stein, Urteil vom 17.05.2017 – LVerfG 1/​17
  11. vgl. auch LVerfG Schles­wig-Hol­stein, Urteil vom 17.05.2017 – LVerfG 1/​17
  12. vgl. auch zum Fol­gen­den VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13.12.2017 – 1 GR 29/​17
  13. vgl. eben­falls auch zum Fol­gen­den VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13.12.2017 – 1 GR 29/​17
  14. vgl. VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13.12.2017 – 1 GR 29/​17
  15. ent­spre­chend BVerfG 60, 374, 380 f., Rn.19 ff.
  16. vgl. nur BVerfGE 128, 326, 367, Rn. 87
  17. BVerfGE 118, 277, 321, Rn.199
  18. vgl. BVerfGE 104, 310, 331; LVerfG Schles­wig-Hol­stein, Urteil vom 17.05.2017 – LVerfG 1/​17
  19. vgl. bereits VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 21.01.2019 – 1 GR 1/​19
  20. vgl. BVerfGE 104, 310, 329, Rn. 73
  21. vgl. BVerfGE 80, 188, 217 f., Rn. 102
  22. vgl. BVerfGE 80, 188, 218, Rn. 102, 104
  23. vgl. BVerfGE 125, 104, 123, Rn. 59
  24. vgl. auch VerfGH Sach­sen, Urteil vom 03.12.2010 – Vf. 77-I-10
  25. vgl. etwa Brandt/​Gosewinkel, ZRP 1986, 33, 37; Ingold/​Lenski, JZ 2012, 120, 123
  26. ent­spre­chend VerfGH Sach­sen, Urteil vom 03.12.2010 – Vf. 77-I-10
  27. VerfGH Sach­sen, Urteil vom 03.12.2010 – Vf. 77-I-10
  28. vgl. VerfGH Sach­sen, Urteil vom 03.12.2010 – Vf. 77-I-10, in Anleh­nung an die Recht­spre­chung des BVerfG zu Art. 5 Abs. 1 GG
  29. VerfGH Sach­sen, Urteil vom 03.11.2011 – Vf. 35-I-11; und Beschluss vom 10.12.2012 – Vf. 85-I-12
  30. s. etwa Haug, in: ders., Ver­fas­sung des Lan­des Baden-Würt­tem­berg, 2018, Art. 32 Rn. 31; Bücker, in: Schneider/​Zeh, Par­la­ments­recht und Par­la­mentspra­xis, 1989, § 34 Rn. 21; Köh­ler, Die Rechts­stel­lung der Par­la­ments­prä­si­den­ten in den Län­dern der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und ihre Auf­ga­ben im par­la­men­ta­ri­schen Geschäfts­gang, 2000, S.195; Schür­mann, in: Morlok/​Schliesky/​Wiefelspütz, Par­la­ments­recht, 2016, § 20 Rn. 62; Zeh, in: Isensee/​Kirchhof, Hand­buch des Staats­rechts, Band III, 3. Aufl.2005, § 53 Rn. 37
  31. VerfGH Sach­sen, a.a.O.
  32. vgl. VerfGH Sach­sen, Urteil vom 10.12.2012 – Vf. 85-I-12
  33. vgl. VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27.10.2017 – 1 GR 35/​17
  34. vgl. auch EGMR, Urteil vom 17.05.2016 – 42461/​13, 44357/​13, Rn. 154 ff.
  35. vgl. zum Gan­zen EGMR, Urteil vom 17.05.2016 42461/​13, 44357/​13, Rn. 138 ff.
  36. VerfGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 21.01.2019 – 1 GR 2/​19
  37. vgl. auch VerfGH Sach­sen, Urteil vom 03.12.2010 – Vf. 77-I-10; und Beschluss vom 22.06.2012 – Vf. 58/​I12 (e.A.) zur Par­al­lel­vor­schrift in der Geschäfts­ord­nung des Säch­si­schen Land­tags
  38. vgl. auch Ver­fas­sungs­ge­richt des Lan­des Bran­den­burg, Beschluss vom 21.09.2018 – 31/​17, unter Hin­weis auf Ver­fas­sungs­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Urteil vom 23.01.2014 – 4/​13