Nitratrei­che Gemü­se­kon­zen­tra­te

Nitratrei­che Gemü­se­kon­zen­tra­te, die bei der Her­stel­lung von Fleisch- und Wurst­wa­ren u.a. zur Farb­sta­bi­li­sie­rung (Umrö­tung) und als Anti­oxi­da­ti­ons­mit­tel ein­ge­setzt wer­den, sind als – zulas­sungs­pflich­ti­ge – Lebens­mit­tel­zu­satz­stof­fe ein­zu­stu­fen.

Nitratrei­che Gemü­se­kon­zen­tra­te

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te ein Mit­glieds­un­ter­neh­men des Anbau­ver­ban­des Bio­land e.V. geklagt, das ihre Pro­duk­te unter dem Bio­sie­gel „Bio­land“ ver­mark­tet. Bei der Her­stel­lung von Koch­schin­ken und Fleisch­wurst ver­wen­det das Unter­neh­men anstel­le des kon­ven­tio­nel­len Nitrit­pö­kel­sal­zes eine pul­ver­för­mi­ge, kon­zen­trier­te Gemü­se­mi­schung und ein Gemü­se­saft­kon­zen­trat, die durch den Ent­zug von Was­ser aus nitratrei­chen Gemü­sen und Gewür­zen gewon­nen wer­den. Die­se Kon­zen­tra­te wer­den mit einer Star­ter­kul­tur aus Mikro­or­ga­nis­men der Lake für die Fleisch­zu­be­rei­tung zuge­ge­ben. Dadurch erhal­ten die Pro­duk­te das typi­sche Pökel­aro­ma und eine sta­bi­le röt­li­che Fär­bung. Der beklag­te Land­kreis Hil­des­heim unter­sag­te dem Unter­neh­men die Ver­wen­dung der Gemü­se­kon­zen­tra­te mit der Begrün­dung, es han­de­le sich um nicht zuge­las­se­ne Lebens­mit­tel­zu­satz­stof­fe.

Die hier­ge­gen gerich­te­te Kla­ge blieb in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver 1 und dem Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt 2 ohne Erfolg. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Lüne­burg hat die Gemü­se­mi­schung und das Gemü­se­saft­kon­zen­trat als zulas­sungs­pflich­ti­ge Lebens­mit­tel­zu­satz­stof­fe im Sin­ne der Euro­päi­schen Lebens­mit­tel­zu­satz­stoff­ver­ord­nung (Ver­ord­nung Nr. 1333/​2008) ein­ge­stuft, weil sie den Fleisch­wa­ren aus tech­no­lo­gi­schen Grün­den zuge­setzt wür­den und sie kei­ne Stof­fe sei­en, die in der Regel selbst als Lebens­mit­tel ver­zehrt oder als cha­rak­te­ris­ti­sche Lebens­mit­tel­zu­tat ver­wen­det wür­den. Es kom­me auch nicht dar­auf an, ob die Fleisch­wa­ren des Bio­land-Unter­neh­mens einen gerin­ge­ren Nitrit­ge­halt auf­wie­sen als ver­gleich­ba­re Erzeug­nis­se, denen Nitrit­pö­kel­salz zuge­setzt wor­den sei. Aus den Rege­lun­gen und Erwä­gungs­grün­den der Ver­ord­nung Nr. 1333/​2008 las­se sich nichts für eine gene­rel­le Bevor­zu­gung natür­li­cher Zusatz­stof­fe gegen­über ande­ren Zusatz­stof­fen ablei­ten. Die hier­ge­gen gerich­te­te, vom Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zuge­las­se­ne Revi­si­on wur­de nun vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eben­falls zurück­ge­wie­sen:

Nach dem euro­päi­schen Lebens­mit­tel­recht dür­fen Lebens­mit­tel­zu­satz­stof­fe in Lebens­mit­teln nur ver­wen­det wer­den, wenn sie dafür zuge­las­sen sind. Die von der Klä­ge­rin bei der Fleisch­her­stel­lung ein­ge­setz­ten Gemü­se­kon­zen­tra­te sind Lebens­mit­tel­zu­satz­stof­fe im Sin­ne der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1333/​2008. Sie wer­den dem Fleisch zur Farb­sta­bi­li­sie­rung und zum Schutz vor schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen der Oxi­da­ti­on (Ran­zig­wer­den von Fett) bei­gege­ben und damit aus tech­no­lo­gi­schen Grün­den zuge­setzt. Nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts han­delt es sich auch nicht um Stof­fe, die übli­cher­wei­se selbst als Lebens­mit­tel ver­zehrt wer­den. Dage­gen spre­chen der stark erhöh­te Nitrat­ge­halt der Kon­zen­tra­te und die gesund­heit­li­che Erwä­gung, die Nitrat­auf­nah­me über Gemü­se so gering wie mög­lich zu hal­ten. Zudem fehlt es an geschmack­li­chen oder opti­schen Gesichts­punk­ten für einen Ver­zehr. Eben­so wenig sind die Gemü­se­kon­zen­tra­te als cha­rak­te­ris­ti­sche Zutat für Fleisch­pro­duk­te ein­zu­stu­fen. Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt konn­te nicht fest­stel­len, dass ihnen eine prä­gen­de Wir­kung für das Lebens­mit­tel zukommt. Auch die Her­stel­ler von Bio-Fleisch­wa­ren hand­ha­ben die Ver­wen­dung von künst­li­chem Nitrit­pö­kel­salz unter­schied­lich.

Schließ­lich sind die Gemü­se­kon­zen­tra­te nicht von dem Anwen­dungs­be­reich der Lebens­mit­tel­zu­satz­stoff­ver­ord­nung aus­ge­nom­men. Zwar gel­ten Lebens­mit­tel in getrock­ne­ter oder kon­zen­trier­ter Form, die einem ande­ren Lebens­mit­tel wegen ihrer aro­ma­ti­sie­ren­den, geschmack­li­chen oder ernäh­rungs­phy­sio­lo­gi­schen Eigen­schaf­ten bei­gege­ben wer­den und eine fär­ben­de Neben­wir­kung haben, nicht als Lebens­mit­tel­zu­satz­stoff. Die Gemü­se­kon­zen­tra­te erfül­len die­se Vor­aus­set­zun­gen aber nicht, weil sie nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­wal­tungs­ge­richts in Lüne­burg weder als Farb­stoff ein­ge­setzt wer­den noch die beab­sich­tig­te Umrö­tung nur Neben­zweck ist, son­dern viel­mehr die Haupt­wir­kung. Danach hat der Land­kreis Hil­des­heim die Unter­sa­gungs­an­ord­nung zu Recht erlas­sen, weil die Gemü­se­kon­zen­tra­te nicht als Lebens­mit­tel­zu­satz­stoff zuge­las­sen sind.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 10. Dezem­ber 2015 – 3 C 7.2014 -

  1. VG Han­no­ver, Urteil vom 09.04.2013 – 9 A 52/​12[]
  2. Nds. OVG, Urtei lvom 25.03.2014 – 13 LC 110/​13[]