Polen und die CIA-Inter­nie­rungs­la­ger

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat Polen ver­ur­teilt: Polen hat mit der CIA bei der Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung von gehei­men Haft-und Ver­hör­ope­ra­tio­nen auf pol­ni­schem Gebiet zusam­men­ge­ar­bei­tet. Dabei hat Polen wis­sen müs­sen, dass sie die betrof­fe­nen Per­so­nen durch die Benach­rich­ti­gung der CIA über deren Auf­ent­halt auf sei­nem Ter­ri­to­ri­um einem ernst­haf­ten Risi­ko aus­set­zen, ent­ge­gen der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on behan­delt zu wer­den.

Polen und die CIA-Inter­nie­rungs­la­ger

So hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len eine Rei­he von Ver­let­zun­gen der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on durch den Staat Polen fest­ge­stellt:

In einem Fall hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te wei­ter ent­schie­den, dass

vor­liegt.

Dar­über hin­aus hat Polen gegen sei­ne Ver­pflich­tung nach Arti­kel 38 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­sto­ßen, alle zur wirk­sa­men Durch­füh­rung der Ermitt­lun­gen erfor­der­li­chen Erleich­te­run­gen zu gewäh­ren.

Inhalts­über­sicht


Sach­ver­halt[↑]

Den Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te lie­gen die Kla­gen zwei­er Per­so­nen zu Grun­de:

Der 1965 gebo­re­ne Abd Al Rahim Muham­mad Hus­sain Al Nas­hiri stammt aus Sau­di-Ara­bi­en, er ist jeme­ni­ti­scher Abstam­mung. Der 1971 in Sau­di-Ara­bi­en gebo­re­ne Zayn Al-Abi­din Muham­mad Husayn, auch bekannt als Abu Zubay­dah, ist ein staa­ten­lo­sen Paläs­ti­nen­ser. Bei­de Män­ner wer­den der­zeit im Inter­nie­rungs­la­ger der Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf der Guan­ta­na­mo Bay Naval Base auf Kuba fest­ge­hal­ten.

Bei Al Nas­hiri wird von den USA ver­mu­tet, dass er am Ter­ror­an­schlag auf die US-Mari­ne­schiff USS Cole im Hafen von Aden, Jemen, im Okto­ber 2000 betei­ligt war. Außer­dem soll er auch eine Rol­le bei dem Angriff auf den Öltan­ker MV Fran­zö­sisch Lim­burg im Golf von Aden im Okto­ber 2002 gespielt haben.

Zum Zeit­punkt sei­ner Gefan­gen­nah­me wur­de Husayn von den US-Behör­den als eines der wich­tigs­ten Mit­glie­der des Ter­ror­netz­werks Al-Kai­da ange­se­hen, der angeb­lich bei meh­re­ren Ter­ror-Ope­ra­tio­nen, ein­schließ­lich der Pla­nung des 11. Sep­tem­ber 2001, mit­ge­wirkt hat. Seit sei­ner Fest­nah­me im März 2002 bis heu­te ist er jedoch kei­ner Straf­tat ange­klagt wor­den und bleibt in "unbe­grenz­ter Inhaf­tie­rung" in Guan­ta­na­mo. Die ein­zi­ge Über­prü­fung sei­ner Haft wur­de von einer Grup­pe von Beam­ten des US-Mili­tär­ge­richts im März 2007 durch­ge­führt und ende­te mit der Fest­stel­lung, dass er in Haft bleibt.

Bei­de Klä­ger machen gel­tend, dass sie Opfer einer "außer­or­dent­li­chen Über­stel­lung" der CIA waren. Die­se "außer­or­dent­li­che Über­stel­lung" bedeu­te­te die Fest­nah­me und außer­ge­richt­li­che Über­füh­rung zu einem gehei­men Haft-Stand­ort in Polen mit dem Wis­sen der pol­ni­schen Behör­den zum Zweck der Ver­neh­mung, wäh­rend derer sie gefol­tert wur­den. Bei­de Män­ner geben an, dass sie im Dezem­ber 2002 nach Polen an Bord des glei­chen "Über­stel­lungs-Flug­zeugs" ver­bracht wor­den sind.

