Son­ny B. – und die Indi­zie­rung jugend­ge­fähr­den­der Kunst­wer­ke

Von den Inhal­ten eines Trä­ger­me­di­ums gehen jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen im Sin­ne von § 18 Abs. 1 JuSchG aus, wenn sie geeig­net sind, gefähr­dungs­ge­neig­te Min­der­jäh­ri­ge sozi­al-ethisch zu des­ori­en­tie­ren. Gehen die jugend­ge­fähr­den­den Wir­kun­gen von Kunst­wer­ken aus, setzt die Auf­nah­me des Trä­ger­me­di­ums in die Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en vor­aus, dass die Abwä­gung von Jugend­schutz und Kunst­frei­heit mit dem ihnen im Ein­zel­fall zukom­men­den Gewicht den Vor­rang des Jugend­schut­zes ergibt.

Son­ny B. – und die Indi­zie­rung jugend­ge­fähr­den­der Kunst­wer­ke

Dem Zwöl­fer-Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le für jugend­ge­fähr­den­de Medi­en steht – in Abän­de­rung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts – auch für die Ent­schei­dung über den Vor­rang von Jugend­schutz oder Kunst­frei­heit im Rah­men der Abwä­gung kein Beur­tei­lungs­spiel­raum zu. Die Fest­stel­lun­gen und dar­aus her­ge­lei­te­ten Wer­tun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums kön­nen von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten nach den Regeln des Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses ver­wer­tet wer­den.

Sind Namen und Anschrif­ten von Urhe­bern des zur Indi­zie­rung anste­hen­den Kunst­werks nicht bekannt, müs­sen die Bun­des­prüf­stel­le und die Ver­wal­tungs­ge­rich­te ein­fa­che und erfolg­ver­spre­chen­de Maß­nah­men zur Ermitt­lung die­ser Daten ergrei­fen.

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

Dies ent­schied jetzt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf die Kla­ge eines Rap­pers, der sich gegen die Auf­nah­me sei­nes Gangs­ta-Rap-Stu­dio­al­bums „B…“ (CD)in die Lis­te für jugend­ge­fähr­den­de Medi­en (Indi­zie­rung) wand­te. Das Album ent­hält 15 Titel, deren Tex­te den kri­mi­nel­len Lebens­wan­del des Gangs­ter­bos­ses „B…“ beschrei­ben. Die Tex­te wei­sen zum Teil Bezü­ge zu Ereig­nis­sen aus dem Leben des Rap­pers auf. An den Tex­ten zwei­er Titel haben ande­re Per­so­nen mit­ge­wirkt. An den Kom­po­si­tio­nen waren wei­te­re Per­so­nen in wech­seln­der Zusam­men­set­zung betei­ligt. Deren Künst­ler­na­men sowie Art und Umfang ihrer Mit­wir­kung sind in dem der CD bei­lie­gen­den Book­let genannt. Es wur­de nach sei­nem Erschei­nen im Febru­ar 2014 in kur­zer Zeit mehr als 100 000-mal ver­kauft.

Ende Okto­ber 2014 lei­te­te die Bun­des­prüf­stel­le für jugend­ge­fähr­den­de Medi­en (im Fol­gen­den: Bun­des­prüf­stel­le) auf Antrag eines Jugend­am­tes das Indi­zie­rungs­ver­fah­ren ein. Mit Schrei­ben vom 02.03.2015 benach­rich­tig­te sie die Ver­trei­be­rin und eine Ver­triebs­ge­sell­schaft, deren Geschäfts­füh­rer der Rap­per ist, dass das aus zwölf Per­so­nen bestehen­de Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le (im Fol­gen­den: Zwöl­fer-Gre­mi­um) in der Sit­zung am 9.04.2015 über die Indi­zie­rung ver­han­deln und ent­schei­den wer­de. Die Bun­des­prüf­stel­le wies dar­auf hin, dass ihr bür­ger­li­che Namen und Anschrif­ten der Urhe­ber nicht bekannt sei­en. Sie stell­te anheim, die­sen das Schrei­ben zuzu­lei­ten oder die Anschrif­ten mit­zu­tei­len. In der Fol­ge­zeit äußer­ten sich weder der Rap­per noch die ande­ren Mit­wir­ken­den Tex­ter und Kom­po­nis­ten.

In der Sit­zung vom 09.04.2015 beschloss das Zwöl­fer-Gre­mi­um, dass das Album „B…“ in Teil A der Lis­te der jugend­ge­fähr­den­den Medi­en ein­ge­tra­gen wird. In den Grün­den des Indi­zie­rungs­be­scheids, in denen die 15 Titel des Albums im Wort­laut wie­der­ge­ge­ben sind, heißt es: „B…“ wer­de als Gangs­ter­boss dar­ge­stellt, vor dem es Angst zu haben gel­te, weil er Kon­flik­te aus­schließ­lich durch Gewalt löse. Fast jeder Titel ent­hal­te Schil­de­run­gen, wie er aus belie­bi­gen Anläs­sen offen bru­ta­le Gewalt anwen­de, als Dro­gen­dea­ler oder Waf­fen­händ­ler tätig sei, ohne dafür belangt zu wer­den. Auch sei­en die Tex­te durch­setzt mit Äuße­run­gen, in denen Frau­en und Homo­se­xu­el­le in vul­gä­rer Spra­che her­ab­ge­wür­digt und ver­ächt­lich gemacht wür­den. „B…“ sei kei­ne fik­ti­ve Figur, weil die geschil­der­ten Erleb­nis­se zum Teil deut­li­che Bezü­ge zum Leben des Rap­pers auf­wie­sen. Das Album ver­mitt­le die Bot­schaft, dass ein Lebens­stil und ein Selbst­ver­ständ­nis zum Erfolg führ­ten, die sich auf die offe­ne Bege­hung von Straf­ta­ten, hem­mungs­lo­se Gewalt­tä­tig­keit, Demü­ti­gun­gen, Ein­schüch­te­rungs­ge­ba­ren und das Feh­len jeg­li­cher Empa­thie grün­de­ten.

Die Tex­te übten trotz ihres Insze­nie­rungs­cha­rak­ters mit hoher Wahr­schein­lich­keit einen schäd­li­chen Ein­fluss auf hier­für emp­fäng­li­che Min­der­jäh­ri­ge aus. Gefähr­det sei­en ins­be­son­de­re Jugend­li­che, die in einem Umfeld leb­ten, in dem patri­ar­cha­li­sche Ver­hält­nis­se und homo­pho­be Ein­stel­lun­gen vor­herrsch­ten. Wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en bestä­tig­ten die Annah­me, dass die­se Jugend­li­chen die gewalt­tä­ti­ge und vul­gär dis­kri­mi­nie­ren­de Spra­che des Albums in ihren Wort­schatz über­näh­men und sich dar­über hin­aus an dem Ver­hal­ten von „B…“ ori­en­tier­ten. Die Abwä­gung erge­be, dass der Jugend­schutz der Kunst­frei­heit vor­ge­he. Das Album stel­le Unter­hal­tung dar; ein beson­de­rer künst­le­ri­scher Anspruch sei nicht zu erken­nen. Anhalts­punk­te für eine wie auch immer gear­te­te Distan­zie­rung von den Gewalt­dar­stel­lun­gen und Belei­di­gun­gen gebe es nicht; ein sozi­al­kri­ti­scher Bezug feh­le. Die Indi­zie­rungs­ent­schei­dung wur­de im Bun­des­an­zei­ger vom 30.04.2015 bekannt gemacht.

Der Antrag des Rap­pers auf Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes ist in bei­den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Instan­zen erfolg­los geblie­ben. Im Kla­ge­ver­fah­ren hat das Ver­wal­tungs­ge­richt die neben dem Rap­per mit­wir­ken­den Tex­ter und Kom­po­nis­ten bei­ge­la­den, nach­dem es deren bür­ger­li­che Namen und Anschrif­ten bei der GEMA erfragt hat­te. Die Mit­wir­ken­den haben auf den gericht­li­chen Hin­weis, sie könn­ten Stel­lung­nah­men zu ihren künst­le­ri­schen Bei­trä­gen abge­ben, nicht reagiert. Der Rap­per hat im Kla­ge­ver­fah­ren ein Gut­ach­ten eines Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers zum künst­le­ri­schen Gehalt des Albums sowie die Nie­der­schrift eines dem Gut­ach­ten zugrun­de lie­gen­den Gesprächs mit dem Gut­ach­ter vor­ge­legt. Der Gut­ach­ter hat den Tex­ten vor allem wegen der sprach­li­chen Gestal­tung einen gestei­ger­ten künst­le­ri­schen Wert attes­tiert. Der Rap­per habe in den Tex­ten mit ver­schie­de­nen Stil­mit­teln eine Kunst­welt „B…“ geschaf­fen, die kei­nen Bezug zu sei­ner Per­son auf­wei­se. Die an das Leben des Rap­pers anknüp­fen­den Pas­sa­gen wür­den durch Sprach­form und Stil der Tex­te über­formt und gebro­chen. Den Tex­ten sei Ori­gi­na­li­tät, spie­le­ri­scher Drang und Sprachmäch­tig­keit zuzu­bil­li­gen.

Die Ent­schei­dun­gen der Instanz­ge­rich­te[↑]

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Köln hat die Anfech­tungs­kla­ge abge­wie­sen [1]. In den Urteils­grün­den heißt es, die Ver­wal­tungs­ge­rich­te hät­ten Indi­zie­rungs­ent­schei­dun­gen auch in Bezug auf die abschlie­ßen­de Ent­schei­dung über den Vor­rang von Jugend­schutz oder Kunst­frei­heit unein­ge­schränkt nach­zu­prü­fen. Da die Gerich­te mit­wir­ken­de Künst­ler selbst anhö­ren müss­ten, um das abwä­gungs­re­le­van­te Gewicht der Kunst­frei­heit zu bestim­men, kön­ne die Auf­he­bung von Indi­zie­rungs­ent­schei­dun­gen nicht auf ein Anhö­rungs­de­fi­zit im behörd­li­chen Indi­zie­rungs­ver­fah­ren gestützt wer­den. Das Zwöl­fer-Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le habe das Album „B…“ zu Recht als jugend­ge­fähr­dend ein­ge­stuft. Die Abwä­gung erge­be den Vor­rang des Jugend­schut­zes vor der Kunst­frei­heit. Das vom Rap­per vor­ge­leg­te Gut­ach­ten sei nicht geeig­net, die Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums in Fra­ge zu stel­len. Aus den Anga­ben des Rap­pers gegen­über dem Gut­ach­ter gehe her­vor, dass er mit dem Album kei­ne über Unter­hal­tung hin­aus­ge­hen­de künst­le­ri­sche Wir­kungs­ab­sicht ver­folgt habe. Es sei nicht erkenn­bar, dass der Rap­per die durch­ge­hend vul­gär-belei­di­gen­de Spra­che als Stil­mit­tel eines künst­le­ri­schen Kon­zepts ein­ge­setzt habe. Die Dar­stel­lung eines unan­greif­ba­ren Gangs­ter­bos­ses, der tue und las­se, was er wol­le, erfor­de­re die Her­ab­wür­di­gung und Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en und Homo­se­xu­el­len nicht.

