Umgang mit dem mut­maß­li­chen Sohn

Wie­der ein­mal eine Zurecht­wei­sung vom Euro­päis­hen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te für die deut­schen Gerich­te (ein­schließ­lich des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts): Deut­sche Gerich­te müs­sen bei einer Ent­schei­dung über das Umgangs­recht eines Vaters mit sei­nem mut­maß­li­chen Sohn auch das Kin­des­wohl­in­ter­es­se berück­sich­ti­gen und dür­fen den Umgangs­an­spruch des leib­li­chen (aber nicht recht­li­chen) Vaters nicht pau­schal ableh­nen. In sei­nem heu­te ver­kün­de­ten Kam­mer­ur­teil im Ver­fah­ren Schnei­der gegen Deutsch­land stell­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ein­stim­mig fest, dass anders­lau­ten­de Ent­schei­dun­gen deut­scher Gerich­te das in Arti­kel 8 EMRK geschütz­te Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens ver­let­zen.

Umgang mit dem mut­maß­li­chen Sohn

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

Der jetzt vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ent­schie­de­ne Fall betraf die Wei­ge­rung der deut­schen Gerich­te, dem Beschwer­de­füh­rer Umgang mit sei­nem mut­maß­li­chen leib­li­chen Sohn zu gewäh­ren, des­sen recht­li­cher Vater der Ehe­mann der Kin­des­mut­ter ist:

Der Beschwer­de­füh­rer, Micha­el Schnei­der, ist deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, 1958 gebo­ren, und lebt in Ful­da. Zwi­schen Mai 2002 und Sep­tem­ber 2003 hat­te er eine Bezie­hung mit einer ver­hei­ra­te­ten Frau, Frau H., und behaup­tet, der leib­li­che Vater ihres 2004 gebo­re­nen Soh­nes F. zu sein, des­sen recht­li­cher Vater der Ehe­mann der Frau ist.

Herr und Frau H. leben inzwi­schen mit F. sowie einer älte­ren Toch­ter und einem wei­te­ren, 2007 gebo­re­nen, Kind im Ver­ei­nig­ten König­reich. Das Ehe­paar ver­tritt die Auf­fas­sung, dass Herr Schnei­der, eben­so aber Herr H., der leib­li­che Vater von F. sein könn­te, und zieht es im Inter­es­se des fami­liä­ren Zusam­men­le­bens vor, die Vater­schaft nicht fest­stel­len zu las­sen.

Wäh­rend der Schwan­ger­schaft von Frau H. beglei­te­te Herr Schnei­der sie zu min­des­tens zwei ärzt­li­chen Unter­su­chun­gen und erkann­te beim Jugend­amt die Vater­schaft des unge­bo­re­nen Kin­des an. Nach F.’s Geburt, im August 2004, stell­te Herr Schnei­der beim Amts­ge­richt-Fami­li­en­ge­richt Ful­da einen Antrag auf Umgang zwei­mal im Monat und auf regel­mä­ßi­ge Aus­kunft über die per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se des Jun­gen. Das Amts­ge­richt Ful­da wies den Antrag im Okto­ber 2005 ab und befand, dass er, selbst unter der Annah­me, er sei der bio­lo­gi­sche Vater, zu kei­ner der Per­so­nen­grup­pen gehö­re, die nach dem BGB umgangs­be­rech­tigt sind: er sei nicht der recht­li­che Vater des Kin­des; sei­ne Vater­schafts­an­er­ken­nung sei nicht rechts­kräf­tig, da Herrn H.’s Vater­schaft fort­be­stehe; er habe nicht das Recht, Herrn H.’s Vater­schaft anzu­fech­ten, da zwi­schen letz­te­rem und dem Kind eine sozi­al-fami­liä­re Bin­dung bestehe; schließ­lich sei Herr Schnei­der kei­ne enge Bezugs­per­son des Kin­des, da er nie mit ihm zusam­men­ge­lebt habe.