Herr Al Nas­hiri hat vor­ge­tra­gen, dass er nach sei­ner Gefan­gen­nah­me in Dubai, den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten im Okto­ber 2002 und anschlie­ßen­dem Auf­ent­halt in gehei­men CIA-Gefäng­nis­sen in Afgha­ni­stan und Thai­land am 5. Dezem­ber 2002 nach Polen gebracht wur­de. Er wur­de in ein gehei­mes CIA-Gefan­ge­nen­la­ger gebracht und dort bis zum 6. Juni 2003 fest­ge­hal­ten, bis er heim­lich an Bord des Über­stel­lungs-Flug­zeu­ges – mit der Unter­stüt­zung der pol­ni­schen Behör­den – nach Marok­ko und im Sep­tem­ber 2003 zum US-Mari­ne­stütz­punkt in Guan­ta­na­mo Bay ver­frach­tet wor­den ist. Er wur­de spä­ter an zwei ande­re Stand­or­te ver­bracht bevor er schließ­lich zurück nach Guan­ta­na­mo Bay über­stellt wor­den ist.

Laut Herrn Al Nas­hiri wur­de er wäh­rend sei­ner unbe­stä­tig­ten Haft in Polen der Fol­ter und Miss­hand­lung unter­zo­gen. Ins­be­son­de­re wur­den soge­nann­te "erwei­ter­te Ver­hör­me­tho­den" (EIT) ihm gegen­über ange­wandt. Er war auch Opfer von uner­laub­ten Ver­hör­me­tho­den, zu denen u.a. zwei Schein­hin­rich­tun­gen und andau­ern­de Stress­po­si­tio­nen (auf dem Boden kni­en und sich zurück­leh­nen) gehör­ten. Auch wur­de er mit sei­ner Fami­lie unter Druck gesetzt, die her­ge­bracht und vor ihm miss­braucht wer­den soll­te, wenn er sich nicht fügt und Infor­ma­tio­nen preis­ge­ben wür­de. Herr Al Nas­hiri behaup­tet, dass, als er aus Polen ver­schleppt wur­de, es kei­nen Ver­such der pol­ni­schen Regie­rung gab, von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten diplo­ma­ti­sche Zusi­che­run­gen zu erhal­ten, um das Risi­ko einer wei­te­ren Fol­ter, einer Iso­la­ti­ons­haft, eines unfai­ren Pro­zes­ses und der Todes­stra­fe in US-Gewahr­sam aus­zu­schlie­ßen.

Die US-Regie­rung stell­te im Juni 2008 Straf­an­zei­ge gegen Herrn Al Nas­hiri für ein Ver­fah­ren vor einer Mili­tär­kom­mis­si­on, aber auch er ist bis heu­te nicht ver­ur­teilt wor­den und befin­det sich wei­ter­hin in Haft in Guan­ta­na­mo Bay. Der Ter­min für sei­ne Gerichts­ver­hand­lung ist der­zeit für den 2. Sep­tem­ber 2014 ange­setzt.

Herr Husayn macht gel­tend, dass er in Paki­stan im März 2002 fest­ge­setzt und in der Fol­ge an ein gehei­mes CIA-Gefan­ge­nen­la­ger in Thai­land über­ge­ben wor­den ist. Am 5. Dezem­ber 2002 wur­de er nach Polen gebracht, wo er in einem gehei­men CIA-Gefan­ge­nen­la­ger bis zum 22. Sep­tem­ber 2003 fest­ge­hal­ten wur­de. Er wur­de dann in Guan­ta­na­mo Bay und sodann nach­ein­an­der in meh­re­ren gehei­men Haft­an­stal­ten in einer Rei­he von Län­dern inhaf­tiert, bevor er schließ­lich zurück nach Guan­ta­na­mo Bay gebracht wor­den ist.