Gegen die­ses Urteil hat der Rap­per Beru­fung ein­ge­legt. Die Mit­wir­ken­den haben sich auch im Beru­fungs­ver­fah­ren nicht geäu­ßert. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter hat das erst­in­stanz­li­che Urteil geän­dert und die Indi­zie­rungs­ent­schei­dung auf­ge­ho­ben [2]. In den Grün­den des Beru­fungs­ur­teils heißt es: Zwar unter­lä­gen die Beur­tei­lung der Kunst­ei­gen­schaft und des künst­le­ri­schen Gehalts eines Werks sowie des von ihm aus­ge­hen­den jugend­ge­fähr­den­den Ein­flus­ses der unein­ge­schränk­ten gericht­li­chen Nach­prü­fung. Jedoch ver­blei­be dem Zwöl­fer-Gre­mi­um ein Beur­tei­lungs­spiel­raum für die abschlie­ßen­de Ent­schei­dung über den Vor­rang von Jugend­schutz oder Kunst­frei­heit. Dies fol­ge aus der gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen per­so­nel­len Zusam­men­set­zung des Gre­mi­ums, die eine sach­ver­stän­di­ge, plu­ra­lis­ti­sche und unab­hän­gi­ge Mei­nungs­bil­dung gewähr­leis­ten sol­le. Daher könn­ten die Ver­wal­tungs­ge­rich­te kei­ne eige­ne Vor­ran­g­ent­schei­dung tref­fen. Die Indi­zie­rung des Albums sei rechts­wid­rig, weil die Vor­ran­g­ent­schei­dung des Zwöl­fer-Gre­mi­ums auf einer unzu­rei­chen­den Gewich­tung der Kunst­frei­heit beru­he. Dies fol­ge dar­aus, dass den Mit­wir­ken­den vor der Indi­zie­rung kei­ne Gele­gen­heit gege­ben wor­den sei, sich zu ihren künst­le­ri­schen Bei­trä­gen zu äußern. Die Bun­des­prüf­stel­le habe weder deren bür­ger­li­che Namen und Anschrif­ten durch eine Nach­fra­ge bei der GEMA in Erfah­rung gebracht noch habe sie die Ver­trei­be­rin des Albums oder den Rap­per unmiss­ver­ständ­lich auf­ge­for­dert, ihr die­se Daten mit­zu­tei­len.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts[↑]

Mit der Revi­si­on wen­det sich die Bun­des­prüf­stel­le gegen die Rechts­auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, dem Zwöl­fer-Gre­mi­um ste­he ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zu. Es gebe kei­nen trag­fä­hi­gen Grund, der Ein­schrän­kun­gen der gericht­li­chen Nach­prü­fung recht­fer­ti­gen kön­ne. Die plu­ra­lis­ti­sche Zusam­men­set­zung des Zwöl­fer-Gre­mi­ums sol­le ermög­li­chen, die abwä­gungs­re­le­van­ten Belan­ge ohne Ein­schal­tung exter­ner Sach­ver­stän­di­ger zu erken­nen und zu gewich­ten. Die Wei­sungs­frei­heit der Mit­glie­der des Gre­mi­ums sol­le ver­hin­dern, dass des­sen Ent­schei­dun­gen poli­tisch instru­men­ta­li­siert wer­den. Bei­de Erwä­gun­gen ziel­ten nicht dar­auf ab, die Letzt­ent­schei­dungs­be­fug­nis der Gerich­te ein­zu­schrän­ken. Daher sei­en Abwä­gungs­feh­ler des Zwöl­fer-Gre­mi­ums für die gericht­li­che Ent­schei­dung uner­heb­lich. Die Vor­aus­set­zun­gen einer Indi­zie­rung lägen jeden­falls des­halb vor, weil die Tex­te des Albums „B…“ den sozi­al-ethi­schen Min­dest­stan­dard unter­schrit­ten, der zum Schutz der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung von Min­der­jäh­ri­gen unver­zicht­bar sei.

Die zuläs­si­ge Revi­si­on hat­te vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Erfolg. Das Beru­fungs­ur­teil ver­letzt Bun­des­recht (§ 137 Abs. 1 Nr. 1 VwGO). Die tra­gen­de Erwä­gung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, dem Zwöl­fer-Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le für jugend­ge­fähr­den­de Medi­en (Zwöl­fer-Gre­mi­um) ste­he bei Ent­schei­dun­gen über die Indi­zie­rung von Kunst­wer­ken ein gericht­lich nur ein­ge­schränkt nach­prüf­ba­rer Beur­tei­lungs­spiel­raum für die Ent­schei­dung über den Vor­rang von Jugend­schutz oder Kunst­frei­heit zu, ist mit der Rechts­schutz­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG nicht ver­ein­bar. Da die Ver­wal­tungs­ge­rich­te Indi­zie­rungs­ent­schei­dun­gen unein­ge­schränkt nach­zu­prü­fen haben, kann die Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Indi­zie­rungs­be­scheids vom 09.04.2015 nicht dar­auf gestützt wer­den, dass die Bemü­hun­gen der Bun­des­prüf­stel­le zur not­wen­di­gen Anhö­rung der Mit­wir­ken­den unzu­läng­lich waren. Das Beru­fungs­ur­teil stellt sich nicht aus ande­ren Grün­den als rich­tig dar (§ 144 Abs. 4 VwGO). Der ange­foch­te­ne Indi­zie­rungs­be­scheid erweist sich als recht­mä­ßig: Die Indi­zie­rung von Kunst­wer­ken nach Maß­ga­be des § 18 Abs. 1 Satz 1 und 2, Abs. 3 Nr. 2 des Jugend­schutz­ge­set­zes vom 23.07.2002 – JuSchG – [3] mit den dar­an anknüp­fen­den gesetz­li­chen Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­ten steht nach wie vor mit dem Grund­ge­setz in Ein­klang. Von dem indi­zier­ten Album gehen jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen nach § 18 Abs. 1 Satz 1 und 2 JuSchG aus, die es recht­fer­ti­gen, dem Jugend­schutz Vor­rang vor der Kunst­frei­heit ein­zu­räu­men.

Beur­tei­lungs­spiel­raum und Rechts­schutz­ga­ran­tie[↑]

Die Rechts­schutz­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG ver­mit­telt ein sub­jek­ti­ves Recht, das die Anru­fung der Gerich­te zur Durch­set­zung mate­ri­el­ler Rechts­po­si­tio­nen des Ein­zel­nen gegen die voll­zie­hen­de Gewalt gewähr­leis­tet. Die Vor­schrift stellt eine Grund­satz­norm für die gesam­te Rechts­ord­nung dar, die Art und Umfang der gericht­li­chen Rechts­kon­trol­le fest­legt und dadurch die Gel­tung des Rechts sichert [4]. Der von Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG gefor­der­te wir­kungs­vol­le Rechts­schutz ver­langt, dass die Gerich­te Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht unein­ge­schränkt nach­prü­fen. Die Gerich­te haben die nach ihrer Rechts­auf­fas­sung im kon­kre­ten Fall ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­nor­men und Rechts­grund­sät­ze ohne Bin­dung an die Rechts­auf­fas­sung der Ver­wal­tung aus­zu­le­gen und anzu­wen­den. Hier­für haben sie den nach ihrem Rechts­stand­punkt ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Sach­ver­halt selbst erschöp­fend auf­zu­klä­ren und die Bewei­se zu wür­di­gen [5].

Dem­ge­gen­über sind Beur­tei­lungs­spiel­räu­me dadurch gekenn­zeich­net, dass sie die letzt­ver­bind­li­che Aus­le­gung von Rechts­nor­men und die dar­auf beru­hen­de Rechts­an­wen­dung der Ver­wal­tung zuwei­sen. Ist eine Ver­wal­tungs­ent­schei­dung auf die Wahr­neh­mung eines Beur­tei­lungs­spiel­raums gestützt, dür­fen die Gerich­te bei deren Nach­prü­fung ihr Norm­ver­ständ­nis nicht an die Stel­le des­je­ni­gen der Ver­wal­tung set­zen. Viel­mehr sind sie dar­auf beschränkt nach­zu­prü­fen, ob die Ver­wal­tung bei ihrer Normaus­le­gung von einem rich­ti­gen Ver­ständ­nis des anzu­wen­den­den Begriffs aus­ge­gan­gen und nicht von gesetz­li­chen oder all­ge­mein gül­ti­gen Wer­tungs­maß­stä­ben wie dem Will­kür­ver­bot abge­wi­chen ist. In tat­säch­li­cher Hin­sicht sind die Ver­wal­tungs­ge­rich­te befugt zu prü­fen, ob die Ver­wal­tung den ihrer Rechts­an­wen­dung zugrun­de lie­gen­den erheb­li­chen Sach­ver­halt voll­stän­dig und zutref­fend ermit­telt und die ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­ga­ben ein­ge­hal­ten hat [6].

Dem­entspre­chend beein­träch­ti­gen Beur­tei­lungs­spiel­räu­me das in Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG ver­an­ker­te Gebot, wir­kungs­vol­len, d.h. in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht nicht ein­ge­schränk­ten Rechts­schutz durch Gerich­te zu gewäh­ren. Dies kann nur hin­ge­nom­men wer­den, wenn der jewei­li­ge Beur­tei­lungs­spiel­raum im Gesetz ange­legt ist, d.h. sich durch des­sen Aus­le­gung ermit­teln lässt, die dadurch bewirk­te gesetz­li­che Ein­schrän­kung des gericht­li­chen Rechts­schut­zes durch einen gewich­ti­gen sach­li­chen Grund gerecht­fer­tigt ist und den Gerich­ten die Mög­lich­keit einer sub­stan­zi­el­len Kon­trol­le des Ver­wal­tungs­han­delns ver­bleibt [7].

Die Annah­me eines Beur­tei­lungs­spiel­raums ist vor allem dann berech­tigt, wenn das gesetz­lich vor­ge­ge­be­ne Ent­schei­dungs­pro­gramm vage ist und sich sei­ne fall­be­zo­ge­ne Anwen­dung als beson­ders schwie­rig erweist, weil eine Viel­zahl von Bewer­tungs­fak­to­ren ermit­telt, gewich­tet und in ein Ver­hält­nis zuein­an­der gesetzt wer­den müs­sen, wofür zudem schwer kal­ku­lier­ba­re Pro­gno­sen ange­stellt wer­den müs­sen [8].

Die Indi­zie­rung eines Trä­ger- oder Tele­me­di­ums, das Kunst ent­hält, mit der Fol­ge, dass sei­ne Ver­brei­tung aus Grün­den des Jugend­schut­zes erheb­lich ein­ge­schränkt wird, hängt von zwei Vor­aus­set­zun­gen ab: Zunächst müs­sen von dem Werk jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen im Sin­ne von § 18 Abs. 1 Satz 1 und 2 JuSchG aus­ge­hen. Ist dies der Fall, muss eine Abwä­gung der wider­strei­ten­den Belan­ge Jugend­schutz und Kunst­frei­heit den Vor­rang des Jugend­schut­zes erge­ben. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unter­lie­gen sowohl die Beur­tei­lung des jugend­ge­fähr­den­den Cha­rak­ters eines Werks als auch die Beur­tei­lung sei­ner Eigen­schaft als Kunst und des künst­le­ri­schen Gehalts der Letzt­ent­schei­dungs­be­fug­nis der Ver­wal­tungs­ge­rich­te. Die­se müs­sen sich Gewiss­heit über den schä­di­gen­den Ein­fluss des Kunst­werks und die Bedeu­tung der inkri­mi­nier­ten Werk­tei­le für das künst­le­ri­sche Kon­zept ver­schaf­fen [9]. Dar­an sind die Fach­ge­rich­te nach § 31 Abs. 1 BVerfGG gebun­den.

Daher ist es Auf­ga­be der Ver­wal­tungs­ge­rich­te, die gesetz­li­chen Begrif­fe „Eig­nung zur Gefähr­dung der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung oder Erzie­hung Min­der­jäh­ri­ger“ im Sin­ne von § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG und die die­se Gefähr­dung kon­kre­ti­sie­ren­den Begrif­fe nach § 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG aus­zu­le­gen und anzu­wen­den sowie den für die Rechts­an­wen­dung erheb­li­chen Sach­ver­halt selbst erschöp­fend auf­zu­klä­ren. Im Rah­men der Abwä­gung müs­sen die Ver­wal­tungs­ge­rich­te auf der Grund­la­ge eines rich­tig und voll­stän­dig ermit­tel­ten Sach­ver­halts das Gewicht der wider­strei­ten­den Belan­ge Jugend­schutz und Kunst bestim­men. Die abschlie­ßen­de Abwä­gungs­ent­schei­dung, ob Jugend­schutz oder Kunst­frei­heit in Anbe­tracht des ihnen objek­tiv zukom­men­den Gewichts Vor­rang ein­zu­räu­men ist, hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bis­lang dem Zwöl­fer-Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le vor­be­hal­ten. Danach ist es den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten ver­wehrt gewe­sen, eine eige­ne Vor­ran­g­ent­schei­dung zu tref­fen. Sie hat­ten ledig­lich nach­zu­prü­fen, ob das Abwä­gungs­er­geb­nis des Zwöl­fer-Gre­mi­ums die Gren­zen des Beur­tei­lungs­spiel­raums über­schrei­tet [10].

