Para­no­ide Schi­zo­phre­nie – und ihre Zwangs­be­hand­lung durch eine Elek­tro­kon­vul­si­ons­the­ra­pie

Die Zwangs­be­hand­lung eines an Schi­zo­phre­nie Erkrank­ten durch eine Elek­tro­kon­vul­si­ons­the­ra­pie /​Elek­tro­krampf­the­ra­pie (EKT) ist im Regel­fall nicht geneh­mi­gungs­fä­hig.

Para­no­ide Schi­zo­phre­nie – und ihre Zwangs­be­hand­lung durch eine Elek­tro­kon­vul­si­ons­the­ra­pie

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall lei­det der Betrof­fe­ne an einer chro­ni­fi­zier­ten para­no­iden Schi­zo­phre­nie. Seit Febru­ar 2018 war er wie­der­holt unter­ge­bracht und wur­de – über­wie­gend zwangs­wei­se – mit ver­schie­de­nen Medi­ka­men­ten letzt­lich erfolg­los behan­delt. Nach Befür­wor­tung durch ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten hat das Amts­ge­richt Hei­del­berg die Ein­wil­li­gung des zustän­di­gen Betreu­ers in die Durch­füh­rung einer EKT in Form der elek­tri­schen Aus­lö­sung von sechs gro­ßen zere­bra­len Anfäl­len mit­hil­fe von uni- oder alter­na­tiv bila­te­ral ange­leg­ten Elek­tro­den inner­halb von zwei Wochen, außer­dem die Ein­lei­tung einer Nar­ko­se durch Anäs­the­sis­ten und, wenn der Betrof­fe­ne von den ärzt­li­chen Maß­nah­men nicht über­zeugt wer­den kann, die Anwen­dung von Gewalt (Fest­hal­ten, 3- bis 5‑Punkt-Fixie­rung) geneh­migt [1]. Das Land­ge­richt Hei­del­berg hat die Beschwer­de des Betrof­fe­nen und sei­ner Mut­ter zurück­ge­wie­sen [2]; die dage­gen ein­ge­leg­te Rechts­be­schwer­de der Mut­ter hat­te nun vor dem Bun­des­ge­richts­hof Erfolg:

Wider­spricht eine Unter­su­chung des Gesund­heits­zu­stands, eine Heil­be­hand­lung oder ein ärzt­li­cher Ein­griff dem natür­li­chen Wil­len des Betreu­ten (ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me), so kann der Betreu­er in die­se – unter nähe­ren gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen – nur dann ein­wil­li­gen, wenn die ärzt­li­che Zwangs­maß­nah­me zum Wohl des Betreu­ten not­wen­dig ist, um einen dro­hen­den erheb­li­chen gesund­heit­li­chen Scha­den abzu­wen­den (§ 1906 a Abs. 1 Nr. 1 BGB).

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun klar­ge­stellt, dass als „not­wen­dig“ im Sin­ne des Geset­zes nur sol­che Behand­lun­gen ange­se­hen wer­den kön­nen, deren Durch­füh­rung einem brei­ten medi­zi­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Kon­sens ent­spricht, und zwar sowohl was die The­ra­pie als sol­che betrifft als auch deren spe­zi­el­le Durch­füh­rungs­form im Wege der Zwangs­be­hand­lung gegen den Wider­stand des Pati­en­ten. Ein der­ar­ti­ger Kon­sens kann sei­nen Aus­druck in wis­sen­schaft­li­chen Stel­lung­nah­men des Bei­rats der Bun­des­ärz­te­kam­mer sowie in medi­zi­ni­schen Leit­li­ni­en fin­den.

Die in Bezug auf die EKT ver­öf­fent­lich­ten Stel­lung­nah­men und Leit­li­ni­en ver­mit­teln aller­dings kei­nen medi­zi­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Kon­sens, wonach die zwangs­wei­se Durch­füh­rung die­ser Maß­nah­me bei einem an (nicht kata­to­ner und nicht akut exazer­bier­ter) Schi­zo­phre­nie lei­den­den Betrof­fe­nen gerecht­fer­tigt wäre. Zwar kann eine EKT nach neue­ren wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen auch zur Behand­lung der Schi­zo­phre­nie bei vor­lie­gen­der schwe­rer depres­si­ver Ver­stim­mung mit Sui­zi­da­li­tät indi­ziert sein. Ein depres­si­ves Krank­heits­bild haben die sach­ver­stän­dig bera­te­nen Instanz­ge­rich­te im vor­lie­gen­den Fall indes nicht fest­ge­stellt.

Die Ein­wil­li­gung des Betreu­ers in die zwangs­wei­se Durch­füh­rung die­ser Maß­nah­me war daher im vor­lie­gen­den Fall nicht geneh­mi­gungs­fä­hig.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Janu­ar 2020 – XII ZB 381/​19

  1. AG Hei­del­berg, Beschluss vom 11. Juni 2019 – W 4018 XVII 71/​18[]
  2. LG Hei­del­berg, Beschluss vom 29. Juli 2019 – 2 T 35/​19[]