Nach Vor­trag des Herrn Husayn hat­te er ver­schie­de­ne For­men von Miss­brauch und Miss­hand­lun­gen wäh­rend sei­ner Haft in Polen zu ertra­gen. Laut Herrn Husayns Rechts­an­wäl­te ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ihm extrem ein­ge­schränkt, so dass es unmög­lich ist, Infor­ma­tio­nen oder Bewei­se direkt von ihm an den Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te wei­ter­zu­ge­ben. Die Dar­stel­lung sei­nes Fal­les beruht haupt­säch­lich auf öffent­lich zugäng­li­chen Quel­len.

Sowohl Herr Al Nas­hiri und Herr Husayn füh­ren zur Unter­stüt­zung ihrer Stel­lung­nah­men an, dass die Umstän­de ihrer außer­ge­wöhn­li­chen Ver­haf­tung auch das The­ma von ver­schie­de­nen Berich­ten und Unter­su­chun­gen sind, ein­schließ­lich der Berich­te vom Schwei­zer Sena­tor Dick Mar­ty als Bericht­erstat­ter für die Unter­su­chung von der Par­la­men­ta­ri­schen Ver­samm­lung des Euro­pa­ra­tes über Behaup­tun­gen gehei­mer Haft­an­stal­ten, die es von der CIA in meh­re­ren Mit­glied­staa­ten gib. Im Detail zei­gen die "Mar­ty Berich­te" ein kom­pli­zier­tes Netz­werk von CIA-Gefäng­nis­se und die Ver­schlep­pung in bestimm­te Mit­glieds­staa­ten des Euro­pa­ra­tes. Unter ande­rem haben die Berich­te die gehei­me Haft­an­stalt in Polen loka­li­siert, und zwar nahe der Stadt Szc­zyt­no in Nord-Polen, im Sta­re Kie­jku­ty Geheim­dienst-Trai­nings­la­ger.

Die Berich­te von Herrn Al Nas­hiri und Herrn Husayn wer­den auch in ver­schie­de­nen CIA-Doku­men­ten doku­men­tiert, die der Öffent­lich­keit bekannt wur­den. Ins­be­son­de­re beru­fen sich die Klä­ger auf einen Bericht des CIA Gene­ral­inspek­teur aus dem Jahr 2004. Er zeigt, dass Herr Al Nas­hiri und Herr Husayn zu der Kate­go­rie der "Hoch­wer­ti­gen Häft­lin­ge" gehör­ten. Das bedeu­tet, es han­delt sich um Ter­ror­ver­däch­ti­ge, die wahr­schein­lich in der Lage sind, Infor­ma­tio­nen zu aktu­el­len ter­ro­ris­ti­schen Bedro­hung gegen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len. Gegen die­se wur­den "ver­schärf­ten Ver­hör­me­tho­den" (EIT) ein­ge­setzt, wie die "water­board-Tech­nik", die Haft in einer Box, das "an der Wand ste­hen" oder ande­re Stress­po­si­tio­nen.

Eine straf­recht­li­che Unter­su­chung in Polen gegen Unbe­kannt über gehei­me CIA-Gefäng­nis­se auf pol­ni­schem Gebiet wur­de im März 2008 eröff­net. Sie wur­de mehr­fach ver­län­gert und dau­ert noch an. Die Behör­den haben gegen­über dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te weder die genau­en Leis­tungs­be­schrei­bung noch den genau­en Umfang der Unter­su­chung offen­bart.

Beschwer­den[↑]

Herr Al Nas­hiri und Herrn Husayn beschwe­ren sich mit ihren Kla­gen vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te über drei Haupt-Aspek­te:

  1. die Fol­ter, Miss­hand­lun­gen und Iso­la­ti­ons­haft, die sie in Polen wäh­rend ihres US-Gewahr­sams erlit­ten haben;
  2. ihre Ver­schlep­pung aus Polen;
  3. und Polens Schei­tern bei der Durch­füh­rung einer effek­ti­ven Unter­su­chung die­ser Ereig­nis­se.