An die­ser Recht­spre­chung hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht fest. Auf der Grund­la­ge der bin­den­den Aus­sa­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Rechts­schutz­ga­ran­tie des Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG in der Ent­schei­dung „Jose­fi­ne Mut­zen­ba­cher“ kann nicht mehr über­zeu­gend begrün­det wer­den, dass die Ver­wal­tungs­ge­rich­te zwar die jugend­ge­fähr­den­den Wir­kun­gen eines Kunst­werks nach § 18 Abs. 1 Satz 1 und 2 JuSchG und im Rah­men der Abwä­gung das Gewicht der Belan­ge Jugend­schutz und Kunst letzt­ver­bind­lich bestim­men, die Letzt­ent­schei­dungs­be­fug­nis für die abschlie­ßen­de Vor­ran­g­ent­schei­dung aber dem Zwöl­fer-Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le vor­be­hal­ten sein soll.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ver­mag hier­für kei­nen trag­fä­hi­gen Grund zu erken­nen, der bei die­ser Aus­gangs­la­ge die Annah­me eines Beur­tei­lungs­spiel­raums des Zwöl­fer-Gre­mi­ums für den durch die Gewich­tung der wider­strei­ten­den Belan­ge vor­ge­zeich­ne­ten Schluss­akt der Vor­ran­g­ent­schei­dung recht­fer­ti­gen könn­te. Auf­grund der den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten oblie­gen­den Auf­ga­be, die zur Vor­be­rei­tung die­ser Ent­schei­dung erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen zu Jugend­ge­fähr­dung und Kunst eigen­ver­ant­wort­lich zu tref­fen, erweist sich die Ent­schei­dung für sich genom­men jeden­falls als nicht über­mä­ßig schwie­rig. Die durch § 19 Abs. 2 bis Abs. 6 JuSchG vor­ge­ge­be­ne beson­de­re Aus­stat­tung des ent­schei­dungs­zu­stän­di­gen Zwöl­fer-Gre­mi­ums der Bun­des­prüf­stel­le, d.h. sei­ne plu­ra­lis­ti­sche, für eine beson­de­re Sach­kun­de Gewähr bie­ten­de Beset­zung, die Wei­sungs­un­ab­hän­gig­keit der Mit­glie­der und die Not­wen­dig­keit einer qua­li­fi­zier­ten Mehr­heit für die Indi­zie­rung, reicht für sich genom­men im Hin­blick auf Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG nicht aus, um dem Gre­mi­um einen Beur­tei­lungs­spiel­raum zuzu­er­ken­nen [11].

Die Suche nach den wei­te­ren Betei­lig­ten[↑]

Haben die Ver­wal­tungs­ge­rich­te Indi­zie­rungs­ent­schei­dun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht unein­ge­schränkt nach­zu­prü­fen, dür­fen sie eine sol­che Ent­schei­dung nicht schon des­halb auf­he­ben, weil die Bun­des­prüf­stel­le der Indi­zie­rung einen unvoll­stän­dig und des­halb rechts­feh­ler­haft fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt zugrun­de gelegt hat. Viel­mehr müs­sen die Ver­wal­tungs­ge­rich­te die aus ihrer Sicht zu Unrecht unter­blie­be­nen Auf­klä­rungs­maß­nah­men selbst vor­neh­men. Hier­zu gehö­ren auch die der Bun­des­prüf­stel­le oblie­gen­den, aber ver­säum­ten Schrit­te zur Ermitt­lung der bür­ger­li­chen Namen und der Anschrif­ten der­je­ni­gen Kunst­schaf­fen­den, die nach § 21 Abs. 7 JuSchG i.V.m. Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG anzu­hö­ren sind. Nur auf die­se Wei­se kön­nen die Ver­wal­tungs­ge­rich­te das Gewicht des Belangs Kunst erschöp­fend bestim­men, was wie­der­um Vor­aus­set­zung für eine rechts­feh­ler­freie Abwä­gung zwi­schen Jugend­schutz und Kunst ist [12].

Ergän­zend weist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt dar­auf hin, dass das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die Bemü­hun­gen der Bun­des­prüf­stel­le zur Anhö­rung der Mit­wir­ken­den im Ergeb­nis zu Recht bean­stan­det hat: Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist zutref­fend von einer Pflicht der Bun­des­prüf­stel­le zur Anhö­rung der Mit­wir­ken­den als Mit­schöp­fer von Tei­len der Tex­te und Musik des Albums „B…“ im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren aus­ge­gan­gen. Nach § 21 Abs. 7 JuSchG ist den Urhe­bern Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Die­se Vor­schrift dient der Wah­rung der Inter­es­sen der Urhe­ber, die sich in Bezug auf ihre Mit­wir­kung auf die Kunst­frei­heit nach Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG beru­fen kön­nen. Urhe­ber ist der Schöp­fer des Werks (§ 7 des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes – UrhG -). Der urhe­ber­recht­li­che Schutz für ein­zel­ne Wer­ke gilt der per­sön­li­chen geis­ti­gen Schöp­fung (§ 2 Abs. 2 UrhG; vgl. BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 28.11.2002 – I ZR 168/​00BGHZ 153, 69, 80 f.). Haben meh­re­re ein Werk gemein­sam geschaf­fen, ohne dass sich ihre Antei­le geson­dert ver­wer­ten las­sen, sind sie des­sen Mit­ur­he­ber (§ 8 UrhG). Nach § 10 Abs. 1 UrhG wird, wer auf den Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken eines erschie­ne­nen Werks in der übli­chen Wei­se als Urhe­ber bezeich­net wird, bis zum Beweis des Gegen­teils als Urhe­ber ange­se­hen; dies gilt auch für eine Bezeich­nung, die als Deck­na­men oder Künst­ler­zei­chen des Urhe­bers bekannt ist. Bei Lie­dern ist maß­ge­bend, wer als Urhe­ber von Text und Musik ange­ge­ben ist, und zwar bei CDs in der Regel im sog. Book­let [13]. Danach waren die Mit­wir­ken­den nach § 21 Abs. 7 JuSchG von der Bun­des­prüf­stel­le anzu­hö­ren. Ihre Anhö­rung war auch erfor­der­lich, weil ihre Stel­lung­nah­men bei der Bestim­mung des Gewichts des Belangs Kunst im Rah­men der Abwä­gung mit dem Jugend­schutz hät­ten berück­sich­tigt wer­den müs­sen [14].

Sind der Bun­des­prüf­stel­le die bür­ger­li­chen Namen und Anschrif­ten der über­schau­ba­ren Anzahl von Urhe­bern nicht bekannt, muss sie ein­fach gela­ger­te und erfolg­ver­spre­chen­de Auf­klä­rungs­maß­nah­men ergrei­fen, um ihnen Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Dies folgt aus der Bedeu­tung der Anhö­rung für die Gewich­tung der Kunst­frei­heit nach Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG in der Abwä­gung mit dem Jugend­schutz. In der Regel bie­tet sich an, dass sich die Bun­des­prüf­stel­le bei der Ver­trei­be­rin des zur Indi­zie­rung anste­hen­den Medi­ums und bei der GEMA nach Namen und Anschrif­ten erkun­digt. Die Nach­fra­gen dür­fen inhalt­lich kei­nen Zwei­fel dar­an las­sen, dass die Bun­des­prüf­stel­le die Daten für die Indi­zie­rungs­ent­schei­dung, d.h. für die Wahr­neh­mung ihrer Auf­ga­ben, benö­tigt. Sie dür­fen nur für die­sen kon­kre­ten Zweck ver­wen­det wer­den. Dem Beschleu­ni­gungs­ge­bot kann die Bun­des­prüf­stel­le dadurch Rech­nung tra­gen, dass sie den Adres­sa­ten ver­fah­rens­an­ge­mes­se­ne Fris­ten für die Beant­wor­tung setzt. Die Bun­des­prüf­stel­le darf auf die­se Nach­fra­gen nur ver­zich­ten, wenn die Indi­zie­rung kei­nen wei­te­ren Auf­schub dul­det. Soweit die Aus­füh­run­gen in dem Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 18.02.1998 [15] dem ent­ge­gen­ste­hen, hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt dar­an nicht fest. Ent­spre­chen­de Auf­klä­rungs­pflich­ten tref­fen die Ver­wal­tungs­ge­rich­te, falls die Bun­des­prüf­stel­le die Anhö­rung nicht oder unzu­läng­lich durch­ge­führt hat.

Indi­zie­rung von Kunst­wer­ken als jugend­ge­fähr­dend[↑]

Das Beru­fungs­ur­teil stellt sich auch nicht aus ande­ren als den vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ange­führ­ten Grün­den als rich­tig dar (§ 144 Abs. 4 VwGO). Die recht­li­chen Vor­ga­ben der Indi­zie­rungs­ent­schei­dung sind mit höher­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar. Auf ihrer Grund­la­ge ist auf die Revi­si­on das die Kla­ge abwei­sen­de erst­in­stanz­li­che Urteil wie­der­her­zu­stel­len, weil die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung der Bun­des­prüf­stel­le, das Album „B…“ in Teil A der Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en auf­zu­neh­men, recht­mä­ßig ist. Zum einen erfüllt das Album die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Jugend­ge­fähr­dung im Sin­ne von § 18 Abs. 1 Satz 1 und 2 JuSchG. Zum ande­ren ist dem berech­tig­ten Inter­es­se an der Indi­zie­rung aus Grün­den des Jugend­schut­zes der Vor­rang vor dem durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG geschütz­ten Inter­es­se des Rap­pers an der unein­ge­schränk­ten Ver­brei­tung des Albums ein­zu­räu­men. Die Kunst­frei­heit recht­fer­tigt nicht, Min­der­jäh­ri­gen das Album trotz sei­ner nach­tei­li­gen Aus­wir­kun­gen auf deren Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung unge­hin­dert zugäng­lich zu machen.

Nach § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG sind Trä­ger- und Tele­me­di­en, die die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Jugend­ge­fähr­dung erfül­len, von der Bun­des­prüf­stel­le in eine Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en auf­zu­neh­men. CDs sind Trä­ger­me­di­en, weil es sich um Gegen­stän­de han­delt, die zur unmit­tel­ba­ren Wahr­neh­mung von Tex­ten und Tönen bestimmt sind (§ 1 Abs. 2 Satz 1 JuSchG). Über die Auf­nah­me ent­schei­det die Bun­des­prüf­stel­le in der Regel, so auch im vor­lie­gen­den Fall, in der Beset­zung von zwölf Mit­glie­dern, näm­lich der vom zustän­di­gen Bun­des­mi­nis­te­ri­um ernann­ten Vor­sit­zen­den, drei Bei­sit­zern aus den Rei­hen der von den Lan­des­re­gie­run­gen ernann­ten Mit­glie­dern sowie acht wei­te­ren Mit­glie­dern, die jeweils auf Vor­schlag einer der gesetz­lich genann­ten Grup­pen aus den Berei­chen Kunst, Lite­ra­tur, Buch­han­del und Ver­le­ger­schaft, Anbie­ter von Bild­trä­gern und Tele­me­di­en, freie und öffent­li­che Jugend­hil­fe, Leh­rer­schaft und Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ernannt wor­den sind (Zwöl­fer-Gre­mi­um; vgl. § 17 Abs. 2, § 19 Abs. 5 Satz 1 i.V.m. Abs. 1 und Abs. 2 Satz 1 und 2 und § 20 JuSchG). Die Mit­glie­der des Zwöl­fer-Gre­mi­ums sind an Wei­sun­gen nicht gebun­den (§ 19 Abs. 4 JuSchG). Die Beschluss­fä­hig­keit erfor­dert eine Beset­zung von min­des­tens neun Mit­glie­dern, davon min­des­tens zwei aus den vier zuerst genann­ten Grup­pen (§ 19 Abs. 5 Satz 2 JuSchG). Die Auf­nah­me eines Medi­ums in die Lis­te für jugend­ge­fähr­den­de Medi­en bedarf einer Mehr­heit von acht, bei unvoll­stän­di­ger Beset­zung von sie­ben Mit­glie­dern (§ 19 Abs. 6 Satz 1 und 2 JuSchG).

Die Lis­te wird in vier Tei­len geführt, wobei Trä­ger­me­di­en wie die vor­lie­gen­de CD regel­mä­ßig in Teil A auf­zu­neh­men sind (§ 18 Abs. 2 Nr. 1 JuSchG). Mit der Bekannt­ma­chung sei­ner Auf­nah­me in Teil A der Lis­te unter­liegt das indi­zier­te Medi­um unmit­tel­bar kraft Geset­zes Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­ten (§ 15 Abs. 1, § 24 Abs. 3 Satz 1 JuSchG). Es haben die gesetz­lich beschrie­be­nen Hand­lun­gen zu unter­blei­ben, denen gemein­sam ist, dass sie geeig­net sind, das indi­zier­te Medi­um Kin­dern oder Jugend­li­chen zugäng­lich zu machen (§ 15 Abs. 1 Nr. 1 bis 7 JuSchG). Ver­stö­ße gegen die­se Ver­bo­te sind straf­bar (§ 27 Abs. 1 Nr. 1 und 2 JuSchG); dies gilt für die per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten Per­so­nen nur, sofern sie ihre Erzie­hungs­pflicht gröb­lich ver­let­zen (sog. Erzie­her­pri­vi­leg, § 27 Abs. 4 Satz 2 JuSchG).

Nach dem ein­deu­ti­gen Wort­laut des § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG ist Gegen­stand der Indi­zie­rung und damit eines dar­an anknüp­fen­den Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bots das Trä­ger- oder Tele­me­di­um. Dies ent­spricht dem Zweck des Jugend­schut­zes, Min­der­jäh­ri­gen im Rah­men des Mög­li­chen den Zugang zu jugend­ge­fähr­den­den Medi­en zu ver­weh­ren. Das Medi­um wird als untrenn­ba­re Ein­heit ver­brei­tet und bewor­ben, wenn es ver­schie­de­ne eigen­stän­di­ge Wer­ke ent­hält [16].