Im Beru­fungs­ver­fah­ren bestä­tig­te das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main das Urteil des Amts­ge­richts. Im Sep­tem­ber 2006 nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de Herrn Schnei­ders nicht zur Ent­schei­dung an [1]. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt befand, die Beschwer­de sei unzu­läs­sig, soweit sie sich gegen die Nicht­fest­stel­lung sei­ner Vater­schaft durch die Fami­li­en­ge­rich­te rich­te­te, da er sein Begeh­ren auf Kennt­nis der Abstam­mung zuvor in einer geson­der­ten Anfech­tungs­kla­ge hät­te gel­tend machen müs­sen. Soweit sei­ne Beschwer­de sich gegen die Zurück­wei­sung von Umgangs- und Aus­kunfts­an­sprü­chen rich­te, sei sie unbe­grün­det, da das Grund­ge­setz die Bezie­hung des leib­li­chen, aber nicht recht­li­chen Vaters zu sei­nem Kind nur schüt­ze, wenn zwi­schen ihm und dem Kind eine sozi­al-fami­liä­re Bin­dung bestehe, die dar­auf beru­he, dass er zumin­dest eine Zeit lang tat­säch­lich Ver­ant­wor­tung für das Kind getra­gen habe.

Die Beschwer­de zum EGMR[↑]

Unter Beru­fung ins­be­son­de­re auf Arti­kel 8 EMRK rüg­te Herr Schnei­der die Wei­ge­rung der deut­schen Gerich­te, ihm Umgang mit sei­nem mut­maß­li­chen Sohn und Recht auf Aus­kunft zu gewäh­ren. Wei­ter beschwer­te er sich, dass die Gerich­te den maß­geb­li­chen Sach­ver­halt im Hin­blick auf die Bezie­hung zu sei­nem Sohn nicht aus­rei­chend auf­ge­klärt hät­ten, dass sie ins­be­son­de­re kei­ne Klä­rung der Vater­schaft ange­ord­net und nicht geprüft hät­ten, ob sein Umgangs­recht im Inter­es­se des Kin­des­wohls läge. Unter Beru­fung auf Arti­kel 8 EMRK in Ver­bin­dung mit dem Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Arti­kel 14 EMRK rüg­te er außer­dem, dass er durch die Ent­schei­dun­gen der deut­schen Gerich­te dis­kri­mi­niert wor­den sei.

In sei­nem heu­te ver­kün­de­ten Kam­mer­ur­teil bestäig­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, dass Herr Schnei­der in sei­nem in Art. 8 EMRK geschütz­tem Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens ver­letzt ist:

Arti­kel 8 EMRK[↑]

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te befand, dass die Ent­schei­dun­gen der deut­schen Gerich­te, Herrn Schnei­der Umgang mit sei­nem mut­maß­li­chen Sohn F. und Aus­kunft über des­sen per­sön­li­che Ver­hält­nis­se zu ver­weh­ren, einen Ein­griff in sei­ne Rech­te aus Arti­kel 8 EMRK dar­stell­ten. Da sei­ne bio­lo­gi­sche Vater­schaft nicht nach­ge­wie­sen war und nie eine enge per­sön­li­che Bin­dung zwi­schen ihm und dem Kind bestan­den hat­te, gab es zwar kein bestehen­des „Fami­li­en­le­ben“. Die­ser Umstand war Herrn Schnei­der aber nicht anzu­las­ten. In Anwen­dung der maß­geb­li­chen Bestim­mun­gen des BGB hat­ten die deut­schen Gerich­te sei­ne Vater­schafts­an­er­ken­nung für nicht wirk­sam erklärt, da Herrn H.’s Vater­schaft gel­te. Eine geson­der­te Anfech­tungs­kla­ge gemäß § 1600 Abs. 1 Nr. 2 BGB – die Herr Schnei­der nach Auf­fas­sung der deut­schen Regie­rung hät­te anstren­gen kön­nen – wäre auf Grund­la­ge des gel­ten­den Rechts zum Schei­tern ver­ur­teilt gewe­sen.