Die Beschwer­de­füh­rer behaup­ten ins­be­son­de­re, dass Polen absicht­lich die CIA akti­viert hat, um die Beschwer­de­füh­rer in gehei­mer Haft in der "Sta­re Kie­jku­ty"-Anla­ge über sechs bzw. neun Mona­te jeweils ohne Rechts­grund­la­ge oder Über­prü­fung und ohne Kon­takt zu ihren Fami­li­en fest­hal­ten zu kön­nen, und dass Polen um die­se Umstän­de gewusst hat.

Sie beschwe­ren sich, dass Polen wis­sent­lich und wil­lent­lich ihre Ver­schlep­pung aus pol­ni­schem Gebiet trotz des rea­len Risi­kos wei­te­rer Miss­hand­lun­gen und Iso­la­ti­ons­haft ermög­lich hat, so dass sie in ein Land ver­bracht wor­den sind, in dem ihnen ein fai­rer Pro­zess ver­wei­gert wird. Schließ­lich bekla­gen sie, dass Polen durch sein Ver­hal­ten eine effek­ti­ve Unter­su­chung der Umstän­de rund um ihre Miss­hand­lung, Inhaf­tie­rung und Ver­schlep­pung aus pol­ni­schem Gebiet nicht geför­dert hat.

Die Ent­schei­dung des EGMR[↑]

Ver­stoß gegen Arti­kel 38 EMRK[↑]

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ent­schied zunächst, dass er berech­tigt sei, aus der Wei­ge­rung der pol­ni­schen Regie­rung, den Auf­for­de­run­gen des Gerichts­hofs für die Ein­rei­chung von Bele­gen zu ent­spre­chen, und – in der Fol­ge – Polens Nicht­er­fül­lung sei­ner Ver­pflich­tun­gen aus Arti­kel 38 EMRK, dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te alle Hil­fe­stel­lun­gen und Aus­künf­te zu geben, die für eine effek­ti­ve Durch­füh­rung der Ermitt­lun­gen des Gerichts­hofs erfor­der­lich sind, nega­ti­ven Rück­schlüs­se zu zie­hen.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat gleich­wohl eine Rei­he von Sach­ver­stän­di­gen und Zeu­gen gehört sowie die Ant­wor­ten auf meh­re­re inter­na­tio­na­le Anfra­gen und die ihm vor­ge­leg­ten Doku­men­te gesich­tet. Er ist sodann zu der Über­zeu­gung gelangt, dass die Klä­ger ihre Behaup­tun­gen, dass sie in Polen fest­ge­nom­men wor­den waren, über­zeu­gend genug dar­ge­legt haben.

Dar­über hin­aus ist der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te der Auf­fas­sung, dass Polen zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt von der Art und Zweck der CIA-Akti­vi­tä­ten auf ihrem Ter­ri­to­ri­um gewusst hat. Polen hat zur Über­zeu­gung des Gerichts­hofs bei der Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung der gehei­men Haft-und Ver­hör­ope­ra­tio­nen auf sei­nem Gebiet mit der CIA zusam­men­ge­ar­bei­tet,

  • indem sie die CIA erlaubt haben, ihren Luft­raum und den Flug­ha­fen zu nut­zen;
  • durch ihre Kom­pli­zen­schaft bei der Ver­schleie­rung der Bewe­gun­gen der Wie­der­ga­be Flug­zeu­ge;
  • und durch die Bereit­stel­lung der Logis­tik und Dienst­leis­tun­gen, ein­schließ­lich
    • von Sicher­heits­vor­keh­run­gen,
    • eines beson­de­ren Ver­fah­ren für Lan­dun­gen,
    • den Trans­port von CIA-Teams mit Gefan­ge­nen an Land und
    • der Siche­rung der Sta­re Kie­jku­ty Basis für das Geheim­ge­fäng­nis der CIA.

Gestützt auf die weit ver­brei­te­te öffent­li­che Infor­ma­tio­nen über die Miss­hand­lun­gen und den Miss­brauch von inhaf­tier­ten Ter­ror­ver­däch­ti­gen im Gewahr­sam der US-Behör­den, hät­te Polen nach der Über­zeu­gung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te wis­sen müs­sen, dass, indem sie der CIA ermög­li­chen, sol­che Per­so­nen in ihrem Hoheits­ge­biet fest­zu­neh­men und fest­zu­hal­ten, sie die­se Per­so­nen einem ernst­haf­ten Risi­ko aus­set­zen, nicht ent­spre­chend der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on behan­delt zu wer­den.