Nach § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG setzt die Auf­nah­me eines Medi­ums in die Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en vor­aus, dass es geeig­net ist, die Ent­wick­lung von Kin­dern oder Jugend­li­chen oder ihre Erzie­hung zu einer eigen­ver­ant­wort­li­chen und gemein­schafts­fä­hi­gen Per­sön­lich­keit zu gefähr­den. Nach Satz 2 ers­ter Halb­satz des § 18 Abs. 1 JuSchG zäh­len dazu unsitt­li­che, ver­ro­hend wir­ken­de, zu Gewalt­tä­tig­keit oder Ver­bre­chen anrei­zen­de Medi­en.

Für die Aus­le­gung die­ser Bestim­mun­gen ist der Zweck des Jugend­schut­zes maß­ge­bend. Aus­ge­hend von der Annah­me, dass Kin­der und Jugend­li­che, d.h. Per­so­nen unter 18 Jah­ren (§ 1 Abs. 1 Nr. 1 und 2 JuSchG), in ihrem Ver­hält­nis zur Gemein­schaft und zur Rechts­ord­nung alters­be­dingt noch nicht gefes­tigt sind, sol­len Rege­lun­gen des Jugend­schut­zes Gefähr­dun­gen der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung ent­ge­gen­wir­ken. Sie sol­len im Rah­men des Mög­li­chen äuße­re Bedin­gun­gen für eine cha­rak­ter­li­che Ent­wick­lung von Min­der­jäh­ri­gen schaf­fen, die zu Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen führt, die sich an dem Men­schen­bild des Grund­ge­set­zes ori­en­tie­ren. Die­ses Ziel wird durch Medi­en gefähr­det, die ein damit in Wider­spruch ste­hen­des Wer­te­bild ver­mit­teln, wenn zu besor­gen ist, dass die­se Medi­en­in­hal­te Min­der­jäh­ri­ge beein­flus­sen, d.h. ihrer sozi­al-ethi­schen Des­ori­en­tie­rung Vor­schub leis­ten.

Nach dem Wort­laut des § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG reicht die Eig­nung des Trä­ger- oder Tele­me­di­ums zu einer der­art bestimm­ten Jugend­ge­fähr­dung aus. Sie ist anzu­neh­men, wenn die Inhal­te des Medi­ums oder die Art und Wei­se sei­ner Dar­stel­lun­gen von dem Wer­te­bild des Grund­ge­set­zes der­art abwei­chen, dass Beein­träch­ti­gun­gen der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung hier­für emp­fäng­li­cher Min­der­jäh­ri­ger ernst­haft mög­lich erschei­nen. Es muss gute Grün­de für die Ein­schät­zung geben, dass die­se Min­der­jäh­ri­gen Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen ent­wi­ckeln, die auch auf den sozi­al-ethisch des­ori­en­tie­ren­den Inhalt des Medi­ums zurück­zu­füh­ren sind. Ob ein der­ar­ti­ger Wir­kungs­zu­sam­men­hang nahe liegt, ist auf der Grund­la­ge der aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se zu beur­tei­len. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die erfor­der­li­chen Wer­tun­gen nicht auf gesi­cher­te wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se über die Wir­kungs­macht von Medi­en, ins­be­son­de­re von Schrif­ten, gestützt wer­den kön­nen; die bestehen­den Unge­wiss­hei­ten nimmt der Bun­des­ge­setz­ge­ber hin [17].

Ob ein Trä­ger- oder Tele­me­di­um die Vor­aus­set­zun­gen des § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG erfüllt, bemisst sich nach dem Maß­stab gefähr­dungs­ge­neig­ter, weil für die Inhal­te des Medi­ums emp­fäng­li­cher Min­der­jäh­ri­ger. Dies sind Per­so­nen unter 18 Jah­ren, die auf­grund von Ver­an­la­gung, Geschlecht, Erzie­hung oder ihrer Lebens­um­stän­de Gefahr lau­fen, durch die inkri­mi­nier­ten Inhal­te in sozi­al-ethi­sche Ver­wir­rung gestürzt zu wer­den. Die Gefähr­dungs­nei­gung kann sich aus dem Her­an­wach­sen in einem sozia­len Milieu erge­ben, das durch bestimm­te Lebens­ver­hält­nis­se oder Anschau­un­gen cha­rak­te­ri­siert ist. Ande­re Min­der­jäh­ri­ge blei­ben bei der Beur­tei­lung der jugend­ge­fähr­den­den Wir­kun­gen außer Betracht [18].

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Eig­nung eines Medi­ums zur sozi­al-ethi­schen Des­ori­en­tie­rung gefähr­dungs­ge­neig­ter Min­der­jäh­ri­ger wer­den durch die Regel­bei­spie­le des § 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG ver­deut­licht. Von einem Medi­um geht eine ver­ro­hen­de Wir­kung aus, wenn es nach Inhalt oder Art der Dar­stel­lung geeig­net ist, bei sol­chen Min­der­jäh­ri­gen nega­ti­ve Eigen­schaf­ten wie Sadis­mus, Gewalt­tä­tig­keit oder Gefühl­lo­sig­keit gegen­über ande­ren zu för­dern [19]. Ein Medi­um ver­mit­telt Anrei­ze zu Gewalt­tä­tig­keit, wenn Nach­ah­mungs­ef­fek­te zu befürch­ten sind, weil sich gefähr­dungs­ge­neig­te Min­der­jäh­ri­ge die beschrie­be­nen gewalt­tä­ti­gen Akteu­re zum Vor­bild neh­men. Ein Anreiz zu Ver­bre­chen ist anzu­neh­men, wenn der Unwert- bzw. Unrechts­ge­halt dar­ge­stell­ter kri­mi­nel­ler Hand­lun­gen nicht hin­rei­chend deut­lich wird und eine beja­hen­de Ten­denz gegen­über Straf­ta­ten zum Aus­druck gebracht wird [20].

Nach alle­dem macht die Anwen­dung des § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG drei Prü­fungs­schrit­te erfor­der­lich: Zunächst muss der Aus­sa­ge­ge­halt des Medi­ums bestimmt wer­den. Dabei muss der gesam­te Inhalt der dar­auf befind­li­chen Wer­ke, d.h. deren Tex­te, Bil­der, Töne und ihr Zusam­men­wir­ken, ein­be­zo­gen wer­den. Ent­schei­dend ist eine wer­ten­de Gesamt­be­trach­tung der Inhal­te. Besteht das Medi­um aus meh­re­ren eigen­stän­di­gen Wer­ken, muss zunächst fest­ge­stellt wer­den, aus wel­chen Grün­den bestimm­te Wer­ke oder Pas­sa­gen eines Werks für sich genom­men Inhal­te haben, die dem Wer­te­bild des Grund­ge­set­zes ein­deu­tig wider­spre­chen. Im Anschluss dar­an muss beur­teilt wer­den, ob die inkri­mi­nier­ten Wer­ke und Pas­sa­gen in Bezug auf den Aus­sa­ge­ge­halt des gesam­ten Medi­ums ins Gewicht fal­len. Dies bedeu­tet, dass eigen­stän­di­ge Wer­ke eines Medi­ums, die für sich genom­men unbe­denk­lich sind, von der Indi­zie­rung erfasst wer­den, wenn von dem Medi­um nach der wer­ten­den Gesamt­be­trach­tung jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen aus­ge­hen [21]. Von dem Aus­sa­ge­ge­halt eines Medi­ums kön­nen ins­be­son­de­re dann jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen aus­ge­hen, wenn die­ses die Bot­schaft ver­mit­telt, Empa­thie und Soli­da­ri­tät mit ande­ren, ins­be­son­de­re Schwä­che­ren und Ange­hö­ri­gen von Min­der­hei­ten, stel­len eine hin­der­li­che Schwä­che dar, sodass skru­pel­los kri­mi­nel­les Ver­hal­ten erstre­bens­wert sei und Per­so­nen mit ande­ren Auf­fas­sun­gen oder Lebens­wei­sen mit Gewalt bekämpft oder ver­ächt­lich gemacht wer­den könn­ten.

Da die­se Inter­pre­ta­tio­nen mit Blick auf die für das Medi­um emp­fäng­li­chen Min­der­jäh­ri­gen vor­ge­nom­men wer­den müs­sen, muss die­ser Per­so­nen­kreis bestimmt wer­den. Um das Gefähr­dungs­po­ten­zi­al eines abgrenz­ba­ren sozia­len Umfelds zu beur­tei­len, müs­sen die dort vor­herr­schen­den Anschau­un­gen und Ver­hal­tens­wei­sen, mit denen Min­der­jäh­ri­ge kon­fron­tiert wer­den, Per­so­nen, die sich als Vor­bil­der anbie­ten, und der typi­sche Medi­en­kon­sum der Min­der­jäh­ri­gen fest­ge­stellt wer­den. Es gilt, typi­sche Lebens­um­stän­de fest­zu­stel­len, die einen im Wesent­li­chen gleich­ar­ti­gen Rah­men für das all­täg­li­che Leben Min­der­jäh­ri­ger bil­den und sich von anders gela­ger­ten Lebens­um­stän­den deut­lich unter­schei­den.

Dar­an schließt sich die Beur­tei­lung an, ob durch das Medi­um eine sozi­al-ethi­sche Des­ori­en­tie­rung der gefähr­dungs­ge­neig­ten, weil hier­für nach Ver­an­la­gung, Geschlecht, Erzie­hung oder Lebens­um­stän­den emp­fäng­li­chen Min­der­jäh­ri­gen begrün­det oder ver­fes­tigt wer­den kann. Es muss ein­ge­schätzt wer­den, ob sol­che Min­der­jäh­ri­gen die inkri­mi­nier­ten Inhal­te des Medi­ums ernst neh­men, d.h. ob und inwie­weit ihre Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen davon beein­flusst wer­den kön­nen. Dabei sind die aktu­el­len Anschau­un­gen zugrun­de zu legen, die in dem maß­ge­ben­den sozia­len Umfeld vor­herr­schen.

Die Erfül­lung der Vor­aus­set­zun­gen des § 18 Abs. 1 JuSchG reicht für die Auf­nah­me eines Trä­ger- oder Tele­me­di­ums in die Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en nicht aus, wenn es sich bei den Inhal­ten des Medi­ums um Kunst­wer­ke han­delt. Dies kommt in § 18 Abs. 3 Nr. 2 JuSchG zum Aus­druck, wonach ein Medi­um nicht in die Lis­te auf­ge­nom­men wer­den darf, wenn es der Kunst dient. Maß­ge­bend ist der Kunst­be­griff des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG. Er umfasst die freie schöp­fe­ri­sche Gestal­tung, durch die Künst­ler Ein­drü­cke, Erfah­run­gen oder Erleb­nis­se durch das Medi­um einer bestimm­ten For­men­spra­che zum Aus­druck brin­gen. Geschützt ist die künst­le­ri­sche Betä­ti­gung, d.h. der Schaf­fens­pro­zess (Werk­be­reich), sowie die Dar­stel­lung und Ver­brei­tung des Kunst­werks (Wirk­be­reich). Der Grund­rechts­schutz gewähr­leis­tet die Frei­heit der künst­le­ri­schen The­men­wahl und ‑gestal­tung. Die Kunst­ei­gen­schaft eines Werks ist aus­schließ­lich auf­grund der Aus­drucks­for­men zu beur­tei­len. Sie ist auch dann gege­ben, wenn das Werk in Kon­flikt mit Rech­ten ande­rer oder ande­ren geschütz­ten Rechts­gü­tern steht [22]. Trä­ger des Grund­rechts sind auch Per­so­nen, die frem­de Kunst­wer­ke ver­viel­fäl­ti­gen, ver­öf­fent­li­chen oder auf sons­ti­ge Wei­se ver­brei­ten (Kunst­ver­mitt­ler) [23].

Dem­entspre­chend stel­len die Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­te, die durch die Auf­nah­me eines Trä­ger- oder Tele­me­di­ums in die Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en aus­ge­löst wer­den, Ein­grif­fe in den Wirk­be­reich der Kunst­frei­heit der Urhe­ber und in die Betä­ti­gungs­frei­heit der Kunst­ver­mitt­ler dar. Aller­dings folgt aus der Kunst­frei­heit kein Indi­zie­rungs­ver­bot für jugend­ge­fähr­den­de Medi­en. Das Grund­recht kann unge­ach­tet sei­ner vor­be­halt­lo­sen Gewähr­leis­tung durch ande­re grund­ge­setz­lich ver­an­ker­te Rechts­gü­ter beschränkt wer­den. Hier­zu gehört der Jugend­schutz, wie er unter ande­rem durch die Indi­zie­rungs­vor­aus­set­zun­gen nach Maß­ga­be des § 18 Abs. 1 JuSchG kon­kre­ti­siert wird. Maß­nah­men zum Schutz Min­der­jäh­ri­ger vor sozi­al-ethisch des­ori­en­tie­ren­den Inhal­ten haben ihre Grund­la­ge in dem Grund­recht auf Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit nach Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG. Dar­über hin­aus sol­len sie Eltern und ande­re Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­te von Min­der­jäh­ri­gen bei der Wahr­neh­mung ihres Erzie­hungs­auf­trags unter­stüt­zen [24].