Über­dies hät­te ein sol­ches Ver­fah­ren dar­auf abge­zielt, als recht­li­cher Vater aner­kannt zu wer­den, ein weit­rei­chen­de­res Ziel als die Absicht Herrn Schnei­ders, sei­ne bio­lo­gi­sche Vater­schaft für die Aus­übung eines Umgangs­rechts mit dem Kind fest­stel­len zu las­sen. Auch wenn Herr Schnei­der und Frau H. nicht zusam­men­ge­lebt hat­ten, war unbe­strit­ten, dass ihre ein Jahr und vier Mona­te dau­ern­de Bezie­hung nicht bloß zufäl­lig gewe­sen war.

Herr Schnei­der hat­te sein Inter­es­se an F. hin­läng­lich deut­lich gemacht, indem er das Kind gemein­sam mit Frau H. plan­te, sie zu ärzt­li­chen Unter­su­chun­gen beglei­te­te und die Vater­schaft noch vor der Geburt aner­kann­te. Der Gerichts­hof schloss folg­lich nicht aus, dass Herrn Schnei­ders Absicht, eine Bezie­hung zu dem Kind auf­zu­bau­en, in den Gel­tungs­be­reich des „Fami­li­en­le­bens“ gemäß Arti­kel 8 fiel. Selbst wenn die Fra­ge, ob Herr Schnei­der ein Umgangs- und Aus­kunfts­recht bean­spru­chen konn­te, nicht als „Fami­li­en­le­ben“ gel­ten konn­te, so betraf sie aber in jedem Fall einen wich­ti­gen Teil sei­ner Iden­ti­tät und folg­lich sein „Pri­vat­le­ben“ im Sin­ne von Arti­kel 8.

Im Hin­blick auf die Fra­ge, ob der Ein­griff in Herrn Schnei­ders Rech­te gerecht­fer­tigt war, nahm der Gerichts­hof zur Kennt­nis, dass die Ent­schei­dun­gen der deut­schen Gerich­te mit den maß­geb­li­chen Bestim­mun­gen des deut­schen BGB in Ein­klang stan­den. Wei­ter ziel­ten sie dar­auf ab, die Inter­es­sen des Ehe­paa­res sowie der wäh­rend der Ehe gebo­re­nen Kin­der, die bei ihm leb­ten, zu schüt­zen.

Die deut­schen Gerich­te hat­ten Herrn Schnei­der Umgang mit sei­nem mut­maß­li­chen Sohn und Aus­kunft über des­sen per­sön­li­che Ver­hält­nis­se aber ver­wehrt, ohne zu unter­su­chen, ob ein sol­ches Umgangs- und Aus­kunfts­recht unter den beson­de­ren Umstän­den des Falls im Kin­des­wohl­in­ter­es­se läge oder ob die Inter­es­sen Herrn Schnei­ders als den­je­ni­gen der recht­li­chen Eltern über­ge­ord­net ange­se­hen wer­den müss­ten. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te bezog sich auf einen ähn­li­chen Fall (Anayo gegen Deutsch­land), der die Wei­ge­rung der deut­schen Gerich­te betraf, einem Vater Umgang mit sei­nen Kin­dern zu gewäh­ren, die bei ihrer Mut­ter und deren Ehe­mann leb­ten, ohne dabei zu berück­sich­ti­gen, ob Kon­tak­te zwi­schen dem Beschwer­de­füh­rer und sei­nen Kin­dern in deren Inter­es­se läge [2]. In die­sem Fall war der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zu dem Schluss gekom­men, dass die deut­schen Gerich­te kei­ne gerech­te Abwä­gung der kon­kur­rie­ren­den Inter­es­sen vor­ge­nom­men hat­ten. In Herrn Schnei­ders Fall war zwar nicht nach­ge­wie­sen, ob er tat­säch­lich der bio­lo­gi­sche Vater des frag­li­chen Kin­des ist, die­ser Unter­schied war für die Ent­schei­dun­gen der Gerich­te aber uner­heb­lich. Sie waren für ihre Erwä­gun­gen von sei­ner Vater­schaft aus­ge­gan­gen und hat­ten sei­nen Antrag abge­lehnt, weil er nicht der recht­li­che Vater des Kin­des war und kei­ne sozi­al-fami­liä­re Bin­dung mit ihm bestand.