Ver­stoß gegen Arti­kel 3 EMRK[↑]

Sodann hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te im Hin­blick auf das pol­ni­sche Ver­fah­ren eine Ver­let­zung von Arti­kel 3 EMRK fest­ge­stellt und ent­schie­den, dass es bei den straf­recht­li­chen Ermitt­lun­gen in Polen ver­säumt wor­den ist, die Anfor­de­run­gen an eine "sofor­ti­ge", "gründ­li­che" und "effek­ti­ve" Unter­su­chung im Sin­ne die­ser Vor­schrift zu erfül­len.

In mate­ri­el­ler Hin­sicht liegt nach Auf­fas­sung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te eben­falls eine Ver­let­zung von Arti­kel 3 EMRK vor. So hat es sich bei der Behand­lung, der die Klä­ger von der CIA wäh­rend ihrer Haft in Polen unter­zo­gen wur­den, um Fol­ter gehan­delt.

Nach der Über­zeu­gung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te sind die Ver­hö­re und damit die Miss­hand­lun­gen der Klä­ger in der "Sta­re Kiejkuty"-Anlage in der allei­ni­gen Ver­ant­wor­tung der CIA durch­ge­führt wor­den und es war unwahr­schein­lich, dass pol­ni­sche Beam­ten hier­bei Zeu­ge waren oder ihnen genau bekannt war, was in der Anla­ge pas­siert. Nach Arti­kel 1 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts-Kon­ven­ti­on in Ver­bin­dung mit Arti­kel 3 EMRK hät­te Polen jedoch sicher­stel­len müs­sen, dass Per­so­nen im Rah­men sei­ner Zustän­dig­keit nicht der Fol­ter oder unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe unter­wor­fen wer­den.

Aus "prak­ti­schen Grün­den" hat­te Polen den gesam­ten Pro­zess ver­ein­facht, hat­te die Vor­aus­set­zun­gen für die Durch­füh­rung geschaf­fen und hat­te kei­nen Ver­such gemacht, es zu ver­hin­dern. Wegen sei­ner Dul­dung und Begüns­ti­gung des HVD-Pro­gramms muss der pol­ni­sche Staat ent­spre­chend für die Ver­let­zung der Men­schen­rech­te der Klä­ger auf sei­nem Hoheits­ge­biet als ver­ant­wort­lich ange­se­hen wer­den.

Wei­ter­hin war Polen sich bewusst, dass die Ver­schlep­pung der Klä­ger in und aus sei­nem Hoheits­ge­biet mit­tels "außer­ge­wöhn­li­cher Über­stel­lun­gen" erfolg­te. Folg­lich setz­ten die pol­ni­schen Behör­den die Klä­ger, indem sie es der CIA ermög­lich­te, die­se in ande­re von der CIA betrie­be­ne Geheim­ge­fäng­nis­sen zu ver­frach­ten, einem vor­her­seh­ba­ren schwe­ren Risi­ko wei­te­rer Miss­hand­lun­gen und men­schen­un­wür­di­ger Haft­be­din­gun­gen aus. Auch hier­durch ver­letz­ten die pol­ni­schen Behör­den Arti­kel 3 EMRK.

Ver­stoß gegen Arti­kel 5 EMRK[↑]

In Bezug auf Arti­kel 5 EMRK kam der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zu den glei­chen Schluss­fol­ge­run­gen wie bereits bei der Fest­stel­lung der Ver­let­zun­gen der Rech­te aus Art. 3 EMRK und befand, dass Polen durch die Inhaf­tie­rung auf ihrem Gebiet und die Ver­schlep­pung aus pol­ni­schem Gebiet auch gegen sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus Art. 5 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­sto­ßen hat.