Der Kon­flikt zwi­schen den grund­ge­setz­lich geschütz­ten Rechts­gü­tern Jugend­schutz und Kunst­frei­heit erfor­dert eine Abwä­gung, von deren Ergeb­nis die Auf­nah­me eines Trä­ger- oder Tele­me­di­ums in die Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en abhängt. Es kommt dar­auf an, ob es die Kunst­frei­heit auf­grund des Gehalts und der Bedeu­tung der Kunst­wer­ke des Medi­ums recht­fer­tigt, sei­ne unge­hin­der­te Ver­brei­tung trotz der jugend­ge­fähr­den­den Wir­kun­gen der Kunst zuzu­las­sen. Hier­für sind alle tat­säch­li­chen Umstän­de zu ermit­teln, die von Bedeu­tung sind, um das bei­den Rechts­gü­tern im jewei­li­gen Ein­zel­fall objek­tiv zukom­men­de Gewicht bestim­men zu kön­nen. Die rechts­feh­ler­freie Ent­schei­dung über den Vor­rang setzt die Gewich­tung auf der Grund­la­ge eines rich­tig und voll­stän­dig ermit­tel­ten Sach­ver­halts vor­aus [25].

Die Fest­stel­lung und Gewich­tung der jugend­ge­fähr­den­den Wir­kun­gen von Kunst­wer­ken wird durch das dar­ge­stell­te Rege­lungs­kon­zept des § 18 Abs. 1 JuSchG vor­ge­ge­ben. Zur Gewich­tung der Kunst­frei­heit ist es erfor­der­lich, den künst­le­ri­schen Gehalt des Werks zu bestim­men. Die damit not­wen­di­ger­wei­se ver­bun­de­ne Bewer­tung künst­le­ri­scher Gestal­tungs- und Aus­drucks­for­men ist unver­zicht­bar, um den in Kon­flikt ste­hen­den grund­ge­setz­lich geschütz­ten Rechts­gü­tern glei­cher­ma­ßen gerecht zu wer­den [26]. Dabei muss berück­sich­tigt wer­den, dass die Kunst­frei­heit auch die Wahl jugend­ge­fähr­den­der, ins­be­son­de­re Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung umfas­sen­der The­men sowie deren Be- und Ver­ar­bei­tung nach der vom Künst­ler gewähl­ten Dar­stel­lungs­art umfasst. Für das Gewicht der Kunst­frei­heit ist von Bedeu­tung, ob die jugend­ge­fähr­den­den Inhal­te Bestand­teil der inten­dier­ten Wir­kungs­wei­se des Kunst­werks sind. Hier­für muss fest­ge­stellt und bewer­tet wer­den, ob sie mit Mit­teln der schöp­fe­ri­schen Gestal­tung aus­ge­formt und in die Gesamt­kon­zep­ti­on des Kunst­werks ein­ge­bet­tet sind. Künst­ler müs­sen der­ar­ti­ge Aus­drucks­for­men als künst­le­ri­sche Stil­mit­tel ein­set­zen, um eine bestimm­te Aus­sa­ge zu tref­fen oder einen Schluss nahe zu legen [27].

Mit dem dar­ge­stell­ten Inhalt gewähr­leis­ten die gesetz­li­chen Rege­lun­gen über die Indi­zie­rung von Kunst­wer­ken nach § 18 Abs. 1 Satz 1 und 2, Abs. 3 Nr. 2 JuSchG einen ange­mes­se­nen Aus­gleich von Jugend­schutz und Kunst­frei­heit. Daher ver­sto­ßen die an die Indi­zie­rung anknüp­fen­den Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­te nach § 15 JuSchG nicht gegen das Grund­recht der Kunst­frei­heit nach Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG. Sie sind nach wie vor geeig­net und erfor­der­lich, um Gefähr­dun­gen der Ent­wick­lung von Min­der­jäh­ri­gen zu einer eigen­ver­ant­wort­li­chen und gemein­schafts­fä­hi­gen Per­sön­lich­keit durch sozi­al-ethi­sche Des­ori­en­tie­rung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die ange­mes­se­ne Berück­sich­ti­gung der Kunst­frei­heit mit dem ihr objek­tiv zukom­men­den Gewicht wird durch das Erfor­der­nis der fall­be­zo­ge­nen Abwä­gung sicher­ge­stellt.

Bei der Beur­tei­lung der Eig­nung und Erfor­der­lich­keit gene­rel­ler Maß­nah­men des Jugend­schut­zes steht dem Gesetz­ge­ber ein Ein­schät­zungs­spiel­raum zu. Es obliegt ihm, die Dring­lich­keit der Gefah­ren für die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung Min­der­jäh­ri­ger und den all­ge­mei­nen Hand­lungs­be­darf ein­zu­schät­zen und davon aus­ge­hend Maß­nah­men fest­zu­le­gen, die er für sinn­voll hält, um den von ihm erkann­ten Gefah­ren­la­gen zu begeg­nen. Die­ser Spiel­raum ist regel­mä­ßig erst über­schrit­ten, wenn die gesetz­ge­be­ri­schen Erwä­gun­gen offen­sicht­lich nicht ver­tret­bar sind, weil sie bei ver­nünf­ti­ger Betrach­tung bereits die Annah­me eines Hand­lungs­be­darfs oder die fest­ge­leg­ten Maß­nah­men nicht tra­gen kön­nen. Nur unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kön­nen die­se Maß­nah­men als unge­eig­net zur Errei­chung des Schutz­zwecks ange­se­hen wer­den [28]. Die Maß­nah­men sind nicht erfor­der­lich, wenn ein­deu­tig fest­steht, dass der Gesetz­ge­ber gleich wirk­sa­me, aber scho­nen­de­re Maß­nah­men zur Gefah­ren­ab­wehr außer Acht gelas­sen hat [29].

Danach gebie­tet der Schutz der Kunst­frei­heit nach Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG nicht, die Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­te für Kunst­wer­ke von dem wis­sen­schaft­lich-empi­ri­schen Nach­weis abhän­gig zu machen, dass von Wer­ken der jewei­li­gen Kunst­gat­tung ein schäd­li­cher Ein­fluss auf Min­der­jäh­ri­ge aus­ge­hen kann. Viel­mehr reicht aus, dass dies nach dem Stand der Wis­sen­schaft ernst­haft mög­lich ist. Dies gilt umso mehr, als es im Bereich des Jugend­schut­zes um lang­fris­tig wirk­sa­me Ein­flüs­se geht, die von der Dau­er und Häu­fig­keit des Medi­en­kon­sums abhän­gen. Aus die­sem Grund hält sich die Ein­schät­zung des Gesetz­ge­bers, die Indi­zie­rung lite­ra­ri­scher Wer­ke zu ermög­li­chen, im Rah­men des ihm vom Grund­ge­setz eröff­ne­ten Spiel­raums [30]. Dies gilt erst recht für die Tex­te von Musik des Gangs­ta-Rap, weil sich die­se Kunst­gat­tung typi­scher­wei­se auch an Min­der­jäh­ri­ge wen­det und in einem spe­zi­fi­schen sozia­len und kul­tu­rel­len Zusam­men­hang steht. Das Zwöl­fer-Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le hat in den Grün­den des Indi­zie­rungs­be­scheids vom 09.04.2015 auf wis­sen­schaft­li­che Stel­lung­nah­men ver­wie­sen, die beja­hen, dass von Tex­ten von Rap­mu­sik jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen aus­ge­hen kön­nen.

Auch sind Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­te von Trä­ger­me­di­en im Sin­ne von § 1 Abs. 2 Satz 1 JuSchG, d.h. Medi­en mit Tex­ten, Bil­dern oder Tönen auf gegen­ständ­li­chen Trä­gern, als Mit­tel des Jugend­schut­zes nicht des­halb unge­eig­net gewor­den, weil sich Min­der­jäh­ri­ge indi­zier­te Wer­ke im Inter­net beschaf­fen kön­nen. Zwar weist der Jugend­schutz im Inter­net erheb­li­che Lücken auf. Die­se sind dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass die Betrei­ber von Inter­net­platt­for­men kei­ne Pflicht zur Prü­fung der Inhal­te trifft, die sie für einen Nut­zer spei­chern. Sie sind nur dann ver­pflich­tet, gegen die Ver­brei­tung von Inhal­ten vor­zu­ge­hen, wenn sie von der kon­kre­ten Infor­ma­ti­on und deren Rechts­wid­rig­keit Kennt­nis erlangt haben (vgl. § 10 des Tele­me­di­en­ge­set­zes in der Fas­sung vom 31.05.2010, BGBl. I S. 692 – TMG; zum Gan­zen Spind­ler, in: Spindler/​Schmitz, Tele­me­di­en­ge­setz, 2. Aufl.2018, § 10 TMG Rn. 24 ff.). Hin­zu kommt, dass vie­le Betrei­ber von Inter­net­platt­for­men ihren Sitz außer­halb des Gebiets der Euro­päi­schen Uni­on haben, was den deut­schen Behör­den erheb­lich erschwert, die Beach­tung von Rechts­pflich­ten durch­zu­set­zen.

Die durch das Inter­net ent­stan­de­nen Schutz­lü­cken machen die vor­han­de­nen Schutz­vor­keh­run­gen aber nicht gene­rell unge­eig­net. Sie haben neben den Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­ten nach § 15 JuSchG zur Fol­ge, dass Rund­funk­sen­dun­gen und Inhal­te von Tele­me­di­en unzu­läs­sig sind, wenn sie mit dem indi­zier­ten Medi­um ganz oder im Wesent­li­chen inhalts­gleich sind (§ 4 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2, § 3 Nr. 1 des Jugend­me­di­en­schutz-Staats­ver­trags vom 20.11.2009, JMStV). Dies gilt für Tele­me­di­en nur dann nicht, wenn der Anbie­ter sicher­stellt, dass sie nur Erwach­se­nen zugäng­lich gemacht wer­den (§ 4 Abs. 2 Satz 2 JMStV). Dies erfor­dert die Instal­la­ti­on eines Alters­ve­ri­fi­ka­ti­ons­sys­tems, das den Zugang von Kin­dern und Jugend­li­chen ver­hin­dert [31].

Ange­sichts der grund­ge­setz­li­chen Gewähr­leis­tung des Schut­zes der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung Min­der­jäh­ri­ger ist der Gesetz­ge­ber nicht ver­pflich­tet, bewähr­te und wir­kungs­vol­le Maß­nah­men des Jugend­schut­zes wegen des unzu­läng­li­chen Schut­zes im Inter­net auf­zu­he­ben und letzt­end­lich den mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­ten Jugend­schutz gene­rell auf­zu­ge­ben. Viel­mehr muss er sich bemü­hen, Schutz­lü­cken zu schlie­ßen.

Hin­zu kommt, dass die Auf­nah­me von Trä­ger- und Tele­me­di­en in die Lis­te jugend­ge­fähr­den­der Medi­en schon vom Ansatz her nicht dar­auf ange­legt sind, eine lücken­lo­se Zugangs­sper­re für Min­der­jäh­ri­ge zu schaf­fen. Die Indi­zie­rung kann erst aus­ge­spro­chen wer­den, wenn das Medi­um ver­öf­fent­licht ist. Auch setzt die Ein­lei­tung des Indi­zie­rungs­ver­fah­rens durch die Bun­des­prüf­stel­le einen Antrag oder doch eine Anre­gung vor­aus (§ 21 Abs. 1, Abs. 2 und 4 JuSchG). Schließ­lich stellt die Indi­zie­rung den Vor­rang des Erzie­hungs­rechts nach Art. 6 Abs. 2 GG grund­sätz­lich nicht in Fra­ge. Danach haben in ers­ter Linie die Eltern oder sons­ti­gen Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten im Rah­men ihres Erzie­hungs­auf­trags dar­über zu befin­den, wel­che Ein­flüs­se sie von den ihnen anver­trau­ten Min­der­jäh­ri­gen fern­zu­hal­ten ver­su­chen. Ver­brei­tungs­ver­bo­te und Zugangs­hin­der­nis­se grei­fen nicht, wenn sich die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten dafür ent­schei­den, Min­der­jäh­ri­gen den Besitz eines jugend­ge­fähr­den­den Medi­ums oder die Kennt­nis sei­ner Inhal­te zu gestat­ten oder dies jeden­falls hin­zu­neh­men. Die Gren­ze stellt erst die gröb­li­che Ver­let­zung der Erzie­hungs­pflicht dar (§ 27 Abs. 4 Satz 1 und 2 JuSchG).

