Unwirk­sa­me LKW-Maut

Die Maut­hö­he­ver­ord­nung ist in der vom 1. Juli 2003 bis zum 31. August 2007 maß­geb­li­chen Fas­sung nach Ansicht des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter unwirk­sam, da sie den Anfor­de­run­gen der Ermäch­ti­gungs­norm im Auto­bahn­maut­ge­setz nicht genügt.

Unwirk­sa­me LKW-Maut

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­ur­teilt, einem Fuhr­un­ter­neh­mer einen im Jahr 2005 gezahl­ten Maut­be­trag von 22,41 € zu erstat­ten. Der kla­gen­de Fuhr­un­ter­neh­mer ver­trat die Auf­fas­sung, nicht zur Zah­lung der Maut ver­pflich­tet gewe­sen zu sein, weil es an einer wirk­sa­men Rechts­grund­la­ge für die Maut­er­he­bung feh­le. Die Bun­des­re­gie­rung habe in der Maut­hö­hen­ver­ord­nung die Höhe der für jeden gefah­re­nen Kilo­me­ter zu zah­len­den Maut nicht sach­ge­recht gere­gelt. Er ver­lang­te die Erstat­tung des Maut­be­tra­ges.

Bereits im Jah­re 2009 war das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter mit dem Erstat­tungs­be­geh­ren des Klä­gers befasst. In dem sei­ner­zeits ergan­ge­nen Urteil hat­te es die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die seit dem 1. Janu­ar 2005 gel­ten­de Lkw-Maut recht­lich nicht zu bean­stan­den sei: Der Bun­des­re­gie­rung habe bei Erlass der Ver­ord­nung unter Berück­sich­ti­gung der gesetz­li­chen und euro­päi­schen Vor­ga­ben ein wei­tes Gestal­tungs­er­mes­sen zuge­stan­den. Davon sei auch die Ent­schei­dung getra­gen, die Maut­sät­ze in Bezug auf die Achs­zahl der maut­pflich­ti­gen Lkw ledig­lich in einem ver­gleichs­wei­se gerin­gen Maße zu dif­fe­ren­zie­ren (OVG NRW, Urtei­le vom 23.06.2009 – 9 A 2054/​07 und 9 A 3082/​08)).

Auf die Revi­si­on des Klä­gers hat­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 1 das Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Sache zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung zurück­ver­wie­sen: Nach § 3 des Auto­bahn­maut­ge­set­zes, ent­schied das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, sei die Höhe der Maut pro Kilo­me­ter unter ande­rem unter sach­ge­rech­ter Berück­sich­ti­gung der Anzahl der Ach­sen der maut­pflich­ti­gen Lkw fest­zu­set­zen. Ob dies durch die Maut­hö­he­ver­ord­nung gesche­hen sei, las­se sich auf­grund der vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht abschlie­ßend beur­tei­len. Hin­sicht­lich der sog. kapa­zi­täts­ab­hän­gi­gen Kos­ten, die ca. 44 % der vom maut­pflich­ti­gen Ver­kehr ver­ur­sach­ten Auto­bahn­kos­ten aus­ma­chen, hät­te das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fest­stel­len müs­sen, ob und in wel­chem Umfang ein Zusam­men­hang mit der Anzahl der Ach­sen der maut­pflich­ti­gen Lkw bestehe. Gege­be­nen­falls sei auch zu prü­fen, ob eine sach­ge­rech­te Anlas­tung der Kapa­zi­täts­kos­ten eine ver­än­der­te Auf­tei­lung der maut­pflich­ti­gen Fahr­zeu­ge in Achs­klas­sen erfor­de­re.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat in die­sem zurück­ver­wie­se­nen Ver­fah­ren ergän­zen­de Stel­lung­nah­men der Gut­ach­ter ein­ge­holt, auf deren im Jahr 2002 vor Ein­füh­rung der LKW-Maut erstell­tes "Wege­kos­ten­gut­ach­ten" sich die Bun­des­re­gie­rung bei der Fest­set­zung der Maut­hö­he­ver­ord­nung gestützt hat­te, und die­se in der zwei­tä­gi­gen münd­li­chen Ver­hand­lung ergän­zend befragt – und ent­schied dann gegen eine wirk­sa­me Fest­set­zung der LKW-Maut:

Nach nun­meh­ri­ger Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts sei die Maut­hö­he­ver­ord­nung unwirk­sam, da sie in der hier maß­geb­li­chen Fas­sung den Anfor­de­run­gen der Ermäch­ti­gungs­norm im Auto­bahn­maut­ge­setz nicht genü­ge. Die Maut­hö­he­ver­ord­nung sehe unter­schied­li­che Maut­sät­ze für die maut­pflich­ti­gen Lkw ab 12 t zuläs­si­gem Gesamt­ge­wicht vor. Die­se hin­gen einer­seits von der Emis­si­ons­klas­se, der die Fahr­zeu­ge ange­hö­ren, und ande­rer­seits von der Anzahl der Ach­sen ab. Den nach dem Revi­si­ons­ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zugrun­de zu legen­den Anfor­de­run­gen an eine sach­ge­rech­te Zuord­nung von umla­ge­fä­hi­gen Wege­kos­ten zu bestimm­ten Grup­pen maut­pflich­ti­ger Fahr­zeu­ge tra­ge die Maut­hö­he­ver­ord­nung nicht hin­rei­chend Rech­nung. Weil es sich nach dem eige­nen Vor­trag der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik bei den maut­pflich­ti­gen Fahr­zeu­gen der Achs­klas­se 1 (bis drei Ach­sen) um Fahr­zeu­ge han­de­le, die im Hin­blick auf die kos­ten­re­le­van­ten Merk­ma­le (Gewicht und Flä­chen­be­darf) sehr unter­schied­lich sei­en, sei die von der Bun­des­re­gie­rung als Ver­ord­nungs­ge­be­rin vor­ge­ge­be­ne Bil­dung der zwei Achs­klas­sen (Lkw bis drei Ach­sen bzw. Lkw ab 4 Ach­sen) mit dem Ziel einer ver­ur­sa­chungs­ge­rech­ten Anlas­tung der Wege­kos­ten nicht zu ver­ein­ba­ren.

Die hier für das Jahr 2005 maß­geb­li­che Maut­hö­he­ver­ord­nung ist zwi­schen­zeit­lich außer Kraft getre­ten. Über die Gül­tig­keit der seit dem 19. Juli 2011 gel­ten­den Rege­lung zur Maut­hö­he im Bun­des­fern­stra­ßen­maut­ge­setz hat­te das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht zu ent­schei­den.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 25. Okto­ber 2012 – 9 A 2054/​07

  1. BVerwG, Urteil vom 04.08.2010 – 9 C.6.09[]