Lin­ke Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te und der Ver­fas­sungs­schutz

Die Offe­ne Beob­ach­tung eines Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten durch das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz ist recht­mä­ßig. Mit die­ser Begrün­dung hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig die Kla­ge des Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten Bodo Rame­low, MdL,- ent­schie­den, mit der er sich gegen die Samm­lung per­so­nen­be­zo­ge­ner Infor­ma­tio­nen über ihn durch das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz wand­te.

Lin­ke Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te und der Ver­fas­sungs­schutz

Der Klä­ger ist Mit­glied der Par­tei DIE LINKE und gehör­te dem 16. Deut­schen Bun­des­tag als Abge­ord­ne­ter an. Inzwi­schen ist er Mit­glied des Thü­rin­ger Land­ta­ges gewor­den, wo er der Frak­ti­on DIE LINKE vor­sitzt. Das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz erhebt Infor­ma­tio­nen über die Tätig­keit des Klä­gers in der Par­tei DIE LINKE sowie über sei­ne Abge­ord­ne­ten­tä­tig­keit, jedoch ohne sein Abstim­mungs­ver­hal­ten und sei­ne Äuße­run­gen im Par­la­ment sowie den Aus­schüs­sen. Der Klä­ger hat­te mit sei­ner Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Köln und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter über­wie­gend Erfolg. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter hat in sei­nem Beru­fungs­ur­teilt unter ande­rem fest­ge­stellt, "dass das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz rechts­wid­rig Infor­ma­tio­nen über den Klä­ger in der Zeit sei­nes Land­tags­man­dats (von Okto­ber 1999 bis Okto­ber 2005) sowie in der Zeit von der Über­nah­me sei­nes Bun­des­tags­man­dats im Okto­ber 2005 bis zum 13. Febru­ar 2009 aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len erho­ben hat. Die Beklag­te wird ver­ur­teilt, es zu unter­las­sen, über den Klä­ger künf­tig per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len zu erhe­ben.“ 1 Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter hat zwar ange­nom­men, es lägen tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen der Par­tei DIE LINKE vor, die Samm­lung per­so­nen­be­zo­ge­ner Infor­ma­tio­nen über den Klä­ger sei aber unver­hält­nis­mä­ßig.

Die Revi­si­on des beklag­ten Bun­des­am­tes für Ver­fas­sungs­schutz ist gegen das Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter ist auf die Grund­satz­rü­ge hin vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zuge­las­sen wor­den, weil sie zur Beant­wor­tung der bis­her in der Recht­spre­chung des Gerichts nicht geklär­ten Fra­ge bei­tra­gen kön­ne, inwie­weit die Erhe­bung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten über ein Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges oder eines Land­ta­ges aus all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len ohne Ein­satz von nach­rich­ten­dienst­li­chen Mit­teln im Sin­ne von § 8 Abs. 2 BVerfSchG durch das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz zuläs­sig ist, falls der betref­fen­de Abge­ord­ne­te Mit­glied und Spit­zen­funk­tio­när einer Par­tei ist, hin­sicht­lich derer tat­säch­li­che Anhalts­punk­te im Sin­ne von § 4 Abs. 1 Satz 3 BVerfSchG für gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung gerich­te­te Bestre­bun­gen im Sin­ne von § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c BVerfSchG vor­lie­gen.

In sei­nem Revi­si­ons­ur­teil hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Urteil der Vor­in­stanz auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen. Dabei war es aus revi­si­ons­recht­li­chen Grün­den an die Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gebun­den, wonach tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen der Par­tei DIE LINKE vor­la­gen. Die Tätig­keit des Klä­gers in den Par­tei­en PDS, Linkspartei.PDS und DIE LINKE recht­fer­tigt, so die Ein­schät­zung der Leip­zi­ger Bun­des­rich­ter, auch die Erhe­bung von Infor­ma­tio­nen über ihn durch das BfV im Wege der offe­nen Beob­ach­tung.

Eine Beob­ach­tung des Klä­gers ist nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auch nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter fest­ge­stellt hat, dass er in eige­ner Per­son kei­ne ver­fas­sungs­feind­li­chen Bestre­bun­gen ver­fol­ge. Die Rege­lung des § 4 Abs. 1 Satz 1 Buchst. c BVerfSchG ist auch auf Abge­ord­ne­te eines Land­tags oder des Deut­schen Bun­des­tags anwend­bar; par­la­ments­recht­li­che Grund­sät­ze ste­hen nicht ent­ge­gen. Dies trifft eben­so auf den Grund­satz des frei­en Man­dats aus Art. 38 Abs. 1 GG zu.

Die Beob­ach­tung des Klä­gers war nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auch ver­hält­nis­mä­ßig. Sie erwies sich ins­be­son­de­re als ange­mes­sen. Zwar birgt die nach­rich­ten­dienst­li­che Beob­ach­tung von Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten erheb­li­che Gefah­ren im Hin­blick auf ihre Unab­hän­gig­keit und auf die Mit­wir­kung der betrof­fe­nen Par­tei­en bei der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung und damit für den Pro­zess der demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung ins­ge­samt. Das Gewicht die­ser Belas­tung für den Klä­ger war hier jedoch dadurch gemin­dert, dass das BfV sich auf eine offe­ne Beob­ach­tung beschränk­te und den Kern der par­la­men­ta­ri­schen Tätig­keit des Klä­gers aus­ge­nom­men hat. Dem­ge­gen­über spricht für die Recht­mä­ßig­keit der Beob­ach­tung das beson­de­re Gewicht des Schut­zes der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung und der Umstand, dass der Klä­ger ein füh­ren­der Funk­tio­när der Par­tei DIE LINKE ist.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21. Juli 2010 – 6 C 22.09

  1. OVG NRW – 16 A 845/​08[]