Der ange­mes­se­ne Aus­gleich von Jugend­schutz und Kunst­frei­heit wird nicht dadurch in Fra­ge gestellt, dass die Indi­zie­rung eines Trä­ger- oder Tele­me­di­ums auf­grund einer wer­ten­den Gesamt­be­trach­tung der Inhal­te nach § 18 Abs. 1 JuSchG ein­zel­ne nicht inkri­mi­nier­te Kunst­wer­ke des Medi­ums erfasst. Dies ist die unver­meid­ba­re Kehr­sei­te des Rechts von Künst­lern und Ver­trei­bern, den Inhalt des von ihnen ver­öf­fent­lich­ten Medi­ums eigen­ver­ant­wort­lich zu bestim­men.

Die Anwen­dung der Indi­zie­rungs­re­ge­lun­gen nach § 18 Abs. 1 Satz 1 und 2, Abs. 3 Nr. 2 JuSchG auf den fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt ergibt, dass von dem Album „B…“ jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen aus­ge­hen, deren Ein­däm­mung durch die gesetz­li­chen Ver­brei­tungs- und Wer­be­ver­bo­te Vor­rang vor der Kunst­frei­heit ein­zu­räu­men ist.

Es liegt auf der Hand, dass die Fest­stel­lun­gen zur jugend­ge­fähr­den­den Wir­kung und zum Kunst­ge­halt der Inhal­te eines Trä­ger- oder Tele­me­di­ums sowie die dar­auf beru­hen­den wer­ten­den Ein­schät­zun­gen eine beson­de­re Exper­ti­se erfor­dern. Dem hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber dadurch Rech­nung getra­gen, dass er die Zustän­dig­keit für Indi­zie­rungs­ent­schei­dun­gen dem Zwöl­fer-Gre­mi­um über­tra­gen hat, das auf­grund der gesetz­li­chen Vor­ga­ben für sei­ne per­so­nel­le Zusam­men­set­zung über eine Band­brei­te an spe­zi­el­lem Fach­wis­sen und prak­ti­schen Erfah­run­gen auf dem Gebiet Jugend­schutz und Kunst ver­fügt. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Vor­ga­be, dass acht, d.h. zwei Drit­tel der an der Ent­schei­dung betei­lig­ten Mit­glie­der des Gre­mi­ums von Fach­krei­sen ent­sandt wer­den (§ 19 Abs. 5 Satz 1, Abs. 2, § 20 JuSchG). Die Wei­sungs­un­ab­hän­gig­keit der Mit­glie­der gewähr­leis­tet, dass deren Sach­kun­de und Erfah­run­gen in die Ent­schei­dungs­fin­dung ein­flie­ßen (§ 19 Abs. 4 JuSchG). Durch die Erfor­der­nis­se eines Beset­zungs­quo­rums und vor allem einer qua­li­fi­zier­ten Mehr­heit sind Indi­zie­rungs­ent­schei­dun­gen mit einer erhöh­ten Rich­tig­keits­ge­währ aus­ge­stat­tet (§ 19 Abs. 6 Satz 1 und 2 JuSchG).

Auf­grund die­ser gesetz­li­chen Rege­lun­gen ist es gerecht­fer­tigt, das Zwöl­fer-Gre­mi­um einer Sach­ver­stän­di­gen­kom­mis­si­on gleich­zu­stel­len. Dies gilt sowohl für die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen, die sei­nen Indi­zie­rungs­ent­schei­dun­gen zugrun­de lie­gen, als auch für die wer­ten­den Ein­schät­zun­gen, die es aus den fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen zieht. Inso­weit hält das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an der letzt­mals im Jahr 2017 bestä­tig­ten Recht­spre­chung fest [32].

Dem­entspre­chend ver­mit­teln die Fest­stel­lun­gen und die dar­auf beru­hen­den Wer­tun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums zur Jugend­ge­fähr­dung nach § 18 Abs. 1 JuSchG sowie zur Kunst­ei­gen­schaft eines Werks und des­sen künst­le­ri­schem Gehalt den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten die Grund­la­gen für die rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung. Sie kön­nen für die gericht­li­che Ent­schei­dungs­fin­dung nach den ver­wal­tungs­pro­zes­sua­len Regeln des Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses ver­wer­tet wer­den. Dem­entspre­chend sind die Ver­wal­tungs­ge­rich­te grund­sätz­lich berech­tigt und ver­pflich­tet, die von beson­de­rer Sach­kun­de getra­ge­nen Erkennt­nis­se des Zwöl­fer-Gre­mi­ums ohne wei­te­re Sach­auf­klä­rung zugrun­de zu legen. Es genügt nicht, dass sie der Rap­per durch Gegen­vor­brin­gen in Fra­ge stellt [32].

Nach den Regeln des Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses gilt dies nicht, wenn begrün­de­ter Anlass zu Zwei­feln an der Sach­kun­de oder Unpar­tei­lich­keit von Mit­glie­dern des Zwöl­fer-Gre­mi­ums besteht, des­sen Erkennt­nis­se auf einem unrich­ti­gen oder unvoll­stän­di­gen Sach­ver­halt beru­hen, erkenn­bar inhalt­li­che Wider­sprü­che auf­wei­sen oder nicht nach­voll­zieh­bar sind [33]. Eine unzu­rei­chen­de Sach­auf­klä­rung ist etwa dann anzu­neh­men, wenn das Zwöl­fer-Gre­mi­um ent­we­der sei­ne Fest­stel­lun­gen zu all­ge­mei­nen Tat­sa­chen wie den Merk­ma­len zur Bestim­mung des Krei­ses gefähr­dungs­ge­neig­ter Min­der­jäh­ri­ger und den zu erwar­ten­den Ein­flüs­sen inkri­mi­nier­ter Medi­en auf die­se Min­der­jäh­ri­gen oder die dar­auf beru­hen­den Wer­tun­gen nicht hin­rei­chend fun­diert, d.h. durch wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chun­gen, Erfah­rungs­be­rich­te oder sta­tis­ti­sche Erhe­bun­gen belegt hat. Auch kann die fach­li­che Rich­tig­keit der Aus­sa­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums durch fach­gut­acht­li­che Äuße­run­gen, etwa durch ein von einem Betrof­fe­nen vor­ge­leg­tes Gut­ach­ten, erschüt­tert wer­den. Aller­dings reicht die Vor­la­ge eines Pri­vat­gut­ach­tens, das sich kri­tisch mit Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums befasst, für sich genom­men für eine Erschüt­te­rung nicht aus.

Dass das Album „B…“ die Vor­aus­set­zun­gen des § 18 Abs. 1 Satz 1 JuSchG für eine Jugend­ge­fähr­dung erfüllt, ergibt sich aus den Fest­stel­lun­gen und den dar­auf gestütz­ten wer­ten­den Ein­schät­zun­gen, die das Zwöl­fer-Gre­mi­um der Bun­des­prüf­stel­le in den Grün­den des Indi­zie­rungs­be­scheids vom 09.04.2015 in tat­säch­li­cher Hin­sicht getrof­fen hat. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kann die­se Grün­de bei der Ent­schei­dung über die Revi­si­on berück­sich­ti­gen. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass sie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in dem Beru­fungs­ur­teil nicht ver­wer­tet hat. Ent­schei­dend ist, dass die Grün­de zu dem Pro­zess­stoff des gericht­li­chen Ver­fah­rens gehö­ren, die Betei­lig­ten mit ihrer Ver­wer­tung auch im Revi­si­ons­ver­fah­ren haben rech­nen müs­sen, weil der Indi­zie­rungs­be­scheid vom 09.04.2015 Streit­ge­gen­stand der Anfech­tungs­kla­ge ist, und sie kei­ne Ver­fah­rens- oder Gegen­rü­gen erho­ben haben [34].

Die Grün­de des Indi­zie­rungs­be­scheids las­sen erken­nen, dass das Vor­ge­hen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums den Anfor­de­run­gen des § 18 Abs. 1 JuSchG genügt hat: Es hat den Aus­sa­ge­ge­halt des Albums „B…“ bestimmt, indem es durch Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te der Titel einen Gesamt­ein­druck gewon­nen, auf der Grund­la­ge wis­sen­schaft­li­cher Unter­su­chun­gen und Erfah­rungs­be­rich­te sowie eige­ner Exper­ti­se den Kreis der für Gangs­ta-Rap emp­fäng­li­chen Min­der­jäh­ri­gen abge­grenzt und die Wir­kun­gen der Titel des Albums auf die­se Min­der­jäh­ri­gen beur­teilt hat.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums sind die Tex­te der Titel mit Aus­nah­me des Titels Nr. 15 durch zwei immer wie­der­keh­ren­de The­men­be­rei­che geprägt: Zum einen wer­de der kri­mi­nel­le Lebens­stil des Gangs­ter­bos­ses „B…“ beschrie­ben. Die­ser sei durch die offe­ne Bege­hung schwe­rer Straf­ta­ten wie etwa Dro­gen­han­del in Schu­len, eine unein­ge­schränk­te Gewalt­be­reit­schaft und den skru­pel­lo­sen Ein­satz bru­ta­ler Gewalt aus belie­bi­gen Anläs­sen gekenn­zeich­net. Gewalt stel­le für „B…“ das ein­zi­ge Mit­tel der Pro­blem­lö­sung dar. Sie die­ne dazu, ande­re ein­zu­schüch­tern und zu demü­ti­gen und auf die­se Wei­se die Stel­lung von „B…“ als unan­tast­ba­ren Gangs­ter­boss zu sichern. Rück­sichts­lo­ses Vor­ge­hen ohne jede Empa­thie mit ande­ren wer­de als Erfolgs­mo­dell dar­ge­stellt; Opfer der Gewalt „Bs…“ wür­den ver­ächt­lich gemacht. Zum ande­ren sei­en die Tex­te mit frau­en­feind­li­chen und homo­pho­ben Äuße­run­gen in vul­gär-belei­di­gen­der Spra­che durch­setzt. „B…“ sehe Frau­en aus­schließ­lich als Sex­ob­jek­te an und habe für Homo­se­xu­el­le nur Ver­ach­tung übrig. Die Tex­te ent­hiel­ten kei­ne Pas­sa­gen, die als Distan­zie­rung oder Ver­frem­dung die­ser Aus­sa­gen gedeu­tet wer­den könn­ten. Viel­mehr ver­mit­tel­ten sie durch­ge­hend die Bot­schaft, ein rück­sichts­lo­ses Vor­ge­hen ohne jede Empa­thie mit ande­ren füh­re zum Erfolg, ins­be­son­de­re zu Reich­tum. Ein kri­mi­nel­ler Lebens­stil, geprägt durch die Bereit­schaft, jeder­zeit schwe­re Straf­ta­ten zu bege­hen und bru­ta­le Gewalt ein­zu­set­zen, wer­de als erstre­bens­wert dar­ge­stellt. Zu die­sem Lebens­stil gehö­re, Frau­en und Homo­se­xu­el­le zu demü­ti­gen und ver­ächt­lich zu machen. Daher sei­en die Tex­te geeig­net, ein gesell­schaft­li­ches Kli­ma der Gewalt und der Feind­se­lig­keit zu för­dern. Der Musik hat das Zwöl­fer-Gre­mi­um kei­ne Bedeu­tung für die Beur­tei­lung des Aus­sa­ge­ge­halts des Albums bei­gemes­sen.

In Bezug auf den Kreis der für das Album „B…“ emp­fäng­li­chen Min­der­jäh­ri­gen hat das Zwöl­fer-Gre­mi­um fest­ge­stellt, Gangs­ta-Rap wer­de auch, wenn nicht sogar beson­ders bevor­zugt, von Kin­dern und Jugend­li­chen aus bil­dungs­fer­nen Bevöl­ke­rungs­krei­sen gehört. Die Bot­schaf­ten des Albums könn­ten ins­be­son­de­re Min­der­jäh­ri­ge sozi­al-ethisch des­ori­en­tie­ren, die in einer Umge­bung leben, in der patri­ar­cha­li­sche Ver­hält­nis­se vor­herrsch­ten und homo­pho­be Grund­ein­stel­lun­gen zu fin­den sei­en. Das Zwöl­fer-Gre­mi­um hat es als sehr wahr­schein­lich ein­ge­schätzt, dass Min­der­jäh­ri­ge aus einem sol­chen sozia­len Umfeld den auf Demü­ti­gung und Ernied­ri­gung abzie­len­den vul­gä­ren Wort­schatz der Tex­te in Bezug auf Frau­en und Homo­se­xu­el­le über­näh­men, ihre Ein­stel­lun­gen gegen­über die­sen Grup­pen und Schwä­che­ren dar­an ori­en­tier­ten sowie Kri­mi­na­li­tät, bru­ta­le Gewalt und das völ­li­ge Feh­len von Empa­thie als Mit­tel akzep­tier­ten, um Zie­le zu errei­chen. Auch eine durch­ge­hen­de Ver­ro­hung der Spra­che sei geeig­net, die Hemm­schwel­len für rea­le Gewalt­an­wen­dung her­ab­zu­set­zen. „B…“ kom­me Vor­bild­wir­kung zu, weil es sich erkenn­bar um ein Pseud­onym des Rap­pers han­de­le.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kann die­se Fest­stel­lun­gen und die dar­auf beru­hen­den wer­ten­den Ein­schät­zun­gen sei­ner recht­li­chen Wür­di­gung nach den Regeln des Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses zugrun­de legen. Es bestehen kei­ne Anhalts­punk­te, dass sie auf einem unrich­ti­gen oder unvoll­stän­di­gen Sach­ver­halt beru­hen. Auch ent­hal­ten sie weder Wider­sprü­che noch sind die Schluss­fol­ge­run­gen erkenn­bar nicht nach­voll­zieh­bar. Der Rap­per hat die sach­kun­di­gen Aus­sa­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums in den Tat­sa­chen­in­stan­zen nicht durch fach­gut­acht­li­che Gegen­äu­ße­run­gen erschüt­tert.