Ver­stoß gegen Arti­kel 8 EMRK[↑]

In Bezug auf Arti­kel 8 EMRK, befand der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, dass der Ein­griff in das Recht der Beschwer­de­füh­rer auf Ach­tung ihres Pri­vat-und Fami­li­en­le­bens nicht im Ein­klang mit dem Gesetz gewe­sen ist und es für das Han­deln des pol­ni­schen Staats auch inso­weit an jed­we­der Recht­fer­ti­gung fehlt.

Ver­stoß gegen Arti­kel 13 EMRK[↑]

In Bezug auf Arti­kel 13 ent­schied der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­re­che, dass die straf­recht­li­chen Ermitt­lun­gen durch Polen nicht den Nor­men von einer "effek­ti­ven Unter­su­chung" ent­spro­chen haben. Den Klä­gern ist somit das Recht auf eine "wirk­sa­me Beschwer­de" ver­wei­gert wor­den.

Ver­stoß gegen Arti­kel 6 EMRK[↑]

In Bezug auf Arti­kel 6 § 1 EMRK ent­schied der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te im Hin­blick auf die öffent­lich zugäng­li­chen Infor­ma­tio­nen, das Polen gewusst hat, dass jeder des Ter­ro­ris­mus Ver­däch­ti­ger vor einer Mili­tär­kom­mis­si­on in Guan­ta­na­mo gestellt wer­den wür­de, deren Ver­fah­ren nicht den Stan­dard eines "fai­ren Ver­fah­rens" erfül­len wür­de. Dem­entspre­chend hat die trotz der rea­len und abseh­ba­ren Gefahr einer offen­sicht­li­chen Rechts­ver­wei­ge­rung erfolg­te Zusam­men­ar­beit und Unter­stüt­zung Polens bei der Ver­schlep­pung der Klä­ger durch die CIA aus sei­nem Staats­ge­biet die Ver­ant­wor­tung des pol­ni­schen Staa­tes nach die­ser Vor­schrift begrün­det.

Ver­stoß gegen Arti­kel 2 und 3 EMRK in Ver­bin­dung mit Arti­kel 1 des Pro­to­kolls Nr. 6[↑]

Im Fall von Herrn Al Nas­hiri, befand der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, dass Polen auch die Arti­kel 2 und 3 der Kon­ven­ti­on in Ver­bin­dung mit Arti­kel 1 des Pro­to­kolls Nr. 6 ver­letzt hat, indem er der CIA und damit in die Zustän­dig­keit der Mili­tär­kom­mis­si­on über­ge­ben und hier­durch der abseh­ba­ren erns­ten Gefahr aus­ge­setzt wor­den ist, dass er nach dem Ver­fah­ren Opfer der Todes­stra­fe wer­den könn­te.

Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen, Arti­kel 41 EMRK[↑]

Dem­ge­mäß ent­schied der Euro­päi­sche Gerichts­hof, dass Polen jedem Antrag­stel­ler 100.000 € als Nicht­ver­mö­gens­schä­den zah­len muss. Im Fall von Husayn (Abu Zubay­dah) sind dem Antrag­stel­ler zusätz­lich auch 30.000 € für Kos­ten und Auf­wen­dun­gen zu erstat­ten. Al Nas­hiri hat­te kei­nen Anspruch auf Kos­ten und Auf­wen­dun­gen gel­tend gemacht.

Ange­ord­ne­te Ein­zel­maß­nah­men zur Voll­stre­ckung des Urteils im Fall Al Nas­hiri, Arti­kel 46 EMRK[↑]

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ord­ne­te an, dass Polen, um sei­nen Ver­pflich­tun­gen aus den Arti­keln 2 und 3 EMRK und Arti­kel 1 des Pro­to­kolls Nr. 6 zur EMRK zu ent­spre­chen, ver­su­chen muss, so bald wie mög­lich die Zusi­che­rung der US-Behör­den zu erhal­ten, dass für Herrn Al Nas­hiri kein Risi­ko besteht, mit dem Tode bestraft zu wer­den.

Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Urtei­le vom 24. Juli 2014 – 28761/​11 [Al Nas­hiri ./​. Polen] und 7511/​13 [Husayn (Abu Zubay­dah) ./​. Polen}