In bei­den Fäl­len waren die Grün­de, war­um der (mut­maß­li­che) bio­lo­gi­sche Vater kei­ne Bezie­hung mit dem betrof­fe­nen Kind bzw. den Kin­dern auf­ge­baut hat­te, für die Schluss­fol­ge­run­gen der deut­schen Gerich­te uner­heb­lich gewe­sen. Folg­lich hat­ten sie dem Umstand, dass der jewei­li­ge Beschwer­de­füh­rer aus recht­li­chen und prak­ti­schen Grün­den nicht in der Lage war, die Bezie­hung zu den Kin­dern zu beein­flus­sen, kei­ner­lei Bedeu­tung bei­gemes­sen.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te unter­strich, dass es Auf­ga­be der natio­na­len Gerich­te ist – die mit allen Betei­lig­ten in direk­tem Kon­takt ste­hen – fest­zu­stel­len, ob Kon­tak­te zwi­schen einem bio­lo­gi­schen Vater und sei­nem Kind in des­sen Inter­es­se lie­gen oder nicht. Aller­dings war der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te nicht davon über­zeugt, dass das Inter­es­se von Kin­dern, die bei ihrem recht­li­chen Vater leben, aber einen ande­ren bio­lo­gi­schen Vater haben, tat­säch­lich mit Hil­fe einer all­ge­mei­nen recht­li­chen Ver­mu­tung ermit­telt wer­den kann. In Anbe­tracht der gro­ßen Viel­falt mög­li­cher­wei­se betrof­fe­ner Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen erfor­dert die gerech­te Abwä­gung der Rech­te aller Betei­lig­ten eine Unter­su­chung der beson­de­ren Umstän­de des Falls. In Herrn Schnei­ders Fall hat­ten die deut­schen Gerich­te kei­ne sol­che Unter­su­chung vor­ge­nom­men. Folg­lich lag eine Ver­let­zung von Arti­kel 8 EMRK vor.

Arti­kel 8, 14 EMRK[↑]

Im Hin­blick auf sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen unter Arti­kel 8 EMRK sah es der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te nicht als not­wen­dig an, dar­über zu befin­den, ob die Ent­schei­dun­gen der deut­schen Gerich­te Herrn Schnei­der unter Ver­stoß gegen Arti­kel 8 EMRK in Ver­bin­dung mit Arti­kel 14 EMRK dis­kri­mi­niert hat­ten.

Arti­kel 41 EMRK[↑]

Gemäß Arti­kel 41 EMRK (gerech­te Ent­schä­di­gung) ent­schied der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, dass Deutsch­land Herrn Schnei­der 5.000 € für den erlit­te­nen imma­te­ri­el­len Scha­den und 10.000 € für die ent­stan­de­nen Kos­ten zu zah­len hat.

Rechts­mit­tel[↑]

Nach Arti­kel 43 und 44 EMRK kann jede Par­tei inner­halb von drei Mona­ten nach Ver­kün­dung des Kam­mer­ur­teils die Ver­wei­sung der Rechts­sa­che an die Gro­ße Kam­mer bean­tra­gen. Liegt ein sol­cher Antrag vor, berät ein Aus­schuss von fünf Rich­tern, ob die Rechts­sa­che eine wei­te­re Unter­su­chung ver­dient. Ist das der Fall, ver­han­delt die Gro­ße Kam­mer die Rechts­sa­che und ent­schei­det durch ein end­gül­ti­ges Urteil. Lehnt der Aus­schuss den Antrag ab, wird das Kam­mer­ur­teil rechts­kräf­tig. Sobald ein Urteil rechts­kräf­tig ist, wird es dem Minis­ter­ko­mi­tee des Euro­pa­rats über­mit­telt, das die Umset­zung der Urtei­le über­wacht.

Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Kam­mer­ur­teil vom 15. Sep­tem­ber 2011 – Beschwer­de­num­mer 17080/​07 [Schnei­der gegen Deutsch­land]

  1. BVerfG – 1 BvR 1337/​06[]
  2. EGMR, Urteil vom 21.12.2010 – Beschwer­denr. 20578/​07 [Anayo gegen Deutsch­land][]