Die Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te des Albums durch das Zwöl­fer-Gre­mi­um drängt sich auf. Die Titel Nr. 1 bis 14 pro­pa­gie­ren die Vor­zü­ge des kri­mi­nel­len und auf bru­ta­ler Gewalt beru­hen­den Lebens­stils von „B…“ und eine abschät­zi­ge, in vul­gä­ren Belei­di­gun­gen geäu­ßer­te Ein­stel­lung gegen­über Frau­en und Homo­se­xu­el­len. Die Aus­sa­gen der Titel Nr. 1 bis 14 des Albums sind unmiss­ver­ständ­lich; Ansatz­punk­te für rela­ti­vie­ren­de Inter­pre­ta­tio­nen sind nicht erkenn­bar.

Das Zwöl­fer-Gre­mi­um hat sowohl die Bestim­mung des Krei­ses der gefähr­dungs­ge­neig­ten Min­der­jäh­ri­gen durch die Bestim­mung eines abgrenz­ba­ren sozia­len Umfelds als auch die Ein­schät­zung der sozi­al-ethisch des­ori­en­tie­ren­den Wir­kun­gen des Albums auf die­se Min­der­jäh­ri­gen auf eine hin­rei­chend fun­dier­te Tat­sa­chen­ba­sis gestützt. Es hat sich für den Wir­kungs­zu­sam­men­hang ins­be­son­de­re auf wis­sen­schaft­li­che Quel­len beru­fen, die einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Kon­sum von Rap-Musik und der Akzep­tanz von Gewalt und von Kri­mi­na­li­tät her­stel­len. Die aus­ge­wer­te­ten wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chun­gen und Erfah­rungs­be­rich­te tra­gen die Ein­schät­zung, es sei wahr­schein­lich, dass gefähr­dungs­ge­neig­te Min­der­jäh­ri­ge die aus­schließ­lich vul­gär-belei­di­gen­de Spra­che ins­be­son­de­re in Bezug auf Frau­en und Homo­se­xu­el­le nicht nur in ihren Wort­schatz über­neh­men, son­dern ihre Ein­stel­lung und ihr Ver­hal­ten dar­an ori­en­tier­ten. Glei­ches gilt für den völ­lig unkri­tisch dar­ge­stell­ten Lebens­stil von „B…“, der sich durch Ein­schüch­te­run­gen und Demü­ti­gun­gen ande­rer, will­kür­li­che und skru­pel­lo­se Anwen­dung bru­ta­ler Gewalt, offe­ne Bege­hung von Straf­ta­ten, ins­be­son­de­re Dro­gen­han­del, sowie durch das Feh­len jeg­li­cher Empa­thie aus­zeich­net. Dies berech­tigt auch zu der Annah­me, dass das Album die Vor­aus­set­zun­gen der Regel­bei­spie­le der ver­ro­hen­den Wir­kung sowie des Anrei­zes zu Gewalt­tä­tig­keit und Ver­bre­chen im Sin­ne von § 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG erfüllt.

Von der Figur „B…“ geht eine Vor­bild­wir­kung für gefähr­dungs­ge­neig­te Min­der­jäh­ri­ge aus, weil des­sen Hand­lun­gen und Äuße­run­gen aus der Sicht die­ser Min­der­jäh­ri­gen auf den Rap­per pro­ji­ziert wer­den kön­nen. Bei „B…“ han­delt es sich erkenn­bar um das alter ego des Rap­pers. So hat der Rap­per in dem Gespräch mit dem Gut­ach­ter Prof. Dr. H. vom 08.01.2016 ange­ge­ben, jeden­falls sei­nen Anhän­gern sei bekannt, dass er sich „B…“ als wei­te­ren sog. Ali­as-Namen neben „A…“ zuge­legt habe. Auch wer­den „B…“ in dem Album ver­schie­de­ne Ereig­nis­se aus dem Leben des Rap­pers zuge­schrie­ben. Zum ande­ren bezeich­net sich „B…“ in drei Titeln als nach­ah­mens­wer­tes Vor­bild für die Jugend (Titel Nr. 4: „Guck die Ghet­to­kids, sie neh­men mei­ne Lebens­wei­se an“; Nr. 6: „Aber ich bin wie ein Pries­ter für die Jugend“; Nr. 11: „Die Kids glau­ben mir aufs Wort, weil ich aus­drü­cke, was ich bin“).

Schließ­lich las­sen die Grün­de des Indi­zie­rungs­be­scheids erken­nen, dass das Zwöl­fer-Gre­mi­um die Musik des Albums bei sei­ner Beur­tei­lung der Wir­kun­gen nicht über­gan­gen hat. Dar­auf lässt etwa der Hin­weis schlie­ßen, dass die Titel des Albums wäh­rend der Sit­zung am 9.04.2015 aus­zugs­wei­se abge­spielt wur­den. Das Zwöl­fer-Gre­mi­um ist davon aus­ge­gan­gen, dass die Musik ange­sichts der Mas­si­vi­tät der Tex­te nicht geeig­net ist, deren jugend­ge­fähr­den­de Wir­kun­gen zu ver­stär­ken oder abzu­schwä­chen.

Die Ein­wän­de des Rap­pers sind nicht geeig­net, die Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums in Bezug auf die jugend­ge­fähr­den­de Wir­kung des Albums „B…“ zu erschüt­tern. Hier­für reicht die Kri­tik nicht aus, die der von dem Rap­per beauf­trag­te Gut­ach­ter Prof. Dr. H. an der Aus­wer­tung der wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chun­gen und Erfah­rungs­be­rich­te durch das Zwöl­fer-Gre­mi­um geübt hat. Der Gut­ach­ter hat selbst dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler nicht über die erfor­der­li­che Sach­kun­de für die Beur­tei­lung jugend­ge­fähr­den­der Wir­kun­gen ver­fügt.

Der Ein­wand, das Zwöl­fer-Gre­mi­um habe sei­ne Ein­schät­zung nicht auf­grund einer aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Reiz­schwel­le für Min­der­jäh­ri­ge getrof­fen, ist nicht plau­si­bel. Das Vor­brin­gen lässt nicht ansatz­wei­se erken­nen, wie eine sol­che Reiz­schwel­le abwei­chend von den Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums beschaf­fen sein könn­te. Die Behaup­tung, Min­der­jäh­ri­ge sei­en heut­zu­ta­ge unemp­fäng­lich für Dar­stel­lun­gen von Kri­mi­na­li­tät und hem­mungs­lo­ser Gewalt sowie für per­ma­nen­te Demü­ti­gun­gen und Belei­di­gun­gen ande­rer in einer vul­gä­ren Spra­che, ist als blo­ßes Gegen­vor­brin­gen nicht geeig­net, die dazu in Wider­spruch ste­hen­den Fest­stel­lun­gen und Wer­tun­gen des Zwöl­fer-Gre­mi­ums in Fra­ge zu stel­len.

Bei den Titeln des Albums „B…“ han­delt es sich um Kunst der Gat­tung Rap­mu­sik im Sin­ne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG. Für die Gewich­tung des abwä­gungs­re­le­van­ten künst­le­ri­schen Gehalts kann das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt neben den Grün­den des Indi­zie­rungs­be­scheids vom 09.04.2015 auch das Gut­ach­ten von Prof. Dr. H. vom 10.01.2016 und die Nie­der­schrift eines Gesprächs des Rap­pers mit dem Gut­ach­ter vom 08.01.2016 berück­sich­ti­gen. Der Rap­per hat bei­de Unter­la­gen im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren vor­ge­legt und damit zum Bestand­teil des Pro­zess­stof­fes gemacht. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat Gut­ach­ten und Nie­der­schrift aus­führ­lich gewür­digt. Die Betei­lig­ten haben inso­weit kei­ne Ver­fah­rens- oder Gegen­rü­gen erho­ben.

Das Zwöl­fer-Gre­mi­um hat ange­nom­men, das Album stel­le Unter­hal­tung ohne gestei­ger­ten Kunst­ge­halt dar. Die­se sach­kun­di­ge Beur­tei­lung ist der Gewich­tung des Belangs Kunst zugrun­de zu legen, weil sie der Rap­per nicht nach den Regeln des Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses zu erschüt­tern ver­mocht hat. Das vor­ge­leg­te Gut­ach­ten ist in Bezug auf die Ein­schät­zung, das Album beru­he auf dem künst­le­ri­schen Kon­zept, einen in einer fik­tio­na­len Kunst­welt agie­ren­den unan­tast­ba­ren Gangs­ter­boss zu schaf­fen, nicht schlüs­sig. Die­se Betrach­tungs­wei­se deckt sich nicht mit den Anga­ben des Rap­pers in dem Gespräch mit dem Gut­ach­ter. Die­se las­sen dar­auf schlie­ßen, dass der Rap­per mit dem Album „B…“ kei­ne über Unter­hal­tung hin­aus­ge­hen­de künst­le­ri­sche Wir­kungs­ab­sicht ver­folgt hat. Der Rap­per hat auf meh­re­re Nach­fra­gen des Gut­ach­ters zu einem künst­le­ri­schen Kon­zept oder einer Aus­gangs­idee aus­ge­führt, er habe zu Beginn von Stu­dio­auf­nah­men kei­ne Vor­stel­lun­gen über den Inhalt sei­ner Rap­mu­sik. Musik und Tex­te ent­stün­den völ­lig spon­tan wäh­rend der Auf­nah­men. Er kön­ne vor­ab nicht sagen, wel­che Art und Rich­tung die Tex­te haben wür­den. Hin­wei­se auf eine beab­sich­tig­te künst­le­ri­sche Wir­kungs­wei­se, etwa durch die Aus­drucks­form der durch­ge­hend vul­gär-belei­di­gen­den Spra­che, las­sen sich auch dem wei­te­ren Gespräch nicht ent­neh­men.

Es sind auch kei­ne Anhalts­punk­te dafür zu erken­nen, dass der Rap­per durch die Ver­wen­dung die­ser Spra­che beab­sich­tigt hat, die Demü­ti­gung und Her­ab­wür­di­gung von Frau­en und Homo­se­xu­el­len als Stil­mit­tel in ein Kon­zept „Insze­nie­rung des Gangs­ter­bos­ses B…“ ein­zu­bet­ten. Dass die­ser Spra­che Bedeu­tung für des­sen über­spitz­te Dar­stel­lung zuge­dacht sein könn­te, erschließt sich weder aus der Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te durch den Gut­ach­ter noch durch die Anga­ben des Rap­pers in dem Gespräch mit die­sem.

Die Ein­schät­zung des Gut­ach­ters, die Spra­che des Albums sei den Song­tex­ten vie­ler Pop- und Rock­grup­pen an Ori­gi­na­li­tät, spie­le­ri­schem Drang und Sprachmäch­tig­keit weit über­le­gen, ist in die­ser Pau­scha­li­tät nicht nach­voll­zieh­bar. Der Gut­ach­ter schreibt den Tex­ten zwar eine Fül­le an ori­gi­nel­len Wen­dun­gen, ver­blüf­fen­den Über­trei­bungs­for­meln, spie­le­ri­schen Wort­ver­wen­dun­gen und Wort­neu­schöp­fun­gen zu. Aller­dings belässt er es dabei, die­sen Ein­druck zu benen­nen. Es fehlt jeg­li­che Kon­kre­ti­sie­rung anhand kon­kre­ter Tex­te des Albums. Dem­entspre­chend geht der Gut­ach­ter auch nicht dar­auf ein, wel­che Bedeu­tung der die Tex­te durch­zie­hen­den vul­gär-belei­di­gen­den Spra­che für deren Wir­kungs­wei­se zukommt. Auch den von ihm ange­leg­ten Ver­gleichs­maß­stab „Song­tex­te vie­ler Pop- und Rock­grup­pen“ erläu­tert der Gut­ach­ter nicht.

Bei der gebo­te­nen Abwä­gung der wider­strei­ten­den Belan­ge kommt dem Jugend­schutz Vor­rang zu. Die jugend­ge­fähr­den­den Ein­flüs­se des Albums wie­gen schwer. Dies folgt vor allem dar­aus, dass die Tex­te mit Aus­nah­me des Titels Nr. 15 durch­ge­hend und ohne jede Distan­zie­rung die Bot­schaft ver­mit­teln, dass Rück­sichts­lo­sig­keit und voll­kom­men feh­len­de Empa­thie gegen­über Schwä­che­ren vor­zugs­wür­dig sind. Es wird sug­ge­riert, dass ein Lebens­stil zu Reich­tum führt und gegen­über Straf­ver­fol­gung unan­tast­bar macht, der ohne jede Ein­schrän­kung auf das „Recht des Stär­ke­ren“ setzt. Zu die­sem Zweck wer­den schwe­re Kri­mi­na­li­tät wie etwa Dro­gen­han­del in Schu­len oder Zwangs­pro­sti­tu­ti­on und bru­ta­le Gewalt­tä­tig­keit aus belie­bi­gen Anläs­sen völ­lig unkri­tisch dar­ge­stellt, Frau­en und Homo­se­xu­el­le durch­ge­hend belei­digt und ver­ächt­lich gemacht. Ande­re Dar­stel­lun­gen die­ser Per­so­nen­grup­pen kom­men nicht vor.

Es liegt nahe, dass die­se Ansamm­lung sozi­al-ethisch des­ori­en­tie­ren­der Bot­schaf­ten einen ver­hee­ren­den Ein­fluss auf hier­für emp­fäng­li­che Min­der­jäh­ri­ge aus dem beschrie­be­nen sozia­len Umfeld haben kann, zumal „B…“ erkenn­bar als alter ego des Rap­pers auf­tritt. Dem­ge­gen­über las­sen sich dem Vor­brin­gen des Rap­pers kei­ne Hin­wei­se dar­auf ent­neh­men, dass er mit den Dar­stel­lun­gen des Lebens­wan­dels von „B…“ und der vul­gär-belei­di­gen­den Spra­che ein über Unter­hal­tung hin­aus­ge­hen­des künst­le­ri­sches Kon­zept ver­folgt.

Unbe­acht­lich ist der Ein­wand des Rap­pers, das Gewicht des Jugend­schut­zes sei stark gemin­dert, weil das Indi­zie­rungs­ver­fah­ren erst unge­fähr zehn Mona­te nach der Ver­öf­fent­li­chung des Albums und dem Ver­kauf von mehr als 100 000 CDs ein­ge­lei­tet wor­den sei. Aus Wort­laut und Zweck des § 18 Abs. 1 JuSchG folgt, dass die Eig­nung eines Trä­ger­me­di­ums zur Jugend­ge­fähr­dung aus­schließ­lich auf­grund der Inhal­te, Aus­sa­gen und Wir­kun­gen sei­ner Inhal­te zu beur­tei­len ist. Sie wird durch den lan­gen Zeit­raum zwi­schen Ver­öf­fent­li­chung und Indi­zie­rung nicht in Fra­ge gestellt. Der Umfang der Ver­brei­tung des Medi­ums bis zur Indi­zie­rung kann nicht dazu füh­ren, dass die wei­te­re Ver­brei­tung trotz des jugend­ge­fähr­den­den Ein­flus­ses hin­ge­nom­men wer­den muss.

Schließ­lich recht­fer­tigt die Auf­nah­me des Albums in der Fach­pres­se nicht, zum Schutz des Wirk­be­reichs der Kunst von der Indi­zie­rung abzu­se­hen. Die weni­gen Bespre­chun­gen bie­ten ein unein­heit­li­ches Bild. Eini­gen ver­hal­ten posi­ti­ven Bewer­tun­gen steht die ver­nich­ten­de Bewer­tung in der Süd­deut­schen Zei­tung vom 20.02.2014 gegen­über. Das sons­ti­ge künst­le­ri­sche Schaf­fen des Rap­pers und sein Bekannt­heits­grad sind für die Abwä­gung ohne Bedeu­tung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. Okto­ber 2019 – 6 C 18.18

  1. VG Köln, Urteil vom 02.09.2016 – 19 K 3287/​15[]
  2. OVG NRW, Urteil vom 16.05.2018 – 19 A 2001/​16[]
  3. BGBl. I S. 2730[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 23.06.1981 – 2 BvR 1107/​77, 1124/​77 und 195/​79, BVerfGE 58, 1, 40; Schen­ke, in: Bon­ner Kom­men­tar, Grund­ge­setz, Stand Sep­tem­ber 2019, Art.19 Abs. 4, Dritt­be­ar­bei­tung Rn. 24; Jarass, in: Jarass/​Pieroth, Grund­ge­setz, 15. Aufl.2018, Art.19 Rn. 32[]
  5. stRspr; vgl. BVerfG, Beschluss vom 13.06.1979 – 1 BvR 699/​77, BVerfGE 51, 268, 284, Urteil vom 20.02.2001 – 2 BvR 1444/​00, BVerfGE 103, 142, 156 f., Beschluss vom 31.05.2011 – 1 BvR 857/​07, BVerfGE 129, 1, 20 ff.; BVerwG, Urtei­le vom 24.11.2010 – 6 C 16.09, BVerw­GE 138, 186 Rn. 42; und vom 17.08.2016 – 6 C 50.15 [ECLI:DE:BVerwG:2016:170816U6C50.15.0], BVerw­GE 156, 75 Rn. 32[]
  6. stRspr; vgl. BVerwG, Urtei­le vom 14.10.2015 – 6 C 17.14 [ECLI:DE:BVerwG:2015:141015U6C17.14.0], BVerw­GE 153, 129 Rn. 33; und vom 17.08.2016 – 6 C 50.15, BVerw­GE 156, 75 Rn. 24[]
  7. stRspr; vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 17.04.1991 – 1 BvR 419/​81 und 213/​83, BVerfGE 84, 34, 49 f.; und vom 31.05.2011 – 1 BvR 857/​07, BVerfGE 129, 1, 22 ff.; BVerwG, Urteil vom 17.08.2016 – 6 C 50.15, BVerw­GE 156, 75 Rn. 32[]
  8. stRspr; vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 17.04.1991 – 1 BvR 419/​81, 1 BvR 213/​83, BVerfGE 84, 34, 49 f.; und vom 31.05.2011 – 1 BvR 857/​07, BVerfGE 129, 1, 22 f.[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 138 ff. „Jose­fi­ne Mut­zen­ba­cher“[]
  10. BVerwG, Urtei­le vom 26.11.1992 – 7 C 20.92, BVerw­GE 91, 211, 215 ff.; und vom 28.08.1996 – 6 C 15.94, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr.20 S. 2 ff.[]
  11. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 24.11.2010 – 6 C 16.09, BVerw­GE 138, 186 Rn. 42; und vom 14.10.2015 – 6 C 17.14, BVerw­GE 153, 129 Rn. 37[]
  12. vgl. BVerwG, Urteil vom 18.02.1998 – 6 C 9.97, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr. 21 S. 10 f.[]
  13. Schul­ze, in: Dreier/​Schulze, Urhe­ber­rechts­ge­setz, 6. Aufl.2018, § 10 Rn. 10 f.[]
  14. BVerwG, Urteil vom 18.02.1998 – 6 C 9.97, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr. 21 S. 10 f.[]
  15. BVerwG, Urteil vom 18.02.1998 – 6 C 9.97, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr. 21[]
  16. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10.09.2007 – 1 BvR 1584/​07, NVwZ-RR 2008, 29, 30; Liesching/​Schuster, Jugend­schutz­recht, 5. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 14[]
  17. stRspr; vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 23.03.1971 – 1 BvL 25/​61 und 3/​62, BVerfGE 30, 336, 347 f.; vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 140 f.; und vom 11.01.1994 – 1 BvR 434/​87, BVerfGE 90, 1, 19; Kam­mer­be­schluss vom 10.09.2007 – 1 BvR 1584/​07, NVwZ-RR 2008, 29, 30; BVerwG, Urtei­le vom 16.12 1971 – 1 C 31.68, BVerw­GE 39, 197, 205; vom 03.03.1987 – 1 C 16.86, BVerw­GE 77, 75, 82; und vom 31.05.2017 – 6 C 10.15 [ECLI:DE:BVerwG:2017:310517U6C10.15.0], BVerw­GE 159, 49 Rn. 38; zum Gan­zen Liesching/​Schuster, Jugend­schutz­recht, 5. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 6 ff.; Roll, in: Nikles u.a., Jugend­schutz­recht, 3. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 4[]
  18. stRspr; vgl. BVerwG, Urtei­le vom 16.12 1971 – 1 C 31.68, BVerw­GE 39, 197, 205; und vom 31.05.2017 – 6 C 10.15, BVerw­GE 159, 49 Rn. 40; Liesching/​Schuster, Jugend­schutz­recht, 5. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 17 ff.; Roll, in: Nikles u.a., Jugend­schutz­recht, 3. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 4[]
  19. Liesching/​Schuster, Jugend­schutz­recht, 5. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 33 ff.; Roll, in: Nikles u.a., Jugend­schutz­recht, 3. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 5[]
  20. Liesching/​Schuster, Jugend­schutz­recht, 5. Aufl.2011, § 18 JuSchG Rn. 33 ff.[]
  21. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10.09.2007 – 1 BvR 1584/​07, NVwZ-RR 2008, 29, 30[]
  22. BVerfG, Beschlüs­se vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 138; vom 13.06.2007 – 1 BvR 1783/​05, BVerfGE 119, 1, 23 und Urteil vom 31.05.2016 – 1 BvR 1585/​13, BVerfGE 142, 74 Rn. 90[]
  23. vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.02.1971 – 1 BvR 435/​68, BVerfGE 30, 173, 191[]
  24. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 139 f.[]
  25. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 143; BVerwG, Urtei­le vom 26.11.1992 – 7 C 20.92, BVerw­GE 91, 211, 215 f.; vom 28.08.1996 – 6 C 15.94, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr.20 S. 4 f.; und vom 18.02.1998 – 6 C 9.97, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr. 21 S. 11[]
  26. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 28.01.2019 – 1 BvR 1738/​16NJW 2019, 1277 Rn.19[]
  27. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 147 f.; BVerwG, Urteil vom 28.08.1996 – 6 C 15.94, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr.20 S. 4 f.[]
  28. stRspr; vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.03.1971 – 1 BvR 52, 665, 667, 754/​66, BVerfGE 30, 292, 316; Urteil vom 16.03.2004 – 1 BvR 1778/​01, BVerfGE 110, 141, 157 f.[]
  29. stRspr; vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.03.1971 – 1 BvR 52, 665, 667, 754/​66, BVerfGE 30, 292, 316; Urteil vom 16.03.2004 – 1 BvR 1778/​01, BVerfGE 110, 141, 164; BVerwG, Urteil vom 25.10.2017 – 6 C 44.16 [ECLI:DE:BVerwG:2017:251017U6C44.16.0], BVerw­GE 160, 157 Rn. 26[]
  30. BVerfG, Beschluss vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 140 f.[]
  31. Liesching/​Schuster, Jugend­schutz­recht, 5. Aufl.2011, § 4 JMStV Rn. 64 m.w.N.[]
  32. BVerwG, Urtei­le vom 26.11.1992 – 7 C 20.92, BVerw­GE 91, 211, 216; vom 28.08.1996 – 6 C 15.94, Buch­holz 436.52 § 1 GjS Nr.20 S. 2; und vom 31.05.2017 – 6 C 10.15, BVerw­GE 159, 49 Rn. 35, für die Kom­mis­si­on für Jugend­me­di­en­schutz bei den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten[][]
  33. stRspr; vgl. BVerwG, Urtei­le vom 19.12 1968 – 8 C 29.67, BVerw­GE 31, 149, 156; vom 06.02.1985 – 8 C 15.84, BVerw­GE 71, 38, 45; und vom 23.05.1989 – 7 C 2.87, BVerw­GE 82, 76, 90; Beschluss vom 29.05.2009 – 2 B 3.09, Buch­holz 235.1 § 58 BDG Nr. 5 Rn. 7[]
  34. BVerwG, Urtei­le vom 15.12 1983 – 5 C 26.83, BVerw­GE 68, 290, 296 f.; und vom 08.03.1984 – 6 C 6.83 16; vgl. Eichberger/​Buchheister, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Band II, Stand Febru­ar 2019, § 137 Rn. 137 ff.[]